Literaturprojekt
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Eine Übung pro Monat

 

Schreibübung Mai 2019

 

 

Der auktoriale Erzähler 4: Perspektivwechsel

 

 

 

Der auktoriale Erzähler wie wir ihn aus dem 19. Jahrhundert kennen, als Figur, die man sich in einem Lehnstuhl sitzend vorstellen kann, als gesellschaftliche Instanz, die nicht nur den Leser durch die Handlung führt, sondern mit Kommentaren und Bewertungen die Meinung des Lesers zu beeinflussen oder zu führen sucht, dieser auktoriale Erzähler ist im 20, Jahrhundert nur noch selten anzutreffen. In der Moderne finden wir ihn ironisiert, bspw. bei Alfred Döblin .

Dennoch können wir bei längeren personal erzählten Texten, nicht darauf verzichten,mit auktorialen Elementen den Text zu gestalten. Schon allein wenn wir Handlungspartie raffen oder . Raum-Beschreibungen im Überblick ohne reflektierende Figur der Ökonomie wegen schnell entwerfen, müssen wir aus der Distanz auktorial erzählen. Wir nutzen dann auktoriale Funktionen der berichtenden Erzählweise (Drei Tage saß er in seinem Zimmer...) ohne eine Szene aufzubauen.

 

Erzählsituationen sind nämlich überhaupt keine stabilen Gebilde, sondern dynamische Rahmen, in denen wir unsere Handlungen ablaufen lassen. Kamerablicke verändern ihre Position, was man Perspektivwechsel nennt und auch der auktoriale Erzähler tritt manchmal stärker, manchmal weniger stark in Erscheinung, stellt sich in den Hintergrund und lässt die Handlung als Szene laufen, bevor er wieder die Bühne betritt und das Wort ergreift. So wie wir - wie oben geschildert - auch persönal erzählte Texten gelegentlich auktorialisieren.

 

Ganz gleich, wie ich die Auktorialität gestalte, ob nur als gelegentliche Funktion oder als Figur: Der perspektivische Wechsel gibt dem Text Dynamik und schafft selbst in handlungsarmen Teilen Bewegung, die den Leser wachhält.

 

Im folgenden Beispiel sehen wir in der Eröffnung des Textes einen starken auktorialen Erzähler, der aus großer Distanz Raum und Zeit definiert, so dass dort später das Geschehen ablaufen kann. Hier mit klassischen Ton, als wäre er in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden:

 

In einem kleinen Dorf der Schweiz, in einem nordöstlichen Landesteil gelegen, der grün und blühend seinen Menschen ein gutes Auskommen bot, lag eine kleine Stadt, deren Namen nichts zu Sache tut, die aber heute noch bekannt für ihre Mühlen und das Brot ist, das dort gebacken wird.

Denn mehrere Bäche durchfließen den Ort und an jedem dieser Bäche finden sich gleich mehrere Mühlen.

 

Soweit die Einführung. Aber wir merken schon, wie der auktorialer Erzähler die Augen zusammenkneift, um besser zu sehen. Er fokussiert unseren Blick, zoomt in den Ort hinein:

 

Am westlichsten der Bäche stand die Eger-Mühle und in ihr lebte der alte Nepomuk Eger seit er denken konnte mit seiner Frau, die er im einundzwanzigsten Lebensjahre geehelicht hatte, genügsam, glücklich und zufrieden, sofern das Wasser nur das Mühlrad antrieb und die Bauern genug Getreide in seinem Hause ablieferten.

 

Die Perspektive ist nun schon sehr konzentriert auf die eine Figur. Dennoch ist der Text durchwegs auktorial erzählt, bewertet das Geschehen, nimmt Rückgriffe vor und kommentiert die Bedingung des Glücks der Figur.

 

Am Morgen des siebten Augusts aber, wachte der Nepomuk aus schweren Träumen auf. „Frau“, rief er hilflos, „bring mir meine Pantoffeln.“

Er blickte durch das kleine Fenster nach draußen, hob langsam das rechte Bein einige Zentimeter an und schob es über die Bettkante.

 

An dieser Stelle ist der Wechsel in die personale Perspektive vollzogen, der auktoriale Erzähler ist zurückgetreten, wir erleben das Geschehen aus der Perspektive der Figur.

Nun könnte in einer erlebten Rede oder durch einen Erzählerbericht, der auktoriale Erzähler sich wieder durch die Innenperspektive einmischen:

 

Es kam ihm merkwürdig schwer vor und er fragte sich, ob er zuviel von dem Roggenbrot am Tag zuvor gegessen habe, dass ein seltsames Männlein ihm geschenkt hatte.

 

Die Handlung könnte auch personal weiterlaufen:

 

Seine Zehen berührte den Boden, er wuchtete sich hoch und wischte sich die Stirn.

 

Oder der auktoriale Erzähler nimmt wieder die Fäden in die Hand, indem er selber weitererzählt:

 

Er wusste nicht, dass es das letzte Mal sein würde, dass er in seiner Mühle erwachte. Denn was in den nächsten Stunden geschah...

 

Wie auch immer es weitergeht: Die Dynamik der Erzählsituation setzt sich fort.

Wenn wir auf diese Bewegung innerhalb der Erzählsituation durch Veränderung der Perspektive achten, schaffen wir eine Dynamik des Erzählens, die der Leser unbewusst wahrnimmt und mit der wir handlungsarme Partien mit Leben füllen können. Vor allem aber erntwickelt sich im Text ein lebendiger Rhythmus von Nähe und Distanz.

 

 

 

Übung:

 

  1. Versuchen Sie in einer Übung, die aus mehreren Sequenzen besteht, Bewegung durch Perspektivwechsel zu realisieren.

  2. Nehmen Sie als Ausgangspunkt das obige Textbeispiel, versetzen Sie es aber in die Jetztzeit und lassen es in einer Großstadt spielen. Schreiben Sie den Text in einer angemessen zeitgenössischen Sprache.

 

1. Sequenz: Einführung des auktorialen Erzählers zu Ort und Zeit

2. Sequenz: Zoomen in ein Stadtviertel auf ein Haus (Loft)

3. Sequenz: Übergang in die personale Perspektive als eine Figur im Text auftaucht

4. Sequenz: Handlung der Figur in personaler Perspektive

5. Sequenz: Wechsel in große auktoriale Distanz durch Erzählerkommentar

6. Sequenz: Langsames Zoomen auf die Figur in der Außenperspektive

7. Sequenz: Auktoriale Wiedergabe von Gedanken der Figur durch erlebte Rede oder

Erzählerbericht

 

Jede der einzelnen Sequenzen darf aus mehreren Sätzen bestehen. Sie werden sehen, dass ein lebendiger Text allein durch diesen dynamischen Wechsel von auktorialem zu personalem Erzählen entsteht.

 

 

 

Viel Vergnügen

 

Ihr

Arwed Vogel

 

 

 

 

 

 

 

 

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