Literaturprojekt
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Eine Übung pro Monat

 

Schreibübung Juli 2018

 

 

Literarischer Sommerstoff: Von der Liebe und den Wasserwesen

Mythische Reflexe

 

 

Schon immer orientierten sich Schriftsteller an mythischen Wesen, Fabelwesen, Sagengestalten, an Heroen und Göttern aus den großen Epen. An den großen Stoffen, die meistens wesentliche Themen des menschlichen Daseins behandeln, lassen sich oft Probleme unserer Zeit darstellen, die aus der Distanz dann klarer hervortreten, als wenn man sich realistisch abschildern würde. Dieses Verfahren kennt auch der historische Roman, der aktuelle Missstände in eine vergangene Situation projiziert, um der Zensur der eigenen Zeit auszuweichen.

Aber natürlich hat die ganze Sache auch freundliche Vorteile: Der Leser kennt aus seiner eigenen Lesetradition die Figur, vergleicht, bringt seinen Erfahrungsschatz ein, freut sich an der Variation, die wir bieten.

So nehmen wir uns die Wasserwesen vor und unter ihnen die Meerjungfrauen und Wassermänner. Die Übung verzichtet auf handwerkliche Theorie sondern lädt zu einem Traumtanz an einem nahegelegenen Badesee ein oder ähnlichem Gewässer ein.

Es oll hier nicht viel über die Geschichte der Meerjungfrauen und Wassermänner erzählt werden. Aber sie wurden in der Literatur durchaus unterschiedlich beschrieben, je nach den Erfordernissen ihrer Zeit.

Eichendorff zum Beispiel schuf 1837 in ganz romantischer Manier im Gedicht „Meeresstille“ einen ungefährlichen Wassermann, der an den schlafenden Kaiser erinnert (aber diese weitere Assoziationen und Interpretationsmöglichkeiten lassen wir für unsere Zwecke beiseite):

 

(…)

 

Seekönig auf seiner Warte
Sitzt in der Dämmrung tief,
Als ob er mit langem Barte
Über seiner Harfe schlief;
Da kommen und gehen die Schiffe
Darüber, er merkt es kaum,
Von seinem Korallenriffe
grüßt er sie wie im Traum.

 

Ganz anders das Wasserwesen in Gottfried Kellers Gedicht, 1846 geschrieben, ein ganz anderes Bild, das nichts mehr mit dem Traum der Romantik gemein hat.

 

(…)

 

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,
Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;
An den Ästen klomm die Nix herauf,
Schaute durch das grüne Eis empor.

 

(…)

 

Mit ersticktem Jammer tastet' sie
An der harten Decke her und hin –
Ich vergeß das dunkle Antlitz nie,
Immer, immer liegt es mir im Sinn!

 

Der Schrecken der beginnenden Moderne zeigt sich im Erschrecken der Figur. Nichts ist mehr wie früher, Bedrohungen nähern sich, sind unter uns, das dünne Eis kann zerbrechen, wenn es auch noch hält. Der Wassermann oder die Nixe ist ein ungreifbar Chimärisches, das wir nicht mehr vergessen können.

 

Und heute? Kafkas Poseidon beschreibt einen Meeresgott, der selten unterwegs ist in seinen Gewässern, da er nur damit beschäftigt ist, wie ein Beamter alle Meeresbewohner zu inventarisieren und katalogisieren. Bei Wellershof ist die Sirene eine unbekannte Anruferin, die den Professor der in der Midlife-Crisis steckt bedroht.

Bilder von unserem heutigen Leben, projiziert auf solche Wasserwesen, die wir mit anderen Bedeutungen kennen.

 

Oder Frederic Brown: In seiner Fish-Story lernt Robert Palmer bei Miami eine Meerjungfrau kennen, verliebt sich in sie, heiratet sie hinter der Brandung, aber beachtet leider nicht, das er durch die Heirat verwandelt wird, er bekommt einen Fischschwanz und...

 

Lassen Sie sich inspirieren und spielen Sie mit dem Motiv.

 

 

 

Übung:

 

 

 

Versuchen wir es als Genader-Variante. Noch nie etwas von Meerjungmännern gehört? Schauen Sie nur hinaus auf die Wasserfläche, die sich vor Ihnen erstreckt. Da wird schon einer auftauchen, Ein echter oder unechter?

Halten Sie sich aber nicht lange mit Definitionsfragen auf, beschreiben Sie nicht allzu lang, wie so ein Meerjungmann ausschaut. Zeigen Sie, was passiert, wenn man so einem Kerl begegnet.

Wenn Sie nicht genau wissen, wie Sie anfangen sollen?

Wie wäre es mit diesem Anfang, Frederic Brown nachempfunden:
 

 

Susanne Palmer lernte ihren Meerjungmann eines Nachts um Mitternacht an der Ozeanküste kennen, irgendwo zwischen Cape Cod und Miami.

Sie wohnte bei Freunden, aber sie war noch nicht schläfrig gewesen, als sie sich zurückzogen, und hatte sich auf einen Spaziergang begeben, den hell vom Mond erleuchteten Strand entlang. Sie kam eben um eine Biegung der Küste: Da war er, saß auf einem in den Sand eingebetteten Baumstamm.

Susanne wusste natürlich, dass es Meerjungmänner in Wirklichkeit gar nicht gibt – aber, existent oder nicht, er war eben da. Sie ging näher an sie heran, und als sie nicht mehr als ein paar Schritte von ihm entfernt war….

 

 

 

Viele erholsame Stunden wünscht

 

Ihr

 

Arwed Vogel

 

 

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