Literaturprojekt
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Eine Übung pro Monat

 

Schreibübung Oktober 2020

 

 

Literarische Sprache und Stil 2:

 

Die Akkumulation: Leicht und beschwingt schreiben

 

 

Um in einer bestimmten Weise zu erzählen, braucht man Stilmittel. Diese Stilmittel kenne viele von uns noch aus der Schule, in der man von uns mit einer langen Liste verlangt hat, Stilmittel in einem Gedicht oder einem Stück Prosa herauszufinden.

Insofern kann ich jeden verstehen, der sagt, das er lieber intuitiv schreibe und dann würde sich schon aufgrund der eigenen Persönlichkeit, die sich ja auch in sprachliche Gestaltung übersetzt, ein Stil ergeben. Hat nicht auch Buffon gesagt: Der Stil ist der Mensch selbst. Ich weiß nicht, ob bei Autoren wie Thomas Bernhard die starke menschliche Haltung den Stil geprägt hat oder ob er nicht auch über Stilmittel intensiv nachgedacht hat – vermutlich doch beides.

 

Wir beschäftigen uns heute mit einem Stilmittel, dass wohl selten bewusst angewendet wird, kaum beschrieben wird, dass wir aber in Kursen immer wieder erfolgreich ausprobiert haben um einen leichten, beschwingten Stil zu erzeugen.

Es ist das Stilmittel der Worthäufung, dass sich in drei verschiedenen Ausprägungen findet. Wir wollen uns aber hier mit der Reihung, der Akkumulation beschäftigen.

Es geht ganz einfach und macht schon beim Schreiben Spaß und das ist wahrscheinlich der Grund, warum es auch dem Leser angenehme Empfindungen vermittelt.

 

Statt eines Oberbegriff, der zusammenfasst, werden mehrere Unterbegriffe aneinandergereiht. Dadurch vermittelt sich eine Fülle von Einzelempfindungen, die einen Text in Schwingung geraten lassen.

 

Ein einzelnes Detail, ein aktives, ausdrucksstarkes Verb vermittelt mehr sinnliche Empfindungen, als jede abstrakte Zusammenfassung. Nun steht in den meisten Ratgebern, dass man jedes überflüssige Wort vermeiden soll. Das mag wohl generell stimmen, aber nicht in diesem Fall. Zudem ist in der Reihung kein Wort überflüssig, da es ja den Schwingungseffekt erzeugt.

Grundsätzlich gilt jedoch auch hier, dass Stilmittel sparsam angewendet werden sollen, nur dort wo sie notwendig sind.

 

Schiller kannte dieses Stilmittel, Wassermann und Sethe haben sie für ihre Wortkunstwerke verwendet, die so natürlich daherkommen und so klug durchdacht sind. Und natürlich Eichendorff mit dem berühmten Anfang aus dem Taugenichts:

 

Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen

 

„brauste und rauschte“, „zwitscherten und tummelten“ sind Akkumulationen, die ein strenger Lektor vielleicht streichen würde: Abgesehen von der Lautmalerei erzeugt es jedoch frühlingshafte Fröhlichkeit. Dieses Stilmittel wurde von Eichendorf auch nur an dieser Stelle am Anfang angewendet. Weite Teile des Textes sind ohne Akkumulationen erzählt.

 

 

Noch ein zweites Beispiel aus der Feder von Jakob Wassermann:

 

„Sie haben keine Namen; sie haben dafür Betätigungen, Ämter, Missionen und unterschiedliche Schicksale. Es sind Kaufleute, Richter, Ärzte, Funktionäre, Kleinbürger, Handwerker, Literaten und Frauen aller Art, jeden Alters, jeden Standes.“

 

Die Aufzählung intensiviert den Text, lässt Bilder entstehen und wirkt viel dynamischer als ein zusammenfassender knapper Begriff.

 

Probieren Sie es doch einmal aus:

 

 

Übung:

 

Gehen Sie hinaus in den Stadtpark oder auf ein Feld mit Aussicht oder an einen Waldrand oder noch besser in die Berge, wenn Sie auf dem Land wohnen.

 

Versuchen Sie sich heute an einer perspektivischen Landschaftsbeschreibung, die sie knapp und klar halten.

 

Dann schreiben Sie den Text um: Suchen Sie sich für jedes Hauptwort zwei Hauptwörter, verdoppeln Sie die Verben und streichen Sie die Adjektive.

Sie werden sehen dass der Text trotz größerem Volumen leicht und beschwingt klingen wird, eine gewisse Fröhlichkeit ausstrahlt.

 

 

 

Mit herzlichen Grüßen

 

Arwed Vogel

 

 

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