Literaturprojekt
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09. Januar 2024

 

Mann vom Meer

Von Volker Weidermann

Erschienen 2023 im Verlag Kiepenheuer & Witsch

 

Mein Auge war aufs hohe Meer gezogen; es schwoll empor, sich in sich selbst zu türmen, dann ließ es nach und schüttete die Wogen, des flachen Ufers Breite zu bestürmen.

 

Goethe ließ einst seinen berühmten Entrepreneur Faust auf einem Berggipfel sitzend, diese Sätze aussprechen. Die Szene spielt im vierten Akt des so umfassenden zweiten Teils der Tragödie. Doch Faust reagiert missmutig auf dieses Meeresschauspiel. Sie schleicht heran, an abertausend Enden, unfruchtbar selbst, Unfruchtbarkeit zu spenden; nun schwillt’s heran und wächst und rollt und überzieht der wüsten Strecke widerlich Gebiet, da herrscht Well‘ auf Welle kraftbegeistert, zieht sich zurück, und es ist nichts geleistet, was zur Verzweiflung mich beängstigen könnte! Zwecklose Kraft unbändiger Elemente!

Diese Kraft mit „überfliegendem Geist“ zu bändigen, wird Faust sich zur Aufgabe machen und am Ende wird dieser Ort sein Grab. Kein halbes Jahrhundert nach Goethes Tod kommt 1875 in Lübeck ein weiterer deutscher Dichterfürst zur Welt. Thomas Mann war Zeit seines Lebens im Vergleichsmodus mit dem Weimarer Adelsmann, der selbst aus bürgerlichen Verhältnissen heraus über diese hinaus wuchs und mit den Größten seiner Zeit verkehrte.
„Wir alle waren bestimmt, Weltkinder zu sein“, sagte einmal seine Tochter Monika Mann. Volker Weidermann machte eine Tauchfahrt in die Welt des  Meeres und erzählt uns dabei auch die Lebensgeschichte des „überfliegenden Geistes“ von Thomas Mann. Begleitet wird er von Thomas Manns jüngster Tochter Elisabeth, die wir alle in Breloers großartigem Filmroman „Die Manns“ als kommentierende Begleiterin kennen lernten. Das Meer als Symbol von Tod und Leben zugleich. Am Ende des Tauchgangs in die Meerwelt des „Da wo ich bin ist Deutschland Schriftstellers“  rieselt mariner Schnee herab und vereinigt das Schnee-Kapitel im Zauberberg mit dem Topos Meer.
Sand, Schnee und Meer werden zur Einheit.
Die Danakil-Wüste ist eine riesige Salzwüste an der Küste des roten Meeres. Der dort vom Wind aufgewirbelte Salzstaub geht auf die Reise bis zum Amazonasbecken, fällt dort herab und düngt den Boden derart mit Mineralstoffen, dass es nur so blüht. Die vielen Pflanzen im Amazonas verwandeln Kohlendioxid in Sauerstoffmengen, die ausreichen würden, die gesamte Menschheit 20 x mit genügend Sauerstoff zu versorgen. Aber der Sauerstoff verlässt den Amazonas nie. Die vielen Tiere dort verbrauchen ihn selbst. Es ist das Wasser im Boden, das in den großen Bäumen nach oben steigt, oben dann zu einem gewaltigen Fluss aus Wolken wird. Diese Wolken ziehen bis zu den Anden, krachen dort gegen die Gebirgswände, der Regen der so entsteht wäscht Mineralien aus dem Gestein, das ganze fließt ins Meer, dort warten Kieselalgen, die dank der Mineralien sich fortpflanzen können. Diese Kieselalgen sind der größte Sauerstofflieferant. Sie betreiben Photosynthese. Wenn die Kieselalgen sterben, sinken sie als mariner Schnee auf den Meeresboden. Sie schmelzen aber nicht, sondern sammeln sich in Jahrmillionen an, heben den Boden. Der Meeresspiegel sinkt und es entsteht eine Salzwüste, wie die Danakil-Wüste, dessen Salzstaub wieder zum Amazonbecken fliegt und so schließt sich der Kreislauf. Denn das Wasser, das unserem Leibe dient und schmeichlt, und dem wir uns sorglos anvertrauen, es ist unser Element. Wir alle kommen aus diesem Wasser, bestehen zu großen Teilen daraus, so könnte man sagen, das Meer fließt in uns und wenn wir austrocknen werden wir zur Wüste und düngen das nächste Meer.

Mit Volker Weidermann reisen wir nun von Brasilien nach Lübeck und über München in an die Riviera und von dort nach Kalifornien. In vielen Variationen erläutert uns der Autor, den wir vor allem als Literaturkritiker des literarischen Quartetts kennen (von 2015-19 moderierte er die beliebte Literatursendung), den Meeresblick von Thomas Mann. Die Meeresstationen verwebt Weidermann geschickt mit Zitaten aus den Romanen von Thomas Mann, aber auch aus den Tagebüchern. Dabei steht das Verhältnis zu seiner jüngsten Tochter Elisabeth im Fokus der Betrachtung. Zu keinem seiner sechs Kinder hatte Thomas Mann ein so inniges Verhältnis, wie zu seinem Jüngsten. Das Meer kam von der Villa Boa Vista nach Lübeck und verdunkelte sich an der Ostsee. Erst in den USA wurde es für Thomas Mann wieder richtig hell.
Der Horizont, und dahinter wieder der Horizont. Bis zuletzt Land in Sicht ist, und dann ist der Horizont verschwunden. Du kannst ihn dann aber wieder sehen, wenn du dich herumdrehst.
Salzgeschmack, Tang, Muscheln, milde Winde, Welle auf Welle, sanft brausendes Getöse, eine Strömung führt uns zum Meer.

Volker Weidermann gab uns eine plausible Darstellung der stillen Hauptfigur im Werk von Thomas Mann. Derzeit moderiert der gebürtige Darmstädter Weidermann zusammen mit dem ehemaligen Tennisprofi und der studierten Politikwissenschaftlerin Andrea Petkovic für Zeit online den Seitenwechsel, ein Live-Talk über Literaturen.

Thomas Mann wird im nächsten Jahr 150 Jahre alt und man kann davon ausgehen, dass sich die Kulturindustrie schon etwas einschießt auf dieses Jubiläum. Weidermann machte den Anfang und zeigte uns in diesem literarischen und thematischen Portrait, dass noch immer nicht alles über Thomas Mann gesagt und geschrieben wurde. Vor allem wäre hier sein monumentales Spätwerk Joseph und seine Brüder zu nennen. Immer noch mein Lieblingswerk von Thomas Mann. Es schildert den Fall und Aufstieg des biblischen Joseph zum ägyptischen Pharao und gilt als endgültiges Bekenntnis Thomas Manns zur republikanischen Verfassung. Die Republik, die öffentliche Sache, das klingt auch nach der Offenheit des Meeres, seiner Weite und Endlosigkeit. Die Staatsform der Demokratie als Grundlage einer am Gemeinwohl orientierten republikanischen Verfassung ist offen, offen und weit. Ja, man könnte das Bild erweitern. Denn auch in der Demokratie sieht man den Horizont und dahinter den Horizont. Und wenn man sich umdreht wieder. Brisen und Stürme, Welle auf Welle, Strömungen, aber eben offen und frei wie das Meer. Wenn Thomas Mann 150 Jahre alt wird, werden wir das brauchen, mehr Meer.

 

 

Von Teufeln und Heiligen

Von Jean-Baptiste Andrea

Aus dem Französischen von Thomas Brovot
Erschienen im Jahr 2022 im Verlag btb

 

Vor 90 Jahren (1932) entdeckte ein französisch-amerikanisches Grabungsteam die Hauskirche von Dura Europos. Es ist die derzeit älteste, archäologisch nachgewiesene Kirche und entstand in der Zeit nach dem Tod Alexander des Großen, im Jahr 233 nach Christus. Ihre Lehmziegelreste ruhen in der römischen Provinz Koile Syrien, am Euphrat gelegen. Man fand dort viele Malereien, die heute in der Kunstgalerie der Yale-Universität hängen. Eines davon zeigt den Guten Hirten. Pastor Bonus ist eine der ältesten Bezeichnungen für Jesus Christus. Seine alttestamentarischen Vorbilder Abel, Abraham, Isaak und Jakob waren noch verantwortungsbewusste Führer ihres Volkes. Dann kam David, der erste Messias. Über ihn heißt es im Tanach, im Zwölfprophetenbuch: „Schlag den Hirten, dann werden sich die Schafe zerstreuen.“  Die Bedeutung dieses biblischen Satzes über den Mühlstein des Messias, wird uns klar in der Szene, als Joseph, der Ich-Erzähler des Romans seine wahre Sünde erkennt und Senac um Vergebung bittet. Vergebung wofür? Dass ich Sie gezwungen haben, mich zu bestrafen. Denn Sie sind ein guter Mensch. Meine Strafe ist auch Ihre Strafe, vor allem Ihre. Sie leiden noch mehr als ich, und das ist meine größte Sünde. (Seite 272)

Berühmt ist der Hirtenpsalm 23: Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen…ob ich schon wanderte im finsteren Tal...
Dieses finstere Tal liegt in dem Roman von Andrea in den Pyrenäen, nahe der spanischen Grenze und wird von der berühmten Mondscheinsonate von Beethoven begleitet, in cis-Moll, die der Komponist seiner jungen Klavierschülerin der Gräfin Julie (Giulietta) Guicciardi gewidmet haben soll. Im vorliegenden Roman heißt die kleine Julie Rose und ist gar keine Gräfin. Es ist die grausamste Tat des Pfarrer Senac, dass er der armen, lungenkranken Rose erzählte, dass Joseph sie verraten habe.
Joseph verliert seine Eltern bei einem Flugzeugabsturz und kommt in ein abgelegenes Waisenhaus. Für ein langes Jahr erlebt er dort die Hölle und findet zugleich Lebensfreunde. Andrea erzählt uns die fürsorgliche Brutalität der Aufseher, denen die Kinder in diesem Waisenhaus gnadenlos ausgeliefert sind. Das ist fürwahr keine neue Geschichte. Senac ist ein Gegenentwurf zu Dr. Larch, dem wahrhaft guten Hirten aus dem Roman Von Gottes Werk & Teufels Beitrag, den John Irving 1985 geschrieben hatte, die Geschichte des Waisenjungen Homer Wells, den es in das St. Cloud in Maine verschlägt. Der äthersüchtige Wilbur Larch ist kein biblisches Vorbild. Doch die Titelwahl von Andrea verweist uns nicht ganz zufällig auf Irvings sechsten Roman, der 1999 verfilmt wurde. Gerade die Schneemetaphorik durchzieht auch Irvings Roman. Die Kälte in einer Kinderwelt ohne Heimat. Diese Welt da draußen ist hart und hat ihre Regeln, das ist auch ein Thema in Irvings Roman.
Doch die Welt im Confinium, der Grenze zwischen Morgen- und Abendrot, des confinia mortis, ist ungleich brutaler, kälter und verstörender. Es ist dort still, es wird nur geflüstert und die Schreie sind so leise, dass niemand sie hört.

Andrea erzählt uns zusätzlich von Freundschaft. Die Wacht ist das Zentrum der Waisenkinder und ein selbst gebauter Radio der nur einen Sender empfängt wird
zum magischen Objekt.
Die Geschichte ist spannend erzählt und gruselig zugleich, aber auch – um eine abgedroschene Synästhesie zu gebrauchen – bittersüß. Durch den dramaturgischen Aufbau einer Novelle wird die alte Geschichte vom Waisenkind in einen musikalischen Bezug gebracht, sozusagen als Lebensmelodie verarbeitet.
Von Jane Eyre bis zu den Orphan Black zieht sich die Waisenkind-Thematik. Sogar der berühmte James Bond wuchs als Waisenkind in einem Internat auf. Oliver Twist, Tom Sawyer, Pipi Langstrumpf, Jim Knopf, Rob Cole (Figur des Medicus) ja selbst Bambi waren alles Waisen. Die Liste ist gar nicht so kurz. Und für die Waisenkinder war immer die öffentliche Hand verantwortlich. Sie waren Mündel fremder Herren. Die Kirche hat sich immer rührend ihrer angenommen. Und so ist es eine besondere Wendung, als herauskommt, dass auch Pfarrer Senac einst ein Waisenkind war. Der Vater von allen, der gute Hirte ist der abwesende Vater. Die Macht ihrer Stellvertreter auf Erden geht so tief, weil sie auch spirituell nachwirkt. Es ist viel schwerer, sich von etwas zu befreien, das so abstrakt ist, wie das spirituelle Erziehungskonzept der Kirche. Es ist nicht nur schlecht, sonst hätte sich diese Institution nicht so lange halten können. Sie brachten die größten Geister hervor, aber auch die größten Sünder.  Die Humanisten suchten dann nach einer unabhängigen, persönlichen Auslegung des Evangeliums und einer Bewahrung des Glaubens durch ein frommes, tugendhaftes Leben. Sie landeten vielfach auf dem Scheiterhaufen. Dass Joseph nicht zerbrach, lag an der Musik, an seinem – keineswegs zärtlichen – Urmentor Rothenberg und es lag an der Mondlandung bzw. am Orbit des Mondes, an Michael Collins. Die dunkle Seite des Mondes in diesem kirchlichen Waisenhaus, die Stille, die Gespenster, den Mond zu umkreisen, ihn nicht zu betreten, als das größere Abenteuer, diese Metapher hat mir sehr gut gefallen. Diese dann mit Beethovens Mondsonate zu verschränken und zum Leitmotiv zu machen, ist gekonnt.

Insgesamt ist der Roman von Andrea rund und man merkt dem Text an, dass sein Autor ein geübter Drehbuchautor ist. Schon in seinem Debütroman Ma reine erzählt Andrea die Geschichte von einem zwölfjährigen Jungen. Hier lebt er mit seinen Eltern auf einer provenzalischen Tankstelle begibt sich auf die gefährliche Suche nach seiner Freundin. Diese Suchen nach Freundschaft und Liebe ist dann der Topos auch in dem vorliegenden Roman. Man kann gespannt sein, denn der Roman würde sich dazu eignen, verfilmt zu werden. So wie viele Waisenkind-Geschichten verfilmt wurden.

Das Thema Kirche und das Thema Waise. Andrea hat beide bedient und zusammengebracht. Und ob man den Kammerton A mit 440 Hz immer genau so spielen kann, ist ebenfalls eine schöne Metapher.
Tatsächlich gibt es in der hebräischen Philosophie zwei Begriffe, die jene von Rothenberg gemeinte in den Ton gelegte Emotion definieren. Metziut ist Ihre identifizierbare Präsentation als etwas ganz Eigenes. Wie das Wort „ist“ in „Das ist ein Pferd“. Oder einfach nur „Das Pferd ist es.“

Mahut ist das grundlegende Konzept dessen, was Sie sind, manchmal auch „Essenz“ genannt. Das „das“ von „Dieses Pferd ist“. Selbst wenn dieses Pferd nie existierte, selbst wenn es sich als etwas anderes als ein Pferd präsentierte, ist sein Mahut immer noch vorhanden. Das ist sehr platonisch. In diesem Sinne ist das Metziut das Momentum, die unmittelbare Existenz, also – wie die Kabbalisten es korrekt bezeichnen – die wahre Wirklichkeit. Doch da Musik nicht aus einem Ton besteht, sondern aus einer Schichtung von Tönen, die durch Rhythmus, Stil und musikalischer Syntax gebaut ist und nur als Ganzes wahrgenommen werden kann, ist der einzelne Ton in dieser Verbindung durch eine Brücke mit den anderen verbunden, die von den Kabbalisten als billul bezeichnet wird, als ein Nichts, das aber nicht nur Nichts ist, sondern – naja – was auch immer zwischen etwas und nichts ist. Dass Joseph an dem alten Klavier einmalig diesen Ton trifft und so die Grundtonart seines ganzen Lebens, das ist irgendwie auch beängstigend.

 

 

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