Literaturprojekt
Literaturprojekt

Neue Streifschüsse

wann immer nötig

 

schnell und aus der Hüfte geschossen

 

 

Streifschuss vom 13. April 18

 

Anlass: Geilster Job aller Zeiten

 

Der Superlativste

 

untruthful slime ball who was, as time has proven, a terrible Director of the FBI. His handling of the Crooked Hillary Clinton case, and the events surrounding it, will go down as one of the worst “botch jobs” of history. It was my great honor to fire James Comey!
Herrlich! Allein dafür muss man Trump einfach lieben. Einen Ex-FBI-Chef als „slime ball“ zu beschimpfen, macht mich nun endgültig zum Fan. Er ist respektlos, abgründig witzig und erfrischend verrückt. Egal was man gegen ihn sagen kann: Was auch immer geschieht ist bei Trump ein Superlativ. Forrest Trump ist meine größte Hoffnung, dieser absurdesten aller Welten den allerletzten Stoß zu verpassen und sie wieder in den allertiefsten Tiefen des Universums zu versenken. Forrest Trump the simplest player in the team wird diese bürokratischste aller Höllenmaschinen ins nichtigste Nirvana führen. Er ist the craziest one! The most incredible.

Danke, danke! Schaut euch nur die Gebiss-Träger der AfD an, oder die spröden und ausgetrockneten Sozis, oder die überschminkten CDU-Tussys. Oder die ausgelutschten Linken, oder die nur noch peinlichen Freidemokraten, oder diese pastoral verweihräucherten Grünen! Und Trump! the most irrational, the crazy thing!

Meine Fresse! Gäbe es ihn nicht, man müsste ihn erfinden! Ich kann nur noch Ausrufezeichen machen! Stellen Sie sich vor, Merkel würde Dieter Romann (Präsident der Bundespolizei) als Schleimbeutel bezeichnen… Da sehen Sie, was für ein Kerl Trump ist. The most powerful guy.

 

 

Streifschuss

vom 11. April 18

 

Anlass: Schöne neue Welt

 

Conditio Zuckerberg

 

Neulich stand ich in der U-Bahn, als der neben mir stehende junge Mann plötzlich anfing in Sprechlautstärke zu singen. Überrascht sah ich zu ihm und erkannte amüsiert, dass er Ohrstöpsel trug und an seinem Smartphone spielte. Offenbar sang er mit. Ich lächelte in mich hinein und blickte mich in dem Waggon um, um eventuell einen Mitlächler zu entdecken. Es fuhr mir durch Mark und Bein, was ich nun sah! Alle, wirklich alle Fahrgäste in dem Waggon trugen Ohrstöpsel und spielten auf ihrem Smartphone. Der Waggon war durchschnittlich gefüllt, ca.40 Menschen. Und ich war der einzige Fahrgast ohne Ohrstöpsel. Niemand außer mir registrierte den singenden jungen Mann neben mir. Er sang allein für sich und er beachtete auch mich nicht. Niemand tat das. Niemand beachtete irgendwen! Wäre ich nicht derart geschockt gewesen von diesem Bild des Grauens, ich hätte mir überlegen können, alle 40 Ohrstöpsel-Menschen einfach auszurauben. Es wäre niemandem aufgefallen. Ach, sie wurden gerade schon beraubt und es fiel niemandem auf.

Mit leicht schlotternden Knien über dieses erschreckende Erlebnis ging ich nach Hause. Auf dem Bürgersteig vor mir gingen drei Jugendliche in einer Reihe. Jeder hatte eine Bierflasche in der Hand und sie lachten laut miteinander. Für dieses delinquente und antibürgerliche Verhalten der drei Jugendlichen war ich unendlich dankbar. Noch gibt es Hoffnung.

Dennoch: Die spätmoderne Gesellschaft hat das Stadium des Narzissmus überwunden und hat den nächsten evolutionären Schritt gemacht, hin zu einer autistischen Gesellschaft. Laut Lehrbuch nennt man das die Autismus-Spektrum-Störung: mit Problemen im sozialen Umgang (z. B. beim Verständnis und Aufbau von Beziehungen), Auffälligkeiten bei der Kommunikation (sprachliche und nicht-sprachliche Verständigung) und eingeschränkten Interessen mit stereotypen, sich wiederholenden Verhaltensweisen. Genau so verhielten sich die 40 Ohrstöpsel-Menschen in dem U-Bahn-Waggon. Allein in einem Waggon voller Zuckerbergombies.

Streifschuss

vom 09. März 18

 

Anlass:

Viel Zeit bleibt nicht

 

 

Time is Manie

 

Heute erlebe ich den 19.621. Tag meines Lebens. Das klingt gar nicht nach besonders viel. 471.000 Stunden klingen schon fülliger. Noch drei Jahre und ich erlebe meine erste halbe Million Stunden. Was kann man in einer halben Million Stunden alles machen? Am Anfang hat man das Gefühl, alle Zeit der Welt stünde einem zur Verfügung. Man trödelt, verbringt seine Zeit damit, aus Bauklötzchen unsinnige Türmchen zu bauen, die immer wieder umfallen, schläft viel, hängt stundenlang beschäftigungslos in einem Kinderwagen herum. Auch später wenn die Schule beginnt, versucht man immer noch, sinnvoller Betätigung aus dem Weg zu gehen. Man will spielen, träumen, phantasieren. Die Erwachsenen reden auf uns ein und drohen uns. Wir sollen endlich etwas Sinnvolles tun. Es dauert aber Jahre, Fast 200.000 Stunden hat man dann hinter sich gebracht, meist auf einem unbequemen Holzstuhl sitzend und dem Geschwätz aller möglichen Erwachsenen ausgesetzt. Man sah stundenlang aus dem Fenster, popelte in der Nase, malte Kreise in ein Schulheft, zählte stumpfsinnig Zahlen zusammen, lernte weitere Zahlen kennen, deklinierte Verben toter Sprachen, memorierte die Namen von Kaisern und Königen, die man alle wieder vergaß. Nach weiteren 50.000 Stunden gilt man dann als gebildet und macht den gleichen Scheiß mit anderen gelangweilten Kindern. Die Hälfte der Zeit ist damit schon rum. Was tun wir nun mit den restlichen 250.000 Stunden? Wir schuften für fremde Herren, bezahlen Rechnungen für Dinge die wir im Grunde nicht brauchen, sehnen uns danach, sinnlos rumzuhängen in der Sonne. Kurz: die restlichen 250.000 Stunden unserer Zeit vertilgt die Welt für sich, während wir nichts weiter sein und tun wollen, als das, was wir die ersten 50.000 Stunden machten: trödeln, spielen, träumen und phantasieren. Und dann, wenn weitere 250.000 Stunden rum sind, sind wir wieder so weit. Wir scheißen in Windeln, trödeln, träumen und phantasieren. Und dann kommt eine Pflegerin und redet auf uns ein, wir sollen doch was tun: Mensch ärgere dich nicht spielen, Gymnastik machen, Plastikbällchen herumwerfen, Worte memorieren, die wir schnell wieder vergessen. Und das ist das Leben. Was macht man nur mit einer halben Million Stunden Zeit?

 

Streifschuss

vom 02. März 18

Anlass: Willkommen im 19.ten Jahrhundert

 

Unser Reichtum

– euer Scheiß

 

Seit Jahren erzeugt Deutschland einen Exportüberschuss und verlagert die Kapitalüberakkumulation ins Ausland. Die Einführung des Euro hat vor allem Deutschland geholfen auf Kosten anderer europäischer Volkswirtschaften. Und jetzt lehnt diese Regierung die geplanten Einfuhrzölle der USA auf Stahl und Aluminium ab und verspottet mit dem Slogan des „freien Handels“ und der „offenen Märkte“ noch einmal die Volkswirtschaften, die unter der Exportflut deutscher Waren leiden. Aber nicht nur die werden verspottet, sondern auch all die in Deutschland im Niedriglohnsektor arbeitenden Menschen – immerhin ein Viertel aller Beschäftigten hierzulande (24 Prozent) arbeiten im Niedriglohnsektor. Fast zwei Millionen Menschen können von ihrer Vollbeschäftigung nicht leben und müssen aufstocken. All diese Menschen haben zu dem Leistungsbilanzüberschuss beigetragen, der vor allem den Finanzsektor reich machte. Trump hat es angekündigt und nun geht der schon seit Jahren tobende Handelskrieg in die heiße Phase.

"Wir haben immer wieder betont, dass wir ein sehr großes Interesse haben, mit Amerika eine lebendige, eine faire, eine freie Wirtschaftspartnerschaft, Handelspartnerschaft zu haben." So sagt es Steffen Seibert. Einseitige Maßnahmen würden angeblich allen schaden. Oh ja. Das sollte sich die Bundesregierung einmal vor Augen führen und ihren einseitigen Exportüberschuss überdenken, den sie auf Kosten des Wohlstand in Deutschland und anderen Ländern erzielen.

Steffen Seibert argumentiert weiter: Das Problem globaler Überkapazitäten ließe sich nicht durch einseitige Maßnahmen lösen. Abschottung und Protektionismus seien hier der falsche Weg. Nur handelt es sich nicht um globale Überkapazitäten. Viele andere Volkswirtschaften leiden unter einem Leistungsbilanzdefizit. Was Trump macht, ist einfach nur konsequent und es ist systemimmanent. Mich wundert eher, dass es erst jetzt geschieht. Dieser Rückfall in den Merkantilismus zeigt vor allem eines: Der neoliberale Kapitalismus und seine Finanzkrisen sind die Ursache eines historischen Rückschritts in das 19.te Jahrhundert. Die zunehmenden Proteste gegen Freihandelsabkommen mit ihren Paralleljustizen verweisen auf den Dominanzverlust von Politik. Und immer wenn die Politik zum Knecht der Ökonomie wird, gibt es Krieg. Denn „man hat Gewalt, so hat man Recht.“

 

Streifschuss vom 01. März 18
Anlass: Politiker müssen nicht die Wahrheit sagen

 

Lügen Sie ruhig,

ich verstehe Sie schon

 

Sicher haben Sie schon einmal ein Kind beim Lügen ertappt. Manche Kinder lügen standhaft weiter, obwohl offensichtlich ist, dass Sie die Wahrheit kennen. Kinder machen das, weil ihnen die Fähigkeit fehlt, sich vorzustellen, dass andere die Wahrheit kennen. Zudem bleibt das Kind bei der Lüge, weil es so allmählich selbst glaubt, die Wahrheit zu sagen. Ihr Motiv zu lügen ist oft Angst vor Strafe oder Scham über das Getane. Ganz ähnlich verhalten sich Regierungsvertreter friedlicher Industrienationen, wenn sie standhaft behaupten, sie wollten Frieden schaffen. Alle Kriege auf der Welt werden mit den Waffen geführt, die in den friedlichen Weltgegenden produziert wurden, in USA, Deutschland, China, Russland, Frankreich, GBR. Aus dem Verkauf dieser Waffen, aus den durch Kriege günstig gewordenen Rohstoffen werden private Unternehmer der friedlichen Nationen reich und schaffen unsere Arbeitsplätze. Aus dem durch Kriege vernichteten Kapital wird das Kapital wieder verwertbar gemacht und die Krise der Überakkumulation zugunsten der friedlichen Nationen überwunden. Jeder Krieg hilft den Staaten, die friedlich Waffen produzieren für die bis an die Zähne bewaffneten Krieg führenden Nationen. Jeder weiß das. Sogar meine Friseuse hat mir das neulich erklärt. Aber die Regierungsvertreter lügen weiter standhaft und behaupten, sie tun alles, um Frieden zu schaffen. Den Regierungsvertretern fehlt folglich die Vorstellungskraft, dass andere die Wahrheit kennen. Sie verhalten sich wie kleine Kinder. Angst vor Strafe und Scham treibt sie dazu an. Leider kann man die Steinmeiers der Welt nicht auf Förderschulen schicken. Sie sträuben sich auch gegen jeden Inklusionsversuch.  Vielleicht wären viele Politiker ehrlicher, wenn wir – das Volk – den Politikern signalisieren würden, dass Scham in Ordnung ist. Politiker sind extrem sichtbar und daher auch enorm belastet. Wir – das Volk – sollten die Lügen unserer gewählten Politiker entspannter betrachten. Sie lügen ja auch, damit wir uns weiter etwas vormachen können. Für die Wahrheit haben wir Gott sei Dank die Medien. „Die lügen doch auch“, sagen Sie? Klar, ich verstehe Sie schon. Es ist schwer auszuhalten, dass man von all den Schweinereien auch noch selbst profitiert. Wir sind das Volk und müssen uns auch mal fragen, ob Heucheln nicht schlimmer ist als Lügen.

Streifschuss vom 14. Februar 18

 

Anlass: Schade um die Zeit

 

Wer keinen Mut hat, kennt keine Angst

 

Das Problem der großen Koalition ist schon seit Jahren ein Problem der gemischten Interdependenz. Einerseits muss man ja kooperieren, andererseits will man seine jeweiligen Parteiinteressen durchsetzen. Das ist eine ideale Voraussetzung, um ein Klima des Misstrauens und der Heimtücke zu schaffen, kurz einen Nährboden für jede Art von Mobbing. Kein Mensch möchte in einem Betrieb arbeiten, wo sein bester Freund sein größter Konkurrent ist. Das Zerstörerische an dieser Form der Politik zeigt sich ja permanent. Jeder Betrieb in dem sich die Mitarbeiter unterschwellig bekriegen, um vordergründig die Profitrate zu steigern, wird am Ende insolvent. Das ist eine Frage der Motivation. Wenn jede Form der Promotion kompetitive Reflexe beim Kollegen auslöst wird irgendwann die Lust auf Risiko reduziert und damit zukünftige Promotion verhindert. Ein Betrieb der auf Absicherung und Prävention baut wird am Ende massiv an Einfluss verlieren, da er nicht handelt (Handeln wäre ja Risiko). Aber eine Verstetigung von Politik wird den Herausforderungen einer sich derart wandelnden Gesellschaft hinten und vorne nicht mehr gerecht. Und so sieht auch der Koalitionsvertrag 2018 aus. Schon in der Präambel steht „wir sichern, was gut ist“ und verweist damit auf den defensiven, präventiven Charakter dieses Vertrags. Er ist weitestgehend inspirations- und risikofrei und setzt auf eine Weiterführung der Politik der letzten vier Jahre. Es gibt so gut wie keine Innovation. Die einzige wirkliche Innovation ist das Vorhaben, Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern – wobei kein einziges Detail erwähnt wird, wie das aussehen soll. Ansonsten wird von der Vollbeschäftigung nicht abgerückt und es gibt nichts, was auch nur ansatzweise auf die drohende Pauperisierung (durch Verlust von Arbeit) weiter Bevölkerungsteile Rücksicht nimmt. Militär und Polizei sollen ausgebaut werden, Care-Arbeit wird dagegen weiter privatisiert. Bildung wird lediglich finanziert ohne eine Bildungsdefinition zu schaffen oder ein Gegenmittel zu benennen, wie man den Ausschluss vieler Menschen von Bildung verhindern könnte. In der Summe ist die Zukunft für diese Koalition weiter Vergangenheit.  Sollte Anfang März die SPD-Basis diesen Koalitionsvertrag absegnen, bekommen wir eine Verschärfung der Dramaturgie nach rechts. Sollte der Koalitionsvertrag platzen, dann haben wir ebenfalls eine Verschärfung der Dramaturgie nach rechts. Das ist die Situation. Die Mutlosigkeit dieses Koalitionsvertrages zeigt nur, dass eine Chance nicht wahrgenommen wurde. Auf eine weitere Dynamik der Wirtschaft zu setzen, ist ein Desaster und zeugt vom Versagen der gesamten Politik. Damit beschleunigt man nur weiter den Zerfallsprozess der Demokratie. Schon, dass eine Partei und ihre Basis über das Procedere der nächsten vier Jahre entscheidet, erklärt das offizielle Ende der Parteiendemokratie. Aber Neues ist nicht in Sicht und wird auch nicht gefördert. Es wäre mal eine Ansage gewesen, in den Koalitionsvertrag die Förderung neuer Ansätze von Politik aufzunehmen. Es wäre eine Ansage gewesen, die Bedürfnisse einer sich wandelnden Gesellschaft auch als eine Aufforderung zu verstehen, einen neuen Gesellschaftsvertrag anzudenken. Stattdessen setzt dieser Vertrag auf Glasfaser. Als wären fehlende Kabel das größte Problem Deutschlands. Die Handlungsunfähigkeit der Politik fördert nicht mein Vertrauen in die Zukunft. Das Politikverständnis dieses Vertrags heißt: Finger weg. Aber auch wenn man die Herdplatte nicht anfasst, bleibt sie weiter heiß und wird am Ende explodieren. Dann hat man sich zwar nicht die Finger verbrannt, aber das nutzt nichts, wenn man am Ende ganz verbrennt. Und genau das geschieht hier: Die Verbrennung von Politik als Handlung.

 

Streifschuss

vom 13. Februar 18

 

Anlass: Die Koalition

 

 

 

 

Privacy? Absolute myth. There is no such thing.
(Jock Goddard in ‘Paranoia – Riskantes Spiel’ 2013)

 

Wir haben lange gewartet. Und nun liegt der immerhin 180 Seiten fassende Koalitionsvertrag vor und harrt seiner Deutungen. Es steht eine Menge drin. Zum Beispiel: „Das Wahlergebnis hat gezeigt, dass viele Menschen unzufrieden und verunsichert sind. Daraus ziehen wir mit dem vorliegenden Koalitionsvertrag und seiner Politik die entsprechenden Schlüsse. Wir wollen sichern, was gut ist.“
Wer das versteht ist selbst schuld.

Gut ist nach dieser zum Geko geschrumpften Groko vor allem „Erneuerung, Digitalisierung und Wachstum“. Diese Worte kommen immerhin 150-mal in dem Text vor. 100-mal allein das Wort Digitalisierung. Das ist eindeutig das Lieblingswort der Schuppenkriechtiere von CDU, CSU und SPD. 40-mal kommt das Wort Wachstum vor. Damit ist klar: die Digitalisierung muss wachsen.

Schauen wir uns daher mal die Digitalisierung an, die nun die nächsten vier Jahren exekutiert wird. Fassen wir zusammen: Mit einem „once-only-Prinzip“ richtet die Regierung eine zentrale Schnittstelle ein, in der die Daten der Bürger erfasst werden und die Verwaltungen diese untereinander austauschen können. Versprochen ist ein opt-in. Aber ich vermute mehr ein opt-out. Denn das aktuelle Personalausweisgesetz basiert auf einem opt-out. Man muss selbst aktiv werden, um die RFID im Ausweis auszuschalten. Dazu bekommt man vom Kreisverwaltungsreferat eine Telefonnummer. In Folge des „once-only-Prinzips“ wird mein Anruf gleich an Interpol weiter geleitet. Denn – so die Logik hier – wer sich nicht überlassen lassen will, macht sich verdächtig und wird überwacht. Um diese Überwachung zu garantieren stärkt der Koalitionsvertrag die Polizei mit zusätzlich 15.000 neuen Stellen und der Einführung eines weiteren  Musterpolizeigesetzes zur Zentralisierung der Polizeiarbeit (Zusammenarbeit und Datenaustausch von Bund und Länder). Zusätzlich wird Europol und Interpol mit einer deutlich verbesserten IT-Struktur ausgestattet. Das ist dann Terrorbekämpfung mit Überwachungsterror. Wachstum digital.

Dass der Ausbau von Glasfaser-Technologie nicht nur dem Verbraucher hilft, ist wohl klar. Denn mit einem Ausbau der Gesichts- und RFID im Ausweis erkennenden Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen kann man uns alle zunehmend lückenlos erfassen. Mit der neuen Glasfaser-Technologie und der Datenzentralisierung ist es dann ein Klacks, alles zu beobachten. Ein guter Algorithmus dazu und fertig ist der Überwachungsstaat. Auch das Fernmeldegeheimnis wird weiter gelockert. Das Bundesamt für Sicherheit wird gestärkt und ein zentraler Zugriff auch auf klassische Telefonie ermöglicht. So konkret wie bei der Sicherheitsarchitektur ist dieser Koalitionsvertrag in keinem der sonst noch erwähnten Punkte.

Erneuerung, Digitalisierung und Wachstum. Es erneuert sich und es wächst der Leviathan hin zu einem High-Tech-Monster, damit wir uns alle super sicher fühlen. Sicherheit aber setzt sich zusammen aus sed cura: ohne Sorge sein. Es ist daher schon komisch, dass dieser fürsorgliche Staat mich so besorgt macht. Woher kommt nur mein übertriebenes Misstrauen gegenüber dem Staat?

Streifschuss

vom 10. Februar 18

 

Anlass:

Tintenklecksende Spätmoderne

 

 

Täuschend echt!

Nichts als die nackte Wahrheit

 

Die schiere Masse der Menschen, die sich äußern wird mancherorts kritisiert. Was insofern komisch ist, da der, der kritisiert, dass sich so viele Menschen äußern, selbst zur Masse beiträgt. Zumal ein schreibender Mensch dieser Zeit dankbar sein muss, wenn er irgendwo gedruckt wird. Auch noch Respekt oder gar Geld dafür zu verlangen, lächerlich. Autoren sind die Deppen vom Dienst, sofern sie nicht ganz vorne am Futtertrog stehen. Doch andererseits ist doch zu loben, dass so viele Menschen sich Gedanken machen. Es nur als Symptom einer narzisstischen Gesellschaft abzutun, oder als „tintenklecksendes Säkulum“, ist eine unzureichende Verkürzung der Problematik. Zwischen Profession und Amateur findet zunehmend eine Demarkation statt. Und das nicht nur beim Schreiben von Prosa. Auch die bildende Kunst erlebt dies. Auch diverse Wissenschaften, vor allem die zugänglicheren Geisteswissenschaften, die sich viel auf Buchwissen beziehen, erleben eine Demarkation und damit einen möglichen Paradigmenwechsel in der Wissensordnung.  Das Phänomen der Curiositas – Wissen um des Wissens willen - hat durch den Einflussverlust der Kirche die Neuzeit geprägt, wurde dann durch die Aufklärung wieder eingefangen und befreit sich nun durch den Niedergang der Aufklärung erneut. Dass wir Menschen einfach wissen wollen und erzählen, gestalten, darstellen ist elementarer Teil unseres Wesens. Das sollten wir beständig feiern. Allerdings sind wir nicht alle in gleicher Weise informiert und verarbeiten Informationen auch nicht in gleicher Weise. Masse kann daher durchaus größere Irritationen hervorrufen.

Wir müssen also über Bildung sprechen. Der Dominikaner-Gelehrte Eckhart von Hochheim, auch als Meister Eckhart bekannt, führte den Begriff ins Deutsche ein. Für ihn war Bildung eine Gottessache und bedeutete das „Erlernen von Gelassenheit“. Wilhelm von Humboldt erweiterte den Begriff zur Charakterbildung und wesentlichen Bestandteil der Erziehung, der Education. Jeder Mensch und Bürger sollte über ein allgemeines Wissen verfügen. Diesem Bildungsbegriff liegt ein antikes Muster zugrunde, das auch in der Aufklärung nachwirkt. Es ist die von Parmenides (vorsokratischer Denker einer antiken Aufklärung) erhoffte Auffahrt von der bloßen Meinung zur Wahrheit. Und da wird es eben kompliziert.
Nach einer Fabel des legendären und antiken Dichters Äsop wurde Aletheia (die Wahrheit) von Prometheus aus Ton geformt. Doch Dolos (ein Sohn der Nacht, wörtlich der Betrug, die Täuschung) formte zeitgleich eine der Aletheia gleichende Gestalt. Prometheus war verwirrt, konnte die beiden nicht auseinander halten und hauchte daher beiden Figuren Leben ein. Die echte Wahrheit schritt nun gemessen von dannen und die Fälschung erhob sich ebenfalls, kam aber nicht vom Fleck. Also: Die Wahrheit bringt uns voran. Daran lässt sie sich erkennen. Die Täuschung jedoch, also die Scheinwahrheit lässt uns auf der Stelle treten. Wir könnten jetzt einen Richtungsstreit entfachen. Ja wohin geht denn die echte Wahrheit eigentlich? Voran ist noch kein hinauf. Aber ich glaube es geht nicht um die Richtung. Wenn sich nichts bewegt, nichts verändert, haben wir es wohl immer mit der von Dolos geformter Täuschung zu tun. Das ist die schlechte Nachricht für alle, die sich nicht bewegen wollen. Jetzt ist aber Humboldts Bildungsbegriff weniger produktiv vielmehr reproduktiv, schafft doch Erziehung und Charakterbildung die Basis – den Grund – auf dem man dann produktiv voranschreiten könnte. So müssen wir Äsops Fabel weniger allegorisch sondern paradigmatisch fassen: Das tintenklecksende spätmoderne Säkulum ist insofern prometheisch, als es immer auch den einen oder anderen Dolos gibt. Der Betrug, die Täuschung liegt also im Wesen des Wissens. Das Wissen selbst ist stets doppelgesichtig. Im Wissenskosmos verbirgt sich immer auch das Wissenschaos. Und das ist einleuchtend, da es Ordnung ja nur geben kann, wenn es zuvor unordentlich war. Jede Performanz bedarf der Präformanz. Das Echte vom Unechten zu scheiden ist die wesentliche Arbeit von Menschen, die Wissen reproduzieren. Das ist Bildungsarbeit. Aber der moderne Kapitalismus will nur produzieren. Reproduktion wird schlecht bezahlt oder gar nicht. Diese Entwertung reproduktiver Arbeit ist der eigentliche Grund, warum unser tintenklecksendes spätmodernes Säkulum so viel Widerwillen hervorruft. Die Profis produzieren Wissen und die Amateure reproduzieren es. Daher kommt es, dass die meisten Profis keine Ahnung mehr haben, was sie da eigentlich tun. Und die Amateure haben oft keine Ahnung, was da grade getan wurde. Hauptsache: wir reden drüber.

 

Streifschuss vom 02. Februar 18

 

Anlass: Notlagen

 

„Man muss nüchterne, geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens“  – Gefängnishefte, H. 28, § 11, 2232 Antonio Gramsci

 

Schweinepriester haben auch eine Bibel

 

 Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in einer Kleinstadt in Michigan auf der Farm seiner irisch-stämmigen Eltern Henry Ford geboren. Dieser Name steht nicht nur für eine berühmte Automarke, sondern auch für den Achtstundentag, Effizienzlohn, Vollbeschäftigung und Wohlfahrtsstaat. Der Ford Tin Lizzy wurde zum Symbol dieser besonderen Sozialpartnerschaft zwischen Unternehmer und Arbeiter, die Antonio Gramsci als Fordismus bezeichnete. Henry Ford verdoppelte den Mindestlohn von 2,54 $ auf 5 $, bot seinen Arbeitern eine Gewinnbeteiligung und verschaffte ihnen mehr Freizeit. Mit dieser gestärkten Kaufkraft und Lebenszufriedenheit konnte Henry Ford aber auch seine eigenen Autos an seine Arbeiter verkaufen und schuf so die Grundlagen unserer modernen Konsumgesellschaft. Und nun planen die Discounter-Ketten Lidl und Aldi Wohnungen auf ihre Discounter drauf zu bauen und bei neuen Discountern Wohnungen gleich mit zu planen. Die grandiose Idee der Mischkalkulation erinnert an den guten alten Henry Ford. Aus den Arbeitern wurden Konsumenten und dies ist die neue Sozialpartnerschaft zwischen Konsumenten und Unternehmern. Denn Aldi und Lidl geben ihren Kunden damit gleich eine Wohnung dazu, so wie Ford damals seinen Arbeitern gleich ein Auto dazu gab. Dass Henry Ford  ein Parade-Nazi war, sollte man nebenbei erwähnen. In seiner eigenen Zeitung Dearborn Independent ließ er rassistische Hetze verbreiten, wetterte gegen Juden, gegen Immigranten, gegen Alkohol und gegen Arbeiter. Henry Ford war Mitglied des America First Committee (AFC), das sich nach dem Angriff auf Pearl Harbor selbst auflöste und jüngst von einem der dunkelsten Machtpolitiker unserer Zeit wieder inauguriert wurde.
Ob Aldi und Lidl aus reiner Menschenfreude Wohnungen bauen ist fraglich. Es ist jedenfalls praktisch, wenn ein Ladenbesitzer weiß, wo seine Kunden wohnen. Die Wohnungsnot der Menschen wird – wie es oft bei Notlagen ist – missbraucht.
Es lebe der Kapitalismus und seine Schweinepriester. Es ist tragisch, dass grade die Ideen haben, denen man naturgemäß misstrauen muss.

 

Our father was a union man some day I'll be one too.
The bosses fired daddy what's our family gonna do?
Come all you good workers good news to you
I'll tell of how the good old union has come in here to dwell.

Which side are you on?
Which side are you on?

 

 

Streifschuss vom 31. Januar 18

 

Anlass: #metoo

 

Herr Gott!!

 

Im schönen August 1948 trafen sich im Alten Schloss auf der Herreninsel am Chiemsee elf Männer. Knapp zwei Wochen beratschlagten sich die Herren.
Am dritten Tag fragte einer von ihnen: „Und? Wie weit sind wir?“
„Also“, antwortete Josef Schwalber aus Bayern, „ wir ham jetzad die Würde und die Freiheit.“
Die elf Männer blickten sich an. Sie waren sich sehr ähnlich. „Gut“, sagte daraufhin Carlo Schmid, „dann fehlt ja nur noch die Gleichheit.“ Alle elf Männer nickten zustimmend und beschlossen Artikel 3 „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“

So weit so unzureichend. Als man ein Jahr später im parlamentarischen Rat – diesmal in Bonn - dieses unter dem Wort „Grundgesetz“ bekannte Manuskript prüfte und absegnete, waren wieder viele Männer anwesend. Immerhin 61 Männer. Aber! Und das war verwirrend: auch vier Frauen. Elisabeth Selbert, Helene Wessel, Frieda Nadig und Helene Weber. Diese stellten nun klar, dass dieser Artikel 3 im Grundgesetz doch auch sie betreffen würde. Schließlich gebe es am Chiemsee auch eine Fraueninsel. Die Männer waren entsetzt und dachten an ihre geschäftsunfähigen Ehefrauen zu Hause. Frauen und gleich? Alle lachten herzhaft. Doch die vier Frauen ließen nicht locker und acht Jahre später wurde dem Grundgesetz ein extra Artikel zugefügt, indem der Staat aufgefordert wurde, in absehbarer Zeit die Gleichberechtigung der Frau voranzutreiben. Bis heute verdienen Frauen bei gleicher Leistung zwei Monatsgehälter weniger als ihre gleichberechtigen Männer und 1958 hatte der Ehemann auch das alleinige Bestimmungsrecht über Frau und Kinder inne. Auch wenn er seiner Frau erlaubte zu arbeiten, verwaltete er ihren Lohn. Das änderte sich erst schrittweise. Ohne Zustimmung des Mannes durften Frauen kein eigenes Bankkonto eröffnen, noch bis 1962. Erst nach 1969 wurde eine verheiratete Frau als geschäftsfähig angesehen. Bis 1997 galt Vergewaltigung in der Ehe noch nicht als strafbar, weil man die Ehe schützen wollte.  Und vor kurzem entdeckten Wissenschaftler, dass es tatsächlich "nein" heißt, wenn Frauen "nein" sagen. Man kann sich die Überraschung in den Gesichtern der männlichen Schweinepriester vorstellen. Dass wir über ein halbes Jahrhundert später immer noch darüber streiten müssen, ist wohl das größte Armutszeugnis der so genannten freien Gesellschaft. Den vier Frauen unter 61 Männern vom parlamentarischen Rat 1949 in Bonn gehört ein Denkmal gesetzt. Es ist eine Tragödie, dass diese vier Frauen immer noch relativ unbekannt sind. Geschichte wird nach wie vor von Männern diktiert und das muss sich nun wirklich endlich ändern. Gut!  Ich bin ein Mann und ich verneige mich vor Helene Wessel, Elisabeth Selbert, Helene Weber und Friederike Nadig. Danke.

Streifschuss

vom 27. Januar 18
 

Anlass:

Geist der Zeiten

 

 

 

In meinen Ohren klingt noch immer der leise Ton der lieben Worte
Arthur Schopenhauer über den Abschied

 

In Dichtung und Wahrheit schreibt von Goethe einmal: Tiefe Gemüter sind genötigt, in der Vergangenheit so wie in der Zukunft zu leben. Das gewöhnliche Treiben der Welt kann ihnen von keiner Bedeutung sein. Ihm fehlte in der Gegenwart der Zusammenhang, er sah das Gegenwärtige als ein zufälliges Hin- und Widerschwanken. In seinen Maximen verstärkt er diese abschätzige Haltung gegenüber der Gegenwart (gegenüber jeder Gegenwart wohlgemerkt) noch, indem er schrieb: Die gegenwärtige Welt ist nicht wert, daß wir etwas für sie tun; denn die bestehende kann in jedem Augenblick abscheiden. Das Vergangene dagegen ist beständiger.
In unserer Gegenwart erleben wir gerade einen Abschied von der Demokratie. Eine rechtspopulistische und rassistische Partei ist stärkste Opposition im Land, das BKA setzt einen Trojaner ein und verwanzt alle Handys damit, überall stehen Überwachungskameras, der Personalausweis hat einen RFID-Chip zu Überwachungszwecken, die Menschen verrohen zunehmend durch die sozialen, digitalen Medien und benötigen Gesetze zur Sprachregelung, die moderne Technik entmündigt den Einzelnen immer mehr und suggeriert ein Glücksverständnis das allein auf Erleichterung der Masse basiert. Demokratie aber soll den Einzelnen vor der Gemeinschaft schützen und nicht anders rum. Daher sind die Persönlichkeitsrechte eine Säule der Demokratie…gewesen – muss man bald schreiben. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung in Artikel 2 GG ist so gut wie aufgelöst. Die Unantastbarkeit der menschlichen Würde ist offensichtlich Realsatire. Dazu muss man nur um acht Uhr morgens U-Bahn fahren oder ein städtisches Altenheim besuchen oder am Hauptbahnhof den Arbeiterstrich. Mit der Gleichheit vor dem Gesetz ist es bei einer himmelschreienden Ungleichheit der Menschen auch nicht gut bestellt und die Religionsfreiheit wird gerade mit Bomben verhandelt. Die Meinungsfreiheit wird von Algorithmen organisiert, die Schulpflicht von Lehrermangel bedroht, die Ehe der meisten Menschen ist geschieden und das natürliche Recht der Eltern ihre Kinder zu erziehen hat längst Marc Zuckerberg übernommen. Die Freizügigkeit wird vom Wohnungsmarkt reguliert, das Briefgeheimnis ist schon länger (seit den Notstandsgesetzen) abgeschafft, die freie Berufswahl ein echter Treppenwitz, der Wehrdienst inzwischen privatisiert – die deutsche Armee gehört der Rüstungsindustrie. Und Artikel 18 GG ist für die meisten Menschen in Kraft getreten. Was in Artikel 18 GG drinsteht? Schauen Sie selbst mal nach.
Klar: Noch ist das Satire. Noch.

 

Streifschuss vom 21. Januar 18

 

Anlass: Der Teufel in der Pubertät

 

Kranker Popanz

 

Ein Schriftsteller schreibt einen Roman. Das ist sein Geschäft. Ein Kritiker wirft dem Autor Rechtslastigkeit vor. Zu kritisieren ist dessen Geschäft. Ein anderer Kritiker verteidigt den Autor und geht so seinen Geschäften nach. Der Autor selbst wollte gar nicht politisch sein, sondern ästhetisch. So sieht der Autor sein Geschäft. Spätestens jetzt muss man den Roman wohl lesen. Und das war der Sinn und Zweck der Übung. Literatur ist ein Geschäft und heutzutage muss man seine Geschäfte am Rand des Anstands betreiben. Alle Beteiligten an diesem Business sind Angestellte des Kulturbetriebs. Das eigentliche Opfer dieses Kulturbetriebs ist der Leser.  Der Roman verweilt nun etwa ein bis maximal zwei Monate in den Regalen des Buchhandels und wird dann von anderen Aufregern verdrängt. Da sich eine Debatte um Gesinnungsliteratur immer rentiert, werden wir das auch immer wieder erleben. Dabei ist der Grundstock der Literatur zeitlos. Romane, Gedichte, Theaterstücke überleben dann, wenn sie sich formal und inhaltlich über die Zeit erheben. Den Künstlern gelingt dies nie absichtlich. Die Apotheose eines Künstlers weist über das Tagesgeschäft hinaus. Mit der Zeit spielt der Künstler und die Zeit spielt dann mit ihm. So erkennen wir am Spiel das Problem. Große Gefühle, Pathos und Nationalstolz sind Surrogate einer zunehmend den Einzelnen marginalisierenden Narzissmus-Gesellschaft. Helden tauchen in jedem Roman auf und natürlich werden diese Helden dann Identifikationsmuster. Facts follows Fiction. Und schon sind wir im Zeitrausch. Die Debatte um Simon Strauß ist wie jeder Scheißhaufen einerseits ekelerregend und andererseits kann man seine Augen nicht mehr abwenden, starrt gebannt auf die abstoßend riechende Substanz. Es gab eine Zeit, da reagierte man auf Scheiße indem man die Achseln zuckte und sagte: Hatten wir schon, kennen wir schon, brauchen wir nicht mehr. Diese Rückkehr der Untoten ist – das haben alle Zombies und Vampire an sich – mit hoher Ansteckungsgefahr verknüpft. Scheiße erlebt derzeit eine Stufe zur Pandemie. Daher sollte man sich derzeit häufiger die Hände waschen nach dem Lesen. Gedenken wir also an dieser Stelle der Opfer dieser Pandemie. Halten wir einen Augenblick inne und erinnern uns. Sieben Tage kommt er, sieben Tage bleibt er und sieben Tage geht er. Die Zeit ist eine Medizin und wir verfügen über genügend Heilmittel. Es gibt viele großartige Romane, die man wieder lesen kann und deren Zeitlosigkeit uns hilft, diese Pandemie zu überstehen.

 

Streifschuss

vom 18. Januar 18

 

Anlass: Radio-Bla-Bla

 

Auch Ratschläge sind Schläge

 

Der Social Entrepreneur, Speaker, Dozent und Aktivist Shai Hoffmann möchte, dass wir uns mehr zuhören und hat einen Bus der Begegnungen gegründet. Heute Morgen hörte ich ihm also einige Minuten zu in seinem Radiokommentar. Er empfahl uns, einfach mal spontan beim Nachbarn zu klingeln (ohne etwas von ihm zu wollen) und ihn zu fragen, wie es ihm geht. Nun. Einmal würde mich mein Nachbar für verrückt halten, täte ich das. Aber gut, andererseits? Andererseits habe ich auch nicht ewig Zeit, allen möglichen Menschen zuzuhören. Ich habe nur zwei Ohren, die eh schon viel zu viel zu hören bekommen. Ich hörte ja eben diesem Shai Hoffmann zu. Das hätte ich nicht tun sollen. Denn statt dessen hätte ich besser meinem Nachbarn zugehört, bevor man ihn mumifiziert in seiner Wohnung findet. Was uns inzwischen all die Hobby-Philosophen und Weltratschläger empfehlen zu tun, das verhindert oft genau dass wir es tun. Nein. Ich werde nicht mit meinem Nachbarn reden, weil ein „Speaker“ mir das empfiehlt. Was ist das für ein paradoxer Appell!?
„Hallo Herr Nachbar.“
„Was wollen Sie?“
Ich will Ihnen zuhören!“
„Warum?“
„Weil mir ein Aktivist das empfohlen hat.“
„Verpiss dich.“
„Danke für das interessante Gespräch.“
Und dann höre ich noch die Tür laut ins Schloss krachen.
Shai Hoffmann meint nun, dass ich jetzt feststellen werde (nachdem ich seinem Rat gefolgt bin), dass mir mein Nachbar ähnlicher ist, als ich vorher dachte. Möglich. Da habe ich mir überlegt, wie ich reagieren würde, auf ein derartiges Angebot meines Nachbarn. Und ich stellte mir die Frage, ob ich ein juristisches Recht darauf habe, in Ruhe gelassen zu werden auch auf die Gefahr hin, selbst in meiner Wohnung zu mumifizieren? Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung schließt auch das Recht ein, selbst zu bestimmen, ob ich die Tür überhaupt öffne. Mein Nachbar, der mich abweist und mich für verrückt hält, hat also das Recht auf seiner Seite. Würde ich weiter klingeln und auf einem Gespräch bestehen (Ratschläge befolgend), wäre dies eine echte Unterlassung und nahe dem Hausfriedensbruch. Ruft uns Shai Hoffmann tatsächlich dazu auf, Unruhe zu stiften und ruft er dazu auf, dass wir jedem Idioten unser Ohr leihen? Auch der Idiot hat ein Recht darauf, in Ruhe gelassen zu werden. Vielleicht schütze ich sogar den Idioten dadurch, dass ich ihm nicht zuhöre. So manchen Unsinn den ich dachte, habe ich Gott sei Dank nicht ausgesprochen, einfach deshalb, weil niemand mir zuhören wollte. Und darüber bin ich sehr froh. Einiges, was ich sagte, weil mir einer zuhörte ist mir heute noch peinlich und diese Peinlichkeiten will ich nicht vermehrt wissen. Shai Hoffmann fehlt ein wenig Lebenserfahrung. Praktische Philosophie geht anders und erschöpft sich nicht in depperten Ratschlägen pseudohumanistischer Philanthropie. Der größte Glücksumschwung für uns spätmoderne Menschen ist gerade die Anonymität und das Recht frei und selbstbestimmt seine Gesprächspartner zu wählen.

 

Streifschuss

vom 13. Januar 18
Anlass:

Einseitige Diskussionen über das NetzDG

 

Ist die Meinung selbst ein wildes Tier?

 

Wenn der Mode-Punk Sascha Lobo und die AfD-Hexe Beatrix von Storch der gleichen Meinung sind, dann kann etwas nicht stimmen. Und was ist das? Die Behauptung, dass das neue Gesetz, das so genannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz ein Angriff auf das Persönlichkeitsrecht der freien Meinungsäußerung sei. Lieber Herr Lobo, liebe Frau von Storch: Eine Beleidigung oder eine Beschimpfung einer oder mehrerer Personen ist eine Frage des Stils, also eine formale Angelegenheit und keine inhaltliche freie Meinungsäußerung. Zudem bezieht sich der Anwendungsbereich des Gesetzes vor allem auf Telemedienanbieter die mit der Absicht Gewinn zu erzielen Inhalte mit anderen Nutzern teilen. Plattformen mit journalistisch-redaktionell gestalteten Angeboten, die vom Diensteanbieter selbst verantwortet werden, gelten nicht als soziale Netzwerke im Sinne dieses Gesetzes. Daher kann ich hier auf meiner Homepage frei und glücklich meine Meinung äußern und zusätzlich Frau von Storch als „Hexe“ beschimpfen (was keine Meinung von mir ist, sondern schlicht eine Beschimpfung und Ausdruck von Antipathie). Das Problem ist also nicht etwa, dass mit diesem Gesetz die freie Meinung verunmöglicht wird. Vielmehr ist es ein Eingriff in die Sprachregelung auf digitalen sozialen Netzwerken. Und dass viele unserer Mitbürger noch Bedarf an erzieherischen Maßnahmen haben, weil sie eben zwischen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und einer differenzierten Meinungsäußerung nicht unterscheiden können, das ist nun nicht die Schuld unseres Justizministers.  Man sollte hier also einen differenzierteren Diskurs führen, als er derzeit geführt wird. Einmal sollte man darüber diskutieren, was überhaupt eine Meinung ist. Und da gehen die Meinungen ja schon auseinander. Dann sollte man darüber nachdenken, ob der Eingriff in meinen Sprachstil bereits in meine Meinung eingreift. Noch vor dreißig Jahren waren Äußerungen von Politiker wie die jüngste von Donald Trump („Dreckslochländer“) an der Tagesordnung. Inzwischen sind sie Gott sei Dank zur Seltenheit geworden. Wir diskutieren über die Konvention unserer Sprache schon länger. Und manchmal ist die politisch korrekte Sprache nahe am Euphemismus, manchmal aber ist die politisch korrekte Sprache ein echter humanistischer Fortschritt. So finde ich es gut getroffen, wenn man Menschen mit eingeschränkter Sehkraft „visuell herausgeforderte“ nennt. Denn genau das sind sie. Ist jemand aber blind, dann wäre es schon wieder zynisch, ihn „visuell herausgefordert“ zu nennen.
 In Bayern begrüßt man sich mit „Grüß Gott“. In Österreich begrüßt man sich mit „Habe die Ehre“. Niemand hat vermutlich gegen diese Begrüßungsformen besondere Einwände. Jugendliche begrüßen sich gerne mit „fick dich“. Das klingt schon anders. Nun entwickelt ein Software-Entwickler einen Algorithmus der alle „fick dich“ aus dem Netz fischt. Der kulturelle Verlust wäre vermutlich zu verkraften. Nun aber entwickelt ein weiterer Software-Entwickler einen Algorithmus, der alle „Idiot“ aus dem Netz fischt. Hier wäre der Schaden groß. Denn den Verlust eines epochalen literarischen Meisterwerks, das kann keiner wirklich wollen. Man merkt also, dass das Problem nicht das NetzDG ist (so wird das neue Gesetz abgekürzt), sondern das Problem sind Algorithmen. Also: Die Art und Weise, wie man ein Problem löst, ist das Problem und nicht das Gesetz dazu. Gesetze sind ohnehin die alte Welt. Wenn schon ein Gesetz, dann eines, das dem Programmierer oder Software-Entwickler endlich Pflichten auferlegt. Aber wie das aussehen soll, weiß ich leider auch nicht. Das NetzDG ist also kein Angriff auf die freie Meinungsäußerung. Menschen, deren Mangel an Mündigkeit dazu führt, dass sie paranoide, stumpfsinnige und Empathie-freie Äußerungen von sich geben, schaden der Meinungsfreiheit mehr, als jedes Gesetz. Sprachregelungen aber dürfen weder allein vom Staat oder von einem privaten Anbieter durchgesetzt werden, sondern im freien, selbstreinigenden Diskurs zwischen uns allen. Und das ist bei so viel Menschen die sich inzwischen in den Netzwerken äußern, eine große Herausforderung. Und dafür ist das NetzDG durchaus ein erster Schritt. Sicher verbesserungswürdig, aber ein weiterer Versuch der Modernisierung eines Gesetzes, das auf die Lex Miquel-Lasker von 1873 zurückgeht.

Rufen Sie einfach an unter

 

Arwed Vogel

++49 ( )8762 726121

 

oder

 

Bernhard Horwatitsch

++49 ( )89 72016549

 

oder nutzen Sie unser Kontaktformular.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Literaturprojekt