Literaturprojekt
Literaturprojekt

Eine Übung pro Monat

 

Schreibübung November 2020

 

 

Darstellung von Gefühlen 6: Der Innere Monolog

 

 

 

Zu den wichtigen Schreibtechniken, welche die Moderne entwickelt hat, zählt der Innere Monolog. Mit ihm lassen sich starke Gefühle auf eine intensive Weise darstellen. Die innere Bewegung einer Figur wird unmittelbar aus großer Nähe dargestellt.

Der Innere Monolog kann noch mehr leisten, bspw. den Gedankenkosmos einer Figur in verschiedenen Schichten und Überschneidungen zeigen, aber wir wollen in dieser Übung den Inneren Monolog aus der Perspektive der Emotionen betrachten. Der Innere Monolog ist immer wieder neu und anders definiert worden: Einig sind sich alle aber darin, dass er einen unausgesprochenen Gedankenstrom wiedergibt.

 

Wes Herz voll ist, dem geht der Mund über – das könnte ein Leitsatz auch für den Inneren Monolog sein. Denn wenn die Emotionen sehr stark sind, verlieren wir die Kontrolle über unsere Gedanken. Sie laufen von alleine durch unseren Kopf, wild und wirr durcheinander und ohne Rationalität.

Klare Gedanken lassen sich durch direkte oder indirekte Darstellung gut vermitteln:

 

indirekter Gedanke: Er dachte, dass er dieses Jahr nicht mehr…

 

direkter Gedanke: Dieses Jahr werde ich nicht mehr, dachte er….

 

Werden aber die Gedanken schneller, zunehmend irrational, so wird es auch schwieriger sie angemessen in Satzstrukturen wiederzugeben, sie wirken kitschig und geben nicht den emotionalen Gehalt wieder.

Der Innere Monolog versucht in Echtzeit diese emotionale Gedankenwirrnis darzustellen, indem er in das Präsens wechselt, auf Inquit-Formeln (dachte er, etc.) verzichtet und das emotionale Durcheinander der Gedanken, bzw. Gedankenfetzen, Bewusstseinsmomente angemessen in Halbsätzen mit Brüchen, Unterbrechungen, Wiederholungen (nicht zu viel) in einem Wortfluss, einer Wortkaskade wiedergibt. Auf Satzzeichen, Grammatik soll, ja darf nicht geachtet werden.

 

Ein Innerer Monolog tritt in zwei Situationen auf: Entweder in Momenten starker Belastung durch ein äußeres Geschehen oder in Momenten der Ruhe, in denen sich der Fokus auf das Innere richtet, weil eine psychische Belastung, bspw. Entscheidungssituation oder Reaktion auf ein Geschehen, nachwirkt.

Entscheiden ist die emotionale Belastung der Figur, deswegen finden wir Innere Monologe auch vorzugsweise bei Figuren, denen wir eine stärkere Emotionalität beimessen.

 

Dabei kann ein Innerer Monolog in einer Handlung wenige Sätze umfassen und die Handlungsführung durch diese Schreibtechnik punktuell bereichern. Ein Innerer Monolog kann aber auch ganze Romankapitel oder eigenständige Erzählungen bilden. Berühmte Beispiele sind „Leutnant Gustl“ von Arthur Schnitzler oder aber das Schlusskapitel von James Joyce Ulysses.

 

Hier ein kurzer Auszug aus Arthur Schnitzler‘s „Leutnant Gustl“ in dem deutlich wird, wie nicht rationale Überlegungen, sondern die Assoziationen die Gedanken am Laufen halten.

 

Schöne Erinnerungen! Damals beim ›Grünen Tor‹... Wie hat sie nur geheißen? Und dann hat sie mir einmal eine Ansichtskarte aus Belgrad geschickt... Auch eine schöne Gegend! – Der Kopetzky hat's gut, der sitzt jetzt längst im Wirtshaus und raucht seine Virginia!...

Was guckt mich denn der Kerl dort immer an? Mir scheint, der merkt, daß ich mich langweil' und nicht herg'hör'... Ich möcht' Ihnen raten, ein etwas weniger freches Gesicht zu machen, sonst stell' ich Sie mir nachher im Foyer! – Schaut schon weg!... Daß sie alle vor meinem Blick so eine Angst hab'n... »Du hast die schönsten Augen, die mir je vorgekommen sind!« hat neulich die Steffi gesagt... O Steffi, Steffi, Steffi!

 

 

Übung:

 

Versuchen Sie nun einen Inneren Monolog zu schreiben.

 

1. Beschreiben Sie eine Trennungssituation zweier Menschen. Er/Sie hat gerade erklärt, dass er/sie sich trennen will.

Wählen Sie eine der beiden Figuren als Reflektorfigur im Wechsel von äußerer Szene (Handlung, Beschreibung) und Bruchstücken Innerer Monologe im Wechsel. Wechseln Sie drei- bis viermal. Die einzelnen Abschnitte sollen dabei nicht länger als vier bis fünf Sätze sein.

 

2. Schreiben Sie einen Inneren Monolog aus der Sicht der anderen Figur.

Einige Stunden später befindet sich die andere Figur in einer Situation, in der sie auf etwas wartet (im Bahnhof auf den Zug, im Büro auf Dienstschluss, im Bett auf den Schlaf).

Schreiben Sie einen längeren Monolog aus der Sicht dieser Figur. Lassen Sie die Figur sich langsam in die Emotion hineinsteigern und nehmen Sie dann langsam die Emotion wieder zurück.

 

 

 

_______________________________________________________

Schreibübung September
Schreibübung September 2020 Lustvolles L[...]
PDF-Dokument [61.5 KB]
Schreibübung Oktober
Schreibübung Oktober 2020 Literarischer [...]
PDF-Dokument [60.0 KB]

Rufen Sie einfach an unter

 

Arwed Vogel

++49 ( )8762 726121

 

oder

 

Bernhard Horwatitsch

++49 ( )89 72016549

 

oder nutzen Sie unser Kontaktformular.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Literaturprojekt