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Eine Übung pro Monat

 

Schreibübung März 2026

 

 

Kurzprosa 10: Die Geschichte mit wechselnden Zeitebenen


 

Noch eine dramaturgische Gestaltungsmöglichkeit für klassische Kurzgeschichten: Die Geschichte mit wechselnden Zeitebenen.

Normalerweise wird die klassische Kurzgeschichte als Geschichte des zentralen Ereignisses oder der einfachen Chronologie linear durcherzählt. Es gibt keine Rückblenden, keine Umstellungen von Handlungen - das Geschehen wird so erzählt, wie es die Handlung vorgibt. Da Kurzgeschichten meistens kurz sind, bleibt ja auch nicht viel Raum für Umstellungen.

 

Bei der Geschichte mit wechselnden Zeitebenen wird der Erzählablauf umgestellt, damit sie spannender wird. Das kann nötig sein, wenn am Anfang dem Leser viele Informationen mitgeteilt werden müssen, damit er die Geschichte versteht. Erzählpartien aus dem hinteren Teil der Geschichte werden nach vorne verlegt, indem sie stückweise in den ersten Teil der Geschichte eingeflochten werden.

 

Und so geht man vor:

In einem ersten Schritt wird die Geschichte in etwa zwei gleich große Hälften geteilt.

Dann wird die zweite Hälfte in einzelne Teile unterteilt und in den ersten Teil der Geschichte stückweise eingefügt.

 

Dadurch beginnt, wie oben erwähnt, die Geschichte für den Leser in der Mitte der

Handlung. Da hat sie aller Voraussicht nach schon ein höheres Spannungsniveau.

Die Vorinformationen vom Anfang der Geschichte werden Stück für Stück nachgetragen, unterbrechen die laufende Handlung, erhöhen dadurch gleichzeitig die Spannung.

Außerdem bekommt der Leser notwendige Informationen zum Verständnis der Geschichte nur stückweise und auch nicht sofort geliefert.

Das funktioniert am besten, wenn sich bei der Lektüre der Elemente des zweiten Teils immer wieder Fragen ergeben, die der Leser beantwortet haben muss, um die Geschichte in ihrem Fortgang zu verstehen. Diese Frage wird dann jeweils mit einer Passage aus dem ersten Teil beantwortet, so dass mit zunehmender Spannung der Leser gerne auf die Einschübe verzichten würde, um weiterzukommen, es aber nicht kann, da er die eingeschobenen Informationen

zum Verständnis braucht. Zugegeben: Das erfordert Planungsaufwand – aber auf diese Weise werden Kurzgeschichten feine Gewebe, die durch ihren Bau ihre verblüffende Wirkung entfalten.

 

Der Wechsel zwischen den Zeitebenen wird nicht durch verschiedene Tempi markiert: Beide Zeitebenen stehen in Vergangenheit oder Gegenwart. Im Grunde ist es ja eine Erzählung, deren einzelne Teile nur umgestellt wurden.

Es ist selten der Fall, dass man von Anfang an plant, eine Geschichte mit einer derartigen Struktur zu schreiben. Wenn man jedoch merkt, dass der erste Entwurf der Geschichte Längen hat, dann ist zu überlegen, ob man durch diese Umstellungen die Geschichte spannender erzählen kann.

Auch in dieser Bauform ist die Einheit von Ort und Zeit verwirklicht. Der Eindruck beim Leser ist knapp und kompakt. Die Pointe am Ende kann auch durch einen letzten Wechsel der Zeitebenen

realisiert werden. Besonders dann, wenn es gelingt, vor dem letzten Wechsel noch eine Information unterzubringen, die das ganze Geschehen in ein anderes Licht taucht.

 

Hier ein einfaches Beispiel:

 

Der Ablauf als Geschichte mit einfacher Chronologie:

 

- Man sieht die Familie am Nachmittag im Wald

- Die Familie sammelt im Wald Pilze.

- Ein Familienmitglied versteckt einen Pilz unter den

bereits gesammelten Pilzen.

- Die älteste Tochter bereitet die Pilze für das Abendessen zu.

Abendessen in einer Familie. Es wird über das Erbe geredet.

- Ein Verwandter ist verstorben, ein wohlhabenden Bruder des Vaters.

- Ein Familienmitglied ist jedoch vom Erbe ausgeschlossen.

- Man fragt sich, wo eigentlich die älteste Tochter ist, aber die will nichts essen, weil sie sich krank fühlt.

- Während gegessen wird, beschließt man, dass die älteste Tochter doch am Erbe beteiligt werden soll und man sich gemeinsam dafür einsetzen will.

 

Hier nun das Ganze als Geschichte mit wechselnden Zeitebenen:

 

- Abendessen in einer Familie. Es wird über das Erbe geredet.

 

Einschub 1: Man sieht die Familie am Nachmittag im Wald

 

- Weiter geht es im Gespräch beim Abendessen um den verstorbenen Verwandten, einen wohlhabenden Bruder des Vaters.

 

Einschub 2: Die Familie sammelt im Wald Pilze.

 

- Beim Abendessen wird davon geredet, dass ein Familienmitglied

vom Erbe ausgeschlossen ist.

 

Einschub 3: Ein Familienmitglied versteckt einen Pilz unter den

bereits gesammelten Pilzen.

 

- Beim Abendessen wird davon gesprochen, dass die älteste Tochter nichts essen will, weil sie sich krank fühlt.

 

Einschub 4: Die älteste Tochter bereitet die Pilze zu.

 

- Beim Abendessen wird davon geredet, dass die älteste Tochter doch am Erbe beteiligt werden soll und man sich gemeinsam dafür einsetzen will.

 

(aus dem Buch „Kurzprosa schreiben: klassisch – modern – experimentell“ von Arwed Vogel, Allitera-Verlag, März 2026. https://allitera-verlag.de/buch/kurzprosa-schreiben/

 

Keine besondere Sache, aber man sieht, dass die Informationsverteilung auf zwei Ebenen die Spannung erhöht, da man schnell weiß, was passieren wird, und gleichzeitig die relevanten Informationen verspätet erhält.

 

 

Übung:

 

Schreiben Sie die Handlung einer Geschichte auf, die Sie in Ihrem persönlichen Alltag erlebt haben. Es kann eine Anekdote sein, muss aber keine Pointe haben. Nur sollten nicht zu viele handelnde Figuren und Handlungselemente auftreten.

Versuchen Sie dann als Experiment mit der Dramaturgie des Textes zu

spielen.

Erzählen Sie den Text zuerst als Geschichte der einfachen Chronologie.

Dann zerlegen Sie die Geschichte in einzelne Teile und fügen Sie diese

wieder nach dem Muster der Geschichte mit wechselnden Zeitebenen

zusammen.

Viel Erfolg

 

 

Arwed Vogel

 

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