Literaturprojekt
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Archiv der Streifschüsse 2020/1

wann immer nötig (im Schnitt einer pro Woche)

 

schnell und aus der Hüfte geschossen

 

 

 

Streifschuss vom 18. Januar 20

 

Anlass:  Anna war ein selig Weib, drei Marien gebar ihr Leib.

 

Familiensinn

 

Die meisten Menschen finden den bürgerlichen Lebensentwurf (Familie, Kinder, guter Job) immer noch als erstrebenswert, als summum bonum (Ausdruck von Aristoteles, der das höchste Glück bezeichnet) ihres Daseins. Lediglich die Jugendlichen wehren sich gegen diese Einöde. Je nach Resilienz und Vulnerabilität wehren sie sich unterschiedlich lange. Irgendwann entscheidet sich der junge Erwachsene für die Vernunft und die heißt: Familie, Kinder und guter Job. Wer sich trotz fortgeschrittenen Alters anders entscheidet gilt geradezu als gescheitert. Das ist insofern absurd, weil es doch immer heißt dass wir in einer offenen Gesellschaft leben. So offen scheint sie nicht zu sein. Im Gegenteil. Auf beinahe schon bösartige Weise wird der Antibürger angegriffen. Er gilt entweder als Schädling, als Schmarotzer oder als unvernünftig und krank.  Familie, Kinder, guter Job. Die gut bürgerliche und geglückte Pseudoromantik in einer pervertierten Konsumgesellschaft. Man hat den Eindruck, dass die Zivilisation mit Familie, Kinder und einem guten Job ihr Erwachsenenalter erreicht hat und nun zählt noch, diese Mission zum Ende zu bringen. Die Realität sieht natürlich anders aus. Die meisten scheitern daran. Die Ehe wird geschieden, die Kinder entfremden sich, der gute Job entpuppt sich als Daseinsfalle und man erträgt mehr schlecht als recht all die Bildungsprogramme die nur den Sinn haben, sich selbst als Ware zu deklarieren. Aber mit fast schon blindem Fatalismus wird der Biedermeier weiter als Lebensideal aufrecht erhalten. Ein wenig Demokratie und Ehrenamt dazu und fertig ist das „schöne Leben“. Den Künstlern und Kreativen gesteht man – aber nur wenn sie erfolgreich sind – eine Sonderposition zu. Diese Künstler dienen dann als Abfuhr der eigenen Bedürfnisse die man zu Gunsten des eigenen Lebensglückes unterdrückte. Als glücklicher, fleißig arbeitender, Güter konsumierender Zeitgenosse wäre man ohne Fehl und Tadel, erklärt der Weltcontroller Mustapha Mond dem Wilden John Savage in der schönen neuen Welt. So gesehen leben wir in eben dieser schönen Welt, die Huxley in seinem Roman von 1932 beschrieb. Der Wilde fordert ein Recht auf Unglück. Und das ist so absurd, dass es weh tut. Warum sollte man nicht glücklich sein und sein eigenes Scheitern als geglückt betrachten? Beinahe acht Milliarden Menschen streben nach Glück. Wäre Glück eine endliche Ressource hätte Thomas Hobbes Recht. Nach Hobbes ist der Mensch von Natur aus nicht für die Gesellschaft geeignet. Er ist vielmehr eine Menge dissoziierte Individuen. Soziale Ordnung begründet er auf einen faktisch egoistischen Menschen und dessen Recht auf Selbsterhaltung.  Die Natur ist kein ethisch sinnvolles Ganzes mehr, es gibt keine ewige Ordnung die man vorfindet und in die man sich hineinfindet, der Mensch erfindet sie neu aus seiner menschlichen Vernunft, die auf seine Interessen (Selbsterhalt) verweist. Der Mensch strebt nicht einfach höhere Ziele an, sondern immer weitere Ziele, als sie je ein anderer erreicht hat. Er sucht das maximum bonum (immer mehr Glück im Gegensatz zu dem höchsten Glück von Aristoteles).

Ehrsucht und Eitelkeit sind sein vorrangiger Zweck. Familie, Kinder und guter Job sind in diesem Sinn ein utopischer Gegenentwurf.

 

 

Streifschuss vom 16. Januar 20

 

Anlass: Eingewilligt

 

Die Seele einer Kuh

 

Mastitisresistente, genmanipulierte Super-Milchkühe mit geringer Lebensdauer und deutlich erhöhter Milchproduktion: Wunderbar! Bald wird es Menschen ohne Bewusstsein geben, die lediglich als Organlager dienen. Der Bundestag stimmte für die Einwilligungslösung bei der Organspende. Somit bleiben die Organe weiter in meinem Besitz.  Etwas über 700 Abgeordnete stimmten dazu ab und entschieden sich mit einer einfachen Mehrheit dafür, die menschlichen Organe (Herz, Niere, Leber, Lunge) in der Verfügungsgewalt ihrer Träger zu belassen. 700 Abgeordnete sind 0,0009 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung. Die ganze Debatte wurde von noch weniger Menschen angestoßen. Die Frage, ob man mich als Schlachtvieh nutzen kann oder nicht, wurde von einer erschreckenden Minderheit entschieden. Soviel zur Demokratie. Sie ist so nur noch die Tyrannei einer Minderheit die sich für die Mehrheit hält, weil man sie einst wählte. Wobei die Wahl schon im Vorfeld durch Listen und Parteiengesetz so reduziert wurde, dass es nicht die Realität der Stimmen spiegelt, sondern die Realität des Marktes. Ich habe nur ein Herz, zwei Nieren, eine Leber, fünf Lungenlappen. Auf dem Markt bin ich eine Lappalie. Für mein Herz interessiert sich niemand. Es ist nur ein Organ von vielen auf einem Gabentisch. Wollte ich selbst ein Herz von einem anderen? Im Moment wo ich keines brauche, sage ich nein. Bedürfnisse können sich allerdings schnell ändern. Am tatsächlichen Problem der ganzen Debatte wird vorbeigeredet. Man stellt gar nicht mehr die Frage nach der Würde. Artikel eins wurde – unabhängig von dieser Entscheidung –zur leeren Formel. Damit meine ich, dass gar nicht mehr darüber nachgedacht wurde was ein Herz ist, was eine Niere ist, eine Leber, eine Lunge. Schon vor der der ganzen Debatte herrschte überall Einigkeit, dass es einzelne Organe sind, die zur Verfügung stehen. Geklärt wurde nur die Frage der Verfügungsgewalt. Doch bald wird es Organlager geben und über die Frage Widerspruch oder Einwilligung wird man nur noch lachen. Das Problem ist also nicht die Organspende, sondern was ein Organ ist. Bin ich nicht mein Herz? Bin ich nicht meine Lunge? Bin ich nicht meine Nieren? Ohne sie jedenfalls bin ich nichts. Würde ich also mit einem anderen Organ weiterleben, wäre ich dann noch der, der ich zuvor war? Klar. Politiker kann man mit philosophischen Fragen nur vor sich her jagen bzw. davonjagen. Sie sind –Gewählte -  ein repräsentativer Querschnitt von dir und dir und dir. Die ganze Debatte ist rein positivistisch. Sie ist eine Konsumveranstaltung, eine Art Basar. Die Menschenwürde ist hier nur ein Markenzeichen. Wer spricht noch von Seele?

 

Streifschuss vom 11. Januar 20

 

Anlass: Statt Arbeitswut, Wut auf die Arbeit

 

Unser aller Irrtum

 

Prometheus, Sohn des Titanen Iapetos (Sohn von Kronos und Vater von Atlas) brachte den Menschen das Feuer. Die Menschen hätten durch den im Vorhinein Denkenden mit diesem wunderbaren Werkzeug glücklich wie die Götter sein können. Schließlich ist das Feuer frei verfügbar, wärmt und unterscheidet uns vom Tier. Doch sein Bruder Epimetheus (der im Nachhinein Denkende) hörte nicht auf seinen Bruder und nahm trotz der Warnungen ein Geschenk der olympischen Götter an. Das war eine Büchse. Die Büchse der Pandora. Die Büchse voll mit allen Übeln des Lebens wurde von Pandora, der Allgeberin, einer Frau aus Lehm, die Hephaistos gebastelt hatte an die Menschen übergeben. Wer anderes als die Erde ist die Allgeberin. H HeHephaistos war der Gott der Arbeit (eine Missgeburt für die sich sogar seine eigene Mutter schämte) und er schuf jenes Grundübel, das uns (wie auch die Bibel rät) unser Leben zur Plage durch Arbeit und Schweiß machte. Der Mythos erzählt die Geschichte der Sesshaftigkeit des Menschen. Weil irgendein Idiot uns riet zu bleiben wo wir sind, mussten wir lernen im Schweiße unseres Angesichts die Erde zu bestellen. Das war die Geburt der Arbeit. Die wenigen Menschen die damals nicht drauf reingefallen sind, werden heute stigmatisiert, die Sinti und Roma. Das fahrende Volk denkt nicht dran, sich dieser Fron zu unterstellen. Warum auch? Wie ärgerlich ist doch dieser Unsinn dank des im Nachhinein Denkenden Bruder von Prometheus. Arbeit ist selbst die Plage. Ein übler Trick der Götter hat uns Menschen ins Joch gespannt bis heute. Wir könnten einfach damit aufhören. Das einzige was unserem von Aristoteles geprägten summum bonum im Wege steht ist die Arbeit. Doch wir arbeiten ob des maximum bonum. Ganz im Sinne von Thomas Hobbes. Leben heißt rennen und stehen bleiben heißt sterben. Nicht höchstes Glück zählt, sondern so viel Glück wie möglich. Aus dem Glück wurde dank der Arbeit die Gier. Daher gehen mir die Olympier am Arsch vorbei. Ich bin ein Fan der Titanen. Auf keinen Fall bin ich ein Fan der Menschen, dieser kranken und von Arbeit verseuchten Spezies.

Streifschuss vom 08. Januar 20

 

Anlass: Beleidigte Leberwürste gibt es nicht nur in Bayern, aber da schon

 

Niedergang der Debattenkultur ist der Niedergang der Debatte selbst

 

Neulich fühlte sich eine SZ-Journalistin von mir beleidigt. Und sie wollte sich nicht in eine weitere Debatte verwickeln lassen. „Wir befolgen hier im Haus die Politik, jedem Leser einmal zu antworten –Was ich nicht muss: Mich anschließend weiterhin in eine Debatte verwickeln lassen.“ Zuvor hatte ich beklagt (und ich war dabei für meine Verhältnisse sogar sanft), dass der einfache Leser sich gegenüber den Journalisten in einer komplementären Beziehung befindet und mit seinen Einmischungen im Grunde chancenlos ist. Quod erat demonstrandum könnte man dazu sagen. Allgemein wird immer wieder ein Niedergang der Debattenkultur beklagt. Zuletzt von der Philosophin Maria-Sibylla Lotter in einem Radio-Kommentar bei Deutschlandfunk Kultur. Sie beklagte die Proteste von Studierenden. Frau Lotter im Originalton: „In Hamburg blockierten Studierende die Ökonomie-Vorlesung des AFD-Mitgründers Bernd Lucke. Die Begründung: Er vertrete neoklassische Lehren. In Frankfurt verlangen Studierende die Entlassung der Ethnologin Susanne Schroeter. Die Begründung: antiislamischer Rassismus, weil sie eine Konferenz zum islamischen Kopftuch organisierte. Vorträge von streitbaren Wissenschaftlern und Politikern wurden abgesagt, andere konnten nur unter Polizeischutz stattfinden. Ist die grundgesetzlich verbürgte Wissenschaftsfreiheit in Gefahr?“ Ihr Resümee war dann, es würde betroffenen Gruppen nicht helfen, wenn andere für sie sprechen, sie sollten es schon selber tun. Nun: Genau das tat ich bei der vorhin genannten SZ-Journalistin. Und was geschah? Sie beendete die Debatte einfach, ach, sie hat sich nicht einmal im Ansatz auf irgendwas eingelassen. Das ist schon übelstes Politikerverhalten. Am Ende ist der Leser ein Konsument und er soll fressen was man ihm serviert. Und der Student ist ein Wissenskonsument und er soll fressen, was ihm der Professor vorlegt. Das ist eine traurige Geschichtsvergessenheit und es ist deshalb so traurig, weil es einmal anders war. Wenn jemand aufmüpfig ist, dann wird das als verhaltensauffällig abgetan und man wird wieder in die Reihe zurückgepfiffen. Dass einst Immanuel Kant in seinem Text „Was ist Aufklärung“ den Menschen empfahl selbst zu denken, unabhängig von irgendwelchem vorgekautem Wissen, das ist inzwischen obsolet. Die selbst denkenden werden dann in einen Topf geworfen mit kruden Verschwörungstheoretikern, oder sie sind dummdreiste Wutbürger. Der Niedergang der Debattenkultur ist nicht der Tonfall – meine Güte, dann ist halt mal einer beleidigt, das kommt vor – sondern dass gar nicht mehr debattiert wird. Keiner lässt sich mehr auf etwas ein. Jeder hat seine Meinung und gut ist. Bloß keine Argumente. Denn Argumente werden – siehe SZ-Journalistin – sofort als Beleidigung wahrgenommen. Das ist nur noch traurig, wenn es nicht so komisch wäre.

 

Streifschuss vom 03. Januar 2020

 

Anlass: Staffelauftakt für die Golden Twentys

 

Geht’s jetzt los?

 

Wow! Was für ein Staffelauftakt für dieses neue Jahrzehnt. Mit einem ordentlichen Kriegsverbrechen! Vor knapp zwanzig Jahren hat er der dem damaligen Präsidenten der USA noch geholfen ihren Einsatz gegen die Taliban zu planen, und vor fünf Jahren half er der USA im Kampf gegen den IS.  Im Jahr 2013 berichtete The New Yorker über zunehmende Aktivitäten der Quds-Einheit in Syrien. Aus dem Bericht geht auch hervor, dass die Aktivitäten von Al Quds im Irak zeitweise von den Amerikanern toleriert wurden, um sunnitische Aufständische zu bekämpfen. John Kerry persönlich lobte ihn dafür. Aber die Karten wurden neu gemischt. Trump befahl den Mord am iranischen General der Al Quds-Einheit Soleimani, den iranischen Rommel (wie er genannt wurde) und das Militär bezeichnete diesen Mord als defensiven Akt der Selbstverteidigung. Absurd? Was wissen wir schon!  Der Sensenmann wiegt zwei Tonnen, hat eine Topgeschwindigkeit von 500 km/h, eine Reichweite von München nach Island, also ca. 3000 Kilometer. Der Sensenmann wurde Anfang dieses Jahrtausends erstmals in Afghanistan eingesetzt. Der Reaper MQ9. Ist ein UAV (unmanned aerial vehicle), wird via Fernsteuerung durch einen Computer gesteuert. Es ist eine Killerdrohne von General Atomics, einer Firma die bereits sein 1995 solche Killerdrohnen zur Verfügung stellt, jahrzehntelang mit Shell zusammengearbeitet hat und ihre Finger auch fett im Ölgeschäft hat. Das Unternehmen hat in den letzten Jahren Millionen Dollar in ihre Lobby-Arbeit gesteckt, um die Zusammenarbeit mit dem Verteidigungsministerium weiter zu fördern. Und so ein Treffer ist gute Firmenpolitik. Klar. Irgendwelche geopolitischen Hintergründe die uns normalen Menschen nicht zugänglich sind haben den großen Präsidenten Donald Duck Trump dazu veranlasst, diesen Befehl zu erteilen. Und der General einer Elitetruppe für Auslandseinsätze für den Iran, einem Land der bösen Achsen, ist ein gutes Opfer. Da General Soleimani  Perser war aus der Provinz Kerman (Südosten des Iran) hatte er sicher Verständnis für den Zoroastrismus von George W. Bush.
Was mich an dieser Pressemeldung so frustriert ist mein Unwissen über die echten Hintergründe. Wer ist der Böse? War das wirklich Selbstverteidung? Keine Ahnung. Ich vermute, dass das niemand wirklich weiß, denn die Gründe sind dabei eine Mischung aus den unterschiedlichsten Interessen der Menschen die auf dieser geopolitischen Bühne ihre Muskeln spielen lassen. Was ist mit dem General? Hatte er eine Familie? Hinterlässt er Kinder die ihn liebten, die er liebte? Im Iran wird darüber sicher etwas geschrieben. Hier? Nix! Man sieht nur wieder die Fresse von Donald Duck Trump. Und ein paar Wichtigtuer erklären uns Dummen die Welt. Danke dafür. Nur wofür?

 

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