Literaturprojekt
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Eine Übung pro Monat

 

Schreibübung Juli 2019

 

 

Darstellung von Gefühlen 4: Projektion auf den Raum (Analogie und Gegensatz)

 

 

Räume haben symbolische Bedeutung, aber sie spiegeln vor allem die aktuelle Gefühlslage der Figur. Das vermittelt dem Leser das Gefühl einer in sich geschlossenen Welt, und das ist wichtig, denn beim Erzählen muss jedes Element eine Bezug zu anderen Elementen haben – sonst hat der Leser das Gefühl, er läse keine Literatur, sondern etwas schlecht Ausgedachtes, indem alles mögliche passieren kann. Er kann dann keine Vorausdeutungen vornehmen und sich nicht mit den Personen identifizieren.

 

Deswegen müssen wir auch den Raum, in dem unsere Handlung spielt, mit den Figuren eng verbinden. Das geschieht am deutlichsten, wenn wir Bezüge zwischen dem Innenleben unserer Figuren und dem Außenraum herstellen. Zudem ist es der Leser aus der literarischen Tradition gewöhnt, dass das stattfindet und würde es vermissen, wenn es fehlt.

 

Projektion auf den Raum können wir das nennen.. Der Leser projiziert den Raum, die Umgebung, die meteorologischen Verhältnisse, die allgemeine Atmosphäre auf die Figur.

Wie die Filmmusik die emotionale Entwicklung der handelnden Figuren unterstützt, von uns oft nur unbewusst wahrgenommen wird, so korrespondiert die Darstellung des Raums mit dem Innenleben der Figur.

 

Muss aber immer das Wetter schön wein, wenn der Held guter Laune ist? Muss immer etwas Schreckliches passieren, wenn dunkle Gewitterwolken auftauchen? Wie lassen sich Klischees vermeiden? Ja, in jedem traditionellen Raum ist der Held guter Laune, wenn das Wetter gut ist. Und auch im wirklichen Leben beeinflussen die meteorologischen Verhältnisse die Stimmung der Menschen. Aber in der Literatur geschieht das nicht zufällig, sondern absichtlich.

 

Dabei gibt es zwei Möglichkeiten:

 

  • Der Raum zeigt sich analog, also gleichartig zu den aktuellen Gefühlen der Figur.

  • Der Raum zeigt sich kontrastiv, also gegensätzlich zu den aktuellen Gefühlen der Figur

 

Variationsmöglichkeiten entstehen dadurch, dass die Stärke der Gefühle mit dem Raum korrespondiert.

Aber man das auch kombinieren. Analoge und kontrastive Raumdarstellung gleichzeitig durchführen, wodurch der Text an Intensität gewinnt. Das ist besonders in zentralen Szenen wichtig.

Ein schönes einleuchtendes Beispiel finden wir in „Singing in the Rain“. Wer es nicht mehr kennt (oder auch wenn man es kennt), sollte hier hineinschauen:

 

https://www.youtube.com/watch?v=w40ushYAaYA

 

„Die Figur ist bester Laune, aber das Wetter miserabel“ (kontrastiv) wird kombiniert mit „Starke Gefühle, Starkregen“ (analog).

 

Schwach wäre die Szene wenn der Mann mit einem Eis durch den Central Park liefe und „Singing in the Sun“ sänge. Weit weniger stark wäre die ganze Szene, wenn ein langweiliger Landregen oder ein Nieselregen herab sprühen würde.

 

Was wir hier am Beispiel des Wetters dargestellt haben, gilt natürlich für alle Aspekte des Raums. Ist das Zimmer aufgeräumt, unaufgeräumt, gepflegt, ungepflegt. Wie ist die Landschaft beschaffen, ist die Stadt öde oder aufregend.

 

Wir Autoren gestalten den Raum nach dem Innenleben unserer Figuren. So lautet die Regel und wir müssen suchen, bis wir in einem Stück Weltliteratur einen Autor finden, der sich nicht daran gehalten hat. Ich habe noch keinen gefunden.

 

 

 

Übung:

 

 

Natürlich sollten Sie Ihre bisherigen Texte durchsehen, ob Sie dieses handwerkliche Element bewusst oder unbewusst gestaltet haben. Aber natürlich sollen Sie auch etwas Neues ausprobieren:

 

Schreiben Sie eine Szene, in der allein durch die Beschreibung des Raums und der Position oder Bewegung der Figur in diesem Raum das Gefühl deutlich wird, dass Sie darstellen wollen.

 

Schildern Sie dabei keine Innenperspektive (Gedanken, Gefühle oder Bewusstseinsvorgänge). Probieren Sie folgende Situationen:

 

  • leichte Melancholie aufgrund von Müdigkeit und eines schlimmen Ereignisses in der Vergangenheit, das bei Müdigkeit immer wieder auftaucht.

  • starkes Aufwallen von Eifersucht auf eine mögliche Geliebte oder einen Geliebten der Figur.

  • Heiterkeit, aufgrund eines beruflichen Erfolges

 

Spielen Sie mit den Möglichkeiten.

 

1. Schreiben Sie jede Szene zuerst mit einer kontrastiven oder analogen Raumbeschreibung

2. Schreiben Sie dann die Szene noch einmal mit einer Kombination aus kontrastiver und analoger Raumbeschreibung.

 

Viel Vergnügen und gute Laune in diesen wunderbaren Sommertagen

 

 

Arwed Vogel

 

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