Literaturprojekt
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Neue Streifschüsse

wann immer nötig

 

 

Streifschuss vom 21. Januar 18

 

Anlass: Der Teufel in der Pubertät

 

Kranker Popanz

 

Ein Schriftsteller schreibt einen Roman. Das ist sein Geschäft. Ein Kritiker wirft dem Autor Rechtslastigkeit vor. Zu kritisieren ist dessen Geschäft. Ein anderer Kritiker verteidigt den Autor und geht so seinen Geschäften nach. Der Autor selbst wollte gar nicht politisch sein, sondern ästhetisch. So sieht der Autor sein Geschäft. Spätestens jetzt muss man den Roman wohl lesen. Und das war der Sinn und Zweck der Übung. Literatur ist ein Geschäft und heutzutage muss man seine Geschäfte am Rand des Anstands betreiben. Alle Beteiligten an diesem Business sind Angestellte des Kulturbetriebs. Das eigentliche Opfer dieses Kulturbetriebs ist der Leser.  Der Roman verweilt nun etwa ein bis maximal zwei Monate in den Regalen des Buchhandels und wird dann von anderen Aufregern verdrängt. Da sich eine Debatte um Gesinnungsliteratur immer rentiert, werden wir das auch immer wieder erleben. Dabei ist der Grundstock der Literatur zeitlos. Romane, Gedichte, Theaterstücke überleben dann, wenn sie sich formal und inhaltlich über die Zeit erheben. Den Künstlern gelingt dies nie absichtlich. Die Apotheose eines Künstlers weist über das Tagesgeschäft hinaus. Mit der Zeit spielt der Künstler und die Zeit spielt dann mit ihm. So erkennen wir am Spiel das Problem. Große Gefühle, Pathos und Nationalstolz sind Surrogate einer zunehmend den Einzelnen marginalisierenden Narzissmus-Gesellschaft. Helden tauchen in jedem Roman auf und natürlich werden diese Helden dann Identifikationsmuster. Facts follows Fiction. Und schon sind wir im Zeitrausch. Die Debatte um Simon Strauß ist wie jeder Scheißhaufen einerseits ekelerregend und andererseits kann man seine Augen nicht mehr abwenden, starrt gebannt auf die abstoßend riechende Substanz. Es gab eine Zeit, da reagierte man auf Scheiße indem man die Achseln zuckte und sagte: Hatten wir schon, kennen wir schon, brauchen wir nicht mehr. Diese Rückkehr der Untoten ist – das haben alle Zombies und Vampire an sich – mit hoher Ansteckungsgefahr verknüpft. Scheiße erlebt derzeit eine Stufe zur Pandemie. Daher sollte man sich derzeit häufiger die Hände waschen nach dem Lesen. Gedenken wir also an dieser Stelle der Opfer dieser Pandemie. Halten wir einen Augenblick inne und erinnern uns. Sieben Tage kommt er, sieben Tage bleibt er und sieben Tage geht er. Die Zeit ist eine Medizin und wir verfügen über genügend Heilmittel. Es gibt viele großartige Romane, die man wieder lesen kann und deren Zeitlosigkeit uns hilft, diese Pandemie zu überstehen.

 

Streifschuss

vom 18. Januar 18

 

Anlass: Radio-Bla-Bla

 

Auch Ratschläge sind Schläge

 

Der Social Entrepreneur, Speaker, Dozent und Aktivist Shai Hoffmann möchte, dass wir uns mehr zuhören und hat einen Bus der Begegnungen gegründet. Heute Morgen hörte ich ihm also einige Minuten zu in seinem Radiokommentar. Er empfahl uns, einfach mal spontan beim Nachbarn zu klingeln (ohne etwas von ihm zu wollen) und ihn zu fragen, wie es ihm geht. Nun. Einmal würde mich mein Nachbar für verrückt halten, täte ich das. Aber gut, andererseits? Andererseits habe ich auch nicht ewig Zeit, allen möglichen Menschen zuzuhören. Ich habe nur zwei Ohren, die eh schon viel zu viel zu hören bekommen. Ich hörte ja eben diesem Shai Hoffmann zu. Das hätte ich nicht tun sollen. Denn statt dessen hätte ich besser meinem Nachbarn zugehört, bevor man ihn mumifiziert in seiner Wohnung findet. Was uns inzwischen all die Hobby-Philosophen und Weltratschläger empfehlen zu tun, das verhindert oft genau dass wir es tun. Nein. Ich werde nicht mit meinem Nachbarn reden, weil ein „Speaker“ mir das empfiehlt. Was ist das für ein paradoxer Appell!?
„Hallo Herr Nachbar.“
„Was wollen Sie?“
Ich will Ihnen zuhören!“
„Warum?“
„Weil mir ein Aktivist das empfohlen hat.“
„Verpiss dich.“
„Danke für das interessante Gespräch.“
Und dann höre ich noch die Tür laut ins Schloss krachen.
Shai Hoffmann meint nun, dass ich jetzt feststellen werde (nachdem ich seinem Rat gefolgt bin), dass mir mein Nachbar ähnlicher ist, als ich vorher dachte. Möglich. Da habe ich mir überlegt, wie ich reagieren würde, auf ein derartiges Angebot meines Nachbarn. Und ich stellte mir die Frage, ob ich ein juristisches Recht darauf habe, in Ruhe gelassen zu werden auch auf die Gefahr hin, selbst in meiner Wohnung zu mumifizieren? Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung schließt auch das Recht ein, selbst zu bestimmen, ob ich die Tür überhaupt öffne. Mein Nachbar, der mich abweist und mich für verrückt hält, hat also das Recht auf seiner Seite. Würde ich weiter klingeln und auf einem Gespräch bestehen (Ratschläge befolgend), wäre dies eine echte Unterlassung und nahe dem Hausfriedensbruch. Ruft uns Shai Hoffmann tatsächlich dazu auf, Unruhe zu stiften und ruft er dazu auf, dass wir jedem Idioten unser Ohr leihen? Auch der Idiot hat ein Recht darauf, in Ruhe gelassen zu werden. Vielleicht schütze ich sogar den Idioten dadurch, dass ich ihm nicht zuhöre. So manchen Unsinn den ich dachte, habe ich Gott sei Dank nicht ausgesprochen, einfach deshalb, weil niemand mir zuhören wollte. Und darüber bin ich sehr froh. Einiges, was ich sagte, weil mir einer zuhörte ist mir heute noch peinlich und diese Peinlichkeiten will ich nicht vermehrt wissen. Shai Hoffmann fehlt ein wenig Lebenserfahrung. Praktische Philosophie geht anders und erschöpft sich nicht in depperten Ratschlägen pseudohumanistischer Philanthropie. Der größte Glücksumschwung für uns spätmoderne Menschen ist gerade die Anonymität und das Recht frei und selbstbestimmt seine Gesprächspartner zu wählen.

 

Streifschuss

vom 13. Januar 18
Anlass:

Einseitige Diskussionen über das NetzDG

 

Ist die Meinung selbst ein wildes Tier?

 

Wenn der Mode-Punk Sascha Lobo und die AfD-Hexe Beatrix von Storch der gleichen Meinung sind, dann kann etwas nicht stimmen. Und was ist das? Die Behauptung, dass das neue Gesetz, das so genannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz ein Angriff auf das Persönlichkeitsrecht der freien Meinungsäußerung sei. Lieber Herr Lobo, liebe Frau von Storch: Eine Beleidigung oder eine Beschimpfung einer oder mehrerer Personen ist eine Frage des Stils, also eine formale Angelegenheit und keine inhaltliche freie Meinungsäußerung. Zudem bezieht sich der Anwendungsbereich des Gesetzes vor allem auf Telemedienanbieter die mit der Absicht Gewinn zu erzielen Inhalte mit anderen Nutzern teilen. Plattformen mit journalistisch-redaktionell gestalteten Angeboten, die vom Diensteanbieter selbst verantwortet werden, gelten nicht als soziale Netzwerke im Sinne dieses Gesetzes. Daher kann ich hier auf meiner Homepage frei und glücklich meine Meinung äußern und zusätzlich Frau von Storch als „Hexe“ beschimpfen (was keine Meinung von mir ist, sondern schlicht eine Beschimpfung und Ausdruck von Antipathie). Das Problem ist also nicht etwa, dass mit diesem Gesetz die freie Meinung verunmöglicht wird. Vielmehr ist es ein Eingriff in die Sprachregelung auf digitalen sozialen Netzwerken. Und dass viele unserer Mitbürger noch Bedarf an erzieherischen Maßnahmen haben, weil sie eben zwischen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und einer differenzierten Meinungsäußerung nicht unterscheiden können, das ist nun nicht die Schuld unseres Justizministers.  Man sollte hier also einen differenzierteren Diskurs führen, als er derzeit geführt wird. Einmal sollte man darüber diskutieren, was überhaupt eine Meinung ist. Und da gehen die Meinungen ja schon auseinander. Dann sollte man darüber nachdenken, ob der Eingriff in meinen Sprachstil bereits in meine Meinung eingreift. Noch vor dreißig Jahren waren Äußerungen von Politiker wie die jüngste von Donald Trump („Dreckslochländer“) an der Tagesordnung. Inzwischen sind sie Gott sei Dank zur Seltenheit geworden. Wir diskutieren über die Konvention unserer Sprache schon länger. Und manchmal ist die politisch korrekte Sprache nahe am Euphemismus, manchmal aber ist die politisch korrekte Sprache ein echter humanistischer Fortschritt. So finde ich es gut getroffen, wenn man Menschen mit eingeschränkter Sehkraft „visuell herausgeforderte“ nennt. Denn genau das sind sie. Ist jemand aber blind, dann wäre es schon wieder zynisch, ihn „visuell herausgefordert“ zu nennen.
 In Bayern begrüßt man sich mit „Grüß Gott“. In Österreich begrüßt man sich mit „Habe die Ehre“. Niemand hat vermutlich gegen diese Begrüßungsformen besondere Einwände. Jugendliche begrüßen sich gerne mit „fick dich“. Das klingt schon anders. Nun entwickelt ein Software-Entwickler einen Algorithmus der alle „fick dich“ aus dem Netz fischt. Der kulturelle Verlust wäre vermutlich zu verkraften. Nun aber entwickelt ein weiterer Software-Entwickler einen Algorithmus, der alle „Idiot“ aus dem Netz fischt. Hier wäre der Schaden groß. Denn den Verlust eines epochalen literarischen Meisterwerks, das kann keiner wirklich wollen. Man merkt also, dass das Problem nicht das NetzDG ist (so wird das neue Gesetz abgekürzt), sondern das Problem sind Algorithmen. Also: Die Art und Weise, wie man ein Problem löst, ist das Problem und nicht das Gesetz dazu. Gesetze sind ohnehin die alte Welt. Wenn schon ein Gesetz, dann eines, das dem Programmierer oder Software-Entwickler endlich Pflichten auferlegt. Aber wie das aussehen soll, weiß ich leider auch nicht. Das NetzDG ist also kein Angriff auf die freie Meinungsäußerung. Menschen, deren Mangel an Mündigkeit dazu führt, dass sie paranoide, stumpfsinnige und Empathie-freie Äußerungen von sich geben, schaden der Meinungsfreiheit mehr, als jedes Gesetz. Sprachregelungen aber dürfen weder allein vom Staat oder von einem privaten Anbieter durchgesetzt werden, sondern im freien, selbstreinigenden Diskurs zwischen uns allen. Und das ist bei so viel Menschen die sich inzwischen in den Netzwerken äußern, eine große Herausforderung. Und dafür ist das NetzDG durchaus ein erster Schritt. Sicher verbesserungswürdig, aber ein weiterer Versuch der Modernisierung eines Gesetzes, das auf die Lex Miquel-Lasker von 1873 zurückgeht.

Rufen Sie einfach an unter

 

Arwed Vogel

++49 ( )8762 726121

 

oder

 

Bernhard Horwatitsch

++49 ( )89 72016549

 

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