Schreibübung Juli 2026
Zeitgestaltung 7:
Spannungserzeugung durch retardierenden Sprachstil
Bei der Spannungserzeugung spielt die Zeitgestaltung eine wichtige Rolle. Wir können die Zeit beschleunigen, also raffen, wenn wir Erzählpartien schreiben, die nicht szenisch ausgeführt werden müssen, weil sie wenig Substanz haben oder sich in der Handlung wenig verändert. Dadurch wird der Text beschleunigt.
Wir können die Zeit aber auch verlangsamen oder dehnen, um in den entscheidenden Momenten der Erzählung die Aufmerksamkeit zu erhöhen. Wir dehnen diese Szenen zeitlich aus, wenn der Ausgang ungewiss ist und der Leser äußerst interessiert daran ist, die weitere Entwicklung und den Ausgang möglichst bald zu erfahren.
Dehnungen kann man durch mehrere Möglichkeiten erzeugen. Wie man durch den Wechsel von Innen- und Außenperspektive die Zeit dehnt, war bereits Thema bei der Schreibübung im Oktober 2025.
In dieser Übung lenken wir den Blick auf eine scheinbar nicht mehr zeitgemäße Möglichkeit, die aber nach wie vor ihren Reiz hat und überraschen kann, gerade weil sie seltener bewusst eingesetzt wird und wenig bekannt ist.
Es ist der retardierende Stil, der eine Erzählweise bezeichnet, der die Handlung bewusst verlangsamt. Das Ende der Geschichte wird hinausgezögert. Im Theater, im Film geschieht dies durch den Einbau von Szenen, die mit der Haupthandlung wenig zu tun haben, mit Entwicklungen und Wendepunkten oder ganz einfach mit einer überraschenden Wendung, wenn der Gegner, der schon am Boden liegt, doch noch einmal aufsteht, eine gefährliche Waffe findet und den Kampf weiterführt. Retardation kann auch bedeuten, dass ein anderes, als das erwartete Ende plötzlich möglich wird, ein guter oder schlechter Ausgang plötzlich wieder möglich scheint.
Um die Erzählzeit zu dehnen, müssen wir also Elemente einfügen, welche die Haupthandlung hemmen oder aufhalten.
Dies kann aber nicht nur durch Perspektivwechsel oder szenische Einschübe geschehen, sondern auch durch den Sprachstil. Das geschieht, indem wir zusätzliche Informationen oder einfach nur einzelne Wörter regelmäßig in den Text einstreuen. Zum Beispiel zwischen Artikel und dem folgenden Hauptwort. Das nennt man Klemmkonstruktion, die man aber nur in passenden Momenten und nicht über längere Passagen anwenden darf.
Zu St. Omer im nördlichen Frankreich ereignete sich im Jahr 1803 ein merkwürdiger Vorfall. Daselbst fiel ein toller Hund, der schon mehrere Menschen beschädigt hatte, über zwei, unter einer Haustür spielende, Kinder her. Eben zerreißt er das jüngste, das sich, unter seinen Klauen, im Blute wälzt; da erscheint, aus einer Nebenstraße, mit einem Eimer Wasser, den sie auf dem Kopf trägt, die Mutter. Diese, während der Hund die Kinder loslässt, und auf sie zuspringt, setzt den Eimer neben sich nieder; und außerstand zu fliehen, entschlossen, das Untier mindestens mit sich zu verderben, umklammert sie, mit Gliedern, gestählt von Wut und Rache, den Hund: sie erdrosselt ihn, und fällt, von grimmigen Bissen zerfleischt, ohnmächtig neben ihm nieder. Die Frau begrub noch ihre Kinder und ward, in wenig Tagen, da sie an der Tollwut starb, selbst zu ihnen ins Grab gelegt.
Heinrich von Kleist zeigt in dieser kleinen Arbeit, wie beeindruckend dieser Stil wirken kann. Die Einschübe, auf die man verzichten kann, habe ich kursiv markiert. Das Eimer-Motiv hat auch eine inhaltliche Dimension, für das Verständnis der Geschichte könnte man es aber weglassen. Vermutlich kann man noch mehr auslassen, als ich markiert habe, dann würde die Geschichte insgesamt aber an beschreibender Plastizität verlieren.
Lesen Sie sich die Geschichte ohne die kursiven Stellen laut vor: Sie werden sehen, sie funktioniert, ist aber wesentlich weniger spannend.
Wenn Sie sich in Ihrem Text einer spannenden Stelle nähern, dann verändern Sie Ihren Stil: Erzählen Sie gerade nicht schnell und stringent (auch wenn das in vielen Büchern empfohlen wird). Dehnen Sie die Erzählzeit durch kleine Einschübe von Worten, unnötigen, aber nicht unpassenden Informationspartikel. Der Leser wird es nicht merken, was Sie mit ihm machen, aber langsamer lesen müssen, was die Spannung erhöht.
Übung
Der folgende Text ist sehr einfach geschrieben. Keine Ausschmückung, keine Beschreibung. Eine reine Handlungssequenz, die sehr schnell verläuft, den Leser mitnimmt - trotz perspektivischer Schwachstellen kann man ihr gut folgen. Aber mit Spannungserhöhung oder Erzählkunst hat sie wenig zu tun.
Ihre Aufgabe besteht darin, den Text zu verlangsamen. Durch retardierende Stilelemente, das dürfen kurze Beschreibungen, Informationen, aber auch einzelne Wörter, auch Adjektive sein, wird der Text fülliger, präziser und spannungsreicher.
Viel Vergnügen bei dieser Arbeit...
Sie rannten durch den Bahnhof. Anna voraus, Tom dicht hinter ihr. Beide trugen einen kleinen Rucksack. Sie durften nicht stehen bleiben, mussten den Zug erreichen. Am Rande der Bahnhofshalle warteten zwei Agenten. Als sie Anna und Tom sahen, liefen sie sofort auf sie zu.
„Schneller!“, rief Ben.
Die beiden sprangen die Treppe hinunter. Sie liefen durch die Unterführung und wieder hinauf auf den nächsten Bahnsteig. Ein Zug fuhr gerade ein. Die Türen öffneten sich. Anna und Tom stiegen ein. Die Agenten erreichten den Zug nur wenige Sekunden später. Doch die Türen schlossen sich. Der Zug fuhr ab. Aus dem Fenster sahen sie, wie die Agenten umdrehten und wieder zurück in die Bahnhofshalle liefen.
„Wir haben sie abgehängt“, sagte Tom und setzte sich.
Anna schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Sie wissen wo wir hinwollen.“
An der nächsten Station stiegen sie wieder aus. Sie gingen durch eine schmale Gasse hinter dem Bahnhof. Dort stand ein altes Lagerhaus. Die Tür war nicht verschlossen. Drinnen war es dunkel. Ben leuchtete mit einer kleinen Taschenlampe. Zwischen den Kisten führte eine schmale Treppe nach oben. Plötzlich hörten sie Schritte.
„Sie sind hier“, flüsterte Anna.
Die beiden rannten weiter. Oben gab es nur eine einzige Tür. Ben drückte die Klinke. Die Tür ging auf. Der Raum war leer. Sie drehten sich um. Die Agenten standen schon auf der Treppe.
„Es ist vorbei“, sagte einer von ihnen.
Da begann Anna zu lächeln.
„Nein“, antwortete sie ruhig. „Jetzt geht es erst los.“
Sie zog einen kleinen Sender aus ihrer Jackentasche und legte ihn auf den Boden. Im selben Augenblick ertönten draußen die Sirenen von Polizeiwagen. Die Agenten sahen sich erschrocken an.
Mit herzlichen Grüßen
Arwed Vogel
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Arwed Vogel
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