Literaturprojekt
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Eine Übung pro Monat

 

Schreibübung Juli 2020

 

 

 

Erzählpositionen der Ich-Erzählsituation 2: Das erlebende Ich

 

 

 

Im März diesen Jahres haben wir uns zum ersten Mal mit den Positionen der Ich-Erzählsituation beschäftigt, mit der Frage, wie zentral oder randständig der Ich-Erzähler in der Geschichte positioniert ist, was er also von der Geschichte weiß. Schon erwähnt hatte ich dabei, dass der Ich-Erzähler sich in zwei verschiedene Ich-Erzähler aufspaltet: Das Ich, das erzählt – und das Ich, das die Geschichte zuvor erlebt hat. Diese Aufspaltung reflektieren viele unerfahrene Autor*innen nicht und ihre Geschichten bleiben genau deswegen eindimensional und leben nicht aus der Schwingung zwischen dem Damals des Erlebens und dem Heute des Erzählens.

 

Heute beschäftigen wir uns mit dem sogenannten erlebenden Ich.

Ein erlebendes Ich entsteht in dem Moment, indem ein Ich-Erzähler sich nicht nur an das Geschehen erinnert, sondern das Geschehen in sich so erinnert, wie er es zu erleben geglaubt hat, eintaucht in seine Erinnerungen. Die Bilder stehen wieder vor seinem Auge und er kann dem Leser perspektivisch die Szene wiedergegeben, als sei er dabei gewesen.

 

Das ist deswegen so wichtig, da der gleichförmig sprechende Erzähler, der uns von damals berichtet, den Leser nicht sinnlich mitnehmen kann. Er spricht über ein Ereignis, aber er teilt es nicht mit. Die Maxime „show - don‘t tell“ kennen viele - sie ist fast ein wenig zur Ideologie geworden, aber sie ist ein wichtiger Teil der Ich-Erzählsituation.

 

Im Fluss des berichteten Erzählens des erzählenden Ichs, das Ereignisse und Entwicklungen zusammenfasst und zeitlich zusammenrafft, wird plötzlich angehalten. Wie an einem Bahnhof, an dem der Zug plötzlich stehenbleibt, erwachen wir aus dem gleichmäßigen Betrachten der vorbeiziehenden Landschaft, öffnen das Fenster, befinden uns wieder im Hier und Jetzt, Hören, Spüren, Sehen, Erleben das mit, was auf dem Bahnhof passiert, unmittelbar und nah - eine gewisse Zeit nur – bis der Zug wieder Fahrt aufnimmt und wir die Landschaft aus der Distanz durch das geschlossene Abteilfenster sehen.

Dieser zeitliche Wechsel erzeugt besonders bei längeren Texten einen Rhythmus, der dem Leser seine Aufmerksamkeit erhält.

 

Um eine Szene im erlebenden Ich zu schreiben sind folgende Mittel notwendig:

 

  • die erzählte Zeit und Erzählzeit ist deckungsgleich, das Geschehen wird in Echtzeit geschildert. Keine Raffungen oder Zusammenfassungen dürfen vorgenommen werden. (Eine halbe Stunde schwieg ich...)

  • die Szenerie wird vom Kopf des erlebenden Ichs aus geschildert. Die Kamera nah an ihm positioniert. Was das Ich sieht, hört, riecht, schmeckt, tastet wird geschildert, sowie seine aktuellen Gedanken. (Ich blickte auf ihr Haar, atmete einmal, zweimal, presste die Lippen aufeinander. So ein Verbrechen, dachte ich, ich werde…) Kein Erzählerbericht (minutenlang fühlte ich mich unbeachtet).

  • Verzicht auf Koppelzeichen und erzählerische Füllwörter: Nun, denn, da, zu ihm, bei mir, bei sich, vor allem. Nur die Wörter, die sich sinnlich erfahren lassen, bleiben im Text. Auch sollte in der Szene auf Namensnennung verzichtet werden, das schafft Distanz

 

 

Das erlebende Ich ist wichtig und wird eingesetzt, um die Aufmerksamkeit des Leser für Wendepunkte in Roman und Erzählung und Knickpunkte in der Autobiographie zu erhöhen.

Es sind die Momente, in denen der Leser wie auf einer Bühne unmittelbar das Geschehen miterlebt. Es sind die Momente, die ihm in Erinnerung bleiben. Deswegen sind sie so wichtig und ergänzen das erzählende Ich, das eher auktorial wirkt und für epischen Atem und Tiefe sorgt.

 

 

Übung:

 

Schreiben Sie nun folgenden Text um, der im erzählenden Ich geschrieben ist, indem sie zwei Passagen in diesem Text aus dem erzählenden Ich in das erlebende Ich versetzen. Der Text verlängert sich dadurch, da sie zweimal eine Szene aufbauen müssen, kehren aber immer wieder zum erzählenden Ich mit seiner Raffung zurück.

 

 

Ich hatte in diesen Tagen zweimal fast meine innere Ruhe verloren und konnte mich nur mit Mühe beherrschen. Dennoch hatten die Ereignisse eine große Wirkung auf mich und mein Leben ist seitdem anders geworden. Da war Großmutters siebzigster Geburtstag, an dem ich von meinem Cousin beleidigt wurde in einer Weise, die ich furchtbar empfand. Wenige Tage darauf, in denen ich mich langsam wieder beruhigt hatte, fand an dem Kiosk die entscheidende Begegnung mit Hannah statt, die dazu führte, das ich ab diesem Abend nicht mehr schlafen konnte wie auch an vielen folgenden Abenden gleichfalls.

 

 

Geben Sie dem Text folgende Struktur:

 

Einleitung: erzählendes Ich

1. Ereignis: erlebendes Ich

Zwischenstück: erzählendes Ich

2. Ereignis: erlebendes Ich

Schluss: kurze Überleitung ins erzählende Ich

 

 

 

 

Viel Vergnügen

 

Arwed Vogel

 

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