Schreibübung Mai 2026
Die motivische Beschreibung
In mehreren Übungen haben wir gezeigt, wie man durch die perspektivische Beschreibung dem Leser Orientierung gibt. Er kann die literarische Figur lokalisieren und ihre Gefühle und Gedanken mit einem Raum verbinden. Außerdem kann man durch die Auswahl der Details die Stimmung und Gefühle einer Figur sehr gut darstellen, Atmosphäre schaffen und Spannung durch eine bestimmte Blickrichtung oder Geschwindigkeit in der Kameraführung erzeugen.
Eine andere Beschreibungsart ist die motivische Beschreibung, eine ungewöhnlichere Schreibweise, die sehr literarisch anmutet. Sie ist erzählerischer und erzählt aus dem Bewusstsein der Figur oder des Erzählers und zeigt Elemente, Motive der beschriebenen Landschaft oder allgemeiner gesagt, des Raumes, in dem der Text spielt. Aber nicht aus der Perspektive einer literarischen Figur, sondern assoziativ in ihrer motivischen Breite und historischen Tiefe. Sie ähnelt einem stream of consciousness, wobei es sich nicht um die Gedanken einer bestimmten Figur handelt, sondern eher um den kulturellen Horizont des Beschriebenen.
Ein Autor, der diese Art zu beschreiben meisterhaft beherrscht war Wolfgang Koeppen, der hier in diesem kurzen Ausschnitt die Bahnfahrt mit dem TEE, die Nibelungen und die moderne Wirtschaftswelt in seinem Roman „Das Treibhaus“ assoziativ verknüpft.
Er saß im Nibelungenexpreß. Es dunstete nach neuem Anstrich, nach Renovation und Restauration; es reiste sich gut mit der Deutschen Bundesbahn; und außen waren die Wagen blutrot lackiert. Basel, Dortmund, Zwerg Alberich und die Schlote des Reviers; Kurswagen Wien Passau, Fememörder Hagen hatte sich's bequem gemacht; Kurswagen Rom München, der Purpur der Kardinäle lugte durch die Ritzen verhangener Fenster; Kurswagen Hoeck von Holland London, die Götterdämmerung der Exporteure, die Furcht vor dem Frieden, Wagalaweia, rollen die Räder,...
Um so einen Text zu schreiben, kann man anfangs Wahrnehmungsbereiche (hier ist es: Nibelungen, Eisenbahn, Wirtschaft/Politik der Bundesrepublik) definieren, die Kontraste ausbilden. Einen Nibelungenexpress hat es in dieser Form nicht gegeben, das war eine Idee von Koeppen, Vergangenheit und Gegenwart zu verknüpfen
Dann werden zu den Wahrnehmungsbereichen Worte gesammelt. Das können Hauptworte, das können aber auch Verben sein. Alles, was die Szenerie jetzt oder möglicherweise früher beschreibt, wenn die Vergangenheit in der Beschreibung eine Rolle spielen darf.
Dann werden die die zwei Wortfelder miteinander verschnitten, indem Sätze gebildet werden, in denen beide Wortfelder vorkommen. Auch dürfen unverbundene Aufzählungen gebildet werden, die sich abwechseln.
Probieren Sie es aus!
Übung:
1. Beginnen Sie mit einer Landschaft:
Suchen Sie positive (landschaftliche Schönheit) und negative (Zersiedlung, Umweltzerstörung) Wortfelder und verschneiden Sie beide miteinander.
Wenn Sie nicht wissen, wie Sie beginnen sollen – so könnten zwei Anfänge für so einen Text aussehen:
Eine Landschaft aus...
Und immer wieder...
2. Wählen Sie nun eine historische Figur, bei der sie sich gut auskennen.
Definieren Sie zwei Bereiche:
Bereich 1: Die Landschaft, in der er gelebt hat mit ihren kulturellen Bezügen, also den Menschen, die in ihr leben oder gelebt haben.
Bereich 2: Äußere Merkmale der Figur, seine Taten und die Konsequenzen daraus
3. Probieren Sie die Übung mit einer Märchenfigur aus:
Bereich 1: Die Märchenfigur und Elemente des Märchens und ähnlicher Märchen, Gegenstände und Handlungsmomente
Bereich 2: Hier müssen Sie einen Weltausschnitt der heutigen Zeit suchen, die 68er Zeit oder eine Reihenhaussiedlung oder eine Kleinstadt – viele realistische Elemente, welche die Märchenfigur in unsere Zeit kontrastieren.
Viel Vergnügen
Arwed Vogel
Viel Erfolg und schöne Osterfeiertage
Arwed Vogel
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