Literaturprojekt
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Eine Übung pro Monat

 

Schreibübung Mai 2021

 

 

Literarischer Frühlingsstoff: Übernachten an einem seltsamen Ort

 

 

In dieser Übung probieren wir nicht eine bestimmte literarische Technik aus, sondern kombinieren verschiedene Momente zu einer ungewöhnlichen Szene.

Wieder ist die Reise unser Motiv, diesmal führt sie aber tatsächlich in die Fremde - an einen Ort, der unserer Figur nicht bekannt ist. Es kommt ja nicht so selten vor: Man trifft mit dem letzten Bus oder Flugzeug in einer fremden Stadt ein, hat kein Hotel gebucht, irrt durch die menschenleeren Straßen auf der Suche nach einer Übernachtungsgelegenheit.

Schließlich findet die Figur einen Ort, der es ihr ermöglicht, die Nacht ein wenig geschützt vor Wind und Kälte zu verbringen. Sie lässt sich dort nieder, hat aber nicht mit den Schwierigkeiten gerechnet, die mit dem Wahl dieses Ortes auf sie zukommen.

 

Wenn wir eine Szene schreiben und darum soll ja es in unserer Übung gehen, sind einige Regeln zu beachten, die ich frei nach Titus Müller hier wiedergebe:

 

  1. Am Anfang muss der Leser eine Vorstellung von dem Raum bekommen, eine Orientierung, so dass er eine Vorstellung entwickeln kann, wo sich unsere Figur befindet.

  2. Die Perspektive muss an Anfang eingestellt werden. Wo steht die Kamera, durch welche Figur wird das Geschehen gezeigt.

  3. Es müssen sinnliche Details vermittelt werden. Je mehr der Leser nicht nur sieht, sondern auch hört, riecht, schmeckt, desto intensiver wird die Szene auf ihn wirken.

  4. Besonders bei ungewöhnlichen Ereignissen muss man sehr einfache, alltägliche Details verwenden, damit der Leser das ungewöhnliche Geschehen in eine reale Vorstellungswelt einbetten kann.

 

Was hat das alles jetzt aber mit dem Frühling zu tun? Noch nicht sehr viel. Aber in unserer Übung wollen wir einen seltsamen Ort wählen, den unsere Figur notgedrungen auswählt. Und den gibt es vor allem im Frühling.

An seltsamen Orten können Grotesken entstehen. Eine Groteske entsteht, wenn wir realistisch erzählen, einen Aspekt aber verzerrt oder phantastisch darstellen, während die anderen Elemente der geschilderten Welt realistisch und stabil bleiben. Die Schere zwischen realer Welt und irrealem Element wird vom Leser als grotesk erlebt.

Sie wissen schon, an welchem Ort unsere Figur einnachtet? Es soll ein Vogelnest sein, in das unsere Figur auf der Suche nach Schutz klettert. Die Größenverhältnisse werden von uns negiert, wir kümmern uns nicht darum, dass man eigentlich nicht in einem Vogelnest übernachten kann. In dem Moment, in dem die Figur das Vogelnest betritt, ist sie viel kleiner, aber das kommentieren oder erwähnen es nicht. Es ist einfach so.

 

Nun passieren in einer Szene Ereignisse, sonst würde es ja gar nicht lohnen, solche zu beschreiben. Wenn Sie glauben, dass das nicht in einem Vogelnest der Fall sein kann, dann überlegen Sie, was in so einem Vogelnest alles passieren kann.

Neben den legitimen Bewohnern gibt es auch möglicherweise Flöhe, es gibt Eier oder schon Vogeljunge, die es gar nicht gern haben, wenn ein neuen Bewohner zu ihnen stößt oder vielleicht sogar gerade. Vielleicht ist es das Nest einer Elster, in der sich verschiedene Gegenstände finden. Oder es treten Nesträuber auf, die unsere Figur in Kämpfe verwickelt oder ihr Schutz bietet.

 

Wir eröffnen mit dieser Operation der kleinen Veränderung der Größenverhältnisse ein großes Erzählfeld für neue Texte, Motive und spannende Handlungen.

 

 

Übung:

 

  1. Beginnen Sie mit der Szene, dass eine Figur in ein Vogelnest einsteigt. Dabei soll das Vogelnest gezeigt werden, nicht genannt. Der Leser soll selber herausfinden, dass es ein Vogelnest ist.

  2. Dann lassen Sie etwas passieren: Entweder wirkt die Umwelt auf das Vogelnest ein. Oder ein ungebetener Gast tritt auf. Oder unsere Figur bekommt Skrupel.

  3. Ein zweites Ereignis tritt ein, welches auf das erste Ereignis ein anderes Licht wirft. Ein Nesträuber warnt vor dem Vogel oder umgekehrt. Der Freund wird zum Feind, der Störer zum Retter.

  4. Schließlich trifft die Figur ein innermenschliches Ereignis: eine Erinnerung, eine Idee, eine Erkenntnis, eine Vision oder Vorahnung führt dazu, dass die Figur eine Entscheidung trifft.

 

 

 

Viel Vergnügen mit diesen Aufgaben und gute Gesundheit wünscht,

 

 

Arwed Vogel

 

 

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Schreibübung März 2021 Literarischer Sti[...]
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Schreibübung April 2021 Perspekt. Landsc[...]
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