Literaturprojekt
Literaturprojekt

Eine Übung pro Monat

Schreibübung Oktober 2022

 


 

Szenische Gestaltung 2: Sprachliche Gestaltung

 

 

 

Beschreibungen und Dialoge machen den größten Anteil des literarischen Textes aus und sind wichtig, weil sie den Leser in einer Szene das Geschehen unmittelbar erleben lassen, als wäre er dabei.

Dabei ist es gleichgültig, welche Erzählsituation wir gewählt haben. Wenn der Erzähler zurücktritt, erleben die Leser eine Szene.

 

In der ersten Übung zur szenischen Gestaltung haben wir uns mit der Bedeutung sinnlicher Wahrnehmungen beschäftigt. Heute sprechen wir über die sprachliche Gestaltung einer Szene.

 

Jeder Erzähler hat ja eine bestimmte Weise, einen Text zu erzählen. Manche Erzähler erzählen ausführlicher, blumiger oder karger. Erzähler haben eine eigene Sprache, die sich oft aus unterschiedlichen Spracharten zu einem Gewebe zusammenfügt, der eine ist sachlicher, der andere spricht in einem sakralen oder pathetischen Ton. Erzähler werden durch die Sprache gestaltet, in der sie sprechen.

Wenn dieser Erzähler zurücktritt und szenisch geschildert wird, verschwinden auch die erzählertypischen sprachlichen Momente, die Sprache wird neutralisiert. Deswegen ähnelt sich die sprachliche Gestaltung einer Szene in vielen Texten.

 

Zwei Beispiele aus unterschiedlichen Zeiten:

 

Und so stieg ich die kleine Treppe hinauf, die zum Studierzimmer führte.

 

H.Hesse in „Kinderseele“

 

„Schließen Sie die Tür“, sagte er und setzte sich hinter seinen Schreibtisch.

 

J. Burnside in „Wie alle anderen“

 

Beide Sätze sind schlicht und präzise und geben nichts anderes als den Bewegungsablauf wieder. Die Unterschiedlichkeit dieser Autoren und ihrer Zeit wird nur wenig spürbar. In anderen Sätzen in den beiden Texten, die von einem Ich-Erzähler geprägt sind, umso mehr.

Fügen wir eine Reihe dieser szenischen Sätze aneinander, mischen wir sinnliche Wahrnehmungen mit Bewegungsabläufen und gesprochenem Wort, dann entsteht eine Szene, in die der Leser eintauchen kann.

Die sprachlichen Mittel sind:

 

  • ausdrucksstarke Verben der Bewegung

  • wenig Adjektive

  • präzise Hauptwörter im Wechsel mit weniger präzisen Hauptwörtern (er rannte unter den Bäumen hindurch und blieb an einer Birke stehen)

  • Vermeidung von Koppelzeichen und Füllwörtern (denn, da, auf einmal, mehr noch, wenn auch, usw.)

 

Vor allem der letzte Punkt ist wichtig. Bei der Überarbeitung einer Szene ist darauf besonders zu achten.

 

Individualität entsteht durch Erzählersprache - szenische Gestaltungen sind karg und erlangen ihre Qualität aus der Perspektive und den Wahrnehmungen einer Figur.

 

Eine Szene mit dieser neutralen Sprache sollte nicht zu lang sein, aber möglichst rein erzählt werden. Mischformen darf es natürlich geben - wenn aber kein Wechsel zwischen Erzählersprache und neutraler Sprache stattfindet, entsteht ein breiiges Erzählen, das weder das Vorstellungsvermögen des Lesers noch seine Gedanken anregt.

Lebendiges Erzählen entsteht aus Ihrem Mut zwischen Erzählersprache und neutralisierter Sprache zu wechseln – zwischen der kargen darstellenden Sprache der Szene und der individuellen persönlichen Erzählweise des Erzählers.

 

 

Übung

 

Die folgende Übung soll aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschrieben werden. Das macht sie etwas schwieriger, als eine Übung in der personalen Erzählsituation, aber es ist leichter zu sehen, worauf es ankommt.

 

Übung 1:

 

  1. Eine mindestens 60 Jahre alte Ich-Erzählerin berichtet von der Fahrt in den Urlaub. Auf maximal einer halben Seite wird die Anfahrt beschrieben zum Urlaubsziel. Dabei soll die Erzählerstimme so gestaltet sein, dass das Alter und der Charakter der Frau deutlich wird (Möglichkeiten: unzeitgemäße Ausdrücke, Satzbau

  2. Am Ankunftsort hat die Frau ein anstrengendes Erlebnis oder eine seltsame Begegnung. Diese wird als Szene geschildert.

  3. Dann schildert die Erzählerstimme aus 1. den weiteren Verlauf des Urlaubs als Bericht ohne szenische Elemente.

 

Übung 2:

 

Nun schreiben Sie dieselbe Übung, wählen aber als Erzählerin eine Jugendliche. Versuchen Sie die Wahrnehmungen und die Ausdrucksweise einer heutigen Jugendlichen zu modellieren, mischen Sie zeitgemäße Ausdrücke hinein.

 

Es geht gar nicht darum, die Sprache einer Jugendlichen perfekt zu simulieren, sondern zu schauen, inwiefern sich der zweite Teil, die Szene mit einer anderen Erzählerin verändert. Was bleibt gleich, was muss anders sein.

 

 

Herzliche Grüße

 

Arwed Vogel

 

 

_______________________________________________________

Schreibübung August
Schreibübung August 2022 Zeitgestaltung [...]
PDF-Dokument [61.5 KB]
Schreibübung September
Schreibübung September 2022 Perspektiven[...]
PDF-Dokument [59.7 KB]

Rufen Sie einfach an unter

 

Arwed Vogel

++49 ( )8762 726121

 

oder

 

Bernhard Horwatitsch

...

 

oder

 

nutzen Sie unser

 

Kontaktformular.

Druckversion | Sitemap
© Literaturprojekt