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Eine Übung pro Monat

 

Schreibübung Mai 2024

 

 

Literarischer Frühlingsstoff:

Aufbruchsgeschichten

 

 

Frühling ist die Zeit des Aufbruchs. Die Zeit der Starre des Winters ist vorbei, die Reiselust wächst, der Wunsch, dem Leben eine neue Richtung zu geben.

Dabei geschehen nicht alle Aufbrüche im Frühling freiwillig.

 

Sogar bei Eichendorff lesen wir :

 

Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf dem Kopfe, der sagte zu mir: «Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot.» – «Nun», sagte ich, «wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.»


 

Die Worte des Vater sind das auslösende Ereignis, dass zum Aufbruch führt.

Neben der romantischen Utopie, in der Ferne sein Glück zu finden, im Schweifen, Unterwegssein war der Aufbruch auch oft Notwendigkeit. Flucht vor dem Krieg, vor einem Regime, Flucht aus einer Beziehung, Flucht aus einem unerträglichen Arbeitsverhältnis, Flucht aus unangenehmen Lebensumständen. Das bildet in der heutigen Zeit den eigentlichen literarischen Stoff, wenn es auch nach wie vor Aufbrüche in den Familienurlaub gibt, die chaotischer nicht sein können und genügend Stoff für komische und satirische Kurzgeschichten abgeben.

Daneben gibt es auch den Aufbruch in spirituelles Neuland, um sich selbst zu verwirklichen oder um einfach nicht still stehen zu müssen.

 

Welches Thema wir auch nehmen: Aufbruchsgeschichten haben einen Handlungsgrundriss der variiert werden kann, aber oft sehr ähnlich ist.

An diesem kann man sich orientieren, wenn man das Thema wählt.

Hier ein Rezept, das zum Weiterdenken inspirieren soll:

 

Man nehme als Grundlage:

 

  • eine Figur (Geschlecht, Alter, Beruf)

  • ein Thema (Beruf, Liebe, Politik)

  • eine Situation, in der sich die Figur befindet (das kann ganz alltäglich sein)

  • versuchsweise einen zusammenfassenden Satz, wenn man schon einiges über die Handlung weiß:

    „Sie will nicht mehr ….. und macht sich auf, um ….., erlebt aber wie sie ….. und kommt …..

 

Folgende Erzählschritte bieten sich an:

 

  1. Krise: Bedrohung, Verlust, o.ä. fordert einen Neuanfang

  2. Entschluss: Eine Willensentscheidung der Figur

  3. Die Frage: Was darf/soll/muss mit? (Gedanken und äußere Handlung)

  4. Abschied und Aufbruch (Handlung)

  5. Zweifel: ambivalente Gedanken, die vertiefend wirken (Gedanken)

  6. Verlust/Wegzoll: Verstärkt die Zweifel; die Spannung steigt, ob der Aufbruch gelingt (äußere Handlung und Gedanken)

  7. Wahrnehmung der eigenen Identität: Das Ich wird gestärkt, trotz aller Schwierigkeiten (Gedanken)

  8. Ekstase: Die Figur ist der Meinung, dass ihr alles gelingen kann (Gedanken)

  9. Selbsterkenntnis: Die Figur hinterfragt sich, ob ihr Weg der richtige ist. (retardierendes Moment: Gedanken)

  10. Neuanfang: Der Figur ist der Aufbruch gelungen oder sie kehrt zurück (äußere Handlung)

 

Man sieht, dass diese zehn Punkte vorwiegend in der Innenperspektive dargestellt werden. Beim Schreiben ist es nötig, die äußeren Handlungselemente zu finden, welche die inneren Vorgänge auslösen.

Durch die zwei Wendepunkte in 4/5 und 8/9/10 entwickelt sich der Text nicht geradlinig, sondern in einer Sägezahnkurve, was eine optimale Spannungsentwicklung fördert.

Versuchen Sie es, nutzen Sie das Muster, um eine funktionierende Geschichte zu schreiben, in der eine Figur aufbricht.

 

 

Die Übung:

 

Gehen Sie wie oben beschrieben vor.

Achten Sie besonders darauf, dass die Bewusstseinsvorgänge (Innenperspektive) gut und kontinuierlich dargestellt werden. Achten Sie darauf, dass jeder der zehn Punkte durch ein äußeres Ereignis ausgelöst, zumindest begleitet wird. Innere Krisen kommen bei literarischen Figuren nicht von selbst, sondern werden häufig durch äußere Umstände begonnen.

 

Mit herzlichen Grüßen

 

 

Arwed Vogel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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