Literaturprojekt
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Neue Streifschüsse

wann immer nötig (im Schnitt einer pro Woche)

 

schnell und aus der Hüfte geschossen

 

 

Streifschuss

vom 15. Juli 18

 

Anlass: Charaktermasken

 

 

 

Römerfleisch

 

Jüngst habe ich mich in einem Gespräch mit einer Vertreterin der bürgerlichen Klasse als einen Arbeiter bezeichnet. Darauf erntete ich den Spott, ich sei doch ein Intellektueller schlechthin. Wie so oft in Gesprächen mit Menschen, die einer anderen Klasse angehören, fühlte ich mich nicht verstanden. Es gibt keine Klasse der Intellektuellen. Es gibt aber noch Klassen. Natürlich. Es ist nur heimtückischer geworden, weil der Kapitalismus durch seinen Gleichmacher Geld vordergründig das Bewusstsein der eigenen Klasse nivelliert. Und so spürt man oft nur die Diskriminierung durch die bürgerliche Klasse, ohne sie so richtig beweisen zu können. Die bürgerliche Klasse war nun jahrelang grün und linksliberal, fühlte sich moralisch überlegen und bestimmte die Deutungshoheit. Hassprediger wie Gauland, Söder oder Seehofer (allesamt bourgeoise Drecksäcke) heizen nun die Massen an, indem sie diesen jahrelangen bourgeoisen und selbstgefälligen Klassendünkel für ihre Propaganda nutzen. Die gesamte AfD ist eine Partei aus bourgeoisen Säcken, die gar nicht vor haben an der Klassenlage etwas zu ändern. Da sich die Arbeiterklasse kaum noch als solche fühlt, kein Bewusstsein mehr hat, weil der Arbeiter sich in den unterschiedlichsten Berufen versteckt, im Lehrer oder in der Krankenschwester, und andererseits der bourgeoise Lehrer oder die bourgeoise Krankenschwester der Arbeiterschwester gegenüber steht. Die Klassen verteilen sich nicht mehr in den Berufen. Sie verteilen sich nicht mehr im Zugriff auf Geld. Sie verteilen sich in den Köpfen. Denn bei dem Begriff der Klasse handelt es sich um ein Bewusstsein. Der soziale Hintergrund ist nicht die Bildung. Es gibt keine klassische Arbeiterbildung. Die ursprünglich dafür gedachten Institutionen der so genannten Volkshochschulen sind längst bourgeois unterlaufen. Es wirken im Hintergrund vor allem die politischen und ideologischen Unterwerfungsmechanismen. Inzwischen bestimmen die alten faschistischen Leitbilder der bürgerlichen Klasse wieder stärker die Deutungshoheit. Die bürgerliche Klasse lebt immer noch in dem Bewusstsein des ideologischen Rechts. Diese Bilder im Kopf bewirken eine Form der Überheblichkeit, die selbst der ideologisch korrekte Arbeiter spürt. Daher schwenkt er irgendwann um und unterwirft sich der faschistischen Bourgeoisie. Und die Tragödie für diesen Arbeiter im Kopf ist es, dass man seine eigenen Werte verrät. Der Kapitalismus lässt uns gerne vergessen, dass es eine Geschichte gibt. Uns steckt der Arbeiter in den Knochen. Das eigene Klassenbewusstsein wird vererbt über die Generationen. Es macht unter epigenetischen Gesichtspunkten einen großen Unterschied, ob meine Großeltern und Eltern aus einem bestimmten Produktionsverhältnis heraus mich groß gezogen haben. Die vielen Mischehen in den Klassen haben das natürlich ein klein wenig verwässert. Aber der Unterschied ist noch lange nicht weg. Weder Bildung noch Beruf prägt das Bewusstsein, sondern die herkömmlichen Produktionsverhältnisse. Vereinfacht könnte man sagen: Nicht das Geld spielt eine Rolle für das Bewusstsein, sondern wo das Geld her kommt. Wenn der Arbeiter durch seinen Besitz sein Arbeiterbewusstsein zu kompensieren versucht, wird er zum Kleinbürger. Das ist das Angebot der bourgeoisen Klasse an die Sklaven. Du bist dann ein bisschen wie sie, aber niemals mehr als kleiner als sie. Ein Arbeiter der sich befreit ist immer ein Spartacus und die Gaulands, Söders und Seehofers sind nichts weiter als Römerfleisch.

 

Streifschuss

vom 01. Juli 18

 

Anlass: #Me Too sverige

 

Jag är stolt över Sverige

 

Seit heute ist in Schweden ein neues Gesetz in Kraft, das festlegt, dass Sex freiwillig sein muss. Gut, das war bisher schon so. Handelt es sich hier um eine Umkehr der Beweislast?  Jetzt muss im Grunde nicht mehr das Opfer allein belegen, dass es zum Sex gezwungen wurde, sondern der Täter muss zusätzlich erläutern, wie er auf die Idee kam, der Partner sei mit dem Sex einverstanden gewesen. Der Täter ist damit mehr gefordert. Ist damit nicht der Grundsatz in dubio pro reo gebrochen? Nein. Denn der Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ ist keine Beweisregel, sondern eine Entscheidungsregel, es geht also bei diesem Grundsatz vor allem um die Rechtsfolgen.
Das neue Gesetz aus Schweden tastet die Entscheidungsregel gar nicht an und ist daher besonders raffiniert, weil hier zwar weiter Aussage gegen Aussage steht, aber die Signale zur sexuellen Bereitschaft müssen nun eindeutiger sein. Ist das Opfer nur passiv gewesen, dann wäre es eine Vergewaltigung aus Unachtsamkeit. Es wäre in gewisser Weise eine echte Unterlassung. Gerade weil der Mann nicht aufhört, Sex zu haben, macht er sich schuldig. Bei Hausfriedensbruch muss das Opfer auch nicht erklären, ob sie den ungebetenen Gast nicht etwa eingeladen habe. Insgesamt ist das ein Fortschritt und es trainiert das männliche Bewusstsein. Denn nun muss der Mann achtsamer mit der Frau umgehen. Sein bisheriges, sehr schlampiges Verhalten war ja so, dass er seine eigene Erektion mit Bereitschaft des Partners verwechselte. Nach dem Motto: Ich bin erregt, weil sie das gemacht hat. Da reicht dann ein kurzer Rock, ein Lächeln, ein kleiner Flirt schon aus. Männer sind Projektionsmaschinen. Und Männer sind schnell erregt und die Pornoindustrie limitiert zusätzlich die geistige Entwicklung von Männern. Daher ist dieses Gesetz sehr zu begrüßen und Vorbild auch für deutsche Gesetzgebung.  
Entscheidend ist also nun das Tun des Nichttuns. Wer nicht aufhört Sex zu haben, obwohl vom Gegenüber gegenteilige Signale kommen, der macht sich schuldig. Damit haben die schwedischen Juristen endlich klar gemacht, dass Sex mehr ist, als rein und raus. Wir werden im weiteren Verlauf der Rechtspraxis sehen, wie sich das auswirkt. Doch schon jetzt haben die Schweden die #metoo-Diskussion auf eine höhere Ebene gebracht und dafür bekommen sie von mir Standing Ovations.

 

Streifschuss vom 15. Juni 18
 

Anlass: plötzlicher Gedanke aus eigener Erfahrung

 

Erstens, zweitens, drittens – Heureka!

 

Schüler, die von den Lehrern erwarten, dass sie alle das Gleiche sagen, denen empfehle ich, einer Sekte beizutreten. Dort ist das so. Eine Schule ist aber ein weltliches Projekt und befürwortet den Diskurs nicht das Dogma. Im Diskurs entwickeln sich heuristische Modelle und deren Faustregeln. Aber Lehrer sollten fähig sein, mehrere Diskurs-Ebenen zu verstehen. Damit unterscheiden sich Lehrer dann noch ein wenig von Schülern. Wer nur eine Diskursebene im Schädel hat, ist ein Dogmatiker und sollte sich mit Religion beschäftigen.
Aus eigener Anschauung und als Ausbilder im medizinischen Bereich erlebe ich öfter diese Spannung zwischen Diskurs und Dogma. So gibt es zum Beispiel im medizinischen Bereich für die Entwicklung eines Druckgeschwürs (Dekubitus) unterschiedliche Cluster. Man kann die patho-physiologische Veränderung der Haut Richtung Dekubitus nach Shea in vier Grade einteilen, oder nach Seiler in A, B und C, oder nach der European Pressure Ulcer Advisory Panel in vier Kategorien, oder nach der ICD-Kodierung in sogar fünf Grade. Bei einem erwachsenen Mitteleuropäer setze ich persönlich voraus, dass er bis fünf zählen kann. Daher wäre es absurd, darüber eine Debatte führen zu wollen. Viel wichtiger ist doch, dass der angehende Mediziner weiß, auf welche Art sich die Haut verändern kann, wenn sie unter bestimmten Bedingungen Stress ausgesetzt ist. Daher gibt es im Studium der Medizin auch das Physikum. Dort lernt man etwas über Druck, über Scherkräfte, etwas über das Wechselspiel physikalischer Kräfte. Wer aber keine Vorstellung davon hat, was Scherkräfte bei einer stark ausgetrockneten und spröden Haut bewirken, der wird den Dekubitus erst verursachen, den er dann anschließend in erstens, zweitens und drittens einteilen kann. So was nennt man Grundlagen-Wissen. In einer von der Ökonomie verseuchten Gesellschaft interessieren aber nur noch die Regale, in die man die Waren stellen kann. Ob die Ware selbst gut oder schlecht ist, das ist nebensächlich, solange sie sich verkaufen lässt. Die vielen Schubladen und Fächer, die Verpackungen sind aber tatsächlich die eigentliche Nebensache. Das ist erstens so, zweitens sowieso und drittens überhaupt. Das muss man den Vertriebsidioten, die unsere schöne unverpackte Welt vergiften wieder beibringen. Grundlagen! Was sind unsere Grundlagen! Das ist Wissenschaft.  All die Grade, Skalen, Stufen oder Kategorien sind dann der Diskurs. Der ist wichtig, aber er muss immer offen bleiben. Denn in der Offenheit des Diskurses entdecken wir das Besondere im Allgemeinen.

 

Streifschuss

vom 10. Juni 18

 

Anlass:

Ob Vögel oder Fliegen:

Sie verscheißern uns

 

 

Die Wahrheit darüber, was wirklich ein „Vogelschiss“ ist

 

Genau genommen ist die G7 ein „Vogelschiss“ in der Weltökonomie. Mal ehrlich. Wer hat auf der Welt derzeit das größte Bruttonationaleinkommen pro Kopf? Na? Schon drauf gekommen? Richtig. Es ist Katar! 125.000 Dollar pro Kopf im Jahr verdient ein Katarer im Durchschnitt! Deutschland liegt weit, sehr weit hinter Katar. Nämlich auf Platz 20 mit grade mal 49.000 Dollar Jahreseinkommen pro Kopf. Ein Deutscher verdient damit 1000 Dollar weniger im Jahr als ein Österreicher.  Übrigens sind die Katarer auch Weltspitze im Ausstoßen von Kohlenstoffdioxid. Nicht mal da, im Produzieren von Smog, kann der deutsche Diesel mithalten. Jeder Einwohner Katars verursachte 2011 pro Jahr durchschnittlich 31 Tonnen Kohlenstoffdioxid (CO2) (zum Vergleich: USA durchschnittlich 17,3 Tonnen, China durchschnittlich 7,2 Tonnen und Deutschland durchschnittlich 9,9 Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr; die Gesamtemission Katars entsprach in etwa der von Berlin und Hamburg zusammen). In Katar leben grade mal zweieinhalb Millionen Menschen.
Auf das Emirat Katar, das also unangefochten Weltspitze ist, folgt auf Platz 2 Macao. Macao liegt unweit von Hongkong und ist eine Sonderverwaltungszone der VR China. Die Haupteinnahme-Quelle der Leute die dort leben ist das legale Glücksspiel. Damit schaffen es die Einwohner von Macao immerhin auf 98.000 Dollar pro Jahr Bruttonationaleinkommen. Viele Touristen kommen nach Macao und lassen ihr Geld bei den freundlichen Chinesen, die da in ihren Spielhöllen sitzen und konfuzianisch dreinschauen. Auf Katar und Macao folgen Singapur, Kuweit, Brunei, die vereinigten Arabischen Emirate. Erst auf die Araber folgt ein europäisches Land mit Luxemburg.  Ein Luxemburger verdient 70.000 Dollar im Jahr. Frankreich, Großbritannien, Kanada und Italien sind die abgeschlagenen Schlusslichter,  was das Bruttonationaleinkommen betrifft.
Also und kurz und gut: Dieses G7-Treffen ist ein Treffen der Verlierer. Reich sind nicht die Nationen, die sich gerade in Kanada zoffen, sondern höchstens die Personen deren Streitereien um Zölle eh keiner mehr wirklich ernst nimmt. Aber im Vergleich zu denen, die gerade in ihren weißen Kanduras ihre sprudelnden Ölquellen besuchen und diese Verlierer-Nationen durch Hilfseinkäufe von Waffen unterstützen, sind diese G7-Nationen „Vogel- oder sogar Fliegenschisse“. Wir wollen doch mal sehen, wie viel Gauland noch übrig bleibt, wenn diese führenden Nationen (Katar, Brunei, Macao, Saudi-Arabien) die G7-Länder nicht mehr unterstützen und ihre Waffeneinkäufe in Zukunft bei den Russen und Chinesen tätigen werden. Da – so prophezeie ich es – da scheißen die sich ein.

 

Streifschuss

vom 01. Juni 18

 

Anlass: Crux Söderum

 

Ja wer kreuzt denn da des Wegs?

 

Seit heute gilt also nun der Kreuzerlass von Söders Gnaden. Aber welches Kreuz? Meint Söder das Kruckenkreuz der austrofaschistischen vaterländischen Front? Oder das gleichschenklige Keltenkreuz , das Zeichen der rechtsextremen und verbotenen Volkssozialistischen Bewegung Deutschlands (VSBD/PdA) das noch heute als Symbol in der rechtsextremen Szene – in stark stilisierter Form – weit verbreitet ist? Oder das Tatzenkreuz der Templer? Oder will dieser Landesverrä...äh Vater gar den Union Jack aufhängen lassen, das Georgskreuz? Es gibt nämlich eine ganze Menge Kreuze, das ist die Crux dabei. Das Papstkreuz, das Lothringer Kreuz, das Lazaruskreuz, das Andreaskreuz, das Astkreuz der Wiener Minoriten, das Ankerkreuz der Maltäser und viele andere mehr. Es kreuzen geradezu überall irgendwelche Kreuze unser Augenlicht. Aber in Paragraf 28 der Allgemeinen Geschäftsordnung für die Behörden des Freistaates Bayern heißt es lediglich: „Im Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes ist als Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns gut sichtbar ein Kreuz anzubringen.“  Wie auch immer. Söder ist der größte Depp den Bayern jemals an der Regierungsspitze hatte. Ein kreuziger Kauz sozusagen. Aber klar: ein fränkischer Sepperl als Ministerpräsident passt gut in dieses eigentlich von  Harald Krüger und Norbert Reithofer (BMW AG  Vorstandsvorsitzender und Aufsichtsratsvorsitzender)  regiertem Alpenvorland. Schließlich gibt es auf Bayerns Straßen viele Kreuzungen auf denen man christlichen Beistand nötig hat – vor allem wenn man mit dem Rad unterwegs ist. Da kreuzt schon mal ein BMW das Radkreuz. Ach ja! Das Radkreuz, das auf dem Sonnenwagen von Trundholm abgebildet ist und aus der Bronzezeit (1400 vor Christus) stammt. Es ist das Wahrzeichen der Dänen. Tja so ist wieder mal was faul im Staate Dänemark. Ein geschüttelt Bier auf den durch Bayern trumpenden Söder.

 

Streifschuss vom 25. Mai 18

 

Anlass: Die Idioten und die Idioten, die sich um diese Idioten kümmern

 

Dirty talk of nurcing

 

Vor 200 Jahren (1817) sagte ein irisches Mitglied des britischen Unterhauses über die häusliche Pflege der damaligen Zeit: „Es gibt nichts Schockierenderes als Idiotie in der Hütte eines irischen Landarbeiters. Werden ein kräftiger Mann oder eine Frau von den Beschwerden befallen, bleibt den Familienmitgliedern nichts anderes übrig, als ein Loch in den Boden der Hütte zu graben, nicht so tief, als dass ein Mensch aufrecht darinstehen könnte, mit einem Lattengerüst darüber, damit er nicht herausklettern kann. Das Loch ist ungefähr einen Meter fünfzig tief; dort hinein reichen sie dem bedauernswerten Wesen die Mahlzeit, und dort stirbt es im Allgemeinen.“

Damals war es das Recht jedes Idioten (und da war man in der Auslegung großzügig, was ein Idiot ist) von der Familie versorgt zu werden. Die Gemeinde hatte nichts damit zu tun. Und wie Jens Spahn der frisch gebackene Minister für gesundes Volksempfinden jüngst bei Maybrit Illner feststellte: „Es hat sich in der Gesellschaft viel getan.“ Oh ja. Es gibt kaum noch irische Landarbeiter. Aber ansonsten werden zwei Drittel der Pflegebedürftigen in Deutschland zu Hause versorgt. Die Löcher im Hüttenboden sind nicht wirklich größer geworden.
Nach langer Zeit also habe ich mir mal wieder eine Talkshow angesehen. Es ging um die Pflege. Und da ich ja viele Jahre als Pfleger arbeitete (wie schon Samuel Beckett in der Psychiatrie beschäftigt), dachte ich mir, schau doch mal was es Neues gibt an der Front des politischen Kabaretts.
Neu ist also Jens Spahn. The man who talks loud and say nothing. Nach einem Beitrag, indem man sah wie eine Altenpflegerin eine demenzkranke Frau misshandelte, sagte dieser Starkomiker: „Man muss einfach auch sehen, was für eine großartige Arbeit die Pfleger und Pflegerinnen leisten.“ Dieser populistische Beitrag zur Idiotie im Allgemeinen zeigte auf: Der Mann lacht am liebsten über sehr, sehr einfache Scherze. Viele wussten gar nicht, dass Pflege ein anstrengender, ehrenwerter und professioneller Beruf ist. Deshalb betonte das auch der Azubi der Krankenpflege, der auch zur Sendung eingeladen war, extra noch einmal: „Wir sind eine eigene Profession und stehen auf Augenhöhe mit den Ärzten.“ Ups! Das wussten bisher auch viele Ärzte gar nicht. Ganz viel Neues also! Und sonst? Kein Geld, kein Plan aber viele Bausteine. Frau Kipping versuchte mal wieder Kapitalismuskritik zu üben, was man kaum verstand, weil Frau Illner gleich dazwischen redete und auf ein anderes Thema zu lenken versuchte. Dass Altenheime auch unter einem ökonomischen Druck stehen und von Aktionären und deren Aufsichtsräten dazu angetrieben werden, Rendite zu erwirtschaften mit Hilfe einer systematischen Pflege zur Hilflosigkeit (höherer Pflegegrad, mehr Geld), Personaleinsparung, Catering und Zimmermieterhöhung (die groteske Höhen erreichen), das alles liegt für Jens Spahn (dem Starkomiker) an der Brandschutznorm zu der man die stationären Einrichtungen zwingt. Dass Altenheime möglichst nicht brennen sollten, das ist ein politischer Konsens auf den sich auch diese Koalition einigen kann. Ansonsten ist das Desaster groß. Die pflegenden Angehörigen verarmen, werden depressiv und rutschen in Hartz IV ab, die Pfleger und Pflegerinnen bekommen Burnout und steigen nach wenigen Jahren frustriert aus dem Beruf aus. Ein ebenfalls geladener Altenpfleger sprach von der Notwendigkeit eines Systemwechsels. Frau Illner unterbrach gleich und wechselte das Thema (oh Gott schon wieder Kapitalismuskritik! Was haben die nur alle gegen diesen tollen Kapitalismus?). Dann wurden noch ein paar neue Modelle vorgestellt, unter anderem eine polnische Menschenschleuserin, die ausländische Pflegekräfte für 24-Stunden-Pflege vermittelt. Es war wenigstens Frau Kipping, die hier noch kritisch anmerkte, dass man sich auch die Frage stellen soll, wer die Pflegebedürftigen in Polen pflegt, wenn deren Fachkräfte bei uns arbeiten, und die noch anmerkte, dass die Gefahr einer Dienstmädchen-Gesellschaft zu berücksichtigen sei. Die ganze Sendung war ein hilfloser Scheiß. Und die vielen Menschen, die zu Hause angekettet in ihren Pflegebetten durch ihre Löcher im Boden auf den flimmernden Fernsehapparat starrten, hofften darauf, dass es bald wieder eine Beruhigungspille gibt. 80 Minuten Zeitverschwendung. Aber wenigstens Herr Spahn war recht lustig.

 

Streifschuss

vom 21. Mai 18

 

Anlass: Vox populi, vox belli

 

Alter Wein

in neue Schläuche

 

So sieht Italiens Plan aus: Eine Einheitssteuer,  Grundeinkommen, ein rigideres Bankengesetz mit der Rückkehr zum bail-out und damit Haftung der Banken, Herabsetzen des Renteneintrittsalters, Verbesserung des Kündigungsschutzes am Arbeitsmarkt, Forderungen nach mehr Demokratie in Europa und Kritik an multilateralen Handelsverträgen wie  CETA, TTIP, Italien geht auch in Opposition zu dem Vorhaben, China den Mes (Marktwirtschaftsstatus) zuzuerkennen. Das alles klingt eigentlich gar nicht schlecht. Bezahlt wird das mit einer härteren Abschiebepolitik gegenüber Flüchtlingen. Das ist das Katastrophen-Bündnis aus Lega Nord und 5 Sterne. In Brüssel bekommen nun einige Finanzplaner Sorgenfalten. Was sollten sie auch machen, wenn diese italienische Regierung beschließt, ihre Schulden nicht mehr zu bezahlen? In Italien einmarschieren? Mit was? Ähnlich wie das Hitlers Regime 1933 machte und damit den vernünftigen Dawes-Plan - den noch die Sozialdemokraten ausgehandelt  hatten - ad absurdum führte und die Kriegsmüdigkeit für ihre brutalen Zwecke nutzte, baut Italien darauf, dass die Agenten aus Brüssel Papiertiger sind. Der erschreckende Reduktionismus der Rechts-Pseudolinks-Regierung Italiens erinnert schon ein wenig an „Kinder forschen“. So verführerisch das populistische Programm auch klingt: Es offenbart ein Dilemma. In einer komplex vernetzten Ökonomie die längst übernationale und holistische Dimensionen erreicht hat, ist nationale Politik ein echtes Drama. Nun trumpt Italien durch Europa und versucht die geknüpften Netze zu zerschlagen. Das ist schon auch nachvollziehbar, da sich das internationale Handelsnetz längst als Spinnennetz entpuppte, indem sich vor allem kleinere Tiere verfangen. Aber wenn sich die im Netz gefangene Fliege wehrt, verheddert sie sich nur noch mehr in diesem Netz. Und wenn Italien das Netz doch durchschlagen kann, dann stürzt Europa in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück. Das bedeutet Krieg. Die Zeichen stehen auf Sturm. Jahrzehnte lang hat die ökonomische Spinne rücksichtslos ihr Netz geknüpft und Milliarden Menschen missbilligen nun die vermeintlichen Wohltaten dieser Spinne und durchschauen die eigentliche Absicht. Das liberalistische System mit dem die Reichen immer reicher wurden und immer mächtiger funktioniert nicht mehr. Das Prinzip der Freizügigkeit ersetzt nicht mehr das Bedürfnis nach echter Freiheit. Das Heil erwartet die Masse nun durch Rückkehr zur nationalen Politik. Und diese Politik ersetzt die Freizügigkeit mit noch mehr Freizügigkeit. Es sind am Ende nur weitere Wohltaten, die Italiens neue Regierung verspricht. Aber keine echte Freiheit. Isolationismus versus Interventionismus. Das bedeutet immer Konflikte.  Und Konflikte zwischen Staaten kosten viel Geld. Frieden ist die Grundbedingung für Freiheit und das erreicht man eher durch Kooperation. Daher sollten die Agenten in Brüssel nicht rummeckern, sondern endlich begreifen, dass Italiens Neuorientierung kein Sonderfall ist. Italiens neue Regierung ist systemimmanent. Sie ist eine natürliche Folge der europäischen Ideologie. Die Bankenfreundliche Sparpolitik aus Brüssel (diktiert von Deutschland aus) ist definitiv gescheitert. Und Italiens neue Regierung gesellt sich jetzt auch zu den unfreiwilligen Bestattern der großen europäischen Idee des gemeinsamen Friedens. Ressourcenkonflikte, ideologische Verwerfungen, regionale Begehrlichkeiten und eine neue nationale Macht sind schon vier Kriegsmotive. Nur: Wenn eine Spinne schwächelt, freut sich schon die nächste. Italien hat nichts anzubieten. Eine wirklich neue Form des Wirtschaftens reduziert sich nicht auf weitere Wohltaten, sondern auf eine kognitive Neubewertung von reproduktiver Arbeit. Nicht etwa Isolation und sein eigenes Süppchen kochen auf  Kosten der anderen, sondern echtes „teilen“. Aber es sind nicht im Ansatz Motive für die Superreichen erkennbar, dass sie jemals beabsichtigen zu teilen. Und was passiert mit einem Kind, das sein tolles Spielzeug nur für sich alleine will? Es wird verprügelt.

Streifschuss vom 09. Mai 18

 

Anlass: Das Arschgesicht

 

Be-Zoße

 

Der jüngst mit dem Axel Springer Award (Preis für gesellschaftliche Verantwortung) ausgezeichnete Jeff Bezos (Amazon-Chef), reüssierte bei einem Springer-Event über die Work-Life-Balance seiner Mitarbeiter. Seiner Meinung nach sei das der falsche Ansatz, wenn man Privatleben und Arbeitsleben in einer Art Konkurrenz sähe. Eher sei es – nach Bezos – eine Art Kreis. Wenn er nach einem guten Arbeitstag nach Hause kommt, bringt er die Energie mit nach Hause, wenn er von einem guten Tag zu Hause in die Arbeit kommt, bringt er die Energie mit in die Arbeit. Bezos hat durchaus Recht. Nur übersieht er, dass diese Gemeinschaft von Arbeit und Freizeit, von Leben und Arbeitsleben nicht die Ursache ist, sondern die Wirkung. Denn wer sich fremden Herren anbieten muss und dabei eine Arbeit zu verrichten hat, die nichts bis gar nichts mit seinem Leben zu tun hat, der wird kaum sein privates Leben mit der Arbeit verschränken wollen. Plädiert Bezos wirklich dafür, dass der Postbote die Briefe mit nach Hause nimmt (wenn er einen guten Tag hatte) und abends noch seiner Frau vorliest? Wohl kaum. Der Unterschied zwischen den neuen Herren der schönen digitalen Welt und dem schnöden Leben eines in Lohnsklaverei unter miesen Bedingungen schuftenden Arbeiters könnte nicht größer sein. Ratschläge sind hier wirklich Schläge. Das Glücksgefühl das die Verschmelzung von Arbeit und Leben auslösen kann, benötigt eine hohe Identifikation mit der Arbeit und damit eine Art Idealismus. Für einen Arbeiter dessen Tätigsein im Wesentlichen fremdbestimmt ist von den Anforderungen der Maschinen, des Marktes, der Herren, bräuchte so ein Idealismus schon eine enorme Einbildungskraft. Ein Arbeiter braucht viel, sehr viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass die täglichen Mühen und Mühlen in der Arbeitswelt vergleichbar sind mit den Anstrengungen die er in seinem Privatleben aufbringt. Der Einfluss der Arbeit in Beziehungsarbeit, Selbstpflege, Vorsorge und Regeneration ist nur geringfügig und subsumiert sich in dem berühmten Lohnzettel. Auch wenn Bezos hier einen interessanten Ansatz hat und die Care-Work-Idee verfolgt, müsste sich die Arbeitswelt erheblich verändern. Und das sieht man bei den Arbeitsbedingungen eines Amazon-Mitarbeiters nicht gerade. Bezos ist damit als Zyniker entlarvt und der Axel-Springer-Verlag als Steigbügelhalter für die Perversionen, die in diesem Smalltalk des Glatzkopfes aus Neumexiko zu Tage treten. Es wird einem übel beim Anblick solcher gönnerhaften Ärsche.

 

Streifschuss

vom 29. April 18

 

Anlass: Pflegegulag

 

 

Grüne Menschenfänger

Grüne sind Kohlkopf-Nazis

 

Während des Krimkrieges erkannte die Mitbegründerin der modernen Pflegewissenschaften Florence Nightingale die Notwendigkeit einer Professionalisierung der Krankenpflege wie auch ein eigenes Selbstverständnis und einer Sinnhaftigkeit im Rahmen der Berufsausübung. Ihr war dabei bewusst, dass Menschen, die Existenzsorgen haben, diese geforderten Werte nur mit Mühe leben können.

Nun fordert Ernst Habeck von Bündnis 90 Die Grünen das Bleiberecht für Flüchtlinge, die in der Pflege arbeiten wollen. Das ist nicht nur menschenverachtend, sondern auch praxisfern. Pflege ist ein emotional sehr anstrengender Beruf, für den man eine professionelle Ausbildung braucht. Selbst gesunde und leistungsfähige Menschen steigen nach einigen Jahren erschöpft aus diesem Beruf aus. Und ausgerechnet Menschen, die grade aus ihrer Heimat geflüchtet sind vor Bomben und Elend, die buchstäblich ihr Leben gerettet haben, ausgerechnet Menschen, die Angst haben, wieder weg geschickt zu werden, die gleichzeitig große Sorgen plagen, ob ihre Liebsten in der Heimat überleben oder grade erschossen werden, solche Menschen wollen die Grünen in einen der härtesten Berufe überhaupt schicken? Da sitzen sie, die Grünen mit ihren Pfaffenärschen und schütten Dreck auf die Menschen unter ihnen. Klar, pflegen kann doch jeder oder? Das diskreditiert die Arbeit, die Pflegende tagtäglich  leisten, weil es suggeriert, dass auch schwer traumatisierte Menschen das machen können. Das ist eine Steilvorlage für Neonazis. Da ist es fast noch ehrlicher, wenn man die Kriegsflüchtlinge gleich in Auffanglager pfercht und ihnen erst gar nicht vormacht, dass man sie haben will. Menschen, die sich gerade vor Willkür, Krieg und Elend retten konnten in ein Land, das sie gleich wieder missbrauchen will? Das ist der Vorschlag der Grünen. Der verfassungsrechtliche Auftrag, warum sich Deutschland verpflichtet Kriegsflüchtlinge aufzunehmen interessiert diese Politik-Nudisten nicht. Und ein Recht auf freie Berufswahl scheint für grüne Politiker auch keinen Wert zu haben. Klar, die Länder aus denen die Kriegsflüchtlinge kommen, die brauchen selbst keine Pfleger, die brauchen Bestatter. Der Zynismus der Grünen ist daher so deprimierend, weil sie so tun, als wären sie gute Menschen. Und reflexartig kommt das xenophobe Argument der Neu-Nazis, dass diese „Flüchtlinge“ so böse sind und unsere Sprache nicht sprechen. Und das Wort „Heimat“ fällt auch noch. Wer Lust hat, kann sich deutsche Altenheime mal näher anschauen und feststellen, wie wir selbst mit „Heim-at“ umgehen. Alte Menschen sind inzwischen leistungsfreie Sorgenfälle. Kriegsflüchtlinge sind das auch. Also Abfall zu Abfall. Das ist die Entsorgungssprache der Grünen. Während die AfD für eine strikte Abfall-Trennung plädiert. Egal, welche politische Seite sich äußert. Es ist deprimierend. Es zeigt nur auf, wie groß die Krise im Care-Work-Bereich schon ist. Sorgearbeit wird nicht bezahlt oder schlecht bezahlt, weil sie keine Rendite erwirtschaftet. Care-Work wird gar nicht als richtige Arbeit anerkannt. Alte pflegen, Boden schrubben. Für grüne Politiker ist das wohl ein und dasselbe. Politik sollte Konzepte entwickeln, die gesellschaftliche Prozesse steuern, statt die Krise durch derart menschenverachtende und dumme Vorschläge weiter zu verschärfen.

 

Streifschuss vom 27. April 18
 

Anlass: political incorrectness

 

Bevor der präfrontale Cortex wieder hoch fährt

 

So sollte man eigentlich über solche Politiker schreiben, schreiben müssen. Aber natürlich geht das zu weit und es ist auch nicht besonders schön. So fällt der hier abgebildete Text meiner Selbstzensur zum Opfer. Er verfehlt meinen ästhetischen Anspruch, obwohl er unglaublich wahr und authentisch ist.

Ein protestantischer Teutonier, der sich in eine Elektronik-Holding einheiratete, der sich bei Geldwäsche durch Immobilienverkauf beteiligte und gegenüber armen Menschen üble Sanktionen anwenden will, der den Scheiterhaufen für die Produzenten von Popetown forderte, und sich für das Kopftuchverbot ausspricht, der zu Fasching als Luitpold von Bayern auftritt, der ein großes FJS-Poster in seinem Schlafzimmer hängen hat (wie konnte der nur drei Kinder zeugen, eins unehelich? - vermutlich im Kuhstall), diese blöde Sau ist Träger der bayrischen Verfassungsmedaille in Silber und seit 6 Wochen Ministerpräsident von Bayern. Und was tut er? Psychisch Kranke aussortieren, den Überwachungsstaat weiter ausbauen, überall Kruzifixe aufhängen. Wir haben es hier mit einem besonders kranken und populistischen Politiker zu tun. Dieser Verfassungs-Shrek hasst alles, was in den letzten 70 Jahren Recht und Ordnung ausmachte. Wird man jetzt verhaftet, wenn man sich mit einer Kopftuch tragenden Frau unterhält? Kommt dann eine Drohne und spritzt einem Reizgas ins Gesicht? Spähen einen die Nachbarn bald wieder aus um zu gucken, ob man auch ein Kruzifix im Wohnzimmer hängen hat? Ist das die Gesellschaft, die dieser Söder haben will? Er ist ein Glücksfall für Bayern. Denn ihn zurück zu hassen fällt sehr leicht. Ich habe meine alte Dart-Scheibe mit dem Gesicht von Franz Josef Strauß wieder aus dem Keller geholt und das Gesicht von Söder drüber geklebt. Volltreffer! Und noch mal! Mitten rein in die Fresse dieser blöden Sau. Habe alle eingeladen! Zack! Stevie hat ihm ein Auge ausgestochen. Zack, Tommy das andere! Und Zack! Der Pfeil von Chris steckt in Söders vollem Maul. Nutzt nichts. Ist eben nur eine Dart-Scheibe. Aber ich muss zugeben, dass das Mondgesicht von diesem Schweinauer (das ist er wirklich) sich hervorragend in die Dart-Scheibe integriert. Aber leider, leider nur in eine Dart-Scheibe.

 

 

Ach, diese tollwütige Perfektion, die alle Texte zu geleckter Scheiße macht.

 

Streifschuss vom 26. April 18

 

Anlass: Wieder mal die Psychologen

 

So einer bist du!

 

Während der Mund nach vorne gerichtet ist, liegen die Ohren seitlich an. Ein anatomischer Umstand der zweifelhaft macht, ob es wirklich jemals von der Natur beabsichtigt war, dass wir miteinander sprechen. Den Augen und der Nase kann man daher eher trauen, als Worten. Zumindest habe ich gelegentlich den Eindruck, wenn ich mit Menschen spreche, ganz besonders mit psychologisch geschulten Menschen. Denn die hören am allerwenigsten zu. Die hören mit ihren seitlich angespitzten Ohren Dinge heraus, von denen man selbst gar nicht glauben kann, dass man sie gesagt hat. So hatte ich neulich ein aufgeregtes Gespräch mit einer solchen geschulten Psychologin über Politik. Zweifellos, Politik ist ein Gesprächsthema mit sehr, sehr dünnem Eis. Da werden Worte schnell zu Blicken und politische Thesen riechen schnell. Und je abstrakter es wird, desto weniger versteht der Psychologe und rümpft seine psychologisch geschulte Nase. Ich versuchte also in diesem Gespräch der Psychologin verständlich zu machen (mit Worten), dass wir in einem Überwachungsstaat leben und dass die Datensammelwut uns mehr und mehr unserer Würde beraubt. Daraufhin wurde ich als „schulmeisterlich“ bezeichnet, weil ich in ihren Augen so dreist und arrogant war, exzessive Smartphone-Benutzer als würdelos zu bezeichnen. Es spielte keine Rolle, dass ich das so nicht gesagt hatte, denn in ihren Augen hatte ich es wohl so gemeint. Und das stank ihr: große Worte die der Klugscheißer wie Dreck auf die bürgerlich gepflegte Garderobe schüttet. Noch ein paar Tage ging mir das nach, vor allem war ich entsetzt über die politische Naivität dieser Dame. Aber der eigentliche Grund ihres absichtlichen Missverstehens lag gar nicht am Inhalt des Gesprächs. Ein geschnürtes Paket mit einem Urteil über meine Person mit der Aufschrift „schulmeisterlich“. Die Psychologin kritisierte mich auf der Grundlage, ich hätte die Nutzer von digitaler Technik beleidigt, würde von oben herab urteilen. Bei dem Gespräch hatte ich nicht die geringste Chance. Der Überbringer einer schlechten Nachricht wird gerne geköpft. Die Psychologin befand sich auf der Beziehungsebene  und ich verhielt mich weiter sachlich. Ich muss gestehen, dass ich mich dabei auch ein wenig trotzig sachlich verhielt. Ich blieb ruhig, versuchte mein Anliegen zu erläutern und wurde dadurch natürlich noch schulmeisterlicher. Psychologen kannst du mit Didaktik nicht entzaubern.  Der Nebel über diesem Beziehungssumpf machte meine Vernunft blind.
Meine Rede war verzweifelt: „Hör mir doch zu!"  rief ich.
„Ich sehe dich, das genügt!“ schrie man mir entgegen.
Die Psychologie ist eine bürgerliche Ideologie die jede Nachricht an den Sprecher koppelt und so jede Nachricht diskreditiert. Die Psychologen schneiden dem politischen Sprechen die Zunge heraus und zeigen sie dann her. Alle reißen ihre Augen auf und rümpfen die Nase beim Anblick dieses labbrigen von Schleimhaut überzogenen Muskelkörpers. Natürlich kann jetzt keiner mehr etwas hören.

 

Streifschuss vom 13. April 18

 

Anlass: Geilster Job aller Zeiten

 

Der Superlativste

 

untruthful slime ball who was, as time has proven, a terrible Director of the FBI. His handling of the Crooked Hillary Clinton case, and the events surrounding it, will go down as one of the worst “botch jobs” of history. It was my great honor to fire James Comey!
Herrlich! Allein dafür muss man Trump einfach lieben. Einen Ex-FBI-Chef als „slime ball“ zu beschimpfen, macht mich nun endgültig zum Fan. Er ist respektlos, abgründig witzig und erfrischend verrückt. Egal was man gegen ihn sagen kann: Was auch immer geschieht ist bei Trump ein Superlativ. Forrest Trump ist meine größte Hoffnung, dieser absurdesten aller Welten den allerletzten Stoß zu verpassen und sie wieder in den allertiefsten Tiefen des Universums zu versenken. Forrest Trump the simplest player in the team wird diese bürokratischste aller Höllenmaschinen ins nichtigste Nirvana führen. Er ist the craziest one! The most incredible.

Danke, danke! Schaut euch nur die Gebiss-Träger der AfD an, oder die spröden und ausgetrockneten Sozis, oder die überschminkten CDU-Tussys. Oder die ausgelutschten Linken, oder die nur noch peinlichen Freidemokraten, oder diese pastoral verweihräucherten Grünen! Und Trump! the most irrational, the crazy thing!

Meine Fresse! Gäbe es ihn nicht, man müsste ihn erfinden! Ich kann nur noch Ausrufezeichen machen! Stellen Sie sich vor, Merkel würde Dieter Romann (Präsident der Bundespolizei) als Schleimbeutel bezeichnen… Da sehen Sie, was für ein Kerl Trump ist. The most powerful guy.

 

 

Streifschuss

vom 11. April 18

 

Anlass: Schöne neue Welt

 

Conditio Zuckerberg

 

Neulich stand ich in der U-Bahn, als der neben mir stehende junge Mann plötzlich anfing in Sprechlautstärke zu singen. Überrascht sah ich zu ihm und erkannte amüsiert, dass er Ohrstöpsel trug und an seinem Smartphone spielte. Offenbar sang er mit. Ich lächelte in mich hinein und blickte mich in dem Waggon um, um eventuell einen Mitlächler zu entdecken. Es fuhr mir durch Mark und Bein, was ich nun sah! Alle, wirklich alle Fahrgäste in dem Waggon trugen Ohrstöpsel und spielten auf ihrem Smartphone. Der Waggon war durchschnittlich gefüllt, ca.40 Menschen. Und ich war der einzige Fahrgast ohne Ohrstöpsel. Niemand außer mir registrierte den singenden jungen Mann neben mir. Er sang allein für sich und er beachtete auch mich nicht. Niemand tat das. Niemand beachtete irgendwen! Wäre ich nicht derart geschockt gewesen von diesem Bild des Grauens, ich hätte mir überlegen können, alle 40 Ohrstöpsel-Menschen einfach auszurauben. Es wäre niemandem aufgefallen. Ach, sie wurden gerade schon beraubt und es fiel niemandem auf.

Mit leicht schlotternden Knien über dieses erschreckende Erlebnis ging ich nach Hause. Auf dem Bürgersteig vor mir gingen drei Jugendliche in einer Reihe. Jeder hatte eine Bierflasche in der Hand und sie lachten laut miteinander. Für dieses delinquente und antibürgerliche Verhalten der drei Jugendlichen war ich unendlich dankbar. Noch gibt es Hoffnung.

Dennoch: Die spätmoderne Gesellschaft hat das Stadium des Narzissmus überwunden und hat den nächsten evolutionären Schritt gemacht, hin zu einer autistischen Gesellschaft. Laut Lehrbuch nennt man das die Autismus-Spektrum-Störung: mit Problemen im sozialen Umgang (z. B. beim Verständnis und Aufbau von Beziehungen), Auffälligkeiten bei der Kommunikation (sprachliche und nicht-sprachliche Verständigung) und eingeschränkten Interessen mit stereotypen, sich wiederholenden Verhaltensweisen. Genau so verhielten sich die 40 Ohrstöpsel-Menschen in dem U-Bahn-Waggon. Allein in einem Waggon voller Zuckerbergombies.

Streifschuss

vom 09. März 18

 

Anlass:

Viel Zeit bleibt nicht

 

 

Time is Manie

 

Heute erlebe ich den 19.621. Tag meines Lebens. Das klingt gar nicht nach besonders viel. 471.000 Stunden klingen schon fülliger. Noch drei Jahre und ich erlebe meine erste halbe Million Stunden. Was kann man in einer halben Million Stunden alles machen? Am Anfang hat man das Gefühl, alle Zeit der Welt stünde einem zur Verfügung. Man trödelt, verbringt seine Zeit damit, aus Bauklötzchen unsinnige Türmchen zu bauen, die immer wieder umfallen, schläft viel, hängt stundenlang beschäftigungslos in einem Kinderwagen herum. Auch später wenn die Schule beginnt, versucht man immer noch, sinnvoller Betätigung aus dem Weg zu gehen. Man will spielen, träumen, phantasieren. Die Erwachsenen reden auf uns ein und drohen uns. Wir sollen endlich etwas Sinnvolles tun. Es dauert aber Jahre, Fast 200.000 Stunden hat man dann hinter sich gebracht, meist auf einem unbequemen Holzstuhl sitzend und dem Geschwätz aller möglichen Erwachsenen ausgesetzt. Man sah stundenlang aus dem Fenster, popelte in der Nase, malte Kreise in ein Schulheft, zählte stumpfsinnig Zahlen zusammen, lernte weitere Zahlen kennen, deklinierte Verben toter Sprachen, memorierte die Namen von Kaisern und Königen, die man alle wieder vergaß. Nach weiteren 50.000 Stunden gilt man dann als gebildet und macht den gleichen Scheiß mit anderen gelangweilten Kindern. Die Hälfte der Zeit ist damit schon rum. Was tun wir nun mit den restlichen 250.000 Stunden? Wir schuften für fremde Herren, bezahlen Rechnungen für Dinge die wir im Grunde nicht brauchen, sehnen uns danach, sinnlos rumzuhängen in der Sonne. Kurz: die restlichen 250.000 Stunden unserer Zeit vertilgt die Welt für sich, während wir nichts weiter sein und tun wollen, als das, was wir die ersten 50.000 Stunden machten: trödeln, spielen, träumen und phantasieren. Und dann, wenn weitere 250.000 Stunden rum sind, sind wir wieder so weit. Wir scheißen in Windeln, trödeln, träumen und phantasieren. Und dann kommt eine Pflegerin und redet auf uns ein, wir sollen doch was tun: Mensch ärgere dich nicht spielen, Gymnastik machen, Plastikbällchen herumwerfen, Worte memorieren, die wir schnell wieder vergessen. Und das ist das Leben. Was macht man nur mit einer halben Million Stunden Zeit?

 

Streifschuss

vom 02. März 18

Anlass: Willkommen im 19.ten Jahrhundert

 

Unser Reichtum

– euer Scheiß

 

Seit Jahren erzeugt Deutschland einen Exportüberschuss und verlagert die Kapitalüberakkumulation ins Ausland. Die Einführung des Euro hat vor allem Deutschland geholfen auf Kosten anderer europäischer Volkswirtschaften. Und jetzt lehnt diese Regierung die geplanten Einfuhrzölle der USA auf Stahl und Aluminium ab und verspottet mit dem Slogan des „freien Handels“ und der „offenen Märkte“ noch einmal die Volkswirtschaften, die unter der Exportflut deutscher Waren leiden. Aber nicht nur die werden verspottet, sondern auch all die in Deutschland im Niedriglohnsektor arbeitenden Menschen – immerhin ein Viertel aller Beschäftigten hierzulande (24 Prozent) arbeiten im Niedriglohnsektor. Fast zwei Millionen Menschen können von ihrer Vollbeschäftigung nicht leben und müssen aufstocken. All diese Menschen haben zu dem Leistungsbilanzüberschuss beigetragen, der vor allem den Finanzsektor reich machte. Trump hat es angekündigt und nun geht der schon seit Jahren tobende Handelskrieg in die heiße Phase.

"Wir haben immer wieder betont, dass wir ein sehr großes Interesse haben, mit Amerika eine lebendige, eine faire, eine freie Wirtschaftspartnerschaft, Handelspartnerschaft zu haben." So sagt es Steffen Seibert. Einseitige Maßnahmen würden angeblich allen schaden. Oh ja. Das sollte sich die Bundesregierung einmal vor Augen führen und ihren einseitigen Exportüberschuss überdenken, den sie auf Kosten des Wohlstand in Deutschland und anderen Ländern erzielen.

Steffen Seibert argumentiert weiter: Das Problem globaler Überkapazitäten ließe sich nicht durch einseitige Maßnahmen lösen. Abschottung und Protektionismus seien hier der falsche Weg. Nur handelt es sich nicht um globale Überkapazitäten. Viele andere Volkswirtschaften leiden unter einem Leistungsbilanzdefizit. Was Trump macht, ist einfach nur konsequent und es ist systemimmanent. Mich wundert eher, dass es erst jetzt geschieht. Dieser Rückfall in den Merkantilismus zeigt vor allem eines: Der neoliberale Kapitalismus und seine Finanzkrisen sind die Ursache eines historischen Rückschritts in das 19.te Jahrhundert. Die zunehmenden Proteste gegen Freihandelsabkommen mit ihren Paralleljustizen verweisen auf den Dominanzverlust von Politik. Und immer wenn die Politik zum Knecht der Ökonomie wird, gibt es Krieg. Denn „man hat Gewalt, so hat man Recht.“

 

Streifschuss vom 01. März 18
Anlass: Politiker müssen nicht die Wahrheit sagen

 

Lügen Sie ruhig,

ich verstehe Sie schon

 

Sicher haben Sie schon einmal ein Kind beim Lügen ertappt. Manche Kinder lügen standhaft weiter, obwohl offensichtlich ist, dass Sie die Wahrheit kennen. Kinder machen das, weil ihnen die Fähigkeit fehlt, sich vorzustellen, dass andere die Wahrheit kennen. Zudem bleibt das Kind bei der Lüge, weil es so allmählich selbst glaubt, die Wahrheit zu sagen. Ihr Motiv zu lügen ist oft Angst vor Strafe oder Scham über das Getane. Ganz ähnlich verhalten sich Regierungsvertreter friedlicher Industrienationen, wenn sie standhaft behaupten, sie wollten Frieden schaffen. Alle Kriege auf der Welt werden mit den Waffen geführt, die in den friedlichen Weltgegenden produziert wurden, in USA, Deutschland, China, Russland, Frankreich, GBR. Aus dem Verkauf dieser Waffen, aus den durch Kriege günstig gewordenen Rohstoffen werden private Unternehmer der friedlichen Nationen reich und schaffen unsere Arbeitsplätze. Aus dem durch Kriege vernichteten Kapital wird das Kapital wieder verwertbar gemacht und die Krise der Überakkumulation zugunsten der friedlichen Nationen überwunden. Jeder Krieg hilft den Staaten, die friedlich Waffen produzieren für die bis an die Zähne bewaffneten Krieg führenden Nationen. Jeder weiß das. Sogar meine Friseuse hat mir das neulich erklärt. Aber die Regierungsvertreter lügen weiter standhaft und behaupten, sie tun alles, um Frieden zu schaffen. Den Regierungsvertretern fehlt folglich die Vorstellungskraft, dass andere die Wahrheit kennen. Sie verhalten sich wie kleine Kinder. Angst vor Strafe und Scham treibt sie dazu an. Leider kann man die Steinmeiers der Welt nicht auf Förderschulen schicken. Sie sträuben sich auch gegen jeden Inklusionsversuch.  Vielleicht wären viele Politiker ehrlicher, wenn wir – das Volk – den Politikern signalisieren würden, dass Scham in Ordnung ist. Politiker sind extrem sichtbar und daher auch enorm belastet. Wir – das Volk – sollten die Lügen unserer gewählten Politiker entspannter betrachten. Sie lügen ja auch, damit wir uns weiter etwas vormachen können. Für die Wahrheit haben wir Gott sei Dank die Medien. „Die lügen doch auch“, sagen Sie? Klar, ich verstehe Sie schon. Es ist schwer auszuhalten, dass man von all den Schweinereien auch noch selbst profitiert. Wir sind das Volk und müssen uns auch mal fragen, ob Heucheln nicht schlimmer ist als Lügen.

Streifschuss vom 14. Februar 18

 

Anlass: Schade um die Zeit

 

Wer keinen Mut hat, kennt keine Angst

 

Das Problem der großen Koalition ist schon seit Jahren ein Problem der gemischten Interdependenz. Einerseits muss man ja kooperieren, andererseits will man seine jeweiligen Parteiinteressen durchsetzen. Das ist eine ideale Voraussetzung, um ein Klima des Misstrauens und der Heimtücke zu schaffen, kurz einen Nährboden für jede Art von Mobbing. Kein Mensch möchte in einem Betrieb arbeiten, wo sein bester Freund sein größter Konkurrent ist. Das Zerstörerische an dieser Form der Politik zeigt sich ja permanent. Jeder Betrieb in dem sich die Mitarbeiter unterschwellig bekriegen, um vordergründig die Profitrate zu steigern, wird am Ende insolvent. Das ist eine Frage der Motivation. Wenn jede Form der Promotion kompetitive Reflexe beim Kollegen auslöst wird irgendwann die Lust auf Risiko reduziert und damit zukünftige Promotion verhindert. Ein Betrieb der auf Absicherung und Prävention baut wird am Ende massiv an Einfluss verlieren, da er nicht handelt (Handeln wäre ja Risiko). Aber eine Verstetigung von Politik wird den Herausforderungen einer sich derart wandelnden Gesellschaft hinten und vorne nicht mehr gerecht. Und so sieht auch der Koalitionsvertrag 2018 aus. Schon in der Präambel steht „wir sichern, was gut ist“ und verweist damit auf den defensiven, präventiven Charakter dieses Vertrags. Er ist weitestgehend inspirations- und risikofrei und setzt auf eine Weiterführung der Politik der letzten vier Jahre. Es gibt so gut wie keine Innovation. Die einzige wirkliche Innovation ist das Vorhaben, Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern – wobei kein einziges Detail erwähnt wird, wie das aussehen soll. Ansonsten wird von der Vollbeschäftigung nicht abgerückt und es gibt nichts, was auch nur ansatzweise auf die drohende Pauperisierung (durch Verlust von Arbeit) weiter Bevölkerungsteile Rücksicht nimmt. Militär und Polizei sollen ausgebaut werden, Care-Arbeit wird dagegen weiter privatisiert. Bildung wird lediglich finanziert ohne eine Bildungsdefinition zu schaffen oder ein Gegenmittel zu benennen, wie man den Ausschluss vieler Menschen von Bildung verhindern könnte. In der Summe ist die Zukunft für diese Koalition weiter Vergangenheit.  Sollte Anfang März die SPD-Basis diesen Koalitionsvertrag absegnen, bekommen wir eine Verschärfung der Dramaturgie nach rechts. Sollte der Koalitionsvertrag platzen, dann haben wir ebenfalls eine Verschärfung der Dramaturgie nach rechts. Das ist die Situation. Die Mutlosigkeit dieses Koalitionsvertrages zeigt nur, dass eine Chance nicht wahrgenommen wurde. Auf eine weitere Dynamik der Wirtschaft zu setzen, ist ein Desaster und zeugt vom Versagen der gesamten Politik. Damit beschleunigt man nur weiter den Zerfallsprozess der Demokratie. Schon, dass eine Partei und ihre Basis über das Procedere der nächsten vier Jahre entscheidet, erklärt das offizielle Ende der Parteiendemokratie. Aber Neues ist nicht in Sicht und wird auch nicht gefördert. Es wäre mal eine Ansage gewesen, in den Koalitionsvertrag die Förderung neuer Ansätze von Politik aufzunehmen. Es wäre eine Ansage gewesen, die Bedürfnisse einer sich wandelnden Gesellschaft auch als eine Aufforderung zu verstehen, einen neuen Gesellschaftsvertrag anzudenken. Stattdessen setzt dieser Vertrag auf Glasfaser. Als wären fehlende Kabel das größte Problem Deutschlands. Die Handlungsunfähigkeit der Politik fördert nicht mein Vertrauen in die Zukunft. Das Politikverständnis dieses Vertrags heißt: Finger weg. Aber auch wenn man die Herdplatte nicht anfasst, bleibt sie weiter heiß und wird am Ende explodieren. Dann hat man sich zwar nicht die Finger verbrannt, aber das nutzt nichts, wenn man am Ende ganz verbrennt. Und genau das geschieht hier: Die Verbrennung von Politik als Handlung.

 

Streifschuss

vom 13. Februar 18

 

Anlass: Die Koalition

 

 

 

 

Privacy? Absolute myth. There is no such thing.
(Jock Goddard in ‘Paranoia – Riskantes Spiel’ 2013)

 

Wir haben lange gewartet. Und nun liegt der immerhin 180 Seiten fassende Koalitionsvertrag vor und harrt seiner Deutungen. Es steht eine Menge drin. Zum Beispiel: „Das Wahlergebnis hat gezeigt, dass viele Menschen unzufrieden und verunsichert sind. Daraus ziehen wir mit dem vorliegenden Koalitionsvertrag und seiner Politik die entsprechenden Schlüsse. Wir wollen sichern, was gut ist.“
Wer das versteht ist selbst schuld.

Gut ist nach dieser zum Geko geschrumpften Groko vor allem „Erneuerung, Digitalisierung und Wachstum“. Diese Worte kommen immerhin 150-mal in dem Text vor. 100-mal allein das Wort Digitalisierung. Das ist eindeutig das Lieblingswort der Schuppenkriechtiere von CDU, CSU und SPD. 40-mal kommt das Wort Wachstum vor. Damit ist klar: die Digitalisierung muss wachsen.

Schauen wir uns daher mal die Digitalisierung an, die nun die nächsten vier Jahren exekutiert wird. Fassen wir zusammen: Mit einem „once-only-Prinzip“ richtet die Regierung eine zentrale Schnittstelle ein, in der die Daten der Bürger erfasst werden und die Verwaltungen diese untereinander austauschen können. Versprochen ist ein opt-in. Aber ich vermute mehr ein opt-out. Denn das aktuelle Personalausweisgesetz basiert auf einem opt-out. Man muss selbst aktiv werden, um die RFID im Ausweis auszuschalten. Dazu bekommt man vom Kreisverwaltungsreferat eine Telefonnummer. In Folge des „once-only-Prinzips“ wird mein Anruf gleich an Interpol weiter geleitet. Denn – so die Logik hier – wer sich nicht überlassen lassen will, macht sich verdächtig und wird überwacht. Um diese Überwachung zu garantieren stärkt der Koalitionsvertrag die Polizei mit zusätzlich 15.000 neuen Stellen und der Einführung eines weiteren  Musterpolizeigesetzes zur Zentralisierung der Polizeiarbeit (Zusammenarbeit und Datenaustausch von Bund und Länder). Zusätzlich wird Europol und Interpol mit einer deutlich verbesserten IT-Struktur ausgestattet. Das ist dann Terrorbekämpfung mit Überwachungsterror. Wachstum digital.

Dass der Ausbau von Glasfaser-Technologie nicht nur dem Verbraucher hilft, ist wohl klar. Denn mit einem Ausbau der Gesichts- und RFID im Ausweis erkennenden Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen kann man uns alle zunehmend lückenlos erfassen. Mit der neuen Glasfaser-Technologie und der Datenzentralisierung ist es dann ein Klacks, alles zu beobachten. Ein guter Algorithmus dazu und fertig ist der Überwachungsstaat. Auch das Fernmeldegeheimnis wird weiter gelockert. Das Bundesamt für Sicherheit wird gestärkt und ein zentraler Zugriff auch auf klassische Telefonie ermöglicht. So konkret wie bei der Sicherheitsarchitektur ist dieser Koalitionsvertrag in keinem der sonst noch erwähnten Punkte.

Erneuerung, Digitalisierung und Wachstum. Es erneuert sich und es wächst der Leviathan hin zu einem High-Tech-Monster, damit wir uns alle super sicher fühlen. Sicherheit aber setzt sich zusammen aus sed cura: ohne Sorge sein. Es ist daher schon komisch, dass dieser fürsorgliche Staat mich so besorgt macht. Woher kommt nur mein übertriebenes Misstrauen gegenüber dem Staat?

Streifschuss

vom 10. Februar 18

 

Anlass:

Tintenklecksende Spätmoderne

 

 

Täuschend echt!

Nichts als die nackte Wahrheit

 

Die schiere Masse der Menschen, die sich äußern wird mancherorts kritisiert. Was insofern komisch ist, da der, der kritisiert, dass sich so viele Menschen äußern, selbst zur Masse beiträgt. Zumal ein schreibender Mensch dieser Zeit dankbar sein muss, wenn er irgendwo gedruckt wird. Auch noch Respekt oder gar Geld dafür zu verlangen, lächerlich. Autoren sind die Deppen vom Dienst, sofern sie nicht ganz vorne am Futtertrog stehen. Doch andererseits ist doch zu loben, dass so viele Menschen sich Gedanken machen. Es nur als Symptom einer narzisstischen Gesellschaft abzutun, oder als „tintenklecksendes Säkulum“, ist eine unzureichende Verkürzung der Problematik. Zwischen Profession und Amateur findet zunehmend eine Demarkation statt. Und das nicht nur beim Schreiben von Prosa. Auch die bildende Kunst erlebt dies. Auch diverse Wissenschaften, vor allem die zugänglicheren Geisteswissenschaften, die sich viel auf Buchwissen beziehen, erleben eine Demarkation und damit einen möglichen Paradigmenwechsel in der Wissensordnung.  Das Phänomen der Curiositas – Wissen um des Wissens willen - hat durch den Einflussverlust der Kirche die Neuzeit geprägt, wurde dann durch die Aufklärung wieder eingefangen und befreit sich nun durch den Niedergang der Aufklärung erneut. Dass wir Menschen einfach wissen wollen und erzählen, gestalten, darstellen ist elementarer Teil unseres Wesens. Das sollten wir beständig feiern. Allerdings sind wir nicht alle in gleicher Weise informiert und verarbeiten Informationen auch nicht in gleicher Weise. Masse kann daher durchaus größere Irritationen hervorrufen.

Wir müssen also über Bildung sprechen. Der Dominikaner-Gelehrte Eckhart von Hochheim, auch als Meister Eckhart bekannt, führte den Begriff ins Deutsche ein. Für ihn war Bildung eine Gottessache und bedeutete das „Erlernen von Gelassenheit“. Wilhelm von Humboldt erweiterte den Begriff zur Charakterbildung und wesentlichen Bestandteil der Erziehung, der Education. Jeder Mensch und Bürger sollte über ein allgemeines Wissen verfügen. Diesem Bildungsbegriff liegt ein antikes Muster zugrunde, das auch in der Aufklärung nachwirkt. Es ist die von Parmenides (vorsokratischer Denker einer antiken Aufklärung) erhoffte Auffahrt von der bloßen Meinung zur Wahrheit. Und da wird es eben kompliziert.
Nach einer Fabel des legendären und antiken Dichters Äsop wurde Aletheia (die Wahrheit) von Prometheus aus Ton geformt. Doch Dolos (ein Sohn der Nacht, wörtlich der Betrug, die Täuschung) formte zeitgleich eine der Aletheia gleichende Gestalt. Prometheus war verwirrt, konnte die beiden nicht auseinander halten und hauchte daher beiden Figuren Leben ein. Die echte Wahrheit schritt nun gemessen von dannen und die Fälschung erhob sich ebenfalls, kam aber nicht vom Fleck. Also: Die Wahrheit bringt uns voran. Daran lässt sie sich erkennen. Die Täuschung jedoch, also die Scheinwahrheit lässt uns auf der Stelle treten. Wir könnten jetzt einen Richtungsstreit entfachen. Ja wohin geht denn die echte Wahrheit eigentlich? Voran ist noch kein hinauf. Aber ich glaube es geht nicht um die Richtung. Wenn sich nichts bewegt, nichts verändert, haben wir es wohl immer mit der von Dolos geformter Täuschung zu tun. Das ist die schlechte Nachricht für alle, die sich nicht bewegen wollen. Jetzt ist aber Humboldts Bildungsbegriff weniger produktiv vielmehr reproduktiv, schafft doch Erziehung und Charakterbildung die Basis – den Grund – auf dem man dann produktiv voranschreiten könnte. So müssen wir Äsops Fabel weniger allegorisch sondern paradigmatisch fassen: Das tintenklecksende spätmoderne Säkulum ist insofern prometheisch, als es immer auch den einen oder anderen Dolos gibt. Der Betrug, die Täuschung liegt also im Wesen des Wissens. Das Wissen selbst ist stets doppelgesichtig. Im Wissenskosmos verbirgt sich immer auch das Wissenschaos. Und das ist einleuchtend, da es Ordnung ja nur geben kann, wenn es zuvor unordentlich war. Jede Performanz bedarf der Präformanz. Das Echte vom Unechten zu scheiden ist die wesentliche Arbeit von Menschen, die Wissen reproduzieren. Das ist Bildungsarbeit. Aber der moderne Kapitalismus will nur produzieren. Reproduktion wird schlecht bezahlt oder gar nicht. Diese Entwertung reproduktiver Arbeit ist der eigentliche Grund, warum unser tintenklecksendes spätmodernes Säkulum so viel Widerwillen hervorruft. Die Profis produzieren Wissen und die Amateure reproduzieren es. Daher kommt es, dass die meisten Profis keine Ahnung mehr haben, was sie da eigentlich tun. Und die Amateure haben oft keine Ahnung, was da grade getan wurde. Hauptsache: wir reden drüber.

 

Streifschuss vom 02. Februar 18

 

Anlass: Notlagen

 

„Man muss nüchterne, geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens“  – Gefängnishefte, H. 28, § 11, 2232 Antonio Gramsci

 

Schweinepriester haben auch eine Bibel

 

 Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in einer Kleinstadt in Michigan auf der Farm seiner irisch-stämmigen Eltern Henry Ford geboren. Dieser Name steht nicht nur für eine berühmte Automarke, sondern auch für den Achtstundentag, Effizienzlohn, Vollbeschäftigung und Wohlfahrtsstaat. Der Ford Tin Lizzy wurde zum Symbol dieser besonderen Sozialpartnerschaft zwischen Unternehmer und Arbeiter, die Antonio Gramsci als Fordismus bezeichnete. Henry Ford verdoppelte den Mindestlohn von 2,54 $ auf 5 $, bot seinen Arbeitern eine Gewinnbeteiligung und verschaffte ihnen mehr Freizeit. Mit dieser gestärkten Kaufkraft und Lebenszufriedenheit konnte Henry Ford aber auch seine eigenen Autos an seine Arbeiter verkaufen und schuf so die Grundlagen unserer modernen Konsumgesellschaft. Und nun planen die Discounter-Ketten Lidl und Aldi Wohnungen auf ihre Discounter drauf zu bauen und bei neuen Discountern Wohnungen gleich mit zu planen. Die grandiose Idee der Mischkalkulation erinnert an den guten alten Henry Ford. Aus den Arbeitern wurden Konsumenten und dies ist die neue Sozialpartnerschaft zwischen Konsumenten und Unternehmern. Denn Aldi und Lidl geben ihren Kunden damit gleich eine Wohnung dazu, so wie Ford damals seinen Arbeitern gleich ein Auto dazu gab. Dass Henry Ford  ein Parade-Nazi war, sollte man nebenbei erwähnen. In seiner eigenen Zeitung Dearborn Independent ließ er rassistische Hetze verbreiten, wetterte gegen Juden, gegen Immigranten, gegen Alkohol und gegen Arbeiter. Henry Ford war Mitglied des America First Committee (AFC), das sich nach dem Angriff auf Pearl Harbor selbst auflöste und jüngst von einem der dunkelsten Machtpolitiker unserer Zeit wieder inauguriert wurde.
Ob Aldi und Lidl aus reiner Menschenfreude Wohnungen bauen ist fraglich. Es ist jedenfalls praktisch, wenn ein Ladenbesitzer weiß, wo seine Kunden wohnen. Die Wohnungsnot der Menschen wird – wie es oft bei Notlagen ist – missbraucht.
Es lebe der Kapitalismus und seine Schweinepriester. Es ist tragisch, dass grade die Ideen haben, denen man naturgemäß misstrauen muss.

 

Our father was a union man some day I'll be one too.
The bosses fired daddy what's our family gonna do?
Come all you good workers good news to you
I'll tell of how the good old union has come in here to dwell.

Which side are you on?
Which side are you on?

 

 

Streifschuss vom 31. Januar 18

 

Anlass: #metoo

 

Herr Gott!!

 

Im schönen August 1948 trafen sich im Alten Schloss auf der Herreninsel am Chiemsee elf Männer. Knapp zwei Wochen beratschlagten sich die Herren.
Am dritten Tag fragte einer von ihnen: „Und? Wie weit sind wir?“
„Also“, antwortete Josef Schwalber aus Bayern, „ wir ham jetzad die Würde und die Freiheit.“
Die elf Männer blickten sich an. Sie waren sich sehr ähnlich. „Gut“, sagte daraufhin Carlo Schmid, „dann fehlt ja nur noch die Gleichheit.“ Alle elf Männer nickten zustimmend und beschlossen Artikel 3 „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“

So weit so unzureichend. Als man ein Jahr später im parlamentarischen Rat – diesmal in Bonn - dieses unter dem Wort „Grundgesetz“ bekannte Manuskript prüfte und absegnete, waren wieder viele Männer anwesend. Immerhin 61 Männer. Aber! Und das war verwirrend: auch vier Frauen. Elisabeth Selbert, Helene Wessel, Frieda Nadig und Helene Weber. Diese stellten nun klar, dass dieser Artikel 3 im Grundgesetz doch auch sie betreffen würde. Schließlich gebe es am Chiemsee auch eine Fraueninsel. Die Männer waren entsetzt und dachten an ihre geschäftsunfähigen Ehefrauen zu Hause. Frauen und gleich? Alle lachten herzhaft. Doch die vier Frauen ließen nicht locker und acht Jahre später wurde dem Grundgesetz ein extra Artikel zugefügt, indem der Staat aufgefordert wurde, in absehbarer Zeit die Gleichberechtigung der Frau voranzutreiben. Bis heute verdienen Frauen bei gleicher Leistung zwei Monatsgehälter weniger als ihre gleichberechtigen Männer und 1958 hatte der Ehemann auch das alleinige Bestimmungsrecht über Frau und Kinder inne. Auch wenn er seiner Frau erlaubte zu arbeiten, verwaltete er ihren Lohn. Das änderte sich erst schrittweise. Ohne Zustimmung des Mannes durften Frauen kein eigenes Bankkonto eröffnen, noch bis 1962. Erst nach 1969 wurde eine verheiratete Frau als geschäftsfähig angesehen. Bis 1997 galt Vergewaltigung in der Ehe noch nicht als strafbar, weil man die Ehe schützen wollte.  Und vor kurzem entdeckten Wissenschaftler, dass es tatsächlich "nein" heißt, wenn Frauen "nein" sagen. Man kann sich die Überraschung in den Gesichtern der männlichen Schweinepriester vorstellen. Dass wir über ein halbes Jahrhundert später immer noch darüber streiten müssen, ist wohl das größte Armutszeugnis der so genannten freien Gesellschaft. Den vier Frauen unter 61 Männern vom parlamentarischen Rat 1949 in Bonn gehört ein Denkmal gesetzt. Es ist eine Tragödie, dass diese vier Frauen immer noch relativ unbekannt sind. Geschichte wird nach wie vor von Männern diktiert und das muss sich nun wirklich endlich ändern. Gut!  Ich bin ein Mann und ich verneige mich vor Helene Wessel, Elisabeth Selbert, Helene Weber und Friederike Nadig. Danke.

Streifschuss

vom 27. Januar 18
 

Anlass:

Geist der Zeiten

 

 

 

In meinen Ohren klingt noch immer der leise Ton der lieben Worte
Arthur Schopenhauer über den Abschied

 

In Dichtung und Wahrheit schreibt von Goethe einmal: Tiefe Gemüter sind genötigt, in der Vergangenheit so wie in der Zukunft zu leben. Das gewöhnliche Treiben der Welt kann ihnen von keiner Bedeutung sein. Ihm fehlte in der Gegenwart der Zusammenhang, er sah das Gegenwärtige als ein zufälliges Hin- und Widerschwanken. In seinen Maximen verstärkt er diese abschätzige Haltung gegenüber der Gegenwart (gegenüber jeder Gegenwart wohlgemerkt) noch, indem er schrieb: Die gegenwärtige Welt ist nicht wert, daß wir etwas für sie tun; denn die bestehende kann in jedem Augenblick abscheiden. Das Vergangene dagegen ist beständiger.
In unserer Gegenwart erleben wir gerade einen Abschied von der Demokratie. Eine rechtspopulistische und rassistische Partei ist stärkste Opposition im Land, das BKA setzt einen Trojaner ein und verwanzt alle Handys damit, überall stehen Überwachungskameras, der Personalausweis hat einen RFID-Chip zu Überwachungszwecken, die Menschen verrohen zunehmend durch die sozialen, digitalen Medien und benötigen Gesetze zur Sprachregelung, die moderne Technik entmündigt den Einzelnen immer mehr und suggeriert ein Glücksverständnis das allein auf Erleichterung der Masse basiert. Demokratie aber soll den Einzelnen vor der Gemeinschaft schützen und nicht anders rum. Daher sind die Persönlichkeitsrechte eine Säule der Demokratie…gewesen – muss man bald schreiben. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung in Artikel 2 GG ist so gut wie aufgelöst. Die Unantastbarkeit der menschlichen Würde ist offensichtlich Realsatire. Dazu muss man nur um acht Uhr morgens U-Bahn fahren oder ein städtisches Altenheim besuchen oder am Hauptbahnhof den Arbeiterstrich. Mit der Gleichheit vor dem Gesetz ist es bei einer himmelschreienden Ungleichheit der Menschen auch nicht gut bestellt und die Religionsfreiheit wird gerade mit Bomben verhandelt. Die Meinungsfreiheit wird von Algorithmen organisiert, die Schulpflicht von Lehrermangel bedroht, die Ehe der meisten Menschen ist geschieden und das natürliche Recht der Eltern ihre Kinder zu erziehen hat längst Marc Zuckerberg übernommen. Die Freizügigkeit wird vom Wohnungsmarkt reguliert, das Briefgeheimnis ist schon länger (seit den Notstandsgesetzen) abgeschafft, die freie Berufswahl ein echter Treppenwitz, der Wehrdienst inzwischen privatisiert – die deutsche Armee gehört der Rüstungsindustrie. Und Artikel 18 GG ist für die meisten Menschen in Kraft getreten. Was in Artikel 18 GG drinsteht? Schauen Sie selbst mal nach.
Klar: Noch ist das Satire. Noch.

 

Streifschuss vom 21. Januar 18

 

Anlass: Der Teufel in der Pubertät

 

Kranker Popanz

 

Ein Schriftsteller schreibt einen Roman. Das ist sein Geschäft. Ein Kritiker wirft dem Autor Rechtslastigkeit vor. Zu kritisieren ist dessen Geschäft. Ein anderer Kritiker verteidigt den Autor und geht so seinen Geschäften nach. Der Autor selbst wollte gar nicht politisch sein, sondern ästhetisch. So sieht der Autor sein Geschäft. Spätestens jetzt muss man den Roman wohl lesen. Und das war der Sinn und Zweck der Übung. Literatur ist ein Geschäft und heutzutage muss man seine Geschäfte am Rand des Anstands betreiben. Alle Beteiligten an diesem Business sind Angestellte des Kulturbetriebs. Das eigentliche Opfer dieses Kulturbetriebs ist der Leser.  Der Roman verweilt nun etwa ein bis maximal zwei Monate in den Regalen des Buchhandels und wird dann von anderen Aufregern verdrängt. Da sich eine Debatte um Gesinnungsliteratur immer rentiert, werden wir das auch immer wieder erleben. Dabei ist der Grundstock der Literatur zeitlos. Romane, Gedichte, Theaterstücke überleben dann, wenn sie sich formal und inhaltlich über die Zeit erheben. Den Künstlern gelingt dies nie absichtlich. Die Apotheose eines Künstlers weist über das Tagesgeschäft hinaus. Mit der Zeit spielt der Künstler und die Zeit spielt dann mit ihm. So erkennen wir am Spiel das Problem. Große Gefühle, Pathos und Nationalstolz sind Surrogate einer zunehmend den Einzelnen marginalisierenden Narzissmus-Gesellschaft. Helden tauchen in jedem Roman auf und natürlich werden diese Helden dann Identifikationsmuster. Facts follows Fiction. Und schon sind wir im Zeitrausch. Die Debatte um Simon Strauß ist wie jeder Scheißhaufen einerseits ekelerregend und andererseits kann man seine Augen nicht mehr abwenden, starrt gebannt auf die abstoßend riechende Substanz. Es gab eine Zeit, da reagierte man auf Scheiße indem man die Achseln zuckte und sagte: Hatten wir schon, kennen wir schon, brauchen wir nicht mehr. Diese Rückkehr der Untoten ist – das haben alle Zombies und Vampire an sich – mit hoher Ansteckungsgefahr verknüpft. Scheiße erlebt derzeit eine Stufe zur Pandemie. Daher sollte man sich derzeit häufiger die Hände waschen nach dem Lesen. Gedenken wir also an dieser Stelle der Opfer dieser Pandemie. Halten wir einen Augenblick inne und erinnern uns. Sieben Tage kommt er, sieben Tage bleibt er und sieben Tage geht er. Die Zeit ist eine Medizin und wir verfügen über genügend Heilmittel. Es gibt viele großartige Romane, die man wieder lesen kann und deren Zeitlosigkeit uns hilft, diese Pandemie zu überstehen.

 

Streifschuss

vom 18. Januar 18

 

Anlass: Radio-Bla-Bla

 

Auch Ratschläge sind Schläge

 

Der Social Entrepreneur, Speaker, Dozent und Aktivist Shai Hoffmann möchte, dass wir uns mehr zuhören und hat einen Bus der Begegnungen gegründet. Heute Morgen hörte ich ihm also einige Minuten zu in seinem Radiokommentar. Er empfahl uns, einfach mal spontan beim Nachbarn zu klingeln (ohne etwas von ihm zu wollen) und ihn zu fragen, wie es ihm geht. Nun. Einmal würde mich mein Nachbar für verrückt halten, täte ich das. Aber gut, andererseits? Andererseits habe ich auch nicht ewig Zeit, allen möglichen Menschen zuzuhören. Ich habe nur zwei Ohren, die eh schon viel zu viel zu hören bekommen. Ich hörte ja eben diesem Shai Hoffmann zu. Das hätte ich nicht tun sollen. Denn statt dessen hätte ich besser meinem Nachbarn zugehört, bevor man ihn mumifiziert in seiner Wohnung findet. Was uns inzwischen all die Hobby-Philosophen und Weltratschläger empfehlen zu tun, das verhindert oft genau dass wir es tun. Nein. Ich werde nicht mit meinem Nachbarn reden, weil ein „Speaker“ mir das empfiehlt. Was ist das für ein paradoxer Appell!?
„Hallo Herr Nachbar.“
„Was wollen Sie?“
Ich will Ihnen zuhören!“
„Warum?“
„Weil mir ein Aktivist das empfohlen hat.“
„Verpiss dich.“
„Danke für das interessante Gespräch.“
Und dann höre ich noch die Tür laut ins Schloss krachen.
Shai Hoffmann meint nun, dass ich jetzt feststellen werde (nachdem ich seinem Rat gefolgt bin), dass mir mein Nachbar ähnlicher ist, als ich vorher dachte. Möglich. Da habe ich mir überlegt, wie ich reagieren würde, auf ein derartiges Angebot meines Nachbarn. Und ich stellte mir die Frage, ob ich ein juristisches Recht darauf habe, in Ruhe gelassen zu werden auch auf die Gefahr hin, selbst in meiner Wohnung zu mumifizieren? Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung schließt auch das Recht ein, selbst zu bestimmen, ob ich die Tür überhaupt öffne. Mein Nachbar, der mich abweist und mich für verrückt hält, hat also das Recht auf seiner Seite. Würde ich weiter klingeln und auf einem Gespräch bestehen (Ratschläge befolgend), wäre dies eine echte Unterlassung und nahe dem Hausfriedensbruch. Ruft uns Shai Hoffmann tatsächlich dazu auf, Unruhe zu stiften und ruft er dazu auf, dass wir jedem Idioten unser Ohr leihen? Auch der Idiot hat ein Recht darauf, in Ruhe gelassen zu werden. Vielleicht schütze ich sogar den Idioten dadurch, dass ich ihm nicht zuhöre. So manchen Unsinn den ich dachte, habe ich Gott sei Dank nicht ausgesprochen, einfach deshalb, weil niemand mir zuhören wollte. Und darüber bin ich sehr froh. Einiges, was ich sagte, weil mir einer zuhörte ist mir heute noch peinlich und diese Peinlichkeiten will ich nicht vermehrt wissen. Shai Hoffmann fehlt ein wenig Lebenserfahrung. Praktische Philosophie geht anders und erschöpft sich nicht in depperten Ratschlägen pseudohumanistischer Philanthropie. Der größte Glücksumschwung für uns spätmoderne Menschen ist gerade die Anonymität und das Recht frei und selbstbestimmt seine Gesprächspartner zu wählen.

 

Streifschuss

vom 13. Januar 18
Anlass:

Einseitige Diskussionen über das NetzDG

 

Ist die Meinung selbst ein wildes Tier?

 

Wenn der Mode-Punk Sascha Lobo und die AfD-Hexe Beatrix von Storch der gleichen Meinung sind, dann kann etwas nicht stimmen. Und was ist das? Die Behauptung, dass das neue Gesetz, das so genannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz ein Angriff auf das Persönlichkeitsrecht der freien Meinungsäußerung sei. Lieber Herr Lobo, liebe Frau von Storch: Eine Beleidigung oder eine Beschimpfung einer oder mehrerer Personen ist eine Frage des Stils, also eine formale Angelegenheit und keine inhaltliche freie Meinungsäußerung. Zudem bezieht sich der Anwendungsbereich des Gesetzes vor allem auf Telemedienanbieter die mit der Absicht Gewinn zu erzielen Inhalte mit anderen Nutzern teilen. Plattformen mit journalistisch-redaktionell gestalteten Angeboten, die vom Diensteanbieter selbst verantwortet werden, gelten nicht als soziale Netzwerke im Sinne dieses Gesetzes. Daher kann ich hier auf meiner Homepage frei und glücklich meine Meinung äußern und zusätzlich Frau von Storch als „Hexe“ beschimpfen (was keine Meinung von mir ist, sondern schlicht eine Beschimpfung und Ausdruck von Antipathie). Das Problem ist also nicht etwa, dass mit diesem Gesetz die freie Meinung verunmöglicht wird. Vielmehr ist es ein Eingriff in die Sprachregelung auf digitalen sozialen Netzwerken. Und dass viele unserer Mitbürger noch Bedarf an erzieherischen Maßnahmen haben, weil sie eben zwischen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und einer differenzierten Meinungsäußerung nicht unterscheiden können, das ist nun nicht die Schuld unseres Justizministers.  Man sollte hier also einen differenzierteren Diskurs führen, als er derzeit geführt wird. Einmal sollte man darüber diskutieren, was überhaupt eine Meinung ist. Und da gehen die Meinungen ja schon auseinander. Dann sollte man darüber nachdenken, ob der Eingriff in meinen Sprachstil bereits in meine Meinung eingreift. Noch vor dreißig Jahren waren Äußerungen von Politiker wie die jüngste von Donald Trump („Dreckslochländer“) an der Tagesordnung. Inzwischen sind sie Gott sei Dank zur Seltenheit geworden. Wir diskutieren über die Konvention unserer Sprache schon länger. Und manchmal ist die politisch korrekte Sprache nahe am Euphemismus, manchmal aber ist die politisch korrekte Sprache ein echter humanistischer Fortschritt. So finde ich es gut getroffen, wenn man Menschen mit eingeschränkter Sehkraft „visuell herausgeforderte“ nennt. Denn genau das sind sie. Ist jemand aber blind, dann wäre es schon wieder zynisch, ihn „visuell herausgefordert“ zu nennen.
 In Bayern begrüßt man sich mit „Grüß Gott“. In Österreich begrüßt man sich mit „Habe die Ehre“. Niemand hat vermutlich gegen diese Begrüßungsformen besondere Einwände. Jugendliche begrüßen sich gerne mit „fick dich“. Das klingt schon anders. Nun entwickelt ein Software-Entwickler einen Algorithmus der alle „fick dich“ aus dem Netz fischt. Der kulturelle Verlust wäre vermutlich zu verkraften. Nun aber entwickelt ein weiterer Software-Entwickler einen Algorithmus, der alle „Idiot“ aus dem Netz fischt. Hier wäre der Schaden groß. Denn den Verlust eines epochalen literarischen Meisterwerks, das kann keiner wirklich wollen. Man merkt also, dass das Problem nicht das NetzDG ist (so wird das neue Gesetz abgekürzt), sondern das Problem sind Algorithmen. Also: Die Art und Weise, wie man ein Problem löst, ist das Problem und nicht das Gesetz dazu. Gesetze sind ohnehin die alte Welt. Wenn schon ein Gesetz, dann eines, das dem Programmierer oder Software-Entwickler endlich Pflichten auferlegt. Aber wie das aussehen soll, weiß ich leider auch nicht. Das NetzDG ist also kein Angriff auf die freie Meinungsäußerung. Menschen, deren Mangel an Mündigkeit dazu führt, dass sie paranoide, stumpfsinnige und Empathie-freie Äußerungen von sich geben, schaden der Meinungsfreiheit mehr, als jedes Gesetz. Sprachregelungen aber dürfen weder allein vom Staat oder von einem privaten Anbieter durchgesetzt werden, sondern im freien, selbstreinigenden Diskurs zwischen uns allen. Und das ist bei so viel Menschen die sich inzwischen in den Netzwerken äußern, eine große Herausforderung. Und dafür ist das NetzDG durchaus ein erster Schritt. Sicher verbesserungswürdig, aber ein weiterer Versuch der Modernisierung eines Gesetzes, das auf die Lex Miquel-Lasker von 1873 zurückgeht.

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