Literaturprojekt
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Eine Übung pro Monat

 

Schreibübung Juni 2017

 

 

Raumbeschreibung durch Geräusche

 

 

Sinnliche Wahrnehmungen sind wichtig für einen literarischen Text. Wenn man beschreibt, was man sehen, hören, riechen, schmecken und tasten kann, dann hat der Leser sinnliche Eindrücke und kann sich über diese Beschreibungen mit der Figur, dem Ort, der Handlung identifizieren. Sinnliche Eindrücke sind universell und zeitlos, können unabhängig von der Kultur und der Belesenheit des Lesers verstanden werden.

 

Viele Texte beschränken sich jedoch darauf zu beschreiben, was man sieht und vernachlässigen die anderen Sinne. Das führt dazu, dass Texte sinnlich stumm erzählt werden. Die mehrdimensionale Tiefe der Beschreibung entsteht aber nur, wenn wir andere Sinneseindrücke wie Geräusche und Gerüche aufnehmen.

 

Dabei spielen Geräusche eine besondere Rolle in der Raumwahrnehmung. In den Kursen haben wir immer wieder in literarischen Experimenten gezeigt, dass durch präzises Darstellung von Geräuschen, Klängen genau lokalisierbare Orte anschaulich gezeigt werden. Im folgenden Text wird die nächtliche Hitze einer arabischen Stadt beschrieben:

 

Es ist der Ventilator.

Oder es ist irgendjemand, der in die Hände klatscht, nach den Takten dieser Musik, die noch immer so tief in den Poren sitzt, dass sie auch in der Nacht nicht ausgeschwitzt werden kann.

Es ist der Ventilator, der sich dreht, der an irgendetwas schleift.

Niemand klatscht in die Hände. Man kann einem Ventilator nicht böse sein. Man kann den Ventilator schneller rotieren lassen, um das Schleifen nicht zu hören.

Drei Stockwerke tiefer sitzen Männer im Hinterhof zwischen gelben Toyotas. Rotiert der Ventialtor schneller beginnt er zu knattern, wie Hubschrauber knattern.

Fährt der Laster in den Hinterhof hört man den Ventilator nicht mehr. Auch nicht die Stimmen der Araber aus dem Nebenzimmer, die ich höre, wie ich sie hörte, bevor ich bat, die Luke zu schließen, die unsere Zimmer verbindet.

Ist der Laster fort, hört man Schaufeln den Sand bewegen, den der Laster gebracht hat. Hört man die Schaufeln nicht mehr, dann hört man die Männer zwischen den Toyotas singen, bis der Laster wiederkommt.

 

Es gibt verschiedene Arten von Geräuschen: Grundgeräusche (Wind, Regen), Signallaute (Sirenen, Glocken) und Orientierungslaute (Klaviergeklimper, Baustellenlärm).

 

Um eine intensive Beschreibung zu erzeugen, muss man die Geräusche jedoch komponieren. Sie unterscheiden sich in

 

  • Lautstärke

  • Dauer

  • Anordnung.

 

Wenn es uns gelingt diese drei Kategorien miteinander zu verbinden, können wir die Welt unserer literarischen Figur suggestiv darstellen. Wichtig ist in so einem Text zu zeigen, wann ein Geräusch aufhört, welches Geräusch anstelle dessen zu hören ist, von welcher Seite es kommt und wie laut es ist.

 

Ganz still ist es jetzt, nur die Amsel zwitschert noch...“

Langsam mischt sich in das...“

Als das Schreien des Kindes verstummt, hört man wieder die Frauen lachen, rechts hinter der Hecke, deren dürre Blätter im Wind leise rascheln.“

 

Man kann solche Passagen mit wechselnder Intensität in Texte einfügen oder als Beschreibung eigenständig einen Absatz lang durchführen. Damit Sie merken, wie viel man hören kann, wenn man bewusst hört und was möglich ist, allein durch Geräusche an Raumvorstellung zu erzeugen schlage ich folgende Übung vor.

 

 

Übung:

 

1.

Setzen Sie sich (tagsüber) in ein Zimmer Ihrer Wochung und schließen Sie die Augen. Horchen Sie bewusst welche Geräusche von wo in welcher Lautstärke sich vermischen.

 

2.

Fertigen Sie eine Liste des Gehörten an. Überlegen Sie welche Geräusche sich direkt (scharren, zischen, heulen) ausdrücken lassen und welche Geräuscheindrücke durch die Handlung an sich bereits vom Leser gehört werden (eine Tür schlägt zu).

 

3.

Schreiben Sie eine Standortbestimmung durch Geräusche, eine Beschreibung, in dem sie die Höreindrücke so komponieren, dass der Leser einen genauen Eindruck von Ihrer Wohnung oder Ihren Lebensumständen bekommt. Dieser Text sollt eine sehr knappe Seite umfassen.

 

Wenn Sie diesen Text geschrieben haben, dann probieren Sie das Ganze am späten Abend aus. Sie werden sehen, dass sich der Raum weitet.

 

 

Mit besten Grüßen

 

 

Arwed Vogel

 

 

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