Literaturprojekt
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Neue Streifschüsse

Wann immer nötig. Alle ein bis zwei Wochen ein Schuss

 

 

Streifschuss vom 25. Mai 24

 

Anlass: Grundgesetze feiern nicht

 

Das Recht ist billig

 

The search is for the just word, the happy phrase, that will give expression to the thought, but somehow the thought itself is transfigured by the phrase, when found.

Der Dichter sucht nach dem gerechten Wort, der glücklichen Phrase, die dem Gedanken Ausdruck verleiht. Aber irgendwie wurde der Gedanke selbst durch die Phrase verändert, wenn sie gefunden wurde.
So sagte es einst treffend der Richter Nathan Cardozo, der in den 1930er Jahren am obersten Gerichtshof der vereinigten Staaten von Amerika tätig war und den New Deal von Roosevelt unterstützte.

Justitia ist die römische Göttin der Gerechtigkeit und sie hält einerseits eine Waage in der rechten Hand, diese steht für das ausgleichende Prinzip der Gerechtigkeit und in der linken Hand hält sie ein Schwert, dieses steht für die Bestrafung. Zusätzlich sind der Göttin die Augen verbunden. Justitia ist naturgemäß blind. Dies findet sich wieder im Artikel 3 unseres GG (Alle Menschen sind gleich). Ihr Ursprung ist die Aequitas (Gleichmaß, Gelassenheit, Billigkeit /Angemessenheit). Seit Augustus wird Justitia mit Dike und Themis gleich gesetzt. Dike (Δικη) ist eine der Horen (Zeitabschnitte) zweiter Generation (mit Eunomia und Eirene / gute Ordnung und Frieden). Sie wägt Recht und Unrecht ab und sucht nach der Wahrheit, um zu schlichten. Themis dagegen ist ihre Mutter (Mutter der Horen, 1. Frau von Zeus). Sie wusste sogar von Dingen, die das Wissen von Zeus überstiegen. Denn als Schutzherrin über das Orakel von Delphi kannte sie auch die Zukunft. Sie ist damit die Ordnung der Dinge selbst.
Als gute Ordnung, als Friedensstifterin einerseits sollte die Gerechtigkeit auftreten. Und zugleich ist Recht und Gerechtigkeit die  Ordnung selbst. Sie schafft nicht Ordnung. Sie ist die Ordnung. Radebruch prägte einmal den Satz „Das Recht befriedet nicht, aber es scheidet wohl.“
Der Friede des Gesetzes ist damit die Einordnung. Im Deutschen könnte man noch spötteln: Die Verordnung.

Justitia ist seit dem Mittelalter jungfräulich. Die altertümliche Ikonografie stellt sie noch mit einem Füllhorn (gemäß ihrem Ursprung: Aequitas = Gleichmaß) dar (sie spendete also Reichtum) und es galt: Jedem das Seine, lateinisch suum cuique, Verteilungsgerechtigkeit. Es besagt, dass jedem Bürger eines Gemeinwesens das zugeteilt wird (bzw. werden soll), was ihm gebührt, etwa durch gerechte Güterverteilung. Noch heute kann man diesen Spruch an der Decke vieler Gerichtsgebäude lesen. Da dies auch vor den Toren Buchenwalds steht, ist das heute schon ein Problem: Wir haben Artikel 14 GG, dieser gewährleistet den Schutz des Eigentum und verhindert damit eine egalitäre Verteilung.  Bei den alten Griechen war diese Verteilungsgerechtigkeit noch eine Kardinaltugend. Heute verfügen die zehn reichsten Deutschen zusammen über 150 Milliarden Gesamtvermögen. Das ist die Hälfte des Bundeshaushaltes!!

So stehen die Leistungsgerechtigkeit und die Verteilungsgerechtigkeit in einem großen Spannungsverhältnis. Man könnte etwas provokant sagen, dass die Machtverhältnisse nicht mehr die nationalen Politiken spiegeln. Denn so wie die absolutistischen Herrscher nicht national verortet waren, so sind die Finanzriesen heute alles andere als national. Der reichste Deutsche ist - nach der aktuellen Forbes-Liste von 2024 - der Logistik-Unternehmer Klaus-Micheal Kühne von Kühne & Nagel. 36 Millionen Euro in einer Hand. Weltweit gehört Kühne nicht zu den Reichsten, da taucht er erst auf Platz 32 auf. Ansonsten tummeln sich auf der Reichen-Liste Deutschlands Autohändler, Kioskbetreiber und Programmierer. Alles nicht gerade die edelsten Berufe. Keine Ärzte, Rechtsanwälte, Wissenschaftler, Lehrer, Künstler.

Leistungs- und Verteilungsgerechtigkeit garantieren eine friedliche Ordnung.

 

 

Streifschuss vom 24. Mai 2024

 

Anlass: it was a mans world

 

Herr Gott!!

 

Im schönen August 1948 trafen sich im Alten Schloss auf der Herreninsel am Chiemsee elf Männer. Knapp zwei Wochen beratschlagten sich die Herren.
Am dritten Tag fragte einer von ihnen: „Und? Wie weit sind wir?“
„Also“, antwortete Josef Schwalber aus Bayern, „ wir ham jetzad die Würde und die Freiheit.“
Die elf Männer blickten sich an. Sie waren sich sehr ähnlich. „Gut“, sagte daraufhin Carlo Schmid, „dann fehlt ja nur noch die Gleichheit.“ Alle elf Männer nickten zustimmend und beschlossen Artikel 3 „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“

So weit so unzureichend. Als man ein Jahr später im parlamentarischen Rat – diesmal in Bonn - dieses unter dem Wort „Grundgesetz“ bekannte Manuskript prüfte und absegnete, waren wieder viele Männer anwesend. Immerhin 61 Männer. Aber! Und das war verwirrend: auch vier Frauen. Elisabeth Selbert, Helene Wessel, Frieda Nadig und Helene Weber. Diese stellten nun klar, dass dieser Artikel 3 im Grundgesetz doch auch sie betreffen würde. Schließlich gebe es am Chiemsee auch eine Fraueninsel. Die Männer waren entsetzt und dachten an ihre geschäftsunfähigen Ehefrauen zu Hause. Frauen und gleich? Alle lachten herzhaft. Doch die vier Frauen ließen nicht locker und acht Jahre später wurde dem Grundgesetz ein extra Artikel zugefügt, indem der Staat aufgefordert wurde, in absehbarer Zeit die Gleichberechtigung der Frau voranzutreiben. Bis heute verdienen Frauen bei gleicher Leistung zwei Monatsgehälter weniger als ihre gleichberechtigen Männer und 1958 hatte der Ehemann auch das alleinige Bestimmungsrecht über Frau und Kinder inne. Auch wenn er seiner Frau erlaubte zu arbeiten, verwaltete er ihren Lohn. Das änderte sich erst schrittweise. Ohne Zustimmung des Mannes durften Frauen kein eigenes Bankkonto eröffnen, noch bis 1962. Erst nach 1969 wurde eine verheiratete Frau als geschäftsfähig angesehen. Bis 1997 galt Vergewaltigung in der Ehe noch nicht als strafbar, weil man die Ehe schützen wollte.  Und vor kurzem entdeckten Wissenschaftler, dass es tatsächlich "nein" heißt, wenn Frauen "nein" sagen. Man kann sich die Überraschung in den Gesichtern der männlichen Schweinepriester vorstellen. Dass wir über ein halbes Jahrhundert später immer noch darüber streiten müssen, ist wohl das größte Armutszeugnis der so genannten freien Gesellschaft. Den vier Frauen unter 61 Männern vom parlamentarischen Rat 1949 in Bonn gehört ein Denkmal gesetzt. Es ist eine Tragödie, dass diese vier Frauen immer noch relativ unbekannt sind. Geschichte wird nach wie vor von Männern diktiert und das muss sich nun wirklich endlich ändern. Gut!  Ich bin ein Mann und ich verneige mich vor Helene Wessel, Elisabeth Selbert, Helene Weber und Friederike Nadig. Danke.

 

Streifschuss vom 17. Mai 24

 

Anlass: Lasset uns Taufen

 

Die Passion eines Zombies

 

„Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ So schildert irgendein Lukas das Pfingstereignis in der Apostelgeschichte. Parther, Meder, Elamiter, Kappadokier, Provinz-Asiaten, Mesopotamier, Libyer, Ägypter, Römer lebten zu der Zeit in Jerusalem und sie waren alle erstaunt: „Sind das nicht alles Galiläer die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören?“
Das war in der Tat seltsam. Petrus musste extra beteuern, dass diese Leute nicht betrunken waren, sondern der Geist Gottes auf sie geschüttet worden sei. Wie es ein gewisser Joel schon ein paar Hundert Jahre früher vorausgesehen hatte.  Das alles geschah bei einem jüdischen Erntedankfest. Diese Christen! Zungenreden war eine Gnadengabe. In diesem Fall war es die so genannten Xenoglossie. Den Begriff führte der französische  Arzt Charles Richet in den 1920er Jahren ein. Gelegentlich kann es unter hypnotischen Bedingungen dazu kommen, dass sich der Zungenredner in diesem kryptomnestischen Zustand an vergessene Idiome erinnert, ähnlich einem Déjà-vu. Stellen Sie sich vor sie befinden sich auf einem Hochzeitsfest der Mafia. Mitten im Feiern springen Sie auf und fangen an, pseudoitalienisch zu brabbeln. Da brauchen Sie wirklich dringend einen Petrus, der dem Mafia-Boss erklärt, dass Sie nicht betrunken sind, sondern der Geist Gottes über Sie gekommen ist. Wenn Sie Glück haben, fliegt gerade eine Taube vorbei, dann wirkt es noch glaubhafter. Der ganze Klimbim aber hat sich gelohnt. Pfingsten gilt als Gründungstag der Kirche, einer Institution die nun seit 2000 Jahren  in Zungen zu uns redet und das Patent aufs Zungenreden inne hat. In allen Sprachen der Welt wurde aus einem Untoten, einem Zombie namens Jesus ein Heiland. Diese nekrophile Tendenz strahlt jedes Kirchengebäude noch heute aus. Nicht umsonst setzte sich ein Priester verstärkt für die Zombies ein in Walking Dead.
Lukas gilt als Autor der Apostelgeschichte und Lukas war Arzt, später Begleiter von Paulus von Tarsus. Vielleicht ist wirklich ein Geistesgestörter lallend und schwankend wie ein Zombie durch Jerusalem gelaufen und sah ein bisschen aus wie der jüngst gekreuzigte Jesus. Lukas dachte, scheiße noch mal. Da kann man doch was draus machen. Jesus selbst hatte schon Tote wieder ins Leben gebracht, da passte es doch gut, wenn er das mit sich selbst genauso machte. Er stieg also herab, wie er heraufgestiegen ist und klar, wenn man mal tot war, ist man nicht gleich wieder voll auf der Höhe. Man lallt und schwankt und sieht ein wenig ungesund aus. Aber was soll’s.  Dazu ein paar brabbelnde Männer, die verschiedene Idiome paraphrasieren und fertig ist der Klimbim für das einfache Volk. Wenn man bedenkt, was für einen Schwachsinn Leute selbst heute noch geneigt sind zu glauben (Mark Zuckerberg frisst kleine Kinder, wir werden von außerirdischen Reptilien regiert), dann funktioniert diese Methode immer noch. Und wird immer funktionieren. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Streifschuss vom 13. Mai 24

 

Anlass: besonders persönlich, weil ich von dieser Sorte Mensch umgeben bin und weil das mein allerkürzester Streifschuss für immer ist.

 

Die schlimmste Sorte Mensch

 

Zwei Weltkriege haben das Großbürgertum und die Aristokratie hinweg gefegt, und die moderne Technologie zerstörte die Arbeiterklasse. Überlebt hat nur die schlimmste Klasse, die Kleinbürger. Was ist ein Kleinbürger? Nun. Erst einmal klein im Sinne einer überschaubaren Genealogie. Die bestürzende Vergesslichkeit des Kleinbürgers, der sich vielleicht noch an die Großeltern und im allerbesten Fall an die Urgroßeltern erinnern kann. Aber meist hört die Genealogie schon bei den Eltern auf. Im Milieu der Kleinbürger lösen sich Familien auf wie in Salzsäure. Die Vereinzelung der Gesellschaft in kleine Gruppen ohne tiefere Bindung lässt sich auch viel leichter regieren. Großfamilien mit einer entsprechenden Genealogie, haben Wurzeln und sind nicht so ohne weiteres zu lenken. Doch die Zerstörung dieser Strukturen brachte den Kleinbürger hervor, leicht beeinflussbar, wurzellos und konsumorientiert. Eine ganz schlimme Sorte Mensch.

 

Streifschuss vom 11. Mai 24

 

Anlass: Fakten, Fakten nichts als Fakten

 

 

Nur gefakt

 

Alles ist Spaß auf Erden,
der Mensch ein geborener Tor;
und dünkt er sich weise zu werden,
ist er dümmer noch als zuvor.

(Zettels Traum)

 

Tatsächlich gibt es keine reine Faktenwelt. Wir bewerten immer mit. Wir können gar nicht anders, da unser Koordinatensystem so funktioniert. Begriffe sind stets auch Wertbehälter. Die Darstellung einer Moderne mit Fake News geht davon aus, dass es einmal reine Nachrichten gegeben habe. Die neuen Techniken der Manipulation von Bildern sind lediglich ein Komparativ der immer schon fragwürdigen Nachrichten von der Welt. Und sie verweisen uns auf unsere Schwäche, etwas wissen zu wollen von Dingen und Ereignissen bei denen wir nicht selbst beteiligt waren bzw. sind. Das nannte man einst Fürwitz. Nachrichten sind nichts weiter als Fürwitz. Denn sie verfolgen keinen Zweck. Sie behaupten in einer Demokratie zwar, ihr Zweck sei Aufklärung über die Machenschaften der Regierenden. Dabei sind sie durch ihre Redaktion und Auswahl schon manipulativ und verfolgen als Nachricht ihre ganz eigene Agenda. Damit die Mächtigen nicht machen können, was sie wollen, dazu wurden die Nachrichten einst gemacht. Das ist eine Form der Bewertung die den Urakt der Nachricht überhaupt erst zur Welt brachte. Wenn uns daher die Nachrichten nicht mehr so dienen wie einst (wenn sie das je überhaupt taten), dann sollten wir uns selbst hinterfragen. Was hätten wir denn gerne für Nachrichten?  Sind die Nachrichten nicht sogar ein Spiegel unserer eigenen Verfehlungen? Die Geschichten die wir uns erzählen sind oft wahrer, als die Tagesschau um 20.00h. Wir wissen vieles nicht. Aber wir ahnen weit mehr. So pulst hinter jeder Nachricht auch die Verschwörung ein paar Weniger, die etwas vorhaben, von dem die Öffentlichkeit nichts mitbekommen soll. Zu welchem Zweck und was die Wenigen vorhaben, das ist ja verborgen. Nachrichten decken so etwas ganz sicher nicht auf. Wer das glaubt, ist entweder naiv oder selbst Teil einer Verschwörung. Denn tatsächlich ist die Polizei eine Erfindung der Mächtigen selbst und die Nachrichtenmacher waren in diesem System von Anfang an nicht frei von Eigennutz. Die Geschichte der unterdrückten Nachrichten ist lang. Und die Geschichte dieser unterdrückten Nachrichten ist selbst eine glaubwürdigere Geschichte, als jede Behauptung von der Wahrheit der Nachricht. Es ist nicht sehr originell, die Presse zu kritisieren. Eher ist es ein Zeugnis der eigenen Naivität. Ha, als habe es jemals unabhängige Nachrichten gegeben. So wenig wie je ein einzelner Mensch unabhängig war – selbst Robinson Crusoe brauchte seinen Freitag – so wenig gab es je einen Menschen, der eine unabhängige Nachricht verkündete. Selbst die Homeriden waren eine Gilde, die Regeln folgte und nicht etwa der Wahrheit.

 

Streifschuss vom 02. Mai 24

 

Anlass: Inhalte

 

Kuchen, Krümel und der Rest

 

Ich war nie sehr gottesfürchtig. Eher habe ich trotzig mit dem abstrakten Schöpfer gestritten, weil ich das „Leben“ als Konzept nie voll akzeptiert habe. Vielleicht hat mir das „Leben“ daher immer wieder kleine glückliche Zufälle zugespielt. Das empfand ich als doppelzüngig. Denn die großen Zufälle sind nur für die Auserwählten. Wir, die vielen, die Masse sollen uns mit dem Kleinen begnügen. Während die Wenigen, die Großen, den ganzen Kuchen bekommen, werden die Vielen, die Masse mit den Krümeln abgespeist. Manche von den Vielen, der Masse gucken nur auf den großen Kuchen und vergessen die Krümel. Das habe ich nie. Ich habe die Krümel voll Verachtung geschluckt. Und ich habe mich allmählich darauf eingestellt, den großen Kuchen nur zu beachten, wenn ich Gelegenheit habe, ihn sauer zu machen. Mein Hauptgeschäft im Dasein wurde es, auf den großen Kuchen zu spucken und dann vergnüglich zu sehen, wie die Großen, die Wenigen, die Auserwählten mit dem großen Kuchen auch meinen Speichel fressen. Ich habe in den Teig hinein geschissen und hinein gepisst. Vor lauter Zucker merken die Großen, die Ausgewählten nicht, dass sie meine Scheiße und meine Pisse mit in ihren Magen hinein schütten. Gut, sie spülen das mit Champagner nach. Und beim Backen wurde meine Scheiße hart und geschmacklos. Aber immerhin, immerhin ist ein wenig Unreinheit in das Verdauungssystem der Wenigen, der Auserwählten gekommen. Es wird nicht ausreichen, sie krank zu machen, Aber vielleicht stößt der eine oder andere dieser Auserwählten auf. Und ein Hauch meiner Kackwurst weht durch den Ballsaal der Arroganz. Jedem Adel, sei es Geldadel, Bildungsadel, Leistungsadel gilt es zu widerstehen durch Störung. Meine unhörbare subalterne Stimme wird nicht ihre Ohren oder Augen, aber immerhin ihren Geschmackssinn, ihren Geruchssinn erreichen. Ich stinke sie an. Bin eine Art Stinktier unter den Literaten. Jedem der sich einbildet, er sei etwas Besonderes: ein Furz ins Gesicht. Laut, leise, manchmal donnernd, aber diejenigen, die nur pfff machen, stinken am ärgsten.

 

Streifschuss vom 20. April 24

 

Anlass: Stehen bleiben heißt sterben (John Locke)

 

Mein bislang kürzester Streifschuss

(und ein Bild das für sich spricht)

 

Vieles ist sehr widersprüchlich in der Politik. So fordert Lindner mehr Überstunden von uns; aber Cannabis wird legalisiert, ein Stoff der uns noch träger macht. Dagegen bleibt Kokain verboten und wird sogar beschlagnahmt. Wo uns doch Kokain helfen könnte, die von Lindner geforderten Überstunden zu leisten. Darin erkenne ich keine Logik, sondern nur Geschwätz, puren Bullshit, ausgestoßen von Menschen, die nur von einer Handvoll Lobbyisten unterstützt werden und von der Mehrheit der Bevölkerung sogar verachtet. Wäre ich also ein Berater für Politiker, würde ich ihnen raten, möglichst zu erläutern, was bereits geschafft wurde. Statt mehr Überstunden zu fordern, - was gelinde gesagt ziemlich Arschloch-mäßig wirkt, würde ich ihnen raten zu sagen: Wir Deutsche haben in den letzten Jahren sehr viel gearbeitet. Das geht absolut in die richtige Richtung. Es kommt nun darauf an, dass wir nicht locker lassen. Gerade jetzt brauchen wir Sie, ja Sie, und damit sind alle arbeitsfähigen und leistungsbereiten Frauen und Männer gemeint, die für dieses Land ihren Beitrag leisten wollen. Also ich würde den Politikern raten, wie ein Coach zu reden, nicht wie ein Arschloch.

 

 

Streifschuss

vom 04. April 24

 

Anlass: Ehe zwischen Mythos und Aufklärung am Beispiel Christoph Martin Wieland

 

Studie über Alkestis

 

Die Ehe gilt als Basislager der Bourgeoisie und so verwundert es nicht, dass der aus einer Wirtshausfamilie (schon sein Urgroßvater war Wirt von „Zum golden Bären)  stammende Biberacher Christoph Martin Wieland fast 40 Jahre verheiratet war und mit seiner Frau Anna Dorothea, eine geborene Hillenbrand, 14 Töchter hatte. Ein von ihm gedichtetes Singspiel, ein Libretto für eine Oper von Anton Schweitzer, brachte ihm dann aber den Spott eines Mannes ein, der von der Ehe keine Ahnung hatte. Wieland war schon acht Jahre verheiratet und hatte schon vier Töchter, Sophie-Katharina (*1768), Maria Caroline Friederike (*1770) Regina Dorothea (*1771),  und Amalia Augusta (*1773). Kein Wunder also, dass Wieland auch einmal den Alkeste-Mythos aufgriff, der den Opfertod einer liebenden Ehefrau ins Zentrum des Geschehens stellt. Denn der Mythos beschreibt den König Admetos von Pherai, der es schafft einen Eber und einen Löwen vor den Hochzeitswagen zu spannen und daher die schönste der Töchter des Königs von Iolkos als Lohn für diese Leistung bekam. Eber und Löwe stehen allegorisch für die Manneskraft und die Stärke des Männlichen. In der Regel gehen in der Ehe diese Kräfte ein wenig verloren. Nicht so bei Admetos, der sogar dauerhaft leben darf, weil er einen Stellvertreter findet, der für ihn stirbt. Doch leider ist es seine Frau Alkestis, die sich für ihren Ehemann opfert. Das war zwar so nicht von vorneherein abgemacht, aber die Götter sind fiese Biester und selbst schuld, wer mit ihnen Verträge eingeht. Doch ein Halbgott – Typen, die sich nicht um Verträge scheren – rettet Alkestis. Es ist Herakles, der mit dem Tod, mit Thannatos ringt, und ihn auch in die Flucht schlägt. Alkestis darf also weiter leben, an der Seite ihres Mannes. Der Schelm und Tragödiendichter Euripides nahm diesen Stoff auf und darin streitet sich der König Admetos mit seinem Vater Pheres. Er wirft ihm vor, nicht an Stelle von Alkestis gestorben zu sein. Pheres wirft seinem Sohn vor, er sei der Mörder seiner Frau. Herakles erfährt vom Tod der Alkestis, geht in die Unterwelt, den Hades, und holt Alkestis da wieder raus. Doch Admetos erkennt die verschleierte Ehefrau nicht, misstraut dem Mitbringsel von Herakles zunächst. Herakles zieht nun den Schleier von Alkestis, damit Admetos sie erkennen kann.
Christoph Martin Wieland holt in seiner Interpretation des Mythos noch eine Parthenis ins Boot. Sie ist die Schwester von Alkestis. Im fünften Akt, als Herakles mit der verschleierten Frau ankommt, ist es gerade Parthenis die dem Halbgott Vorwürfe macht, er würde hier irgendwas ins Haus schleppen, aber bestimmt nicht ihre Schwester Alkestis. Doch dann erkennt sie, dass Herakles sein Wort gehalten hat und holt den trauernden Admetos dazu. Friede, Freude, Eierkuchen.
Goethe las dieses Singspiel und betrank sich daraufhin. Im Suff schrieb er dann (so hat er es selbst gegenüber Johanna Fahlmer geäußert) sein Spottgedicht Götter, Helden und Wieland.  Hier kann man mitlesen: Götter, Helden und Wieland.  In dem Spott wirft Goethe seinem, 16 Jahre älteren Kollegen vor, er würde aus dem griechischen Helden Herakles einen gefühlsduseligen Schwippschwager machen und er schildert Wieland der in Schlafanzug und Schlafmütze in den Hades gebracht und dort vor Gericht gestellt wird, für sein mäßiges Alkestis-Singspiel. Wielands Herakles-Darstellung ist nicht vereinbar mit Goethes damaliger Auffassung von griechischem Heldenmut. Tatsächlich standen Wieland und Lessing Pate für die Empfindsamkeit. Seltsam nur, dass der Autor des Werther (der Heulsuse der Literatur schlechthin) sich hier über die Empfindsamkeit eines Halbgottes lustig machte.

Wieland wiederum reagierte auf das böse Gedicht von Goethe weltmännisch und schrieb eine sehr positive Rezension über Goethes Götz von Berlichingen. Mit folgenden Worten: Ein Autor ist darum nicht gerade ein Duns, weil er unbillig oder unartig gegen uns ist; und warum sollte ein Böser Mensch (gesetzt auch, daß einer, der uns nicht liebt, darum gleich ein böser Mensch seyn müßte) nicht eben sowohl ein gutes Werk schreiben können.
So nahm er dem jungen Goethe den Wind aus den Segeln.  Und Goethe bliebt nichts anderes übrig, als entschuldigend zu behaupten, er habe sein Spottgedicht über Wieland im Suff geschrieben und es sei ganz aus Versehen dann auch noch veröffentlicht worden.

Goethe: Mea maxima culpa.

Und Wieland: Praecipitandus est liber spiritus.

Und Goethe ad spectatores: Dieser Sack, nicht mal böse kann man mit ihm sein.

 

Zurück zum eigentlich Thema. Wieland war fast 40 Jahre verheiratet, von 1765 bis 1801, dem Tode seiner Frau, die er selbst 12 lange Jahre überlebte. 14 Töchter aus dieser Ehe, ein Sohn hat nie überlebt. Wieland war der Familienmensch schlechthin unter den Weimarer Viersternedichtern. Er war der Bourgeoise schlechtin. Ein Admetos der beginnenden Aufklärung, ein sentimentaler Held am Endpunkt des Rokoko.  Eber und Löwe waren in Wielands Fall Feder und Tinte.
Kurz: Die Ehe ist unter dem bürgerlichen Zeltlager immer ein Frauenopfer. Es bedarf eines Herakles, die Frau zu retten. Später hat Goethe den Opfertod der Frau ja auch immer wieder kritisiert, in seinem Helena-Akt im Faust oder in seiner Iphigenie auf Tauris. Goethe war noch mehr ein barocker Mensch, als Wieland. Die Empfindsamkeit der Bourgeoisie erfand die weiblichen Tugenden und die Aufklärung – und dies hier gilt als weiterer Beleg dafür – hat das Frauenopfer institutionalisiert.

Streifschuss vom 02. April 24


Anlass: Woher kommt unsere Kunst und warum eigentlich?

 

Natur und Verstand – eine unglückliche Mesalliance

 

 Sieht man sich die Kunstgeschichte an, die ganze Kunstgeschichte  – Gott bewahre ich hätte sie im Ganzen je gesehen  - lässt sie sich in einem einfachen Antagonismus darstellen. Auf der einen Seite haben wir die Natur. Auf der anderen Seite die Ratio, also unseren diese Natur begreifenden Verstand. Und hier gibt es schon große Missverständnisse.
Naturalismus – Rationalismus sind die Begriffe dieses Antagonismus und sie bedeuten oft nicht das, was man glaubt, was sie bedeuten. Die Zeichnungen von Kindern und von Primitiven sind „rationalistisch“. Das ist die erste Überraschung. Sie sind nicht sensorisch, sie zeigen, was das Kind und der Primitive wissen, nicht, was sie tatsächlich sehen, sie geben ein theoretisch-synthetisches, nicht ein optisch-organisches Bild vom Gegenstand.  Die Darstellung primitiver Kulturen, also die Darstellung der Hirtengesellschaften, der Ackerbau treibenden und Metall verarbeitenden Gesellschaften nach der neolithischen Revolution weist große Ähnlichkeiten auf mit der Darstellung der Wirklichkeit von kleinen Kindern bis etwa zum dritten, vierten Lebensjahr. So sieht man eine vereinfachte und stilisierte Darstellung bei Kindern ebenso wie bei den frühen neolithischen Kulturen. Die Komplexität der Formen wird reduziert, um die Essenz des dargestellten Objekts oder der Szene einzufangen. Das ist rationalistisch gedacht, da hier nicht die Wirklichkeit abgebildet wird, sondern ein Stil, eine Gedanke. Frühe Kulturen und Kinder verwenden symbolische oder ikonische Elemente, um bestimmte Konzepte oder Ideen darzustellen.  Beiden (Kindern und Primitiven) fehlt die Perspektive, Objekte werden oft flach und ohne räumliche Tiefe dargestellt. Auch hier fehlt also Wirklichkeit. Es kommt in beiden Fällen zu einer Betonung der Linie: auffällige, deutliche Linien, um Formen zu umreißen und Details hervorzuheben. Die Linie wird oft als primäres gestalterisches Element verwendet. Ebenso gibt es den expressiven Ausdruck: Ausdruck von Emotionen und unmittelbare Verbindung zum Erleben und Empfinden.  Nicht was ist, sondern was erlebt, empfunden, für das Subjekt bedeutend ist, wird dargestellt.

Also es wird zum Beispiel –das Profil nicht frontal, sondern von der Seite dargestellt, das biologisch oder motivisch Wichtige wird vergrößert und vernachlässigen alles, was für den gegenständlichen Zusammenhang keine direkte Rolle spielt.

In der älteren Steinzeit hingegen, im Paläolithikum, das etwa vor 2,5 Millionen Jahren bis etwa 10.000 vor Christus geht, begegnen wir regelrechten Bewegungsstudien, die uns beinahe schon an photographische Momentaufnahmen erinnern. Der Paläolithiker malt noch, was er unmittelbar sieht. Das wäre im Gegensatz zur rationalen und begrifflich orientierten Faktur ab der Jungsteinzeit als Naturalismus zu bezeichnen. Also der Anspruch der Dichter im 19. Jahrhundert, die Dinge, gesellschaftlichen Verhältnisse, etc. so darzustellen, wie sie sind und nicht, wie man sie gerne hätte, oder wie sie wahrgenommen werden in der ganzen Verfälschtheit subjektiver Wertung, sondern so, wie sie sind, dieser  - heute als naiv zu bezeichnende – Ansatz lässt sich also in den vorgesellschaftlichen Menschen erkennen.

Der Paläolithiker kennt diese kindlich rationale Darstellung eines Seitenprofils, ein Gesicht aus der Silhouette im Profil und den Augen en face zusammengesetzt, noch nicht. Das ist sicher ein wesentlicher Unterschied zu den Darstellungen des 19. Jahrhunderts. Emile Zola oder Gerhard Hauptmann kannten die andere Seite des rationalen, bewertenden, deutenden Spektrums der Literatur sehr wohl.

In dieser Altsteinzeit gab es den Dualismus des Sichtbaren und des Unsichtbaren, des Gesehenen und des Gewußten nicht, das ist den Menschen dieser Zeit fremd. Hier im Urgrund es Mythos wird noch nicht gedeutet.-

Die Menschen waren Jäger und Sammler. Jäger und Sammler dieser Zeit waren unproduktiv, auf einer parasitären Wirtschaftsstufe, erbeuteten oder sammelten ihre Lebensmittel, erzeugten sie aber nicht. Vermutlich glaubten sie nicht an Götter, oder an ein Jenseits oder einem Dasein nach dem Tode (das ist in jüngster Zeit zwar umstritten, aber sicher war das Jenseits des vorgesellschaftlichen Menschen ohne feste Form).

Was bezweckten diese Darstellungen (Altamira, Lascaux)?  Dachte der Maler, in dem Bild das Ding selbst zu besitzen, mit der Abbildung Gewalt über das Abgebildete zu gewinnen? Glaubte er, dass das wirkliche Tier die am abgebildeten Tier vollzogene Tötung selber erleidet?
Tatsächlich dürfte es sich nicht um symbolische Ersatzfunktionen gehandelt haben, sondern um richtige Zweckhandlungen, um wirkliches Tun, wirkliches Verursachen.  Und diese atavistische Motivation steckt bis heute in jedem Kunstwerk.
Die Welt der Fiktionen und Bilder, die Sphäre der Kunst und der bloßen Nachahmung (Mimesis) wurde bei den vorgesellschaftlichen Menschen  noch nicht unterschieden von der Erfahrungswirklichkeit. Es waren keine verschiedenen, keine voneinander geschiedene Bezirke.
Diese Sphäre der Unentschiedenheit verschwand dabei nie ganz. Sie kommt noch – unter anderem - in der Legende des Pygmalion vor, in der sich der König von Zypern in eine elfenbeinerne Statue der Aphrodite verliebt. Es ist die gleiche Statue, die er selbst geschaffen hat, und sie stammt aus dieser vorgeschichtlichen Gedankenwelt. Die ausführlichste Schilderung des Pygmalion findet sich bei Ovid (augusteisches ZA) in den Metamorphosen 10,243–297. Die früheste stammt von Phylostephanos aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert. Erstmals wurde sie von dem aus dem heutigen Lybien stammenden griechischen Dichter Philostephanos als Sage übermittelt. Die Geschichte selbst ist sicher schon um vieles älter. Aber das sei außen vor. Entscheidend ist der Inhalt, dass es einen verschmelzenden Übergang gibt von Kunst und Wirklichkeit, von der Natur zur Ratio. Es gibt die Utopie des unverstellten Blicks auf die Welt. Sie ahnt uns aus unserer Vorgeschichte an. In wie weit wir heute fähig sind, die Natur ohne deutende und verzerrende Bias wahrzunehmen, das steht auf einem unbeschriebenen Blatt. Aber genau hier liegt die epistemische Grenze allen Seins. Und was würde unser Leben bedeuten, wenn es nur eine Fiktion ist? Und was ist da die Wahrheit, die Wirklichkeit?

 

 

 

Streifschuss vom 30. März 24

 

Anlass: etwas Antichrist am Ostersamstag

(Das Bild zeigt Nietzsche im Alter von 17 Jahren)

 

Begriffsweihrauch

 

Der Dionysiker Nietzsche nannte die Philosophen einmal „Herren-Begriffs-Götzendiener“ und erwies sich darin als der heiße Denker und Sprachkritiker der Moderne und als Vorläufer von Foucaults Machtkritik und Derridas Kritik am Logozentrismus.  Nietzsche kritisierte die Philosophen als unsinnliche, die Wirklichkeit aus den Begriffen saugende Monster (Totengräber-Mimik). Er verwarf darin die Vernunft als Begriffszement, der „Glaube an die Lüge“ darstellt und das war für ihn vor allem die Moral.

Heute wissen wir, glauben zu wissen, dass wir uns an Begriffe leichter gewöhnen, wenn wir sie vergegenständlichen, sie erfahrbar machen. Begriffe, die wir nicht erfahren können, die nur Gedachtes, aber nicht Vorstellbares transportieren (Vernunft, wäre so ein Begriff) benötigen die Institutionalisierung durch die Verschriftlichung. Die Verschriftlichung führte zu einer Stabilisierung des Noumenon von Begriffen. Allein, weil sie verschriftlicht wurden, waren sie mehr erdacht als erfahren. Das Universale verewigt sich und wird genau zu dem, was Nietzsche kritisierte, einer Begriffs-Mumie, die irgendwann ihren Eigensinn verliert. So geht es Worten wie Gott, Vernunft, Geist.

Es war der britische Philologe Eric Havelocks(1903 bis 1988) der die epochemachende These aufstellte, dass die Ablösung noumenaler Gehalte von ihrer Präsenz im menschlichen Bewusstsein, ihre Hypostasierung zu unabhängigen geistigen Wesenheiten eine Folge von habitualisiertem Schriftgebrauch ist (zitiert nach Albrecht Koschorke, aus Wahrheit und Erfindung).

Nietzsches Sprachkritik gegen die Begriffsmumifizierer ist also eine Kritik aus den heißen Zonen der Kultur und richtet sich gegen die kalten Machtzentren der Begriffspriester. Worin Nietzsche mehrfach im Recht ist, denn tatsächlich sind Begriffe mit möglichst wenig Inhalt und viel Varianz am stabilsten. Das heißt Begriffe, die eigentlich schon tot sind, leben am längsten. Schlüsselwörter wie Geschichte, Kultur, Gesellschaft, Entwicklung stammen alle aus dem 18. Jahrhundert. Sie haben schon jetzt kaum noch einen speziellen, konzeptuellen Inhalt. Ihre Varianz übersteigt bei weitem ihre Spezialität. Auch neuere Begriffe wandern leichter, können in andere Wissensgebiete migrieren, wenn sie ähnlich unterbestimmt sind wie dieses kalt gewordene im künstlichen Koma lebendig gehaltene Begriffsfleisch.

Es bedarf der Einrichtung von Sperrgebieten, die aus starren und fluiden Begriffen bestehen. Priester erbauen Stätte semiotischer Produktion in die man nur hinein kommt, wenn man hohe Widerstände überwindet: Die Wissenschaft, das Recht, die Medizin.

Es gibt dagegen die loci communes, die wir heute als Medien bezeichnen würden, und dort findet ein friedensstiftender Austausch statt, mit dem Preis, dass die Überwölbung der Differenz zur semantischen Entleerung führt. So entstehen die leeren Signifikanten, die Ernesto Laclau (argentinischer Poststrukturalist, 1935-2014) einführte. Das Wort „Freiheit“ ist so ein leerer Signifikant auf der allgemeinen Sprachbühne der Politik.  Und genau diese loci communes, diese Orte der gemeinsamen Sprache nutzte Nietzsche, um sie zugleich zu kritisieren.
So wie heute eine Spezies existiert, die sich der Medien bedient, um über die Medien zu schimpfen. Es ist eine destruktive Energie, die zugleich wiederum konstruktive Rückkoppelung ermöglicht. Das ist diese Umwertung aller Werte. Bevor man an die Stelle der verkommenen, längst modrig-miefenden, septisch sich zersetzenden Werte der Moral neue Werte setzt, muss man die alten Werte nachhaltig und rigoros zerschlagen und auflösen. Das gebietet die kognitive Hygiene. Da wären wir bei den Christen und ihren Affenglauben an die Auferstehung. Allein diese Gedankengänge Nietzsches sind sogar für den Revolutionär reizvoll.
Es ist das Zeichen der Zeit, der Nietzsche folgte. Im wilhelminischen Kaiserreich sah Nietzsche bereits all die Verfallserscheinungen einer demokratischen Verfasstheit, deren Liberalismus den Begriff "Liberty" entwertete. Die allgemein herrschende Vorstellung der Moderne wurde es dann schließlich, dass sich dringend etwas ändern muss. So haben viele den ersten Weltkrieg als reinigendes Gewitter herbeigesehnt, als einen Umwerter aller Werte. Auch heute haben wir so eine Schwellen-Epoche in der viele Menschen so denken. ES MUSS SICH WAS ÄNDERN – SO KANN ES NICHT MEHR WEITERGEHEN!

Doch diese leeren Signifikanten unserer herkömmlichen Moral haben den großen Vorteil, dass sie für alle offen und gebrauchbar sind. Das ist ihr eigentlicher Wert. Begriffe die jedermann benutzen kann, jede Partei, jede Organisation. Begriffe, die jeder Formalisierung standhalten. Sie sind auf keiner Festplatte mehr zu löschen, sind längst ein Teil der Festplatte geworden. So sind die höchsten Werte der Moral meist ganz inhaltsleer und können doch stark mobilisieren, weil sie eben ein gemeinsamer Nenner sind. Freiheit? Da können wir uns alle darauf einigen. Und gerade dieser Wert muss zerschlagen werden. Die Festplatte selbst taugt nichts mehr, wenn Begriffe nicht mehr gelöscht werden können, jeder Formalisierung standhalten, weil sie wie ein Dämon jeden Inhalt annehmen, den man ihnen anbietet. Was taugt eine Moral noch, wenn sie so beliebig geworden ist?

Mit Nietzsche gesprochen: „Was wir aus ihrem Zeugnis machen, das legt erst die Lüge hinein, zum Beispiel die Lüge der Einheit, die Lüge der Dinglichkeit, der Substanz, der Dauer… Aber damit wird Heraklit ewig recht behalten, daß das Sein eine leere Fiktion ist. Die scheinbare Welt ist die einzige: die wahre Welt ist nur hinzugelogen.

Die Scheinwelt ist jene fest stehende und für immer wahr seiende Welt. Es gibt daher keine ewigen Wahrheiten. Ewige Wahrheiten sind leere Signifikanten, die wie Zeit und Raum unser Sein einspannen ohne einen Anfang oder ein Ende zu kennen. Was soll  das für ein Gespann sein? Zwei lose Enden? Gott, Gottes Sohn, Gottes Enkel, Gottes Sperma gezüchtet in einer Datenbank – Ergebnis: vom Inzest verkrüppelte Totgeburten.

Streifschuss vom 27. März 24

Anlass: Geschrieben vor 15 Jahren

 

Streifschuss 14. April 2008

Anlass:  Olympiade in China

 

Sport ist Mord

 

Der älteste deutsche Fußballclub feiert sein 120jähriges Bestehen. Der B.F.C. Germania 1888 war im Jahr 1890 inoffizieller deutscher Fußballmeister. Heute spielen die Recken von Chef-Trainer Erkan Erdogan in der siebtklassigen Berliner Bezirksliga und liegen dort abgeschlagen auf dem letzten Platz. Der BSV Hürtürkel führt diese Berliner Bezirksliga an. Immerhin findet sich eine kleine Geschichte des Fußballs auf der Webpräsenz des Vereins von Germania. Dort kann der Interessierte nachlesen, dass dieses Spiel 3000 vor Christi von den Chinesen erfunden wurde. Sie nannten es damals Tsu Chu (...einen Ball mit dem Fuß stoßen). Also: Im Jahr der brennenden Fackel - äh, Olympia, ein Indiz für die Chinesen, die vermutlich alles erfunden haben. Oder? Waren es doch die Tibeter? Wir werden es nie genau wissen können.

Aber wir erfahren weiter auf der informativen Webpräsenz des B.F.C Germania 1888, dass das angebliche Mutterland des Fußballs diesen Sport im 14. Jahrhundert sogar verboten hatte, da man "um die öffentliche Ordnung und um die Vernachlässigung des Kriegshandwerks fürchtete". Und ah ja: Die Römer unter Theodosius I. und dem II. um 400 vor Christi haben sogar die olympischen Spiele verboten, um das Heidentum zu bekämpfen. Auf niedrigem Niveau wurden die Spiele damals allerdings heimlich aufgeführt.

Das alles ist interessant, wissenswert und macht uns neugierig. Aber es hilft uns nicht weiter, wenn im August 2008 über 10.000 Athleten schwören werden: "Im Namen aller Athleten verspreche ich, dass wir an den Olympischen Spielen teilnehmen und dabei die gültigen Regeln respektieren und befolgen und uns dabei einem Sport ohne Doping und ohne Drogen verpflichten, im wahren Geist der Sportlichkeit, für den Ruhm des Sports und die Ehre unserer Mannschaft.

Sport ist Mord. Dieser Ausspruch von Winston Churchill gewinnt für einen Tibeter dieser Tage eine ganz neue Bedeutung.

 

Streifschuss vom 23. März 24

 

Anlass: Earth Hour

 

Hippie Aliens

 

In der Science Fiction wurden schon alle möglichen Varianten durchgeführt. Die außerirdischen Eroberer, gekommen um aus der Erde eine Kolonie und uns zu Sklaven zu machen. Die außerirdischen Retter, gekommen, um unsere Erde und uns vor uns selbst zu retten. Die außerirdischen Lehrer, gekommen um uns beizubringen, wie man richtig lebt. Die außerirdischen Prüfer, gekommen und unsere Reife zu testen. Die außerirdischen Freunde, gekommen um uns in den galaktischen Planetenbund aufzunehmen. Die außerirdischen Flüchtlinge, gekommen um sich bei uns vor ihren Feinden zu verstecken. Und so weiter. Aber die wahrscheinlichste Variante haben all diese versponnenen SF-Schriftsteller nicht bedacht. Die ersten Aliens waren eine kleine Gruppe schlecht riechender, vergammelter Hippie-ETs in einem schäbigen, rostigen Raumschiff. Vollgepumpt mit hypergalaktischen Drogen, ausgestattet mit einer mehrdimensionalen Bong landeten sie versehentlich auf der Erde. Sie stammelten etwas über das Wassermannzeitalter universaler Echsen, die den intergalaktischen Frieden mit großer kaltblütiger Weisheit brächten. Sie waren mehr oder weniger humanoid. Sie sahen aus wie Hippies. Ihre Batik-Kleider lösten beim Ansehen Halluzinationen aus. Sie machten laute Musik, die in unseren Ohren nur Lärm war. Die Menschheit war ziemlich enttäuscht von dieser Art Besucher. Aber im Großen und Ganzen duldete man sie. Ein Hotelzimmer bekamen sie selten. Sie wurden weggejagt und kampierten meist im Freien. Unsere Kinder zeigten auf sie, manche spielten mit ihnen, bis ihre Eltern drauf kamen und das untersagten. Für ein paar schräge Vögel unter uns Menschen waren diese Goa-ETs interessant genug, um sich ihnen anzuschließen, mit ihnen durch die Lande zu ziehen. Sie fingen an, genau so schlecht zu riechen, glaubten an die hypergalaktische Anarchie, die sich lediglich in Faulenzerei, Mundraub und Gelegenheitsdiebstahl kundtat. Die Hippies kamen irgendwo aus dem Sternbild der Leier, einem von uns Menschen noch unentdeckten Planeten im System Wega, der Spektralklasse A0F0.  Nur ein Jahr später kamen weitere Raumschiffe und schon kurz darauf immer mehr Shuttle-Schiffe mit Außerirdischen jeder Couleur. Die Hippie-ETs waren nur die ersten gewesen. Irgendwie hatte sich im Universum herumgesprochen, dass man auf der Erde billig Urlaub machen könne und es noch echte Meere gab, richtige Tiere, und echte Luft. Sie überrannten uns regelrecht, fotografieren alles auf der Erde, rissen die Pflanzen aus und horteten alles, was ihrer Ansicht nach menschentypisch war. Wir stellten uns allmählich auf sie ein. Die USA wurde zum Reiseparadies der Besucher. Aus einer blühenden Industrielandschaft von Los Angeles bis San Diego wurde ein Souvenirladen für Besucher.  Shuttle auf Shuttle kam und die Hotels, Pensionen, Bungalows waren überfüllt. Auf der ganzen Welt wurden Andenken verkauft, traditionelle Tänze aufgeführt und Veranstaltungen extra für die außerirdischen Touristen. Das Geschäft brummte. Sämtliche Fabriken wurden geschlossen und zu Hotels umgebaut. Aber dann kamen plötzlich keine mehr. Über ein Jahr lang lagen die Geschäfte brach und es kam zu vermehrten sozialen Spannungen auf der Erde. Doch urplötzlich kamen sie wieder. Und noch mehr. Wir erkannten, dass sie in einem Dreijahreszyklus kamen. Der Planet im System Wega war ein Riese, in dem ein Tag drei Tage dauerte. Die Außerirdischen hatten daher einen ganz anderen Urlaubszyklus. Außerhalb der Saison kam eben kaum jemand auf die Erde. Einige Jahrzehnte ging das so. Wir lernten, uns darauf einzustellen. Aber dann wurden es immer weniger. Der Tourismus flaute ab. Angeblich gab es auf dem Planeten in Wega, wir nannten ihn Wegatron, eine Wirtschaftskrise und angeblich wäre die Erde zu teuer geworden. Wir reduzierten die Preise über unsere Schmerzgrenze. Aber es half nichts. Wir waren in den Jahrzehnten der Besuche so abhängig von ihnen geworden, dass wir uns kaum selbst ernähren konnten.  Irgendwann blieben die Besucher ganz weg. Inzwischen kommt niemand mehr. Unsere Souvenirläden sind Ruinen geworden. Zuerst erlebten wir schwere Hungersnöte. Die sozialen Spannungen waren groß, aber da wir alle Fabriken schon seit Jahrzehnten geschlossen hatten, produzierten wir auch keine Waffen mehr. Die kleinen Auseinandersetzungen waren dann auch schnell vorüber, und die Menschen reichten sich wieder die Hand zur Versöhnung. Immerhin hatte sich die Erde ökologisch erholt, weil wir uns alle auf den Tourismus umgestellt hatten. Keine Industrie mehr, kaum noch CO2 Ausstoß, viel Sonnen- und Windenergie, alles wurde kompostiert. Wir lebten nun in den ehemaligen Hotels und Pensionen, betrieben auf niedrigem Niveau Landwirtschaft und  da wir gelernt hatten, dass die Außerirdischen uns weit überlegen waren, hatten wir auch die Schulen weitestgehend abgeschafft. Wir würden aus rein biologischen Gründen nie das intellektuelle Niveau intergalaktischer Echsen erreichen. Heute leben wir im Einklang mit der Natur, begegnen den Tieren auf Augenhöhe. Wir haben gelernt. Wir haben alles verlernt. Wir leben einfach. Wie Bauern im Mittelalter. Hin und wieder einen mehrdimensionalen Bong, den uns die Hippie-ETs zurück gelassen haben. Ansonsten sind wir friedlich, gemütlich, ruhig und ohne Ehrgeiz. Eine der langweiligsten und uninteressantesten Existenzen im ganzen Multiversum.

 

                                                                 

Streifschuss vom

14. März 24

Anlass: Geburtstag eines Giganten – (Das Bild von Friedrich Hagemann zeigt den Philosophen Kant beim Anrühren von Senf)

 

Maximale Quadratur

 

Dreihundert Jahre nach Kants Geburtstag gelten die vier Sätze seines kategorischen Imperativs immer noch als Grenzmarkierung zur Barbarei. Die Naturgesetzformel, dass die maxima propositio (oberste Regel) meiner Handlung durch meinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden sollte, da sei wahrlich Gott vor. Schon in dieser Hinsicht bin ich persönlich froh drum, nicht in einer solchen Lebensposition zu sein, in der mein Handeln einem Naturgesetz gleichkäme. Aber es gibt natürlich Menschen, die können einen Knopf drücken und eine Maschine in Gang setzen, die wie ein Naturgesetz auf uns wirkt. Tagtäglich sind wir mit diesen Auswirkungen konfrontiert. Die technische Komplexität unseres Daseins auszuhalten, erfordert schon übermenschliche Kräfte. Dazu noch all die Anstrengungen halbwegs unbeschädigt und nicht traumatisiert durch dieses Leben zu kommen, sind kaum noch zu erreichen. Und das in einer Welt, in der die Naturgesetze mein geringstes Problem sind. Vielmehr verursachen mir gerade jene Gesetze schwerste Traumata, die von Menschen gestaltet wurden, deren Handlungen tatsächlich zum allgemeinen Naturgesetz wurden. Und das ist wahrlich nicht schön. In dieser Hinsicht leben wir in einer barbarischen Welt.

 

Die zweite kantische Formel betrifft nicht die Naturgesetze, sondern die allgemeinen Gesetze des Menschen, also Recht und Ordnung. Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde. Wer dieses „Allgemeine“ nicht denken kann, wer also nur nach seinen eigenen Gesetzen und nicht nach den allgemeinen Gesetzen handelt, der ist ein Barbar. Da wir Menschen evolutionsbiologisch nicht über unsere kleine Horde hinausdenken können, liegt allein in dieser kantischen Formel ein ganz eigenes kulturelles Unbehagen begraben. Kants Begriff von der „faulen Vernunft“, die derjenige anwendet, der nur seine Gesetze kennt und gleichzeitig so tut, als wären seine Gesetze allgemeingültige Gesetze, diese „faule Vernunft“ ist weit verbreitet und bestimmt den Lebenslauf fast aller meiner Mitbürger.  Schon dies macht mich unendlich traurig. Denn die Menschen sind nicht dumm. Sie sind nur nicht fähig aus ihrer evolutionsbiologischen Haut zu kriechen und sich eine Allgemeinheit vorzustellen, die so abstrakt ist wie die Vorstellung von einem schwarzen Loch im Universum. Allgemeine Gesetze werden hier durch die Demokratie ausgehandelt. Sie wechseln ständig und niemand versteht mehr, warum eigentlich. Das allgemeine Gesetz in dieser Formel von Kant ist zur Tagespolitik verkommen und bedient nicht die Allgemeinheit, sondern wechselnde Interessensgruppen. Das ist pure Barbarei.

 

Die dritte Formel von Kant ist die Menschheitszweckformel. Der Satz des kategorischen Imperativs von Kant lautet hier: „Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Diese Formel ist immerhin umsetzbar. Doch für die Agenten des Kapitals bin ich nur ein Endverbraucher und nur Mittel zur Bereicherung. Es ist eher ein Wunder, dass die produzierten Waren in ihrer Praxis auch einem Zweck dienen für die Menschen, denen diese Waren am Ende zum Verbrauch zugewiesen werden. Denn die Praxis der Produktion von Waren hat diesen Zweck nicht vorgesehen. Die Produktion von Waren dient allein einer Erhöhung der Rendite. Würden wir Menschen Scheiße fressen, würde der Kapitalist auch Scheiße produzieren. Tatsächlich ist das sogar der Fall. Bei den großen Marktführern der Nahrungsproduktion (Nestle, Unilever) wird längst Scheiße produziert und verkauft. Für diese Firmen ist es nicht von Bedeutung, ob die produzierten Waren auch dem Endverbraucher Vorteile bringen. Sie produzieren diese Waren zur Vermehrung ihrer Rendite. Dazu kalkulieren sie lediglich, wie viel Geschmacksverstärker die produzierte Scheiße übertünchen und ob es sich lohnt, die Scheiße überhaupt noch zu parfümieren. Die kantische Formel so zu handeln, dass der Endverbraucher der parfümierten Scheiße aus den Supermärkten, auch etwas davon hat außer Diabetes zu bekommen oder ein metabolisches Syndrom, diese Formel erfüllen Nestle und Co nicht. Dezidiert nicht. Auch andere Globalplayer im kapitalistischen Produktionshimmel interessiert es nicht im Geringsten, ob ihre bezahlenden Endverbraucher den Konsum dieser Waren überleben. Sie sind am Überleben der Endverbraucher nur interessiert, weil diese Leben ihre Rendite garantieren. So leben wir auch in unserem kapitalistischen Verbraucher-Himmel in luxuriöser Barbarei. Jeder tägliche Discounter-Besuch bestätigt diese Perversion. Dennoch lieben wir alle unsere Waren und umgeben uns mit ihnen so sehr, dass unsere Wohnungen aus allen kapitalistischen Nähten platzen. Der einzige Mangel unserer Gesellschaft ist der Mangel an Bescheidenheit. Es ist pervers. Was unsere Welt der Waren und des Tauschens betrifft, leben wir in tiefster Barbarei. Und da Geld den Alltag bestimmt, darüber bestimmt, wer ich bin, was ich bin und ob ich überhaupt sein darf, haben wir eine Form der Barbarei entwickelt, die geradezu dem Gegenteil der Menschheitszweckformel entspricht. Hier ist alles für die Menschheit unzweckmäßig. Das ist keine Behauptung, sondern belegt durch die aktuelle Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Diese Zerstörung der Erde ist ein Ergebnis unseres Wirtschaftens. Simpel.

 

Daher sind wir von Kants Endformel, so zu handeln, als ob wir durch unsere Maximen jederzeit ein gesetzgebendes Glied im allgemeinen Reiche der Zwecke wären, so weit entfernt, wie ein Stern in einer anderen Galaxie.  

Dieses von Immanuel Kant beschworene allgemeine Reich der Zwecke ist keine Utopie im Sinne des goldenen Zeitalters. In dieser von Hesiod beschworenen Vergangenheit, als wir in Arkadien lebten, mit den Göttern befreundet von Sorgen befreit das Gemüte, fern von Mühen und fern von Trübsal; entrückt von jeglichem Übel, in dieser Vergangenheit war der Mensch nicht mündig und auch gar nicht fähig ein sittliches Wesen zu sein. Bei Hesiod heißt es weiter: Wie vom Schlummer bezwungen verschieden sie; keines der Güter missten sie; Frucht gab ihnen das nahrungsspendende Saatland gern von selbst und in Hülle und Fülle; und ganz nach Belieben schafften sie ruhig das Werk im Besitze der reichlichsten Gaben, wohl mit Herden gesegnet. Also ein kapitalistisches Schlaraffenland. Das war Arkadien. Aber das Ideal von Immanuel Kant ist nicht der naive und glückliche Mensch der ohne Kummer und Sorgen in einem Garten wohlbehütet wie ein Kind lebt. Die Freiheit, die uns als Mensch vor allem auszeichnet, ist eine Freiheit von den kausalen Naturgesetzen. So frei zu sein bedeutet, sich sittlich selbst zu bestimmen. Aber wie lässt sich das ohne totales Chaos auszulösen für acht Milliarden Menschen (und es werden immer mehr, 2050 werden wir die 15 Milliarden-Grenze überschreiten) bewerkstelligen. Wie können wir ein Reich der Zwecke gestalten in der jeder einzelne Mensch die Option hat, sittlich frei zu handeln? Gelingt dies nur unter Berücksichtigung der vier Formeln von Immanuel Kant? Und sind wir dann noch frei? Und jetzt, spätestens jetzt, sprengt es mir den Schädel und ich will nicht ein Wort mehr hören von Philosophie.

 

Streifschuss vom 21. Februar 24

 

Anlass: eine kleine Behandlungskritik mit Verbesserungsvorschlag

 

Heilungsabsichten

 

Ich verbrachte mit einer Lungenentzündung acht Stunden in einem zugigen Wartesaal einer Notaufnahme im Krankenhaus. Nach der Blutabnahme und dem Röntgen der Lunge wurde ich schlicht vergessen. Das ist niemandes Schuld. Es kamen in dieser Nacht eine Reihe Notfälle. Während ich wartete, hörte ich öfter das Wort „Schockraum“. In der Tat war diese Nacht ein Schock. Ich fragte mich, was kann man eigentlich besser machen. Doch dazu muss man erst wissen, was schief läuft.

Seit ich weiß, was die Ärzte im Dritten Reich getan haben, traue ich dieser Berufsgruppe nicht mehr über den Weg. Man fragt sich ohnehin, was treibt jemanden, einen Beruf zu ergreifen in dem das Abnorme zur alltäglichen Normalität zählt. Lust am Fäulnisprozess. Denn eine Heilungslust gibt es nicht.
Erster Punkt der Fehleranalyse ist es also, meine Erwartungshaltung wieder einzudämmen. Heilung ist ein komplexer und nicht unumstrittener Begriff. Die moderne Medizin heilt ohnehin nichts mehr. Sie sind an der Wahrheit nicht interessiert, nur an Fakten. Und dieser Vulgärmaterialismus der Medizin führt dazu, dass sie die Wahrheit hinter den Erscheinungen aus den Augen verlieren, den Zusammenhang nicht erkennen können, und nur noch auf die Symptome hauen. Doch verschwundene Symptome tauchen an anderer Stelle wieder auf. Die berühmten Nebenwirkungen der Allopathen sind inzwischen im gesamten System verbreitet, eine Hochleistungsmedizin, die sich in ihre Bestandteile auflöst. In einem Meer aus Fakten hat die Medizin die Kontrolle verloren. Krankenhäuser und Arztpraxen sind geschlossene Systeme und damit der Entropie ausgesetzt. Der Mensch ist allerdings ein offenes System. Der extreme Aufwand, die hohe Energie, die in die Hochleistungsmedizin gepumpt wird, verursacht erst die Erkrankung. Es dürfte klar sein, dass der Mensch in der Maschine immer nur ein Störfaktor ist. Patienten verhalten sich irrational und gerne auch einmal unvernünftig. Sie halten sich auch nicht immer an die ärztlichen Anweisungen.
Fehlerquelle Nummer zwei wäre also: die MedizinerInnen sollten ihre Erwartungshaltung an Patienten reduzieren.

Im Wartesaal der Notaufnahme Bogenhausen leuchtete ein Infoscreen, der in regelmäßigen Abständen die Patienten vertröstete und um Geduld bat. Dabei wurde eine Fünfpunkte-Regel gezeigt. Patienten der Gruppe Eins werden sofort behandelt, es besteht unmittelbarer Behandlungsbedarf. Patienten der Gruppe fünf müssen am Längsten warten, bei ihnen bestünde der geringste Behandlungsbedarf. Nach welchen Kriterien sich aber diese Rangliste orientiert, verschwieg die Information auf dem Infoscreen. Man konnte als Patient nur vermuten, selbst wenn man sich subjektiv viel elender fühlte, man in Korrelation mit der Zeit die man bereits auf Behandlung wartet, doch nicht so krank ist, wie man sich fühlt. Als ich den Scherz bei der mich behandelnden Ärztin anbrachte, indem ich sagte, dass meine lange Wartezeit auf ihr Erscheinen nur mit meiner Vitalität korrelieren könne, verstand sie es nicht. Die Informationen auf dem Infoscreen kannte die Ärztin gar nicht, und gegen meinen Humor war sie völlig resistent.
So entstand der Eindruck, die Patienten müssten motiviert werden zu warten. Man hatte hier offensichtlich schon aufgegeben. Diese Fünfpunkteregel hätte sich auch in einer von Dantes Höllenkreisen abspielen können. Auf die Faktenblase der Hochleistungsmedizin hat sich auch der Mensch als Patient eingestellt und ist informiert. Viele Fakten aus dem Internet verunsichern die Menschen. Als Patient fordern sie ein Mindestmaß an Äquivalenz. Nimmt man ihnen das Gefühl, über ihren Zustand gut informiert zu sein – und leider sind Patienten oft schlecht informiert, weil sie keine Ausbildung dazu bekommen haben -, dann macht man sie noch kränker. Denn die Erfahrung nicht über die richtigen Informationen über sich selbst zu verfügen, verunsichert und zerstört das Vertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit. Auf dem Infoscreen im Wartesaal der Notaufnahme sollte also statt der Fünfpunkteregel (ohne tieferen Sinn) entweder echte Information stehen über die häufigsten Krankheiten und deren Leitsymptome, oder – was vernünftiger wäre – ein Aufklärungstext darüber, dass es völlig normal ist, sich über sich selbst zu irren und seine eigenen körperlichen und seelischen Symptome jederzeit fehldeuten könne.
Fehlerquelle Nummer drei sind Informationsdefizite der Patienten.

Nun ist aber der Informationsfluss nicht umsonst ein Fluss in zwei Richtungen. Die Halbbildung der Patienten verändert die Art ihrer Selbstdarstellung als Patient. Ärzte sind auf diese Veränderungen nicht vorbereitet. Sie kennen nur die Fakten, Leitsymptome und Erscheinungsbilder die ihnen in einem festen Katalog zugewiesen werden gleichzeitig mit den durch diese Symptome entstehenden Kosten für das medizinische System. Die auffällige Korrelation von Leid (Symptome werden in der Regel als leidvoll – daher Patienten, erfahren) und Kosten, die sich im ICD offenbart, zeigt den Kern des Übels. Selbstverständlich muss eine Hochleistungsmedizin die Kosten im Blick haben, die das hochwertige Angebot verursacht. Aber gerade diese Korrelation von Leid und Kosten belegt die Geschlossenheit des medizinischen Systems. Reduziert man die Kosten, erhöht es den Leidensdruck, erhöht man den medizinischen Aufwand, steigen die Kosten und das System wird ineffizient. Das heißt vereinfacht gesagt, sobald man mehr für die Patienten macht, wird die Behandlung schlechter, weil das System nicht mehr effektiv arbeiten kann. Die Komik ist hier mit Händen zu greifen. Und die Fünfpunkteregel auf dem Infoscreen im Wartesaal der Notaufnahme dokumentiert die Insuffizienz des ganzen Vorhabens aufs Beste.
Fehlerquelle Nummer vier ist also die Überinformation der Ärzte, deren Grad von Perfektion gar nicht mehr kosteneffektiv genutzt werden kann. Hoch qualifizierte Ärzte, die – aus Kostengründen – gar nicht mehr tun können, was sie könnten.
Dass moderne Krankenhäuser viel Ähnlichkeit mit Discountern haben, ist eine Täuschung. Discounter sind offene Systeme, ja sie sind das Idealbeispiel für funktionierende Globalisierung.
Meinte man es mit dem Kapitalismus und dem daran oft (zu Unrecht) gepriesenen Liberalismus ernst, dann wäre der Discounter das Vorbild für moderne Krankenhäuser. Wer satt werden will, wird es. Wer gut essen will und ein Genießer ist, nun der muss es sich leisten können. Für ganz Arme gibt es noch die Tafel. Auf dem Infoscreen des Wartesaals in der Notaufnahme müsste also tatsächlich das heutige Krankenhausangebot stehen. „Heute besonders günstig: Blutbild und schnelle Labordiagnose für Eilige“, oder „HDM im Schockraum heute im Angebot“, oder „exquisite, besonders reine postoperative Bluttransfusionen, garantiert Hepatitisfrei“. Ich möchte das makabre Beispiel nicht weiter ausführen. Und man braucht nicht mehr viel Phantasie, sich eine medizinische Tafel vorzustellen.
Fehlerquelle Nummer fünf ist also, dass der Mensch keine Ware ist, bzw. ist Gesundheit ein tief menschliches Bedürfnis. Es sollte aus dem Regelkreis des Warenkapitalismus ausgeklammert werden.

Zusammengefasst habe ich nun festgestellt, dass Arzt und Patient ihre antizipatorische Erwartungshaltung an die normative Erwartungshaltung rückkoppeln sollte. Anspruch und Realität klaffen in beiden Partnern auseinander. Und dieses Auseinanderklaffen zwischen dem was man gerne hätte und dem, was sein sollte, ist eine typische Krankheit unseres ökonomischen Systems. Überall wird uns eine medizinische Welt suggeriert, deren Glücksversprechen nicht eingehalten werden können. Die stets sauberen und lächelnden Werbefachkräfte der Medizin, die uns auf den Internetseiten entgegen strahlen haben nichts mit der Realität gemein, aber suggerieren Erfüllungszwang. Der Kapitalismus stillt keine Bedürfnisse, sondern weckt Wünsche. Im Falle der Medizin ist das eine Urkatastrophe.

Viele Leser fragen mich natürlich völlig mit Recht, wo denn nun bei aller Fehleranalyse die konstruktive Lösung bleibe. In der Tat gibt es Lösungen. Sind sie wirklich attraktiv genug für unseren verwöhnten Patientengeschmack? Das gilt es zu hinterfragen. Letztlich müssen wir weg von einem Hochleistungsanspruch wieder hin zu einem humanen Anspruch. Warum gibt es zum Beispiel keine Hausbesuche mehr? Ich bin als Kind mit diesem Service noch aufgewachsen. Keinem fiebernden Kind wurde es zugemutet, mit der übernervösen Mutter in einem überfüllten S-Bahn-Waggon zum Kilometer entfernten Kinderarzt zu fahren. Wenn die Medizin wieder den Menschen sieht, und nicht einen Katalog aus Krankheiten und Leitsymptomen, dann werden wir nicht gesünder. Aber menschlicher. Und dieser Trost ist bedeutsam. Hier muss man nicht alles über den Haufen werfen. Aber eine Besinnung und ein geringeres Anspruchsdenken, wäre ein Signal von den Patienten. Ein Signal von der Gesundheitspolitik wäre es, die humanen Leistungen der Medizin wieder besser zu bezahlen.
Was ist das eigentliche Ziel der Medizin? Wie in der Bildung haben wir auch in der Medizin das Ziel aus den Augen verloren. Ziel der Medizin kann es nicht sein, den ewig lebenden Menschen zu kreieren, den völlig von Leid befreiten Menschen. Ziel der Medizin ist ein Ausgleich.
Damit meine ich einen Ausgleich zwischen Leid und Lust. Wir haben inzwischen den nicht ganz unverständlichen Anspruch Lust ohne Leid zu erfahren. Von Platon sind wir dahingehend unterrichtet worden, dass Lust immer Leid nach sich zieht. Auch Sigmund Freud wiederholte dies, als einmal schrieb, dass es nicht im Plan der Schöpfung enthalten sei, dass der Mensch glücklich sei. Stets also erleben wir Lust nur durch Leid und  lernen es nicht anders. Doch der gesamte Werbeblock unseres Kapitalismus liefert uns ein völlig leidfreies Glück als Wunschtraum, auch in der Medizin. Jede Pille wirkt. Die Medizin ist von diesem Wunschtraum überfordert. Aber sie eifert ihm dennoch nach. Dabei wäre es viel hilfreicher, wenn das Ziel der Medizin die Lehre vom Glück sei. Die Ansätze von Prävention, Aufklärung und Motivation zum bewussteren Leben dürfen aber nicht als Warenangebote einer kapitalistischen Wunschwelt dargestellt werden. Sie müssen ernsthaft gelehrt werden und zu Programmen werden. Und das wäre ein nicht wünschenswertes, sozialistisches Gesundheitssystem, das nur die bedient, die sich erziehen lassen.  Eine heterogene, liberale Gesellschaft braucht das Angebot und die Möglichkeit, es ungenutzt zu lassen. Und die Medizin in einem liberalen Land ist so herausgefordert. Der Spagat zwischen den Angebotsverweigerern mit Anspruchshaltung und der Gesundheitsideologie völliger Leidfreiheit entspricht wieder der Paradoxie von antizipatorischer Erwartungshaltung und normativer Erwartungshaltung.
In der jüdischen Streitkultur gibt es das Wort „machloket“. Es besagt, dass es zwei Pole gibt und man zwischen diesen Polen hin und her wandernd einen Ausgleich schafft, ohne je sich auf ein Extrem festzulegen. Es gibt dazu einen alten jüdischen Witz. Ein Rabbi baute einst zwei Synagogen nebeneinander. Auf die Frage, warum er das tat, zeigt er auf eine der Synagogen und sagte: „In diese Synagoge werde ich keinen Fuß setzen.“

Was wir in der Medizin brauchen, ist mehr Machloket. Das ist keine Dialektik nach Hegel. Denn hier sollen sich die Gegensätze nicht aufheben. Vielmehr entsteht ein Ausgleich durch das bewandern des Polgrades. Das meinte ich, als ich sagte, die Medizin brauche als Ziel den Ausgleich.
 

 

 

Streifschuss vom 14. Feber 24

 

Anlass: die Lunge

 

Der Blutsturz

 

In populärwissenschaftlichen Büchern zur Literaturgeschichte liest man oft vom „Blutsturz“, den habe zum Beispiel 1892 Heinrich Mann erwischt, 1917 hatte auch Kafka einen Blutsturz, 1786 hatte schon Goethe einen in Leipzig und wiederholte den Blutsturz 1830 in Weimar. Ein wenig hat man den Eindruck, ein guter Schriftsteller braucht eine schlechte Lunge. Thomas Bernhard hatte nur einen Lungenflügel. Thomas Mann verlor seine halbe Lunge im späten Mannesalter, und hatte davor einen Blutsturz. Sein Hauptwerk hat er aber wohl mit kompletter Lunge und ohne Blutsturz geschrieben. Hardenberg, also unser Novalis, starb 1801 an einem Blutsturz. Wie auch immer. Der Volksmund und die Literaturwissenschaft verwendet den Begriff „Blutsturz“ nicht spezifisch genug, um immer sicher zu sein, ob es sich auch wirklich um die Lunge handelte, also um eine Hämoptyse, und nicht doch ein bisserl, ein klein wenig, der Magen beteiligt war, die Hämatemesis. So meint auch der Medizinhistoriker Nager, dass Goethe eher an einer Magenblutung verstorben sei.
Da man ja oft beim starken Husten mit erbricht, und weil der Schleim einer entzündeten Lunge oft rostbraun ist, und auch im Magen viel farbenfroher Schleim herumlungert, entsteht ganz schnell ein Blutsturz. Außerdem bilden Lunge und Darm eine verzwickte Symbiose. In jedem Fall ist das Wort „Blutsturz“ viel zu gut, um ganz darauf zu verzichten. Wir lieben unsere Nationaldichter um ihrer Blutstürze willen. Und keine Vita klingt nach etwas ohne Blutsturz. Da das Blut seinen Weg von unten nach oben geht, ist es eigentlich ein Sprung. Aber ich bitte Sie! Blutsprung? Was soll das denn sein? Nein, nein. Wir bleiben beim Sturz. In der Medizin ist der Sturz lediglich ein Unfall. Ein Umfallen. Aus dem Gleichgewicht geraten, fällt man vom Stehen auf den Boden. Aber Blutfall? Das trifft es nicht. In der Geschichte ist der Sturz viel dramatischer. Da stürzt der König, da stürzt eine ganze Klasse. Da ist es der Umsturz. In der Architektur ist der Sturz eine monolithische (aus einem Stein) Abdeckung einer Maueröffnung (Fenstersturz, Türsturz), die Österreicher nennen es auch Überlager, die Schweizer sagen „Kämpfer“ dazu. Dass der Blutsturz am ehesten zur Bedeutung passt, die er in der Geschichte hat, leuchtet ein. Zumal der Blutsturz stets ein für den davon betroffenen Dichter ein historisches Ereignis darstellt. Meist wendet sich nach dem Blutsturz irgendwie das Blatt, das Werk wird neu geschrieben, nimmt erst seinen Lauf, kommt zum großen Abschluss. Ob Ende oder Anfang. Der Blutsturz ist immer ein medizinischer Fall von literarischer Bedeutung. Da die Lunge Flügel hat, ist ein Blutsturz immer auch der Fall eines Pegasus reitenden Poeten. Zwar bildet die Metaphorik von Sprache nicht immer ganz rational die Wirklichkeit ab, aber das ist ja das Schöne an der Sprache, dass sie uns von der jämmerlichen Wirklichkeit befreien kann und so wird ein so öder und unangenehmer Fall wie der Blutsturz zu einem kolossalen Ereignis mit aparter Neigung zur Literatur.

 

Streifschuss vom 10. Februar 24

 

Anlass: Todesangst

 

Ein Heilungsversuch

 

Am Mittwoch begann es, ohne eigenes Zutun aus meiner Nase zu tropfen. Plötzlich hing ein glasiger Schleim über meinem Schnurbart und schnell wischte ich ihn mit einem Taschentuch weg und schnäuzte mich dezent. Am Tag darauf kamen Halsschmerzen dazu, und ganz leichtes Fieber. Gut, eine typische Erkältung. So erfuhr ich von mehreren Seiten, das ginge grade um und daher konnte ich auch kein Mitleid erwarten, da das grade jeder habe. Das allgemein zur Verfügung stehende Mitleid ist schon aufgebraucht.
Am Freitag kam plötzlich zu den Halsschmerzen eine ganz eigenartige Atemnot dazu. Der festsitzende Schleim im Rachen schien mir das Atmen abzuwürgen. Ein sehr unangenehmes Gefühl, das immer heftiger wurde. So heftig, dass ich am offenen Fenster stehend mich mit den Armen abstützend eine Lippenbremse machen musste, um überhaupt noch das Gefühl von Atmen zu haben. Ich bekam kaum noch Luft. Dann rief ich gegen zehn Uhr Abend den ärztlichen Bereitschaftsdienst an. Die automatische Ansage empfahl mir, diese oder jene Ziffer auf meinem Telefon anzutippen, dann würde dieses oder jenes geschehen. Es geschah eigentlich nur, dass ich mehrfach verbunden wurde, bis ich in Nürnberg war. Die KI hatte meine Postleitzahl nicht erkannt, was nachvollziehbar ist, ich hatte kaum Stimme, nur Schleim. Schließlich geriet ich an einen echten Menschen. „Ein Arzt kommt, oder wird sie anrufen“, meinte dieser. Dieser Zusatz „kann aber dauern“, Gott ja. Es dauert heutzutage. Auch unter den Kranken gibt es eine Hierarchie. Und man muss eben todkrank sein, um schneller bedient zu werden.

So um Mitternacht – also zwei Stunden hatte es gedauert, was echt nicht lange ist, aber ich habe am Telefon echt gekeucht - kam der Arzt, sehr nett, stellte fest, dass sich meine Lunge ziemlich verklebt anhört und stellte eine Überweisung für das Bogenhausener Krankenhaus aus. Ich ging zu Fuß in die Notaufnahme. Ich musste zwischendurch immer wieder stehen bleiben. Atemnot und die  widerliche Angst die von dieser Atemnot ausgelöst wird. Ich gehe so langsam, bin gezwungen so langsam zu gehen, dass ich mich schäme. Draußen sind noch Menschen und an denen schleiche ich vorbei, ein asthmatischer Methusalem. Endlich in der Notaufnahme kann ich mich erst einmal gar nicht hinsetzen, weil ich im Sitzen keine Luft mehr bekäme. Erst nach einer Weile des gebeugten Stehens und Pumpens sitze ich dann bis halbdrei Uhr nachts im Wartesaal. Dann werde ich vom Pfleger in ein Arztzimmer gebracht. Er misst meinen Blutdruck, Temperatur, und will ein EKG machen. Dazu muss ich mich aber auf die Liege legen. Ich bekomme keine Luft im Liegen und der Pfleger rennt, bringt mir Sauerstoff. Und tatsächlich, der Sauerstoff tut gut. Nun versucht er mir Blut abzunehmen, bzw. einen Vigo zu legen, also einen Zugang (wir nannten das früher immer Vigo, das war der Markenname der Nadel). Ich warne den Pfleger, dass ich merkwürdige Venen hätte. Und ja, er schafft es nicht, Blut aus mir herauszubekommen. Auch ein anderer Pfleger scheitert ebenso. Es ist seine dritte Nacht und es folgen noch drei. Dann hat er aber nur zwei Tage frei.  Auch dieser Pfleger muss den Versuch, mir eine Nadel zu legen aufgeben. Er reduziert seine Wünsche nach Blut auf eine Schmetterlingskanüle (die für Babys) und steckt sie mir in den Handrücken, so kann er wenigstens etwas Blut abzapfen. Schon beim dritten Röhrchen versiegt die Quelle.

 Dann ist das geschehen. Ich sitze und warte wieder. So um vier Uhr kommt eine Ärztin, ganz jung, und weil sie so klein und träge ist, erscheint sie mir wie eine pubertäre Schülerin. Sie hört meine Lunge ab. Zum zweiten Mal heute nach dem Abhören durch den Bereitschaftsarzt noch bei mir zu hause.  Nach ein paar kurzen Worten zwischen uns geht sie wieder. Um fünf Uhr kommt sie wieder, träge, klein und wirkt irgendwie so, als sei sie eine Kosmetikfachfrau, die mir nun die Nägel manikürt. Tut sie natürlich nicht. Sie sagt, man müsse die Lunge röntgen. Ach was, denke ich. Als ich um 0.00h in Bogenhausen aufschlug und kaum atmen konnte, mich erst nicht hinsetzen konnte, sondern gebückt im Stehen nach Luft rang, da dachte ich mir schon, holla, sollte man mal die Lunge röntgen. Und siehe da, fünf Stunden später kommt die schlaue Ärztin auch drauf. Auf dem Weg zum Röntgen – „gehen Sie den roten Strich entlang“, sagt die Jungärztin, aber ich sehe nur einen grünen und gehe diesen entlang, bis dann tatsächlich ein roter Linksabbiegerstreifen auf dem Boden zu sehen ist. Die Röntgenassistentin empfängt mich sofort, ich muss nun an einen grünen Kasten gehen. Ich sehe ein grünes LED Pad, aber das ist falsch. Erst dann bin ich am rechten Ort, ein deutlich größerer grüner Kasten mit quadratischen Mustern. Und nun soll ich die Luft anhalten. Oje, die Luft anhalten! Dass mir das irgendwie gelingt ist ein Wunder. Dann seitlich hinstellen, beide Arme hoch halten und wieder die Luft anhalten. Fertig. Nun bin ich erledigt.
„Auf dem Hinweg habe ich nur eine Frauentoilette und eine Behindertentoilette gesehen, wo ist denn die Herrentoilette“, frage ich die Röntgenassistentin.
„Ach gehen Sie einfach dort“, sagt sie.
„ja“, sage ich, „ich fühl mich eh grade ziemlich behindert. Aber vielleicht meinte sie, ich sollte auf die Frauentoilette gehen. Und ich sage nun, ich fühlte mich eh schon behindert, dann wäre ich ein frauenfeindlicher Chauvinist in ihren Augen. Aber das bin ich nicht und das meinte ich nicht.
Obwohl meine Blutsauerstoffsättigung gar nicht sehr gefallen ist, grade 90 % war es noch bei dem Bereitschaftsarzt, schon 95 % im Krankenhaus (seltsam, da ich da grade gegangen war und wie ein alter Esel keuchte), schien mein kognitive Leistungsfähigkeit eingeschränkt.
Ich torkele also schnaufend und pumpend zum Behindertenklo. Mein Penis ist klein und der Urin hoch konzentriert. Dann keuche ich wieder zurück zu dem Arztzimmer, die rote Linie entlang. Nach einer halben Stunde kommt die Ärztin und meint, ich hätte eine leichte Lungenentzündung. Ich müsse aber nicht hier bleiben, sie würde mich nach Hause schicken. Sie wolle noch schauen, ob das viral oder bakteriell sei und Antibiotika nötig seien. Dann geht sie wieder, träge von dannen. Und ich warte wieder. Ein Pfleger kommt kurz vorbei.
„Bald ist die Schicht vorbei“, sage ich.
 „Ah, dauert länger. Heute waren es schon drei im Schockraum“, sagt er, als sei das eine für alle nachvollziehbare Größe. Klar. Dauert länger heute, drei im Schockraum. Hinter meiner Liege auf der ich sitze gibt es einen roten Knopf, ist der Schockraumknopf. Wenn ich den drücke, komme ich auch in den Schockraum. Aber da will ich nicht hin. Ich will nur nicht mehr warten. In den Raum vor mir (bei offenen Schiebetüren), schieben die beiden Pfleger nun ein Bett mit einem grauhaarigen Mann darin. Erst denke ich, Gott, ist der tot? Er bewegt sich nicht. Dann aber doch, bewegt er den grauen Haarschopf. Auch die Ärztin kommt. Sie ist jetzt sehr aufmerksam mit dem Mann, dessen Stoma geschwollen ist und schmerzt.
„Haben Sie schon mit dem Finger da rein gefahren“, fragt sie den Mann im Bett.
„Aber nein“, sagt dieser empört, so, als hätte sie ihn gefragt, ob  er ein Perverser ist, der mit seinem Stoma fickt. Die Ärztin bleibt weiter in dem Zimmer, macht ein Ultraschall und geht wieder, kommt einer Unterlage zurück.
Sie könnte mich sehen. Sitze ich doch gleich in dem Raum davor und kann selbst alles sehen was da passiert. Aber sie ignoriert mich. Mit einem schmerzenden, geschwollenen Stoma kann eine leichte Lungenentzündung nicht konkurrieren. Als es schon hell wird, so gegen halbsieben am Morgen – nach nun sechseinhalb Stunden in diesem Krankenhaus, wo ich nicht tun konnte, weil ich sogar mein Handy vergessen hatte, sechseinhalb Stunden Gedankenkino. Mir reicht’s. Ich stehe auf und gehe. Ich pumpe, komme bis zu den Notarztwägen, dann gehe ich noch einmal zurück, setze mich wieder brav, denke, das kannst du nicht machen, aber mein Wegsein ist nicht einmal aufgefallen, obwohl die Ärztin weiter in dem Zimmer vor mir an dem heißen Stoma rumfummelt. Ich hänge noch eine viertel Stunde Pflicht und Scham an meinen Krankenhausbesuch an. Und dann gehe ich definitiv.

Irgendwann, denke ich, werde ich schon wieder von alleine Luft bekommen, so wie der Tropfen Schleim von alleine kam wird er auch wieder verschwinden. Und dann, dann wird ich auch wieder schlafen können.

 

 

Streifschuss vom

17. Januar 24                                     

 

Anlass: faule Früchte

 

Inani usu – vom unnützen Nutzen

 

Matthäus 25, 14-30 schildert uns das Gleichnis von den anvertrauten Talenten. Ein Unternehmer gibt seinen Angestellten Geld zur Verwaltung. Dem ersten 5 Talente (biblische Währung, Gewichtseinheit für Silber), dem zweiten 2 Talente und dem dritten 1 Talent. Am Ende kehrt der Unternehmer von einer längeren Reise zurück und möchte nun eine Abrechnung sehen. Was haben seine Angestellten mit dem Geld gemacht. Der erste Angestellte hat die fünf Talente zu zehn verdoppelt, ebenso der zweite, der immerhin zwei Talente zu vieren verdoppelte. Nur der Angestellte mit nur einem Talent hat ihn aus Angst nur vergraben und nicht vermehrt. Auf diesen Nichtsnutz ist der Unternehmer stinksauer und entlässt ihn, schlimmer noch. Im Text heißt es wörtlich: Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.
Für einige Interpreten gilt diese Bibelstelle als Beleg für die Christlichkeit des Kapitalismus. Man soll seine Begabung, seine Fähigkeiten, sein Hab und Gut möglichst vermehren. Das Eigenschaftswort „talentiert“ hat sich tatsächlich im Mittelalter über dieses Bibelgleichnis in die deutsche Sprache eingeschlichen. Und das Wort „Begabung“ geht auf die indogermanische Wurzel „ghab“ zurück, was „ergreifen, fassen“ bedeutet. Wer seine Talente nicht nutzt, faul in der Sonne liegt und dabei das väterliche Erbe verprasst – man sieht sie vor sich die rich kids mit Sonnenbrille im schicken Cabrio – nun, der kommt sicher nicht in den Genuss, einst an der Seite seiner Herrlichkeit zu sitzen und nach seinem Tode auf Wolke sieben zu schweben. Nein. Solche Faulpelze schweben schon jetzt auf Wolke sieben und benötigen keine Herrlichkeit. Sie verschwenden ihre Talente und beleidigen den Herrn. Solche Nichtsnutze werden vor allem vom deutschen Streber allzu gerne verurteilt, ja geradezu gehasst. 
Im Jahr 2015 hat man das eben von mir geschilderte Gleichnis von den anvertrauten Talenten auf wissenschaftliche Füße gestellt.
In einem Experiment an der Universität Bonn (Wirtschaftswissenschaftler Armin Falk führte das durch und es ist inzwischen berühmt) gab man Teilnehmern zehn Euro in die Hand. Sie hatten nun die Gelegenheit mit diesem Geld einer ausrangierten Labormaus einen friedlichen Lebensabend zu ermöglichen. 40 Prozent entschieden sich gegen die Labormaus und behielten die zehn Euro. Immerhin die Mehrheit hatte Mitleid mit der armen Maus. In einem weiteren Experiment gab man den Teilnehmern sogar 20 Euro. Ein Verkäufer trat nun mit ihnen in Verbindung, um den Preis für das Überleben der Maus zu verhandeln. In diesem Fall ließen über 70 Prozent der Teilnehmer die Maus für zehn oder sogar noch weniger Euro sterben. Das Mäuseleben war einer großen Mehrheit in einer marktähnlichen Situation sogar noch weniger wert. Die Wissenschaftler interpretierten dieses Experiment dahingehend, dass moralische Werte durch die Markt-Situation erodierten. Der beim Feilschen, also in einer Tauschsituation, entstehende Charakter des Wettbewerbs führt zum Homo oeconomicus, dem Menschen, der rational denkt und die Nutzenmaximierung über moralische Werte stellt. Nicht Mitleid mit der Maus, sondern ihr Preis wurde verhandelt.
Doch wer seine Fähigkeiten, seine Begabung nicht nutzt, handelt nicht marktkonform. Jeder Mensch hat seinen Preis, ist etwas wert. Würde hat jeder, doch nicht jeder ist das Gleiche wert. Wer seine Talente nicht nutzt, handelt unmoralisch, ist weniger wert. Die Moral ist in diesem Vergleich von Gleichnis und wissenschaftlichem Experiment nicht eindeutig. Es erscheint wie ein Paradoxon, dem wir modernen, in kapitalistischen Wettbewerbsgesellschaften erzogenen Menschen tagtäglich ausgesetzt sind. Empathie und Nutzenmaximierung erscheinen uns als Widerspruch. Da ökonomische Werte inzwischen tief in unsere privaten Beziehungen eingedrungen sind (wir investieren in eine Beziehung), wirkt sich diese Paradoxie als kognitive Dissonanz auf unsere zwischenmenschlichen Kontakte aus. Geben – heißt es in der Bibel, in der Apostelgeschichte – ist seliger denn nehmen. Doch wer immer nur gibt, wird hierzulande nicht wirklich selig, sondern geht pleite. Ja, am Ende gilt es als Schande, da man dann selbst vom „Nehmen“ abhängig wird, zum Nichtsnutz verkommt. Der moderne Sozialstaat organisiert heute die Verteilung. Der Staat nimmt von den Talenten der Fleißigen und gibt sie den Bedürftigen. Regelmäßig wird dieses System nach ihrem Nutzen abgeklopft und regelmäßig empfinden die Fleißigen diese Verteilung als ungerecht. Den armen Tropf, der sein Talent aus Angst es zu verlieren, vergräbt (wie im Bibelgleichnis) animiert der Sozialstaat nun, die Schaufel in die Hand zu nehmen, sein Talent auszugraben und – ja was? – die Maus zu töten.
Iwan Alexandrowitsch Gontscharow (1812-1891) war ein rich kid, Sohn eines sehr reichen Getreidehändlers. Aber er nutzte sein Talent und schrieb den inzwischen berühmten Roman Oblomow. Dieser handelt von einem begabten und gebildeten, aber ziemlich faulen russischen Adligen, Ilja Iljitsch Oblomow. Oblomow ist materiell weitestgehend abgesichert. Doch er bekommt gleich zu Beginn des Romans zwei Herausforderungen. Einmal droht ihm der Hausbesitzer zu kündigen, wegen Eigenbedarfs. Oblomow soll umziehen. Und sein Dorfschulze (Gemeindevorsteher, vom Grundherrn eingesetzt) schreibt ihm von Ernteausfällen und Verlusten. Zwar macht sich Oblomow Sorgen, bleibt aber dennoch untätig im Bett liegen, kann sich zu nichts durchringen. Er hat zarte, kleine weiße Hände, zieht sich weder an, noch wäscht er sich. Sein Haus ist bereits unordentlich, voller Staub und sein Diener ist alt und mürrisch. Alle Versuche seiner Freunde, ihn aus dieser erstickenden Ruhe, Trägheit und Schläfrigkeit herauszuholen, scheitern. Oblomow bleibt ihnen gegenüber freundlich aber reserviert und verliert sich in den Traum eines geborgenen, sicheren, von aller Verantwortung freien Lebens, in dem der Mittagsschlaf Zentrum und Schwerpunkt der täglichen Verrichtungen ist. Pläne, das väterliche Gut Oblomowka zu pflegen, werden von einem auf den nächsten Tag verschoben, weshalb es mehr und mehr in Verfall gerät. Schließlich wird Oblomow krank und stirbt an einem Schlaganfall, ohne noch einmal versucht zu haben, sein Leben zu gestalten. Das Paradebeispiel eines dekadenten Landadligen, der von der Leibeigenschaft lebt und keine weitere gesellschaftliche Funktion übernimmt, noch vor hat diese zu übernehmen, wurde weitestgehend als Kritik daran gelesen und als Oblomowtum bezeichnet. Ja der Name Oblomow ging sogar in die Psychiatriegeschichte ein als Beleg für den Neurotiker, der apathisch, faul und parasitär lebt, obwohl er über andere Fähigkeiten verfügt, diese aber nicht einsetzt und in Muße lebt ohne diese auch genießen zu können. 
Mit diesem Oblomow hatte ich immer tiefstes Mitgefühl und hege bis heute eine Sympathie, die ich gar nicht erklären kann. Vielleicht ist es auch ein wenig Neid auf die, denen die Lebenswurstigkeit zur Realität wurde. Doch im Vordergrund steht mein freundschaftliches Mitgefühl mit allen Nichtsnutzen dieser Welt. Während mich die Nutzenmaximierer und die Fleißigen, die Streber unangenehm aufrütteln, mich gegen meinen Willen antreiben, indem sie mir ständig Gewissensbisse machen, Gewissensbisse die ich schon derart internalisiert habe, dass ich sie kaum noch verdrängen kann. Es sind diese Fleißigen, diese Streber, die beständig die Welt umgraben und aufwühlen, für Unruhe sorgen und uns antreiben mit dem Argument, Faulheit führe in den Niedergang.

Der Angestellte, der sein Talent vergräbt, der Teilnehmer am Experiment, der ein Mäuseleben rettet und Oblomow, sind sich sehr ähnlich, denn ich bin mir sicher, dass Oblomow die Maus gerettet hätte und der Mann aus der Bibel ebenfalls. Warum aber alle am Ende in die Hölle fahren, in die Finsternis? Das muss man mir tagtäglich neu erklären, damit ich so tue, als würde ich es begreifen. Ist es wirklich so schlimm, die arme Labormaus zu retten und ihr einen gemütlichen Oblomow-Lebensabend zu ermöglichen? Ich glaube nicht. So. Aber jetzt muss ich wirklich was arbeiten gehen. Nutzt ja nichts.

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