Literaturprojekt
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Eine Übung pro Monat

 

Schreibübung Januar 2018

 

 

 

Die Ankunftsszene


 

"Es war spätabends als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schlossberg war nichts zu sehen. Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloss an."


 

Das ist vielleicht eine der berühmtesten Ankunftsszenen, der modernen deutschsprachigen Literatur. Das Schloss von Kafka, in dem es auch darum geht, dass K. nie ankommt, immer in einem Dazwischen zwischen Warten, Hoffen und Versuchen steht.

Ein Sinnbild für den modernen Menschen, der ebenfalls nicht ankommt, auch wenn er den einen oder anderen Zielpunkt erreicht, dort aber feststellt, dass dieser Zielpunkt nur eine Zwischenstation ist und sein kann.

Damit soll gesagt sein, dass Ankunft ein sehr komplexer Prozess sein kann. Die Tatsache, dass eine Figur einen Raum erreicht, den es vielleicht noch nicht kennt, hat dabei eher eine untergeordnete Bedeutung. Denn wenn in einem literarischen Text Reisen oder Fahrten beschrieben werden, führen sie meistens zu einer Identitätsentwicklung der literarischen Figur. Das war in der klassischen Literatur nicht anders als in der zeitgenössischen.

Wenn man das nicht darstellen will, kann man auch auf die Beschreibung der Ankunft einer Figur verzichten.

 

"Zwei Stunden, nachdem er sein Hotelzimmer bezogen hatte, machte sich Ronstedt daran..."

oder

"Nachdem er drei Tage in der Stadt war, fühlte er sich, als wäre er nie fort gewesen."

 

So könnte man den Moment der Ankunft aussparen und mit der Handlung an der Stelle fortfahren, an der sie weitergeht.

Wenn wir aber daran gehen, eine Ankunft zu beschreiben, so empfiehlt sich folgender Ablauf, um die Emotionalität der literarischen Figur deutlich zu machen.


 

  1. Beschreibung des Raums aus der Wahrnehmung der Figur:

 

Was die Figur von dem neuen Raum sieht, wie sie ihn wahrnimmt, wie sicher oder unsicher sie sich fühlt, wird am Anfang des Textes beschrieben.

 

"Das Haus lag am Rand eines Industriegebiets. Vom Bahnhof, wo er sein Gepäck weggeschlossen hatte, ginge er zu Fuß in die erfragte Richtung, lief zweimal in die Irre, hatte obendrein die Distanz unterschätzt." (Die Einzigen, Norbert Niemann)

 

Das ist kein Zufall und liegt nicht nur an der Unübersichtlichkeit der Gegend, sondern an der Verfasstheit der Person gegenüber der Reise, ja, an dem Vorhaben selbst. Denn kurz darauf...


 

  1. Wechsel in die Innenperspektive

 

...erfahren wir Genaueres über die Emotion der Figur kurz vor der Ankunft:

 

"Warum war er hierhergekommen? Noch einmal blitzte die Frage auf, die er sich während der Anreise wiederholt gestellt hatte..." (ebd.)

 

In diesem Wechsel können wir noch einmal dem Leser die Situation der Figur und wie sie diese reflektiert verdeutlichen.


 

  1. Beschreibung der ersten Begegnung und innere Reaktion der Figur als Wendepunkt


Wer sieht wen und was sieht unsere literarische Figur jetzt, nachdem sie in den Raum eingedrungen ist, mit ihm konfrontiert ist. Kommt es zu Blickkontakten, ersten Worten, hilflosen, gewollten Umarmungen oder zu einem Schweigen, weil niemand etwas zu sagen weiß.

 

"...und dann stand ich auf dem Bahnsteig und ging los, Richtung Ausgang, und als ich Raoul endlich sah, wusste ich sofort und mir auswegsloser Sicherheit, dass ich mich getäuscht hatte," (Ruth (Freundinnen), Judith Hermann)

 

Gefolgt also wiederum von einer schnellen Reaktion in der Innenperspektive.


 

Wir sehen hier, wie wichtig es ist, die Ankunftsszene emotional eng zu begleiten. Dadurch können wir die Figur in einen neuen emotionalen Zustand führen, sowie die Verhältnisse der Figuren untereinander zur Darstellung bringen.

Das Geheimnis lautet: Langsam beschreiben, genau hinschauen, Wechsel zwischen Außen und Innen, um die Veränderung dem Leser zu verdeutlichen.

 

 

 

Übung:

 

 

1. Wenn Sie sich an eine Ankunft Ihres Lebens zu erinnern versuchen, welche fällt Ihnen ein?

 

Beschreiben Sie diese Ankunft aus Ihrer damaligen Sicht als Szene ohne fiktionales Zutun: Aber genau und im klaren Wechsel zwischen Innen- und Außenperspektive in den oben geschilderten drei Schritten.

 

2. Beschreiben Sie einen Menschen, der in eine Wohnung kommt.

 

2.1 Er kennt die Wohnung, wollte nie dorthin

 

2.2 Er kennt die Wohnung nicht, wollte aber dorthin



 

Ich hoffe, Sie sind im neuen Jahr gut angekommen. Ich wünsche Ihnen viele kreative, gesunde, glückliche Tage in diesen Zeiten...

 

Herzlichst

 

Ihr

Arwed Vogel

 

 

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