Literaturprojekt
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Texte über Literatur

Der letzte Versuch des Impressionismus

Ich wollte die Natur kopieren, aber ich konnte es nicht (Claude Monet)

 

Die Wiener Moderne war geprägt vom Impressionismus, also von stimmungsvoller Darstellung flüchtiger Momente. Diese kurze Epoche lässt sich um die Zeit 1890 bis 1910 ansiedeln und war mehr von der Kunst (Klimt), der Musik (Schönberg) und dem Drama (Burgtheater) bestimmt, als von der Literatur. Wiener Autoren hatten kaum Veröffentlichungsmöglichkeiten in Wien. Die meisten schrieben ihre Texte daher für Berliner Verlage. Von den rund 52 Millionen Einwohnern der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie lebten gerade einmal 11 Millionen Menschen in industrialisierten Gebieten (hauptsächlich in Wien und in Prag), der Rest der Monarchie war Agrarland. Wien war daher zentralistisch und aristokratisch geprägt, eine Art orientalisches Paris.
Verfeinerte Sensibilität, gesteigerte Wahrnehmungs- und Reizempfindlichkeit, als Resultat einer gewissen Sorglosigkeit und Unbefangenheit. So konnten ästhetische Reize  als von der unmittelbaren Lebenspraxis losgelöste Werte erlebt werden, als intime Stimmungswerte. Ausgedehnte literarische Lektüre, Noblesse, Geschmack, Nervosität.
Größter Wortführer des Impressionismus war Hermann Bahr. Er kam 1863 als Sohn des Rechtsanwaltes und liberalen Landtagsabgeordneten Alois Bahr in Linz zur Welt.  Er wurde zum Propheten der Moderne in Jung-Wien und propagierte den Impressionismus als Überwindung des Naturalismus. 1922 übersiedelte er nach München, wurde in die Sektion Dichtkunst der preußischen Akademie der Künste berufen und starb 1934 an einer fortschreitenden Demenz.

Hermann Bahr schrieb in einem Glückwunsch an Arthur Schnitzler: Durch unsere Geburt gehören wir ihr an (der ökonomischen Klasse), deshalb wird sie aus unserer Empfindung niemals auszutilgen sein. Die bürgerliche Klasse wird als „sinkende Klasse“ (Bahr) empfunden – das Dekadenz-Gefühl, Sinnlichkeitsluxus, Wahrnehmung um der Wahrnehmung willen. Die österreichische Moderne hat dem Naturalismus (vor allem geprägt durch die französische Literatur von Emilie Zola, oder auch Balzac) kein tieferes Interesse entgegengebracht. Der Naturalismus (exakte Wissenschaften, Schnörkellosigkeit, exakte Beobachtung, umfassende Darstellung) war ein aus der Aufklärung gewachsenes Interesse, das dem noch aristokratisch gesinnten Wiener suspekt war. Ein schönes und ironisches Beispiel für diese Diskrepanz liefert der erste Satz in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften.

 

Woraus bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht
Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.

 

So löst auch der Szientismus unser natürliches Empfinden in sperrige, abstrakte Daten auf. Robert Musils Roman „Mann ohne Eigenschaften“ dokumentiert vor allem diesen Widerspruch zwischen Szientismus und Romantik, wobei sich Musil über Beides lustig macht und sich die Frage stellt, wie in dieser fortgeschrittenen Industrie noch ein mystisches Erleben möglich sein könnte. Er sprach dabei von dem Entwurf einer „taghellen Mystik“.
Die Eindruckskunst hatte es im Wien um die Jahrhundertwende leichter, als im bürgerlichen Berlin. Den Anstoß dazu  gab ein erst in Prag und dann in Wien lehrender Physiker: Ernst Mach. Seine „Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen“ von 1885 hatte ab der zweiten Auflage von 1900 eine große Breitenwirkung. Auch Robert Musil promovierte über Ernst Mach. Hermann Bahr berichtet in seinem Essay „Das unrettbare Ich (Dialog vom Tragischen)“ von 1904  über seine Reaktion auf Ernst Mach, es handele sich um die „Philosophie des Impressionismus“.

Erklärend: Mach definiert Körper (Gegenstände) als relativ beständige Komplexe von Farben, Tönen, Drücken usw., wobei  dem Wort „relativ“ entscheidende Bedeutung  beizumessen ist.

„Mein Tisch ist bald heller, bald dunkler beleuchtet, kann wärmer und kälter sein… Mein Freund kann einen anderen Rock anziehen. Sei Gesicht kann ernst und heiter werden. Seine Gesichtsfarbe kann durch Beleuchtung oder Affecte sich ändern.“ (Ernst Mach).

So ist auch das menschliche Ich ein Komplex, dem nur relative Beständigkeit zukommt, ein Komplex aus Erinnerungen, Stimmungen, Gefühlen. Was man als Einheit der Persönlichkeit empfindet, ist nur eine scheinbare Einheit eine durch Kontinuität der langsamen Änderung hervorgerufene Täuschung.  So kann das Ich auch, das Individuum ein Teil vieler (auch fremder) Bewusstseinsinhalte sein, es sind Spiegelungen dessen, was den Menschen umgibt, ihn füttert.

Warenhaftigkeit und der Eindruck der Industrialisierung, die Elektrifizierung der Stadt führten dann etwas später zu dem beeindruckenden Essay „Die Kunst im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ von Walter Benjamin (in den 1930ern verfasst). Darin wird unser ganzer Wahrnehmungsapparat historisch. Wir empfinden immer auch innerhalb unserer Zeit. Oder wie es Goethe in seinem Faust formulierte: „Was ihr den Geist der Zeiten nennt, ist der Herren eigener Geist in dem die Zeiten sich bespiegeln“. Durch die Möglichkeit der Reproduktion (vor allem durch den Film) verlor das Kunstwerk seine Aura, ihre Einmaligkeit und Besonderheit.

In den 1960er Jahren (1962) erschien dann das epochale und visionäre Buch „Die Gutenberg-Galaxis“ von Marshall Mc Luhan, in der die Kernthese lautet: Das Medium ist die Botschaft. Die Brille durch die wir blicken, a mist before our Eyes, nannte es einst John Locke (1632-1704), ist der Maßstab für alle Veränderung, das Tempo für den Menschen. Heute diskutieren wir intensiv über die neue Technik der KI und was diese mit uns machen wird.

Bei der ersten Filmaufführung der Brüder Lumiere am 28. Dezember 1895 im Grand Cafe in Paris kam es zu einer Panik. Die Lumières hatten Eintritt verlangt, ein paar Dutzend Besucher zahlten - und sahen zehn kurze Filme, die Angestellte der Lumière-Betriebe mit einem Kinematographen vorführten: offiziell die erste Kinovorführung. Den Apparat, Kamera und Projektor zugleich, hatten die Franzosen ein paar Monate zuvor patentieren lassen, am 13. Februar 1895. Nun staunten die Besucher der Vorstellung und starrten auf die bewegten Bilder vor sich. So etwas hatten sie noch nie gesehen.

Heute ist nicht mehr genau zu klären, ob sich die später vielfach kolportierte Geschichte einer Panik angesichts des Films "Die Ankunft des Zuges auf dem Bahnhof La Ciotat" tatsächlich so abgespielt hat. Der kurze Streifen zeigt einen Zug, der in den Bahnhof des Städtchens La Ciotat einfährt, aus Zuschauerperspektive immer größer wird, die Besucher zu überrollen scheint. Die sollen damals aufgeregt und voller Schrecken von ihren Sitzen aufgesprungen sein und das Café fluchtartig verlassen haben, hieß es später. Sie dachten, der Zug fährt tatsächlich ins Café ein. Die Kameraperspektive hatte das suggeriert.

War der Naturalismus noch mit dem Anspruch aufgetreten, die ursächlichen Zusammenhänge in Natur und Gesellschaft in den Griff zu bekommen, verzichtete die sich vom naturalistischen Programm distanzierende Moderne auf einen solchen Anspruch.
Mimesis ohne Kausalität. Das beobachtende, empfindende, auf Reize reagierende Ich wurde zur Wahrnehmungsinstanz. Beim Impressionismus ist die Reizabhängigkeit und Unfertigkeit des Subjekts potentiell eine Tugend. Die Fähigkeit, sich selbst unaufhörlich zu erneuern, das Fertige, Geordnete, war zum Beispiel für Peter Altenberg (1859-1919, lebte in Wien und war ein bekennender Pädophiler) ein Merkmal philisterhaften Daseins.

„Menschen sind nicht, sie werden“ schrieb Peter Altenberg. Das punktuelle Daseinsgefühl entfaltet sich in Augenblicken besonderer sinnlicher Intensität, in denen der Mensch völlig in den Bann der flüchtigen Gleichzeitigkeit eines Bündels von Eindrücken gerät.

Hermann Bahr schrieb: „Es ist daher richtig bemerkt worden, der literarische Impressionismus stimme mit dem malerischen auch darin überein, daß er besondere Wirkungen aus einer im Text selbst enthaltenen Aufforderung an den Rezipienten beziehe, dem Appell, die Andeutung assoziativ zu ergänzen.“

Einerseits die Auslassung, die Ellipse, das Andeuten, andererseits das symbolische Korrelat. So beschreibt es Hermann Bahr in seinem literarischen Manifest „Die Überwindung des Naturalismus“:

Einem Vater stirbt sein Kind. Dieser wilde Schmerz, die rathlose Verzweif­lung sei das Thema. Der rhetorische Dichter wird jammern und klagen und stöhnen: "Ach, wie elend und verlassen und ohne Trost ich bin! Nichts kann meinem Leide gleichen. Die Welt ist dunkel und verhüllt für mich," – kurz, einen genauen und deutlichen Bericht seiner innern Thatsachen. Der realisti­sche Dichter wird einfach erzählen: "Es war ein kalter Morgen, mit Frost und Nebel. Den Pfarrer fror. Wir gingen hinter dem kleinen Sarg, die schluchzen­de Mutter und ich," – kurz einen genauen und deutlichen Bericht aller äuße­ren Thatsachen. Aber der symbolische Dichter wird von einer kleinen Tanne erzählen, wie sie gerade und stolz im Walde wuchs, die großen Bäume freuten sich, weil niemals eine den jungen Gipfel verwegener nach dem Himmel ge­streckt: "Da kam ein hagerer, wilder Mann und hatte ein kaltes Beil und schnitt die kleine Tanne fort, weil es Weihnachten war" – er wird ganz an­dere und entfernte Thatsachen berichten, aber welche fähig sind, das gleiche Gefühl, die nämliche Stimmung, den gleichen Zustand, wie in dem Vater der Tod des Kindes, zu wecken. Das ist der Unterschied, das ist das Neue.

 

Der naturalistische Ansatz der Genauigkeit, das begriffliche und Generalisierende in der Sprache, tritt zugunsten des Besonderen und Einmaligen zurück. Arno Holz (1863-1929, Dichter des Naturalismus) bemerkte dazu: „Der Vogel sitzt auf einem Baum“, ist schlechter, als der Satz „Der Zeisig sitzt auf der Ulme“.

In dieser Stimmung schwindet auch der Unterschied zwischen Innen und Außen, so werden die Randzonen des Bewusstseins zur literarischen Maxime. Und der innere Monolog ist das Beispiel für die Errungenschaften impressionistischer Faktur in diesem Bereich!

Historisch beginnt der „innere Monolog“ in der Epoche der „Empfindsamkeit“ und des „Sturm und Drang“. Das Gedankenzitat (direkte Rede) wird im Grunde nur lang gezogen. Denn der innere Monolog bleibt in der 1. Person Präsens Indikativ. Sprachlich wird hier mit a-grammatischem, parataktischem Satzbau gearbeitet. Noch deutlicher wird der Gedanke, wenn Sie den Gedanken als elliptische Satzkonstruktion darstellen. Einleitende Verben fehlen dabei. Bei Franz Kafka werden wir einen weiteren großen Fortschritt erleben, wenn er die erlebte Rede einführt.

Die Moderne im Allgemeinen und die Wiener Moderne im Besonderen läuteten einen weiteren Schritt der Literatur ein, der zuvor in den 1830er Jahren im Julikönigtum sich etablierte. So gesehen ist der Impressionismus nicht eigentlich ein Konkurrent zum Naturalismus, sondern ein weiterer Schritt in der zunehmenden Arbitrarität der Literatur. Noch im 18. Jahrhundert bestand für den Schriftsteller keine Spannung zwischen dem wirklichen und dem sein sollenden Publikum. Erst mit der Proteus-Gestalt der bürgerlich geprägten Finanz- Kapitalismus änderte sich das elementar. Das System machte sich von seinen Trägern unabhängig und verwandelte sich in einen Mechanismus, dessen Gang keine menschliche Macht aufzuhalten vermag. In dieser Selbstbewegung des Apparats besteht das Unheimliche des modernen Kapitalismus. Eine Dämonie, die schon Balzac erschreckend schilderte.
Der Impressionismus ist ein letzter Versuch das Auseinanderfallen der Perspektive des Absoluten zu verhindern. Er scheiterte darin.

Heute sind wir alle Epigonen dieses Verlustes einer absoluten Perspektive. Wir können die Natur weder kopieren, noch begreifen ohne eine absolute Perspektive. Wir könnten aber wieder staunen lernen.

 

 


 

 

Ein traurige Ritter tritt auf und ertönt in der Wirklichkeit

 

Im Jahr 2002 wurde von  Schriftsteller aus aller Welt der Roman El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha von Miguel de Cervantes, übersetzt Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha zum besten Buch aller Zeiten gewählt. Der Norwegische Buchclub forderte 100 Autoren aus 54 Ländern auf, ihre zehn persönlichen Favoriten zu wählen und erstellten daraus eine Liste mit den 100 größten Romanen. "Don Quijote" habe dabei rund 50 Prozent mehr Stimmen erhalten als jedes andere Buch, erklärte der Club.

Für die anderen Bücher auf der Liste gab der Club keine Platzierungen an. Erfolgreichster Schriftsteller war der Russe Fjodor Dostojewski, der gleich mit vier Werken vertreten war: "Schuld und Sühne", "Der Idiot", "Die Dämonen" und "Die Brüder Karamasow". Franz Kafka, William Shakespeare und Leo Tolstoi schafften es mit je drei Werken auf die Liste, Thomas Mann, William Faulkner und Virginia Woolf mit je zwei. Als bester deutscher Schriftsteller wurde Günter Grass gewählt.

Zu den befragten Autoren gehörten John Irving, Salman Rushdie, John Le Carre, Carlos Fuentes und Fay Weldon. Die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren gab noch vor ihrem Tod im Januar ihre Stimme ab. Ihre "Pippi Langstrumpf" war ebenfalls auf der Liste vertreten.

 

DIE WAHRHEIT ÜBER SANCHO PANSA

Von Franz Kafka (1931)

Sancho Pansa, der sich übrigens dessen nie gerühmt hat, gelang es im Laufe der Jahre, durch Beistellung einer Menge Ritter- und Räuberromane in den Abend- und Nachtstunden seinen Teufel, dem er später den Namen Don Quixote gab, derart von sich abzulenken, daß dieser dann haltlos die verrücktesten Taten aufführte, die aber mangels eines vorbestimmten Gegenstandes, der eben Sancho Pansa hätte sein sollen, niemandem schadeten. Sancho Pansa, ein freier Mann, folgte gleichmütig, vielleicht aus einem gewissen Verantwortlichkeitsgefühl dem Don Quixote auf seinen Zügen und hatte davon eine große und nützliche Unterhaltung bis an sein Ende.

 

So gelingt es Franz Kafka, erneut Verwirrung zu stiften, indem er die Rollen vertauscht und nicht nur das, sogar den Teufel selbst dabei bannt. Kafka greift auf seine meisterhafte Art den Selbstreferenz auf und bedient sich ihrer als weitere Wahrheit.

Es handelt sich bei Cervantes Rittersatire nicht nur um eine Mischung aus heroischem Roman und Schelmenroman (Guzman), sondern auch um den ersten modernen Roman der Weltgeschichte, 1605 erschien der erste Teil, 1615 der zweite Teil.

Zum zweiten Teil gibt es aber eine weitere Geschichte, mit der ich beginnen möchte:

Ein berühmtes Beispiel für so genannte Selbstreferenz (eine Idee, ein Bild, ein Modell nimmt auf sich selbst Bezug, wie in dem berühmten Satz auf der Whiteboard „dieser Satz ist falsch“) ist der große Roman „Der geistvolle Hidalgo Don Quijote von der Mancha“, von Miguel de Cervantes Saavedra aus dem Jahr 1605. In vielerlei Hinsicht zählt dieser Roman (aus dem goldenen Zeitalter der spanischen Literatur) zum ersten modernen Roman der Kulturgeschichte. Das liegt vor allem am zweiten Teil, den Cervantes 1615 herausbrachte. Denn ein Jahr zuvor hatte ein gewisser Avellaneda (Pseudonym) eine apokryphe Fortsetzung geschrieben, eher plump und einförmig. Cervantes reagierte darauf besonders raffiniert indem er nicht nur den Handlungsstrang der Fälschung aufgreift, sondern auch die Figuren aus der Fälschung mit dem originalen Don Quijote und Sancho Pansa konfrontiert. Während in der Fälschung von Avellaneda Don Quijote von dem Edelmann Don Alvaro Tarfe ins Irrenhaus eingesperrt wird, konfrontiert ihn Cervantes mit dem „wirklichen“ Don Quijote, Tarfe ist irritiert und muss bekennen, dass er nun dem tatsächlich wirklichen Ritter begegnete und er eine Fälschung ins Irrenhaus brachte. Und auch Sancho, muss Don Alvaro Tarfe bekennen, ist viel geistreicher, als in der  Fälschung von Avellaneda.

So wurde der zweite Teil  des Don Quijote nur deshalb so geschrieben, weil es eine Fälschung gab und die Figuren treten aus dem Roman in die Wirklichkeit. Im zweiten Teil begegnen dem komischen Paar viele Leute, die den ersten Teil schon gelesen haben. Die Figuren im Roman haben also ein heterodiegetisches Wissen über den ersten Teil des Romans. Und es wird so eindeutig, dass die Fortsetzung des Avallaneda unwahr war. Das ist in der Tat verwirrend.

Die Stimmen zu diesem Werk sind unendlich und man könnte mehrere Semester mit diesem Werk füllen. Was soll ich Ihnen also sagen zu diesem Roman, der sich nicht nur in die Literaturgeschichte, sondern überhaupt in unsere Geschichte so intensiv eingeschrieben hat?

Ist es der Humor darin, dass ein einfacher Hidalgo sich nach übermäßiger Ritterlektüre selbst zum Don erklärt? Alonso Quijano, ein Sohn von etwas (Hidalgo) nennt sich Don Quijote, was sich auf die ledernen Beinschienen bezieht, also Don Diechling, oder Don Kniebuckel. Sein Gehirn ist eingetrocknet von der Lektüre vieler Ritterromane, die zu dieser Zeit als Cervantes den Roman schrieb, bereits ihre Blütezeit weit überschritten hatten. Daher war es auch möglich, diese Parodie anzubringen. Der Text ist voll mit den Zitaten aus dem Sagenkreis des König Artus, den zwölf Paladinen des Roland oder des Ritter Cifar und vor allem Amadis de Gaula, einer Serie von Ritterromanen, eine Urfassung von Vasco de Lobeira ist nicht erhalten, die älteste Bearbeitung auf die sich auch Cervantes bezieht stammt von  Garci Rodríguez de Montalvo der selbst Ritter der Reconquista war, lebte von 1440 bis 1504, stammt aus Zentralspanien und war im Dienste der katholischen Könige

Als Katholische Könige bezeichnet man die spanischen Monarchen Königin Isabella I. von Kastilien (1451–1504) und König Ferdinand II. von Aragón (1452–1516), der als Ferdinand V. auch König von Kastilien war. Der Herrschertitel Reyes Católicos wurde ihnen im Jahr 1496 von Papst Alexander VI. verliehen.

Selbst Goethe hatte den Amadis gelesen:

„Ich habe vor Langerweile allerley gelesen, z. B. den Amadis von Gallien. Es ist doch eine Schande, daß man so alt wird, ohne ein so vorzügliches Werk anders als aus dem Munde der Parodisten gekannt zu haben.“

Eine Bücherliste der Bibliothek von Alonso Quijano wird uns im 6. Kapitel des ersten Bandes vorgestellt, und dabei wird eine Auswahl getroffen, was verbrannt und was erhaltenswert ist. Auch hier kommt es zu einem Bruch mit der herkömmlichen Literatur, wird dort doch vom Autor selbst ein eigenes Buch erwähnt, die La Galatea, ein Hirtenroman von Cervantes.

Nach antikem Vorbild spielt die novela pastoril im verklärten Niemandsland Arkadiens. Sie gründet nicht auf einem Programm der Wunscherfüllung, sondern auf Verzicht. Die novela pastoril kultiviert Passivität und Leiden an Stelle heroischer Taten. Verantwortlich für das Leiden ist die unglückliche, weil unerwiderte Liebe zu einer adeligen Frau. In der ganz als idyllischer locus amoenus gestalteten Natur, in der sich die Schäfer versammeln, scheinen alle sozialen Konflikte völlig beseitigt und lediglich die unterschiedliche Verteilung von Affekten scheint für Ungleichheit zu sorgen.

Cervantes legte mit La Galatea im Jahre 1585 einen weiteren Meilenstein dieser Gattung. Gemäß der Logik des Prinzips in Arcadia ego, haben Kritiker manifestiert, dass die Schäfererzählung nicht komplett frei von emotionalen Erschütterungen ist. Die Protagonisten, die sich anfangs nach dem Schema des Arkadientypos richten, nehmen mit zunehmender Zeit durch einige Begebenheiten einen menschlichen Charakter an.
 Insofern erwähnenswert, da der traurige Ritter am Ende des zweiten Teils seine Rüstung ablegt und zum Hirten wird, also in eine ganz andere Rolle schlüpft, ehe er zurückgezogen stirbt.

Spaniens goldenes Zeitalter

Anfang des 16. Jahrhunderts hat Spanien den Höhepunkt seiner Macht erreicht. Der Titel Karls V, in dessen Reich nach Eroberung der amerikanischen Kolonien 1492 die Sonne niemals unterging, lautete: Römisch-deutscher König, Erwählter Römischer Kaiser, Mehrer des Reiches, König von Spanien, Sizilien, Jerusalem, der Balearen, der kanarischen und indianischen Inseln sowie des Festlandes jenseits des Ozeans, Steier, Kärnten, Krain, Luxemburg, Limburg, Athen und Nepatria, Graf von Habsburg, Flandern, Tirol, in Schwaben, Herr in Asien und Afrika.

Doch 1556 kommt mit Philipp II ein strenger Katholik an die Stelle eines weltoffenen Reisenden. In dieser Periode kommt es zu Vertreibungen, zu Inquisitionen.  Philipp hat es mit den Gegenkräften der Reformation zu tun, mit den Niederlanden, mit der aufsteigenden Macht Englands, Doch 1580 kommt es zur bekannten Reunion, zur Annektierung des in der Zeitschiene des Elefanten Salomon (König Johann I schenkte dem Nachfolger Karls IV einen Elefanten zu dessen Hochzeit, dieser wurde 1552 nach Wien überführt) noch unabhängigen Portugals.

Zuvor, bereits 1568 kam es zu einem Aufstand der Morisken, Moslems die zum katholischen Glauben konvertiert waren, dieser wurde massiv unterbunden.  Viele Morisken siedeln in die Weiten der Mancha (dem Ort des Don Quijote).

Sie bauen dieses Ackergebiet auf, es werden blühende Landschaften. Doch der katholische Dogmatismus und das türkische Schreckgespenst führen zu einem Klima der Intoleranz gegenüber der Morisken. Diese greifen zu einer List. 1588 findet man in den Ruinen der Hauptmoschee von Granada die so genannten Bleibücher von Sacramonte. In diesen Schriften wird bewiesen, dass es schon vor dem Einfall der Sarazenen im 8. Jahrhundert, arabische Christen auf der iberischen Halbinsel gegeben habe. In den Büchern ist in mehreren Sprachen (arabisch, lateinisch, griechisch) in großer Gelehrsamkeit auch über biblische Legenden die Rede. So käme die katholische Herrschaft in einen Konflikt, würde man weiter gegen die Morisken vorgehen. Außerdem „prophezeien“ die Schriften die Ankunft des Propheten Mohammed und auch Martin Luthers sowie ihre eigene Auffindung, womit sie dem Bischof von Granada schmeicheln wollen.  Islam und Protestantismus wird hier einander angenähert. Erst im 17. Jahrhundert werden die Schriften vom Vatikan als Fälschung angesehen. Im Jahr 2000 wurden die Bleibücher unter Leitung von Kardinal Ratzinger an Granada zurückgegeben.

Cervantes trägt diesen Diskussionen um die Bleibücher augenzwinkernd Rechnung, indem er den Don Quijote einem arabischen Historiographen in den Mund legt und am Ende des ersten Teils Fragmente einer Fortsetzung in Bleischatullen zu Tage fördert. Auch dies ist ein Beleg für Modernität des Romans, da die Autoreferenzialität des Textes mehrere beglaubigte Autoren zu haben scheint.

Dennoch kommt es zur Vertreibung von über 300.000 Morisken, was für Spaniens Wirtschaft schon bedeutend war. Der Adel war nicht glücklich darüber, da sie in Zukunft auf die Steuereinnahmen und auf die wertvollen Arbeitskräfte verzichten mussten. Spanien verlor ein Viertel seiner Bevölkerung auf diese Weise.

Kardinal Richelieu bezeichnete diese Vertreibung als die tollkünste, barbarischste Maßnahme, die die Geschichte bisher erlebt habe. Cervantes wird dieses Vorgehen auf seine Weise im Don Quijote kommentieren. Da offene Kritik nicht gebilligt wurde, wählt er den entgegengesetzten Weg: die begeisterte Zustimmung. Doch indem er sie ausgerechnet dem braven christlichen Morisken Ricote in den Mund legt, wird die Kluft zwischen blindem Dogmatismus und individuellem Schicksal nur umso deutlicher. Thomas Mann sagt dazu in Meerfahrt mit Don Quijote (1934, Th. Mann hatte den Quijote als Reiselektüre bei seiner Überfahrt nach Amerika dabei): „Das Herz des Dichters, das im zweiten Teil von Ricotes Rede zum Ausdruck kommt, spricht eine überzeugendere Sprache als seine vorsichtig unterwürfige Zunge.“

Im Don Quijote von 1615 ziehen Ritter und Knappe durch ein Spanien im Verfall. Die Mancha ist entvölkert, die Adligen leben in Verschwendung und Faulheit und suchen nur das Vergnügen, wie das herzogspaar, das mit Don Quijote und Sancho seine Späße treibt, um der Langeweile zu entkommen, dem ennui der Dekadenten. Sie ergötzen sich an Ritterromanen, da die eigene ritterliche Vergangenheit bereits lange zurückliegt. Jetzt wird der Krieg nur noch gespielt, sei es bei Turnieren oder auf der Jagd, die der Herzog Sancho wärmstens empfiehlt, da sie so gut auf den Krieg vorbereite, den die Adligen doch längst an das Berufsheer abgetreten haben.

Cervantes selbst

„Den ihr hier seht, mit adlerartigem Gesicht, mit hellbraunen Haar, glatter, heiterer Stirn, fröhlichen Augen und gekrümmter, jedoch wohlgeformter Nase, silbernem Bart, der noch vor zwanzig Jahren golden war, großem Schnurrbart, kleinem Mund, mit weder winzig noch üppig gewachsenen Zähnen, denn er besitzt nur mehr sechs, schlecht beschaffen und noch schlechter verteilt, da zwischen ihnen Lücken klaffen; der Wuchs des Leibes in der goldenen Mitte, weder groß noch klein, von eher heller Haut als dunkler, ein wenig gebeugt und nicht sehr flink zu Fuß“

Dieses Selbstportrait ist zuverlässiger als mögliche Bilder. Denn es gibt von Cervantes keine beglaubigte Bilddarstellung. Cervantes wird 1547 in Alcala de henares geboren, einer ehemaligen maurischen Festung dreißig Kilometer von Madrid entfernt, die im 16. Jahrhundert eine Hochburg der Bildung war.

Mit 21 Jahren schreibt er Gedichte zum Tod der dritten Frau Philipps II. doch die Autorenkarriere wird wohl unterbrochen durch ein missglücktes Duell und Cervantes flieht nach Rom. Ein Jahr als Kammerdiener eines Kardinals, danach wird er mit seinem Bruder Rodrigo Soldat und nimmt auch an der berühmten Schlacht  von Lepanto gegen die Türken teil. Dabei wird er schwer verletzt und verliert die Beweglichkeit seiner linken Hand: El Manco  de Lepanto nennt man ihn zukünftig. Der Autor der Fälschung Avellaneda beschimpft Cervantes in seiner Vorrede als einhändigen, verbitterten alten Mann.  Cervantes antwortet in seiner Vorrede darauf elegant, dass er ein Soldat war, ein Ritter, der noch an etwas glaubte.

Schließlich gerät Cervantes in eine fünfjährige Gefangenschaft in Algier, erst 1580 kommt er frei (seine Familie hatte lange nicht das Lösegeld dazu). In Madrid versucht er wieder Fuß zu fassen in der Literatur. Doch der fünfzehn Jahre jüngere Konkurrenz Lope de Vega ist dort schon so etabliert, dass Cervantes Mühe hat. Sein Schäferroman La Galatea erscheint 1585. Galatea soll an einen portugiesischen Schäfer verheiratet werden. Hier greift Cervantes bereits kritisch die Eroberung Portugals auf.

Cervantes bewirbt sich für ein Amt in den Kolonien, wird aber nicht genommen. Man macht ihn zum Steuereintreiber und dabei lernt er wohl die Gegend kennen, die später sein berühmter Ritter bereisen wird, die Mancha. Dabei gerät er einmal sogar in Schuldhaft. Doch er wird nach ein paar Monaten wieder frei gelassen. Es ist eine Legende, er habe dort den Don Quijote geschrieben. Aber die Idee mag hier wohl entstanden sein.

1603 spitzt sich die Feindschaft zwischen Cervantes und Lope de Vega zu. „Keiner ist so schlecht wie Cervantes oder so dumm, dass er den Don Quijote loben würde“ behauptete Lope de Vega später, und schickt ihm auch noch per Nachporto ein Sonett zu, indem er ihn beleidigt und beschimpft. Cervantes meinte daraufhin, dass er nie wieder für den Empfang eines Briefes bezahlen würde, seit dieser Erfahrung.

Am 23. April 1616 stirbt Cervantes verarmt in Madrid. Es ist das gleiche Todesdatum, das auch Shakespeare hatte. Doch der Wermutstropfen für diese schöne Koinzidenz: im Jahr 1582 veröffentlichte Papst Gregor XIII. eine Bulle, die alle verpflichten sollte, den korrigierten gregorianischen Kalender einzuführen um am 04. Oktober 1582 sollten zehn Tage übersprungen werden. Denn der julianische Kalender hinkte zehn Tage hinterher. Nur die anglikanischen Briten akzeptieren diese Reform nicht. Daher starb Shakespeare wohl zehn Tage früher als Cervantes.

Die spanische Regierung opferte 2014 über 12 Millionen Euro um seine Knochen in einem verwaisten Madrider Trinitarier-Kloster ausgraben zu lassen. Seine linke, gelähmte Hand wäre der schlagende Beweis, dass er dort beerdigt worden war.

Der Ritter von der traurigen Gestalt (wie er sich selbst nach seiner ersten Niederlage nannte) ist ein Held, ein Mann, der sein Ideal über die Realität stellte und für seine Moral riskierte, sich lächerlich zu machen. Es ist wahrlich traurig, dass wir über ihn und seinen hoffnungslosen Kampf gegen Windmühlen heute noch lachen. Cervantes schuf eine Figur die aus der Schrift, dem Text, dem Gedanken heraustrat und mit allem Risiko in die Wirklichkeit übertrat. Dafür gebührt dem Spanier alle Ehre und unser aller Respekt.

 

Eine verfahrene Situation

Wenn die Menschheit als Ganzes träumen könnte, müßte Moosbrugger entstehen.
(Robert Musil)

 

In Kapitel 74 Band I des berühmt-berüchtigten Romans „Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil bekommt die Hauptfigur Ulrich einen Brief von seinem Vater. Die Kapitelüberschrift Das 4. Jahrhundert v. Chris. Gegen das Jahr 1797 verweist auf zwei Moralkonzepte. Einerseits die nikomachische Ethik von Aristoteles (aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert) und andererseits auf die Metaphysik der Sitten von Immanuel Kant aus dem Jahr 1797.
Ulrich erhält abermals einen Brief von seinem Vater ist der zweite Satz der Kapitelüberschrift. Dort bittet er Ulrich, ein Wort bei Graf Leinsdorf einzulegen, dass eine bestimmte Aufweichung der Rechtsauffassung nicht in das Jubiläumsjahr (bezieht sich auf das 70jährige Dienstjubiläum von Kaiser Franz-Joseph I des Kaiserreichs Österreich-Ungarn – k.u.k genannt und von Musil scherzhaft als „Kakanien“ tituliert) falle. Die Welt schreibt Ulrichs Vater in dem Brief zerrisse, wenn alles als wahr gelten dürfte, was dafür gehalten wird, und jeder Wille als erlaubt, der sich selbst so vorkommt. Es ist darum unser aller Pflicht, die eine Wahrheit und den rechten Willen festzustellen und, soweit uns dies gelungen ist, mit unerbittlichem Pflichtbewußtsein darüber zu wachen, daß es auch in der klaren Form wissenschaftlicher Anschauung niedergelegt werde.
Die Frage um die es dort geht bezieht sich natürlich auf den Fall Moosbrugger und der Frage der Zurechnungsfähigkeit. Moosbrugger war ein verurteilter Frauenmörder über dessen psychische Zurechnungsfähigkeit und damit Verantwortlichkeit für seine Taten im Kaiserreich keine Einigung herrschte. Musil bezieht sich in seinem großen Werk auf die reale Figur des Zimmermanns Christian Voigt, der zunächst zum Tode verurteilt und später vom Kaiser begnadigt wurde. Auch Karl Kraus widmete diesem Fall einen längeren Bericht aus dem Gerichtssaal (Die Polizei hierzulande. Aus: Die Fackel, Nr. 334-335, 31. Oktober 1911).

 Der Mörder Voigt bezeichnete sich dort selbst zunächst als zurechnungsfähig und vernünftig. Als man ihn aber zum Tode verurteilt, sagt er vor dem Gericht: „Ich bin damit zufrieden, wenn ich Ihnen auch gestehen muß, daß Sie einen Irrsinnigen verurteilt haben!“ So sieht sich der Mörder selbst als verrückt und zeigt zugleich eine Einsichtsfähigkeit, die seine Verrücktheit damit ausschließt, denn Kennzeichen einer Psychose ist meist die fehlende Krankheitseinsicht. Musil schreibt dazu: Das war eine Inkonsequenz; aber Ulrich saß atemlos. Das war deutlich Irrsinn, und ebenso deutlich bloß ein verzerrter Zusammenhang unsrer eignen Elemente des Seins.

 Ulrichs Vater in Musils Roman hat einen Streit mit seinem Kollegen Professor Schwung. Dort geht es um sehr feine Formulierungen der verminderten Straffähigkeit. Bis heute haben wir gerade im Umgang mit Sexualstraftätern keine abschließend befriedigende Rechtspraxis. Ulrichs Vater und Professor Schwung streiten in dem Kapitel um ein einziges Adverb.
Die Version des Vaters lautet: Eine strafbare Handlung ist dann nicht vorhanden, wenn der Täter zur Zeit der Begehung der Handlung sich in einem Zustand von Bewußtlosigkeit oder krankhafter Störung der Geistestätigkeit befand, so daß er nicht die Fähigkeit besaß, das Unrecht seiner Handlung einzusehn, und seine freie Willensbestimmung ausgeschlossen war.

Professor Schwung kritisiert hier das „und“ und will dafür ein „oder“  stehen haben. Und das ist sehr fein beobachtet. Ist unser Denken im Wollen bestimmt oder unser Wollen im Denken? Es war Kant in der „Metaphysik der Sitten“ (erschienen eben 1797) der letzteres behauptete und damit der seit zweieinhalbtausend Jahren geltenden Auffassung von Aristoteles widersprach, nach der unser Logos (unser Verstand) den Willen beherrscht. Und klar, wenn der Wille vom Logos beherrscht werden kann, ist er nicht frei. Ein freier Wille wäre somit sogar eine Form des Geisteszerfalls. 

Daher ist Ulrichs Vater aufgebracht, denn er ist der Überzeugung, dass Willensentscheidungen auf logischer Grundlage gebildet werden und der Zerfall der Geistestätigkeit automatisch auch die Willensbestimmung ausschließt. Schwung amüsiert sich darüber. Denn dann wäre es so, dass jemand frei kommt, wenn er rein logisch richtig gehandelt hätte. Wenn die Wahnvorstellungen bestimmte Umstände annehmen mit der man die Handlung rein logisch rechtfertigen kann (man zwar einen Wahn hat, aber innerhalb der Wahnfiktion vernünftig denkt), dann hätte man ja – nach dieser Vorstellung - korrekt gehandelt, wenn man die Fähigkeit, das Unrecht einzusehn, zur Grundlage nimmt, eine Person, welche, wie es vorkommt, an besonders gearteten Wahnvorstellungen leidet, sonst aber gesund ist, nur dann wegen Geisteskrankheit freigesprochen werden dürfte, wenn sich nachweisen ließe, daß sie infolge ihrer besonderen Wahnvorstellungen das Vorhandensein von Umständen annahm, welche ihre Handlung rechtfertigen oder deren Strafbarkeit aufheben würden, so daß sie sich also in einer wenn auch falsch vorgestellten Welt doch korrekt benommen hätte.

Mehr intellektueller Witz ist mir kaum vorstellbar. Zumal damit noch nicht genug, antwortet Ulrichs Vater darauf, dass die Zustände der Zurechnungsfähigkeit und der Unzurechnungsfähigkeit nicht gleichzeitig bestehen können. Sie sind bei einem teilweise gesunden Menschen im schnellen Wechsel vorhanden. Nun muss man genau feststellen, in welchem Zustand sich der Mensch befand zur Tatzeit. Aber da müsste man ja nun die ganzen Ursachen ab der Geburt, ja sogar noch die Vorfahren mit einbeziehen. Das klingt unmöglich. Aber es ist genau das, was Immanuel Kant in seiner „Metaphysik der Sitten“ forderte. Kant postuliert das angeborene Recht jedes Menschen auf Freiheit. Nach seiner Auffassung ist es Aufgabe des Rechts, die Ausübung der individuellen Freiheit der Einzelnen mit der Freiheit von jedermann nach einem allgemeinen Gesetz in Übereinstimmung zu bringen. Solange wir im Grunde frei sind, antwortet daher Professor Schwung in dem amüsanten Text von Robert Musil, solange wir im Grunde frei sind, sind wir es auch den einzelnen Gründen nach. Wir wüßten, …, mit weit mehr Deutlichkeit, daß unser Wille frei sei, als daß alles, was geschieht, eine Ursache habe, und solange wir im Grunde frei seien, seien wir es auch den einzelnen Gründen nach, weshalb man annehmen müsse, daß es in solchem Fall nur einer besonderen Anspannung der Willenskraft bedürfe, um den ursächlich bedingten verbrecherischen Antrieben zu widerstehn.

Aus diesem Dilemma kommt man nicht heraus. Nach Arthur Schopenhauer ist unser Wille begründend. Wir können nicht wollen, was wir wollen. Dann wäre die Wahl die wir treffen nicht mehr frei. Außer wir setzen diesem unsere Vernunft entgegen und kontrollieren diese Bestie. Auch dann ist unser Wille nicht frei, sondern vom Bildungsgrad, der Erziehung und der jeweiligen Sozialisation (Aristoteles nannte das Hexis, lateinisch Habitus) abhängig.

Es ist im Grunde das, worum es dem Vater von Ulrich in diesem Brief geht. Kontrolle ist jetzt aber so eine Sache. Denn sie ist ein weiteres Attribut unseres Willens. Denn wie sollte ich – ohne Willenskraft aufzuwenden – den Willen kontrollieren können? Das ist ein Widerspruch. In einer immer komplizierter werdenden Welt benötigt man eine geradezu heldenhafte Entscheidungskompetenz die auch noch einen kaum mehr zu bewältigenden Grad an Informiertheit impliziert. Und in Musils Roman geht es genau darum. Es ist ein Schlüsselroman der Industrialisierung die mit der Gründerzeit begann. Der andere Widerspruch liegt im Attribut der Urheberschaft. Um eine freie Willensentscheidung treffen zu können bin ich mir selbst mein Grund. Niemand sonst trifft für mich die Entscheidung. Doch das würde die Welt zerreißen, wie das Ulrichs Vater zu Beginn des Kapitels befürchtet. Denn wie sollen Gesetze aussehen, wenn jeder tun kann was er will? Das Staatsrecht bei Kant dient der Herausbildung einer staatlichen Ordnung, in der der Souverän – das Volk – Freiheit und Gleichheit aller Staatsbürger gewährleistet. Diese Form der Autonomie, des einzig Guten bei Kant (der gute Wille im Gegensatz zum Streben nach Glückseligkeit bei Aristoteles) spalten das auf.

So gilt der gute Wille mehr als der vernünftige Zweck. Und ein Irrer kann Gutes tun, wenn er Gutes tun will. Ein kluger Mensch würde immer Gutes tun, das verlangt seine Klugheit, so sieht es Aristoteles. Alles andere wäre schlicht unklug. Wenn er es nicht tut, dann bleibt ihm zwar noch der gute Wille, aber ihm fehlt das Verständnis zum Guten. Handeln wird zufällig. Für Kant gibt es keine letzte und allgemeingültige Bestimmung des Guten. Das Gute in seiner Bestimmung ist immer subjektiv. Das Subjekt erschließt sich dabei ein Wahrnehmungsfeld, das es als gut interpretiert. Dabei ist das Subjekt von den moralischen Normen der Gesellschaft beeinflusst und muss sich beständig von diesen Normen emanzipieren. Verweigert das Subjekt diese Arbeit, verfällt das Gute, verkommt das Gute. Das ist die eine Schwäche des Wahrnehmungsverweigerers. Die andere Schwäche ist es, dass das Wahrnehmungsfeld des Subjekts sich verkleinert, wenn die Arbeit nicht geleistet wird. Dann erkennt man das Gute nicht mehr, obwohl es deutlich vor den eigenen Augen steht. Nur noch die Phrase, die Banalität (um mit Hanna Ahrend zu reden) wird wahrgenommen.  Das Gute ist daher ein Arbeitsprojekt. Und die Arbeitsmoral ist die Aufklärung. Dagegen haben Adorno und Horkheimer ihre „Dialektik der Aufklärung“ gerichtet, in der die Aufklärung selbst wieder ihre eigenen verdrehten Mythen erzeugt und man bräuchte eine Aufklärung der Aufklärung. Ad infinitum – ad nauseam.

In unserer Rechtsprechung StGB § 21 heißt es „Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder wegen einer Intelligenzminderung oder einer schweren anderen seelischen Störung unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln“
Damit hat sich Professor Schwung und Immanuel Kant durchgesetzt.

Die rechtliche Konstruktion der Willensfreiheit definiert dabei eine Person als willensfrei, die eine Wahl hat zwischen zwei oder mehr Alternativen. Sie müsste also auch anders handeln können, als sie tatsächlich handelt. Die Bedingung des Anders-Handeln- oder Anders-Entscheiden-Könnens seien hier mal zurückgestellt. Die getroffene Wahl muss ausdrücklich von der Person selbst abhängen. Dies nennt man die Urheberschaftsbedingung. Wie die Person handelt oder entscheidet, muss ihrer Kontrolle unterliegen. Diese Kontrolle darf nicht durch Zwang ausgeschlossen sein. Das nennt man die Kontrollbedingung. Also muss für die Person die Handlung offen sein, und die Person soll Urheberschaft sowie die Kontrolle über die Handlung  inne haben. Das sind die drei Bedingungen der Willensfreiheit. Eine Person ist in ihrem Wollen frei, wenn sie die Fähigkeit hat, ihren Willen zu bestimmen, zu bestimmen, welche Motive, Wünsche und Überzeugungen handlungswirksam werden sollen. Innerer Zwang (psychische Erkrankung) und äußerer Zwang (Androhung von Gewalt) unterliegen äußerst fragilen Vorstellungen. Sollte eine langjährige durch Gewalt orientierte Erziehung meine Willensfreiheit einschränken, muss in einem enormen Aufwand geklärt werden und lässt sich vermutlich nie klären, weil hier unterschiedliche normative Einstellungen von Gesellschaft und Subjekt ein höchst diverses Konglomerat bilden. Die eigene Urheberschaft seines Wollens hat der Fall Moosbrugger (real Christian Voigt) ins Absurde geführt. Sie haben einen Irrsinnigen verurteilt. Und unsere Wahlfreiheit wird derart intensiv  von äußeren und auch inneren Bedingungen mitgeprägt, dass das eigene Wollen im Sinne Schopenhauers nicht mehr hinterfragbar ist ohne dabei in einen unendlichen Regress zu verfallen.
So oft ich über dieses kleine nur vier Seiten umfassende Kapitel aus Musils Roman auch nachdachte: ich kam und komme zu keinem endgültigen Schluss. Ebenso wenig wie es der Hauptfigur des Romans Ulrich gelang.
Zwei Fiktionen bilden bis heute den Rahmen unserer Rechtspraxis: Die Fiktion von der ganzen Person und die Fiktion wir könnten die Komplexität eines Tathergangs vollständig entschlüsseln. So wird aus dem Bedürfnis nach Gerechtigkeit eine legalistische Erzählung, deren Anspruch auf Ordnung größer ist, als der Anspruch auf Wahrheit.
Und so könnte man – wenn man einen Pitch wagen wollte für MoE – den Jahrhundertroman von Musil auf den Punkt bringen: Der Anspruch auf Ordnung ist größer als der Anspruch auf Wahrheit. Damit hat Musil nicht nur einen Schlüsselroman der klassischen Moderne geschrieben, sondern damit bereits die Postmoderne eingeläutet. Daher scheiterte der Roman naturgemäß an sich selbst, weil er die große Erzählung aus sich selbst gar nicht mehr stemmen konnte und die Vernunft sich auf manieriert barocke Weise als Curiositas entpuppte.

 

 

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