Literaturprojekt
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Neue Streifschüsse

Wann immer nötig. Alle ein bis zwei Wochen ein Schuss

 

 

Streifschuss vom 14. Feber 24

 

Anlass: die Lunge

 

Der Blutsturz

 

In populärwissenschaftlichen Büchern zur Literaturgeschichte liest man oft vom „Blutsturz“, den habe zum Beispiel 1892 Heinrich Mann erwischt, 1917 hatte auch Kafka einen Blutsturz, 1786 hatte schon Goethe einen in Leipzig und wiederholte den Blutsturz 1830 in Weimar. Ein wenig hat man den Eindruck, ein guter Schriftsteller braucht eine schlechte Lunge. Thomas Bernhard hatte nur einen Lungenflügel. Thomas Mann verlor seine halbe Lunge im späten Mannesalter, und hatte davor einen Blutsturz. Sein Hauptwerk hat er aber wohl mit kompletter Lunge und ohne Blutsturz geschrieben. Hardenberg, also unser Novalis, starb 1801 an einem Blutsturz. Wie auch immer. Der Volksmund und die Literaturwissenschaft verwendet den Begriff „Blutsturz“ nicht spezifisch genug, um immer sicher zu sein, ob es sich auch wirklich um die Lunge handelte, also um eine Hämoptyse, und nicht doch ein bisserl, ein klein wenig, der Magen beteiligt war, die Hämatemesis. So meint auch der Medizinhistoriker Nager, dass Goethe eher an einer Magenblutung verstorben sei.
Da man ja oft beim starken Husten mit erbricht, und weil der Schleim einer entzündeten Lunge oft rostbraun ist, und auch im Magen viel farbenfroher Schleim herumlungert, entsteht ganz schnell ein Blutsturz. Außerdem bilden Lunge und Darm eine verzwickte Symbiose. In jedem Fall ist das Wort „Blutsturz“ viel zu gut, um ganz darauf zu verzichten. Wir lieben unsere Nationaldichter um ihrer Blutstürze willen. Und keine Vita klingt nach etwas ohne Blutsturz. Da das Blut seinen Weg von unten nach oben geht, ist es eigentlich ein Sprung. Aber ich bitte Sie! Blutsprung? Was soll das denn sein? Nein, nein. Wir bleiben beim Sturz. In der Medizin ist der Sturz lediglich ein Unfall. Ein Umfallen. Aus dem Gleichgewicht geraten, fällt man vom Stehen auf den Boden. Aber Blutfall? Das trifft es nicht. In der Geschichte ist der Sturz viel dramatischer. Da stürzt der König, da stürzt eine ganze Klasse. Da ist es der Umsturz. In der Architektur ist der Sturz eine monolithische (aus einem Stein) Abdeckung einer Maueröffnung (Fenstersturz, Türsturz), die Österreicher nennen es auch Überlager, die Schweizer sagen „Kämpfer“ dazu. Dass der Blutsturz am ehesten zur Bedeutung passt, die er in der Geschichte hat, leuchtet ein. Zumal der Blutsturz stets ein für den davon betroffenen Dichter ein historisches Ereignis darstellt. Meist wendet sich nach dem Blutsturz irgendwie das Blatt, das Werk wird neu geschrieben, nimmt erst seinen Lauf, kommt zum großen Abschluss. Ob Ende oder Anfang. Der Blutsturz ist immer ein medizinischer Fall von literarischer Bedeutung. Da die Lunge Flügel hat, ist ein Blutsturz immer auch der Fall eines Pegasus reitenden Poeten. Zwar bildet die Metaphorik von Sprache nicht immer ganz rational die Wirklichkeit ab, aber das ist ja das Schöne an der Sprache, dass sie uns von der jämmerlichen Wirklichkeit befreien kann und so wird ein so öder und unangenehmer Fall wie der Blutsturz zu einem kolossalen Ereignis mit aparter Neigung zur Literatur.

 

Streifschuss vom

17. Januar 24                                     

 

Anlass: faule Früchte

 

Inani usu – vom unnützen Nutzen

 

Matthäus 25, 14-30 schildert uns das Gleichnis von den anvertrauten Talenten. Ein Unternehmer gibt seinen Angestellten Geld zur Verwaltung. Dem ersten 5 Talente (biblische Währung, Gewichtseinheit für Silber), dem zweiten 2 Talente und dem dritten 1 Talent. Am Ende kehrt der Unternehmer von einer längeren Reise zurück und möchte nun eine Abrechnung sehen. Was haben seine Angestellten mit dem Geld gemacht. Der erste Angestellte hat die fünf Talente zu zehn verdoppelt, ebenso der zweite, der immerhin zwei Talente zu vieren verdoppelte. Nur der Angestellte mit nur einem Talent hat ihn aus Angst nur vergraben und nicht vermehrt. Auf diesen Nichtsnutz ist der Unternehmer stinksauer und entlässt ihn, schlimmer noch. Im Text heißt es wörtlich: Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.
Für einige Interpreten gilt diese Bibelstelle als Beleg für die Christlichkeit des Kapitalismus. Man soll seine Begabung, seine Fähigkeiten, sein Hab und Gut möglichst vermehren. Das Eigenschaftswort „talentiert“ hat sich tatsächlich im Mittelalter über dieses Bibelgleichnis in die deutsche Sprache eingeschlichen. Und das Wort „Begabung“ geht auf die indogermanische Wurzel „ghab“ zurück, was „ergreifen, fassen“ bedeutet. Wer seine Talente nicht nutzt, faul in der Sonne liegt und dabei das väterliche Erbe verprasst – man sieht sie vor sich die rich kids mit Sonnenbrille im schicken Cabrio – nun, der kommt sicher nicht in den Genuss, einst an der Seite seiner Herrlichkeit zu sitzen und nach seinem Tode auf Wolke sieben zu schweben. Nein. Solche Faulpelze schweben schon jetzt auf Wolke sieben und benötigen keine Herrlichkeit. Sie verschwenden ihre Talente und beleidigen den Herrn. Solche Nichtsnutze werden vor allem vom deutschen Streber allzu gerne verurteilt, ja geradezu gehasst. 
Im Jahr 2015 hat man das eben von mir geschilderte Gleichnis von den anvertrauten Talenten auf wissenschaftliche Füße gestellt.
In einem Experiment an der Universität Bonn (Wirtschaftswissenschaftler Armin Falk führte das durch und es ist inzwischen berühmt) gab man Teilnehmern zehn Euro in die Hand. Sie hatten nun die Gelegenheit mit diesem Geld einer ausrangierten Labormaus einen friedlichen Lebensabend zu ermöglichen. 40 Prozent entschieden sich gegen die Labormaus und behielten die zehn Euro. Immerhin die Mehrheit hatte Mitleid mit der armen Maus. In einem weiteren Experiment gab man den Teilnehmern sogar 20 Euro. Ein Verkäufer trat nun mit ihnen in Verbindung, um den Preis für das Überleben der Maus zu verhandeln. In diesem Fall ließen über 70 Prozent der Teilnehmer die Maus für zehn oder sogar noch weniger Euro sterben. Das Mäuseleben war einer großen Mehrheit in einer marktähnlichen Situation sogar noch weniger wert. Die Wissenschaftler interpretierten dieses Experiment dahingehend, dass moralische Werte durch die Markt-Situation erodierten. Der beim Feilschen, also in einer Tauschsituation, entstehende Charakter des Wettbewerbs führt zum Homo oeconomicus, dem Menschen, der rational denkt und die Nutzenmaximierung über moralische Werte stellt. Nicht Mitleid mit der Maus, sondern ihr Preis wurde verhandelt.
Doch wer seine Fähigkeiten, seine Begabung nicht nutzt, handelt nicht marktkonform. Jeder Mensch hat seinen Preis, ist etwas wert. Würde hat jeder, doch nicht jeder ist das Gleiche wert. Wer seine Talente nicht nutzt, handelt unmoralisch, ist weniger wert. Die Moral ist in diesem Vergleich von Gleichnis und wissenschaftlichem Experiment nicht eindeutig. Es erscheint wie ein Paradoxon, dem wir modernen, in kapitalistischen Wettbewerbsgesellschaften erzogenen Menschen tagtäglich ausgesetzt sind. Empathie und Nutzenmaximierung erscheinen uns als Widerspruch. Da ökonomische Werte inzwischen tief in unsere privaten Beziehungen eingedrungen sind (wir investieren in eine Beziehung), wirkt sich diese Paradoxie als kognitive Dissonanz auf unsere zwischenmenschlichen Kontakte aus. Geben – heißt es in der Bibel, in der Apostelgeschichte – ist seliger denn nehmen. Doch wer immer nur gibt, wird hierzulande nicht wirklich selig, sondern geht pleite. Ja, am Ende gilt es als Schande, da man dann selbst vom „Nehmen“ abhängig wird, zum Nichtsnutz verkommt. Der moderne Sozialstaat organisiert heute die Verteilung. Der Staat nimmt von den Talenten der Fleißigen und gibt sie den Bedürftigen. Regelmäßig wird dieses System nach ihrem Nutzen abgeklopft und regelmäßig empfinden die Fleißigen diese Verteilung als ungerecht. Den armen Tropf, der sein Talent aus Angst es zu verlieren, vergräbt (wie im Bibelgleichnis) animiert der Sozialstaat nun, die Schaufel in die Hand zu nehmen, sein Talent auszugraben und – ja was? – die Maus zu töten.
Iwan Alexandrowitsch Gontscharow (1812-1891) war ein rich kid, Sohn eines sehr reichen Getreidehändlers. Aber er nutzte sein Talent und schrieb den inzwischen berühmten Roman Oblomow. Dieser handelt von einem begabten und gebildeten, aber ziemlich faulen russischen Adligen, Ilja Iljitsch Oblomow. Oblomow ist materiell weitestgehend abgesichert. Doch er bekommt gleich zu Beginn des Romans zwei Herausforderungen. Einmal droht ihm der Hausbesitzer zu kündigen, wegen Eigenbedarfs. Oblomow soll umziehen. Und sein Dorfschulze (Gemeindevorsteher, vom Grundherrn eingesetzt) schreibt ihm von Ernteausfällen und Verlusten. Zwar macht sich Oblomow Sorgen, bleibt aber dennoch untätig im Bett liegen, kann sich zu nichts durchringen. Er hat zarte, kleine weiße Hände, zieht sich weder an, noch wäscht er sich. Sein Haus ist bereits unordentlich, voller Staub und sein Diener ist alt und mürrisch. Alle Versuche seiner Freunde, ihn aus dieser erstickenden Ruhe, Trägheit und Schläfrigkeit herauszuholen, scheitern. Oblomow bleibt ihnen gegenüber freundlich aber reserviert und verliert sich in den Traum eines geborgenen, sicheren, von aller Verantwortung freien Lebens, in dem der Mittagsschlaf Zentrum und Schwerpunkt der täglichen Verrichtungen ist. Pläne, das väterliche Gut Oblomowka zu pflegen, werden von einem auf den nächsten Tag verschoben, weshalb es mehr und mehr in Verfall gerät. Schließlich wird Oblomow krank und stirbt an einem Schlaganfall, ohne noch einmal versucht zu haben, sein Leben zu gestalten. Das Paradebeispiel eines dekadenten Landadligen, der von der Leibeigenschaft lebt und keine weitere gesellschaftliche Funktion übernimmt, noch vor hat diese zu übernehmen, wurde weitestgehend als Kritik daran gelesen und als Oblomowtum bezeichnet. Ja der Name Oblomow ging sogar in die Psychiatriegeschichte ein als Beleg für den Neurotiker, der apathisch, faul und parasitär lebt, obwohl er über andere Fähigkeiten verfügt, diese aber nicht einsetzt und in Muße lebt ohne diese auch genießen zu können. 
Mit diesem Oblomow hatte ich immer tiefstes Mitgefühl und hege bis heute eine Sympathie, die ich gar nicht erklären kann. Vielleicht ist es auch ein wenig Neid auf die, denen die Lebenswurstigkeit zur Realität wurde. Doch im Vordergrund steht mein freundschaftliches Mitgefühl mit allen Nichtsnutzen dieser Welt. Während mich die Nutzenmaximierer und die Fleißigen, die Streber unangenehm aufrütteln, mich gegen meinen Willen antreiben, indem sie mir ständig Gewissensbisse machen, Gewissensbisse die ich schon derart internalisiert habe, dass ich sie kaum noch verdrängen kann. Es sind diese Fleißigen, diese Streber, die beständig die Welt umgraben und aufwühlen, für Unruhe sorgen und uns antreiben mit dem Argument, Faulheit führe in den Niedergang.

Der Angestellte, der sein Talent vergräbt, der Teilnehmer am Experiment, der ein Mäuseleben rettet und Oblomow, sind sich sehr ähnlich, denn ich bin mir sicher, dass Oblomow die Maus gerettet hätte und der Mann aus der Bibel ebenfalls. Warum aber alle am Ende in die Hölle fahren, in die Finsternis? Das muss man mir tagtäglich neu erklären, damit ich so tue, als würde ich es begreifen. Ist es wirklich so schlimm, die arme Labormaus zu retten und ihr einen gemütlichen Oblomow-Lebensabend zu ermöglichen? Ich glaube nicht. So. Aber jetzt muss ich wirklich was arbeiten gehen. Nutzt ja nichts.

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