Literaturprojekt
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Neue Streifschüsse

wann immer nötig (im Schnitt einer pro Woche)

 

schnell und aus der Hüfte geschossen

 

 

Streifschuss

vom 19. Oktober 18

 

Anlass: Gedanken auf dem Weg zum Zahnarzt

 

 

 

Wenn der eigene Kiefer im Blickpunkt der Betrachtung steht

 

Respekt ist ein Nominal das heutzutage ziemlich verbraucht wirkt. Es wird inflationär und meist in einem falschen Kontext benutzt. Heute hatte ich großen Respekt vor meiner drohenden Kieferoperation. Nein. Ich hatte einfach Angst. Mutig unterschrieb ich die ärztliche Aufklärung. Haben Sie bitte Respekt für meinen Mut.
Wenn Fußballer um Respekt werben, verwechseln sie das mit einem anständigen Miteinander. Genau genommen ist Respekt aber ein Wort, das sich auf  vollzogene Leistungen bezieht, wie das lateinische Herkunftsverb respicere (zurückschauen) intendiert. Wenn zum Beispiel jemand zu mir sagt, dass er den Mount Everest besteigen wolle, habe ich Respekt. Aber nicht vor dem noch gar nicht vollzogenen Akt des Aufstiegs, sondern vor dem Entschluss es tun zu wollen. Der Mut, das Vorhaben zollt mir Respekt. Angenommen sein Vorhaben scheitert bereits bei der Anreise. Er kehrt schon in Österreich wieder um, dann sinkt mein Respekt natürlich etwas. Ähnlich ist es in der Politik. Es zollt mir Respekt, wenn jemand sich entschließt, in das Haifischbecken der Politik einzusteigen und sich zu einer Wahl aufstellt. Wenn er dann gewählt wurde und nach ein paar Monaten entweder von den Haifischen gefrühstückt oder gar selbst zum Haifisch wurde, sinkt mein Respekt etwas. Wenn er aber wirklich etwas erreicht und seine Wahlversprechen erfüllen kann, habe ich für diese Leistung Respekt. Dass unsere so genannten Eliten, die Ausgelesenen, zunehmend an Respekt verlieren liegt daher an der Differenz zwischen Erwartung und Erfüllung. Das Dilemma unserer vergleichsweise satten Gesellschaft liegt in den hohen Erwartungen, den großen Versprechen und auch daran, dass dem sinkenden Mut eine steigende Angst gegenüber steht. Denken wir an unseren Bergsteiger. Schon an der Grenze bei Freilassung steigt er aus dem Zug. Er ist verunsichert, hat während der kurzen Zugfahrt noch einmal alle Risiken abgeschätzt und erkennt nun, dass er ein viel zu großes Risiko einginge. Er kehrt um. Nun könnte ich für diesen Entschluss wiederum Respekt haben. Denn es gehört auch Mut dazu, einzusehen, dass man ein verrücktes Vorhaben besser abbrechen sollte. Hätten Sie noch Respekt für mich, wenn ich vor der Kieferoperation kneifen würde? Wie ich es auch bewerte, eines bleibt dabei: Mein Respekt anderen gegenüber beurteilt Taten. Dabei ist aus philosophischer Sicht auch ein Entschluss eine Tat. Der Willensakt etwas zu tun ist eine Tat. Was herauskommt ist das andere. Eliten verlieren daher an Respekt, weil immer weniger Wille erkennbar wird.  Der Wille an der Macht zu bleiben könnte dabei ebenso Respekt verdienen. Und da merken wir schon, dass Respekt eine subjektive Bewertung ist. Kann man Respekt haben gegenüber einem Attentäter wie Anders Breivik? Seine Tat war gut vorbereitet und der Erfolg seiner Tat war aus juristischer Sicht sehr erfolgreich. Jeder würde hier instinktiv mit aufgestellten Haarwurzeln reagieren und Respekt dafür empört zurückweisen. Die Wertung von guten Taten und bösen Taten ist aber nicht einfach. Wir haben Respekt, wenn jemand beherzt gegen eine Ungerechtigkeit vorgeht und dabei sein eigenes Leben riskiert. Anders Breivik sah sich selbst als modernen Ritter. Seiner romantischen Vorstellung nach entsprach seine Tat einer mutigen Tat. Die Verfilmung 22. Juli inszeniert ihn in dieser Lesart und macht den Film dadurch absolut unerträglich. Ich konnte ihn nicht zu Ende ansehen. Das Böse wurde so offenbar und doch haben wir auch Respekt vor dem Teufel. Zwischen Mut und Angst! Respekt ist die Reprise dazu. Die Wiederaufnahme und Begutachtung der Tat. So entlarvt sich das Gerede vom Respekt als Geschwätz. Wir sollten uns mal ehrlich machen und erkennen, dass wir subjektiv urteilen und dabei Fehler machen. Respekt ist Ansichtssache.

 

 

Streifschuss

vom 17. Oktober 18

 

Anlass: die meisten Euphemismen sind Kakophemismen

 

 

 

Wenn‘ s hilft…

 

Auf meinem Diplom aus den glückseligen 1990er Jahren steht noch „Diplom-Krankenpfleger“. Heute heißt das Gesundheitspfleger, obwohl ich in meinen 25 Berufsjahren meist nur Kranke pflegte und ganz selten Gesunde. Gut, ich habe vielleicht den einen oder anderen dabei gesund gepflegt. Dann müsste man das heute aber „Gesundmach-Pfleger“ nennen. Und die kranken Kassen Gesundmachkassen. Das klingt schon sehr nach Kasperle-Theater. Wortspielereien nach dem Motto: Reim dich oder ich fress dich. Die alten Griechen waren da etwas vorsichtiger. Unser deutsches Wort Arzt leitet sich von zwei Begriffen ab, einmal Arche für Herrschaft bzw. Ursache (kennen wir in Hierarchie), und iatros für Verursacher. Eine iatrogene Erkrankung ist damit eine vom Arzt verursachte Erkrankung. Der herrschende Verursacher kann daher beides, er kann gesund und krank machen, vorzugsweise gesund. Wenn der Arzt operiert hören wir die lateinischen Worte opera (arbeiten) und actio (Handlung)  nachklingen, die Arbeitshandlung. Das Handwerk dazu, nennt man dann Chirurgie (aus dem altgriechischen Handwerk). Operationen gibt es auch beim Militär. Und wenn das Militär eine chirurgische Operation durchführt fließt auch Blut.

Der Krankenpfleger aber (heute fälschlich Gesundheitspfleger genannt), leitet sich von nosokomos ab, dort steckt in nosos die Krankheit drin und in komos die Pflege. Uns geläufig sind die nosokomialen Erreger, Erreger die sich am liebsten in kranken Häusern aufhalten. Man merkt schon, hier wird nicht nur schön geredet, was einfach nicht schön ist, hier wird die Sache selbst verdunkelt. Wenn man mit Hilfe der Gesundheitskassen in den Gesundheitshäuser krank wird, dann ist der Gesundheitspfleger zuständig.  Hier fließt dann nicht mehr Blut, sondern Eiter.  Ubi pus, ibi evacua, zu Deutsch: wo Eiter ist, da muss man aufschneiden. Alles fließt, sagte schon Heraklit.

 

Streifschuss vom 15. Oktober 18

 

Anlass: Dyr reissete Wolf Bengymein, wenn s Tag werd, frisst yr zamm seinn Fang. Auf Nacht, daa tailt yr allss auf.

 

 

 

Wer wählte den bösen Wolf?

 

Aus den Wäldern des Ostens naht ein böser Wolf. In Bayern gibt es ein deutliches Gefälle von Stadt und Land. Je weiter man sich von München entfernt, desto größer werden die Stimmanteile des bösen Wolfs. Je näher man sich München befindet, desto stärker hört man das frische Lachen von Rotkäppchen. Rotkäppchen trägt heute grün. Wenn man dieses Gefälle von Stadt und Land, von Großstadt und Kleinstadt ernst nimmt, dann haben wir vor allem ein strukturelles Dilemma vorliegen. Es war bisher die Aufgabe von Großmütterchen Strukturen zu ermöglichen, um eine Leistungs- Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit zu gewährleisten. Wo ist Großmutter? In den Gegensätzen Ost und West verläuft eine weitere Spaltung. So heulen die Grenzstädte Cham und Regen mit über 16 Prozent mit dem bösen Wolf. Die Grenzlinien gehen von Stadt zu Land, von Ost zu West. Alle Augen richten sich nach rechts östlich. Von dort hören wir das Heulen des Wolfsrudels. Allen voran der böse Wolf. Mit 60 Prozent der Stimmen hat das Wolfsrudel aus CSU, FW und dem bösen Wolf ein deutliches Übergewicht. Die linken Wählerschichten sind zusammen gebrochen. Großmutter ist schon gefressen worden. Rotkäppchen verkörpert derzeit die städtische und meist jüngere Mittelschicht. Man sieht das in Regensburg wunderbar. In Regensburg Land wählten grade mal 11 Prozent Rotkäppchen. In Regensburg-Stadt wählten 24 Prozent Rotkäppchen. Es ist schon fast absurd, dass auf dem Land (wo Rotkäppchen doch selbst her kommt, vom schönen Burgenlande) Rotkäppchen schlechter abschneidet. Vielleicht wollen die Stadtmenschen es auch so schön grün haben wie die Landbevölkerung? Aber dann gäbe es weniger Infrastruktur, weniger Einkaufszentren. Stadt kauft, Land ackert. Die Jutetasche tragende und hippe Mittelschichts-Weltretterin Rotkäppchen, die gerade vom Einkaufen kommt und auf ihrem Smartphone die neueste Fitness-App installiert hat, würde auf diesem Kartoffelacker schön dumm aus der Wäsche gucken. Und weil die CSU mit ihrem Napoleon Söder und dem immer etwas vertrottelt wirkenden Seehofer wenig Spirit verströmt, wählten viele Ackernde den bösen Wolf. Der böse Wolf ist völlig inkohärent, politisch und inhaltlich unernst. Der böse Wolf kennt nur eine Stimmungs- und keine Inhaltsrichtung. Verkörpert in des Wolfsrudels Ruf „Merkel muss weg“, wählen viele den bösen Wolf als eine Art Weg-Stimme. Der Weg-Ruf ruft vieles weg, unter anderem die guten Sitten, das gute Gesetz und die gute Stimmung. Im reichen Starnberg hat das grüne Rotkäppchen 26 Prozent geholt. In Augsburg-Dillingen mit dem niedrigsten Pro-Kopfeinkommen in Bayern wählten grade mal 11 Prozent das smarte, lächelnde Rotkäppchen. Der böse Wolf brachte es dort auf 13 Prozent. Rotkäppchen ist heute reich, hipp und jung. Der böse Wolf ist alt und frustriert. Lehnsherren und ihre Knechte wählen den bösen Wolf. Die einen sind alt und wollen zurück ins Reich, die anderen sind jung und wollen reich zurückkommen nach Hause von der Arbeit. Eine weitere Spaltung. Stadt-Land, arm-reich, Ost-West und jung-alt. Die Spaltung heißt in der Medizin auch Fissur. Wir kennen die Rhagade, ein Riss in der Lederhaut, durch Austrocknung und Elastizitätsverlust. Es kommt zur Verkrustung. Etwas reißt ein. Das wäre natürlich ein schöner Sprachwitz für den bösen alten Wolf. Wenn aber immer mehr Risse durch die Gesellschaft gehen, bleibt nicht aus, dass sie auch durch das Bewusstsein des Einzelnen gehen und zu Dissoziation und Spaltungsabwehr führen. Wahrnehmung trennt sich zunehmend vom Gedächtnis. Und genau das passiert beim einzelnen Wähler. Der Riss ist ein Symptom des Alterns, während Rotkäppchen noch elastisch und saftig ist, jedem neuesten Trend hinterherläuft und viel Spaß hat, ist der böse Wolf geplagt von seinen Fissuren. Der böse, alte, arme Wolf kommt aus dem tiefen Osten, streift über die Äcker und heult. „Weg“, heult er, „es muss weg“, und er meint natürlich die schmerzhaften Risse in seiner alten Haut. Grün und saftig dagegen strahlt Rotkäppchen. Es hüpft vergnügt in den städtischen Parks herum, ein hübsches Salon-Weibchen. Noch… Der böse Wolf knurrt und wartet.

 

 

Streifschuss vom 14. Oktober 18

 

Anlass: Landtagswahl in Bayern

 

Aus dem Sendlinger Landesstudio die ersten Eindrücke von der Wahl

 

Die Wahlverlierer müssen nun genau analysieren warum ihre hervorragende Politik beim Wahlvolk nicht angekommen ist. Die Gewinner der Wahl fühlen sich bestätigt darin, dass das Wahlvolk genug hatte von der Politik der anderen. Natürlich wird sich auch in den nächsten Jahren wieder etwas ändern. Natürlich bleiben die Gewinner jetzt auf dem Teppich und analysieren erst einmal genau. Die Gewinner haben von den Wählern einen klaren Auftrag erhalten und müssen die Kraft aufbringen diesen Auftrag anzunehmen. Die Verlierer  müssen nun genau analysieren –  Und natürlich übernimmt jeder die Verantwortung und natürlich wird jetzt so kurz nach der Wahl nichts analysiert und natürlich werden die Inhalte weiter vorangetrieben. Schließlich müssen wir alle zurück zur Sachpolitik. Was besser werden soll, soll ja schon seit Jahren besser werden. Das haben die Verlierer der Wahl gut gemacht, aber das Wahlvolk hat es nicht so gesehen. Was schade ist.

Das Wahlvolk hier in Prozentpunkte dargestellt: So und so viel Prozent der Wähler haben dies und so und so viele Prozentpunkte der Wähler haben das und das, was niemand genau gesagt, bestätigt. Die Beliebtheitswerte sind verändert. Damit haben sich die Kandidaten neu aufstellen müssen. Selbstverständlich danken alle allen, den Wählern, den Wahlhelfern, der großartigen Arbeit, auch wenn man die Wähler nicht überzeugen konnte, etwas ist leider nicht gelungen, und aus Berlin fehlte  der Rückenwind. Die Wahlgewinner sind natürlich stolz und dies ohne Rückenwind. Es ist jetzt schon klar, dass die Ergebnisse von allen erst einmal genau analysiert werden müssen. Die Schuldfrage ist natürlich erst einmal nicht relevant. Es muss sich etwas ändern. Wir werden alles dafür tun, dass wir bald besser abschneiden. Man muss natürlich den Gesamtkontext sehen und man muss sehen, was man besser machen kann, was man eigentlich schon so gut gemacht hat. Die Verlierer stellen sich hinter die Verlierer und die Gewinner jubeln und werden nun tun, was man tun kann. Was kann man tun? Zunächst natürlich müssen wir es deutlich machen und danach werden wir sehen und wenn wir alles genau analysiert haben in den Gremien sehen wir genauer.

Alle haben einen guten Job gemacht.

Streifschuss vom 04. Oktober 18

 

Anlass: Tag der Einheit und friedliche Demonstranten

 

Unter Auslegung von Wörtern versteht man die Klärung ihrer Bedeutung

 

Auf dem Weg zum Einkaufen kam ich an einem Zeitungsstand vorbei und las die Schlagzeile „München wehrt sich gegen die Hitze“ und dachte mir, so ein Unfug, die ist doch schon lange vorbei. Dann erst wurde mir klar, dass ich mich verlesen hatte. Münchens Kampf galt nicht dem Wetter, sondern der übertriebenen Eile. Denn die Schlagzeile lautete: „München wehrt sich gegen die Hetze.“ Und erst im dritten Schritt wurde mir klar, dass nicht die übertriebene Eile gemeint war, sondern der abwertende politische Jargon, der sich aus dem Jägerlatein ableitet. Und hier sollte man wissen, dass die ehemalige DDR in ihrer Verfassung in Artikel 6 Kriegs- oder Boykotthetze unter Strafe stellte und diesen Artikel 6 gerne nutzte, um Regime-Gegner mundtot zu machen. Nach Schätzung der Münchner Polizei demonstrierten gestern am Tag der Deutschen Einheit  21.000 Menschen gegen die „Politik der Angst“. 450 Polizeibeamte begleiteten die Versammlung auf ihrem Weg von der Briennerstraße zum Odeonsplatz. Insgesamt waren es friedliche Bürger, die nicht vor hatten zum Maximilianeum weiterzumarschieren um dieses zu stürmen und waren daher allesamt rechtstreue Staatsbürger. Doch mit dabei waren rund 160 Teilnehmer der sogenannten autonomen Szene. Herr Andrä bezeichnete deren Verhalten als „inakzeptabel“. Denn sie beschimpften die Polizeibeamten. „Diese Leute“, so Hubertus Andrä weiter „demonstrieren nicht für gesellschaftliche Anliegen, sondern zeigen so deutlich die Ablehnung unseres Rechtsstaates.“ Den Rechtsstaat lehnten in letzter Zeit eher diverse Polizeibeamten ab, indem sie sich bei rechten Hetzkampagnen mit beteiligten.  Wer im Glashaus sitzt sollte nicht gleich mit Steinen werfen. Beamtenbeleidigung ist eine Straftat nach §185 StGB und führt unter unglücklichen Umständen zu einer Freiheits- oder in glücklicheren Umständen einer Geldstrafe. Hier kann der Rechtsstaat doch eingreifen und tut es auch. Wer andere beleidigt ist nicht per se gegen den Rechtsstaat, sondern schlicht ein Straftäter und ein Rüpel dazu. Wer allerdings Haftbefehle leakt, zur Lynchjustiz aufruft oder Staatsgeheimnisse verrät ist schon ein bisserl über den Straftäter hinaus. Die Frage ist, ob hier nicht nur den Autonomen sondern auch dem Münchner Polizeipräsidenten das nötige Rechtsverständnis fehlt. Was ein Rechtsstaat ist, entscheidet nicht der Polizeipräsident. Er wurde von der Regierung beauftragt dieses von den gewählten Abgeordneten gestaltete Recht anzuwenden. Ein Polizeistaat ist kein Rechtsstaat. Auch nicht in Bayern.
 

 

Streifschuss vom 29. September 18

 

Anlass: Sind wir schon Veteranen der Demokratie?

 

Einladung zur Zeitzeugenschaft

 

Jetzt wenige Jahre vor dem nächsten Systemwechsel, lade ich Sie heute schon dazu ein, Mitglied im Club der letzten Demokraten zu werden. Dann können Sie den Schulkindern von morgen erzählen, wie das damals war, als alle Menschen ihre eigene Meinung hatten. Dieses Durcheinander der Presse! Diese Journalisten schrieben doch tatsächlich was sie wollten. Und man konnte sich sogar aussuchen, was man liest. All diese privaten Fernsehkanäle und Internetseiten zwischen denen man wählen musste. Ja liebe Kinder, die armen Menschen hatten die Wahl! Wie schrecklich und wie anstrengend. Es gab viele unterschiedliche Parteien. Ha, da lachen wir heute drüber und halten diese Zeit für völlig verrückt. Damals  - ich war dabei, liebe Kinder – glaubten die Menschen, der Einzelne hätte Rechte. Rechte! Aber das Volk hat schließlich doch noch gesiegt. Wir haben damals selbst schauen müssen, was wir arbeiten wollen oder in welche Schule wir gehen. Wir mussten selbst aussuchen, was wir studierten. Diese Qualen waren fast unerträglich. Sogar unseren Wohnraum suchten wir selbst. Da lacht ihr liebe Kinder, denn heute entscheidet darüber das Volkskomitee der SHV (für Stahlhartes Volk). Die Menschen waren so verrückt und richteten Petitionen an die Regierung. Man wollte Minderheiten schützen. Man hat Fremde aufgenommen und auf nationalem Volksboden verteilt. Ja es gab Volksfeinde, die das gut fanden. Aber das Volk hat gesiegt. Fürchtet euch nicht, liebe Kinder. Für euch wird gesorgt und ihr müsst nicht selbst denken. Das Volkskomitee schützt euch vor dem bösen Wolf. Das Volkskomitee denkt und lenkt. Damals aber sollte jeder nach seinem eigenen Glück suchen und sollte auch noch selbst überlegen, woran er glaubt. Das war angeblich eine Privatsache. Aber das Volk hat gesiegt. Liebe Kinder. Heute haben wir es gut. Das Volkskomitee weiß, was wir glauben. Für Transzendenz ist gesorgt. Danke Volk. Und so sorgenfrei wie wir heute leben, so voller Sorgen war es noch vor dem Sieg des Volkes. Sogar in der Liebe musste man sich frei entscheiden. Auch das ist nun dem Volkskomitee sei Dank für uns geregelt. So gibt es keine Verwirrung mehr und das KWK (Kindeswohl-Komitee) legt fest, wie die Kinderlein kommen. Die Volksfeinde der Regierung trieben bösartigen Handel mit anderen Regierungen und nannten das Freihandel. Stellt euch vor liebe Kinder, was das bedeutete! All diese Dinge aus fremden Ländern! Unsere armen Bauern. Heute leben wir von Kartoffeln und Schweinefleisch. Damals haben die Menschen essen müssen, was es in den freien Kaufläden gab. Schrecklich. Aber das Volk hat gesiegt und der Handel unterliegt jetzt dem NWK (Nahrungswohlkomitee). Wir sind noch einmal davon gekommen und das Volk hat gesiegt. Ich war dabei und ich sage euch liebe Kinder: Nie wieder Demokratie.

 

Streifschuss vom 23. September 18

 

Anlass: Auf dem Gipfel der Lügen

 

 

 

Schon wieder brennt des Kaisers Bart

 

Im Lustgarten des ersten Aktes in Goethes Faust II möchte der Teufel dem Narren klar machen, dass ein Zettel tausend Kronen wert sei. Der Narr zweifelt daran und am Ende erkennt er, dass dieser Zettel nur dann Wert hat, wenn er sich materialisiert und sagt daher: Heut Abend wieg‘ ich mich im Grundbesitz. Der Teufel applaudiert dem Narren mit den Worten: Wer zweifelt noch an des Narren Witz.  Im Wohnungsgipfel der GroKo trafen sich nun eine Menge Narren in diesem Sinne. Sie haben alle ihre Kronen veredelt durch Grundbesitz. Was uns einfachen Mietern dabei immer verschwiegen wird, ist die Tatsache, dass diese Narren sich den Grundbesitz einfach angeeignet haben, Man könnte auch sagen „gestohlen“. Denn ein Zettel auf dem die Zahl 1000 steht, ist nichts wert. Kapital (zur Hauptsache gehörend, lateinisch capitalis) sind im Grunde – bezogen auf Geldkapital – Geldmittel die man ausleiht. Ob nun an sich selbst oder an andere. Gewinn bzw. Zins kann hier nur erzielt werden, wenn alle Erträge aus dieser Leihgabe von Kapital größer sind, als der betriebene Aufwand, also größer als alle Ausgaben bzw. Verausgabungen. Um weiter Gewinn zu haben muss immer mehr Geldkapital einfließen. Das geht aber nur, wenn der Gewinn auch durch ein Wachstum der Produktion gewährleistet wird. Der Zulauf von Geld ermöglicht es, künstliche Produktionsmittel zu produzieren mit deren Hilfe man die natürlichen Produktionsmittel (Boden, Natur) einer Wertsteigerung unterzieht, durch die man eine Ertragssteigerung erzielt. Natur wird zu Rohstoff, Rohstoff zu einem Produkt und das Produkt wieder zu Geld. Die gesamte Nationalökonomie will uns aber weiß machen, alles geschehe hier durch unseren Fleiß, durch Arbeit, durch technischen Fortschritt und dass unser Reichtum das Ergebnis menschlicher Leistung sei. Und so weiß Mephisto es klar zu definieren: Auf Vernichtung läuft‘s hinaus. Denn das Leihen bedeutet, etwas auf Borg geben/nehmen. Borgen ist das bergen, oder auch das bürgen, also Sicherheiten geben, behüten. All die Häuser in denen Menschen wohnen bedürfen der Bürgschaft, sind geborgt. Alles Kapital bedarf der Bürgschaft, weil es eben nur geborgt ist. Nun steht am Apollontempel in Delphi nicht umsonst: „Bürgschaft, schon ist Schaden da!“ Es stand direkt neben dem „Erkenne dich selbst, Mensch, dass du sterblich bist.“ Nun sollen also noch mehr Wohnungen gebaut werden und damit noch mehr geborgt. Die Hauptschuld (capitalis pars debiti) vermehrt sich und der Leidtragende ist hier der Nebenschuldner, der Mieter. Es wird uns vorgemacht, dass dieses absurde Wachstum irgendein Problem lösen könnte. Dabei wird einfach noch mehr Kapital in den Markt gepumpt und die Illusion aufrecht erhalten, wir hätten unendlich viele Erden zur Verfügung. Man hat das Gefühl, vollkommen Irren dabei zuzusehen wie sie völlig irre handeln. Sie pumpen Luft in einen Fußball, der ohnehin schon zu platzen droht. Die auf dem lächerlichen Wohnungsgipfel beschlossenen Maßnahmen werden nichts ändern, im Gegenteil nur verschlimmern. Wer deckt denn am Ende diesen Kapitalfluss? Der Ertrag aus dem Boden. Dieser Ertrag aus dem Boden wird aber nie von den Mietern erwirtschaftet werden können, weil der Preis eben nicht auf Arbeit oder Fleiß beruht, sondern die Wertsteigerung von Grund und Boden bestimmen den Preis. Dadurch vermehrt sich wieder das Geldkapital und so weiter. So wird mit jeder Wohnung die gebaut wird, die Miete weiter ansteigen; exponentiell. Denn es gibt immer weniger Grund und Boden. Nicht die eingenommene Miete führt zu Kapital, sondern Grund und Boden. Es ist einem Immobilien-Tycoon nahezu völlig egal, ob jemand Miete zahlt oder nicht. Das spürt der gar nicht. Eine Mietwohnung ist nur ein Endprodukt, die Scheiße die übrig bleibt und letztlich den geringsten Wert aufweist in den Tauschgeschäften der Immobilien-Händler. Der Wohnungsgipfel hat also nur die drohende Blase forciert. Es wird noch mehr leerstehende Wohnungen geben und noch mehr Investoren, die den lukrativen Markt aufkaufen. Die Regierung beschließt Prozesse, die Investoren anlockt und so die Wohnungsmisere ausbauen. Es wird auch keine weiteren Sozialwohnungen geben, denn die Kommunen haben gar nicht die Potenz, sich gegen die Investoren zu wehren. All der bebaute Grund und Boden wird den Kommunen schnell aus den Händen gerissen. Denn so günstig war Grund und Boden selten zu haben. Was für ein Schwachsinn! Statt die Haie zu bekämpfen, füttert man sie. Die eigentlichen Maßnahmen sollten keine kapitalistischen Maßnahmen sein, sondern demokratische Maßnahmen. Es ist längst überfällig, das Recht auf Wohnen zu stärken, indem man es im Grundrecht verankert. Und das als klares Persönlichkeitsrecht definierte Recht auf Wohnen könnte die Vertragsfreiheit von Vermieter so einschränken, dass Wohnen zum einklagbaren Recht wird. Nur dadurch lässt sich die rechtliche Voraussetzung schaffen für Wohnungsbestände zu sozial verträglichen Mietpreisen. Der Staat ist dann gesetzlich gebunden an das Wohnrecht und hat keine kapitalistischen Ausreden mehr.

Streifschuss
vom 21. September 2018

 

Anlass: Beförderung (englisch promotion) ist im Personalwesen von Unternehmen und im öffentlichen Dienst die Höherstufung eines Arbeitnehmers in der Rangordnung durch den Arbeitgeber.

 

Peter, Hans Georg oder Kurnat – was sind schon Namen  

    

Mit dem beförderten Verfassungsschutzpräsident Maaßen zeigt sich das von Laurence J. Peter 1969 formulierte Peter-Prinzip in einer verdrehten Realität. Peters These ist, dass jedes Mitglied einer ausreichend komplexen Hierarchie so lange befördert wird, bis es das Maß seiner absoluten Unfähigkeit erreicht hat, was in der Regel das persönliche Maximum der Karriere­leiter markiert und weitere Beförderungen ausbleiben lässt. Wenn man das ernst nimmt, dann hat Herr Maaßen jetzt einen Posten inne, der ihn komplett überfordert. Denn schließlich ist er unfähig. Doch eigentlich war er schon als Verfassungsschutzpräsident nicht fähig genug. Es handelt sich hier also um das Meta-Peter-Prinzip. Es lautet: Wer unfähig ist, wird so lange befördert, bis er irgendwo sitzt, wo er zumindest keinen größeren Schaden mehr anrichten kann. Als verbeamteter Staatssekretär kann er noch viel Schaden anrichten. Nach dieser Logik müsste Herr Maaßen bald Bundespräsident werden. Er wäre dann auf der reinen Repräsentation angelangt. Und das wirft eine Frage auf: Gibt es beim Arbeitgeber Staat irgendeinen Posten, wo man keinen Schaden anrichten kann? Und es wirft die weitere Frage auf: Wie sieht politischer Schaden eigentlich aus? Wenn die Sau Maaßen durch das Dorf getrieben ist (nach Söder ist das schon geschehen), dann steht schon die nächste Sau in der Schlange. Und so gesehen häuft sich eh nur ein Schaden auf den nächsten. Eine Kettenreaktion. Säue werden zu Dominosteinchen oder umgekehrt. Und in der Zwischenzeit brauchen wir viel Fußball und Tatort um zu vergessen. Irgendwann denken wir  bei dem Nomen Maaßen  an gar nichts mehr. Doch was nicht vergessen wird, das summiert sich – wie Dr. Prantl es in seiner SZ-Videokolumne sagte – zu Verdruss. Ursprünglich ist das ein mittelhochdeutsches Wort, das sich von Druck und Stoß ableitet und letztlich „Langeweile hervorruft“. Wenn wir auf die Personaldebatten in der Politik mit Langeweile reagieren, wird es irgendwann gleichgültig, wer uns regiert. Hauptsache, wir werden regiert. Nein. Es ist und bleibt schon noch bedeutend, wer das ist, der bestimmte Entscheidungen treffen kann, darf oder muss. Es ist keine Lösung, zu glauben, das ist halt das System. Politiker sind und bleiben Menschen und die müssen wir kennen und kennen dürfen. Das macht es so schwer. Ich kenne nicht mal meinen Nachbarn. Und wer ist eigentlich dieser Peter?

 

Streifschuss vom 20. September 18

 

Anlass: Was sich abnutzt sind nicht die Zellen, sondern die Phrasen der Psychologen

 

Allostase der Psychologie

 

Die moderne Glückspsychologie vertritt derzeit eine Theory of rocking chair, nach der wir im Alter glücklicher werden, weil wir anfangen, statt der Stresshormone wie Dopamin oder Cortisol eher beruhigende Hormone wie Oxytocin oder Acetylcholin zu produzieren (z.B. Tobias Esch mit so reißerischen Buchtiteln wie "Der Selbstheilungscode"). Statt auf Erfüllung unserer Triebe, legen wir es im Alter eher darauf an, Stress zu vermeiden. Statt Angriff jetzt Verteidigung. So jedenfalls formuliert es Tobias Esch in einem Spektrum-Interview. Und um selbst etwas dazu beizutragen, glücklich im Alter zu werden, sollen wir uns (was sonst?) bewegen und Freundschaften pflegen. Immer das Gleiche. Wir sitzen im Alter gemütlich vor unserer Veranda und empfangen gute Freunde mit denen wir dann ein wenig spazieren gehen im naheliegenden Wald. Das ist das Glück des Alters. Alles beruhigt sich, die Hormone fahren meinen Schädel auf unterste Betriebstemperatur und weise spaziere ich durchs Moos, dabei sanft philosophierend über Gott und die Welt, immer einen weisen Spruch auf den Lippen. Weißhaarig lächelt er, der Welt- und Menschen-Versteher. Das Glück des Alters in der Vorstellung der positiven Psychologie kommt über einen Artikel in einer Boulevard-Wochenzeitung oder eine Altenheim-Werbebroschüre nicht hinaus. Wissenschaft aber ist das nicht. Es ist vielmehr eine billige Persuasion. Hier wird weniger geforscht, hier wird mehr propagiert. Das Glück des Alters? Endlich hat man es nicht mehr nötig mit all diesen Idioten in Marktkonkurrenz zu stehen und kann in Ruhe seine Pfandflaschen sortieren. Aber aus dem sozialen Rückzug resultiert vor allem die Lösung der Frage, ob man es mit sich selbst aushält. Das kann  man auch schon früher erreichen. Altwerden mag einen Gewöhnungseffekt verursachen. Man erträgt sich. Ist halt so, dass man so ist. Da kann man nichts machen. Der Altgewordene gibt auf und hört auf, zu glauben dass noch was kommt, weil ja schon das Meiste war. Erkenne dich selbst, Mensch, dass du sterblich bist. Der Spruch stand  schon – neben den ebenfalls als apollinisch betrachteten Weisheiten „Bürgschaft, schon ist Schaden da!“ und „Nichts im Übermaß“ – an einer Säule der Vorhalle des Apollontempels in Delphi. Na, da haben es die Psychologen des 21. Jahrhunderts aber weit gebracht.
Die Rückschau der Alten ist natürlich entspannender, als die Vorschau. Denn die Vorschau zielt immer darauf ab, Spannung zu erzeugen. Die Vorschau verrät nicht zu viel, sonst wäre es ja ein Spoiler. Die Rückschau dagegen ist keine besondere Überraschung. Das ist doch auch banal oder? Glück ist natürlich auch im Alter ganz einfach Glück, dass nichts weh tut, man keine Sorgen hat und ein bezahlbares Dach über dem Kopf. Alt zu sein ist es nicht. Alt zu werden ist eine Frage der Taktik. Man kann schon mit der Einschulung damit anfangen, diese Taktiken zu üben. Im Grunde könnte man sagen: Alt zu sein ist eine Frage der Perspektive. Die positive Psychologie versäumte es erneut, die Begriffe exakt zu definieren und liefert nicht mehr als platte Binsenwahrheiten.

 

Streifschuss vom 17. September 18

 

Anlass: hysterische Öffentlichkeit

 

Eine Warnung

 

Sollten wir für die Wahrheit lügen?

 

Es hat sich inzwischen eingebürgert, dass nicht mehr der Skandal der Skandal ist, sondern das Öffentlich werden des Skandals. Daher neigen gerade Personen die in der Öffentlichkeit stehen dazu, ihre strafbaren Handlungen zu vertuschen. Die Bedeutungsverschiebung kann man inzwischen regelmäßig beobachten. So ist der „Abgasskandal“ kaum noch zu unterscheiden von dem Datum seiner öffentlichen Aufdeckung. Dabei handelt es hier um eine Vertuschung der Vertuschung. Dadurch wurde die Aufdeckung zum eigentlichen Skandalon.
Wird der katholischen Kirche mal wieder Kindesmissbrauch vorgeworfen, würde sich vermutlich kaum noch jemand aufregen käme nicht zugleich heraus, dass dieser Kindesmissbrauch von den Verantwortlichen jahrzehntelang vertuscht wurde. So wird zunehmend der „vertuschte Skandal“ zum größeren Skandal selbst. Das ist das Ergebnis eines skandalisierenden Aufdeckungsjournalismus, der mit seinem guten Willen Skandale aufzudecken in eine tragische Falle tappte. Immer häufiger gibt es daher das Making off der Aufdeckungsgeschichte. Der Aufmerksamkeit generierende Effekt einer Berichterstattung, in der die Berichterstatter selbst in den Focus des Berichtes rücken ist in gewisser Weise absurd. Journalisten bekommen auf diese Weise einen Heldenstatus zuerkannt. Einer der ersten seiner Art war Günter Wallraff. Dabei ging Wallraff selbst oft verdeckt vor. Der Enthüllungsjournalist verhüllte sich zum Zweck der Enthüllung. In der 1960ern und den 1970ern stand das Recht der Öffentlichkeit auf Information noch im Vordergrund. Seine Verhüllung blieb daher auch logisch straffrei. Inzwischen ist die Enthüllung selbst zu einem Recht geworden. Die sophistische Methode mit der Lüge die Lüge aufzudecken schafft aber ein ethisches Dilemma. Es gibt inzwischen eine Form der Öffentlichkeitshysterie. Hier gibt es einen strukturellen Zusammenhang mit dem im kalten Krieg entwickelten Arpanet. Das US-Militär entwickelte diese Kommunikationstechnik vor allem, um massenhaft Daten abgreifen zu können. Inzwischen wurde das System geleakt und ist als Internet allen Menschen zugänglich. Daten werden dabei weiterhin massenhaft abgegriffen. Nur die Verteilung der begehrten Daten ist liberalisiert. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung (Artikel 2 GG) wird zunehmend Opfer des diffusen Begriffs von „Öffentlichkeit“. Dabei ist kaum noch abgrenzbar, was von öffentlichem Interesse ist und was privat bleiben sollte. Diese Grenzverwischung ähnelt selbst schon einer Vertuschung.

Die massenhaften Berichte von Vergewaltigungsopfern in den Medien sind hier ein Beispiel. Vergewaltigung ist eine Straftat, darüber gibt es keine zwei Meinungen. Aber ob jede Vergewaltigung auch von öffentlichem Interesse ist, darüber sollte man schon noch streiten dürfen. Wenn ein Politiker sein Amt missbraucht, um sich auf diese Weise sexuelle Dienste zu erschleichen, ist dies von öffentlichem Interesse. Wenn der Politiker aber als Privatmann widerrechtlichen Sex hat, dann ist es zwar weiter eine Straftat aber nicht von öffentlichem Interesse. Die Differenz ist schwierig, weil der Politiker 24 Stunden am Tag Politiker ist. Und es wirkt zudem zynisch gegenüber den Ansprüchen der Opfer.

Die Vermischung von Enthüllung als Skandal und dem eigentlichen Skandal skandalisiert nun die Aufdeckung einer Vergewaltigung selbst.  Und genau so wird dies auch in den Medien dargestellt. Diese eigentlich privaten Daten (denn auch wer sich strafbar macht, hat weiter ein Recht auf Schutz) werden nun gerade über das Internet massenhaft verbreitet. Das führt am Ende zur Lynchjustiz. Öffentliche Diffamierung ist noch kein Rechtsspruch. Wir müssen daher überlegen, wie viel Privatschutz wir selbst aufgeben, wenn wir das öffentliche Interesse derart massiv in den Vordergrund stellen. Gewiss: Leicht ist das nicht. Und es kann sein, dass wir hier auf Wahrheit verzichten müssen um nicht Adornos Horrorvision „Die vollends aufgeklärte Welt strahlt im Zeichen triumphalen Unheils“ zu erliegen.

 

Streifschuss

vom 13. September 18

 

Anlass: Schutzbedürftige Verfassungsschützer

 

Diese Behörde schützt uns vor der Demokratie…

 

In den letzten 15 Jahren haben sich die Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt für unseren Innennachrichtendienst BfV verdreifacht von 100 Millionen auf 300 Millionen Euro. Viel Geld, das Herr Maaßen mit seinem sprechenden Namen hoffentlich bald los ist, womit „anmaaßend“ zu hoffen ist. Wobei eine kranke Behörde mit der Entlassung eines Mitarbeiters allein noch nicht für gesund erklärt werden kann.
Ja! Jetzt müssen wir also wieder einmal die Verfassung vor den Verfassungsschützern schützen. Das ist auch nicht das erste Mal. Gedenken wir an dieser Stelle Hubert Schrübbers, der von 1955 bis 1972 unsere Verfassung schützte und Mitglied des SA-Sturm Münster war und der 1963 eine ungute Rolle in der Abhöraffäre spielte. Damals spielte der Innenminister Hermann Höcherl diese Affäre herunter und erklärte, dass Beamte „nicht den ganzen Tag mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen“ könnten. Oder gedenken wir Schrübbers Nachfolger Günther Nollau, der seine Rolle in der Spionage-Affäre um Günter Guillaume spielte. Oder gedenken wir seinem Nachfolger Richard Meier, der wegen fahrlässiger Tötung bei einem Verkehrsdelikt seinen Abschied aus dem Amt des obersten Behördenleiters der Verfassungsschutzbehörde nehmen musste. Oder gedenken wir Ludwig-Holger Pfahls (1985-87 Behördenleiter), der wegen Steuerhinterziehung und Bestechlichkeit im Gefängnis saß, oder Herr Werthebach der den Vorwurf des Geheimnisverrates nie los wurde, oder gedenken wir Maaßens Vorgänger Heinz Fromm unter dessen Leitung die NSU groß wurde und der auf dem rechten Auge komplett blind war und mittlerweile dem Vorstand des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge beisitzt. Das ist die illustre Liste unserer Verfassungsschützer. Allesamt scheiterten sie an der Verfassung. Und alle diese „lupenreinen“ Demokraten landeten auf dem Misthaufen der deutschen Geschichte. Schweigen wir einen Moment, halten wir inne, erkennen wir, dass die berühmten „Checks and Balance“ Mechanismen funktionieren und machen wir weiter. Wir Demokraten.

Streifschuss vom 07. September 18

 

Anlass: Adipöses Gerede

 

Lieber dick und träge

als schlank und irre

 

Aktuell ist die Klage groß, dass sich der spätmoderne Mensch zu wenig bewegt und in der Folge verfettet. Auch unsere Kinder sind davon betroffen. Fast ein Drittel von ihnen ist zu dick. Die positivistische Analyse dazu ist im höchsten Grade unterkomplex. Wir sollen mehr Sport treiben und zuckerhaltige Getränke meiden. Dass es sich bei Adipositas auch um ein tiefenpsychologisch erklärbares Verweigerungsverhalten handelt, die extreme Mobilität und Bewegungsdynamik des Fortschritts mitzumachen, darauf kommt man nicht. Auf der einen Seite predigt man Slowfood und Entschleunigung, auf der anderen Seite soll man mindestens 150 Minuten in der Woche Sport machen, um fit zu bleiben für die Geschwindigkeit des Fortschritts. Wir sollen möglichst viele Waren kaufen und genussvoll verbrennen. Auf die Paradoxie von einerseits Verzichtsforderungen und andererseits Konsumpflicht geht niemand ein. Nein. Sitzen bleiben und sich mit Kohlehydraten vergiften mag vielleicht ein irrationales Protestverhalten darstellen, aber es ist ein Protestverhalten. Statt polypragmatische Projekthysterie zu betreiben indem man auf Hochglanzbroschüren von einer Bildungsoffensive schwafelt (fett sind ja nur die Dummen), sollte man die Dicken mal persönlich fragen: Hey, was ist los mit euch? Sie würden sagen: Scheiße Mann, ich mach das nicht mehr mit. Und ich komme einfach von diesen verdammten Bildschirmen die überall rumstehen nicht mehr los. Warum heißt das überhaupt Bild-Schirm? Vor was sollen uns all diese Displays eigentlich schützen? Wir starren den Großteil unseres Daseins auf eine zweidimensionale Fläche, futtern Kartoffelchips dazu und sterben an einem Herzinfarkt. In anderen Weltgegenden verhungert man oder wird einfach auf offener Straße erschossen. Und die Überlebenden werden versklavt um für uns seltene Erden zu fördern mit denen wir unsere Bildschirme erneuern, die wir ja ständig wegwerfen und wieder neu kaufen. Kartoffel-Chips, Netflix und Herzinfarkt sind hier eindeutig vorzuziehen. Was wollen wir? Testosteron-gesteuerte Sportskanonen, die den Wahnsinn weiter befeuern? Oder eine müde, von sich selbst gelangweilte aber dafür freundliche Gesellschaft? Zum wiederholten, verflixten Mal: Wer beim Vögeln seinen Fitness-Tracker weiter laufen lässt, der hat was nicht verstanden.  „Let me have men about me that are fat; / Sleek-headed men and such as sleep o' nights:“

Ach Shakespeare, verflucht sei, wer deine Gebeine bewegt.

Streifschuss vom 31. August 18

Anlass: Sachsenfrei

 

Das ganze Bundesland muss weg

 

Schauen Sie sich diesen kleinen Fleck an, der da dran klebt (hier grün, aber schon braun). Die polnisch-tschechische Provinz Sachsen macht in letzter Zeit wieder viele Schlagzeilen. Es sind keine 20.000 km2 Fläche.  Die Hälfte davon wird eh nur für die marode Landwirtschaft genutzt und kostet derzeit dem deutschen Steuerzahler viel Geld. Es sind grade mal 4 Millionen Einwohner. Fünf Prozent von allem. Wollen wir dieses kleine borstige und schon zu DDR-Zeiten unbeliebte Bundesland nicht einfach zu zwei Teilen an Polen und Tschechien verschenken? Das könnte uns viel Ärger sparen und die Polen würden sich zum ersten Mal in der Geschichte über Deutschland freuen. Wobei – die Polen wären skeptisch. Ist das ein Trojanisches Pferd? Aber es wäre eine großartige politische Geste. Hat es das schon mal gegeben? Hat ein Staat schon mal freiwillig Land und Leute verschenkt? Die Polen würden Sachsen schon nehmen, denn dort ist man derzeit auch so rassistisch. Bereits in den Westen emigrierte Sachsen dürften natürlich die deutsche Staatsbürgerschaft behalten, sofern sie sich zu den demokratischen Werten bekennen. Aber die in Sachsen lebenden Menschen würden polnisch. Also von Nordsachsen bis Görlitz an die Polen. Das Vogtland, das Erzgebirge, Zwickau gingen dann an Tschechien. Was machen wir mit den 126 Nasen, die derzeit dieses Land politisch ruinieren? Einen Kretschmer will keiner geschenkt. Eine Antje Feiks mit abgebrochenem Jurastudium, die quasi nie gearbeitet hat, immer nur für die Partei? Typische Karrieren aus dem sozialistischen Bruderlande. Damit kommen die Polen besser klar.  Also starten wir eine Petition: Sachsen an Polen verschenken (kaufen will die eh keiner). Ups. Herr Marian Wendt, der aktuelle Vorsitzende des Petitionsausschusses kommt auch aus Sachsen, aus Torgau! Ein Verwaltungswirt, was sonst! Oh Gott, die sind überall, diese Sachsen. Es wird schwer, dieses Land wieder sachsenrein zu machen. Gott! Hilf mir!

 

Streifschuss vom 19. August 18

 

Anlass: Weltsekunde gegen Vogelschiss, ein Kampf der Giganten

 

Leitet sich das Adjektiv „narrativ“ von „Narr“ ab?
Eine kleine Kritik des Guten

 

Was, zum Teufel, haben die Leute, die da gerade eine Straße überqueren oder eine Fahne hissen, in dieser längst vergangenen Weltsekunde wohl empfunden?
Iris Radisch beschreibt in einer Rezension des Romans Unter der Drachenwand (DIE ZEIT Nr. 3/2018, 11. Januar 2018) die Nazi- und Kriegszeit als „Weltsekunde“. Also das darf man dann? Aber sie als „Vogelschiss der Geschichte“ zu bezeichnen, ist natürlich ein Skandal. Dabei dauert ein Vogelschiss auch nur eine Sekunde. Nun: Frau Radisch kann sich halt besser ausdrücken, als Herr Gauland. Und im Kontext des weiteren Textes ihrer Rezension erfährt man natürlich, dass sie – Frau Radisch – eine von den Guten ist. Die Skandal-Detonationen der Presse nach Gaulands Äußerungen sind arglos; und trotzdem pure Heuchelei. Es zeigt sich darin, dass eine ernste Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht stattfindet.  Herr Gauland und Frau Radisch befinden sich – Vogelschiss hin, Weltsekunde her – auf einer Ebene des Diskurses. Und der schreibt sich in dem einfachen narrativen Muster von gut und böse fort. Die Gefahr, dass sich Parteinahme ändern kann und plötzlich umschlägt in ein Ressentiment gegenüber den angeblich so Guten, das ist bereits im Laufen. Es geschieht gerade und niemand hält den aktuellen Diskursverlauf auf, weil weiter arglos (ich wiederhole das Wort mit Absicht) auf der altvertrauten Ebene von Gut und Böse diskutiert wird. Aber: In der Arglosigkeit der Kreaturen verbirgt sich die Amoral des Meisters. Wenn man mit Immanuel Kant den historischen Verlauf hin zu einem liberalen Rechtsstaat und einem friedlichen Völkerbund als Idee begreift, also als einen Vernunftbegriff, sollten wir uns alle vor der narrativen Festschreibung in Gut und Böse hüten. Wir sollten die Aufgabe des Handelns als regulative Idee in praktischer Absicht begreifen. Wir sollten also nicht davon ausgehen, dass historischer Fortschritt apriorisch ist. Es ist keine allmähliche Offenbarung des Absoluten, das unbedingt kommt. Geschichte hat kein Telos, sondern wird eher von der Muse Klio geschrieben. Geschichtsschreibung ist partikular und es ist höchst gefährlich, ihr einen universalen Anspruch (Weltsekunde, Vogelschiss) unterschieben zu wollen. Es wäre klüger, das subjektive und objektive Spannungsfeld historischer Verläufe zu beleuchten und so die Bedeutungen zu sequenzieren. Es wird dann einfacher und weniger Schwarz-Weiß. Ein Gauland existiert nur, weil eine Radisch ihm Futter gibt. Sorry. Aber das Problem ist immer die mangelnde Farbgebung in der Narration. Ein Gauland wäre einfach nur ein lächerliches Schulkind, das noch nicht gelernt hat mit Buntstiften zu malen. Das wäre der richtige Umgang mit so schlichten Charakteren. In diesem Sinne möchte ich ein Wort wie „Weltsekunde“ nicht mehr hören. Was soll das sein? Es ist ein verfehltes Wort und entlarvt diejenigen, die es anwenden als vorkritische Dummköpfe die sich dummerweise selbst für klug halten.

Streifschuss vom 18. August 18

 

Anlass: Ein Artikel über Glück von Psychologen geschrieben

 

Simplex anima

 

Sind Psychologen einfache Menschen, die nicht fähig sind tiefer zu denken? Ich fürchte, so ist es. Sie sind Priester der Verstetigung.
Zeugnis der bescheidenen intellektuellen Möglichkeiten der meisten Psychologen ist ja der berühmte Fragebogen. Erinnert sei hier an den Minnesota Multiphasic Personality Inventory, einem Persönlichkeitstest, der in den 1930er Jahren entwickelt wurde und der vor allem misst, ob jemand ein guter Soldat werden kann (so im 77. Kapitel in Enden der Parabel nachzulesen). Als ich Anfang des 21. Jahrhunderts in der Psychiatrie als Pfleger arbeitete wurde dieser Test noch angewendet. Er besteht aus 567 Items wie zum Beispiel „Ich sammle gerne Kunstkataloge“. Am Ende werden diese Items mithilfe eines Computers skaliert und es folgt eine Interpretation, die so dünn ist, dass jedes Wochenhoroskop der Yellow-Press mehr Aussagekraft besitzt.

Psychologen lieben ihre Fragebögen und tüfteln oft jahrelang bis er so steht, dass er aussagen kann, was der Psychologe wissen will. Das Problem dabei ist nicht der Fragebogen. Das Problem ist die Fragestellung hinter dem Fragebogen.

So will die so genannte „positive Psychologie“ (wird so genannt, weil sie sich mit dem Gesunden beschäftigt und nicht mit dem Kranken) immer wissen, wer glücklich ist. Dass sie sich gar nicht fragen, wie ihre Definition von Glück entsteht, zeigt ihre vorkritische Haltung. Für die Psychologen von heute haben weder Adorno noch Horkheimer oder Derrida je existiert.

Erläutern wir das Ganze einmal möglichst vereinfacht und anschaulich: Zunächst ist da ein menschliches Verhalten, das man als Beobachter oder auch als Teilnehmer erklären will. Was ist das, was tue ich, was machen die anderen da? Dadurch entsteht ein Begriff dafür. Dieser Begriff übt nun einen Druck aus, muss aber auch durch Kommunikation geschützt werden, denn er stellt als Begriff ein Wissen dar. Es kommt zur weiteren Aufspaltung um den Begriff herum, einer zeitlichen, örtlichen Einteilung (Sequenzierung) und dann zu einer Narrativierung in Form einer Fiktion, die dann zur Institution wird. Damit ist der Begriff selbst als eine Art Oberbegriff geschützt. Zum Beispiel Gerechtigkeit. Der Begriff wird aufgespalten in Verhalten, das als gerecht gilt (gleich und ungleich, Werte wie Tugend etc..). Die Aufteilung sagt dann, wann ich mutig sein soll, wann ich maßvoll zu sein habe, wo ich mich wie zu benehmen habe und so weiter. In den Erzählungen von gerechten Männern und Frauen erleben wir eine Rückkopplung für unser Verhalten. Dafür werden dann vom Gericht bis zur Kirche, vom Finanzamt bis zum Parlament Institutionen gebildet, die in vorgeschriebenen Ritualen weiter unser Verhalten legitimieren, ohne den Begriff selber (Gerechtigkeit) als ein Etwas zu objektivieren. Die Zweideutigkeit von Begriff und Praktik als vorgängig einerseits und sekundären Erklärungsversuch bestehender Akte andererseits schafft einen schwankenden Untergrund gleich einem gespannten Seil. Denen, die während sie das Seil überqueren auf den Untergrund blicken, wird meist schwindlig. Dies ist der Blick auf die Gegenwart.

Wenden wir also nun diese Erläuterung auf den Begriff ‚Glück‘ an: Die Psychologie versucht herauszufinden, was Menschen glücklich macht. Dabei wird auch dieser Begriff aufgespalten. Glück ist der Oberbegriff für Gesundheit, Langlebigkeit, Erfolg, sich respektiert fühlen, von der Gemeinschaft akzeptiert fühlen. Sequenziert wird die zeitliche und örtliche Abfolge von der Kindheit über das Studium zum Erwachsenendasein, mein Leben in den Sphären (intim, privat, öffentlich) und er wird von Menschen erzählt, die glücklich waren bis es in Familie, Arbeitsplatz, Gesundheitsvorsorge institutionalisiert wurde und eine Rückkopplung auf mein Verhalten erschafft. Würde man Glück allerdings begrifflich verschieben in das Erleben intensiver Emotionen, dem Gefühl ganz bei sich zu sein, über den Dingen stehen zu können, in dem Gefühl von Unabhängigkeit und Selbstständigkeit als Autonomie, ein kurzes und intensives Leben ist einem langweiligen Leben vorzuziehen, dann wären andere Rückkopplungen möglich und vermutlich würde auch der Cortisol-Spiegel sich an diese begriffliche Neuorientierung anpassen. Und wenn nicht – was soll’s, würde man die Definition anpassen.Die Definition von Menschen, die vor Glück schreien (was man ja auch bei Schmerzen tut).

Damit wird klar, dass die Psychologie feststehende, institutionalisierte Zustände der Gesellschaft weiter zementieren, indem sie nichts weiter tun, als das von ihnen vorausgesetzte Verhalten als vorausgesetztes Verhalten vorauszusetzen. Dass das erbärmlich ist, muss man nicht weiter kommentieren. Aber tatsächlich hatte schon Cicero alles klar erfasst: Stultorum plena sunt omnia. Oder um es mit einem zeitgenössischen Kabberetisten zu sagen: Glück ist nichts weiter als ein Zustand mangelnder Information.

 

 

 

Streifschuss

vom 15. August 18

 

Anlass: Die Giftmischer

 

 

 

 

Wen interessiert schon China

 

Fresenius ist eine Megafirma, die aus mehreren Bereichen besteht. Einmal aus Dialyseprodukten (Medical Care), aus Krankenhäusern (Helios), und als Dienstleister im Gesundheitssektor (Vamed). Der Anteil Fresenius Kabi für Arzneimittel und medizintechnische Produkte kam jüngst in die Schlagzeilen. Fresenius Kabi wollte verhindern, dass Carey Dean Moore hingerichtet würde, mit dem Fresenius-Mittel Fentanyl. Das ist ein schon lange gebräuchliches opioid-haltiges Anästhetikum, das es auch zum Lutschen gibt oder als Nasenspray. Jetzt auch exklusiv als Todesspritze. Klar wollte ein Unternehmen, das zusammen allein im letzten Quartal dieses Jahres 10 Milliarden € Umsatz machte (nur ein Quartal), ein Unternehmen, das mehrere 100.000 Angestellte hat, Börsennotiert und international aufgestellt ist, so ein „deutsches“ Unternehmen, das aus der Hirsch-Apotheke im 15. Jahrhundert in Frankfurt hervorging und 1912 von dem Besitzer der Hirsch-Apotheke Eduard Fresenius als Pharma-Unternehmen gegründet wurde, so ein deutsches Unternehmen sollte nicht schon wieder Todesengel spielen. Und tatsächlich kann man einen ersten Aktieneinbruch verzeichnen, nachdem der seit 38 Jahren in der Todeszelle sitzende Taximörder Moore mit Fentanyl (das auch Prince tötete – der tat das freiwillig) hingerichtet wurde.
Für die US-amerikanische Exekutive  wird es immer schwieriger, an Giftspritzen zu kommen, berichtet die Süddeutsche. Das ist bemerkenswert. Denn wenn der Staat nicht mehr legal an seine Todesdroge heran kommt, was wird dann aus der guten alten Todesstrafe. Nun: Dann muss eben wieder der elektrische Stuhl her, oder die gute alte Western-Methode des Erhängens. Saudi-Arabiens Exekutive enthauptet seine Delinquenten am liebsten. Die chinesische und nordkoreanische Exekutive bevorzugt es, die  Bösen zu erschießen (laut Amnesty International). Aber die Chinesen verwenden auch Giftinjektionen. Nur welches Gift verwenden die Chinesen? Man weiß nicht mal genau, wie viele Menschen in China exekutiert werden, es müssen jährlich Tausende sein, geschweige denn dass man die Methoden genau kennt. Vielleicht werden sie in China einfach wie Hunde erschlagen. Fresenius machte im asiatischen Raum mehrere Milliarden Umsatz im ersten Quartal 2018 (Finanzbericht Fresenius).  Was hat Fresenius Kabi an die Chinesen verkauft? Die Deutschen machen allgemein gute Geschäfte mit China. Dagegen sind die 35 Hinrichtungen im letzten Jahr in den USA wirklich soft. Und das ist kein Geschäft. Aber es stört eben die Börsennachrichten. Aus China erfährt man nichts und das stört dann auch die Aktien nicht. Das ist der eigentliche Grund für die Klage von Fresenius. Und es ist gut, dass Nebraska die Klage als unbegründet abgewiesen hat. Denn es ist eine erbärmliche Heuchelei dieser Firma. Es geht Fresenius Kabi nicht um Dean Moore. Der ist denen scheißegal. Es geht Fresenius lediglich um ihren guten Ruf. Aber wer Geschäfte mit China macht, der ist von Habgier zerfressen und dessen Prestige ist zumindest aus moralischer Perspektive schon fragwürdig.
Natürlich bekam Else Kröner, die lange Jahre nach dem Krieg den Aufschwung von Fresenius organisierte, das Bundesverdienstkreuz. Die war ja auch so Kinder freundlich. Ach, wenn Frau Kröner wüsste, mit wem Fresenius jetzt Geschäfte macht…-

 

 

Streifschuss vom 30. Juli 18

 

Anlass: unsere primitive Gesellschaft

 

Politiker sind Totems

 

Ist ja nicht erst seit Söder und Seehofer so, dass der Ruf der Politik massiv beschädigt ist. Ich persönlich kenne niemanden, wirklich niemanden der noch gute Worte für Politiker übrig hat. Besonders schizophren ist es, dass zugleich kaum noch jemand daran glaubt, dass Politik über ausreichend Macht verfügte, irgendetwas zu ändern. Vermutlich kommt die schlechte Meinung über Politik von der Dissonanz zwischen herrischem Auftreten der Politiker und ihrer tatsächlichen Machtlosigkeit. Regelmäßig hört man ja wie Politiker Forderungen stellen, die dann nicht erfüllt werden. Sie sind immer noch die Stimme des Volkes und gemäß dessen sind sie der Spiegel des machtlosen Volkes. Aber vom herrischen Auftreten der Amtsträger sind viele Menschen angewidert. Wenn ein Politiker dann versucht, sich anzubiedern, steigert das nur noch den Ekeleffekt. Umso erstaunlicher ist es, dass sich nach dem grandiosen Scheitern der APO und dem erbärmlichen Versagen der Grünen immer noch Menschen in der Politik engagieren. Wir sind ein zoon politikon, ein politisches und soziales Wesen. Der schlechte Ruf den die Amtsträger in unserer und anderen Republiken haben ist daher ein umgedrehter animistischer Fetisch. Aus den Politikern wurden abstrakte Dinge, denen man Bedeutungen einhaucht, die sie nicht haben. Die Politiker vertreten so die psychischen Anteile unserer Ohnmacht. Sie sind totemistische Abbilder die wir bespucken können und dienen so als Abfuhr-Fetisch für unsere negativen psychischen Energien. Warum stellt man sich freiwillig dafür zur Verfügung? Energie ist Energie, auch wenn sie negativ ist. Politiker leben inzwischen vor allem von der negativen Energie. Ihre rein symbolische Macht resultiert aus dem Tabu, diese negative Abfuhr-Energie anzutasten. Politiker sind also Mitglieder eines totemistischen Clans, denen verbotene Dinge obliegen. Ähnlich wie Künstler oder andere Prominente. Das Sprechen der Politiker in Stichworten und Phrasen offenbart ihre pseudo-spirituelle Rolle in der Gesellschaft. Sie tabuisieren das, was für sie selbst erlaubt ist. Das macht sie nicht sympathisch, aber gibt ihnen eine hohe Funktion in der Gesellschaft. Entwicklungsgeschichtlich befindet sich also unsere Gesellschaft auf dem kognitiven Stand eines Kleinkindes. Wenn wir über die Politik schimpfen, dann entspricht das symbolisch dem Akt eines Kleinkindes, das ein Holzpferd füttert. Es ist nur symbolisch und ansonsten wirkungslos. Erst wenn wir das Holzpferd als Holzpferd erkennen können wir wieder selbst Politik machen.

 

Streifschuss vom 29. Juli 18

 

Anlass: Je sui Özil

 

Schritt für Schritt in die Unmenschlichkeit

 

Wenn hundert hungrige Afrikaner mit einem Schlauchboot im Mittelmeer absaufen, ist das grade noch eine DPA-Meldung. Wenn Herr Özil von der Nationalmannschaft zurücktritt, weil er sich rassistischen Beleidigungen ausgesetzt sah, haben wir eine Rassismus-Debatte. Nun. Rassismus ist eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Insofern sitzt Herr Özil sozusagen mit im Schlauchboot. Und dank seiner großen Medienpräsenz erweckt er mehr Aufsehen, als ein hungernder Afrikaner auf dem Weg nach Italien. Hinzu kommt, dass die Pressefotos von einem lächelnden Özil mit Herrn Erdogan und Özils Weigerung eine Entschuldigung zu heucheln im Vorfeld für Verwirrung sorgten. So wird ein Thema heiß. Politische Profis denen es weniger um politische Inhalte und mehr um politische Aufmerksamkeit geht, nutzen dann diese Hitze und werfen den Grill an. Nun haben wir also einen in London kickenden in Gelsenkirchen geborenen, türkisch-stämmigen Deutschen, der sich in Zukunft weigert, für seine Wahlheimat Tore zu produzieren. Und gerade dies erzeugt große Verwirrung. Uli Hoeneß brachte diese Verwirrung auf den Punkt: „Özil spielt seit Jahren einen Scheiß.“ Genau! Für wen spielt er denn nun? Er hat sogar schon mal für Werder Bremen gespielt.  Dann für Real Madrid. Und sein Vorbild ist ausgerechnet ein Franzose! Was soll das denn!? Fußballer sind die ideale Projektionsfläche für die Multikulturalitäts-Debatte. Sie zeigen vor allem, dass Freizügigkeit ein Attribut des Erfolgs ist. So konnte Özil sich aus dem Schlauchboot erheben und weigerte sich abzusaufen. Das ist eine Frechheit. „Absaufen, absaufen“, skandierten jüngst PEGIDA-Anhänger. Der eigentliche Vorwurf an Herrn Özil ist es, dass er nicht absäuft, sondern erfolgreich Fußball spielt. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit richtet sich nicht selten gerade an die, auf die man neidisch blickt. Man kann sie alle hassen, die Millionäre, die Schnösel, die Eliten. Eine arme Sau in einem Schlauchboot das „Hilfe“ schreit, erweckt ein Schulter zucken. Man hasst ihn nicht, er ist uns gleichgültig. Er bedroht uns ja nur dadurch, dass es ihn vielfach gibt. Ein hungernder Afrikaner steht für 1000 hungernde Afrikaner die unser deutsches Brot begehren. Ein Özil steht für das ganze verhasste liberale System, das die nationalen Werte verrät. Das alles ist ja schon unerträglich. Aber dann kommen auch noch Politprofis und instrumentalisieren diese hilflose Wut nützlicher Idioten für ihre Zwecke. Mit ihrem Eigendünkel stellen sich diese Politiker (Gauland, Söder, Seehofer usw..) über das allgemeine Gesetz. Auf einmal gelten die Menschenrechte nicht mehr. Es entsteht eine Tyrannei aus Geld, Ehrgeiz und verquaster Ideen. Daher: Je sui Özil.

Streifschuss

vom 21. Juli 18
Anlass:

Alles schon mal da gewesen

 

Von wegen Spinner

 

Vor einigen Jahren erdachte ich eine Form des bedingungslosen Grundeinkommens, das ich im so genannten Moneyfest formulierte. Mit all meiner Naivität ging ich mit meiner Idee hausieren und erntete Spott und wurde sogar beschimpft und bedroht. Verunsichert darüber sperrte ich meine Idee wieder ins Archiv meines Microsoft-Schreibprogramms. Nun ist es plötzlich wieder in die Erinnerung gebracht worden, durch ein Gespräch von Richard David Precht und Christoph Butterwegge auf der Phil.Cologne.
Im Gegensatz zu den üblichen Vorstellungen des BGE
wäre es jedoch bei meinem Moneyfest gar kein Einkommen, sondern ein Grundkapital, das dann versteuert wird. Das Kapital kommt unmittelbar von den Tradern auf die Konten und wird dann vom Staat versteuert. Damit wäre auch einer Entwertung vorgebeugt. Es wäre echte ausgleichende Gerechtigkeit, und käme tatsächlich auf jedes Lebewesen, das berechtigt ist, ein Konto zu führen.  Eine Kanalisierung, die wirklich alle zu Gewinnern macht. Und von mir aus könnte man den repressiven Sozialstaat dann noch weiter betreiben.

Ich dachte bis heute, dieses Moneyfest sei originell. Aber im Grundsatz wurde es bereits von Thomas Spence im 18.ten Jahrhundert erdacht. Er forderte ein Grundeinkommen aus Bodenpachten, um der Enteignungswelle etwas entgegenzusetzen. In vielen seiner Schriften forderte er, dass das Eigentum an Boden an die Gemeinden übergehen solle. Diese solle die Nutzungsrechte versteigern und aus den Einnahmen die Gemeindeausgaben tätigen. Aus dem verbleibenden Geld solle eine Zahlung an alle Einwohner fließen, wobei jeder Einwohner einen gleich hohen Betrag erhalten solle, ungeachtet seines Geschlechts, seines Alters, seiner gesellschaftlichen Stellung oder seines Vermögens. Diese Forderung rechtfertigte er mit seiner Auffassung, dass jeder Mensch ein Grundrecht am Boden habe, der moralisch allen Einwohnern gehöre. Also im Grundsatz ähnlich wie mein Moneyfest, in dem ich das BGE aus den Transaktionen des Finanzkapitals selbst abzwacke. Der Staat, der nie etwas bedingungslos tut, wäre außen vor. Er könnte sogar dieses Grundeinkommen - weil es ja eigentlich ein Kapital ist - wieder versteuern.

In einem Gespräch auf der Phil.Cologne zwischen Richard David Precht und dem Armutsforscher (was zur Hölle erforscht man da nur!?) Christoph Butterwegge, wehrte sich vor allem der Armutsforscher gegen das BGE. Im Grundsatz waren die Gegenargumente von Butterwegge auf dem Gerechtigkeitsproblem aufgebaut. Er sprach von einer Verteilungs- Bedarfs- und Leistungsgerechtigkeit. Vor allem die Bedarfsgerechtigkeit würde durch das Grundeinkommen untergraben.Und es könnten noch mehr Jobs im Niedriglohnsektor geschaffen werden, weil der Kapitalist nicht mehr gezwungen wäre, die Reproduktion von Arbeit zu bezahlen. So Butterwegge. Nun. Das tut er doch schon längst nicht mehr. Bestes Beispiel: Amazon. (aber auch die vielen Hilfsarbeiter in der Pflege) Ein Grundeinkommen würde dazu führen, dass Amazon Mitarbeiter nicht streiken müssten, sondern kündigen könnten. Damit würde langfristig das Monopol von Amazon  gebrochen werden. Amazon würde sofort auf Drohnen umstellen. Und viele Menschen mit Grundeinkommen, die bislang bei Amazon ausgebeutet wurden, wären nun deren Kunden, würden sich Bücher liefern lassen und kritische Literatur über Amazon lesen. Und ich kenne viele Menschen, die ehrenamtlich pflegen, aber dann gezwungen werden, dies lohnabhängig zu tun. Das ist pervers.
Die Kritik an der Bedarfsgerechtigkeit ist genauso hohl, denn es gibt nur noch zahlungsfähige Bedürfnisse im Kapitalismus. Der Sozialstaat ist in seiner Natur selber reaktionär. Der Staat ist doch nur das Instrument des Kapitals. Denn wenn das bedingungslose Grundeinkommen vom Finanzkapitalismus kommt, warum kann der Staat dann nicht weiter seine Sozialleistungen nach Bedarf ausschütten? Täte er es deshalb nicht mehr, dann wäre der Sozialstaat nur ein repressives Mittel zur Wiederherstellung von Arbeitskraft. Und genau das ist er ja. Ich habe lange genug in der Medizin, im Krankenhaus gearbeitet, um zu wissen, dass Krankheit vor allem ein ökonomisches Problem geworden ist. Und nach wie vor wird Kindererziehung nicht im Ansatz gewürdigt.  Es wäre eine andere Welt, würden wir die Bedürfnisse von Menschen wieder ernst nehmen und die Reproduktion stärken. Und genau hier setzt ein bedingungsloses Grundeinkommen an. Die relative Unabhängigkeit die ein zweckethisch ausgerichtetes Füllhorn für die Gesellschaft schaffen könnte, würde soziale Projekte fördern, und Arbeit wieder zu dem machen, was es auch sein könnte: Phronesis, eine zweite Natur meiner selbst. Viele Menschen machen vieles völlig umsonst. Nicht alles muss man bezahlen müssen. In einer lohnabhängigen Gesellschaft (die längst vom Geldadel regiert wird) kann keine Care-Revolution stattfinden.  Ohne ein Grundeinkommen bleiben die meisten Menschen abhängig und können es nicht wagen, selbstständig zu denken. Selbst mit Kant könnte man also für das Grundeinkommen argumentieren.

Die von Butterwegge favorisierte Bürgerversicherung wäre wieder nur ein Instrument der Repression, denn keine Versicherung der Welt zahlt freiwillig. Im Gegenteil. Zuletzt wurden sogar unsere Renten auf der Börse verspekuliert. Versicherungen operieren mit Beitragsanpassung und versuchen alles, um gerechte Ausschüttungen zu verhindern. Eine Zwangsversicherung ist auch mit Artikel 2 des GG schwer vereinbar. Nach wie vor ist es eine Errungenschaft der bürgerlichen Welt, den Menschen selbst zu überlassen, ob sie Verträge unterschreiben oder nicht. Schon die gesetzliche Krankenkasse ist für viele Menschen eine Belastung. Ich könnte nicht so leben, wie ich lebe (als freiberuflicher Honorardozent), wenn ich nicht bei der KSK wäre. Das ist eine Perversion schlechthin.

Der alte Bismarck hatte die Reichsversicherung nur als Konstruktion geschaffen, um die Sozialdemokraten (die damals noch linker waren) zu verbieten. Die Bürgerversicherung würde sich nur wieder an der Meritokratie ausrichten und versteht nicht, dass der Finanzkapitalismus längst so ubiquitär ist, dass er die Realwirtschaft zum Nebeneinkommen gemacht hat.

Übrigens, die Ideen von Thomas Spence wurden noch nach seinem Tode von den Spencean Philanthropists vertreten. Diese kleine politische Gruppe wurde bereits 1820 wieder aufgelöst, nachdem einige seiner Anhänger verdächtigt wurden bei der Cato-Verschwörung (man wollte alle englischen Unterhausabgeordneten ermorden, siehe Guy Ritchie "Spiel im Schatten") mitgemacht zu haben und daraufhin erhängt wurden. Es ist mir ein Rätsel, warum gerade die klügsten Köpfe derart dickköpfig und perspektivlos sind. Uns Menschen fehlt nach wie vor der gemeinsame Wille zum Besseren.

 

 

Streifschuss

vom 15. Juli 18

 

Anlass: Charaktermasken

 

 

 

Römerfleisch

 

Jüngst habe ich mich in einem Gespräch mit einer Vertreterin der bürgerlichen Klasse als einen Arbeiter bezeichnet. Darauf erntete ich den Spott, ich sei doch ein Intellektueller schlechthin. Wie so oft in Gesprächen mit Menschen, die einer anderen Klasse angehören, fühlte ich mich nicht verstanden. Es gibt keine Klasse der Intellektuellen. Dass der Intellektuelle der bürgerlichen Klasse angehört ist selbst eine Erfindung der bürgerlichen Klasse und diente als Disziplinierungsmaßnahme, um Schulen zu Ausbildungsstätten umzufunktionieren. Der klassischen Idee nach ist die Schule das Gegenteil von Arbeit (Σχολή versus πόνος). Muße statt Sklaverei.

Antonio Gramsci fasste den Intellektuellen folgerichtig in seinen Gefängnisheften viel weiter:

„Alle Menschen sind Intellektuelle, könnte man daher sagen; aber nicht alle Menschen haben in der Gesellschaft die Funktion von Intellektuellen.“ (Gramsci 1996: 1500)

Es gibt nach wie vor Klassen. Natürlich. Es ist nur heimtückischer geworden, weil der Kapitalismus durch seinen Gleichmacher Geld vordergründig das Bewusstsein der eigenen Klasse nivelliert. Und so spürt man oft nur die Diskriminierung durch die bürgerliche Klasse, ohne sie so richtig beweisen zu können. Die bürgerliche Klasse war nun jahrelang grün und linksliberal, fühlte sich moralisch überlegen und bestimmte die Deutungshoheit. Hassprediger wie Gauland, Söder oder Seehofer (allesamt bourgeoise Drecksäcke) heizen nun die Massen an, indem sie diesen jahrelangen bourgeoisen und selbstgefälligen Klassendünkel für ihre Propaganda nutzen. Die gesamte AfD ist eine Partei aus bourgeoisen Säcken, die gar nicht vor haben an der Klassenlage etwas zu ändern. Da sich die Arbeiterklasse kaum noch als solche fühlt, kein Bewusstsein mehr hat, weil der Arbeiter sich in den unterschiedlichsten Berufen versteckt, im Lehrer oder in der Krankenschwester, und andererseits der bourgeoise Lehrer oder die bourgeoise Krankenschwester der Arbeiterschwester gegenüber steht. Die Klassen verteilen sich nicht mehr in den Berufen. Sie verteilen sich nicht mehr im Zugriff auf Geld. Sie verteilen sich in den Köpfen. Denn bei dem Begriff der Klasse handelt es sich um ein Bewusstsein. Der soziale Hintergrund ist nicht die Bildung. Es gibt keine klassische Arbeiterbildung. Die ursprünglich dafür gedachten Institutionen der so genannten Volkshochschulen sind längst bourgeois unterlaufen. Es wirken im Hintergrund vor allem die politischen und ideologischen Unterwerfungsmechanismen. Inzwischen bestimmen die alten faschistischen Leitbilder der bürgerlichen Klasse wieder stärker die Deutungshoheit. Die bürgerliche Klasse lebt immer noch in dem Bewusstsein des ideologischen Rechts. Diese Bilder im Kopf bewirken eine Form der Überheblichkeit, die selbst der ideologisch korrekte Arbeiter spürt. Daher schwenkt er irgendwann um und unterwirft sich der faschistischen Bourgeoisie. Und die Tragödie für diesen Arbeiter im Kopf ist es, dass man seine eigenen Werte verrät. Der Kapitalismus lässt uns gerne vergessen, dass es eine Geschichte gibt. Uns steckt der Arbeiter in den Knochen. Das eigene Klassenbewusstsein wird vererbt über die Generationen. Es macht unter epigenetischen Gesichtspunkten einen großen Unterschied, ob meine Großeltern und Eltern aus einem bestimmten Produktionsverhältnis heraus mich groß gezogen haben. Die vielen Mischehen in den Klassen haben das natürlich ein klein wenig verwässert. Aber der Unterschied ist noch lange nicht weg. Weder Bildung noch Beruf prägt das Bewusstsein, sondern die herkömmlichen Produktionsverhältnisse. Vereinfacht könnte man sagen: Nicht das Geld spielt eine Rolle für das Bewusstsein, sondern wo das Geld her kommt. Wenn der Arbeiter durch seinen Besitz sein Arbeiterbewusstsein zu kompensieren versucht, wird er zum Kleinbürger. Das ist das Angebot der bourgeoisen Klasse an die Sklaven. Du bist dann ein bisschen wie sie, aber niemals mehr als kleiner als sie. Ein Arbeiter der sich befreit ist immer ein Spartacus und die Gaulands, Söders und Seehofers sind nichts weiter als Römerfleisch.

 

Streifschuss

vom 01. Juli 18

 

Anlass: #Me Too sverige

 

Jag är stolt över Sverige

 

Seit heute ist in Schweden ein neues Gesetz in Kraft, das festlegt, dass Sex freiwillig sein muss. Gut, das war bisher schon so. Handelt es sich hier um eine Umkehr der Beweislast?  Jetzt muss im Grunde nicht mehr das Opfer allein belegen, dass es zum Sex gezwungen wurde, sondern der Täter muss zusätzlich erläutern, wie er auf die Idee kam, der Partner sei mit dem Sex einverstanden gewesen. Der Täter ist damit mehr gefordert. Ist damit nicht der Grundsatz in dubio pro reo gebrochen? Nein. Denn der Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ ist keine Beweisregel, sondern eine Entscheidungsregel, es geht also bei diesem Grundsatz vor allem um die Rechtsfolgen.
Das neue Gesetz aus Schweden tastet die Entscheidungsregel gar nicht an und ist daher besonders raffiniert, weil hier zwar weiter Aussage gegen Aussage steht, aber die Signale zur sexuellen Bereitschaft müssen nun eindeutiger sein. Ist das Opfer nur passiv gewesen, dann wäre es eine Vergewaltigung aus Unachtsamkeit. Es wäre in gewisser Weise eine echte Unterlassung. Gerade weil der Mann nicht aufhört, Sex zu haben, macht er sich schuldig. Bei Hausfriedensbruch muss das Opfer auch nicht erklären, ob sie den ungebetenen Gast nicht etwa eingeladen habe. Insgesamt ist das ein Fortschritt und es trainiert das männliche Bewusstsein. Denn nun muss der Mann achtsamer mit der Frau umgehen. Sein bisheriges, sehr schlampiges Verhalten war ja so, dass er seine eigene Erektion mit Bereitschaft des Partners verwechselte. Nach dem Motto: Ich bin erregt, weil sie das gemacht hat. Da reicht dann ein kurzer Rock, ein Lächeln, ein kleiner Flirt schon aus. Männer sind Projektionsmaschinen. Und Männer sind schnell erregt und die Pornoindustrie limitiert zusätzlich die geistige Entwicklung von Männern. Daher ist dieses Gesetz sehr zu begrüßen und Vorbild auch für deutsche Gesetzgebung.  
Entscheidend ist also nun das Tun des Nichttuns. Wer nicht aufhört Sex zu haben, obwohl vom Gegenüber gegenteilige Signale kommen, der macht sich schuldig. Damit haben die schwedischen Juristen endlich klar gemacht, dass Sex mehr ist, als rein und raus. Wir werden im weiteren Verlauf der Rechtspraxis sehen, wie sich das auswirkt. Doch schon jetzt haben die Schweden die #metoo-Diskussion auf eine höhere Ebene gebracht und dafür bekommen sie von mir Standing Ovations.

 

Streifschuss vom 15. Juni 18
 

Anlass: plötzlicher Gedanke aus eigener Erfahrung

 

Erstens, zweitens, drittens – Heureka!

 

Schüler, die von den Lehrern erwarten, dass sie alle das Gleiche sagen, denen empfehle ich, einer Sekte beizutreten. Dort ist das so. Eine Schule ist aber ein weltliches Projekt und befürwortet den Diskurs nicht das Dogma. Im Diskurs entwickeln sich heuristische Modelle und deren Faustregeln. Aber Lehrer sollten fähig sein, mehrere Diskurs-Ebenen zu verstehen. Damit unterscheiden sich Lehrer dann noch ein wenig von Schülern. Wer nur eine Diskursebene im Schädel hat, ist ein Dogmatiker und sollte sich mit Religion beschäftigen.
Aus eigener Anschauung und als Ausbilder im medizinischen Bereich erlebe ich öfter diese Spannung zwischen Diskurs und Dogma. So gibt es zum Beispiel im medizinischen Bereich für die Entwicklung eines Druckgeschwürs (Dekubitus) unterschiedliche Cluster. Man kann die patho-physiologische Veränderung der Haut Richtung Dekubitus nach Shea in vier Grade einteilen, oder nach Seiler in A, B und C, oder nach der European Pressure Ulcer Advisory Panel in vier Kategorien, oder nach der ICD-Kodierung in sogar fünf Grade. Bei einem erwachsenen Mitteleuropäer setze ich persönlich voraus, dass er bis fünf zählen kann. Daher wäre es absurd, darüber eine Debatte führen zu wollen. Viel wichtiger ist doch, dass der angehende Mediziner weiß, auf welche Art sich die Haut verändern kann, wenn sie unter bestimmten Bedingungen Stress ausgesetzt ist. Daher gibt es im Studium der Medizin auch das Physikum. Dort lernt man etwas über Druck, über Scherkräfte, etwas über das Wechselspiel physikalischer Kräfte. Wer aber keine Vorstellung davon hat, was Scherkräfte bei einer stark ausgetrockneten und spröden Haut bewirken, der wird den Dekubitus erst verursachen, den er dann anschließend in erstens, zweitens und drittens einteilen kann. So was nennt man Grundlagen-Wissen. In einer von der Ökonomie verseuchten Gesellschaft interessieren aber nur noch die Regale, in die man die Waren stellen kann. Ob die Ware selbst gut oder schlecht ist, das ist nebensächlich, solange sie sich verkaufen lässt. Die vielen Schubladen und Fächer, die Verpackungen sind aber tatsächlich die eigentliche Nebensache. Das ist erstens so, zweitens sowieso und drittens überhaupt. Das muss man den Vertriebsidioten, die unsere schöne unverpackte Welt vergiften wieder beibringen. Grundlagen! Was sind unsere Grundlagen! Das ist Wissenschaft.  All die Grade, Skalen, Stufen oder Kategorien sind dann der Diskurs. Der ist wichtig, aber er muss immer offen bleiben. Denn in der Offenheit des Diskurses entdecken wir das Besondere im Allgemeinen.

 

Streifschuss

vom 10. Juni 18

 

Anlass:

Ob Vögel oder Fliegen:

Sie verscheißern uns

 

 

Die Wahrheit darüber, was wirklich ein „Vogelschiss“ ist

 

Genau genommen ist die G7 ein „Vogelschiss“ in der Weltökonomie. Mal ehrlich. Wer hat auf der Welt derzeit das größte Bruttonationaleinkommen pro Kopf? Na? Schon drauf gekommen? Richtig. Es ist Katar! 125.000 Dollar pro Kopf im Jahr verdient ein Katarer im Durchschnitt! Deutschland liegt weit, sehr weit hinter Katar. Nämlich auf Platz 20 mit grade mal 49.000 Dollar Jahreseinkommen pro Kopf. Ein Deutscher verdient damit 1000 Dollar weniger im Jahr als ein Österreicher.  Übrigens sind die Katarer auch Weltspitze im Ausstoßen von Kohlenstoffdioxid. Nicht mal da, im Produzieren von Smog, kann der deutsche Diesel mithalten. Jeder Einwohner Katars verursachte 2011 pro Jahr durchschnittlich 31 Tonnen Kohlenstoffdioxid (CO2) (zum Vergleich: USA durchschnittlich 17,3 Tonnen, China durchschnittlich 7,2 Tonnen und Deutschland durchschnittlich 9,9 Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr; die Gesamtemission Katars entsprach in etwa der von Berlin und Hamburg zusammen). In Katar leben grade mal zweieinhalb Millionen Menschen.
Auf das Emirat Katar, das also unangefochten Weltspitze ist, folgt auf Platz 2 Macao. Macao liegt unweit von Hongkong und ist eine Sonderverwaltungszone der VR China. Die Haupteinnahme-Quelle der Leute die dort leben ist das legale Glücksspiel. Damit schaffen es die Einwohner von Macao immerhin auf 98.000 Dollar pro Jahr Bruttonationaleinkommen. Viele Touristen kommen nach Macao und lassen ihr Geld bei den freundlichen Chinesen, die da in ihren Spielhöllen sitzen und konfuzianisch dreinschauen. Auf Katar und Macao folgen Singapur, Kuweit, Brunei, die vereinigten Arabischen Emirate. Erst auf die Araber folgt ein europäisches Land mit Luxemburg.  Ein Luxemburger verdient 70.000 Dollar im Jahr. Frankreich, Großbritannien, Kanada und Italien sind die abgeschlagenen Schlusslichter,  was das Bruttonationaleinkommen betrifft.
Also und kurz und gut: Dieses G7-Treffen ist ein Treffen der Verlierer. Reich sind nicht die Nationen, die sich gerade in Kanada zoffen, sondern höchstens die Personen deren Streitereien um Zölle eh keiner mehr wirklich ernst nimmt. Aber im Vergleich zu denen, die gerade in ihren weißen Kanduras ihre sprudelnden Ölquellen besuchen und diese Verlierer-Nationen durch Hilfseinkäufe von Waffen unterstützen, sind diese G7-Nationen „Vogel- oder sogar Fliegenschisse“. Wir wollen doch mal sehen, wie viel Gauland noch übrig bleibt, wenn diese führenden Nationen (Katar, Brunei, Macao, Saudi-Arabien) die G7-Länder nicht mehr unterstützen und ihre Waffeneinkäufe in Zukunft bei den Russen und Chinesen tätigen werden. Da – so prophezeie ich es – da scheißen die sich ein.

 

Streifschuss

vom 01. Juni 18

 

Anlass: Crux Söderum

 

Ja wer kreuzt denn da des Wegs?

 

Seit heute gilt also nun der Kreuzerlass von Söders Gnaden. Aber welches Kreuz? Meint Söder das Kruckenkreuz der austrofaschistischen vaterländischen Front? Oder das gleichschenklige Keltenkreuz , das Zeichen der rechtsextremen und verbotenen Volkssozialistischen Bewegung Deutschlands (VSBD/PdA) das noch heute als Symbol in der rechtsextremen Szene – in stark stilisierter Form – weit verbreitet ist? Oder das Tatzenkreuz der Templer? Oder will dieser Landesverrä...äh Vater gar den Union Jack aufhängen lassen, das Georgskreuz? Es gibt nämlich eine ganze Menge Kreuze, das ist die Crux dabei. Das Papstkreuz, das Lothringer Kreuz, das Lazaruskreuz, das Andreaskreuz, das Astkreuz der Wiener Minoriten, das Ankerkreuz der Maltäser und viele andere mehr. Es kreuzen geradezu überall irgendwelche Kreuze unser Augenlicht. Aber in Paragraf 28 der Allgemeinen Geschäftsordnung für die Behörden des Freistaates Bayern heißt es lediglich: „Im Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes ist als Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns gut sichtbar ein Kreuz anzubringen.“  Wie auch immer. Söder ist der größte Depp den Bayern jemals an der Regierungsspitze hatte. Ein kreuziger Kauz sozusagen. Aber klar: ein fränkischer Sepperl als Ministerpräsident passt gut in dieses eigentlich von  Harald Krüger und Norbert Reithofer (BMW AG  Vorstandsvorsitzender und Aufsichtsratsvorsitzender)  regiertem Alpenvorland. Schließlich gibt es auf Bayerns Straßen viele Kreuzungen auf denen man christlichen Beistand nötig hat – vor allem wenn man mit dem Rad unterwegs ist. Da kreuzt schon mal ein BMW das Radkreuz. Ach ja! Das Radkreuz, das auf dem Sonnenwagen von Trundholm abgebildet ist und aus der Bronzezeit (1400 vor Christus) stammt. Es ist das Wahrzeichen der Dänen. Tja so ist wieder mal was faul im Staate Dänemark. Ein geschüttelt Bier auf den durch Bayern trumpenden Söder.

 

Streifschuss vom 25. Mai 18

 

Anlass: Die Idioten und die Idioten, die sich um diese Idioten kümmern

 

Dirty talk of nurcing

 

Vor 200 Jahren (1817) sagte ein irisches Mitglied des britischen Unterhauses über die häusliche Pflege der damaligen Zeit: „Es gibt nichts Schockierenderes als Idiotie in der Hütte eines irischen Landarbeiters. Werden ein kräftiger Mann oder eine Frau von den Beschwerden befallen, bleibt den Familienmitgliedern nichts anderes übrig, als ein Loch in den Boden der Hütte zu graben, nicht so tief, als dass ein Mensch aufrecht darinstehen könnte, mit einem Lattengerüst darüber, damit er nicht herausklettern kann. Das Loch ist ungefähr einen Meter fünfzig tief; dort hinein reichen sie dem bedauernswerten Wesen die Mahlzeit, und dort stirbt es im Allgemeinen.“

Damals war es das Recht jedes Idioten (und da war man in der Auslegung großzügig, was ein Idiot ist) von der Familie versorgt zu werden. Die Gemeinde hatte nichts damit zu tun. Und wie Jens Spahn der frisch gebackene Minister für gesundes Volksempfinden jüngst bei Maybrit Illner feststellte: „Es hat sich in der Gesellschaft viel getan.“ Oh ja. Es gibt kaum noch irische Landarbeiter. Aber ansonsten werden zwei Drittel der Pflegebedürftigen in Deutschland zu Hause versorgt. Die Löcher im Hüttenboden sind nicht wirklich größer geworden.
Nach langer Zeit also habe ich mir mal wieder eine Talkshow angesehen. Es ging um die Pflege. Und da ich ja viele Jahre als Pfleger arbeitete (wie schon Samuel Beckett in der Psychiatrie beschäftigt), dachte ich mir, schau doch mal was es Neues gibt an der Front des politischen Kabaretts.
Neu ist also Jens Spahn. The man who talks loud and say nothing. Nach einem Beitrag, indem man sah wie eine Altenpflegerin eine demenzkranke Frau misshandelte, sagte dieser Starkomiker: „Man muss einfach auch sehen, was für eine großartige Arbeit die Pfleger und Pflegerinnen leisten.“ Dieser populistische Beitrag zur Idiotie im Allgemeinen zeigte auf: Der Mann lacht am liebsten über sehr, sehr einfache Scherze. Viele wussten gar nicht, dass Pflege ein anstrengender, ehrenwerter und professioneller Beruf ist. Deshalb betonte das auch der Azubi der Krankenpflege, der auch zur Sendung eingeladen war, extra noch einmal: „Wir sind eine eigene Profession und stehen auf Augenhöhe mit den Ärzten.“ Ups! Das wussten bisher auch viele Ärzte gar nicht. Ganz viel Neues also! Und sonst? Kein Geld, kein Plan aber viele Bausteine. Frau Kipping versuchte mal wieder Kapitalismuskritik zu üben, was man kaum verstand, weil Frau Illner gleich dazwischen redete und auf ein anderes Thema zu lenken versuchte. Dass Altenheime auch unter einem ökonomischen Druck stehen und von Aktionären und deren Aufsichtsräten dazu angetrieben werden, Rendite zu erwirtschaften mit Hilfe einer systematischen Pflege zur Hilflosigkeit (höherer Pflegegrad, mehr Geld), Personaleinsparung, Catering und Zimmermieterhöhung (die groteske Höhen erreichen), das alles liegt für Jens Spahn (dem Starkomiker) an der Brandschutznorm zu der man die stationären Einrichtungen zwingt. Dass Altenheime möglichst nicht brennen sollten, das ist ein politischer Konsens auf den sich auch diese Koalition einigen kann. Ansonsten ist das Desaster groß. Die pflegenden Angehörigen verarmen, werden depressiv und rutschen in Hartz IV ab, die Pfleger und Pflegerinnen bekommen Burnout und steigen nach wenigen Jahren frustriert aus dem Beruf aus. Ein ebenfalls geladener Altenpfleger sprach von der Notwendigkeit eines Systemwechsels. Frau Illner unterbrach gleich und wechselte das Thema (oh Gott schon wieder Kapitalismuskritik! Was haben die nur alle gegen diesen tollen Kapitalismus?). Dann wurden noch ein paar neue Modelle vorgestellt, unter anderem eine polnische Menschenschleuserin, die ausländische Pflegekräfte für 24-Stunden-Pflege vermittelt. Es war wenigstens Frau Kipping, die hier noch kritisch anmerkte, dass man sich auch die Frage stellen soll, wer die Pflegebedürftigen in Polen pflegt, wenn deren Fachkräfte bei uns arbeiten, und die noch anmerkte, dass die Gefahr einer Dienstmädchen-Gesellschaft zu berücksichtigen sei. Die ganze Sendung war ein hilfloser Scheiß. Und die vielen Menschen, die zu Hause angekettet in ihren Pflegebetten durch ihre Löcher im Boden auf den flimmernden Fernsehapparat starrten, hofften darauf, dass es bald wieder eine Beruhigungspille gibt. 80 Minuten Zeitverschwendung. Aber wenigstens Herr Spahn war recht lustig.

 

Streifschuss

vom 21. Mai 18

 

Anlass: Vox populi, vox belli

 

Alter Wein

in neue Schläuche

 

So sieht Italiens Plan aus: Eine Einheitssteuer,  Grundeinkommen, ein rigideres Bankengesetz mit der Rückkehr zum bail-out und damit Haftung der Banken, Herabsetzen des Renteneintrittsalters, Verbesserung des Kündigungsschutzes am Arbeitsmarkt, Forderungen nach mehr Demokratie in Europa und Kritik an multilateralen Handelsverträgen wie  CETA, TTIP, Italien geht auch in Opposition zu dem Vorhaben, China den Mes (Marktwirtschaftsstatus) zuzuerkennen. Das alles klingt eigentlich gar nicht schlecht. Bezahlt wird das mit einer härteren Abschiebepolitik gegenüber Flüchtlingen. Das ist das Katastrophen-Bündnis aus Lega Nord und 5 Sterne. In Brüssel bekommen nun einige Finanzplaner Sorgenfalten. Was sollten sie auch machen, wenn diese italienische Regierung beschließt, ihre Schulden nicht mehr zu bezahlen? In Italien einmarschieren? Mit was? Ähnlich wie das Hitlers Regime 1933 machte und damit den vernünftigen Dawes-Plan - den noch die Sozialdemokraten ausgehandelt  hatten - ad absurdum führte und die Kriegsmüdigkeit für ihre brutalen Zwecke nutzte, baut Italien darauf, dass die Agenten aus Brüssel Papiertiger sind. Der erschreckende Reduktionismus der Rechts-Pseudolinks-Regierung Italiens erinnert schon ein wenig an „Kinder forschen“. So verführerisch das populistische Programm auch klingt: Es offenbart ein Dilemma. In einer komplex vernetzten Ökonomie die längst übernationale und holistische Dimensionen erreicht hat, ist nationale Politik ein echtes Drama. Nun trumpt Italien durch Europa und versucht die geknüpften Netze zu zerschlagen. Das ist schon auch nachvollziehbar, da sich das internationale Handelsnetz längst als Spinnennetz entpuppte, indem sich vor allem kleinere Tiere verfangen. Aber wenn sich die im Netz gefangene Fliege wehrt, verheddert sie sich nur noch mehr in diesem Netz. Und wenn Italien das Netz doch durchschlagen kann, dann stürzt Europa in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück. Das bedeutet Krieg. Die Zeichen stehen auf Sturm. Jahrzehnte lang hat die ökonomische Spinne rücksichtslos ihr Netz geknüpft und Milliarden Menschen missbilligen nun die vermeintlichen Wohltaten dieser Spinne und durchschauen die eigentliche Absicht. Das liberalistische System mit dem die Reichen immer reicher wurden und immer mächtiger funktioniert nicht mehr. Das Prinzip der Freizügigkeit ersetzt nicht mehr das Bedürfnis nach echter Freiheit. Das Heil erwartet die Masse nun durch Rückkehr zur nationalen Politik. Und diese Politik ersetzt die Freizügigkeit mit noch mehr Freizügigkeit. Es sind am Ende nur weitere Wohltaten, die Italiens neue Regierung verspricht. Aber keine echte Freiheit. Isolationismus versus Interventionismus. Das bedeutet immer Konflikte.  Und Konflikte zwischen Staaten kosten viel Geld. Frieden ist die Grundbedingung für Freiheit und das erreicht man eher durch Kooperation. Daher sollten die Agenten in Brüssel nicht rummeckern, sondern endlich begreifen, dass Italiens Neuorientierung kein Sonderfall ist. Italiens neue Regierung ist systemimmanent. Sie ist eine natürliche Folge der europäischen Ideologie. Die Bankenfreundliche Sparpolitik aus Brüssel (diktiert von Deutschland aus) ist definitiv gescheitert. Und Italiens neue Regierung gesellt sich jetzt auch zu den unfreiwilligen Bestattern der großen europäischen Idee des gemeinsamen Friedens. Ressourcenkonflikte, ideologische Verwerfungen, regionale Begehrlichkeiten und eine neue nationale Macht sind schon vier Kriegsmotive. Nur: Wenn eine Spinne schwächelt, freut sich schon die nächste. Italien hat nichts anzubieten. Eine wirklich neue Form des Wirtschaftens reduziert sich nicht auf weitere Wohltaten, sondern auf eine kognitive Neubewertung von reproduktiver Arbeit. Nicht etwa Isolation und sein eigenes Süppchen kochen auf  Kosten der anderen, sondern echtes „teilen“. Aber es sind nicht im Ansatz Motive für die Superreichen erkennbar, dass sie jemals beabsichtigen zu teilen. Und was passiert mit einem Kind, das sein tolles Spielzeug nur für sich alleine will? Es wird verprügelt.

Streifschuss vom 09. Mai 18

 

Anlass: Das Arschgesicht

 

Be-Zoße

 

Der jüngst mit dem Axel Springer Award (Preis für gesellschaftliche Verantwortung) ausgezeichnete Jeff Bezos (Amazon-Chef), reüssierte bei einem Springer-Event über die Work-Life-Balance seiner Mitarbeiter. Seiner Meinung nach sei das der falsche Ansatz, wenn man Privatleben und Arbeitsleben in einer Art Konkurrenz sähe. Eher sei es – nach Bezos – eine Art Kreis. Wenn er nach einem guten Arbeitstag nach Hause kommt, bringt er die Energie mit nach Hause, wenn er von einem guten Tag zu Hause in die Arbeit kommt, bringt er die Energie mit in die Arbeit. Bezos hat durchaus Recht. Nur übersieht er, dass diese Gemeinschaft von Arbeit und Freizeit, von Leben und Arbeitsleben nicht die Ursache ist, sondern die Wirkung. Denn wer sich fremden Herren anbieten muss und dabei eine Arbeit zu verrichten hat, die nichts bis gar nichts mit seinem Leben zu tun hat, der wird kaum sein privates Leben mit der Arbeit verschränken wollen. Plädiert Bezos wirklich dafür, dass der Postbote die Briefe mit nach Hause nimmt (wenn er einen guten Tag hatte) und abends noch seiner Frau vorliest? Wohl kaum. Der Unterschied zwischen den neuen Herren der schönen digitalen Welt und dem schnöden Leben eines in Lohnsklaverei unter miesen Bedingungen schuftenden Arbeiters könnte nicht größer sein. Ratschläge sind hier wirklich Schläge. Das Glücksgefühl das die Verschmelzung von Arbeit und Leben auslösen kann, benötigt eine hohe Identifikation mit der Arbeit und damit eine Art Idealismus. Für einen Arbeiter dessen Tätigsein im Wesentlichen fremdbestimmt ist von den Anforderungen der Maschinen, des Marktes, der Herren, bräuchte so ein Idealismus schon eine enorme Einbildungskraft. Ein Arbeiter braucht viel, sehr viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass die täglichen Mühen und Mühlen in der Arbeitswelt vergleichbar sind mit den Anstrengungen die er in seinem Privatleben aufbringt. Der Einfluss der Arbeit in Beziehungsarbeit, Selbstpflege, Vorsorge und Regeneration ist nur geringfügig und subsumiert sich in dem berühmten Lohnzettel. Auch wenn Bezos hier einen interessanten Ansatz hat und die Care-Work-Idee verfolgt, müsste sich die Arbeitswelt erheblich verändern. Und das sieht man bei den Arbeitsbedingungen eines Amazon-Mitarbeiters nicht gerade. Bezos ist damit als Zyniker entlarvt und der Axel-Springer-Verlag als Steigbügelhalter für die Perversionen, die in diesem Smalltalk des Glatzkopfes aus Neumexiko zu Tage treten. Es wird einem übel beim Anblick solcher gönnerhaften Ärsche.

 

Streifschuss

vom 29. April 18

 

Anlass: Pflegegulag

 

 

Grüne Menschenfänger

Grüne sind Kohlkopf-Nazis

 

Während des Krimkrieges erkannte die Mitbegründerin der modernen Pflegewissenschaften Florence Nightingale die Notwendigkeit einer Professionalisierung der Krankenpflege wie auch ein eigenes Selbstverständnis und einer Sinnhaftigkeit im Rahmen der Berufsausübung. Ihr war dabei bewusst, dass Menschen, die Existenzsorgen haben, diese geforderten Werte nur mit Mühe leben können.

Nun fordert Ernst Habeck von Bündnis 90 Die Grünen das Bleiberecht für Flüchtlinge, die in der Pflege arbeiten wollen. Das ist nicht nur menschenverachtend, sondern auch praxisfern. Pflege ist ein emotional sehr anstrengender Beruf, für den man eine professionelle Ausbildung braucht. Selbst gesunde und leistungsfähige Menschen steigen nach einigen Jahren erschöpft aus diesem Beruf aus. Und ausgerechnet Menschen, die grade aus ihrer Heimat geflüchtet sind vor Bomben und Elend, die buchstäblich ihr Leben gerettet haben, ausgerechnet Menschen, die Angst haben, wieder weg geschickt zu werden, die gleichzeitig große Sorgen plagen, ob ihre Liebsten in der Heimat überleben oder grade erschossen werden, solche Menschen wollen die Grünen in einen der härtesten Berufe überhaupt schicken? Da sitzen sie, die Grünen mit ihren Pfaffenärschen und schütten Dreck auf die Menschen unter ihnen. Klar, pflegen kann doch jeder oder? Das diskreditiert die Arbeit, die Pflegende tagtäglich  leisten, weil es suggeriert, dass auch schwer traumatisierte Menschen das machen können. Das ist eine Steilvorlage für Neonazis. Da ist es fast noch ehrlicher, wenn man die Kriegsflüchtlinge gleich in Auffanglager pfercht und ihnen erst gar nicht vormacht, dass man sie haben will. Menschen, die sich gerade vor Willkür, Krieg und Elend retten konnten in ein Land, das sie gleich wieder missbrauchen will? Das ist der Vorschlag der Grünen. Der verfassungsrechtliche Auftrag, warum sich Deutschland verpflichtet Kriegsflüchtlinge aufzunehmen interessiert diese Politik-Nudisten nicht. Und ein Recht auf freie Berufswahl scheint für grüne Politiker auch keinen Wert zu haben. Klar, die Länder aus denen die Kriegsflüchtlinge kommen, die brauchen selbst keine Pfleger, die brauchen Bestatter. Der Zynismus der Grünen ist daher so deprimierend, weil sie so tun, als wären sie gute Menschen. Und reflexartig kommt das xenophobe Argument der Neu-Nazis, dass diese „Flüchtlinge“ so böse sind und unsere Sprache nicht sprechen. Und das Wort „Heimat“ fällt auch noch. Wer Lust hat, kann sich deutsche Altenheime mal näher anschauen und feststellen, wie wir selbst mit „Heim-at“ umgehen. Alte Menschen sind inzwischen leistungsfreie Sorgenfälle. Kriegsflüchtlinge sind das auch. Also Abfall zu Abfall. Das ist die Entsorgungssprache der Grünen. Während die AfD für eine strikte Abfall-Trennung plädiert. Egal, welche politische Seite sich äußert. Es ist deprimierend. Es zeigt nur auf, wie groß die Krise im Care-Work-Bereich schon ist. Sorgearbeit wird nicht bezahlt oder schlecht bezahlt, weil sie keine Rendite erwirtschaftet. Care-Work wird gar nicht als richtige Arbeit anerkannt. Alte pflegen, Boden schrubben. Für grüne Politiker ist das wohl ein und dasselbe. Politik sollte Konzepte entwickeln, die gesellschaftliche Prozesse steuern, statt die Krise durch derart menschenverachtende und dumme Vorschläge weiter zu verschärfen.

 

Streifschuss vom 27. April 18
 

Anlass: political incorrectness

 

Bevor der präfrontale Cortex wieder hoch fährt

 

So sollte man eigentlich über solche Politiker schreiben, schreiben müssen. Aber natürlich geht das zu weit und es ist auch nicht besonders schön. So fällt der hier abgebildete Text meiner Selbstzensur zum Opfer. Er verfehlt meinen ästhetischen Anspruch, obwohl er unglaublich wahr und authentisch ist.

Ein protestantischer Teutonier, der sich in eine Elektronik-Holding einheiratete, der sich bei Geldwäsche durch Immobilienverkauf beteiligte und gegenüber armen Menschen üble Sanktionen anwenden will, der den Scheiterhaufen für die Produzenten von Popetown forderte, und sich für das Kopftuchverbot ausspricht, der zu Fasching als Luitpold von Bayern auftritt, der ein großes FJS-Poster in seinem Schlafzimmer hängen hat (wie konnte der nur drei Kinder zeugen, eins unehelich? - vermutlich im Kuhstall), diese blöde Sau ist Träger der bayrischen Verfassungsmedaille in Silber und seit 6 Wochen Ministerpräsident von Bayern. Und was tut er? Psychisch Kranke aussortieren, den Überwachungsstaat weiter ausbauen, überall Kruzifixe aufhängen. Wir haben es hier mit einem besonders kranken und populistischen Politiker zu tun. Dieser Verfassungs-Shrek hasst alles, was in den letzten 70 Jahren Recht und Ordnung ausmachte. Wird man jetzt verhaftet, wenn man sich mit einer Kopftuch tragenden Frau unterhält? Kommt dann eine Drohne und spritzt einem Reizgas ins Gesicht? Spähen einen die Nachbarn bald wieder aus um zu gucken, ob man auch ein Kruzifix im Wohnzimmer hängen hat? Ist das die Gesellschaft, die dieser Söder haben will? Er ist ein Glücksfall für Bayern. Denn ihn zurück zu hassen fällt sehr leicht. Ich habe meine alte Dart-Scheibe mit dem Gesicht von Franz Josef Strauß wieder aus dem Keller geholt und das Gesicht von Söder drüber geklebt. Volltreffer! Und noch mal! Mitten rein in die Fresse dieser blöden Sau. Habe alle eingeladen! Zack! Stevie hat ihm ein Auge ausgestochen. Zack, Tommy das andere! Und Zack! Der Pfeil von Chris steckt in Söders vollem Maul. Nutzt nichts. Ist eben nur eine Dart-Scheibe. Aber ich muss zugeben, dass das Mondgesicht von diesem Schweinauer (das ist er wirklich) sich hervorragend in die Dart-Scheibe integriert. Aber leider, leider nur in eine Dart-Scheibe.

 

 

Ach, diese tollwütige Perfektion, die alle Texte zu geleckter Scheiße macht.

 

Streifschuss vom 26. April 18

 

Anlass: Wieder mal die Psychologen

 

So einer bist du!

 

Während der Mund nach vorne gerichtet ist, liegen die Ohren seitlich an. Ein anatomischer Umstand der zweifelhaft macht, ob es wirklich jemals von der Natur beabsichtigt war, dass wir miteinander sprechen. Den Augen und der Nase kann man daher eher trauen, als Worten. Zumindest habe ich gelegentlich den Eindruck, wenn ich mit Menschen spreche, ganz besonders mit psychologisch geschulten Menschen. Denn die hören am allerwenigsten zu. Die hören mit ihren seitlich angespitzten Ohren Dinge heraus, von denen man selbst gar nicht glauben kann, dass man sie gesagt hat. So hatte ich neulich ein aufgeregtes Gespräch mit einer solchen geschulten Psychologin über Politik. Zweifellos, Politik ist ein Gesprächsthema mit sehr, sehr dünnem Eis. Da werden Worte schnell zu Blicken und politische Thesen riechen schnell. Und je abstrakter es wird, desto weniger versteht der Psychologe und rümpft seine psychologisch geschulte Nase. Ich versuchte also in diesem Gespräch der Psychologin verständlich zu machen (mit Worten), dass wir in einem Überwachungsstaat leben und dass die Datensammelwut uns mehr und mehr unserer Würde beraubt. Daraufhin wurde ich als „schulmeisterlich“ bezeichnet, weil ich in ihren Augen so dreist und arrogant war, exzessive Smartphone-Benutzer als würdelos zu bezeichnen. Es spielte keine Rolle, dass ich das so nicht gesagt hatte, denn in ihren Augen hatte ich es wohl so gemeint. Und das stank ihr: große Worte die der Klugscheißer wie Dreck auf die bürgerlich gepflegte Garderobe schüttet. Noch ein paar Tage ging mir das nach, vor allem war ich entsetzt über die politische Naivität dieser Dame. Aber der eigentliche Grund ihres absichtlichen Missverstehens lag gar nicht am Inhalt des Gesprächs. Ein geschnürtes Paket mit einem Urteil über meine Person mit der Aufschrift „schulmeisterlich“. Die Psychologin kritisierte mich auf der Grundlage, ich hätte die Nutzer von digitaler Technik beleidigt, würde von oben herab urteilen. Bei dem Gespräch hatte ich nicht die geringste Chance. Der Überbringer einer schlechten Nachricht wird gerne geköpft. Die Psychologin befand sich auf der Beziehungsebene  und ich verhielt mich weiter sachlich. Ich muss gestehen, dass ich mich dabei auch ein wenig trotzig sachlich verhielt. Ich blieb ruhig, versuchte mein Anliegen zu erläutern und wurde dadurch natürlich noch schulmeisterlicher. Psychologen kannst du mit Didaktik nicht entzaubern.  Der Nebel über diesem Beziehungssumpf machte meine Vernunft blind.
Meine Rede war verzweifelt: „Hör mir doch zu!"  rief ich.
„Ich sehe dich, das genügt!“ schrie man mir entgegen.
Die Psychologie ist eine bürgerliche Ideologie die jede Nachricht an den Sprecher koppelt und so jede Nachricht diskreditiert. Die Psychologen schneiden dem politischen Sprechen die Zunge heraus und zeigen sie dann her. Alle reißen ihre Augen auf und rümpfen die Nase beim Anblick dieses labbrigen von Schleimhaut überzogenen Muskelkörpers. Natürlich kann jetzt keiner mehr etwas hören.

 

Streifschuss vom 13. April 18

 

Anlass: Geilster Job aller Zeiten

 

Der Superlativste

 

untruthful slime ball who was, as time has proven, a terrible Director of the FBI. His handling of the Crooked Hillary Clinton case, and the events surrounding it, will go down as one of the worst “botch jobs” of history. It was my great honor to fire James Comey!
Herrlich! Allein dafür muss man Trump einfach lieben. Einen Ex-FBI-Chef als „slime ball“ zu beschimpfen, macht mich nun endgültig zum Fan. Er ist respektlos, abgründig witzig und erfrischend verrückt. Egal was man gegen ihn sagen kann: Was auch immer geschieht ist bei Trump ein Superlativ. Forrest Trump ist meine größte Hoffnung, dieser absurdesten aller Welten den allerletzten Stoß zu verpassen und sie wieder in den allertiefsten Tiefen des Universums zu versenken. Forrest Trump the simplest player in the team wird diese bürokratischste aller Höllenmaschinen ins nichtigste Nirvana führen. Er ist the craziest one! The most incredible.

Danke, danke! Schaut euch nur die Gebiss-Träger der AfD an, oder die spröden und ausgetrockneten Sozis, oder die überschminkten CDU-Tussys. Oder die ausgelutschten Linken, oder die nur noch peinlichen Freidemokraten, oder diese pastoral verweihräucherten Grünen! Und Trump! the most irrational, the crazy thing!

Meine Fresse! Gäbe es ihn nicht, man müsste ihn erfinden! Ich kann nur noch Ausrufezeichen machen! Stellen Sie sich vor, Merkel würde Dieter Romann (Präsident der Bundespolizei) als Schleimbeutel bezeichnen… Da sehen Sie, was für ein Kerl Trump ist. The most powerful guy.

 

 

Streifschuss

vom 11. April 18

 

Anlass: Schöne neue Welt

 

Conditio Zuckerberg

 

Neulich stand ich in der U-Bahn, als der neben mir stehende junge Mann plötzlich anfing in Sprechlautstärke zu singen. Überrascht sah ich zu ihm und erkannte amüsiert, dass er Ohrstöpsel trug und an seinem Smartphone spielte. Offenbar sang er mit. Ich lächelte in mich hinein und blickte mich in dem Waggon um, um eventuell einen Mitlächler zu entdecken. Es fuhr mir durch Mark und Bein, was ich nun sah! Alle, wirklich alle Fahrgäste in dem Waggon trugen Ohrstöpsel und spielten auf ihrem Smartphone. Der Waggon war durchschnittlich gefüllt, ca.40 Menschen. Und ich war der einzige Fahrgast ohne Ohrstöpsel. Niemand außer mir registrierte den singenden jungen Mann neben mir. Er sang allein für sich und er beachtete auch mich nicht. Niemand tat das. Niemand beachtete irgendwen! Wäre ich nicht derart geschockt gewesen von diesem Bild des Grauens, ich hätte mir überlegen können, alle 40 Ohrstöpsel-Menschen einfach auszurauben. Es wäre niemandem aufgefallen. Ach, sie wurden gerade schon beraubt und es fiel niemandem auf.

Mit leicht schlotternden Knien über dieses erschreckende Erlebnis ging ich nach Hause. Auf dem Bürgersteig vor mir gingen drei Jugendliche in einer Reihe. Jeder hatte eine Bierflasche in der Hand und sie lachten laut miteinander. Für dieses delinquente und antibürgerliche Verhalten der drei Jugendlichen war ich unendlich dankbar. Noch gibt es Hoffnung.

Dennoch: Die spätmoderne Gesellschaft hat das Stadium des Narzissmus überwunden und hat den nächsten evolutionären Schritt gemacht, hin zu einer autistischen Gesellschaft. Laut Lehrbuch nennt man das die Autismus-Spektrum-Störung: mit Problemen im sozialen Umgang (z. B. beim Verständnis und Aufbau von Beziehungen), Auffälligkeiten bei der Kommunikation (sprachliche und nicht-sprachliche Verständigung) und eingeschränkten Interessen mit stereotypen, sich wiederholenden Verhaltensweisen. Genau so verhielten sich die 40 Ohrstöpsel-Menschen in dem U-Bahn-Waggon. Allein in einem Waggon voller Zuckerbergombies.

Streifschuss

vom 09. März 18

 

Anlass:

Viel Zeit bleibt nicht

 

 

Time is Manie

 

Heute erlebe ich den 19.621. Tag meines Lebens. Das klingt gar nicht nach besonders viel. 471.000 Stunden klingen schon fülliger. Noch drei Jahre und ich erlebe meine erste halbe Million Stunden. Was kann man in einer halben Million Stunden alles machen? Am Anfang hat man das Gefühl, alle Zeit der Welt stünde einem zur Verfügung. Man trödelt, verbringt seine Zeit damit, aus Bauklötzchen unsinnige Türmchen zu bauen, die immer wieder umfallen, schläft viel, hängt stundenlang beschäftigungslos in einem Kinderwagen herum. Auch später wenn die Schule beginnt, versucht man immer noch, sinnvoller Betätigung aus dem Weg zu gehen. Man will spielen, träumen, phantasieren. Die Erwachsenen reden auf uns ein und drohen uns. Wir sollen endlich etwas Sinnvolles tun. Es dauert aber Jahre, Fast 200.000 Stunden hat man dann hinter sich gebracht, meist auf einem unbequemen Holzstuhl sitzend und dem Geschwätz aller möglichen Erwachsenen ausgesetzt. Man sah stundenlang aus dem Fenster, popelte in der Nase, malte Kreise in ein Schulheft, zählte stumpfsinnig Zahlen zusammen, lernte weitere Zahlen kennen, deklinierte Verben toter Sprachen, memorierte die Namen von Kaisern und Königen, die man alle wieder vergaß. Nach weiteren 50.000 Stunden gilt man dann als gebildet und macht den gleichen Scheiß mit anderen gelangweilten Kindern. Die Hälfte der Zeit ist damit schon rum. Was tun wir nun mit den restlichen 250.000 Stunden? Wir schuften für fremde Herren, bezahlen Rechnungen für Dinge die wir im Grunde nicht brauchen, sehnen uns danach, sinnlos rumzuhängen in der Sonne. Kurz: die restlichen 250.000 Stunden unserer Zeit vertilgt die Welt für sich, während wir nichts weiter sein und tun wollen, als das, was wir die ersten 50.000 Stunden machten: trödeln, spielen, träumen und phantasieren. Und dann, wenn weitere 250.000 Stunden rum sind, sind wir wieder so weit. Wir scheißen in Windeln, trödeln, träumen und phantasieren. Und dann kommt eine Pflegerin und redet auf uns ein, wir sollen doch was tun: Mensch ärgere dich nicht spielen, Gymnastik machen, Plastikbällchen herumwerfen, Worte memorieren, die wir schnell wieder vergessen. Und das ist das Leben. Was macht man nur mit einer halben Million Stunden Zeit?

 

Streifschuss

vom 02. März 18

Anlass: Willkommen im 19.ten Jahrhundert

 

Unser Reichtum

– euer Scheiß

 

Seit Jahren erzeugt Deutschland einen Exportüberschuss und verlagert die Kapitalüberakkumulation ins Ausland. Die Einführung des Euro hat vor allem Deutschland geholfen auf Kosten anderer europäischer Volkswirtschaften. Und jetzt lehnt diese Regierung die geplanten Einfuhrzölle der USA auf Stahl und Aluminium ab und verspottet mit dem Slogan des „freien Handels“ und der „offenen Märkte“ noch einmal die Volkswirtschaften, die unter der Exportflut deutscher Waren leiden. Aber nicht nur die werden verspottet, sondern auch all die in Deutschland im Niedriglohnsektor arbeitenden Menschen – immerhin ein Viertel aller Beschäftigten hierzulande (24 Prozent) arbeiten im Niedriglohnsektor. Fast zwei Millionen Menschen können von ihrer Vollbeschäftigung nicht leben und müssen aufstocken. All diese Menschen haben zu dem Leistungsbilanzüberschuss beigetragen, der vor allem den Finanzsektor reich machte. Trump hat es angekündigt und nun geht der schon seit Jahren tobende Handelskrieg in die heiße Phase.

"Wir haben immer wieder betont, dass wir ein sehr großes Interesse haben, mit Amerika eine lebendige, eine faire, eine freie Wirtschaftspartnerschaft, Handelspartnerschaft zu haben." So sagt es Steffen Seibert. Einseitige Maßnahmen würden angeblich allen schaden. Oh ja. Das sollte sich die Bundesregierung einmal vor Augen führen und ihren einseitigen Exportüberschuss überdenken, den sie auf Kosten des Wohlstand in Deutschland und anderen Ländern erzielen.

Steffen Seibert argumentiert weiter: Das Problem globaler Überkapazitäten ließe sich nicht durch einseitige Maßnahmen lösen. Abschottung und Protektionismus seien hier der falsche Weg. Nur handelt es sich nicht um globale Überkapazitäten. Viele andere Volkswirtschaften leiden unter einem Leistungsbilanzdefizit. Was Trump macht, ist einfach nur konsequent und es ist systemimmanent. Mich wundert eher, dass es erst jetzt geschieht. Dieser Rückfall in den Merkantilismus zeigt vor allem eines: Der neoliberale Kapitalismus und seine Finanzkrisen sind die Ursache eines historischen Rückschritts in das 19.te Jahrhundert. Die zunehmenden Proteste gegen Freihandelsabkommen mit ihren Paralleljustizen verweisen auf den Dominanzverlust von Politik. Und immer wenn die Politik zum Knecht der Ökonomie wird, gibt es Krieg. Denn „man hat Gewalt, so hat man Recht.“

 

Streifschuss vom 01. März 18
Anlass: Politiker müssen nicht die Wahrheit sagen

 

Lügen Sie ruhig,

ich verstehe Sie schon

 

Sicher haben Sie schon einmal ein Kind beim Lügen ertappt. Manche Kinder lügen standhaft weiter, obwohl offensichtlich ist, dass Sie die Wahrheit kennen. Kinder machen das, weil ihnen die Fähigkeit fehlt, sich vorzustellen, dass andere die Wahrheit kennen. Zudem bleibt das Kind bei der Lüge, weil es so allmählich selbst glaubt, die Wahrheit zu sagen. Ihr Motiv zu lügen ist oft Angst vor Strafe oder Scham über das Getane. Ganz ähnlich verhalten sich Regierungsvertreter friedlicher Industrienationen, wenn sie standhaft behaupten, sie wollten Frieden schaffen. Alle Kriege auf der Welt werden mit den Waffen geführt, die in den friedlichen Weltgegenden produziert wurden, in USA, Deutschland, China, Russland, Frankreich, GBR. Aus dem Verkauf dieser Waffen, aus den durch Kriege günstig gewordenen Rohstoffen werden private Unternehmer der friedlichen Nationen reich und schaffen unsere Arbeitsplätze. Aus dem durch Kriege vernichteten Kapital wird das Kapital wieder verwertbar gemacht und die Krise der Überakkumulation zugunsten der friedlichen Nationen überwunden. Jeder Krieg hilft den Staaten, die friedlich Waffen produzieren für die bis an die Zähne bewaffneten Krieg führenden Nationen. Jeder weiß das. Sogar meine Friseuse hat mir das neulich erklärt. Aber die Regierungsvertreter lügen weiter standhaft und behaupten, sie tun alles, um Frieden zu schaffen. Den Regierungsvertretern fehlt folglich die Vorstellungskraft, dass andere die Wahrheit kennen. Sie verhalten sich wie kleine Kinder. Angst vor Strafe und Scham treibt sie dazu an. Leider kann man die Steinmeiers der Welt nicht auf Förderschulen schicken. Sie sträuben sich auch gegen jeden Inklusionsversuch.  Vielleicht wären viele Politiker ehrlicher, wenn wir – das Volk – den Politikern signalisieren würden, dass Scham in Ordnung ist. Politiker sind extrem sichtbar und daher auch enorm belastet. Wir – das Volk – sollten die Lügen unserer gewählten Politiker entspannter betrachten. Sie lügen ja auch, damit wir uns weiter etwas vormachen können. Für die Wahrheit haben wir Gott sei Dank die Medien. „Die lügen doch auch“, sagen Sie? Klar, ich verstehe Sie schon. Es ist schwer auszuhalten, dass man von all den Schweinereien auch noch selbst profitiert. Wir sind das Volk und müssen uns auch mal fragen, ob Heucheln nicht schlimmer ist als Lügen.

Streifschuss vom 14. Februar 18

 

Anlass: Schade um die Zeit

 

Wer keinen Mut hat, kennt keine Angst

 

Das Problem der großen Koalition ist schon seit Jahren ein Problem der gemischten Interdependenz. Einerseits muss man ja kooperieren, andererseits will man seine jeweiligen Parteiinteressen durchsetzen. Das ist eine ideale Voraussetzung, um ein Klima des Misstrauens und der Heimtücke zu schaffen, kurz einen Nährboden für jede Art von Mobbing. Kein Mensch möchte in einem Betrieb arbeiten, wo sein bester Freund sein größter Konkurrent ist. Das Zerstörerische an dieser Form der Politik zeigt sich ja permanent. Jeder Betrieb in dem sich die Mitarbeiter unterschwellig bekriegen, um vordergründig die Profitrate zu steigern, wird am Ende insolvent. Das ist eine Frage der Motivation. Wenn jede Form der Promotion kompetitive Reflexe beim Kollegen auslöst wird irgendwann die Lust auf Risiko reduziert und damit zukünftige Promotion verhindert. Ein Betrieb der auf Absicherung und Prävention baut wird am Ende massiv an Einfluss verlieren, da er nicht handelt (Handeln wäre ja Risiko). Aber eine Verstetigung von Politik wird den Herausforderungen einer sich derart wandelnden Gesellschaft hinten und vorne nicht mehr gerecht. Und so sieht auch der Koalitionsvertrag 2018 aus. Schon in der Präambel steht „wir sichern, was gut ist“ und verweist damit auf den defensiven, präventiven Charakter dieses Vertrags. Er ist weitestgehend inspirations- und risikofrei und setzt auf eine Weiterführung der Politik der letzten vier Jahre. Es gibt so gut wie keine Innovation. Die einzige wirkliche Innovation ist das Vorhaben, Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern – wobei kein einziges Detail erwähnt wird, wie das aussehen soll. Ansonsten wird von der Vollbeschäftigung nicht abgerückt und es gibt nichts, was auch nur ansatzweise auf die drohende Pauperisierung (durch Verlust von Arbeit) weiter Bevölkerungsteile Rücksicht nimmt. Militär und Polizei sollen ausgebaut werden, Care-Arbeit wird dagegen weiter privatisiert. Bildung wird lediglich finanziert ohne eine Bildungsdefinition zu schaffen oder ein Gegenmittel zu benennen, wie man den Ausschluss vieler Menschen von Bildung verhindern könnte. In der Summe ist die Zukunft für diese Koalition weiter Vergangenheit.  Sollte Anfang März die SPD-Basis diesen Koalitionsvertrag absegnen, bekommen wir eine Verschärfung der Dramaturgie nach rechts. Sollte der Koalitionsvertrag platzen, dann haben wir ebenfalls eine Verschärfung der Dramaturgie nach rechts. Das ist die Situation. Die Mutlosigkeit dieses Koalitionsvertrages zeigt nur, dass eine Chance nicht wahrgenommen wurde. Auf eine weitere Dynamik der Wirtschaft zu setzen, ist ein Desaster und zeugt vom Versagen der gesamten Politik. Damit beschleunigt man nur weiter den Zerfallsprozess der Demokratie. Schon, dass eine Partei und ihre Basis über das Procedere der nächsten vier Jahre entscheidet, erklärt das offizielle Ende der Parteiendemokratie. Aber Neues ist nicht in Sicht und wird auch nicht gefördert. Es wäre mal eine Ansage gewesen, in den Koalitionsvertrag die Förderung neuer Ansätze von Politik aufzunehmen. Es wäre eine Ansage gewesen, die Bedürfnisse einer sich wandelnden Gesellschaft auch als eine Aufforderung zu verstehen, einen neuen Gesellschaftsvertrag anzudenken. Stattdessen setzt dieser Vertrag auf Glasfaser. Als wären fehlende Kabel das größte Problem Deutschlands. Die Handlungsunfähigkeit der Politik fördert nicht mein Vertrauen in die Zukunft. Das Politikverständnis dieses Vertrags heißt: Finger weg. Aber auch wenn man die Herdplatte nicht anfasst, bleibt sie weiter heiß und wird am Ende explodieren. Dann hat man sich zwar nicht die Finger verbrannt, aber das nutzt nichts, wenn man am Ende ganz verbrennt. Und genau das geschieht hier: Die Verbrennung von Politik als Handlung.

 

Streifschuss

vom 13. Februar 18

 

Anlass: Die Koalition

 

 

 

 

Privacy? Absolute myth. There is no such thing.
(Jock Goddard in ‘Paranoia – Riskantes Spiel’ 2013)

 

Wir haben lange gewartet. Und nun liegt der immerhin 180 Seiten fassende Koalitionsvertrag vor und harrt seiner Deutungen. Es steht eine Menge drin. Zum Beispiel: „Das Wahlergebnis hat gezeigt, dass viele Menschen unzufrieden und verunsichert sind. Daraus ziehen wir mit dem vorliegenden Koalitionsvertrag und seiner Politik die entsprechenden Schlüsse. Wir wollen sichern, was gut ist.“
Wer das versteht ist selbst schuld.

Gut ist nach dieser zum Geko geschrumpften Groko vor allem „Erneuerung, Digitalisierung und Wachstum“. Diese Worte kommen immerhin 150-mal in dem Text vor. 100-mal allein das Wort Digitalisierung. Das ist eindeutig das Lieblingswort der Schuppenkriechtiere von CDU, CSU und SPD. 40-mal kommt das Wort Wachstum vor. Damit ist klar: die Digitalisierung muss wachsen.

Schauen wir uns daher mal die Digitalisierung an, die nun die nächsten vier Jahren exekutiert wird. Fassen wir zusammen: Mit einem „once-only-Prinzip“ richtet die Regierung eine zentrale Schnittstelle ein, in der die Daten der Bürger erfasst werden und die Verwaltungen diese untereinander austauschen können. Versprochen ist ein opt-in. Aber ich vermute mehr ein opt-out. Denn das aktuelle Personalausweisgesetz basiert auf einem opt-out. Man muss selbst aktiv werden, um die RFID im Ausweis auszuschalten. Dazu bekommt man vom Kreisverwaltungsreferat eine Telefonnummer. In Folge des „once-only-Prinzips“ wird mein Anruf gleich an Interpol weiter geleitet. Denn – so die Logik hier – wer sich nicht überlassen lassen will, macht sich verdächtig und wird überwacht. Um diese Überwachung zu garantieren stärkt der Koalitionsvertrag die Polizei mit zusätzlich 15.000 neuen Stellen und der Einführung eines weiteren  Musterpolizeigesetzes zur Zentralisierung der Polizeiarbeit (Zusammenarbeit und Datenaustausch von Bund und Länder). Zusätzlich wird Europol und Interpol mit einer deutlich verbesserten IT-Struktur ausgestattet. Das ist dann Terrorbekämpfung mit Überwachungsterror. Wachstum digital.

Dass der Ausbau von Glasfaser-Technologie nicht nur dem Verbraucher hilft, ist wohl klar. Denn mit einem Ausbau der Gesichts- und RFID im Ausweis erkennenden Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen kann man uns alle zunehmend lückenlos erfassen. Mit der neuen Glasfaser-Technologie und der Datenzentralisierung ist es dann ein Klacks, alles zu beobachten. Ein guter Algorithmus dazu und fertig ist der Überwachungsstaat. Auch das Fernmeldegeheimnis wird weiter gelockert. Das Bundesamt für Sicherheit wird gestärkt und ein zentraler Zugriff auch auf klassische Telefonie ermöglicht. So konkret wie bei der Sicherheitsarchitektur ist dieser Koalitionsvertrag in keinem der sonst noch erwähnten Punkte.

Erneuerung, Digitalisierung und Wachstum. Es erneuert sich und es wächst der Leviathan hin zu einem High-Tech-Monster, damit wir uns alle super sicher fühlen. Sicherheit aber setzt sich zusammen aus sed cura: ohne Sorge sein. Es ist daher schon komisch, dass dieser fürsorgliche Staat mich so besorgt macht. Woher kommt nur mein übertriebenes Misstrauen gegenüber dem Staat?

Streifschuss

vom 10. Februar 18

 

Anlass:

Tintenklecksende Spätmoderne

 

 

Täuschend echt!

Nichts als die nackte Wahrheit

 

Die schiere Masse der Menschen, die sich äußern wird mancherorts kritisiert. Was insofern komisch ist, da der, der kritisiert, dass sich so viele Menschen äußern, selbst zur Masse beiträgt. Zumal ein schreibender Mensch dieser Zeit dankbar sein muss, wenn er irgendwo gedruckt wird. Auch noch Respekt oder gar Geld dafür zu verlangen, lächerlich. Autoren sind die Deppen vom Dienst, sofern sie nicht ganz vorne am Futtertrog stehen. Doch andererseits ist doch zu loben, dass so viele Menschen sich Gedanken machen. Es nur als Symptom einer narzisstischen Gesellschaft abzutun, oder als „tintenklecksendes Säkulum“, ist eine unzureichende Verkürzung der Problematik. Zwischen Profession und Amateur findet zunehmend eine Demarkation statt. Und das nicht nur beim Schreiben von Prosa. Auch die bildende Kunst erlebt dies. Auch diverse Wissenschaften, vor allem die zugänglicheren Geisteswissenschaften, die sich viel auf Buchwissen beziehen, erleben eine Demarkation und damit einen möglichen Paradigmenwechsel in der Wissensordnung.  Das Phänomen der Curiositas – Wissen um des Wissens willen - hat durch den Einflussverlust der Kirche die Neuzeit geprägt, wurde dann durch die Aufklärung wieder eingefangen und befreit sich nun durch den Niedergang der Aufklärung erneut. Dass wir Menschen einfach wissen wollen und erzählen, gestalten, darstellen ist elementarer Teil unseres Wesens. Das sollten wir beständig feiern. Allerdings sind wir nicht alle in gleicher Weise informiert und verarbeiten Informationen auch nicht in gleicher Weise. Masse kann daher durchaus größere Irritationen hervorrufen.

Wir müssen also über Bildung sprechen. Der Dominikaner-Gelehrte Eckhart von Hochheim, auch als Meister Eckhart bekannt, führte den Begriff ins Deutsche ein. Für ihn war Bildung eine Gottessache und bedeutete das „Erlernen von Gelassenheit“. Wilhelm von Humboldt erweiterte den Begriff zur Charakterbildung und wesentlichen Bestandteil der Erziehung, der Education. Jeder Mensch und Bürger sollte über ein allgemeines Wissen verfügen. Diesem Bildungsbegriff liegt ein antikes Muster zugrunde, das auch in der Aufklärung nachwirkt. Es ist die von Parmenides (vorsokratischer Denker einer antiken Aufklärung) erhoffte Auffahrt von der bloßen Meinung zur Wahrheit. Und da wird es eben kompliziert.
Nach einer Fabel des legendären und antiken Dichters Äsop wurde Aletheia (die Wahrheit) von Prometheus aus Ton geformt. Doch Dolos (ein Sohn der Nacht, wörtlich der Betrug, die Täuschung) formte zeitgleich eine der Aletheia gleichende Gestalt. Prometheus war verwirrt, konnte die beiden nicht auseinander halten und hauchte daher beiden Figuren Leben ein. Die echte Wahrheit schritt nun gemessen von dannen und die Fälschung erhob sich ebenfalls, kam aber nicht vom Fleck. Also: Die Wahrheit bringt uns voran. Daran lässt sie sich erkennen. Die Täuschung jedoch, also die Scheinwahrheit lässt uns auf der Stelle treten. Wir könnten jetzt einen Richtungsstreit entfachen. Ja wohin geht denn die echte Wahrheit eigentlich? Voran ist noch kein hinauf. Aber ich glaube es geht nicht um die Richtung. Wenn sich nichts bewegt, nichts verändert, haben wir es wohl immer mit der von Dolos geformter Täuschung zu tun. Das ist die schlechte Nachricht für alle, die sich nicht bewegen wollen. Jetzt ist aber Humboldts Bildungsbegriff weniger produktiv vielmehr reproduktiv, schafft doch Erziehung und Charakterbildung die Basis – den Grund – auf dem man dann produktiv voranschreiten könnte. So müssen wir Äsops Fabel weniger allegorisch sondern paradigmatisch fassen: Das tintenklecksende spätmoderne Säkulum ist insofern prometheisch, als es immer auch den einen oder anderen Dolos gibt. Der Betrug, die Täuschung liegt also im Wesen des Wissens. Das Wissen selbst ist stets doppelgesichtig. Im Wissenskosmos verbirgt sich immer auch das Wissenschaos. Und das ist einleuchtend, da es Ordnung ja nur geben kann, wenn es zuvor unordentlich war. Jede Performanz bedarf der Präformanz. Das Echte vom Unechten zu scheiden ist die wesentliche Arbeit von Menschen, die Wissen reproduzieren. Das ist Bildungsarbeit. Aber der moderne Kapitalismus will nur produzieren. Reproduktion wird schlecht bezahlt oder gar nicht. Diese Entwertung reproduktiver Arbeit ist der eigentliche Grund, warum unser tintenklecksendes spätmodernes Säkulum so viel Widerwillen hervorruft. Die Profis produzieren Wissen und die Amateure reproduzieren es. Daher kommt es, dass die meisten Profis keine Ahnung mehr haben, was sie da eigentlich tun. Und die Amateure haben oft keine Ahnung, was da grade getan wurde. Hauptsache: wir reden drüber.

 

Streifschuss vom 02. Februar 18

 

Anlass: Notlagen

 

„Man muss nüchterne, geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens“  – Gefängnishefte, H. 28, § 11, 2232 Antonio Gramsci

 

Schweinepriester haben auch eine Bibel

 

 Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in einer Kleinstadt in Michigan auf der Farm seiner irisch-stämmigen Eltern Henry Ford geboren. Dieser Name steht nicht nur für eine berühmte Automarke, sondern auch für den Achtstundentag, Effizienzlohn, Vollbeschäftigung und Wohlfahrtsstaat. Der Ford Tin Lizzy wurde zum Symbol dieser besonderen Sozialpartnerschaft zwischen Unternehmer und Arbeiter, die Antonio Gramsci als Fordismus bezeichnete. Henry Ford verdoppelte den Mindestlohn von 2,54 $ auf 5 $, bot seinen Arbeitern eine Gewinnbeteiligung und verschaffte ihnen mehr Freizeit. Mit dieser gestärkten Kaufkraft und Lebenszufriedenheit konnte Henry Ford aber auch seine eigenen Autos an seine Arbeiter verkaufen und schuf so die Grundlagen unserer modernen Konsumgesellschaft. Und nun planen die Discounter-Ketten Lidl und Aldi Wohnungen auf ihre Discounter drauf zu bauen und bei neuen Discountern Wohnungen gleich mit zu planen. Die grandiose Idee der Mischkalkulation erinnert an den guten alten Henry Ford. Aus den Arbeitern wurden Konsumenten und dies ist die neue Sozialpartnerschaft zwischen Konsumenten und Unternehmern. Denn Aldi und Lidl geben ihren Kunden damit gleich eine Wohnung dazu, so wie Ford damals seinen Arbeitern gleich ein Auto dazu gab. Dass Henry Ford  ein Parade-Nazi war, sollte man nebenbei erwähnen. In seiner eigenen Zeitung Dearborn Independent ließ er rassistische Hetze verbreiten, wetterte gegen Juden, gegen Immigranten, gegen Alkohol und gegen Arbeiter. Henry Ford war Mitglied des America First Committee (AFC), das sich nach dem Angriff auf Pearl Harbor selbst auflöste und jüngst von einem der dunkelsten Machtpolitiker unserer Zeit wieder inauguriert wurde.
Ob Aldi und Lidl aus reiner Menschenfreude Wohnungen bauen ist fraglich. Es ist jedenfalls praktisch, wenn ein Ladenbesitzer weiß, wo seine Kunden wohnen. Die Wohnungsnot der Menschen wird – wie es oft bei Notlagen ist – missbraucht.
Es lebe der Kapitalismus und seine Schweinepriester. Es ist tragisch, dass grade die Ideen haben, denen man naturgemäß misstrauen muss.

 

Our father was a union man some day I'll be one too.
The bosses fired daddy what's our family gonna do?
Come all you good workers good news to you
I'll tell of how the good old union has come in here to dwell.

Which side are you on?
Which side are you on?

 

 

Streifschuss vom 31. Januar 18

 

Anlass: #metoo

 

Herr Gott!!

 

Im schönen August 1948 trafen sich im Alten Schloss auf der Herreninsel am Chiemsee elf Männer. Knapp zwei Wochen beratschlagten sich die Herren.
Am dritten Tag fragte einer von ihnen: „Und? Wie weit sind wir?“
„Also“, antwortete Josef Schwalber aus Bayern, „ wir ham jetzad die Würde und die Freiheit.“
Die elf Männer blickten sich an. Sie waren sich sehr ähnlich. „Gut“, sagte daraufhin Carlo Schmid, „dann fehlt ja nur noch die Gleichheit.“ Alle elf Männer nickten zustimmend und beschlossen Artikel 3 „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“

So weit so unzureichend. Als man ein Jahr später im parlamentarischen Rat – diesmal in Bonn - dieses unter dem Wort „Grundgesetz“ bekannte Manuskript prüfte und absegnete, waren wieder viele Männer anwesend. Immerhin 61 Männer. Aber! Und das war verwirrend: auch vier Frauen. Elisabeth Selbert, Helene Wessel, Frieda Nadig und Helene Weber. Diese stellten nun klar, dass dieser Artikel 3 im Grundgesetz doch auch sie betreffen würde. Schließlich gebe es am Chiemsee auch eine Fraueninsel. Die Männer waren entsetzt und dachten an ihre geschäftsunfähigen Ehefrauen zu Hause. Frauen und gleich? Alle lachten herzhaft. Doch die vier Frauen ließen nicht locker und acht Jahre später wurde dem Grundgesetz ein extra Artikel zugefügt, indem der Staat aufgefordert wurde, in absehbarer Zeit die Gleichberechtigung der Frau voranzutreiben. Bis heute verdienen Frauen bei gleicher Leistung zwei Monatsgehälter weniger als ihre gleichberechtigen Männer und 1958 hatte der Ehemann auch das alleinige Bestimmungsrecht über Frau und Kinder inne. Auch wenn er seiner Frau erlaubte zu arbeiten, verwaltete er ihren Lohn. Das änderte sich erst schrittweise. Ohne Zustimmung des Mannes durften Frauen kein eigenes Bankkonto eröffnen, noch bis 1962. Erst nach 1969 wurde eine verheiratete Frau als geschäftsfähig angesehen. Bis 1997 galt Vergewaltigung in der Ehe noch nicht als strafbar, weil man die Ehe schützen wollte.  Und vor kurzem entdeckten Wissenschaftler, dass es tatsächlich "nein" heißt, wenn Frauen "nein" sagen. Man kann sich die Überraschung in den Gesichtern der männlichen Schweinepriester vorstellen. Dass wir über ein halbes Jahrhundert später immer noch darüber streiten müssen, ist wohl das größte Armutszeugnis der so genannten freien Gesellschaft. Den vier Frauen unter 61 Männern vom parlamentarischen Rat 1949 in Bonn gehört ein Denkmal gesetzt. Es ist eine Tragödie, dass diese vier Frauen immer noch relativ unbekannt sind. Geschichte wird nach wie vor von Männern diktiert und das muss sich nun wirklich endlich ändern. Gut!  Ich bin ein Mann und ich verneige mich vor Helene Wessel, Elisabeth Selbert, Helene Weber und Friederike Nadig. Danke.

Streifschuss

vom 27. Januar 18
 

Anlass:

Geist der Zeiten

 

 

 

In meinen Ohren klingt noch immer der leise Ton der lieben Worte
Arthur Schopenhauer über den Abschied

 

In Dichtung und Wahrheit schreibt von Goethe einmal: Tiefe Gemüter sind genötigt, in der Vergangenheit so wie in der Zukunft zu leben. Das gewöhnliche Treiben der Welt kann ihnen von keiner Bedeutung sein. Ihm fehlte in der Gegenwart der Zusammenhang, er sah das Gegenwärtige als ein zufälliges Hin- und Widerschwanken. In seinen Maximen verstärkt er diese abschätzige Haltung gegenüber der Gegenwart (gegenüber jeder Gegenwart wohlgemerkt) noch, indem er schrieb: Die gegenwärtige Welt ist nicht wert, daß wir etwas für sie tun; denn die bestehende kann in jedem Augenblick abscheiden. Das Vergangene dagegen ist beständiger.
In unserer Gegenwart erleben wir gerade einen Abschied von der Demokratie. Eine rechtspopulistische und rassistische Partei ist stärkste Opposition im Land, das BKA setzt einen Trojaner ein und verwanzt alle Handys damit, überall stehen Überwachungskameras, der Personalausweis hat einen RFID-Chip zu Überwachungszwecken, die Menschen verrohen zunehmend durch die sozialen, digitalen Medien und benötigen Gesetze zur Sprachregelung, die moderne Technik entmündigt den Einzelnen immer mehr und suggeriert ein Glücksverständnis das allein auf Erleichterung der Masse basiert. Demokratie aber soll den Einzelnen vor der Gemeinschaft schützen und nicht anders rum. Daher sind die Persönlichkeitsrechte eine Säule der Demokratie…gewesen – muss man bald schreiben. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung in Artikel 2 GG ist so gut wie aufgelöst. Die Unantastbarkeit der menschlichen Würde ist offensichtlich Realsatire. Dazu muss man nur um acht Uhr morgens U-Bahn fahren oder ein städtisches Altenheim besuchen oder am Hauptbahnhof den Arbeiterstrich. Mit der Gleichheit vor dem Gesetz ist es bei einer himmelschreienden Ungleichheit der Menschen auch nicht gut bestellt und die Religionsfreiheit wird gerade mit Bomben verhandelt. Die Meinungsfreiheit wird von Algorithmen organisiert, die Schulpflicht von Lehrermangel bedroht, die Ehe der meisten Menschen ist geschieden und das natürliche Recht der Eltern ihre Kinder zu erziehen hat längst Marc Zuckerberg übernommen. Die Freizügigkeit wird vom Wohnungsmarkt reguliert, das Briefgeheimnis ist schon länger (seit den Notstandsgesetzen) abgeschafft, die freie Berufswahl ein echter Treppenwitz, der Wehrdienst inzwischen privatisiert – die deutsche Armee gehört der Rüstungsindustrie. Und Artikel 18 GG ist für die meisten Menschen in Kraft getreten. Was in Artikel 18 GG drinsteht? Schauen Sie selbst mal nach.
Klar: Noch ist das Satire. Noch.

 

Streifschuss vom 21. Januar 18

 

Anlass: Der Teufel in der Pubertät

 

Kranker Popanz

 

Ein Schriftsteller schreibt einen Roman. Das ist sein Geschäft. Ein Kritiker wirft dem Autor Rechtslastigkeit vor. Zu kritisieren ist dessen Geschäft. Ein anderer Kritiker verteidigt den Autor und geht so seinen Geschäften nach. Der Autor selbst wollte gar nicht politisch sein, sondern ästhetisch. So sieht der Autor sein Geschäft. Spätestens jetzt muss man den Roman wohl lesen. Und das war der Sinn und Zweck der Übung. Literatur ist ein Geschäft und heutzutage muss man seine Geschäfte am Rand des Anstands betreiben. Alle Beteiligten an diesem Business sind Angestellte des Kulturbetriebs. Das eigentliche Opfer dieses Kulturbetriebs ist der Leser.  Der Roman verweilt nun etwa ein bis maximal zwei Monate in den Regalen des Buchhandels und wird dann von anderen Aufregern verdrängt. Da sich eine Debatte um Gesinnungsliteratur immer rentiert, werden wir das auch immer wieder erleben. Dabei ist der Grundstock der Literatur zeitlos. Romane, Gedichte, Theaterstücke überleben dann, wenn sie sich formal und inhaltlich über die Zeit erheben. Den Künstlern gelingt dies nie absichtlich. Die Apotheose eines Künstlers weist über das Tagesgeschäft hinaus. Mit der Zeit spielt der Künstler und die Zeit spielt dann mit ihm. So erkennen wir am Spiel das Problem. Große Gefühle, Pathos und Nationalstolz sind Surrogate einer zunehmend den Einzelnen marginalisierenden Narzissmus-Gesellschaft. Helden tauchen in jedem Roman auf und natürlich werden diese Helden dann Identifikationsmuster. Facts follows Fiction. Und schon sind wir im Zeitrausch. Die Debatte um Simon Strauß ist wie jeder Scheißhaufen einerseits ekelerregend und andererseits kann man seine Augen nicht mehr abwenden, starrt gebannt auf die abstoßend riechende Substanz. Es gab eine Zeit, da reagierte man auf Scheiße indem man die Achseln zuckte und sagte: Hatten wir schon, kennen wir schon, brauchen wir nicht mehr. Diese Rückkehr der Untoten ist – das haben alle Zombies und Vampire an sich – mit hoher Ansteckungsgefahr verknüpft. Scheiße erlebt derzeit eine Stufe zur Pandemie. Daher sollte man sich derzeit häufiger die Hände waschen nach dem Lesen. Gedenken wir also an dieser Stelle der Opfer dieser Pandemie. Halten wir einen Augenblick inne und erinnern uns. Sieben Tage kommt er, sieben Tage bleibt er und sieben Tage geht er. Die Zeit ist eine Medizin und wir verfügen über genügend Heilmittel. Es gibt viele großartige Romane, die man wieder lesen kann und deren Zeitlosigkeit uns hilft, diese Pandemie zu überstehen.

 

Streifschuss

vom 18. Januar 18

 

Anlass: Radio-Bla-Bla

 

Auch Ratschläge sind Schläge

 

Der Social Entrepreneur, Speaker, Dozent und Aktivist Shai Hoffmann möchte, dass wir uns mehr zuhören und hat einen Bus der Begegnungen gegründet. Heute Morgen hörte ich ihm also einige Minuten zu in seinem Radiokommentar. Er empfahl uns, einfach mal spontan beim Nachbarn zu klingeln (ohne etwas von ihm zu wollen) und ihn zu fragen, wie es ihm geht. Nun. Einmal würde mich mein Nachbar für verrückt halten, täte ich das. Aber gut, andererseits? Andererseits habe ich auch nicht ewig Zeit, allen möglichen Menschen zuzuhören. Ich habe nur zwei Ohren, die eh schon viel zu viel zu hören bekommen. Ich hörte ja eben diesem Shai Hoffmann zu. Das hätte ich nicht tun sollen. Denn statt dessen hätte ich besser meinem Nachbarn zugehört, bevor man ihn mumifiziert in seiner Wohnung findet. Was uns inzwischen all die Hobby-Philosophen und Weltratschläger empfehlen zu tun, das verhindert oft genau dass wir es tun. Nein. Ich werde nicht mit meinem Nachbarn reden, weil ein „Speaker“ mir das empfiehlt. Was ist das für ein paradoxer Appell!?
„Hallo Herr Nachbar.“
„Was wollen Sie?“
Ich will Ihnen zuhören!“
„Warum?“
„Weil mir ein Aktivist das empfohlen hat.“
„Verpiss dich.“
„Danke für das interessante Gespräch.“
Und dann höre ich noch die Tür laut ins Schloss krachen.
Shai Hoffmann meint nun, dass ich jetzt feststellen werde (nachdem ich seinem Rat gefolgt bin), dass mir mein Nachbar ähnlicher ist, als ich vorher dachte. Möglich. Da habe ich mir überlegt, wie ich reagieren würde, auf ein derartiges Angebot meines Nachbarn. Und ich stellte mir die Frage, ob ich ein juristisches Recht darauf habe, in Ruhe gelassen zu werden auch auf die Gefahr hin, selbst in meiner Wohnung zu mumifizieren? Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung schließt auch das Recht ein, selbst zu bestimmen, ob ich die Tür überhaupt öffne. Mein Nachbar, der mich abweist und mich für verrückt hält, hat also das Recht auf seiner Seite. Würde ich weiter klingeln und auf einem Gespräch bestehen (Ratschläge befolgend), wäre dies eine echte Unterlassung und nahe dem Hausfriedensbruch. Ruft uns Shai Hoffmann tatsächlich dazu auf, Unruhe zu stiften und ruft er dazu auf, dass wir jedem Idioten unser Ohr leihen? Auch der Idiot hat ein Recht darauf, in Ruhe gelassen zu werden. Vielleicht schütze ich sogar den Idioten dadurch, dass ich ihm nicht zuhöre. So manchen Unsinn den ich dachte, habe ich Gott sei Dank nicht ausgesprochen, einfach deshalb, weil niemand mir zuhören wollte. Und darüber bin ich sehr froh. Einiges, was ich sagte, weil mir einer zuhörte ist mir heute noch peinlich und diese Peinlichkeiten will ich nicht vermehrt wissen. Shai Hoffmann fehlt ein wenig Lebenserfahrung. Praktische Philosophie geht anders und erschöpft sich nicht in depperten Ratschlägen pseudohumanistischer Philanthropie. Der größte Glücksumschwung für uns spätmoderne Menschen ist gerade die Anonymität und das Recht frei und selbstbestimmt seine Gesprächspartner zu wählen.

 

Streifschuss

vom 13. Januar 18
Anlass:

Einseitige Diskussionen über das NetzDG

 

Ist die Meinung selbst ein wildes Tier?

 

Wenn der Mode-Punk Sascha Lobo und die AfD-Hexe Beatrix von Storch der gleichen Meinung sind, dann kann etwas nicht stimmen. Und was ist das? Die Behauptung, dass das neue Gesetz, das so genannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz ein Angriff auf das Persönlichkeitsrecht der freien Meinungsäußerung sei. Lieber Herr Lobo, liebe Frau von Storch: Eine Beleidigung oder eine Beschimpfung einer oder mehrerer Personen ist eine Frage des Stils, also eine formale Angelegenheit und keine inhaltliche freie Meinungsäußerung. Zudem bezieht sich der Anwendungsbereich des Gesetzes vor allem auf Telemedienanbieter die mit der Absicht Gewinn zu erzielen Inhalte mit anderen Nutzern teilen. Plattformen mit journalistisch-redaktionell gestalteten Angeboten, die vom Diensteanbieter selbst verantwortet werden, gelten nicht als soziale Netzwerke im Sinne dieses Gesetzes. Daher kann ich hier auf meiner Homepage frei und glücklich meine Meinung äußern und zusätzlich Frau von Storch als „Hexe“ beschimpfen (was keine Meinung von mir ist, sondern schlicht eine Beschimpfung und Ausdruck von Antipathie). Das Problem ist also nicht etwa, dass mit diesem Gesetz die freie Meinung verunmöglicht wird. Vielmehr ist es ein Eingriff in die Sprachregelung auf digitalen sozialen Netzwerken. Und dass viele unserer Mitbürger noch Bedarf an erzieherischen Maßnahmen haben, weil sie eben zwischen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und einer differenzierten Meinungsäußerung nicht unterscheiden können, das ist nun nicht die Schuld unseres Justizministers.  Man sollte hier also einen differenzierteren Diskurs führen, als er derzeit geführt wird. Einmal sollte man darüber diskutieren, was überhaupt eine Meinung ist. Und da gehen die Meinungen ja schon auseinander. Dann sollte man darüber nachdenken, ob der Eingriff in meinen Sprachstil bereits in meine Meinung eingreift. Noch vor dreißig Jahren waren Äußerungen von Politiker wie die jüngste von Donald Trump („Dreckslochländer“) an der Tagesordnung. Inzwischen sind sie Gott sei Dank zur Seltenheit geworden. Wir diskutieren über die Konvention unserer Sprache schon länger. Und manchmal ist die politisch korrekte Sprache nahe am Euphemismus, manchmal aber ist die politisch korrekte Sprache ein echter humanistischer Fortschritt. So finde ich es gut getroffen, wenn man Menschen mit eingeschränkter Sehkraft „visuell herausgeforderte“ nennt. Denn genau das sind sie. Ist jemand aber blind, dann wäre es schon wieder zynisch, ihn „visuell herausgefordert“ zu nennen.
 In Bayern begrüßt man sich mit „Grüß Gott“. In Österreich begrüßt man sich mit „Habe die Ehre“. Niemand hat vermutlich gegen diese Begrüßungsformen besondere Einwände. Jugendliche begrüßen sich gerne mit „fick dich“. Das klingt schon anders. Nun entwickelt ein Software-Entwickler einen Algorithmus der alle „fick dich“ aus dem Netz fischt. Der kulturelle Verlust wäre vermutlich zu verkraften. Nun aber entwickelt ein weiterer Software-Entwickler einen Algorithmus, der alle „Idiot“ aus dem Netz fischt. Hier wäre der Schaden groß. Denn den Verlust eines epochalen literarischen Meisterwerks, das kann keiner wirklich wollen. Man merkt also, dass das Problem nicht das NetzDG ist (so wird das neue Gesetz abgekürzt), sondern das Problem sind Algorithmen. Also: Die Art und Weise, wie man ein Problem löst, ist das Problem und nicht das Gesetz dazu. Gesetze sind ohnehin die alte Welt. Wenn schon ein Gesetz, dann eines, das dem Programmierer oder Software-Entwickler endlich Pflichten auferlegt. Aber wie das aussehen soll, weiß ich leider auch nicht. Das NetzDG ist also kein Angriff auf die freie Meinungsäußerung. Menschen, deren Mangel an Mündigkeit dazu führt, dass sie paranoide, stumpfsinnige und Empathie-freie Äußerungen von sich geben, schaden der Meinungsfreiheit mehr, als jedes Gesetz. Sprachregelungen aber dürfen weder allein vom Staat oder von einem privaten Anbieter durchgesetzt werden, sondern im freien, selbstreinigenden Diskurs zwischen uns allen. Und das ist bei so viel Menschen die sich inzwischen in den Netzwerken äußern, eine große Herausforderung. Und dafür ist das NetzDG durchaus ein erster Schritt. Sicher verbesserungswürdig, aber ein weiterer Versuch der Modernisierung eines Gesetzes, das auf die Lex Miquel-Lasker von 1873 zurückgeht.

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