Schreibübung August 2026
Szenische Gestaltung 4: Wann schreibt man eine Szene?
In jeder Geschichte gibt es verschiedene Elemente wie Beschrei-bungen, Dialoge und Erzählerkommentare. Die Beschreibungen nehmen dabei meistens den Hauptteil des Textes ein, da viele Dinge beschrieben werden müssen: Figuren, Landschaften, Handlungen und nicht zuletzt auch Gefühle in der Innenperspektive. Neben den Beschreibungen gibt es die Dialoge, zu denen wir die Gedanken einer Figur rechnen, Manchmal kommentiert auch der Erzähler die Entwick-lung der Gefühle einer Figur, berichtet von ihnen.
All diese verschiedenen Möglichkeiten lassen sich aber ganz schlicht in zwei Erzählweisen einteilen: Die raffend-berichtende und die szenisch-darstellende Erzählweise.
Beide Erzählweisen kommen in allen Erzählsituation in unterschied-lich starker Weise vor, aber es gibt sie sowohl in der personalen, auk-torialen wie auch Ich-Erzählsituation.
Unser Thema heute ist die szenisch-darstelle Erzählweise. Und zwar nicht die Gestaltung, sondern die Frage, wann wir diese Erzählweise einsetzen, wann wir eine Szenen bauen.
Szenen zu schreiben ist ein wichtiges Element aller Erzählformen, sei es Autobiografie oder Fiktion, und es funktioniert im Grunde immer recht ähnlich: Der Erzähler tritt zurück, die Figuren handeln, der Leser kann das Geschehen wie auf einer Bühne im Theater oder im Film verfolgen. Eine Kameraperspektive zeigt uns, was getan, was gesagt oder was gedacht wird. Sinnliche Wahrnehmungen (was man sehen, hören, riechen, etc. kann) werden beschrieben und vor allem: Die Zeitgestaltung ist zeitdeckend. Das bedeutet, dass die Handlung so langsam abläuft, dass wir sie in der Realität gleichzeitig mit dem Vorlesen des Textes spielen könnten. Beim Schreiben einer Szene wird auf abstrakte Benennungen und vor allem auf Raffungen verzichtet.
Solche Szenen zu schreiben, bedeutet einen gewissen Aufwand, da wir wie ein Regisseur den Schauplatz organisieren, eine Perspektive einrichten und langsam dramaturgisch die Handlung erzählen müssen unter Vermeidung alles überflüssigen Erzählpartikel und Benennungen.
Aber es lohnt sich, denn in den Szenen identifiziert sich der Leser mit den Figuren. Durch die sinnliche Wahrnehmungen erlebt der Leser den Text emotional - ein intensives Moment, in dem der Leser stark in den Text gezogen wird.
„Show don't tell“ heißt der Glaubenssatz, den wir überall zu lesen bekommen – das kann fast uneingeschränkt für Kurzgeschichte und Novelle gelten – aber wenn wir nur Szenen schreiben, dann funk-tioniert der Text auch nicht unbedingt - besonders nicht im Roman, indem ein Erzähler meistens den Text gestaltet.
Der Text wirkt, wenn man Szenen aneinanderreiht wie ein schlecht geschriebenes Drehbuch, aber nicht wie ein Roman, bei dem Weite und Atem die erzählerische Qualität ausmacht.
Kommen wir also auf die Eingangsfrage zurück: Wann schreiben wir Szenen?
Grundsätzlich bauen wir immer eine Szene, wenn etwas „wichtig“ wird. Dem Leser im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen geführt werden soll.
Wann ist etwas wichtig?
wenn etwas anfängt
wenn etwas aufhört
wenn sich etwas verändert (Wendepunkt, Höhepunkt, Knickpunkt)
wenn ein Kampf, ein Konflikt, eine Krise stattfindet
Aber auch:
Ein Beispiel für dieses Geschehen finden wir im Roman „Der englische Patient“, in dem eine Liebesszene sich immer wieder auf dieselbe Weise ereignet, aber sich nichts verändert, obwohl die Frau ein Bekenntnis zur Liebe von ihm erwartet. Um die Gefühle der Protagonistin zu zeigen, baut Ondatje eine Szene.
Dabei sollte man wissen, dass durch die szenische Gestaltung Konflikte hervorgehoben werden. Wenn ich zwei verschiedene Handlungslinien in einem Text habe, baue aber nur Szenen auf der einen Linie, wird die andere Handlungslinie kaum wahrgenommen. So kann man einen Text fokussieren, das Hauptthema für den Leser sichtbar herausarbeiten.
Man kann auch peinliche oder schwierig zu schreibende Situationen in die raffend-berichtende Erzählweise verlegen, wenn man sie nicht szenisch schildern will. Sie sind immer noch da, prägen aber den Text nicht so sehr wie als Szene. Das gilt für Szenen, die schwierig zu schreiben sind, Sexszenen, die man nicht schildern will, Ausbrüche von Gewalt und ähnliches. Das ist besonders bei Genre-Literatur wichtig, bei deren Lektüre der Leser genaue Vorstellungen hat, was er erleben will oder nicht.
Aber Vorsicht, denn manchmal fordert der Leser auch eine Szene an den wichtigen Stellen und fühlst sich um sein Leseerlebnis gebracht, empfindet zumindest ein Informationsdefizit, denn Szenen vermitteln in kurzer Zeit sehr viel, mehr als ein Erzählerkommentar es tun könnte.
Übungen
Übung 1:
Schreiben Sie eine Szene, in der eine Figur zum ersten Mal etwas tut.
Bspw.: Der erste Kuss. Der erste Mord. Das erste Mal, dass eine Figur Zweifel an ihrem Handeln hat. Das erste Mal, dass sie keine Angst mehr vor etwas oder jemandem hat.
Übung 2:
Szenische Gestaltung. Überlegen Sie bei folgendem Text, wie Sie ihn literarisch gestalten können. In welchen Momenten bauen Sie eine Szene? Wo könnte man eine Szene bauen, macht es aber nicht, weil es sonst zu voluminös würde?
Eine Frau bewirbt sich bei einer Agentur als Ghostwriterin, Sie bekommt die Stelle und beginnt motiviert ihren ersten Arbeitstag. Dort lernt sie einen Kollegen kennen, der augenscheinlich an ihr Interesse hat. Sie lässt sich aber nicht irritieren. Im Laufe der ersten Woche kommen ihr Zweifel, ob die Arbeit die richtige für sie ist. Mit dem Kollegen kommt sie ins Gespräch und sie merkt, dass er ebenfalls mit seiner Stelle unzufrieden ist.
Es entwickelt sich eine gewisse Vertrautheit, die dazu führt, dass sie gemeinsam ausgehen und über ihre Zukunft nachdenken, schließlich zu unterschiedlichen Entscheidungen kommen.
Übung 3:
Fokussierung durch Szenen
Schreiben Sie einen Text von ungefähr zwei Seiten Länge in dem eine Figur zwei Probleme hat:
Ein Detektiv hat einen komplizierten Mord zu lösen, gleichzeitig aber Schwierigkeiten in seiner Partnerschaft. Sein/e Partner/in droht ihm die Trennung an, wenn er sich nicht in einer bestimmten Weise verhält.
Schreiben Sie zuerst einen Text im ersten Entwurf, in dem Sie jeweils zwei Szenen für jeden Konflikt entwerfen, die Sie durch kurze Zwischenstücke verknüpfen.
Schreiben Sie den Text um: Verlegen Sie die Szenen mit dem beruflichen Konflikt in die raffend-berichtende Erzählweise.
Schreiben Sie den Text um: Verlegen Sie die Szenen mit dem Partnerschafts-Konflikt in die raffend-berichtende Erzählweise.
Und schließlich:
Vergessen Sie nicht, genau hinzuschauen, wenn Sie lesen: Hat der/die jeweilige Autor/in die Erzählelemente szenisch gestaltet, an denen Sie am meisten interessiert sind? Was bedeutet das für den Text?
Herzliche Grüße und einen schönen Sommer
Ihr
Arwed Vogel
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Arwed Vogel
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