Literaturprojekt
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Eine Übung pro Monat

 

Schreibübung Januar 2020

 

 

Darstellung von Gefühlen 5: Projektion auf die Sprache (Satzbau)

 

 

Wir widmen uns heute einem Thema, das nicht ganz leicht zu sein scheint, dem aber dennoch eine wesentliche Bedeutung im literarischen Prozess zukommt. Dazu gehört aber die Bereitschaft sich mit Sprache zu beschäftigen, auch wenn das von vielen als überflüssig angesehen wird, da ja der Leser sich nicht anstrengen wolle und möglichst gar nicht merken soll, dass er liest. Auf sprachunempfindliche Leser, schreibt allerdings auch der Kollege Stephan Waldscheidt, sollte man sich aber nicht verlassen, weil sie langfristig das Ende der Literatur bedeuteten.

 

In vier vorausgegangenen Übungen haben wir uns schon beschäftigt, wie sich Gefühle darstellen lassen. Körpersprache, Projektion auf den Raum und den Erzählerbericht hatten wir thematisiert. Nun kommen wir zur sprachlichen Struktur, wobei der Satzbau eine wesentliche Rolle spielt.

Es gilt also, den Satzbau der inneren Gefühlslage unserer Figur anzupassen, um auf den Leser das Gefühl indirekt zu übertragen – er spürt durch das unbewusste Wahrnehmen der Textstruktur die Gefühle der Figur intensiver.

 

Nun wäre es angenehm, wenn wir eine Liste hätten, welches Gefühl sich durch welche Stilfigur zum Ausdruck bringen ließe. Es lässt sich aber sehr schnell festellen, dass Stilmittel in unterschiedlicher Anwendung und Zusammenhängen ganz unterschiedliche Wirkungen erzielen.

 

So kann ein monotoner Satzbau sowohl Langeweile, gespannte Kälte wie auch Eile darstellen, je nachdem mit welchem Stilmittel er kombiniert wird.

 

Grundsätzlich gilt aber dann doch, dass ein dynamischer, sich steigernder Satzbau auch Eile, Intensität des Erlebens vermittelt, während ein ruhiges Fließen tatsächlich auch Ruhe und Gelassenheit der Figur darstellt.

In diesem kurzen Zitat des Romans von Victor Hugo „Notre-Dame“ sieht man sehr deutlich wie die Panik der Figur nicht nur mit Worten, sondern auch im Satzbau dargestellt wird:

 

Er war bleich und verstört, angstvoller, blinder und scheuer als ein Nachtvogel (…). Er ging, er lief, er bog wahllos um die Straßenecken und wurde nur von dem einen Gefühl getrieben, den Grève-Platz, den fürchterlichen Grève-Platz so weit wie möglich hinter sich zu lassen.

 

Das ist große Erzählkunst und sie lässt sich an kleinen Wörtern festmachen wie dem „und“ zwischen „bleich“ und „verstört“. Dem breiten Adjektiv „angstvoller“ (schon gesteigert) und die neuerliche Kombination „blinder“ und „scheuer“(ebenfalls gesteigert) - insgesamt fünf Adjektive, aber in großartiger Dynamik kombiniert; der nächste Satz macht da weiter mit drei Verben: Gehen, laufen, biegen und mit einer verstärkenden Wiederholung (den Grève-Platz, den fürchterlichen Grève-Platz) und einem Verstärker-Adjektiv (fürchterlich), welches das Innere der Figur widerhallen und die Panik der Figur noch deutlicher werden lässt.

 

Das lässt sich realisieren mit dem einfachen Stilmittel der Wiederholung, parallelen Konstruktionen, die eigentlich die Zeit dehnen. Aber in Kombination mit den verkürzten Satzteilen bilden sie das dynamische Gegenmittel, bringen Geschwindigkeit in zwei leicht überlangen Sätzen

Darf es auch langweiliger sein? Aber natürlich: Wenn ich die Stilmittel weglasse und ordentlich schreibe - ohne die Sprache zu ästhetisieren - klingt das so:

 

Er war bleich und verstört. Und er war voller Angst. Er war fast so blind und scheu wie ein Nachtvogel. Er lief durch die Stadt und bog dabei immer wieder um Straßenecken. Das Gefühl trieb ihn an, den Grève-Platz, den er als fürchterlich empfand so weit wie möglich hinter sich zu lassen.

 

Soweit ein erster Versuch zu einem umfangreichen Thema. In den Übungen der nächsten Monate werde ich dann immer wieder einzelne Stilfiguren und ihre Wirkung beschreiben.

 

 

Übung:

 

  1. Wenn Sie den Roman „Notre-Dame“ nicht im Bücherschrank haben, macht das für diese Übung gar nichts. Im Gegenteil. Schreiben Sie den Anfang der Geschichte weiter. Im Stil von Hugo und genießen Sie, dass Sie nicht nur schreiben, sondern erzählen - mit einer starken Stimme:

 

Er war bleich und verstört, angstvoller, blinder und scheuer als ein Nachtvogel (…). Er ging, er lief, er bog wahllos um die Straßenecken und wurde nur von dem einen Gefühl getrieben, den Grève-Platz, den fürchterlichen Grève-Platz so weit wie möglich hinter sich zu lassen.

 

Schreiben Sie, was weiter passiert: Die Figur läuft aus Paris hinaus in die Vorstädte, dann wird sie ruhiger.

Versuchen Sie die Ruhe auch im Satzbau herzustellen, langsam den Satzbau zu normalisieren, den Leser zu Atem kommen zu lassen, so wie auch die Figur zu Atem kommt. Im Roman allerdings nicht sehr lang, denn Hugo ist ein ausgezeichneter Dramaturg. In ihrem Text darf das schrittweise geschehen und etwas dauern.

 

 

  1. Versuchen Sie das Gegenteil: Eine Figur liegt im Bett und hat Angst. Versuchen Sie durch die Beschreibung des Zimmers, dessen was sie im Dunkel oder Halbdunkel noch sieht, vor allem der Geräusche, vielleicht auch von Gerüchen, Angst auf die sprachliche Beschreibung zu projizieren:

 

  • durch vornehmlich kurze Sätze

  • durch einen langen Satz, in dem sich Parallelkonstruktionen finden, also einzelne Momente wiederholt werden.

 

 

 

Ein winterliches Gruseln wünscht

 

 

Arwed Vogel

 

 

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