Literaturprojekt
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Eine Übung pro Monat

 

Schreibübung April 2021

 

 

Perspektivische Landschaftsbeschreibung (4):

Relativität und Auswahl

 

 

Die Übung dieses Monats ist dem Außenraum gewidmet, der Landschaftsbeschreibung, welcher im literarischen Text eine große Bedeutung zukommt, auch wenn das Wort Landschaft etwas antiquiert klingt. Aber mit Landschaft sind natürlich auch urbane oder suburbane Räume gemeint, zersiedelte Szenerien, räume, die im romantischen Sinn nicht als schön bezeichnet werden.

Wir brauchen sie im literarischen Text, um dem Leser Orientierung zu geben.

Er kann im Kopf einen Raum aufbauen, in ihm die literarische Figur lokalisieren, die Handlung kann beginnen. Zudem werden die Gefühle und Gedanken der Figur in den Raum projiziert, was wir in früheren Schreibübungen thematisiert haben: Es gibt eine Entsprechung zwischen dem aktuellen Innenleben der Figur und dem Gestimmtheit des Raums.

Landschaften und Räume werden also nicht als Selbstzweck beschrieben.

 

Eine weitere wichtige Funktion des Raums ist die Identifikation des Lesers mit der Hauptfigur, die auch über den Raum vermittelt wird. Deswegen brauchen wir mehr noch als bei anderen Beschreibungen bei Landschaftsbeschreibungen Leer- oder besser formuliert Unbestimmtheitsstellen, die der Leser mit seiner eigenen Vorstellung füllen kann. Dadurch wird die Landschaft zu seiner Landschaft. Und was in dieser Landschaft erlebt wird, ist ihm dadurch näher, deswegen identifiziert er sich auch intensiver mit der Figur, die durch seine Landschaft unterwegs ist. Er muss mitarbeiten, nimmt die Zeichen auf, die der Autor setzt und ergänzt sie durch sein Vorstellungsvermögen.

 

Diese Unbestimmtheitsstellen gelangen auf zweierlei Weise in den Text.

 

  1. Alle absoluten Zahlen werden vermieden, Entfernungen zwischen den Elementen der Landschaft nur in relativen Angaben verknüpft. Nicht: „Der Kirschbaum war sieben Meter hoch, das Haus fünf Meter.“, sondern „Der Kirschbaum überragte das Haus.“ Oder so: „Der See streckte sich zu der Felswand, die aus dem Wasser steil aufstieg, so hoch, dass die Bäume, die auf der Felskante oben standen, nur als dunkler Strich vom Wasser aus zu sehen waren.“ Die Relativität, die Entfernungen unbestimmt lässt, fordert vom Leser sich die Größenverhältnisse selber vorzustellen.

  2. Die Landschaftsbeschreibung wird abgebrochen und nicht vollständig durchgeführt. Im Zeitalter der Massenmedien gibt es kaum eine Landschaftserscheinung, die wir nicht schon in ähnlicher Form als Bild gesehen haben oder in unserer Vorstellung durch Vergleich mit anderen Landschaften nachahmen können. Schon Edgar Allen Poe hat den ausgezeichneten Satz formuliert: „You can double the true beauty of landscape by half closing your eyes.“ Nicht das vollständige Bild aller Details, sondern das skizzenhafte Zeichnen einzelner bedeutender Momente, das Tupfen, vielleicht auch manchmal nur das kurze Aufzählen einzelner Erscheinungen, verknüpft mit einem kleinen scheinbar unwichtigen Detail (dieser Gedanke stammt von Tschechow) schafft die besondere Qualität einer Landschaftsbeschreibung.

 

Die Auswahl der Details geschieht aufgrund der Idee, welche die Landschaft in ihrer Stimmung und Atmosphäre spiegeln soll.

 

 

 

Übung:

 

Machen Sie einen Spaziergang durch eine Straße oder in eine Landschaft und sammeln Sie Eindrücke, Bilder, Details.

 

- Hauptelemente der Landschaft, ihre Physiognomie und Formen

- Farben, Geräusche, Gerüche (also das ganze Spektrum)

- Einzelheiten (individualisierende Momente wie einzelne Gebäude, Bäume oder ähnliches)

 

Wählen Sie einen Blickpunkt, von dem Sie aus die Landschaft sehen und bemühen Sie sich durch eine perspektivische Anordnung die Landschaft zu beschreiben.

 

  1. Beschreiben Sie die Landschaft möglichst vollständig, als ob Sie ein Ölgemälde in Prosa erschaffen, auf dem keine Lücke frei sein darf.

  2. In einer zweiten Übung nutzen Sie von jeder der Details der drei Gruppen nur jeweils die Hälfte und stellen Sie mit den wenigen Elementen eine Landschaft her, wobei Sie mehr auf Atmosphäre und Zusammenklang als auf Vollständigkeit achten.

 

 

 Viel Vergnügen

 

Arwed Vogel

 

 

 

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