Literaturprojekt
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Eine Übung pro Monat

 

Schreibübung November 2019

 

 

Die erlebte Rede 2 – Figuren- oder erzählerorientiertes Schreiben


 

Unter den verschiedenen Möglichkeiten Gefühle und Gedanken einer literarischen Figur wiederzugeben, gehört die erlebte Rede zu den interessanten, wenn auch nicht ganz leicht zu schreibenden Darstellungsweisen. Das liegt daran, dass sie ein kunstvolles Konstrukt ist, was dem Leser aber nicht auffällt.

In der erlebten Rede gibt der Erzähler die Gedanken der Figur in der 3. Person wieder. Die erlebte Rede steht im Indikativ und nicht im Konjunktiv, wie die indirekte Rede. Sie steht in der Vergangenheitsform, entweder im Präteritum (dem üblichen Erzähltempus):

Er sah sie unten in die Kutsche steigen: Sie liebte ihn nicht.

Oder dem Plusquamperfekt:

Er sah sie unten in die Kutsche steigen. Hatte er nicht schon immer gewusst, dass sie ihn nicht liebte?

Das Subjekt des ersten Satz markiert die Figur, welche die Gedanken hat, im zweiten Satz gibt der Erzähler den Gedanken der Figur wieder. Erzähler und Figur sind dadurch gleichermaßen präsent.

Anders als im direkten Gedanken „Er dachte: Sie liebt mich nicht.“ wirkt das Geschehen weniger szenisch, sondern erzählerischer, hat dadurch mehr Atem und wirkt gelassener. Deswegen wird die erlebte Rede auch heute noch genutzt, um längere Gedankengänge der Figur darzustellen, Überlegungen, Reflektionen, die lebendig sein sollen und doch zu lang und komplex und vor allem konfliktarm und wenig emotional sind, um sie im Inneren Monolog oder in direkten Gedanken darzustellen.

Dennoch bietet die erlebte Rede Variationsmöglichkeiten. Wir können sogar mit ihr unsere Figur charakterisieren. Denn es stellt sich die Frage, mit welcher Sprache der Erzähler die Gedanken der Figur wiedergibt. Nähert sie sich der Sprache der Figur an, die sich möglicherweise von seiner Erzählersprache unterscheidet, rückt die Figur etwas stärker in den Mittelpunkt. Das geht natürlich nur, wenn die Figur aus einem bestimmten Milieu stammt, durch Sprecheigentümlichkeiten charakterisiert ist oder Dialekt spricht.

Wählt er die Sprache, in der er als Erzähler die Partien erzählt, in denen er kommentiert, bewertet, zusammenfasst, berichtet, eine Sprache, die sich vielleicht von den Figuren ebenfalls unterscheidet, was bei Thomas Mann mit seinen humorvollen Erzählpositionen sehr gut zu beobachten ist, dann wird der Text in diesem Augenblick auktorialer und breiter.

Um dieses Spiel zu spielen, muss ich mir Gedanken machen: Über die Sprache meiner Figuren, über die Erzählpositionen des Erzählers, denn das schlichte personale Erzählen, das weitgehend szenisch angelegt ist, wird hier kunstvoll erweitert und führt zu mehr Literarizität.


 

Übung:


 

Folgender Text ist in der Erlebten Rede geschrieben. Dabei ist er weitgehend erzählerorientiert, also in einer unauffälligen Sprache geschrieben.


 

„Jochen ging langsam durch die Halle. Er hatte es nicht gewusst. Es war eine Gemeinheit, geradezu eine Unverschämtheit gewesen, was Hannah getan hatte. Sie war niemals frei gewesen. Das hatte er nicht gewusst. Der andere war wohl immer in Hannahs Gedanken, als sie sich trafen. Und was sie ihm erzählte! Ja, das waren nichts anderes als seine Worte, die sie wiedergegeben hatte, um ihn, ihn zu beeindrucken, der sich soviel Mühe gegeben hatte. Der immer für sie da gewesen war, wenn sie ein Problem hatte. Den sie anrufen konnte, Tag und Nacht. Es war zum Verzweifeln. Warum war sie nicht ehrlich gewesen und hatte es ihm gesagt. Vielleicht hätte sich dann gar nichts geändert. Er wäre vermutlich genauso für sie da gewesen wie damals. Und jetzt? Änderte sich etwas. Nichts änderte sich. Morgen ging er zu ihr. Morgen sah er, ob er sie weiter lieben konnte.“


 

Wie stellen Sie sich Jochen vor? Der Text vermittelt sprachlich den Eindruck, dass Jochen ein erwachsener Mann ist.


 

  1. Versuchen Sie nun Jochen allein dadurch jünger zu machen, dass Sie die neutrale erlebte Rede figurenorientiert gestalten. Das geschieht dadurch, dass sie die Ausdrucksweise mit idiomatischen Worten und Wendungen (Ausdrücke, die nur von einer bestimmten Gruppe von Menschen benutzt werden) anreichern, die typisch für junge Menschen sind.

  2. Versuchen Sie, je nachdem wo Sie wohnen, aus Jochen einen norddeutsch oder süddeutsch sprechenden Menschen zu machen.

  3. Machen Sie aus Jochen einen Kleinverbrecher, dessen Leben sich im Gangster-Milieu zwischen Bier-Büdchen und Gelegenheitseinbrüchen bewegt.


 

Viel Vergnügen


 

Arwed Vogel


 

 

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