Literaturprojekt
Literaturprojekt

Eine Übung pro Monat

Schreibübung November 2018

 

 

Der auktoriale Erzähler 3: Menschlicher Erzähler oder Funktion?

 

 

Der Titel dieser Schreibübung klingt wenig spannend. Hinter ihm verbirgt sich aber ein ganz wesentliches Problem, dass auch für den personalen Erzähler wichtig ist.

Der auktoriale Erzähler ist bekannt aus der Literatur der vergangenen Jahrhunderte als ein Erzähler, der meistens männlich, die Geschichte erzählt, sie ordnet, den Überblick behält und sich einführt als Vermittler einer Geschichte, die dem Leser besonderes Vergnügen bereiten wird. Er rafft einzelne Erzählpartien und dabei durchaus ein eigenes Profil gewinnt.

Man hat das Gefühl, dass man die Geschichte von einem menschlichen Erzähler erzählt bekommt. Mit großer Distanz bewertet der Erzähler das, was er erzählen will.

 

“Die Geschichte, die wir erzählen wollen, (…), die uns in hohem Grade erzählenswert scheint, (…) diese Geschichte ist sehr lange her, sie ist sozusagen schon ganz mit historischem Edelrost überzogen und unbedingt in der Zeitform der tiefsten Vergangenheit vorzutragen.

Das wäre kein Nachteil für eine Geschichte, sondern eher ein Vorteil: denn...”

(Th. Mann, Zauberberg)

 

Durchaus hat man hier das Gefühl es mit einem leibhaftigen Erzähler zu tun haben, wie auch im folgenden Beispiel es wohl ein menschlicher Erzähler ist, der uns etwas mitzuteilen versucht:

 

„Die vorstehende Geschichte verdanke ich meinem Onkel Herrn Tobias Shandy, gegen den sich mein Vater, der ein tiefer Denker war und sich gerne in Betrachtungen über die anscheinend kleinsten Dinge einließ, oft und schwer wegen jener Beeinträchtigung

beklagte.“

(Laurence Sterne, Tristram Shandy)

 

Auch in einem modernen Roman wie “Berlin Alexanderplatz” erscheint uns der Erzähler als Person.

Üblicherweise erkennen wir darin das Hauptmerkmal des auktorialen Erzählers. Es gibt jedoch Varianten und davon handelt unsere Übung. Tatsächlich muss ein auktorialer Erzähler nicht immer in dieser Dominanz auftreten. Schon bei Thomas Mann finden sich Texte, die auktorial erzählt sind, in denen wir aber keinen Erzähler finden, der sich zeigt.

 

„Als Hauptgericht hat es nur Gemüse gegeben, Wirsing-Koteletts darum folgt noch ein Flammerie, hergestellt aus einem der nach Mandeln und Seife schmeckenden Puddingpulver, die man jetzt kauft, und währen Xaver, der jugendliche Hausdiener, in einer gestreiften Jacke, welcher er entwachsen ist, (…) ihn auftischt, erinnern die Großen ihren Vater auf schonende Art daran, dass sie heute Gesellschaft haben.“

(Th. Mann, Unordnung und frühes Leid)

 

In diesem Absatz finden wir zwar viele auktoriale Momente (Raffung, Benennung, unpersönliches Erzählen, keine Reflektorfigur) und es baut sich auch keine Szene auf, aber ein auktorialer Erzähler im oben beschriebenen Sinn, den man sich körperlich vorstellen kann, finden wir nicht.

 

Je weniger auktoriale Momente wir in einem Text haben, desto weniger stark wird der auktoriale Erzähler, bis der Text am Schluss in eine auktorialisierte personale Erzählsituation übergeht. Für uns ist das deswegen wichtig, weil wir die Distanz unseres Erzählers einstellen können: Längere Texte lassen sich oft nur schwer rein szenisch erzählen wie ein Film, deswegen auktorialisieren wir die Erzählsituation in gewünschter Weise, um Raffungen vorzunehmen, Raumbeschreibungen nicht aus dem Blickwinkel einer Figur sondern im auktorialen Überblick darzustellen.

 

Wenn Sie wenig Erfahrung mit der Arbeit mit Erzählsituationen haben, lassen Sie sich nicht verunsichern. Versuchen Sie einfach die Übung zu machen.

 

 

Übung:

 

In diesen zwei kurzen Übungen versuchen Sie bei einer auktoriale Erzählsituation zu verstärken bzw. abzuschwächen. Als Ausgangstext nehmen Sie den Anfang von Th. Manns Erzählung “Unordnung und frühes Leid” und schreiben ihn um.

 

"Als Hauptgericht hat es nur Gemüse gegeben, Wirsing-Koteletts darum folgt noch ein Flammerie, hergestellt aus einem der nach Mandeln und Seife schmeckenden Puddingpulver, die man jetzt kauft, und während Xaver, der jugendliche Hausdiener, in einer gestreiften Jacke, welcher er entwachsen ist, weißwollenen Handschuhen und gelben Sandalen ihn auftischt, erinnern die Großen ihren Vater auf schonende Art daran, dass sie heute Gesellschaft haben."

 

Die Großen sind die fast erwachsenen Kinder des Professors Cornelius, Ingrid “ein sehr reizvolles Mädchen” und der etwas jüngere Bert, der “Tänzer oder Kabarett-Rezitator oder aber Kellner” werden will.

 

1. Entauktorialisierung

 

Schreiben Sie eine Szene, in der Hausdiener, Vater, (Mutter) und die beiden großen Kinder zusammen essen. Schreiben Sie rein personal (nur das, was man sehen, hören, riechen, schmecken kann, sowie die Gedanken der Anwesenden in der Innenperspektive).

 

2. Erschaffung eines starken auktorialen Erzählers

 

2.1 Erzählen Sie den Anfang der Erzählung aus der Perspektive eines auktorialen Erzählers, der mit starker Präsenz die Geschichte erzählt. Die Ansprache des Lesers und das Mitteilen eigener Befindlichkeiten oder Gedanken zum Geschehen sind hier die wichtigsten Stilmittel.

2.2 Erzählen Sie den Text weiter und gehen Sie langsam in eine Szene über, der Erzähler tritt immer weiter zurück, bis nur noch die Figuren allein für sich in der personalen Erzählsituation agieren (Kameraperspektive, nur das, was man sehen, hören, riechen, schmecken kann, sowie die Gedanken der Anwesenden in der Innenperspektive)

 

 

Viel Vergnügen

 

Ihr

Arwed Vogel

 

Schreibübung September 2018
Schreibübung September 2018 Spannungserz[...]
PDF-Dokument [53.8 KB]
Schreibübung Oktober 2018
Schreibübung Oktober 2018 Erlebte Rede G[...]
PDF-Dokument [63.2 KB]

Rufen Sie einfach an unter

 

Arwed Vogel

++49 ( )8762 726121

 

oder

 

Bernhard Horwatitsch

++49 ( )89 72016549

 

oder nutzen Sie unser Kontaktformular.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Literaturprojekt