Literaturprojekt
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Eine Übung pro Monat

Schreibübung September 2019

 

Lustvolles Leserquälen 3: Falsche Spuren legen


Nichts ist langweiliger für einen Leser, als wenn er die Lösung der Geschichte schon vor dem Ende kennt, sofern der Text nicht allein wegen seiner sprachlichen Qualitäten gelesen wird.
Es hilft auch wenig, wenn er am Ende des Textes eine Lösung präsentiert bekommt, die ihn überrascht, auf die er aber nie hätte selber kommen können. Er würde sich betrogen fühlen, das Lesen des Textes hätte sich nicht gelohnt.
Am liebsten hat er es, wenn er durch eine vorbereitete Überra-schung erkennt, dass er die Lösung hätte finden können, sie vielleicht schon erwogen, aber schließlich wieder verworfen hat oder
einfach nicht darauf gekommen ist, obwohl eigentlich alles auf der Hand lag. Und das, was auf der Hand lag, sind die richtigen Spuren, die zwischen den falschen Spuren, die gelegt werden, nicht
ausreichend beachtet werden.
Falsche Spuren dienen also dazu, die richtigen Spuren zu verschleiern, die man ebenfalls legen muss, da sonst der Leser keine Vorausdeutung vornehmen kann. Und Vorausdeutungen sind ein wesentliches Merkmal des literarischen Textes, unterscheiden ihn vom Sachbericht oder faktisch geprägten Erzählungen aus dem realen Leben, die unter dem Regiment des Zufalls stehen.
Wie legt man falsche Spuren, welche die Aufmerksamkeit des Lesers stärker auf sich ziehen, als die
richtigen Spuren?


1. Gleichwertigkeit: Alle Spuren müssen gleichwertig nebeneinander stehen und prinzipiell
gleich wahrscheinlich sein. (Wenn drei Gärtner und der Ehemann unter Verdacht stehen, die Hausfrau getötet zu haben und nur der Ehemann ein Motiv hat, dann haben wir keine
Gleichwertigkeit.)


2. Dekontextualisierung: Die Spuren können aus dem Zusammenhang der Geschichte und ihrer Notwendigkeit gelöst sein. Dies kann man realisieren, indem bspw. eine Nebenfigur einen
Verdacht äußert, die selber unter Verdacht steht. Selten wird der Leser dieser Figur glauben. (Ein Pfarrer, der die Hauptfigur fragt, ob er etwas zu beichten habe, wird nicht weiter beachtet, denn Pfarrer fragen so etwas aus Berufsgründen. Der Leser wird nicht sonderlich
darauf achten: Hier lohnt es sich in das Stück „Der Besuch der alten Dame“ von Dürrenmatt hineinzuschauen: Kurz bevor die alte Dame ankommt, wird die gesamte Entwicklung vorgezeichnet: Nur merkt es der Leser oder Zuschauer nicht gleich, denn die Figuren, die sie
aussprechen, geben die Informationen aus anderen Gründen wieder, der Leser kann mit ihnen nicht viel anfangen, sie werden ohne Kontext erzählt und verbinden sich erst später.)


3. Plausibilität: Damit der Leser auch die falschen Spuren als die vermeintlich richtigen akzeptiert, müssen die falschen Spuren dem Menschenbild des Lesers, seinen Vorstellungen von der Welt eher entsprechen, also naheliegender sein. Denn das, was der Leser als erstes in seinen Gedanken findet, wird er auch weiterdenken, denn er ist ja  beim Lesen und hatnicht endlos Zeit über die einzelnen Details nachzudenken. Sollte die Lösung nicht sonderlich außergewöhnlich sein, gilt es also noch naheliegendere Angebote zu machen. Geschulte Leser werden manchmal auch versuchsweise umgekehrt denken, besonders im Krimi (natürlich ist der Gärtner nicht der Mörder, weil er ja immer..., also ist es...) Aber in diesem Fall ist es fast gleichgültig, zu welcher Entscheidung der Leser
kommt. Wichtig ist doch nur, dass er durch solche Gedanken in eine Unentschiedenheit gerät, mit dem wir ihn weiter in die falsche Richtung lenken.


Ich möchte hier ausdrücklich betonen, dass nicht nur im Krimi diese Fragen wichtig sind, sondern in vielen literarischen Werken, wie Kurzgeschichten, Theaterstücken und Romanen, in denen es
vielleicht nicht um die Aufklärung eines Verbrechens, aber um das Charakterbild einer Figur geht: Und hier ist es ja genauso wichtig, den Leser im Unklaren zu lassen, Umbrüche zu erzielen. Nicht
in allen literarischen Werken finden wir diese Spiele. Solche Strukturen zu konstruieren, heißt dem Leser mehr Aufmerksamkeit abzuverlangen, weil er unsicher ist und immer gespannt, was passieren wird und was er nicht übersehen darf. Er liest dann intensiver.

 


Übung:


Zwei Übungen, mit denen Sie das Spiel mit falschen Spuren ausprobieren können:


1. Ein Mann und eine Frau stehen vor einem Haus, gehen um es herum, versuchen einzudringen.
Als es ihnen gelingt, stellt der Leser fest, dass sie es aus einem ganz anderen Grund gemacht haben, als er angenommen hat.

 

2. Ein Mann und eine Frau stehen vor einem Haus, gehen um es herum, versuchen einzudringen. Der Leser hat den Eindruck, dass sie einen Ort für ein verbotene Liebesstündchen suchen.
Als es ihnen gelingt, stellt der Leser fest, dass sie ein Verbrechen vertuschen wollen.
Versuchen Sie die falschen Spuren durch Körpersprache und Wahrnehmungen der Figuren, aber auch durch die Darstellung des Raums und vieler Details, die auch in die Handlung eingebaut
werden, deutlich zu machen.

 

Viel Erfolg und Vergnügen

 

Ihr

 

Arwed Vogel

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