Schreibübung April 2026
Darstellung von Gefühlen 9:
Wechsel zwischen erlebter Rede und direktem Gedanken
In dieser Übung wird gezeigt, wie ein lebendiger Text durch den Wechsel zwischen zwei verschiedenen Darstellungsweisen von Gefühlen entstehen kann.
Die erlebte Rede ist eine Möglichkeit, Gedanken und Bewusstseinsvorgänge einer Figur darzustellen. Man nutzt sie vor allem um Gefühle mittlerer Intensität dazustellen, Gedanken, die von Emotionen durchdrungen sind. Diese Gedanken werden mit der Stimme des Erzählers wiedergegeben. Und zwar in der dritten Person und in der Vergangenheitsform.
Zur Unterscheidung noch einmal ein bekanntes Beispiel der verschiedenen Formen der Gedankenwiedergabe:
Direkte Rede:
Sie fragte sich: „Muss ich wirklich in das Armenhaus?“ (Präsens, Indikativ, 1. Person)
Indirekte Rede:
Sie fragte sich, ob sie wirklich in das Armenhaus müsse. (Konjunktiv, 3. Person)
Erlebte Rede:
Sie stand am Fenster, blickte hinaus. Musste sie wirklich in das Armenhaus? (Vergangenheit, Indikativ, 3. Person)
Innerer Monolog:
Weiß nicht..das Armenhaus, wenn ich dorthin muss, niemals oder...doch? (Präsens, Indikativ, 1. Person)
Erlebte Rede gibt einem Text Atem und epische Weite, sie ist elegant, weil sie die Intensität der Figurenstimme in sich trägt und die ruhige Diktion des Erzählers. Sie ist eine Zwischenform und man kann mit ihr sehr fein die Gefühlsregungen der Figur modellieren. Sie eignet sich auch für die Wiedergabe längerer Gedanken. Es gibt Erzählungen, die fast vollständig in erlebter Rede geschrieben sind.
Die direkte Rede oder der direkte Gedanke, wie man ihn vielleicht besser nennt, ist hingegen direkter, knapper und deswegen entschiedener, betont unmittelbar die Gefühle, zeigt starke Gefühle („Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über“), stärkere als die erlebte Rede, die oft in Situationen vorkommt, in denen sich die Figur noch nicht sicher ist, was sie tun soll.
Genau hier setzen unsere Überlegungen an: Wenn wir eine Figur haben, die zwischen Überlegung und Entschiedenheit hin und her schwankt, dann wechseln wir im Text zwischen den beiden Formen ab und zeigen Zwischentöne, die sehr lebendig wirken im Wechsel der beiden Formen.
Er stand neben der Kutsche. Wie sehr hatte er auf sie gewartet. Jahrelang. Immer. Und er war sich bewusst, dass alles hatte umsonst sein könne. Aber er hatte es nicht geglaubt. Jetzt wusste er es. „Nein“, sagte er leise und entschieden, „ich warte weiter.“
Er zog den Mantelkragen hoch. Und wenn es seinen Kopf kostete. Und wenn er nächstes Jahr hier noch stand.
Wenn er seine Meinung jetzt doch noch ändern sollte, dann könnte man das anhand der Überlegungen in der erlebten Rede gut zeigen. Die neue Entscheidung stünde dann aber in der direkten Rede.
Übung:
Probieren Sie aus, zwischen den beiden Formen zu wechseln:
Inhaltlich können die verschiedensten Entscheidungssituationen ausprobiert werden: Im Beruf oder in der Liebe oder ganz einfach, wenn es darum geht, ob sie irgendwo hin gehen soll.
1. Einfacher Wechsel zur Entscheidung: Eine literarische Figur steht in einer Entscheidungssituation. Sie überlegt hin und her und kommt am Ende zu einem Beschluss.
2. Mehrfacher Wechsel: Eine literarische Figur erlebt beständige Gefühlsänderungen. Sie trifft zwei- oder dreimal Entscheidungen, hinterfragt diese aber immer wieder.
Viel Erfolg und schöne Osterfeiertage
Arwed Vogel
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