Literaturprojekt
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Neue Streifschüsse

Wann immer nötig - im Schnitt ein Schuss pro Woche mehr oder weniger

 

 

Streifschuss vom 17. Januar 22

 

Anlass: Der Mythos vom glücklichen und reinen Gesunden

 

Lust und Verbot

 

In den letzen Jahrzehnten wurde von Seiten der Regierenden und der Gesundheitswissenschaften ein enormer propagandistischer Aufwand betrieben. Viele Substanzen wurden massiv tabuisiert (Alkohol, Nikotin, rotes Fleisch, Zucker), doch sie wurden nicht vom Markt genommen. Im Gegenteil forcierte der Markt, die Marktvertreter der tabuisierten Produkte ihrerseits ihre Propaganda. Man sah schöne, junge Menschen die Spaß haben, sie trinken Alkohol, rauchen, grillen, naschen Schokolade. Man sieht sie auf großen Plakaten, in der Fernseh- und Kinowerbung, hört von ihnen im Radio. Sie sind idealisiert, schön, attraktiv und voller Lebenslust. Sie verkörpern das Glücksversprechen unserer Generation. Jeder halbwegs vernünftige und aufgeklärte Mensch weiß natürlich, dass es sich hier um Werbung handelt. Und wenn in den Zeitungen und Dokumentationssendungen die Folgen von Alkoholmissbrauch geschildert werden, wenn man Aufnahmen von schwarzen Raucherlungen veröffentlicht, das faulig stinkende Gangrän eines Zuckerkranken abbildet oder Gelähmte zeigt, die zu viel Cholesterin im Blut hatten, weiß jeder Mensch, dass es sich hier um die Wahrheit handelt. Nicht schöne,  junge Menschen die Spaß haben, sondern verfaulte, kranke und gebrandmarkte funktionsunfähige Menschen sind die Folge des vermeintlichen Spaßes zu saufen, zu rauchen, zu grillen und Schokolade zu naschen. Dennoch weiß man auch, dass eine Party ohne Alkohol mehr ein Kindergeburtstag ist. Und selbst auf einem Kindergeburtstag gibt es Kuchen, also Zucker. Ein Kindergeburtstag mit gelben Rüben und Salatgurke? Unvorstellbar. So müssen wir die tabuisierten und doch sehr begehrten Genussmittel in rituelle Abläufe einbinden. Die Ernährungs-Ausschweifungen zu Weihnachten, die Alkoholexzesse zum Oktoberfest, sommerliche Grillgelage, gemeinsames Rauchen und Frieren auf dem Balkon. Alkohol und Nikotin sind weitestgehend anerkannte Giftstoffe und die Freuden dieser Gifte müssen gemäßigt genossen werden, sonst stirbt man. Nun sind Alkohol und Nikotin ohnehin schon Ersatzhandlungen für eine tiefer gehende Lust. Wir wissen nicht mehr, welche Lust es ist. Ich vermute hier die Lust – wie Sigmund Freud - im Gebiet des Eros und des Thanatos. Vielleicht tauchen wir noch ein Stück tiefer in die Ursuppe menschlicher Abgründe ein. Dort in Bodennähe, wo sich Schwämme, Ringelwürmer,  Gliederfüßer oder Stachelhäuter aufhalten, finden wir im Menschen eine Lust, die vollständig autopoetisch funktioniert. Die Selbstgenügsamkeit, die schon im Gastmahl an den Kugelgestalten des Aristophanes dargestellt wurden und welche die Götter voneinander trennten, sollte uns Grundlage genug sein. Die eigenen Löcher stopfen. Nasenlöcher, den Anus, das Herumfummeln am Bauchnabel, die Onanie im weitesten Sinne, das Masturbieren, all diese Formen der Selbstbefriedigung zeigen sich in den Ersatzhandlungen des Trinkens und Rauchens. Die Lust artübergreifender Befriedigung ist dabei noch gar nicht berührt worden. Onanie und Masturbation sind heute weitestgehend akzeptiert. Niemand spricht groß darüber, außer vielleicht in speziellen Foren, aber es ist bekannt, dass fast jeder Mann und jede Frau dies tut. Doch niemand käme auf die Idee, mit seinem Hund in dieser Hinsicht zu spielen, der eigenen Katze ins Popoloch zu fassen oder ähnliches. Mit dem Essen spielt man nicht. Diesen Satz hört man gewiss heute nicht mehr so oft wie vor 50 Jahren. Doch alles wird ergriffen, erkundet und probiert. Einen großen Teil dieser Streifzüge erleben wir Verbote. Die meisten erinnern wir nicht mehr. Sie sind durchaus sinnvoll. Dreck vom Boden essen, oder scharfe Gegenstände in den Mund schieben, auch Gegenstände zweckentfremden, anderes als Vorgesehenes mit ihnen machen. Es gibt hier eine solche Masse an Verboten und der Geleitschutz der Eltern durch unsere Ursuppenphase lässt den Konflikt von Lust und Verbot geradezu als Binsenwahrheit erscheinen.  Jedes Tabu ist im Wesentlichen unmotiviert, verschiebbar, eine Ansteckungsgefahr geht vom Tabu aus und führt zu Handlungen mit zeremoniellen Ver- und Geboten. Das nennt man im Weitesten Sinn „Religion“. Wir haben uns inzwischen einer Gesundheitsreligion verschrieben. Die Ver- und Gebote sind natürlich zum Teil sinnvoll, Leben verlängernd und stärken die seelische und körperliche Vitalität. Andererseits führt ihre zwanghafte Durchführung zu seelischer und geistiger Erkaltung, macht uns zu nervösen und ängstlichen Neurotikern, die in der Verschiebung der Lust ständig nach Abfuhr streben. Das heißt dann, dass wir die Gesundheitsvorschriften übertreiben, kaum noch genussfähig sind, wenn wir nicht auf unsere Cholesterinwerte achten, unseren Blutdruck kontrollieren. Manche individuellen Nahrungsvorschriften erinnern an die strengsten Religionen der Menschheitsgeschichte. Dass wir die eigentlichen Quellen dieser Ver- und Gebote nicht mehr erinnern, weil sie unsere frühe Entwicklungsphase gestalteten, macht diese teilweise irren Ernährungsrituale des postmodernen Gesundheitsfanatikers zu einem quasireligiösen Akt. Im Rahmen der Pandemie, die wir seit Anfang 2020 erleiden müssen, wurden Ernährung und Sport zu täuschenden Ressourcen und die narzisstische Kränkung war groß, wenn einzelne Individuen an Covid 19 erkrankten, obwohl sie sich an die strengsten Nahrungs- und Sportrituale hielten. Der ziemlich verrückte Irrtum mancher, dass das Virus einem nichts anhaben könne, weil man sich an die Ver- und Gebote der Gesundheitsreligion halte, erinnert an die Krise die das Erdbeben von Lissabon vom 01. November 1775 auslöste. Damals vor 247 Jahren stellte sich die berühmte Theodizee-Frage, warum Gott das überhaupt zulassen konnte. Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht. Dann ist Gott schwach, was auf ‚Gott nicht zutreffen kann. Es handelt sich um Gott, den Schöpfer von allem. Er kann unmöglich schwach sein. Dann wollte er das Erdbeben  nicht verhindern. Dann wäre Gott missgünstig, was ihm fremd ist.

Wenn Gott es weder will noch kann, dann wäre er schwach und missgünstig zugleich, also nie und nimmer Gott. Oder er wollte es und konnte es. Was allein für Gott ziemt. Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?

Nun ist die Gesundheitsreligion nicht in dem Sinne institutionalisiert, wie die katholische Religion es ist. Die Gesundheitsreligion ist durch die Wissenschaften gestützt und daher rationaler als die katholische Religion. Ihre Rationalität  ist aber ein noch stärkeres Instrument für Ver- und Gebote in ihrem Sinn. Daher ist die Überraschung der Gesundheitsgläubigen in der Pandemie besonders groß, denn es half ihnen nichts. Es helfen Spritzen. Rein technische Produkte. Egal ob man nun die Rituale einhält und täglich Sport treibt oder gelbe Rüben isst statt Kuchen. Die Spritzen helfen auch Menschen die rauchen, Alkohol trinken, grillen und Schokolade naschen. Wer nicht trinkt, nicht raucht, nicht grillt und auch keinen Kuchen ist, kann trotzdem an Covid19 erkranken und daran sterben. Das hat viele der esoterisch-fanatischen Gesundheitsgläubigen in eine Glaubenskrise gestürzt. Wie konnte mein Körper (der heilige Ersatz für Jesus) das zulassen? Das fragen sich die durchtrainierten Opfer vielleicht, die jetzt an einer ECMO hängen. Aber Zynismus ist hier sicher nicht angebracht. Es ist eher tragisch. Denn die rationalen Gesichtspunkte einer an der eigenen Gesundheit orientierten Lebensweise werden dadurch nicht falsch. Nur wird derjenige, der darin das alleinige Glückversprechen sah, eines Besseren belehrt. Doch manchen Menschen hat diese Krise ihren Glauben an die Wissenschaften der Gesundheit genommen. Damit schütten sie das Kind mit dem Bade aus, wie man so schön sagt. Die Glaubenskrise gründet sich daher in den irrationalen Versprechen der Gesundheitsreligion. Sie ist es, die den Neurotikern, den Zwangshandlungen ihre überkulturellen Abfuhren durch Befolgung der Gesundheitsrituale eine empfindlichen Schlag versetzten.
Diese Entmythologisierung der Gesundheitsreligion führte zu Ersatzhandlungen, die sich dann in rassistischen, antidemokratischen und kulturfeindlichen Handlungen äußerte und zu den Tabu-Brüchen führte, die wir derzeit überall erleben.
Dem zugrunde liegt eine Lust, die uns allen nicht mehr erinnerbar ist und die sich in Eros und Thannatos zeigt. Die Rationalisierungen der Wissenschaften waren daher eine Zwischenstufe. Die Frage ist nun, was als nächstes kommt. Der Konfliktkreislauf von Verbot und Lust sollte nicht dazu führen, dass wir die rationalen Wissenschaften verteufeln. Es wäre in der Gesetzmäßigkeit des Mythos eine logische Entwicklung, dass eine frühere Stufe der Mythologie die von einer höheren überwunden wird, sich in ein Objekt des Abscheus verwandelt. Das können wir gerade beobachten und das kann man aktuell als eine Regression unseres Bewusstseins auffassen im Sinne Adornos.

 

Streifschuss vom 15. Januar 22

 

Anlass: Wie es zu den Idioten kam, die jetzt ständig nerven

 

 

Die traurige Masse

Noch nie in der Geschichte der Menschheit waren wir uns auf globaler Ebene ähnlicher. Nur ist diese Ähnlichkeit eine sehr oberflächliche Ähnlichkeit, die vor allem auf der Verwischung der Unterschiede beruht, die in einer Massengesellschaft mit Massenproduktion von immer gleichen Dingen logisch ist. Die Verwischung von Unterschieden, die Gleichheit aller Dinge die wir gebrauchen, das alles führt aber dazu, dass wir uns selber fremd werden. Je ähnlicher wir dem anderen sind, desto fremder werden wir uns selbst gegenüber. Das ist auch logisch. Und es ist daher eine narzisstische Gesellschaft derjenigen, die sich selbst suchen und verwirklichen wollen und dabei immer nur die immer gleichen Vitae rekonstruieren. Der Konsummensch in den reichen Nationen ist hier gemeint. Seine Vitae sind wie die Waren die er konsumiert reinste Massenprodukte. Menschen dagegen, die von einem Land in ein anderes geflohen sind, vor Diktatur oder Hunger, die werden im reichen Migrationsland nicht akzeptiert, weil sie eine Vita vorweisen, die nicht ist wie die der anderen. Der Hass auf diese Menschen ist nur vordergründig rassistisch motiviert. Ich denke mangels Begriff für die Gefühle, die Migranten bei Konsumenten reicher Nationen auslösen. Denn in Wahrheit neidet man ihnen ihre verwegene Fluchtgeschichte. Sie sind Menschen die im Gegensatz zum verwöhnten und langweiligen Konsumentendasein etwas „erlebt“ haben. Erleben war nach Viktor Klemperer ein Lieblingswort der Nazis. Es sind also sehr widersprüchliche Gefühle, die der postmoderne Rassist und Neonazi des 21. Jahrhunderts „erlebt“. Denn einerseits fühlt er sich überlegen, weil er als Weißer nie Hunger oder Staatsgewalt, oder sogar Krieg erlebt hat, mit Bildung gefüttert wurde und mit Privilegien. Der Rassist und Nazi des 21. Jahrhunderts fühlt sich überlegen, weil er behütet in einer Konsum- und Wissensgesellschaft aufwuchs, ohne existenzielle Sorgen. Allerdings neidet er genau diese existenziellen Erfahrungen dem Migranten. Wer mit einem Schlauchboot unter Todesverachtung über das Mittelmeer schipperte, zuvor von brutalen Schlepperbanden ausgebeutet wurde, und aus einem gefährlichen, kaputten Land kommt, der ist ein großer Held, wenn er das überlebte. Dieser Heldenstatus gebührt jedem geflüchteten Menschen, der all das überlebte. Aber der Rassist und Neonazi ärgert sich maßlos, dass da einer ein Held ist und dem Tod trotzte und mit seiner eigenen Kraft überlebte. Es sind vermeintlich Nazitugenden. Als wären Tugenden an eine Gesinnung gebunden.

 

Der verwöhnte Deutsche
Wir Deutschen zum Beispiel sind durch und durch verwöhnt. Wir helfen einander nicht mehr, sind oft unzufrieden, haben Wutanfälle, akzeptieren keine Grenzen mehr, teilen nicht mit anderen, können uns nicht mehr mit uns selbst beschäftigen (mit Langeweile nicht umgehen, weil ständig was geboten ist). Der verwöhnte Deutsche will stets Aufmerksamkeit, kann nicht mehr warten, wird mit materiellen Dingen überhäuft, ist undankbar, will  für Selbstverständlichkeiten gelobt werden, übernimmt keine Verantwortung mehr, ist manipulativ und muss bestochen werden, nur um Routineaufgaben zu übernehmen. Kurz und gut, die Liste habe ich von der Kinderinfo übernommen, 18 Anzeichen für ein verwöhntes Kind. Trifft alles auf den deutschen Konsummenschen zu. Vor allem der ostdeutsche Wutbürger und Querdenker zeigt all die Eigenschaftgen, die auch ein verwöhntes Kind zeigt. Und dann kommt natürlich der Neid und Hass auf Menschen dazu, die unter größten Gefahren und existenziellen Herausforderungen ihr Leben meisterten. Die vielen Migranten in unserem Land wissen, was sie geschafft haben. Die Wut auf sie ist Projektion der eigenen Unfähigkeit. Die meisten Vitae der Deutschen sind austauschbar, uninteressant und hochgradig banal. Dem eigenen Überlegenheitsgefühl widersprechen diese Vitae erheblich.

 

Der postmoderne Kleinbürger
Es sind diese Widersprüche aus Prätention und Unfähigkeit, Neid und Projektion die den typischen postmodernen Rassisten kennzeichnen.
Der Wohlfühl-Kokon unserer spätkapitalistischen Konsumgesellschaft löst sich langsam auf. Das spüren vor allem die Kleinbürger, denn sie sind die verwöhnten Kinder der Nation. Der so genannte „Normalo“ hat sich ein oder zwei Generationen lang etwas vormachen können, die Illusion aufrechterhalten, er sei auserwählt. Aber nun zeigt sich, dass er nur ein Kleinbürger in einer postmodernen Epoche ist und gar nichts mehr bedeutet und nichts, gar nichts von ihm übrig bleibt. Diese narzisstische Kränkung des postmodernen Kleinbürgers mit seiner austauschbaren Vita wird er blutig rächen wollen. Das sind die Leute, die das Kapitol im Januar 2021 stürmten, das sind die Leute die in den deutschen Städten ihre Spaziergänge durchführen, das sind die Impfgegner und Möchtegernrevoluzzer, die Rassisten mit ordentlicher Frisur und sauberem Hemdkragen, die sich selbst nicht als Rassisten sehen, sondern nur besorgt sind. Sie sind diese verwöhnten Idioten, zu nichts zu gebrauchen und nicht überlebensfähig. Eine traurige Masse. Sie sind weder besorgt, noch kritisch. Sie sind einfach nur frustriert.

 

Streifschuss vom 12. Januar 22

 

Anlass: eine morgendliche Assoziation

 

Wahre Freunde sind selten

 

Denken wir an unsere Freunde, dann glauben wir sie uns ausgesucht zu haben. Nun. Das ist ein großer Irrtum. Niemand, ja niemand sucht sich seine Freunde aus. Sie laufen einem auch nicht ganz zufällig über den Weg. Es sind Bedingungen (dieses Wort prägte einst Martin Luther), philosophisch ausgedrückt: Konditionen, die unsere Bekanntschaften erschaffen und strukturieren. Diese kausalen Zusammenhänge sind wiederum nur „bedingt“ von uns beeinflussbar.  Wenn man sich einmal unter bestimmten Bedingungen kennenlernte, dann werden die Bedingungen unter denen man sich kennenlernte  und nicht die Motive der Subjekte den weiteren Verlauf der Bekanntschaft prägen. Es gibt keine Möglichkeit der Einflussnahme -  außer: die Bedingungen von Grund auf zu ändern. Aber das überleben die wenigsten Bekanntschaften. Die Illusion der meisten Menschen gaukelt ihnen vor, dass sie als Subjekte über Maß und Einfluss ihrer Bekanntschaften entscheiden würden. Aber nein. Allein die Bedingungen, die Maß und Einfluss von Bekanntschaften organisieren, lassen sich beeinflussen. Doch hier sind viele soziale Grundbedingungen nicht änderbar. Es fängt schon bei der Familie an. Wer hat da wirklich Einfluss? Dann gibt es das tägliche Brot, das man sich verdienen muss. Die Arbeit und die Arbeitsbedingungen sind Hauptfaktor der meisten Bekanntschaften nach der Familie. Die wenigen zufälligen Bekanntschaften sortieren sich dann nach den entsprechenden Lebensprioritäten. Zum Beispiel kennt man jemanden aus dem Verein in dem man seine Freizeit verbringt, egal ob es ein Schach- Schieß- oder sonst ein Verein ist. Hier aber bestimmt nicht das Subjekt die Bekanntschaft, sondern die Bedingungen des Vereinslebens organisieren den wesentlichen Anteil des sich kennen. Löst sich der Verein auf, folgt kurz darauf auch die Bekanntschaft diesem Schicksal. Wenn weder Beruf noch Steckenpferd als Bedingung von Bekanntschaft vorliegen, gibt es noch den seltenen Fall der Liebe. Soll die Liebe anhalten und die Beziehung erfolgreich sein, dann müssen auch die Bedingungen stimmen. Das fängt wieder bei der Familie an. Wenn jemand von der Familie des erwählten Partners abgelehnt wird, wenn man aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten oder Berufen kommt, wenn man nicht die gleiche Sprache spricht oder die gleiche Hautfarbe hat, wenn man –kurz gesagt – nicht gewisse soziale Grundbedingungen erfüllt, muss die Liebe überstark sein. Eine solche Liebe gibt es und muss es geben – ja ich denke es ist Hauptaufgabe eines Staates, Bedingungen zu gestalten, damit eine solche überstarke Liebe immer möglich bleibt. Aber es ist eine ideale Liebe. Und die ist nun mal – da beißt die Maus keinen Faden ab – selten. Ich erinnere hier nur kurz an eine Schilderung von Viktor Klemperer über den Heldenmut deutscher Frauen, die mit jüdischen Männern verheiratet waren und was diese ertragen mussten.
Kurz und gut (oder nicht gut): Der Einfluss der Subjekte auf ihre Bekanntschaften ist minimal. Eine berufliche Versetzung, ein krankheitsbedingter Berufswechsel, eine neue subjektive Berufung! Schon sind alle früheren Bekanntschaften dahin und  wie der ins Unglück geratene Dichter gedenkt man wehmütig der zahlreichen amis que vent emporte, et il ventait devant ma porte.

 

Streifschuss vom 07. Januar 22

 

Anlass: Das Volk wird nicht verarscht, es ist im Arsch

 

 

Die dunkle Seite der Macht
 

Es ist inzwischen eine gewisse Mode geworden, auf Politikern herumzuhacken. Auch die Medienvertreter zwingen die Politiker oft dazu, in diverse Hohlräume zu kriechen, um dort für Absolution zu beten. Dabei sind sie gar nicht so schlecht – verglichen mit dem Volk das sie regieren müssen. Dieses Volk kriecht derzeit wirklich aus allen Höhlen heraus und macht sich auf eine Weise breit, dass man es nicht mehr übersehen kann. Und wenn man das Volk ständig sehen muss, dann verursacht das zunehmend Übelkeit bei denjenigen, die sich nicht wirklich zum Volk zählen, weil sie es ja regieren müssen. Man muss die Politiker wirklich loben, dass sie sich nicht übergeben, wenn sie mit dem Volk sprechen. Nehmen wir einmal die Querdenker, Verschwörungstheoretiker und all die ganzen Irren aus der Rechnung heraus, dann bleiben immer noch die Spießbürger, die Halbgebildeten, die Ignoranten, die ewig nörgelnden Kleinbürger, die Konsumtrottel, die auch bei Dunkelheit Sonnenbrillenträger (anglizistisch Performer genannt), die Emporkömmlinge (auch arriviert genannt), die postmateriellen Aussteiger (früher  arbeitsscheu genannt). Kurz, die Querdenker und Spinner sind bei Weitem nicht das einzige Problemvolk. Und alle kann man täglich sehen, von Arte bis youtube breiten sie sich aus und verpesten die ohnehin schon staubige Luft.
Lediglich 10 Millionen Deutsche lassen sich als regierbar einstufen. Das ist der Anteil der unter 14jährigen in diesem Land. Kinder an die Macht? Keine schlechte Idee, denn sobald sie Akne bekommen, kann man sie wieder aus der Macht entfernen.
Jetzt ist natürlich auch viel Volk in der Regierung. Man bekommt gerade in einer Demokratie das Volk nicht aus der Regierung raus. Es hat sich da regelrecht eingenistet. So haben immerhin 70 Prozent aller Deutschen wenigstens einen Bachelor (von bacca für Kuh). Wenn man nun unser Kabinett anschaut, stammen alle 17 Minister aus dem Volk. Sie haben ein abgeschlossenes Kuhdium, äh Studium – also wenn man Sozialpädagogik tatsächlich als Studium betrachten kann, denn das ist ja ein Fach das man nicht abschließen kann, so wenig wie Philosophie. Wie oder was wird denn bei (immerhin zwei Minister) Philosophie abgeschlossen?
Sechs Anwälte im Kabinett, aber nur zwei Politologen. Eine ehemalige Briefträgerin vertritt einsam das Proletariat. Steffi stammt aus Querdenkenhausen (Sachsenreich) und hat dann nach ihrer Briefträgerkarriere Agrarwissenschaften studiert. Eine Bäuerin, zwei Philosophen, sechs Anwälte, zwei Politologen. Das bildet die Kartoffelgrafik der deutschen Politik und des deutschen Volkes. Denn auch das Volk besteht mehrheitlich aus Anwälten, Rechtsvertretern (wobei auf den Vorgang des Vertretens der Schwerpunkt liegt, so wie man sich mal eben die Füße vertritt). Das deutsche Volk ist von einer enormen Rechtsgläubigkeit beseelt und hält das Grundgesetz für eine Bibel, geschrieben von langbärtigen Patriarchen, die im Schnitt 900 Jahre alt wurden. Das deutsche Volk ist ein halbgebildetes, dilettantisches abschlussgeiles Volk, das von der Kreidezeit unmittelbar in die Jurazeit wechselte. Und es passt in die Jurazeit, dass man Atomenergie zur grünen Energie erklärt. Denn Rechtsgläubigkeit glaubt an das Recht und Recht ist das, was geschrieben steht. Steht dann da geschrieben Atom ist grün, dann ist jeder Pilz essbar. Und das deutsche Volk frisst und frisst. Es wird immer fetter und fetter – man spricht schon von einer „Fetternwirtschaft“ in diesem Land. Alle haben fertig studiert (fertig wie aus und vorbei, haben sich also ausstudiert) und werden jetzt nicht mehr klüger, nur fetter. Denn wer ist klüger als die Polizei? Niemand.

 

Streifschuss vom 01. Januar 22

 

Anlass: unglücklich, einsam und zölibatär

 

Das Unbehagen in der Pandemie

 

Noch drei Tage bis zum Jahr 114 A.F.. Ziel ist eine Gesellschaft die stabil, steril und infantil ist. Das sind die Leitideen der schönen neuen Welt von Aldous Huxley. Vom Weltstaat sind wir noch ein wenig entfernt. Die Menschen vermehren sich vorzüglich immer noch auf natürliche Weise und werden in der Keimzelle des Terrors (der Familie) zu Neurotikern großgezogen. Der Großteil der bald acht Milliarden Individuen glaubt noch an Geschichte, die in Wahrheit längst Geschichte ist. Die Vergangenheit steht in den Büchern und ist da gut weggeräumt.
Wir lieben unsere Sklaverei und die meisten Menschen flüchten aus Malpais, um glückliche und fleißige Konsumenten wie wir zu werden. John Savage steht derzeit frierend und hungernd an der polnisch-belarussischen Grenze. Freiheit und reichlich Brot für alle zusammen ist weiterhin nicht denkbar. Die Wissenschaft ist noch viel zu frei. Wir müssen noch mehr Steine in Brot verwandeln, noch mehr Sicherheit und Ordnung herstellen, um das Ideal der schönen neuen Welt zu erreichen. Unsere infantile Wegwerfgesellschaft ist vor allem an einem abwechslungsreichen Leben interessiert (wer zu viel nachdenkt – wie ich – leidet schnell unter einem so genannten Präsenz-Defizit). Doch in den letzten beiden Jahren hat dieses Modell einer infantilen, sich an Spiel und Freizeit orientierenden Gesellschaft pandemische Risse bekommen. Die Ansprüche individueller Freiheiten die sich in Amüsement und Spiel zum Ausdruck bringen, verstoßen gegen den Willen der Masse. Triebverzicht ist die Parole. Schon 1930 schrieb Sigmund Freud: „Ein gut Teil des Ringens der Menschheit staut sich um die eine Aufgabe, einen zweckmäßigen, d. h. beglückenden Ausgleich zwischen diesen individuellen und den kulturellen Massenansprüchen zu finden, es ist eines ihrer Schicksalsprobleme, ob dieser Ausgleich durch eine bestimmte Gestaltung der Kultur erreichbar oder ob der Konflikt unversöhnlich ist.“ In der Politik glaubt man allerdings, man könne Kultur als schmückendes Beiwerk begreifen und mit einem Staatsministerium kontrollieren. So rührig die schwäbische Studienabbrecherin und Ex-Managerin von Ton, Steine, Scherben auch ist (gemeint ist Claudia Roth), und so sehr man ihr Engagement gutheißen mag, das Problem ist nicht sie, sondern die Ignoranz politischer Herrschaft. Kultur ist die Summe unserer Leistungen und Einrichtungen in denen unser Leben sich von dem unserer tierischen Ahnen entfernt. Kultur dient zwei Zwecken: Dem Schutz des Menschen gegen die Natur und der Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander. Das klingt nach einer – wie man das heute so plebiszitär nennt – gesamtgesellschaftlichen Anstrengung die mit der Kontrolle der rechtlichen Rahmenbedingungen für den Kultur- und den Medienbereich (das ist die Aufgabe eines Kulturstaatsministers) nicht wirklich vollständig abgedeckt ist. Den ersten Zweck der Kultur haben wir – ganz ohne Ministerium - übererfüllt. Wir haben uns derart massiv gegen die Natur geschützt, dass sie nun beinahe weg ist. Jetzt schützen wir die Natur gegen die Kultur. Was irgendwie ein Treppenwitz ist oder aus den Annalen der Abderiten stammt. (Ich grüße Wieland und sein Biberach)
Den zweiten Zweck haben wir nicht minder übererfüllt. Über 80.000 Paragraphen regeln unsere Beziehungen. Sicherheit und Ordnung erfüllen den Leitspruch der Stabilität aus der literarischen Vorlage derart, dass wir unser Leben nur noch mit juristischem Beistand praktizieren können. Es ist keine Überraschung, dass 21 Prozent der Bundestagsabgeordneten Juristen sind. Wir verwalten uns zu Tode. Die instrumentelle Vernunft der Politik reduziert den Begriff der Kultur auf  die Vergabe von Filmpreisen und regelt menschliche Beziehungen über die Anwaltskanzlei. Daher glaube ich nicht, dass die derzeitigen gesellschaftlichen Spaltungen von der Politik beherrschbar sind. Politik hat weder die Macht, noch die Mittel dazu. Demokratie als Herrschaftsinstrument reduziert sich auf die Wahl von leicht zerfallbaren kurzfristigen Bündnissen, die im Sinne des Spektakels unorganisiertes Stegreif-Theater aufführen mit der Tendenz zur Verrohung. Der Bürger als Mitwirkender in einem nationalen Passionsspiel.  Das kann den Auftrag nicht erfüllen und wird auch den von Freud diagnostizierten Konflikt nicht bewältigen können. Der Triebverzicht den moderne Gesellschaften abfordern wird immer und konstant von Neurosen und Psychosen begleitet werden. Der Beitrag der schönen Künste zur Linderung psychischer Leiden ist bekannt und wird in der Therapie auch eingesetzt. Taugen die schönen Künste auch als Gesellschaftstherapeutikum? Anders gefragt: Sollten die Künste wirklich noch schön sein? Aber was dann? Sind sie mehr als ein wenig Honig für den kratzenden Hals? Kultur ist alles, was wir haben und was uns Menschen auszeichnet. Man kann nicht gegen die Kultur sein, ohne zugleich gegen den Menschen zu sein. Es wird daher Zeit für eine neohumanistische Erneuerung im antipartikularistischen, universalen Stil. Was das wieder bedeutet, darüber denke ich dann weiter nach und verteidige derweil mein Präsenz-Defizit.

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