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Eine Übung pro Monat

 

 

 

Schreibübung Oktober 2026

 

Der erzählende Dialog 12: Der gebundene Dialog


 

Neben all den Hinweisen, welche Aufgaben und Möglichkeiten der Dialog im erzählenden Text bietet, die wir in den vergangenen Jahren gezeigt haben (Charakterisierung insbesondere von Nebenfiguren, energetische handlungstreibende Funktionen), gibt es auch eine Reihe von speziellen Dialogformen, die sich für besondere Situationen beim Schreiben eignen.

 

Der Germanist Gerhard Bauer hat darüber gearbeitet und ein etwas umständliches Buch geschrieben, die Inhalte sind aber auch heute noch sehr interessant für das Schreiben von Dialogen. Er beschreibt mehrere Arten von Dialogen, darunter den gebundenen Dialog, um den es heute geht.

 

Der gebundene Dialog macht einen etwas altmodischen Eindruck und tatsächlich – man hat das Gefühl, das man so im 19. Jahrhundert geredet hat. Im 17. Jahrhundert ist diese Dialogform aufgetaucht, besonders von Goethe und Schiller kultiviert worden, im 19 Jahrhundert war sie sehr weit verbreitet. Deswegen eignet sich diese Dialogform vor allem für Texte aus dieser Zeit (im Laufe des 20. Jahrhunderts finden wir vor allem ungebundene Dialoge), aber auch für Genretexte aller Art und vor allem auch für humorvolle Texte wie Sie in der Übung gleich ausprobieren können.

 

Es gibt sie aber auch als ernsthafte Gespräche noch heute: Wenn sich Menschen respektvoll unterhalten, dabei sehr verschiedene Meinungen haben, den anderen unbedingt überzeugen wollen, ohne ihn zu beleidigen, entstehen gebundene Dialoge, wenn man darauf achtet, nimmt man sie schnell war.

 

Was also ist ein gebundener Dialog?

 

- Jeder Dialog im erzählenden Text braucht einen Konflikt zwischen den Gesprächspartnern.

 

- Im gebundenen Dialog stehen sich zwei Gesprächspartner unversöhnlich gegenüber, d.h. keiner will oder wird von seiner Meinung, seinem Standpunkt, seinem Vorhaben abweichen, dass der Meinung des anderen diametral entgegengesetzt ist (bspw. streiten sich zwei Quacksalber um die richtige Behandlungsmethode und vertreten entgegengesetzte Auffassungen).

 

- Beide Gesprächspartner (und das ist ganz wichtig) stehen sich gleichrangig gegenüber und wissen, dass sie es sich mit dem anderen nicht verderben dürfen. Sie werden noch mit ihm zu tun haben, müssen also argumentieren und überzeugen, müssen also freundlich und höflich sein, auf keinen Fall die Situation eskalieren lassen oder den anderen beleidigen.

 

- Deswegen hören sie dem anderen gut zu und nehmen seine Argumente auf, versuchen sie in ihrer Weise umzudrehen und den Konfliktgegner mit seinen eigenen Argumenten zu schlagen. Im gebundenen Dialog wird sehr viel mit Parallelkonstruktionen über die Dialogpartner gearbeitet. Formulierungen wie „Sie haben vollkommen recht, aber… - Nein, Sie haben vollkommen recht, doch...“ sind dabei üblich. Formulierungen wie inhaltliche Argumente werden aufgenommen, um sie dann zu relativieren und zu widerlegen.

 

 

Wenn wir solche Dialoge in einer unangemessenen Situation stattfinden lassen, dann entsteht ohne viel Zutun Humor.

 

Noch einmal zu unseren Quacksalbern:

 

„Sie haben recht, der Patient hat schon eine gelbe Zunge. Sie werden doch nicht darauf verzichten wollen, ihn zur Ader zu lassen“, sagte er im liebenswürdigen Singsang und wedelte mit den Armen.

„Nein, Sie haben recht mit der Zunge, aber die Arme sind so weiß: Wer wollte da schon noch zusätzlich Blut abzapfen.“ Langsam strich er über die Stirn des Patienten.

„Wer spricht denn von Abzapfen. Dem Herzen Luft verschaffen“, meinte der andere wieder und holte die Luftpumpe aus seinem Arztsack.

„So, was haben sie für interessante Instrumente. Allein die Selbstheilungskräfte der Natur - wer würde gern auf sie verzichten.“

„Niemals verzichten wir darauf. Aber so ein kleiner Aderlass unterstützt doch...“


 

Man kann sich vorstellen, wie das weitergeht. Solche Dialoge enden nie von alleine, weil ja niemand den anderen auf diese Weise überzeugen kann. Meistens wird der gebundene Dialog unterbrochen durch ein äußeres Ereignis: Der Patient verlässt kopfschüttelnd und humpelnd das Bett an dessen Seiten die Ärzte stehen und schaut, dass er davonkommt und Leib und Leben retten kann.

Probieren Sie es aus: Für einen humorvollen Text lassen Sie zwei Fußballfans oder im Fantasyroman zwei Zwerge oder im Krimi zwei Serienkiller auf diese Weise sprechen… Den Anwendungen sind keine Grenzen gesetzt.


 

Übung:

 

  1. Zwei Vampire stehen am Bett einer jungen Frau und unterhalten sich in einem gebundenen Dialog wer das Recht auf den ersten Biss hat.

  2. Zwei Freundinnen in einem Café unterhalten sich darüber, wer den attraktiven Menschen am Nebentisch ansprechen darf.

  3. Für einen ernsten gebundenen Dialog lassen Sie einen Bürgermeister mit dem Vorsitzenden des Kulturvereins sprechen, der einen Zuschuss für eine Veranstaltung haben will.

 

Viel Vergnügen dabei

 

Ihr

 

Arwed Vogel

 

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