Literaturprojekt
Literaturprojekt

Literarische Besprechungen 2018                von Bernhard Horwatitsch

Besprechung vom 20. Februar 18

 

Lady Barbarina

 

Von Henry James

Übersetzt von Karen Lauer erschienen 2017 im Verlag Dörlemann

 

Unter den während des Krieges in England stationierten amerikanischen Soldaten war die Ansicht weit verbreitet, die englischen Mädchen seien sexuell überaus leicht zugänglich. Merkwürdigerweise behaupteten die Mädchen ihrerseits, die amerikanischen Soldaten seien übertrieben stürmisch. Eine Untersuchung, an der u.a. Margaret Mead teilnahm, führte zu einer interessanten Lösung dieses Widerspruchs. Es stellte sich heraus, dass das Paarungsverhalten in England wie in Amerika ungefähr dreißig verschiedene Verhaltensformen durchläuft, dass aber die Reihenfolge dieser Verhaltensformen in beiden Kulturbereichen verschieden ist. Während z.B. das Küssen in Amerika relativ früh kommt, etwa auf Stufe 5, tritt es im typischen Paarungsverhalten der Engländer relativ spät auf, etwa auf Stufe 25. Praktisch bedeutet dies, dass eine Engländerin, die von ihrem Soldaten geküsst wurde, sich nicht nur um einen Großteil des für sie intuitiv „richtigen“ Paarungsverhaltens (Stufe 5-24) betrogen fühlte, sondern zu entscheiden hatte, ob sie die Beziehung an diesem Punkt abbrechen oder sich dem Partner sexuell hingeben sollte. Entschied sie sich für die letzere Alternative, so fand sich der Amerikaner einem Verhalten gegenüber, das für ihn durchaus nicht in dieses Frühstadium der Beziehung passte und nur als schamlos zu bezeichnen war. Die Lösung eines solchen Beziehungskonflikts durch die beiden Partner selbst ist natürlich deswegen praktisch unmöglich, weil derartige kulturbedingte Verhaltensformen meist völlig außerbewusst sind. Ins Bewusstsein dringt nur das undeutliche Gefühl: der andere benimmt sich falsch. So beschrieb es die kanadische Psychologin Janet H. Beavin einmal in den 1990er Jahren. In einer anderen Versuchsanordnung von Asch sollen acht Studenten feststellen, ob mehrere parallele Linien gleich lang sind. Bis auf einen Studenten waren alle eingeweiht, falsche Antworten zu geben. Der andere Student unterwarf sich nun in 75 Prozent der Fälle der Mehrheitsmeinung der anderen sieben Studenten. Beziehungen zwischen Menschen mit all ihren Empfindungen, Bildern, Vorstellungen, Bedürfnissen sind keine isolierte Veranstaltung. Und Henry James ist ein großer Meister darin, diese nicht isolierte Veranstaltung zu beobachten und wiedergeben zu können.

Dem gelungenen und aufschlussreichen Nachwort der Übersetzerin Karen Lauer (die vor wenigen Jahren durch ihre Übersetzung des Klassikers ‚Der letzte Mohikaner‘ von James Fenimore Cooper von sich reden machte) kann ich daher kaum etwas hinzufügen. Henry James ist der um ein Jahr jüngere Bruder des berühmten Begründers der modernen Psychologie William James. Doch ist Henry James ein mindestens ebenso genialer Psychologe, wie sein Bruder, der Empirist und Vordenker des Behaviorismus sowie der Verhaltenspsychologie. Henry James dekonstruiert mit sprachlichen Mitteln die Sprache selbst. In der Novelle nutzt er daher oft die Beschreibung von Mimik (Sie hatte seinen Blick gemieden…Aber jetzt sah sie ihm direkt ins Gesicht S.60) bzw. wie gerade das Nichtverstehen der nonverbalen Signale (Sie stieß keinen Laut des Erschreckens aus, leistete sich kein Zurückfahren; er konnte nicht einmal sehen, dass sie die Farbe wechselte S. 61)  das Sprechen scheitern lässt. Geradezu schreiend komisch wird dies im Kapitel III dargestellt, als Jackson Lemon bei den Cantervilles um die Hand von Lady Barb anhält. Dieses Gespräch scheitert so grundlegend an der zweiten Ebene der Sprache, an dem, was man allgemein „Verhalten“ nennt und Henry James erzählt dies mit einer immer noch unerreichten Meisterschaft. Es ist daher nur logisch, dass die Protagonisten sprechende Namen tragen, von Zitrone bis Krieger Langstroh.  
Der auktoriale Erzähler in der Novelle beginnt mit der Schilderung der Freers, die er als „reine Beobachter“ kennzeichnet. Damit wird die Novelle als Beobachtung der Beobachtenden fast schon wie ein ethologisches Experiment angelegt. Die Beobachter wirken nach außen „durch und durch britisch“ aber sie denken amerikanisch (Sie dachten wie Amerikaner, aber nur ganz im Geheimen S. 8). Schon hier verweist der Erzähler darauf, dass sich unsere kulturellen Eigenheiten nicht sofort jedermann offenbaren und uns keineswegs bewusst sind. Schließlich ist unser jeweiliges Selbstbild immer ein soziales Projekt. An dem Bild wie ich mich sehe, haben eine Menge Leute mitgearbeitet. Und die Freers sind insofern Befreier, weil sie „sich imstande sahen zu vergleichen“ (S.9). Es sind nicht nur die kulturellen Unterschiede der Nationen. Denn schließlich kommt Lady Agatha gut in Amerika zurecht. Und andersrum kommt Herman Longstraw in England sehr gut an. Lady Barb ist zwar wirklich „very british“, wirkt nach außen wie eine Statue, den Kopf feudal gehoben und auf eine Weise distanziert freundlich, dass sie in Amerika schon wieder als mindestens undurchschaubar, wenn nicht gar abweisend wirkt. So zeigt sich auch, dass Mrs. Vanderdecken auf dem völlig falschen Weg ist, wenn sie sich in ihrem Rang von Lady Barb bedroht fühlt. Für Lady Barb gibt es in Amerika gar nichts, was für sie von Rang wäre. Und Jackson Lemon zweifelt und verzweifelt schließlich. Denn in England gibt es zahlreiche Ladys vom Format einer Lady Barb. Zumindest dem Rang nach. Aber Lady Barb reflektiert nicht auf sich selbst (Seite 125 oben), neigt gar nicht dazu „Rechenschaft für ihr Verhalten von sich zu verlangen“. Bis zum Ende konsequent erfahren wir Leser nichts darüber, warum Lady Barb in diese Ehe einwilligte. Denn es spielte in England „kaum eine Rolle, was sie tat“ (S. 125). Lady Barb ist es gewohnt eine Rolle zu spielen, aber – und das ist ‚supersuptil‘ – das spielt wohl keine Rolle. Es ist ein Sozialverhalten um des Sozialverhaltens willen und der Gipfel des Snobismus. Denn die Rolle, die Lady Barb zu spielen hat, ist es „wichtig“ zu sein. Das Wichtigtun hat es begrifflich als „Snobeffekt“ sogar in die Volkswirtschaftslehre gebracht. Einzigartigkeit benötigt keinen Inhalt und existiert qua seiner Einzigartigkeit. Und so mag sich Lady Barb in Amerika als Kuriosität vorkommen, während sie in England von Einzigartigkeit umgeben ist. Ganz anders geht es ihrer Schwester: „Lady Agatha nahm undeutlich und wohlwollend wahr, dass sie etwas gesagt hatte, was die seltsamen Amerikaner seltsam fanden, und dass sie sich rechtfertigen musste. Es ging etwas höchst Unnatürliches vor mit ihrem Begriff von Seltsamkeit.“ (S. 146). Aber mit Lady Agatha wäre Lady Barb „noch viel einsamer“, denn ihr gefällt es in Amerika. Während Lady Agatha einen Gentleman definiert, lässt sich Lady Barb auf eine solche Definition erst gar nicht ein. Es kommt ihr gar nicht in den Sinn, dass man das definieren könne. „Sie sei nicht nach Amerika gekommen, ausgerechnet Amerika, um herauszufinden, was ein Gentleman sei.“ Lady Agatha erkennt die Ähnlichkeiten (dennoch lag der Unterschied nicht in ihm selbst, sondern darin, wie sie ihn sah – wie sie alle Leute in Amerika sah S. 149) Die Perspektiven der Schwestern zeigen, dass uns kulturelle Eigenarten nicht etwa festlegen, sondern als ein offenes System funktionieren. Und wenn das Projekt von den beiden Damen Lady Marmeduke und Beauchemin funktionieren sollte, dann nur mit der Erkenntnis von Mrs Freer, dass man die Grenzen nicht ausschließlich im Kulturellen, sondern auch im Menschlichen erkennt. „Unsere Lady Barb – ein einziges englisches Mädchen – kann eine Million Menschen zu Rangniederen machen.“ (S. 110) Da Lady Barb eine Blume aus einem aristokratischen Klima ist, die im amerikanischen Boden nicht gedeiht, kann man diese Blume ohne ihr Klima nicht denken.

 

Besprechung

vom 17. Januar 2018

 

Neubayern

 

Von Florian F. Scherzer

Erschienen im Hirschkäfer-Verlag 2017

 

Früher war alles besser? Nein, sicher nicht. Alles war immer gleich beschissen. All der leuchtende Schnick-Schnack unserer spätmodernen Welt verhindert nicht, dass es heute nicht weniger Arschlöcher (um mit Elsi zu sprechen) als früher gibt.
Neubayern liegt irgendwo im Niemandsland zwischen Argentinien und Chile im nördlichen Patagonien. Ein etwa 40 Quadratkilometer großes Gebiet, bewohnt von etwa 20.000 rückständig lebenden Bayern, die von ehemaligen Aussiedlern aus dem 19. Jahrhundert abstammen. Josef Kiener, das Wallermaul, ist einer von ihnen. Er lebt bei den Fischweihern in Oberpfaffing und wird von den Dorfbewohnern wegen seines Aussehens verspottet. Seine Eltern und seinen Bruder hat er bei einem Brand verloren. Eines Tages verschwindet ein Junge, Benno, aus dem Dorf. Sein Freund Johann Schwarz bittet den Kiener Josef um Hilfe, Benno wieder zu finden. Josef macht sich auf den Weg und was er nun alles erlebt und erfährt möchte man kaum glauben, hätte der Autor Florian F. Scherzer es nicht so plastisch und glaubhaft erzählt. Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Heilige Römische Reich Deutscher Nation unterging und Napoleon den Rheinbund gründete, und 1813 die Reichsaufteilung durch den Wiener Kongress beschlossen wurde, wuchs im schönen Bayernlande die Idee eines „Dritten Deutschland“ heran. Einer der Wortführer war Mitte des 19. Jahrhunderts (nach dem März 1848) Ludwig von der Pfordten, ein Jurist und bayrischer Außenminister. Florian F. Scherzer nimmt diese historischen Motive heraus und bastelt eine geschickt verwobene Posse. Ein königlich bayrisches Kolonialamt gab es wohl so nicht. Der erwähnte Adalbert von Reisach (Adalbert Heinrich Freiherr von Reisach) war in Wirklichkeit Bischof in Würzburg und lebte knapp 100 Jahre früher. Aber die Bestrebungen Bayerns Kolonialgebiete zu erwerben, die gab es in jedem Fall. Und so wird eine Kuriosität der Geschichte glaubwürdig. Josef Kiener und seine Dorfbewohner aus Neubayern sind über 170 Jahre lang komplett von der übrigen Welt isoliert gewesen und haben sich nicht über das 19. Jahrhundert hinaus entwickelt. Kein Strom, keine digitale Kommunikation, keine Autos, keine Flugzeuge. Eine Minengesellschaft sorgt dafür, dass es so bleibt. In diesem Gebiet im nördlichen Patagonien gibt es ein begehrtes Metall: Neodym. Es ist hoch magnetisch und wird für Windkrafträder, Elektroautos aber auch für Kernspin benötigt. Eine Gelddruckmaschine. Die im Roman erwähnte Mine in Bayan-Obo gibt es wirklich und es sieht dort wirklich so aus, wie im Roman geschildert. So viel also zu unserer guten bayrischen Luft. So viel zu der „sauberen Energie“. Sie ist so sauber nicht. Sie ist so schmutzig wie all die nach Schweiß und Bier riechenden Neubayern, nein, sie ist sogar schmutziger.
Aber Josef Kiener hat großes Glück. Aber nicht einfach so. Er hat ein großes Herz und verdient daher auch sein großes Glück. In Neubayern gibt es einen Aberglauben. Man glaubt an die Perchtln, die das Viechfieber bringen. Doch der heilige Andreas kann sie beschützen. Er hat einst eine ganze Horde von Perchtln erschlagen und so das schöne Neubayern gerettet. Tatsächlich glaubt Josef Kiener erst nicht an diese abergläubische Geschichte. Bis er sie selbst erlebt. Aber die Perchtln sind keine Fabelwesen, sondern Indigene, die ihr ureigenes Land wieder zurück wollen. Die Neubayern erschlagen sie und verbrennen sie. Geschickt erzählt uns Scherzer damit auch noch eine Parabel über Rassismus. Aber Kiener hat ein großes Herz und er hilft einem Perchtl zu überleben. Er erfährt nun, dass es eine Frau ist und dass sie auch noch hübsch ist und kein grusliges Monster. Die beiden verlieben sich ineinander und zum Schluss kommen sie über viele Abenteuer und Umwege auch zusammen.

Soweit also diese Geschichte. Erzählt wird die Geschichte von verschiedenen Zeitzeugen in Form von Berichten. Damit stellt Scherzer eine Art Authentizität her. Die Berichte von Josef Kiener erinnern sprachlich gelegentlich an Wolf Haas Privatdetektiv Brenner. Es ist ja auch gewissermaßen eine Kriminalgeschichte, ein Umweltthriller, eine Entdeckergeschichte, eine Parabel aber auch eine Posse. Fast zu viel auf einmal für einen Roman. Aber das macht die Tiefendimension dieses gelungenen Debüt-Romans von Florian F. Scherzer aus. Der Werbefachmann (wie auch Wolf Haas einer ist), lässt schon am Ende des ersten Drittels seines Romans den Hintergrund von Neubayern durch den Bericht von Christian Hinterwald (genannt Engel) auffliegen. Aber er schafft es nun weiter, die Spannung zu halten. Man hat Josef Kiener schon lieb gewonnen und so manche Szene erinnert an das königlich bayrische Amtsgericht. Die Figuren erinnern an Karikaturen von Manfred Deix. Kieners Reise von Oberpfaffing nach Rieding und dann nach Reisach auf der Suche nach Benno und dem geheimnisvollen München ist einfach süffig erzählt. Und die Stadt Rieding mit dem Heimatwahrer Holderer oder seinem alten Schulkameraden in Reisach dem Georg Dobler (Doblergirg) im Gasthaus Torbräu ist in die Details hinein köstlich. Oder das Supersol-Papier! Supersol ist eine spanische Discounter-Kette wie bei uns Penny oder Tengelmann. Das Supersol-Papier mit dem Sonnenzeichen sind diese Werbebroschuren für billige Industrienahrung. Wie überhaupt dann  der Fraß mit dem wir Spätmodernen systematisch vergiftet werden herrlich geschildert wird. Es ist schon eine Kunst von Scherzer, wie er die Perspektive des vormodernen Kiener nutzt, um uns die Sinnentleertheit und Absurdität unserer Welt vorzuhalten. Früher war es nicht besser, wie schon gesagt. Wurde es wirklich besser inzwischen? Das lässt sich stark anzweifeln. Auch wenn das Leben in Neubayern karg und entbehrlich war, hochgradig rückständig und voller Aberglauben und beherrscht von autoritären Amtmännern, so ist das 21. Jahrhundert geprägt von sinnloser, entfremdeter Arbeit und Konsumzwang, geprägt von völlig nutzlosen Dingen, die wir ständig kaufen, geprägt von der Öde und Monotonie der Gewerbegebiete, die im Grunde nur eine Vorstufe zu der Mad-Max-Landschaft eines Minengebiets darstellen. Weder in Neubayern, noch in Bayern will man wirklich leben. Nur: Die Neubayern wussten es nicht besser. Und wir Altbayern wissen es auch nicht besser. Wir sind Vertreter einer vor-apokalyptischen Nach-Moderne, mit unseren Laptops, Smartphones, Elektroautos und beheizten Zweizimmerwohnungen, mit unseren entfremdeten Jobs und unserer partiellen Blindheit für das, was auf der Welt wirklich geschieht an Perversion und Ungerechtigkeit. Die Neubayern sind rückständige, rassistische und autoritätsgläubige Dummköpfe. Solche gibt es auch hier in Altbayern. Und dieser Weg des „Dritten Deutschland“ aus dem 19. Jahrhundert, wird heutzutage zur Karikatur durch die Reichsbürger, die ja inzwischen schon gut bewaffnet sind, wie man aus der Presse erfährt. Es hat sich also viel geändert in 200 Jahren. Aber nichts zum Besseren - gäbe es nicht warme Duschen. Täglich warmes Wasser und Sauberkeit sind die größten Errungenschaften der Moderne.

 

 

Rufen Sie einfach an unter

 

Arwed Vogel

++49 ( )8762 726121

 

oder

 

Bernhard Horwatitsch

++49 ( )89 72016549

 

oder nutzen Sie unser Kontaktformular.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Literaturprojekt