Literaturprojekt
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Eine Übung pro Monat

Schreibübung Januar 2019

 

 

Der erzählende Dialog 9:

Wie sprechen Figuren? Die direkte Rede – sprachliche Gestaltung (2)

 

 

In der letzten Übung zum Dialog im August 2018 haben wir uns mit den Grundlagen der sprachlichen Gestaltung der direkten Rede beschäftigt. Dabei waren vier Grundregeln zu beachten:

 

  • Menschen lassen sich nicht ausreden

  • Menschen unterbrechen sich selber

  • Sie machen Pausen

  • Sie wiederholen sich

 

Daher lauten die sprachlichen Mittel, auf die es ankommt:

 

  • Wiederholung von einzelnen Satzteilen oder Wörtern

  • Unterbrechung

  • Pause (Gedankenstriche, Auslassungszeichen oder eingeschobene Beschreibungselemente)

 

Heute beschäftigen wir uns mit einer weiteren sprachlichen Gestalungsmöglichkeit, der idiomatischen Sprechweise von Figuren.

Neben der Aufgabe den aktuellen emotionalen Zustand einer Figur oder ihre aktuelle Meinung über andere Figuren oder ein Geschehen zu vermitteln, kann man durch einen Dialog auch die Machtverhältnisse zwischen Figuren oder soziale Unterschiede verdeutlichen.

Dies geschieht bspw. dadurch, dass eine Figur in einer eigentümliche Sprechweise spricht, die von einer regional oder sozial abgegrenzten Gruppe verwendet wird - also Mundart, Slang oder eine Ausdrucksweise benutzt, die durch eine Fachsprache geprägt ist.

 

Den Erfolg dieses Verfahrens kann man im Filmen wie „Fack ju Göhte“ oder auch in regional geprägten Figuren des Fernsehkrimis sehen.

Es dient zuerst der Charakterisierung von Figuren und ihrer sozialen Abgrenzung voneinander. Das ist bereits im mittelalterlichen Epos nachweisbar: Liderliche Ritter, die nur auf Abenteuer aus sind und sich nicht ernst an der Suche nach dem heiligen Gral beteiligen, sprechen schlampiger, haben nachweisbar mehr Verbfehlstellungen in ihrer Rede. Auch im Goetheschen Faust sprechen niedere Geister nicht so odentlich wie Mephisto. So sprechen im Krimi oft die Mitarbeiter der Spurensicherung Dialekt, während die höher gestellten ermittelnden Kommissare hochdeutsch sprechen und deutschlandweit als Identifikationfigur dienen können.

 

Ein sehr schönes Besipiel finden auch wir in Mörikes Novelle: „Mozart auf der Reise nach Prag“. In folgendem Abschnitt charakterisiert Mörike die Künstlerpersönlichkeit und ihre Sprechweise besonders deutlich im Kontrast zu der Sprechweise der Adligen:

 

Den andern Tag (das Wetter gab dem gestrigen nichts nach) um zehn Uhr sah man einen hübschen Reisewagen, mit den Effekten beider Wiener Gäste bepackt, im Schloßhof stehen. Der Graf stand mit Mozart davor, kurz ehe die Pferde herausgeführt wurden, und fragte, wie er ihm gefalle.

»Sehr gut; er scheint äußerst bequem.«

»Wohlan, so machen Sie mir das Vergnügen und behalten Sie ihn zu meinem Andenken.«

»Wie? ist das Ernst?«

»Was wär es sonst?«

»Heiliger Sixtus und Calixtus – Konstanze! du!« rief er zum Fenster hinauf, wo sie mit den andern heraussah. »Der Wagen soll mein sein! Du fährst künftig in deinem eigenen Wagen!«

Er umarmte den schmunzelnden Geber, betrachtete und umging sein neues Besitztum von allen Seiten, öffnete den Schlag, warf sich hinein und rief heraus: »Ich dünke mich so vornehm und so reich wie Ritter Gluck! Was werden sie in Wien für Augen machen!«

- »Ich hoffe«, sagte die Gräfin, »Ihr Fuhrwerk wiederzusehn bei der Rückkehr von Prag, mit Kränzen um und um behangen!«


 

Achten Sie genau auf die Interpunktion bei Mozarts Rede, auf die Sätze mit zahlreichen Auslassungen (ist das Ernst?), die Wiederholungen, die eine lebendige, ungenormte, emotionale Sprechweise und damit die Künstlerpersönlichkeit zeigen – im Gegensatz zu der von Nomen geprägten Sprechweise von Graf und Gräfin mit vollständigen Sätzen, abstrakten Verben (machen, behalten, hoffen) und Verbalsubstantiven. Auch deren Sätze sind komplizierter gestaltet als bei Mozart, fast artifiziell und gar nicht lebensnah.

 

Im Gegensatz zu diesem Beispiel gilt jedoch, dass weniger die Hauptfiguren, mehr die Nebenfiguren mit solchen Sprechweisen bedacht werden, da es auf die lange Strecke des Romans für den Leser anstrengend wird dialektale Sprecheigenheiten bei einer Figur zu lesen. Man wird im Laufe des Terxtes die Besonderheiten zurückfahren und nur in starken emotionalen Momenten wieder verstärkt dem Leser vorführen. Dies gilt auch für Figuren, die stottern oder andere Sprecheigenheiten haben.

 

 

Übung:

 

Schreiben Sie den Dialog um. Emotionalisieren Sie das Gesagte mit Hilfe von Einschüben und gestalten Sie den Text sprachlich, so dass ein lebensecht wirkender Dialog daraus wird. Wenn Sie die Übung im August 2018 schon gemacht haben, dann haben Sie vielleicht noch ihren damaliges Ergebnis.

 

„Fährt dieser Bus hier zum Bahnhof?“ fragte Adamski eine Frau, die an der Bushaltestelle stand.

„Dieser Bus führt zum Bahnhof um 8 Uhr 15“, sagte die Frau, „wenn Sie rechtzeitig einsteigen, wird er sie mitnehmen.“

„Haben Sie vielen Dank“, sagte der Mann, „das war sehr freundlich von Ihnen.“

„Ich gebe mir alle Mühe, freundlich zu sein.“

„Das machen nicht viele Menschen. Viele Menschen sind heute sehr Ich-Bezogen. Sie tun nur das, was ihnen Vergnügen bereitet und kümmern sich nicht um ihre Mitmenschen. Sie haben nicht einmal ein Lächeln übrig, da sie so auf sich bezogen sind, dass sie ihre Umwelt nicht wahrnehmen. Die Soziologie kennt dafür einige Ausdrücke, die ich allerdings augenblicklich vergessen habe.“

„Das ist sehr interessant, was Sie sagen. Es könnte durchaus Vergnügen bereiten, sich öfters mit Ihnen zu unterhalten.“

„Das kann ich einräumen, möchte aber betonen, dass das Vergnügen ganz auf meiner Seite wäre, mit so einer aufgeschlossenen Menschen wie Sie es sind, Zeit zu verbringen.“

„Es tut mir leid, das Gespräch mit Ihnen nicht fortsetzen zu können2, sagte die Frau, „ich muss hier aussteigen.“

„Warten Sie doch und lassen Sie uns überlegen, wie sich ein Treffpunkt vereinbaren ließe.“

„Bitte beeilen Sie sich dabei, sonst fährt der Bus wieder an, bevor wir einen Treffpunkt vereinbaren können.“

„Ich will sie nicht aufhalten“, sagte der Mann, „wie wäre es mit mit...“

 

 

1.

Geben Sie heute zusätzlich einer der beiden Figuren eine eigentümliche Sprechweise. Dabei geht es nicht darum, den Dialekt vollkomen nachzuahmen. Finden Sie drei bis vier charakterisierende Merkmale, die Sie konsequent anwenden. Die können Sie (auch als Nord- oder Mitteldeutscher) bspw. dem Wikipedia-Artikel „Bairische Dialekte“ entnehmen.

Dann tauschen Sie die Positionen und geben der anderen Figur die eigentümliche Sprechweise.

 

2.

Versuchen Sie dann dasselbe bspw. mit der alten Gaunersprache Rotwelsch. Merkmale und Vokabular finden Sie ebenfalls im gleichnamigen Wikipedia-Artikel. Wieder geht es nicht um das korrekte Nachahmen, sondern um den Ton, den Sie Ihren Figuren verleihen.

 

 

Sie erleben beim Schreiben, wie sich die Verhältnisse zwischenden Figuren ändern und gestalten auf diese Weise einen interessanteren Text, denn Dialoge brauchen solche Subtexte um vom Leser gern gelesen zu werden.

 

Viel Vergnügen dabei und natürlich ein ganz besonders gutes neues Jahr wünscht

 

Ihr

 

Arwed Vogel

 

 

 

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