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Eine Übung pro Monat

 

 

 

Schreibübung September 2026

 

 

Spannungserzeugung 7:

Verzerrung der Sukzession: Auf dem Weg zu einem Erzählfluss

 

 

Immer wieder haben wir uns in den letzten Jahren mit Zeitgestaltung beschäftigt, zuletzt im Juli 2026 mit der Zeitdehnung durch kleine Einschübe, welche die Erzählzeit verlängern. Und tatsächlich ist es wichtig, das Verhältnis zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit zu gestalten. Eine wichtige Aufgabe, die oft übersehen wird und vor allem der Spannungserzeugung dient.

 

Nochmal zur Wiederholung: Erzählzeit beschreibt die Seiten– und Zeilenzahl, die wir brauchen, um eine Handlung zu erzählen. Erzählte Zeit meint die Zeitspanne, die innerhalb der Handlung abläuft, die äußere Zeit, markiert wie lang die Handlung tatsächlich andauert. (Es dauert circa drei Minuten ein Kirchenlied zu singen, es dauert wenige Sekunden von einer Seite der Kirche zur anderen zu gelangen, die Spurensicherung braucht eine halbe Stunde, um die Leiche des Priesters zu untersuchen).

 

Wenn ich das Geschehen zusammenraffe, verringert sich die Erzählzeit, die erzählte Zeit bleibt gleich.

 

Drei Stunden lang saß er auf seinem Sofa und trank eine Tasse Tee nach der anderen.

 

Erzähle ich das Geschehen in der gleichen Zeitspanne, wie es abläuft, dann ist das Verhältnis zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit deckungsgleich, also eins zu eins.

 

Er nahm die Tasse langsam hoch, setzte sie an die Lippen und trank einen Schluck.

 

Man kann sich vorstellen, dass man mit einem Geschehen, dass länger andauert und zeitdeckend erzählt wird, den Leser ziemlich langweilen kann.

 

Insofern wird man zwischen Szenen abwechseln, die zeitdeckend erzählt werden und Raffungen, die die Erzählzeit verkürzen, wenn man nicht eine Kurzgeschichte schreibt oder experimentell arbeitet. Die inhaltlichen Gründe, warum man Szenen schreibt, habe ich in der letzten Schreibübung gezeigt. Der Wechsel an sich bringt aber schon Bewegung und Abwechslung, erhöht die Spannung.

Der Wechsel zwischen knappen, raffenden Erzählen und dem ausführlichen szenischen Darstellungen nennt die Literatur-wissenschaft Verzerrung der Sukzession.

 

Dabei kann man die Raffungsintensität langsam oder schneller verändern.

Die langsame Veränderung geschieht durch die Benennung von Vorgängen, die zwar die gleiche Erzählzeit, aber eine längere erzählte Zeit in abnehmender Weise in sich tragen.

 

Drei Tage beobachtete er die Kirche, hörte den ganzen Gottesdienst, sang sogar bei einem Lied mit, zog die Waffe aus der Tasche, riss sie hoch und schoss, als...

 

Man kann sich die Lesewirkung wie eine Bahnfahrt vorstellen. Leichter fällt man in den Schlaf in einem gut gefederten Zug, der mit gleichbleibender Geschwindigkeit große Distanzen zurücklegt.

In einer Straßenbahn, die ruckelt und immer wieder anhält, verschiedene Geschwindigkeiten durchläuft, beschleunigt und verlangsamt in unterschiedlichen Intensitäten – man muss sehr müde sein, um einzuschlafen und wird spätestens an der nächsten Station geweckt.

 

Diesen beständigen Wechsel muss man beachten, konzipieren, denn gerade wenn diese Wechsel regelhaft auftreten, bildet sich ein Erzählfluss über das ganze Werk aus. Und das gilt schon bei etwas längeren Erzählungen. Unterstützt werden kann dieser Wechsel durch Aussparungen, Unterbrechungen, die den Rhythmus ergänzen. Auch die Kapitelgliederung trägt zu diesem Erzählfluss bei.

 

Wenn Ihnen beim Schreiben langweilig wird, dann prüfen Sie, ob Sie nicht zu lange einen gleichbleibenden Erzählfluss geschaffen haben, der zu wenig zwischen Szene und Raffung abwechselt. Sie brauchen beides.

 

 

Übung:

 

 

Schreiben Sie den folgenden Text um: Verändern Sie das Verhältnis von erzählter Zeit und Erzählzeit an zwei Stellen, indem Sie Szenen einbauen. Verändern Sie das Verhältnis langsam. Nach der Szene allerdings erhöhen Sie die Raffungsintensität schnell. Das machen Sie zweimal, so dass ein regelhafter Erzählfluss entsteht.

 

Einige Viertelstunden verbrachte er an der Bushaltestelle. Er fühlte sich nicht unwohl und betrachtete seine Umgebung. Schließlich war alles neu für ihn. Sein Blick wanderte durch die angrenzenden Straßen an den Häusern entlang - er wagte es sogar mehrmals die Haltestelle zu verlassen und mit seinem kleinen Koffer in angrenzende Straßen zu gehen, ohne dabei die Haltestelle aus dem Blick zu verlieren. Irgendwann merkte er jedoch, dass viel Zeit vergangen war und er tatsächlich Gefahr lief, das Flugzeug zu verpassen, wenn der Zubringerbus nicht kam. Andere Reisende sammelten sich und verschwanden wieder, auch sie hatten Koffer und wenn er sie ansprach, sagten sie, dass sie ein Taxi nähmen, wozu er sich nicht entschließen konnte. Auf einmal, als er wieder einmal die Bushaltestelle umrundete, sah er ein Laufband, dass er vorher übersehen hatte und las, dass die Buslinie aufgrund einer Demonstration die nächsten Stunden eingestellt sei. Längere Zeit starrte er starr vor sich hin und wollte es nicht glauben.

 

 

 

Viel Vergnügen

 

Ihr

 

Arwed Vogel

 

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