Schreibübung Februar 2026
Literarischer Stil 6: Unbestimmte und bestimmte Satzanfänge
Ein starker literarischer Stil bildet sich durch den Satzbau, durch die Art, wie wir Sätze gestalten, ob lang, ob kurz, ob linear, verschachtelt, monoton oder abwechslungsreich. Sätze bilden eine grammatische, aber auch rhythmische und inhaltliche Einheit. Sie sind Organismen, die sich verändern lassen und andere Wirkungen erzielen, auch wenn sie denselben Inhalt haben.
Da spielt auch der Anfang des Satzes eine Rolle, weil er den Auftakt bietet und über den weiteren Verlauf des Satzes entscheidet. Er führt uns in den Satz hinein, entwickelt den Satz aus sich.
Darüber, was am Anfang eines Satzes steht, darüber möchte der Leser in den folgenden Worten etwas erfahren. Deswegen ist es wichtig, das Thema am Anfang des Satzes zu bringen und nicht hinten am Ende oder in Nebensätzen zu verstecken.
Denn dieses Thema ist ein psychologisches Spannungsmoment, vor allem, wenn es ein bestimmtes Thema ist, ein Gegenstand, eine Person, ein Vorgang.
Solche bestimmten Satzanfänge beginnen mit bestimmten Artikeln oder Partizipien. Auch mit Konjunktionen wie „als“ oder „denn“ könnte ein bestimmter Satzanfang beginnen, dann muss jedoch im Anschluss der Gegenstand, die Person gebracht werden: „Als Gregor Samsa...“
Hier als Bespiele für bestimmte Satzanfänge ein paar Gedichtzeilen:
Das Meer stürzt um...
Den Bäumen ist der Boden unter den Füßen zu heiß.
Der Verstand bleibt stehen.
Die Straße stirbt ab.
In diesem expressionistischen Gedichtzeilen von Alfred Lichtenstein sehen wir bestimmte, entschiedene Satzanfänge, die mit dieser Bestimmtheit energisch Kraft und Stärke vermitteln. Wie schwach wirkt da der Satz: Es bliebt der Verstand stehen.
Bei folgender Zeile mit den Bäumen verändert sich durch eine Umstellung das Hauptthema, wenn man mit den Worten begänne:
Zu heiß ist der Boden unter den Füßen der Bäume.
Dass die Bäume Füße haben, wird bei dieser Umstellung kaum bemerkt. Dafür wird die Hitze betont, was im Gedicht dann apokalyptische Ausmaße haben könnte, wenn das Gedicht eine Brandkatastrophe in den Vordergrund rückte.
Daneben gibt es aber auch unbestimmte Satzanfänge, die gerade das poetisch, schwingende Moment betonen, den Leser in einen Satz hinein locken, den Gegenstand vorläufig umkreisen, manchmal keine Antwort auf das haben, was wir am Anfang des Satzes erfühlen. Kennzeichen hier sind unbestimmte Artikel wie „ein, eine“, recht unbestimmbare Pronomen wie „es“ oder schwache Adverbien wie „nun“.
Die Lyrik zeigt dies wiederum besonders gut:
Es ist ein Licht, das der Wind ausgelöscht hat.
Es ist ein Heidekrug, den am Nachmittag ein Betrunkener verlässt.
Es ist ein Weinberg, verbrannt und schwarz mit Löchern voll Spinnen.
Diese Verse aus Georgs Trakl Gedicht Psalm offenbaren inhaltlich auch kein großes Weltvertrauen und doch wirken sie ganz als die Zeilen von Lichtenstein. Versuchen wir auch hier eine Umstellung:
Der Wind löscht das Licht aus.
Der Betrunkene verlässt am Nachmittag den Heidekrug.
Wir sehen, dass die Zeilen mit diesem bestimmten Satzanfang sofort ihre lyrische Wirkung verlieren und entschieden ein Handlungsmoment an den Anfang setzen, wodurch eine größere Dynamik und Kraft entsteht.
Und all das Gesagte gilt natürlich auch für das Erzählen. Nicht umsonst beginnt ein Märchen unbestimmt mit der Formel „Es war einmal...“
Man kann jedes beliebige Buch in die Hand nehmen und nachsehen: wie gestaltet die Autorin, der Autor seine Satzanfänge. Sind sie bestimmt und welches Thema nimmt er sich vor. Sind sie unbestimmt, schwingend, poetisch?
Nicht alle Sätze sollen mit bestimmten oder unbestimmten Artikeln beginnen, das ist damit nicht gemeint. Wir können auch mit Konjunktionen oder anderen Wortarten arbeiten – nur eines gilt immer: Das was am Anfang steht, führt in den Satz, bildet das Thema.
Übung:
Beginnen wir mit der Arbeit an einem klassischen Text, mit dem wir uns hier schon einmal bei der Übung mit elliptischen Konstruktionen 2021 beschäftigt haben:
Die „Novelle“ von Goethe. Wir sehen hier vorwiegend bestimmte Satzanfänge, aus denen sich eine kleine Handlung entwickelt, die aber dann durch ihre Energie verliert, da weitere Nebensätze und Informationen den Satz so sehr ausweiten, das man leicht den Überblick verlieren kann:
Die Fürstin, die ihrem Gemahl noch in den Schloßhof hinab mit dem Schnupftuch nachgewinkt hatte, begab sich in die hintern Zimmer, welche nach dem Gebirg eine freie Aussicht ließen, die um desto schöner war, als das Schloß selbst von dem Flusse herauf in einiger Höhe stand und so vor- als hinterwärts mannigfaltige bedeutende Ansichten gewährte.
Sie fand das treffliche Teleskop noch in der Stellung, wo man es gestern abend gelassen hatte, als man, über Busch, Berg und Waldgipfel die hohen Ruinen der uralten Stammburg betrachtend, sich unterhielt, die in der Abendbeleuchtung merkwürdig hervortraten, indem alsdann die größten Licht- und Schattenmassen den deutlichsten Begriff von einem so ansehnlichen Denkmal alter Zeit verleihen konnten.
Auch zeigte sich heute früh durch die annähernden Gläser recht auffallend die herbstliche Färbung jener mannigfaltigen Baumarten, die zwischen dem Gemäuer ungehindert und ungestört durch lange Jahre emporstrebten.
Die schöne Dame richtete jedoch das Fernrohr etwas tiefer nach einer öden, steinigen Fläche, über welche der Jagdzug weggehen mußte.
Sie erharrte den Augenblick mit Geduld und betrog sich nicht, denn bei der Klarheit und Vergrößerungsfähigkeit des Instruments erkannten ihre glänzenden Augen deutlich den Fürsten und den Oberstallmeister; ja sie enthielt sich nicht, abermals mit dem Schnupftuche zu winken, als sie ein augenblickliches Stillhalten und Rückblicken mehr vermutete als gewahr ward.
Fürst Oheim, Friedrich mit Namen, trat sodann, angemeldet, mit seinem Zeichner herein, der ein großes Portefeuille unter dem Arm trug.
Nun nehmen Sie die Sätzen auseinander und bilden kürzere Sätze mit bestimmten Satzanfängen, die den Text mit Energie aufladen. Dabei müssen immer wieder Umstellungen einzelner Satzteile mit ihren Inhalten vorgenommen werden.
Nehmen Sie den neu entstandenen Text und geben Sie den Sätzen vorwiegend (am besten zu zwei Drittel) unbestimmte Satzanfänge. Der Text müsste schon aufgrund des Inhalts schnell märchenhaft wirken.
Und nun nehmen Sie einen eigenen Text und schauen Sie sich Ihre Satzanfänge an. Sind Sie eher bestimmt oder unbestimmt. Oder geht es ohne Ordnung durcheinander? Spielen Sie mit Ihrem Text wie in Aufgabe 1 und 2 dieser Übung.
Mit herzlichen Grüßen
Arwed Vogel