Literaturprojekt
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Neue Streifschüsse

wann immer nötig (im Schnitt einer pro Woche)

 

schnell und aus der Hüfte geschossen

 

 

Streifschuss vom 21. April 21

 

Anlass: Das B-Vokabular bestand aus Wörtern, die ganz bewusst zu politischen Zwecken gebildet worden waren; …

 

Es gibt da so Maschen, da kann man sie waschen

 

Neusprech sollte nicht nur ein Ausdrucksmittel für die den Anhängern des Engsoz gemäße Weltanschauung und Geisteshaltung bereitstellen, sondern auch alle anderen Denkweisen unmöglich machen. Es war geplant, dass wenn>Neusprech ein für allemal angenommen und Altsprech vergessen worden war, ein ketzerischer Gedanke – d. h. ein von den Prinzipien des Engsoz abweichender Gedanke – buchstäblich undenkbar sein sollte, insoweit wenigstens, als Denken an Worte gebunden war. Das Wort frei existierte zwar in Neusprech noch, konnte aber nur in Aussagen wie „Dieser Hund ist frei von Flöhen“ oder „Dieses Feld ist frei von Unkraut“ verwandt werden.

Doch auch wenn es undenkbar ist, hält es nicht davon ab, das Undenkbare zu tun.

Wer ist heute kein Umweltschützer oder Antirassist? Doch die meisten der 80 Millionen deutschen Umweltschützer frisst weiter Fleisch, fährt mit dem SUV in den Urlaub und ist begeisterte Vielflieger und sauer auf Corona. Nahezu 80 Millionen Antirassisten kommen aus dem Fernurlaub zurück und fühlen sich gegenüber den Migranten überlegen, sind Fremden gegenüber misstrauisch, während sie im gleichen Atemzug die Gastfreundlichkeit der Einheimischen ihres Urlaubslandes loben. Diese nicht öffentliche Meinung ist vielen dieser Umweltschützer und Antirassisten gar nicht bewusst.  Sie bringen ihre eigenen Umweltsauereien und ihren eigenen kleinbürgerlichen Vorstadtrassismus gar nicht in Einklang mit ihrer hohen Meinung von sich selbst. Der Effekt der Zeitungen, die den Umweltschutz und den Antirassismus voran treiben ist nur, dass sie die Gehirne ihrer Leser weiter säubern von der Wahrheit ihres Verhaltens. Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass man sich umweltschädlich verhält. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Die Städte ersaufen im Müll, das Land in der Gülle. Aber alles schön umweltfreundlich. Migranten werden ohne ersichtlichen Grund abgeschoben, auf dem Arbeitsmarkt ausgebeutet, von den sozialen Institutionen benachteiligt. Und das alles im Namen der Vergangenheitsbewältigung von 80 Millionen Deutschen, die fassungslos den Kopf schütteln über das alte Nazideutschland. Als Adorno und Horkheimer von der Front heimgekehrte Soldaten über ihre Einstellung zur Demokratie befragten kam heraus, dass viele Kämpfer ihren alten Staat vermissten. Sie misstrauten der Demokratie, die in ihren Augen schon einmal versagt hatte. Immerhin waren diese Soldaten noch einigermaßen ehrlich. Wenn nun in ein paar Monaten wieder die Urnen aufgestellt werden, um unsere heiligen Stimmen zu beerdigen, stellt sich nicht die Frage nach der Ehrlichkeit der Politik, sondern nach der Ehrlichkeit des Volkes das ihre Politik aussucht. Rechnet das Volk wirklich ernsthaft damit, dass nach der Wahl das Wahlprogramm der gewählten Partei durchgesetzt wird? Nein. Da von den 80 Millionen Deutschen nur 20 Studenten der Politikwissenschaft überhaupt die Wahlprogramme gelesen haben, können sie gar nicht damit rechnen. Nach Adam Riese vielleicht. Wir sind alle Umweltschützer und Antirassisten. Aber wehe, wehe wenn die gewählten Volksvertreter ernst machen würden. Wohin mit dem Müll? Wohin mit den Migranten? Das fragen sich Umweltschützer und Antirassisten.

 

Streifschuss vom 17. April 21

 

Anlass: Eine netflixte Verschwörung

 

Die Wahrheit über das Virus

 

wir sind verpflichtet, die freie Welt zu retten und werden alles tun und sind zu allem bereit. Notfalls überschreiten wir Grenzen.

 

„Wo ist das Virus?“, brüllte einst mit verzweifeltem Tonfall Jack Bauer in der dritten Staffel im Einsatz für die CTU. Der Terrorist antwortete nicht. Das so genannte Cordillo-Virus drohte sich zu verbreiten. Der Superagent Jack versuchte die Epidemie aufzuhalten. Dieses fiktive Cordillo-Virus ähnelt dem Hantavirus. Es wird von der amerikanischen Hirschmaus übertragen und löst bei den Infizierten das HCPS aus, ein cardiopulmonales Syndrom mit einer Lungenentzündung und Lungenödem. Die Hirschmaus oder auch Weißfussmaus hat große Ohren und einen behaarten Schwanz. Das Nagetier ist sehr sozial und gründet gerne Großfamilien. Hirschmäuse lassen sich leicht züchten und eignen sich daher als Labormaus. Über geheime Zugangscodes entdeckte die Datenanalystin Chloe O`Brian später das Profil der Maus. Ein Zeuge erstellte das oben dargestellte Phantombild.
„Wo ist das Virus?“
Der Terrorist schwieg. Er hätte Jack Bauer informieren müssen. „Die Hirschmaus hat das Virus“, hätte er antworten müssen. Doch bevor Jack Bauer den Terroristen foltern konnte (dann hätte er von der Hirschmaus erfahren) wurde der Terrorist von einem anderen Terroristen erschossen, um zu verhindern, dass dieser Informationen weitergibt.  Einer der ersten Terroristen, die Mäuse für ihren Kampf gegen die freie Welt einsetzten, war der Blutkreislauf-Spezialist William Harvey. Sein Techniker Robert Hooke baute ein besonderes Mikroskop für die Maus. Der Geheimagent Gregor Mendel, auch bekannt unter seinem Decknamen „Der Mönch“, verbreitete viele Jahre später die Maus in ganz Europa. Anfang des 20. Jahrhunderts erzeugte der von Terrorgruppen radikalisierte Harvard-Student Clarance Cook-Little den Inzucht-Mausstamm DBA. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts verbreitet ein geheimes Labor in Maine Millionen dieser gefährlichen Terrormäuse in aller Welt. Sie sind die weltweite Quelle. Das Labor wurde enttarnt, als der gefährliche Terrorist Charles Li eine Mitarbeiterin entließ, die das Labor beschuldigte, "Mäusen zu erlauben, in ihren Käfigen zu leiden und dann zu sterben, anstatt sie einzuschläfern" und den Mäusen die Zehen abzuschneiden, um sie zu identifizieren. Die CTU geht davon aus, dass diese Folter die Maus radikalisierte und dazu motivierte, ihren Kampf gegen die freie Welt zu führen. Das Jackson-Labor bestritt die Vorwürfe und sagte, die Arbeiterin sei wegen ihres konfrontativen Verhaltens entlassen worden. Über ein verschlüsseltes Telefon bestätigte Präsident Biden, dass Jack Bauer vom Präsidenten persönlich gebeten wurde, die Sache zu bereinigen und Edison Liu zu liquidieren. Gerade befindet sich Jack Bauer auf dem Weg zu diesem Labor, das Jackson-Labor, um seinen Führer Edison Liu auszuschalten! Ein Einsatzteam vor Ort wird ihn dabei unterstützen. Ein nahezu aussichtsloser Kampf unseres Helden gegen Millionen von Terrormäusen.

 

 

Streifschuss vom 15. April 21

 

Anlass: Gesellschaftsspielchen

 

Alles nur Theater

 

Es war noch im 20. Jahrhundert, als ich mich auf und davon machte, um Frau und Kind im Stich zu lassen. Das klingt melodramatischer als es wirklich war. Es war sehr grau. Ich habe Frau und Kind nicht im Stich gelassen, sondern floh nur vor der Herrschsucht meiner ersten Frau, wie Sokrates vor seiner Xanthippe. Ein Bewusstsein für Klischees fehlte mir seinerzeit noch.
Mein damaliger Arbeitgeber vermietete für seine Angestellten kleine, möblierte Zimmer. Möbliert ist ein Hilfswort. Das Nötigste (Schrank, Bett, Tisch, Stuhl) in 20 Quadratmeter hineingestellt, farblos, trist. Eine Gefängniszelle hätte mehr Charme entfalten können. Ich hatte in diesem Zimmer immerhin einen Fernseher. Ein riesiges, wuchtiges Monstrum von Röhrenfernseher auf dem gerade mal vier Sender zur Wahl standen mit halbwegs scharfen Bildern. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen. Er gehörte nicht zur Ausstattung des Zimmers und ich weiß nicht, wie ich zu diesem sehr frühen Vorläufer des Heimkinos gekommen bin. Ich hatte ihn einfach. Er stand auf dem Boden, ich saß zusammen mit einer Weinflasche und einer Tüte Chips auf dem Boden vor ihm. Es war bereits Mitternacht. Sie zeigten den berühmten Episodenfilm Short Cuts von Robert Altman. Damals war der Film ganz aktuell (1993 mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnet).  Mit wachsender Begeisterung sah ich den Episoden zu. Ich weiß nicht mehr genau was ich alles fühlte. Es war intensiv genug, um mir bis heute im Gedächtnis zu bleiben. Erhabenheit, Exklusivität, Lust. Von all dem etwas, fühlte ich mich wie ein richtiger Künstler. Damals hatte ich von Raymond Carver noch nie etwas gelesen. Nach dieser Nacht las ich alles. Das war nicht schwer, denn sein Werk ist schmal. Doch sein kleines Oeuvre Kurzgeschichten hat sich tief in meinen Stil eingeprägt.  In dem Episodenfilm von Altman spielt ein Erdbeben den allegorischen Höhepunkt. Mit dem Beben ist auch das Beben der amerikanischen Gesellschaft der 1990er Jahre gemeint. In einer Szene sagt ein Protagonist „Es ist noch nicht das große Beben.“ Das wurde für mich zum Paradigma. Bei jeder Erschütterung meines Lebens sage ich mir: „Das ist noch nicht das große Beben.“ Dieser Komparativ lauert mir auf, wie der Günstling Damokles dem Tyrannen Dionysios. Doch möglicherweise täusche ich mich und es handelt sich in Wahrheit um eine Antonymie. Es ist nicht mehr das große Beben. Was mir noch blüht im Leben, könnte man eher als Abwicklung bezeichnen. Ein rein verwaltungstechnischer Vorgang der lediglich Fragen nach den Kosten oder der Hygiene nach sich ziehen wird. Alles Erinnern nur eine Inszenierung. Der Narr und das Narrativ pflegen eine besonders komische Ehe, die mit Applaus geschieden wird. Das eigentliche Wesen dieses Theaters kommt zum Vorschein, wenn die Zuschauer gegangen sind und Blaumänner die Bühne abbauen. Die Bretter der Welt werden klappernd gestapelt und ein letzter Arbeiter löscht das Licht und schließt die Tür von außen.

 

Streifschuss vom 14. April

 

Anlass: Wechsel aus heiteren Abschnitten und dichten Wolken mit Regen- oder Graupelschauern. Vereinzelte Gewitter nicht ganz ausgeschlossen

 

Ein kleiner Wetterbericht

 

Ich war etwa 16 Jahre alt, da hatte ich eine Erkenntnis. Es war nicht nur so ein Gedanke, sondern ein echtes Heureka-Erlebnis. Ich wusste mit einem Schlag, dass ich postmortale Berühmtheit erlangen würde. Woher diese Gewissheit eines Jünglings kam, der noch nichts in seinem Leben erlebt oder geleistet hatte,  kann ich nicht sagen. Sie war einfach da. Familie, Freunde, Schule (später Beruf) waren nur noch Zeugen. Post mortem auctoris. Der Ehrgeiz, etwas im Leben zu erreichen, war ad absurdum geführt worden. Ich kannte mein Schicksal bereits. Das Leben würde mir nichts einbringen. Nur der Tod. Selbstverständlich nahm ich weiterhin formal am Leben teil. Und die ungeheure Wucht des Lebens erfasste mich wie jeden anderen Knaben. Ich verliebte mich, fühlte mich verlassen, war wütend, verärgert oder aufgeregt. All diese Emotionen konnte auch meine Erkenntnis nicht aufhalten. Aber es war ein Trost über die Jahre, dass dieser Irrsinn mit meiner postmortalen Berühmtheit eine Art Lohn bereit hielt.
Heute, 40 Jahre später ist mir natürlich mehr als bewusst, dass der 16jährige nur versuchte eine allgemeine Panazee gegen die Betrübnisse des Lebens zu finden.  Es war kein wirklicher Schutz. Es war nicht einmal eine echte Erkenntnis. So wenig wie ich von der Existenz eines Gottes wissen kann, so wenig kann ich wissen, welche historische Bedeutung ich nach meinem Tod haben würde. Doch ist die Möglichkeit, nach meinem Tod berühmt zu werden immer noch wahrscheinlicher, als die Existenz Gottes. Gott ist nur ein abstraktes Konzept, mehr eine Art Idee in die jeder seinen ganz privaten Inhalt hinein kippt.  Ich bin jedoch real. Mein Leben findet in der Wirklichkeit statt. Und wenn ich tot bin, ist auch dies real. Es handelte sich um eine Art rationaler Mystik. Zu wissen, dass ich nach meinem Tode berühmt werden würde, spendete nicht nur Trost. Es gab mir auch die Kraft frei und selbstbestimmt meinen Weg zu gehen. Es lag ein gewisser Widerspruch darin, dass das Leben einerseits seine zwingende Herrschaft über mich verloren hatte und ich wie ein Hans im Glück dem Leichtsinn verfiel, aber andererseits unbeirrbar meinen Weg einhielt.
Doch kann ich natürlich lebend über die Zukunft nur Vermutungen anstellen. Das Schicksal hält keinerlei Garantie bereit. Es ist wie bei der Lottoziehung. Es gibt keine Gewähr. Meine Jünglingserkenntnis war nichts als Eitelkeit. Das ist die Vanitas, die Eitelkeit des Diesseits. Inzwischen hat diese ungeheure Wucht des Lebens mir das Leben eher ausgeredet. Selbstverständlich nehme ich formal weiter am Leben teil. Ich sorge mich, wundere mich und lasse mich auch überraschen. Doch auch dieser durch mein Alter bedingte stoische Rückzug aus dem Leben bietet keinen Schutz und liefert mir keinerlei Garantien. Es bleibt weiter eitel. So gehe ich weiter unbeirrbar meinen Weg, als könnte das Leben mir nichts anhaben. Postmortale Berühmtheit bedeutet mir schon länger nichts mehr. Warum sollte ich in dieser Welt von Bedeutung sein, wenn diese Welt mir selbst kaum noch etwas bedeutet? Ich gehe weiter meinen Weg. Diese Zeilen bezeugen das. Das Schöne an dieser enttäuschenden Analyse ist das Bild vom einsamen Wanderer, der heiter Wind und Wetter trotzt.

 

Streifschuss vom 13. April 21

 

Anlass: Glückshormone

 

Ballade vom großen Glück

 

Über ein Jahr Seuche und ich muss jetzt mal los werden, wie dankbar ich dafür bin. Danke liebes Virus. Wer auch immer dich in Umlauf brachte, und wenn es auch die Chinesen waren: Danke auch euch. Ich genieße den Platz in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Keine Horden jugendlicher Hormonmonster mehr auf der Straße. Haltet die Schulen unbedingt weiter geschlossen! Clever war es auch, den Weg Richtung Mallorca offenzuhalten. Verpisst euch nach Mallorca, ihr neureichen Säcke, und bleibt dort. Selbstverständlich sollte auch der Weg nach Ischgl offen bleiben, nur den Rückweg sollte man versperren. Sogar die Behörden haben einen Gang runtergefahren und verwalten mich nicht mehr so aggressiv wie vor der Seuche. Finanzämter, Jobcenter, Kreisverwaltungsreferate! Bleibt geschlossen für die nächsten Jahre. Es reicht völlig, wenn die Politiker auf Achse sind. Sie laufen herum wie aufgescheuchte Hühner und geben ihr Bestes. Ich nehme es, danke. Keine Ursache. Verstau das Beste in meiner Schublade und preppere vor mich hin. Ab und zu gehe ich in meinen Schutzbunker und kontrolliere das Verfallsdatum der Raviolidosen und verschwöre mich mit mir selbst. Ich privatisiere mich komplett und treffe mich nur in allerhöchster Not mit anderen Menschen. Es ist so angenehm, endlich in Ruhe gelassen zu werden. Und man hat für seinen Rückzug juristische Rückendeckung. Verschärft den Lockdown, macht das Infektionsschutzgesetz zum Grundgesetz. Lasst euch bloß nicht impfen, sonst ist diese schöne Zeit wieder viel zu schnell vorbei. Geht nicht auf die Straße, füttert keine Tauben mehr, bleibt in euren Wohncontainern und digitalisiert euch. Das ist Algos Rhythmus. Netflixt statt zu fluchen oder euch zu ärgern, es gibt so viele Serien, so viel Möglichkeiten des Eskapismus! Flieht vor dieser Welt, diesem Horror aus acht Milliarden Planetenfressern.
Klar! Es sterben Menschen. Ausnahmsweise nicht nur in der so genannten Dritten Welt. Aber dort immer noch viel mehr als bei uns. Wir genießen unser Wohlstandsdasein und erfreuen uns an der Erhöhung des Regelsatzes auf 446 Euro. Wo kommt nur dieses viele Geld her? Danke Sozialstaat. Daher begrüße ich die Rekordzuwächse des DAX. Triggle down! A bisserl was fällt auch in meinen Schoß. Toll dieser Kapitalismus und Unternehmer sind nicht nur Menschen die nehmen. Als Untergebener nehme ich gerne die Gaben. Ein glückliches Jahr liegt nun hinter mir und meine Hoffnung ist groß, dass meine geringe Lebenserwartung noch mit weiteren glücklichen Seuchenjahren  pandemisiert bleibt. Danke, danke und danke.

 

Streifschuss vom 11. April 21

 

Anlass: vom Untergang des Abendlandes

 

Unter Leuchten

 

Neulich saß ich in einer Runde, die in etwa so bunt war wie Ausgekotztes nach einer durchzechten Nacht. Eine 50jährige ziemlich aufgedrehte, mehrfach schönheitsoperierte (sie zeigte mir tatsächlich ihre OP-Narben!) und von Astrologie und Sex besessene, alkoholkranke Frau, daneben ein nicht viel jüngerer Blondschopf dem das ganze Hochhaus gehörte auf dessen Dachterrasse wir uns befanden, und bei dem der Begriff „Geldsack“ sich tatsächlich in seiner Körperform ausgegossen hatte. Wobei ich ihn noch in Schutz nehmen möchte, war er doch von allen der am wenigsten ausgekotzte Brocken – sieht man mal davon ab, dass er gegen Abend alles „privatisieren“ wollte. Weiter dabei eine 30jährige pummelige Sozialpädagogin, die bereits Brüste wie ein Kamel hatte und dennoch vor hatte sich diese vergrößern zu lassen. Wollte sie durchstarten? In 80 Tagen um die Welt mit einem Busenballon? Anfangs zurückhaltend, später schnippisch werdend, ganz so wie es das Klischee von Sozialpädagoginnen erwartet. Gastgeber war – und das werden Sie mir jetzt wahrscheinlich nicht mehr glauben – ein Psychiater. Woher kennt nun dieser mittelmäßige Kolumnist und Autor dieser Zeilen einen jungenhaft wirkenden Psychiater im Rapper-Outfit? Er kennt ihn schon lange. Da war dieser Kollegah Psychiater noch Student und provozierte Oberärzte mit einem T-Shirt auf dem „Pozilei“ stand. Heute ist er selbst Oberarzt. Oberarzt in einer Lebenskrise, der zur bildlichen Veranschaulichung seiner Lebenskrise diese Runde in sein neues Domizil in Schwabing geladen hatte. Da saß ich nun immerhin fünf Stunden meiner Lebenszeit auf der Dachterrasse bei Champagner und Sushi, im Hintergrund die Münchner Skyline und dahinter die Berge. Natürlich muss man hier sofort an Baby Schimmerlos und Generaldirektor Haffenloher denken. Teufel noch mal. Wie fühlt man sich, wenn man als Plattitüde zwischen Helmut Dietl und Veronica Ferres eingezwängt sitzt, englisches Ale trinkt (weil ich keinen Perlwein mag) und einer 30jährigen pummeligen Sozialpädagogin dabei zuhört, wie sie von ihrer kommenden Schönheitsoperation schwärmt. Das Ale hatte mir Generaldirektor Haffenloher extra aus seiner Wohnung geholt, die gleich nebenan lag. Schon das lässt ihn hier gut weg kommen. Ein Mann, wie ein Fels in der Brandung mit einem Kühlschrank voller englischem Bier.
In dieser Runde von der man nicht sagen kann, ob sie einfach nur traurig war, oder ein evolutionärer Missgriff, war ich immerhin der Senior. Und ich war daher auch unter all diesen Leuchten, derjenige mit der geringsten Lebenserwartung. Sowohl das pummelige in einem Irrenhaus arbeitende Busenwunder als auch die alkoholkranke Medienberaterin erwarteten sich tatsächlich noch etwas von ihrem Leben. Auch der Großunternehmer der alles privatisieren will und der Arschhosen tragende lebenskriselnde Psychiater! Alle vier glitzerten, vom Champagner beschwipst wie kurz vor Weihnachten. Dieses Bild hätte auch Ernst Jünger entwerfen können, als er einst als Offizier mit dem Champagnerglas in der Hand auf den Untergang Deutschlands wartete. Natürlich wird heute niemand dieses Land ernsthaft vermissen, wenn es mal weg ist. Nur das Geld das hier sinnlos herumliegt und auf seine Privatisierung wartet. Nur ist das Geld dann vermutlich nichts mehr wert.
Meinen rechtzeitigen Aufbruch (anfängliche Versuche zu entkommen scheiterten an meiner Artigkeit) konnte ich ohne Verlust von Höflichkeit durch die Sperrstunde rechtfertigen. Aber da waren der Champagner und die Sushi ohnehin alle und die Leuchten erloschen. Die pummelige Sozialpädagogin und Kollegah Psychiater blieben allein zurück und was danach kam, gehört nicht zu meinem bevorzugten Phantasien. Echt nicht.

 

Streifschuss vom 06. April 21

 

Anlass: Vom Sprech- Schreib- und Lesakt

 

Akte X

 

Ich habe bislang selten einen Text gelesen, der so geschrieben war, dass man ihn nicht auch anders hätte schreiben können, um den gemeinten Inhalt wiederzugeben. Liegt das an der fakultativen Kraft der Sprache? Oder eher daran, dass unbeholfene Passanten an einem Unfallopfer mal den Rock öffnen, um ihn gleich darauf wieder zu schließen, versuchen das Opfer aufzurichten oder im Gegenteil wieder hinzulegen, aber eigentlich mit diesen Handlungen nur die Zeit ausfüllen wollen, bis endlich sachkundige und befugte Hilfe kommt. Eingeschüchtert von den zahlreichen Dispositions- oder Kombinationsoptionen der Sprache, die sich zugleich in unzähligen Permutationen brechen. Worüber wir uns nicht eindeutig verständigen können, müssen wir – wollen wir nicht schweigen - inszenieren und bei dieser Inszenierung den sprachlichen Ausdruck selbst zum Gegenstand machen. Ein Modell, das den Unfallhergang nachstellt, entspricht einer spekulativen Sprachlogik in der „alles, was der Fall ist“ ontologisch determiniert ist. Doch neben dem Unfall gibt es leider auch den Zufall. Sämtliche Versuche eine Universalsprache zu entwickeln oder die adamitische Ursprache wieder zu finden, kann man samt und sonders schon seit dem vorigen Jahrhundert zur Wissenschaftsgeschichte zählen. Ein Modell ist immer nur ein Modell. Die Suppositionen sind von vorne herein festgelegt. Für wen, wann und wozu verkürzt es pragmatisch das Original. Eine Erzählung ist nicht das wirkliche Geschehen. Ein wirkliches Gespräch zwischen zwei Menschen, sei es noch so kurz, ist nicht mehr wiederzugeben, weder als Ton- noch als Bildaufzeichnung. In seiner Einmaligkeit (früher hätte man pathetisch in seiner Göttlichkeit gesagt) lässt sich die Wirklichkeit nicht reflektieren, ohne dabei eine weitere Wirklichkeit zu erschaffen. In jedem Sprachgebrauch entsteht daher eine neue Wirklichkeit, deren Wiederholbarkeit sich auf technische Reproduzierbarkeit reduziert. Doch täuschen wir uns nicht. Die technische Reproduktion eines Textes ist nicht gleichzusetzen mit wiederholtem Lesen des Textes oder Sprechen des Textes. Jeder Text koppelt sich an das subjektive Bewusstsein, das nicht außerhalb seiner Zeit existiert. Wiederholtes Lesen ist immer wieder neues Lesen. Und damit erschließt sich auch jeder Text immer wieder neu. Tradition ist damit Fortschreibung. Ein barocker Text aus seiner Zeit ist verschollen in der Zeit. Was bleibt ist die Leseerfahrung einer neuen Wirklichkeit des Textes. Diese Leseerfahrung ist nicht reproduzierbar, verschließt sich jeder Technik. Den Wahrheitsgehalt eines Textes gibt es nur strukturell, allgemein bezogen auf Eigenschaften, Kräfte oder Instanzen. Jeder Schreibakt ist ein Einzelfall. Der abgeschlossene Text ist eine Illusion. Er mag geschrieben worden sein und scheinbar feststehend.  Doch er benötigt für seine Lebendigkeit den Lesakt in der Zeit. Jeder Lesakt ist wiederum ein Einzelfall bezogen auf einen einmaligen Text. Sie mögen sich ähneln, aber nur strukturell als Modell. Aber ein Modell ist eine pragmatische Verkürzung der Wirklichkeit. Und diese Wirklichkeit ist nie wiederholbar. Schon von daher lässt sich nie ein Text schreiben, der nicht zu verändern wäre. Nur ein Sonderfall an den wir uns immer wieder erinnern: Die Bibel. Der Bibeltext verweist nicht auf seine Reproduzierbarkeit (das war damals als die Bibel geschrieben wurde technisch nicht gegeben). Die Bibel verweist auf seine immer gleiche Bedeutung und eröffnet damit eine höhere Weisheit, die paradox ist. Die Bibel ist der Text, der sich vor 1000 Jahren genauso in der Wirklichkeit befand wie heute. Das ist zumindest sein Anspruch, aber auch seine Kraft durch den Anspruch den der Text für sich reklamiert. Jeder Text birgt daher eine homiletische Aktion in sich und verweist in seiner Dauer auf eine Predigt. Das ist wirklich außerirdisch….
 

Streifschuss vom 01. April 21

 

Anlass: ein privater Diskurs über die Heiligkeit der Literatur

 

Die Kopie von der Kopie von der Kopie
ein kleiner Literassismus

 

Es gibt in Deutschland ca. 20 Millionen Schriftsteller, von denen 10 Autoren von ihrer Tätigkeit wirklich leben können. Das sind dann 0,00005 Prozent. Diese 0,00005 Prozent schreiben nur marginal besser, als die restlichen 99.9995 Prozent der Autoren. Wenn nun jemand behauptet, der Kapitalismus funktioniert, dann lässt sich das anhand dieser simplen Zahlen leicht widerlegen. Der Kapitalismus funktioniert nur ex negativo. Diese 10 Autoren werden massiv verwertet und schleppen vielleicht weitere 100 Autoren mit, die durch ihre Arbeit als Schriftsteller ein kleines Nebeneinkommen generieren können. Diese 110 Autoren, die überhaupt Geld bekommen, werden nicht durch Leistung bekannt, sondern durch Propaganda. Heute nennt man diese Propaganda ganz harmlos „Feuilleton“. Die performative Literatur hat die Tradition in vielfache Diskurse aufgespalten. So wird es möglich, dass sich immer wieder der eine oder andere Germanist oder Drogerieverkäufer in die Bestseller-Listen schreiben kann. Diese Arbitrarität der Literaturen wird künstlich sortiert und verwaltet. So entsteht neben der Vielfalt der Diskurse und dem allgemeinen Sinnverlust von Sprache ein illusionärer Eindruck von Sinnhaftigkeit und Verbindlichkeit. Diese Illusion nennt sich dann Literaturmarkt. Tatsächlich ist es einem Jahrmarkt ähnelndes Konstrukt aus Schaustellern, Feuerschluckern, Kettensprengern, Jungfernzersägern, Messerwerfern und anderen Kuriositäten. So wird die Literatur zu einer schönen Nebensache herab gewirtschaftet und der Diskurs in ihr zu einem Steckenpferd.  10 Autoren (nicht immer dieselben – die wechseln sich durch und erhalten so die Illusion von Vielfalt in der Einöde aufrecht) stehen auf einer Liste zur allgemeinen Verfügung. Am Ende der Verwertungskette befindet sich naturgemäß der lesende Konsument. Und der lesende Konsument ist oft selbst ein Autor, der nicht davon leben kann. 20 Millionen Schriftsteller garantieren erstens einen laufenden Umsatz und zweitens ein Bedürfnis danach, der Literatur eine sakrale Bedeutung zuzuschreiben. Jeder Text der in Buchform gedruckt wird, äußert sich homiletisch. Jeder Text, der es nicht in die Buchformate schafft, bleibt profan. Die repräsentative Kraft des Buches übertönt die Performanz der Texte. So kann sich das System der Literatur auf einem religiösen Niveau erhalten. Die Revolution des Buchdrucks durch Book on Demand und die nahezu unendliche Reproduktion des Textes durch das Internet hat in den letzten zwanzig Jahren eher dazu beigetragen, den Buchdruck, das gedruckte und beglaubigte Buch noch sakraler zu machen. Der Ritterschlag des veröffentlichten Romans durch einen offiziell als seriös bezeichneten Verlag (was immer das sein soll) treibt die 20 Millionen Schriftsteller vor sich her. Sie hören nicht auf zu schreiben. Ein Schuster, der seine Schuhe nicht verkaufen kann und in seinen selbst produzierten Schuhen halb erstickt ist ein Witz über den man „laufend“ lachen kann. Unterm Strich steht der Betrug. Sofern man geneigt ist, den Verkauf von Illusionen die nur kosten und wenige ernähren, als Betrug zu bezeichnen. Das literarische System ist eine Maschine, die man als Kultur bezeichnet. In einem großen Verwaltungsakt wird die Kirche subventioniert und ihre Päpste sind seit dem Tod von Marcel Reich-Ranicki in ein Schisma gespalten, das jeden Agenten dieses Systems zu einem Schlapphut macht, der nur noch mit Platzpatronen auf diese Kultur zu schießen vermag. Es ist ein Bravourstück der dauerhaften Resilienz und hat die Literatur zu einem Popanz der Bedeutungsreproduktion werden lassen. Seit Berlin-Babylon glaubt natürlich niemand mehr an Worte. Bilder fluten unsere Augen. Kein Sehsystem ist mehr in der Lage dieser Bilderflut zu entkommen und es wird längst weit mehr gesehen als gelesen. 60 Millionen Deutsche können sich nicht mehr über längere Zeit auf schwarze Punkte konzentrieren, die sinnlich unzugänglich sind und den Kopf unnötig anstrengen, Gelesen wird von denen, die selbst schreiben. Wer liest ohne zu schreiben, wird irgendwann das Bedürfnis entwickeln, diese von allen beherrschte und leicht zugängliche Kulturtechnik des Schreibens selbst anzuwenden. Das literarische System wird zunehmend autistisch. Der darin dann entstehende Konkretismus wird die Metaphorik zerstören, bzw. hat dies bereits begonnen. Die Illusion der Performanz kommt auch nicht ohne Mimesis zurecht. Doch in der Vielfalt des Diskurses reduziert sich die Mimesis auf die Imitatio. Nihil autem crescit sola imitatione – Nichts aber wächst, wo man nur nachahmt – hatte allerdings schon Quintilian gewarnt. Der allgemeine Stillstand, ja der Schwund an Originalität der Literaturen erklärt sich daraus. Das Paradox einer wachsenden und immer weiter wachsenden Zahl an Schriftstellern bei zugleich immer einfallsloser werdender Literatur wäre damit geklärt. Der Grenznutzen des Literaturmarktes ist schon seit 200 Jahren erreicht. Die Sprachkrise am Beginn des vorigen Jahrhunderts war ihr Symptom. Die Postmoderne war ihr Geschwür und die Rückkehr zu den Erzähltraditionen des Realismus war ihr Zerfall. Heute ist Literatur nur noch durch die Marktzugänglichkeit geregelt. Der Rest ist Humus der stinkt und fault und auf dem wilder Wuchs gedeiht. Da braucht man einen guten Rasenmäher.
 

Streifschuss vom 25. März 21

 

 

Anlass: Hamlets Erzählung von einem Narren

 

Sein oder nicht sein bedeutet nichts

 

Irgendwann habe ich wohl beschlossen, nichts mehr ernst zu nehmen. Man sieht das schon an meiner Orthographie. Wann? Ich weiß nicht. Bin ich eines Tages aufgewacht mit dem Gedanken, mach mir ruhig den Pelz nass, aber wasch mich dabei nicht? Nein. Man kann nicht auf einen Schlag nichts mehr ernst nehmen. Man würde verrückt werden bei dem Versuch. Einzusehen, dass nichts einen Sinn hat (und damit allem jeder Ernst fehlt), bedarf eines starken Charakters und schlechten persönlichen Eigenschaften. Schlechte Charaktereigenschaften bekommt man nicht über Nacht. Die muss man einüben. Erst mal klein anfangen. Zum Beispiel mit den Politikern. Die gibt es halt wie nicht weg geräumte Hundehäufchen auf der Straße. Wenn man rein tritt, klebt das an der Schuhsohle und stinkt. Ist blöd, ja. Aber nicht ernst. Hat man erst einmal gelernt, die Politiker nicht mehr ernst zu nehmen, kann man diesen korrupten und machtgeilen Mistkerlen sogar wieder zuhören und dabei herzhaft lachen, wenn diese verzweifelt ihre Lügen als ernste Wahrheiten ausstreuen. Dann die Ärzte. Sie nicht ernst zu nehmen ist von großer Bedeutung. Denn dann regt man sich über seinen erhöhten Blutdruck nicht mehr auf und das ist lebensverlängernd. Ärzte sind in ihren weißen Kitteln, dem aus der Brusttasche hängenden Stethoskop oder ihrer Kopflampe an der Stirn letztlich lächerliche Figuren. Nimmt man die Politiker und die Ärzte  nicht mehr ernst geht man schon entschieden heiterer und weniger aufgeregt durchs Leben. Nehmt den Chef nicht mehr ernst und ihr ertragt die Sklaverei leichter. Nehmt die Freunde nicht mehr ernst und ihr habt mehr Spaß mit ihnen. Nehmt die Liebe nicht mehr ernst und ihr habt weniger Kummer. Und vor allem: nehmt die Kritik nicht ernst. Was soll das denn heutzutage? Natürlich kann man kritisieren wen oder was man will. Aber ernst nehmen darf man Kritik doch nicht. Als würde irgendwas irgendeinen kritikwürdigen Sinn machen. Jahrelang sucht man nach einem solchen Sinn, nur um dann festzustellen, dass es keinen gibt. Jahrelange vergebliche Sucherei, Haarerauferei, Zähneknirscherei und Nägelkauerei. Für nichts. Daran sollte man erkennen, dass auch aller Trübsinn nichts bedeutet. Was bleibt ist die Freiheit, darüber zu lachen. Wer nichts mehr ernst nimmt, der nimmt auch das Leben nicht ernst. Und das erleichtert einem das Sterben. Zum Ende darf man auch das Nichternstnehmen nicht mehr ernst nehmen, sonst würde man durch den Tod das Lachen verlieren. Das Lachen zu verlieren ist aber auch kein Verlust. Jedwede Negation funktioniert nur als vollständige Negation, sonst wäre es nur eine Subtraktion. Aber von was sollte man denn was abziehen?
 

 

Streifschuss vom 24. März 21

 

Anlass: Cancel Culture

 

Ich bin nicht bedroht! ICH BIN DIE BEDROHUNG

 

Seit nun schon längerer Zeit gehöre ich einer der am meisten gehassten Gruppen an, den alten, weißen, heterosexuellen Männern. Und alles was man über diese Gruppe behauptet, stimmt. Gott sei Dank bin ich wenigstens nicht privilegiert und kaum noch sexuell aktiv. Aber ich bin wütend. Und wütend darüber, dass ich wütend bin. Natürlich verberge ich diese Wut hinter ironischen Klugscheißereien. Wer es mit mir zu tun bekommt, bekommt es mit mir zu tun. Alles was früher schlecht war, ist heute auch noch schlecht und alles was früher besser war, ist heute wieder schlecht geworden. Und alles was heute besser ist, war früher zwar schlecht, aber wen interessiert das? Alle schauen nach vorn. Nur die alten, weißen, heterosexuellen Männer schauen konsequent in den Rückspiegel. Sieht aus, als würden sie vorausblicken, aber es sieht halt nur so aus. Was sieht der alte, weiße, heterosexuelle Mann wenn er tatsächlich nach vorne blickt? Hängende Klöten ohne Kröten, viel Not ohne Brot und – was dem Zwangsreimen folgt – die Demenz. Der alte, weiße, heterosexuelle Mann erlebt sehenden Auges seine eigene Verblödung und kann nur hoffen, dass diese Verblödung noch vor der Obdachlosigkeit eintritt. Dann ist er ein dementer, alkoholkranker, alter, weißer, heterosexueller Mann ohne Dach über dem Kopf. Da der alte, weiße, heterosexuelle Mann dement und korsakowerisiert ist, erkennt er seine eigenen Kinder nicht mehr, lebt von der Hand in den Mund auf der Straße und ähnelt zunehmend den Pavianen in Neu Delhi. Der alte, weiße, heterosexuelle Mann wird zur Affenplage. Sofern sie körperlich noch einigermaßen rüstig sind, greifen sie die friedlichen Passanten auf der Straße an und rauben sie gnadenlos aus. Alles was irgendwie glitzert, zieht sie an. Alles was bimmelt, zieht sie an. Anfangen können sie mit ihrer Beute wenig. Ein primitives Tauschsystem unter den alten, weißen, heterosexuellen Männern funktioniert halbwegs. So werden Essensreste (weggeworfene halbe Döner, Pizzen, Big Macs) gegen Smartphones und Tablets getauscht. Unter den alten, weißen, heterosexuellen Männern gibt es dann wütende Revierkämpfe. Und nicht selten Tote. Sie sehen! Wenn ich jetzt wütend bin und schlechter Laune liegt das ausschließlich daran, dass ich ein alter, weißer, heterosexueller Mann bin.

 

 Streifschuss vom 22. März 21

 

Anlass: Demokratie-Pflege

 

Ich sitze furchtbar gern im Sessel und döse
(David Lynch)

 

 Unser bürgerliches, kapitalistisches System garantiert nur einer privilegierten Schicht echten und nachhaltigen Wohlstand. Alles Geld der Welt ist nur geborgt  und nur wer herrscht verdient es. Wer es verdient, herrscht nicht. Das sagt ja schon das Vollverb „ver-dienen“. Die Versprechen von Gleichheit sind längst in der Freiheit zu lügen untergegangen. Nicht umsonst heißt es „Lug und Trug“. Wo gelogen wird, wird auch betrogen. Und nirgendwo sonst wird so viel gelogen – ohne Not gelogen – wie in der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft. Aber nicht, dass Sie glauben, ich glaubte noch an die Wahrheit. Nein, sicher nicht. Ideologien habe ich von jeder Seite her inzwischen betrachtet und verachtet. Eine Revolution tauscht nur die Mächtigen mit anderen Mächtigen, die Privilegierten mit anderen Privilegierten. Es ist besser, die alten Machthaber zu behalten. So lange wie möglich, denn sie werden müde und damit kann man arbeiten.
Die größte Vernunft geht vom schläfrigen Regenten aus, denn er oder sie ist im bestmöglichen Sinne objektiv. Der müde Regent hat dank seiner Sehnsucht nach Schlaf wenig Ego und vertritt keine Ideologien. Der müde Regent tagträumt, bringt nichts zustande und kann somit keinen Schaden anrichten. Wollen wir einen Buddha auf dem Thron? Dann wählen wir den Komatösen. Jede an ihn gerichtete Frage wird mit Schweigen bestraft. Jede Ideologie wird vom komatösen Regenten ignoriert und scheitert an dem regelmäßigen Atem des Beatmeten. Halten wir also die Demokratie, die längst im Koma liegt, weiter künstlich aufrecht. Machen wir einfach weiter und überlassen den Rest einer höheren Fügung. Achten wir darauf, dass sich die Demokratie nicht wund liegt, wechseln wir das eingeschissene Laken der komatösen Demokraten aus und straffen das frische und weiße darunter, damit ja keine Falte entsteht. Mobilisieren wir den komatösen Regenten indem wir ihn mal nach links und mal nach rechts drehen und dann wieder in der Mitte liegen lassen. Wie geht es weiter? Das entscheidet der Sozialbetreuer des mittlerweile zu Recht entmündigten demokratischen Regenten. Lesen wir die Schriften von Platon,  Cicero oder Rousseau weniger als philosophische Texte, sondern mehr als Verfügungen, an die sich die Ärzte der Demokratie halten müssen. Gemeinsam mit den Psychologen, den Therapeuten und den Pflegern des Systems arbeiten wir daran, dass der Regent einst aus seinem ewigen Schlaf erwachen wird. Auch wenn das Gehirn des schlafenden Regenten längst zu Mus geworden ist, hoffen wir auf ein Wunder. Denn dieser schlafende Riese in seinem weißen Bett ist der beste Regent aller Zeiten und für alle Zeiten. Für die nächsten Tausend Jahre Demokratie im Schlaf, erträumen wir uns ein schlarafftes Land aus Faulenzern. Sauber, satt und sicher. Gedruckt zu Arbeitshausen / in der Graffschafft Fleiß im Jahr / da Schlarraffenland entdeckt war.

 

Streifschuss vom 19. März 21

 

Anlass: in fünf Monaten sind die natürlichen Ressourcen der Erde wieder mal aufgebraucht

 

Der Mensch ist der Bock im Garten Eden

 

Schon seit der Antike mindestens bemühen sich weise Frauen und Männer zu verstehen, warum der Mensch immer wider besseren Wissens handelt, warum der Mensch trotz allgemeiner Volksbildung und Durchalphabetisierung und bei voller psychischer Gesundheit mit dem Brustton der Überzeugung sagen kann: „Rauchen erzeugt Krebs, das ist ja wohl erwiesen“, und sich dann genüsslich eine anzündet. Wie schafft es der Mensch, am Abend vor dem Fernsehapparat zu sitzen, sich eine investigative Sendung über die katastrophalen Zustände in deutschen Schlachtbetrieben anzusehen, entsetzt über den Zustand der armen Viecherl, während er sich das billige Rindshack in den Mund stopft? Und wütend schimpfen wir über den Schlachthofbetreiber, der – nach eigener Aussage - gar nicht anders konnte, als polnische Hilfsarbeiter zu zehnt in fünf Quadratmeter große Barracken zu stapeln. Er sei schließlich Unternehmer! Und als wir erfahren, dass die Börsenkurse wieder fallen, machen wir uns ernsthaft Sorgen um die Wirtschaft.
Aber wir müssen gar nicht so weit ausholen. Schon am Morgen beim Aufwachen fängt das an. Wir stehen auf, obwohl wir ganz genau wissen, dass es klüger gewesen wäre liegen zu bleiben, besser für den Kreislauf, besser für die Laune, besser für die unschuldigen Passanten, die man in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit anschnauzt. Wir stehen auf, wider besseres Wissen, ziehen uns an und fahren in die Arbeit. Alles gegen unsere Vernunft. In der Arbeit begegnen wir unserem Chef. Der meint, dass es sehr löblich sei von uns, in der Arbeit zu erscheinen, aber wenn wir nun schon mal da wären, könnten wir tatsächlich auch arbeiten. Und, Überraschung! Wir arbeiten wider besseres Wissen. Schließlich kommt der Chef – es ist nicht zu umgehen, ihn bei der Arbeit anzutreffen – erneut auf uns zu, findet es positiv, dass wir arbeiten. Jetzt wäre es noch besser, meint der Chef, wenn wir auch alles richtig machen würden. Das tun wir. Sicher. Das muss ich nun nicht mehr weiter erklären. Und so kommt wider besseres Wissen ein nagelneues vierrädriges Automobil frisch aus dem Werk in die Hände eines begeisterten Autofahrers. Dieser fährt nun mit dem von uns wider besseres Wissen gebauten Automobil auf der Autobahn und hört sich eine Radiosendung an. Dort berichten sie über die Zerstörung der Umwelt durch die steigenden CO2 Werte. Der begeisterte Autofahrer schüttelt den Kopf und sagt zu seiner beifahrenden Ehefrau: „Die Menschheit wird auch nicht klüger.“ In der Tat. Ich behaupte, dass unsere gesamte Zivilisation auf dieser besonderen Form der Inkontinenz beruht. Wir hätten von Anfang an im Bett bleiben sollen, oder auf dem Planeten von dem auch immer wir her gekommen sind. Scheiß Affen.

 

Streifschuss vom 17. März 21

 

Anlass: Apollons Amme

 

Aletheias Schlaflied

 

Der Weg zur Wahrheit ist mit Paradoxen gepflastert. Oscar Wilde opferte die Wahrheit für ein gutes Bonmot. Er hat es in einem Brief an Conan Doyle sogar selbst zugegeben. Kein Paradox führt auch nur annähernd zur Wahrheit. Im Gegenteil sind Paradoxien Sackgassen. Es ist also Unfug zu behaupten man müsse auf  Penrose-Dreiecken oder als sich selbst rasierender Barbier Richtung Wahrheit gehen. Simplex ratio veritatis. Vielen Dank Herr Cicero für diesen pragmatischen, römischen Beitrag. Aber nein. Das stimmt leider auch nicht. Die Wahrheit ist sehr kompliziert und um sie auf den Tisch zu bringen, benötigt man ausgefeilte, mühsame und oft sehr tröge Ausführungen. Die Menschen interessiert die Wahrheit nicht. Sie langweilt sie. Versucht man den Menschen die Wahrheit begreiflich zu machen, schlafen sie ein.  Hallo? Sie sind nicht eingeschlafen? Ehrlich nicht? Also gut. Dennoch Zeit für ein Bonmot. Man nennt den anderen einen Sophisten, wenn man fühlt, dass man dümmer ist als er. Oh vielen Dank Herr Valery. Wenn auch Ihre Poesie nicht ganz so rein war wie Sie es wünschten. Da ist Ihnen ein Bonmot geglückt, das endlich der Sache näher kommt. Hat man die Wahrheit erst begriffen, ist sie ganz einfach. Doch der verblödete Schüler spürt bleierne Müdigkeit in sich aufkommen, verursacht durch das beständige Ziehen an seinem Hinterkopf von den Ausführungen des Lehrers. Doch auch der Lehrer spürt sie jetzt, langsam werden auch seine Augen schwer, Senkblei in seinem Körper, bei seinem steten aber immer scheiternden Versuch, dem verbödeten Schüler die Wahrheit begreiflich zu machen. Denn die Wahrheit…gähn, die Wahrheit meine lieben Leser, die Wahr….tssss,…zzzzzz.

 

Streifschuss vom 16. März 21

 

Anlass: Zum Jahrestag des Lockdown hier noch mal zur Erinnerung eine meiner ersten Reaktionen. Gott! War ich damals noch naiv. Aber ich muss ehrlich bleiben...

 

 

Streifschuss vom 14. März 2020

Manidae pholidota, auch genannt Pangolin

 

Und die ganze Welt steht still, wenn ein Tannenzapfentier es will

 

Geschlossene Schulen, geschlossene Kindertagesstätten, auch die Münchner Volkshochschule und die Volkshochschulen im Münchner Umland schließen ihre Pforten. Gerade jetzt, wo die Menschheit Bildung so nötig hätte! Sogar die kulturelle Veranstaltungslandschaft kommt zum Erliegen. Es findet kein Profifußball statt! Brot und Spiele wurden vorerst - seit Covid-19 von einem Tannenzapfentier auf den Menschen übersprang – eingestellt. Bedenkt man, dass in den letzten 50 Jahren der demokratische Staat nur funktionierte, weil Freiheit von Mangel uns das Denken ersparte und die Maschine der Ablenkung reibungslos lief, dann wird es spannend zu beobachten, was diese Krise aus unserer Unabhängigkeit des Denkens macht, und aus unserem Recht auf politische Opposition. Werden wir alle stille halten, abwarten, verängstigt in unserer Quarantäne verharren? Sind wir schon so unseres kritischen Verstandes beraubt worden, dass wir einem derart absurden Rat folgen, auf Sozialkontakte zu verzichten? Oder wird die Rückkehr des Mangels uns endgültig den neofaschistischen Wölfen um Adolf Höcke zuführen? Kann es sein, dass eine Glatze immun macht? Und geschlossene Grenzen haben ja schon immer prächtig funktioniert? Der drohende ökonomische Kollaps sollte eigentlich niemanden besonders wundern. Längst war die herrliche Globalisierung an ihrer kritischen Grenze angekommen. Ein wenige Nanometer (Faktor von 10-9) kleiner, relativ einfach aufgebauter Körper schaltet das gesamte moderne System der Spätindustrie aus und könnte die Menschen wieder ins 19te Jahrhundert befördern. Die Vulnerabilität eines solchen Systems klingt nicht Vertrauen erweckend. Da wird auch die Bazooka von Herrn Minister Scholz nichts nutzen. Denn auch Geld immunisiert nicht gegen Viren. Auf diesen Mr. Scholz bin ich ohnehin nicht gut zu sprechen, will er doch auf Kleinkünstler mit Kleinkaliber schießen (so äußerte er sich tatsächlich, und merkte nicht, dass er Goebbels zitierte –natürlich stand die Metapher für Kleingeld, aber das macht es nicht wirklich besser). Wenn ein Kleinkünstler nichts tun kann, dann schadet das niemandem. Im Gegenteil. Daher bekommt der Kleinkünstler nur Kleingeld. Da sich politische Macht nur behaupten kann, wenn es ihr gelingt technische, wissenschaftliche und mechanische Produktivität zu mobilisieren, ist Stillstand das einzige revolutionäre Gegenmittel. Eine Pandemie dauert etwa zwei bis drei Jahre. Dann ist der Kapitalismus wie wir ihn kennen vorbei. Und es wird schlimmer. Wie immer, bevor es besser wird.

 

Streifschuss vom 14. März 21

 

Anlass: wieder mal ein Skandal in der politischen Kaste

 

Folgt nicht dem Gestank, sondern riecht wo er herkommt

 

Wir haben es erwartet und es überrascht uns nicht. Und doch: im tiefsten Winkel unseres Herzens hofften wir alle, sie wären so gut, so ehrlich, so ideal wie sie auf den Werbeplakaten kurz vor den Wahlen dargestellt sind. Aber die politische Kaste ist ein verdorbener, korrupter und gesetzloser Haufen. Sie ernähren mit ihren Skandalen die journalistische Kaste. Eine Win-Win-Situation. Und so kann der Bundespräsident Frank Walter Steinmeier sich ganz entspannt empören. Der Inhaber des höchsten Amtes der politischen Kaste weiß ganz genau, dass Betrug und Korruption die Regel sind, und nicht die Ausnahme. Wüsste Steinmeier das nicht, dann wäre er eine kuriose Fehlbesetzung. Auch hier hoffen wir insgeheim, der empörte Präsident habe „nichts davon gewusst“. Klingt ein bisschen naiv oder? Klingt wie „wenn das der Führer wüsste“. Keine Sorge Volksgenossen. Er weiß es. Der Präsident ist nur aufrichtig empört über die Tatsache, dass sich mal wieder ein paar Vollidioten haben erwischen lassen. Aber auch das gehört zum System. Denn darüber schreiben die Journalisten und halten den Betrieb auf diese Weise aufrecht. Ein paar unmoralische Verfehlungen, ein paar schwarze Schafe werden geopfert und der Rest der politischen Kaste steht im Grunde moralischer da als zuvor. Es funktioniert. Aber tatsächlich ist die politische Kaste eine verdorbene, stinkende Jauchegrube. Sicher, beginnt der kleine politische Adept seine Laufbahn, ist seine Einstiegsdroge die Kommune. Da gelingt es dem Adept tatsächlich hin und wieder mal einen alten Baum zu retten, oder eine Dorfschule zu sanieren. Doch je weiter der Adept, die Adeptin in der politischen Kaste aufsteigt, desto tiefer sinkt er/sie in der Jauchegrube ab. Wir wissen alle, dass die politische Kaste so übel ist, wie ich sie schildere. Das betrifft das gesamte Farbspektrum der Parteien. Nur verschließen viele die Augen, weil es Teil des gesamten Systems ist. Der Mensch ist vermutlich das einzige Raubtier auf der Erde, das sich selbst zur Beute macht. Der Mensch ist ein autophages Säugetier. In der politischen Kaste offenbart es sich exemplarisch und wird dann in den Zeitungen zelebriert. Die Betrüger und Korrupten waren Jäger und werden nun selbst gejagt und geopfert. So bleibt die Kaste als Gesamte sakrosankt. Es ist widerlich, dass diese Kaste die Gesetze schreibt nach denen wir leben. Aber es ist in sich logisch. In unseren schwer gefüllten Herzen wissen wir, dass Betrug und Korruption das Hauptgeschäft  - nicht nur - der Politik ist, und in unseren Herzen lebt neben diesem Wissen zugleich die Hoffnung es möge nicht so sein. Diese Akrasie (Handeln wider besseren Wissens) wäre herzzerreißend. Daher müssen wir uns zwischen Hoffen und Wissen entscheiden. Das können wir nicht. Und so ist unser aller Herz zur Mördergrube geworden. Wir unterscheiden uns nicht sonderlich von der politischen Kaste. Der Unterschied liegt nur darin, dass die Politiker in die tiefste Jauchegrube steigen und wir nicht. Vor unseren Augen liegt diese Jauchegrube in die jeder steigen muss. Nur ist sie nicht für jeden so tief. Wir sind diese stinkende Jauchegrube aber schon so gewohnt, dass fast jeder nach ihr lechzt. Wenn wir uns über die Betrüger und Korrupten empören, dann ist das mehr Schadenfreude. Endlich haben sie wieder ein paar erwischt. Wir wären gerne selbst Betrüger und hielten die Hand auf. Nur erwischen lassen wollen wir uns natürlich nicht.
Insofern hatte Niclas Luhmann völlig Recht. In der Politik geht es weder um die Moral, noch darum wer Recht hat, sondern lediglich um Macht. Die Empörung des Präsidenten ist daher fast schlimmer, als ein paar lumpige korrupte Politiker. Sie ist geheuchelt und stinkt erbärmlich nach der tiefsten Scheiße der Jauchegrube in der die führenden Kastenmitglieder leben. Aber sie sind so sehr von dieser Scheiße umgeben, dass sie gar nichts anderes mehr wahrnehmen. Die erwischten Betrüger sind Blasen, die aus der Jauchegrube hochblubbern. Doch ganz unten, in der tiefsten Scheiße steckend, empört sich der Präsident.
In der Politik wäre ein "ehrlicher Präsident" ein Widerspruch in sich selbst.

Streifschuss vom 10. März 21

 

Anlass: Obwohl er in jeder Hinsicht Gott gleich war, hielt er nicht selbstsüchtig daran fest, wie Gott zu sein.

 

Befreiungsschlag

 

Die Leute jammern über den Tod, wo der doch das einzig Sinnvolle im Leben ist. Endlich verlässt man diese Hölle der Notwendigkeiten, sprengt die Ketten des Daseins. Klar, man verliert dabei das Leben. Und die Leute kennen nur das Leben. Der Tod erscheint ihnen als Ungeheuer, weil er ihnen nicht geheuer ist, weil sie ihn nicht kennen. Sie sehen nur die Hüllen, die er im Gefängnis des Lebens zurück lässt. Der Tod ist Befreiung und bisher ist ja auch noch nie einer freiwillig ins Leben zurück gekommen. Außer Jesus. Und seine Botschaft war dabei klar: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Christlich zu sein, ist ein verquastes Anhimmeln des Todes. Die moderne Furcht vor dem Tod und die ganzen lebensverlängernden Maßnahmen unserer Epoche deuten auf den Verlust des Glaubens an die Befreiung. Die Menschen richten sich in ihrem Gefängnis ein, reden sich ein, sie seien gar keine Gefangenen. Sie lieben diese Hölle und suhlen sich in der Jauche des Daseins. Diese abartigen und perversen Lustmolche dieser lebensbejahenden Epoche klirren mit ihren Ketten, als sei das Schmuck. Man möchte diesen verdrehten Geschöpfen den Schädel einschlagen, aus purem christlichem Mitleid. Wie traurig sind Gefangene, die ihre Ketten lieben, ja damit prahlen. Je größer und kräftiger die Kette, desto stolzer! Doch diese unglücklichen Wesen verraten sich immer wieder selbst. Denn das was sie ihr Leben nennen, ist nur der Traum von dem was sie leben möchten. Sie sind alle auf der Flucht vor der Wahrheit, tanzen mit den Schatten, verehren die Toten wie Götzen. Sie schlafen bei Tag und bei Nacht und fürchten sich vor dem Aufwachen. Denn das was sie als den Tod bezeichnen, ist ihr Erwachen. Man kann sie alle nur bedauern und den eigenen Tod ersehnen. Ja ich weiß, das klingt morbid.
In dieser Todes-Meditation nehme ich Abschied. Und erkenne dabei, dass all das nur Ketten sind, die mich festhalten an Dingen, denen ich ohnehin gewaltsam entrissen werde. Ich stellte mir vor, dass ich bereits tot bin und die Schwierigkeit bei dieser Übung ist, von allem Abschied zu nehmen. Nicht nur die besonderen Dinge, auch die ganz banalen Handlungen und Dinge verabschieden. Keine Texte mehr schreiben können. Kein weiterer Streifschuss, kein weiteres Essay, keine Kurzgeschichte mehr. Keine mehr an Freunde verschicken können, keine Kommunikation mehr mit irgendwem. Nie mehr aufstehen und Kaffee machen, ihn trinken, Horoskop lesen, Zeitung lesen. Nie mehr Wäsche waschen, nie mehr einkaufen gehen und nicht recht wissen, was man noch essen soll oder kann. Nie mehr lesen, nie mehr ein Buch besprechen, nie mehr Netflix schauen. Nie mehr einen Vortrag ausarbeiten und halten. Nie mehr telefonieren. Nie mehr mich umblicken und meine Bücherreihen ansehen. Nie mehr erleben, wenn ein neues Exemplar mit der Post kommt, wo auch ein Text von mir drin steht. Nie mehr sich anziehen und raus gehen. Nie mehr atmen, nie mehr sich räuspern, sich kratzen können. Nie mehr träumen und die Träume notieren. Nie mehr an Geld denken, an die Zukunft oder an die Vergangenheit. Nie mehr die Augen reiben, die Brille putzen, nie mehr eine Erkenntnis haben, einen Zusammenhang begreifen, einen fremden Text verstehen. Nie mehr dasitzen und „nie mehr“ schreiben können. Nie mehr sich etwas vorstellen können. Nie mehr „Ich“ sagen können. So viel, was nie mehr ist. Nie mehr Sonne, nie mehr den Mond sehen, nie mehr die Sterne. Alles wird so sein, wie vor dem September 1963, vor der Befruchtung, die irgendwann zwischen dem Marsch auf Washington und der Ermordung Kennedys stattfand, und ich frei war, frei von mir selbst.

 

Streifschuss vom 06. März

 

Anlass: über das was wichtig und unwichtig zugleich ist

 

von Hand und Werk

 

Stéphan Mallarmé soll – laut dem Journal von Edmund Goncourt – verkündet haben, dass man einen Satz nicht mit einem einsilbigen Wort beginnen dürfe. Goncourt kritisierte den Lyriker daraufhin heftig. Goncourt spottete über „diese Suche nach kleinen Schnitzern“, denn das würde letztlich von allem „Wichtigen, Großen, Bewegenden, das einem Buch Leben verleiht“ nicht nur ablenken, sondern sogar abstumpfen. Julian Barnes kommentierte, dass die Kluft „zwischen realistischer Prosa und symbolistischer Poesie“ nicht größer hätte sein können, als eben hier zum Ausdruck kommt. Die Differenz zwischen dem feinsinnigen, winzigen Satzmesserchen und dem großen, monströsen Geschichtsfleischermesser ist selbst eine Anomalie. Denn beides zählt. Manchmal kann so ein „kleiner Schnitzer“ alles ruinieren, manchmal kann so ein „kleiner Schnitzer“ alles retten. Der Zufall spielt auch hier seine chaotische Rolle. Es ist wie beim Kochen. Um an das Innere der Frucht zu gelangen, braucht man das monströse Fleischermesser. Die Frucht selbst will filigran behandelt werden. Ästheten wie Mallarmé sehen nur die Frucht und ignorieren die harte Schale in der sie sich schützt und Realisten wie Goncourt unterliegen dem Irrtum, dass die Frucht nur von ihrer Schale befreit werden müsse, um zum Vorschein zu kommen. Dann machen sie Mus daraus. Doch jedes Symbol ist von einer harten Schale Kontext umgeben und wer nicht gelegentlich das Fleischermesser benutzt gelangt nicht an die Frucht. Blutarme Ästhetik ist die Folge. Die große Kunst besteht darin, die Frucht so zuzubereiten, dass niemand der die Frucht verspeist noch an das Fleischermesser denkt, das man brauchte, um an diese schmackhafte Frucht zu gelangen. Es ist eine Frage der Technik. Aber Technik denkt nicht. Und so braucht jedes Messer, ob groß oder klein, geschickte Hände oder kräftige Arme. Geschickte Hände und kräftige Arme bekommt man nicht geschenkt. So muss man regelmäßig das Große, Wichtige, Bewegende stemmen, von dem Goncourt spricht. Genauso regelmäßig sollte man mit der Lupe die Details des Großen, Wichtigen und Bewegenden studieren und handhaben können, um diese „kleinen Schnitzer“ zu vermeiden, die Mallarmé anspricht. Es ist wie in der Physik. Die Teilchen widersprechen oft dem Ganzen. Für die Schwerkraft sind Quanten irrelevant. Aber ohne die Quanten ist der Rest ebenso irrelevant. In der Schwungkraft zwischen dem Großen und dem Kleinen äußert sich zwischen Prosa und Poesie echtes Sprechen. Wieder ist es die Differenz, die Nicht-Identität von Signifikat und Signifikant die im Sprechen wirkt. Lernt man den Kontext als nicht linear zu begreifen gelangt man an den eigentlichen Kern der Frucht. In diesem Kern finden sich Frucht und Schale in sonderbarer Einheit vor. Das Messer mit dem man diesen Kern dann bearbeitet ist kein Handwerkszeug mehr, es ist die Ewigkeit. In der Dauer selbst vereinigen sich Prosa und Poesie in einer nicht theologischen, völlig Gott befreiten Mystik. Jedes gelungene Kunstwerk verschafft uns eine Illusion von „echter Dauer“; also die Illusion von Ewigkeit. Das ist das Geheimnis künstlerischen Wirkens.
 

Streifschuss vom 02. März 21

 

Anlass: Sprache und Bild

 

Alte Sprachschinken in Öl

 

Viele Menschen haben ein naives Verhältnis zur Sprache, indem sie glauben diese sei dazu da, die Sachen möglichst präzise zu beschreiben.  Aber das ist nicht die Funktion von Sprache, fast im Gegenteil ist es Aufgabe der Sprache die Differenz zur Sache zu beschreiben. Das Wort ist nicht nur nicht die Sache, sondern sogar Ausdruck der Nicht-Identität mit der Sache. Wir lernen mit der Zeit, uns – wie man so schön sagt – differenzierter auszudrücken. Sprache hat eine zeitliche Gestalt. Sie lässt sich nur nach und nach erfassen. Vielen Menschen ist das zu mühsam. Sie wollen schnell fertig sein. Aber sie verschleiern ihre Unfähigkeit Sprache zu erfassen, indem sie alten Sprachbildern nachtrauern. Zur Realsatire des „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ kommt es durch das eingefügte Adverb „noch“. Denn wie ist das gemeint, dass man etwas „noch“ sagen kann oder darf. Handelt es sich um einen Rest? Wie lange darf man es „noch“ sagen, bis die Zeit endgültig vorbei ist? Oder kommt etwas dazu? Noch ein Wort? Darf man das also auch noch dazu sagen? Oder nicht nur so, sondern auch so? Oder darf man es „sogar noch“ sagen? Ist dieses sprachliche Idiom politischer Korrektheit im Wandel, so dass man es weiter sagen darf? Also dieses kleine Adverb zeigt bereits an, dass Sprache, präzise angewandt, nicht in einem Satz vollzogen werden kann. Sprache ist kein Bild. Wer sich ein Bild von einer Sache macht, hat nicht erfasst, was Sprache leisten kann. Nicht umsonst triften Bild und Sprache kulturgeschichtlich oft genug auseinander. Sprache ist immer zugleich Kritik an der Sprache. Wäre das nicht so, dann müssten wir in der Tat alle Poet*innen und Philosoph*innen einsperren, denn diese Berufsgruppen kritisieren ständig unsere Art zu sprechen. Natürlich ist Sprache auch mit Kontrolle verknüpft und die Tendenz zu Missbrauch durch Indoktrination ist ihr inhärent. Um zu verstehen, was sich in den letzten 40 Jahren getan hat, muss man sich jedoch von dem Irrtum befreien, dass die Funktion von Sprache Identität stiften würde. Gott sei Dank sprechen wir nicht mehr so wie vor 40 Jahren. Meine Art zu sprechen befreit mich von der Identität mit meinem Volk. Eine gemeinsam benutzte Grammatik macht uns nicht zu einem „einig Vaterland“. Wenn wir sprechen, gehen wir auseinander und nicht zusammen. Was uns zusammen bringt ist das Bild von uns, das wir als Zustand während unseres Sprechens abgeben. Kommunikation ist damit streng genommen nicht Sprechen, sondern abbilden. Wir erliegen regelmäßig dem Irrtum, aus dem Schnappschuss unseres Seins Schlüsse zu ziehen, die uns dann festlegen. Wer kritisiert, etwas „noch“ sagen zu dürfen, hängt an einem alten Schnappschuss fest. Ab hier schreibe ich bewusst - als Inversion - nicht genderneutral, um etwas zu verdeutlichen…  Der Retrostyle einer Sprechenden die in alten Bildern festhängt, will nicht etwas sagen dürfen, was man angeblich nicht mehr sagen darf, sondern sie verteidigt ihr Zurückbleiben in der Sprache. Das Adverb „noch“ ist tatsächlich ein Rest Zeit, die die Zurückbleibende zu haben glaubt, „noch“ etwas zu sagen, was keine sonst mehr sagt. Die, die also „noch“ etwas sagen will, was man angeblich nicht mehr sagen darf, sucht verzweifelt nach Kommunikationspartnerinnen, die sich - wie sie - in diesem zurückgebliebenen Zustand befinden. Das sprachliche Idiom politischer Korrektheit ist ein sprachlicher Fortschritt der Differenz. Diejenigen die glauben, dass dieses sprachliche Idiom Gleichheit stiften wolle,  missverstehen Sprache völlig. Identität entsteht nicht durch Gleichmachen. Ethnische oder kulturelle Gruppen suchen ihr eigenes Wort für sich. Politisch korrekt bedeutet, auf dem Laufenden zu bleiben in der Selbstbebilderung einzelner Gruppen und auch einzelner Subjekte. Daher ist es anmaßend, wenn heterosexuelle, alte, weiße Männer glauben, sie wüssten besser was politisch korrekt sei, als diejenigen, die diskriminiert werden. Das Wort „Neger“ war auch von hundert Jahren bereits diskriminierend, wenn es ein „Weißer“ sagte. Der eigentliche Fortschritt besteht in der differenzierten Deutung des Wortes. Das ist ein historischer Prozess. Da Sprache eine zeitliche Gestalt hat, sind wir nie fertig. Sind wir mit Sprache fertig, dann ist es keine Sprache mehr, sondern ein Bild, ein Sprachbild. Wenn man also „noch“ etwas sagen wollte, was man angeblich nicht mehr sagen darf, handelt es sich nicht eigentlich um ein Sprechen, sondern um ein Museumsstück. Sprachbilder erweisen sich oft als hartnäckig und sehr haltbar. Man liest auch gerne Klassiker und hält diese für die besseren Bücher. Menschen misstrauen der Sprache und trauen mehr ihren Augen. Daher tun sie sich mit der zeitlichen Gestalt von Sprache schwer und lieben fertige Sprachbilder, die man sich zur Unterhaltung an die Wand hängen kann. Sprache ist nie fertig und das macht den Menschen Angst. Viele empfinden es daher beunruhigend, dass man nicht mehr „Neger“ sagen darf ohne es in einem historischen oder Metakontext zu verwenden. Sprache ist aber immer metakontextualisiert. Wer das nicht erkennt, spricht nicht.
 

Streifschuss vom 28. Februar 21

 

Anlass:  Haut und Knochen

 

Wir sind selber Plastik

 

Beim Abbau von Plastik zerfällt das Polymer in Kohlenstoffdioxid und Wasser. Kohlenstoffdioxid ist ein Treibhausgas und erwärmt die Erde. Allein der Durchschnittsdeutsche verbraucht 220 Kilogramm Plastik im Jahr. Selbst wenn wir den Pestalotiopsis microspora züchten und vielleicht sogar sein Enzym Serinhydrolase herstellen könnten und damit sogar hartnäckige Polymerverbindungen wie Polyurethan abbauen könnten, ist unser Problem mit dem Plastik nicht beseitigt. Beim Abbau von Plastik zerfällt das Polymer in Kohlenstoffdioxid und Wasser. Kohlenstoffdioxid ist ein Treibhausgas und erwärmt die Erde. Das ist auch für den Amazonaspilz Pestalotiopsis microspora eine Herausforderung. Denn er ist es gewohnt, Bio-Polymere abzubauen, die er als Ficus elastica aus seiner Umwelt kennt. Und abgesehen davon wird der Amazonaswald systematisch abgeholzt und dadurch die Grundlagen unserer Sauerstoffversorgung zerstört. Es ist Plastik, das uns töten wird. Die Erde wird sich in ein Meer aus Säure verwandeln in dem Anaerobier wie das Zyanobakterium ihre Welt beherrschen werden. Das ist die Zukunft. Der Unterschied von digital und analog entspricht in etwa dem zwischen Plastik und echtem Holz. Plastik riecht nicht, atmet nicht, ist tot. Holz dagegen lebt und arbeitet auch, verändert sich, dehnt sich aus oder zieht sich zusammen. Die digitale Welt ist eine tote Welt, eingefroren und nur in weiterem Zuwachs an totem Plastik verändert sich die digitale Welt. Sie verändert sich also nicht, sondern wächst nur an, häuft sich an ohne Transformation. IT ist der Gipfel des kapitalistischen Regresses. In einer youtube-Werbung – dieser nicht hintergehbaren Aggression – heißt es: Dies ist das neue Google-Pixel, es erklärt dir was du siehst. So weit sind wir schon, wir degenerierten digitalen Monster. Man muss uns über einen algorithmischen Assistenten die Welt erklären. Wir trauen unseren Augen schon lange nicht mehr. Die datensetzende Macht hat der Seuche viel zu verdanken. Niemand kritisiert das noch. Im Gegenteil. Alle sind geil auf das Internet. Dieses Plastik, das weder riecht noch atmet. Dieses tote Ersatzleben wird nun über Homeschooling und Home-Office eine nachbarschaftliche Herausforderung. Der Nachbar – vor der Seuche kannte man ihn gar nicht – jetzt ist er immer daheim und man hört ihn immer. Er ist das Menetekel unserer Bildschirm-Existenz und dringt durch die dünnen Wohnsilo-Wände wie ein Monster aus Stranger Things. Wir digitalen Monster sind eine große WG geworden und können uns zwischen Berlin und Moskau austauschen, sofern uns keine Hacker nerven.  Es macht was du sagst, schon nach 349 Euro – so die Google-Werbung. Die Perversion einer digitalisierten (pervertieren) Gesellschaft macht uns alle zu ikonografierten und über Google offenbarte Wesen.

Wir selbst wurden zu Plastik und benötigen einen Amazonas-Pilz um uns abzubauen. Wir – die Menschen – sind die Ursache der Klimakatastrophe. Wir sind Klimaschädlinge. Egal wie wir es drehen oder wenden. Wir müssen verschwinden. Schnell.
 

 

 

Streifschuss vom 25. Februar 21

 

Anlass: Unter uns Hilflosen

 

Plan A, B bis Z und wieder zurück

 

Erst muss man wissen, was man will. Schon hier gibt es die ersten Schwierigkeiten, denn wissen und wollen haben zwar den gleichen Anfangsbuchstaben, aber au contraire sind sie ganz voneinander verschiedene Vorgänge im Gehirn. Nicht selten ist das was wir wollen überhaupt nicht zu vereinbaren mit dem was wir wissen. Ich sage nur „Zigarette rauchen“.  Gehen wir also gutmütig davon aus, dass Wissen und Wollen wider erwarten zusammengefunden haben. Nun müssen wir – bevor wir überstürzt handeln – Informationen sammeln und uns ein Bild von der aktuellen Lage machen. Das geschieht wie gewöhnlich unter massivem Zeitdruck und in einem ziemlich intransparenten Milieu. Stellen Sie sich vor, Sie sind eine Fliege die in eine Tasse Milchkaffee gefallen sind. Sie wollen raus. So viel steht fest. Aber sie können nichts sehen und es wird wirklich langsam Zeit, weil es furchtbar warm und furchtbar nass ist. Gehen wir weiter davon aus, sie verschaffen sich tatsächlich einen Überblick und erkennen in der undurchsichtigen Lage, dass es sich um eine Tasse Milchkaffee handelt. Gut soweit und so unwahrscheinlich. Aber jetzt müssen sie handeln. Jede Entscheidung die Sie treffen, könnte Ihre letzte Entscheidung sein. Sie müssen nicht nur kontrollieren was sie tun, sondern auch die Effekte Ihrer Handlungsweise im Auge behalten. Auch wenn Ihre augenblickliche Lage ebenso verzweifelt ist, wie die Ihres Nachbarn, immerhin waren Sie gestern noch schlechter dran als Ihr Nachbar und damit ist Ihr Status Quo gegenüber dem Nachbarn deutlich besser. Die Lage ist aussichtslos. Aber immerhin haben Sie – im Unterschied zu Ihrem Nachbarn – dies erkannt.
Mit großer Irritation beobachte ich Fliegen, die sich trotz geöffneten Fensters in den Jalousien verheddern und sich nicht mehr befreien können. Die Lage ist komplex im Sinne von nicht überschaubarer Vernetzung der einzelnen Bestandteile dieser Lage. So ist die Lage des Menschen von jeher. Es wundert daher nicht, dass viele Menschen es hilfreich finden zu beten.  Die anderen die den Betenden nun sagen, dass Beten nichts hilft, mögen ja Recht haben, aber besonders hilfreich ist diese Feststellung auch nicht. Was hilft ist, den Betenden zu sagen, sie sollen an den Rand der Tasse schwimmen, raus krabbeln, sich schütteln und dann so weit weg fliegen von der Tasse Milchkaffee wie sie nur können. Und dann sehen wir weiter. Doch es gibt auf dieser Welt viele, viele Tassen mit Milchkaffee und nicht nur Tassen mit Milchkaffe. Daher habe ich manchmal den Verdacht, dass diese Fliege in meiner Tasse Suizid begeht. Ihr zu helfen, würde ihr sinnloses Fliegendasein nur unnötig verlängern. Richtig?

 

Streifschuss vom 21. Februar 21

 

Anlass: Nichts für empfindsame Gemüter

 

Die Hölle Rache kocht in meinem Herzen

 

Immer häufiger müssen politische Vertreter der Demokratie wieder vor dem wachsenden Antisemitismus warnen. Zuletzt tat es Frank Walter Steinmeier in der Kölner Synagoge. Wie schrecklich, dass ein deutscher Politiker heute im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wieder entschieden eintreten muss gegen Antisemitismus. Es wird Zeit für den Bärenjuden oder für Moritz McLaughlin, um die nazistische Scheiße aus dem deutschen Leib zu prügeln. Wenig war so befriedigend in der Filmgeschichte wie Inglourious Basterds. Und Schatten der Mörder hat daran angeschlossen. Was ich jetzt ausführe sollte nur der weiter lesen der weiß, dass schöne Worte nicht mehr reichen.

Als ich zur Welt kam, war das Schwein Hitler schon zwanzig Jahre tot. Jetzt bin ich 56 Jahre alt und seine widerlichen Epigonen laufen hier immer noch herum. Ich verstehe das einfach nicht. Mein Feindbild ist der Antisemit und der verfickte, dreckige Nazi. Was gäbe ich drum, einen in die Finger zu bekommen und nach Strich und Faden zu Tode foltern zu können. Aber man kann doch nicht alle Nazis töten? Warum nicht? Wäre mal ein Ansatz. Konzentrationslager für Faschisten. Machen wir endlich Seife aus den Nazibuben und verfüttern sie an die Schweine. Machen wir sie endlich genau zu den Opfern, für die sich der Naziarsch immer wieder selber ausgibt. Judas? Brunnenvergifter? Papperlapapp. Und was ist schlimmer als ein Nazi? Einer der ihnen hilft. Also ab mit der AFD ins Lager, schneiden wir diese Säcke in Scheiben, nageln wir diese Gaulands und Höckes ans wohlverdiente Büßerkreuz und schnippeln ihnen ihre kleinen Wichsschwänze ab. Stecken wir ihnen die Hoden ins Maul. Lassen wir sie ihre eigenen Gedärme fressen, verbrennen wir sie ganz langsam bei lebendigem Leib, Reißen wir ihnen die lügenhaften Zungen aus dem Maul und kleben ihnen damit die Augen zu.

Das alles wird nie geschehen. Es ist nur eine entlastende Tarantino-Phantasie. Rache oder Vergeltung? Eher letzteres als Do ut des. Nach Schiller ist die Rache selbst ein niedriger Affekt. Aber die katartische Funktion eines ziemlich brutal seinen Waffengefährten Patroklos rächender Achilles macht schon auch Spaß. Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus, Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte.

Und dass jetzt wieder dumme Nazischweine in Deutschland mit Krawatten herumlaufen. Das macht mich unerträglich wütend. Lass uns das Blut der Nazis trinken, zerreißen wir ihre Leiber wie rohes Fleisch fressende Hunde.

Streifschuss vom 10. Februar 21

 

Anlass: Ein Interview mit Peter Sloterdijk

 

Ist das schon Faschismus oder nur Gerede?

 

 Wieder einmal dieser Sloterdijk. In einem beachteten Interview mit Lucius Maltzan und Simon Nehrer (zwei Studenten, die  ein NZZ-Journalist als „umtriebig“ bezeichnete) spielte der badensische Akrobaten-Philosoph seine alte Leier der Staatsverdrossenheit eines vorindustriell denkenden Leistungsbürgers. Angeblich leben wir in einem semisozialistischen und semidiktatorischen Staat, angeführt von einer neofeudalen und entsprechend degenerierten leistungsfreien Elite. Der Staat macht sein Volk mit dem ausgebauten sozialen Sicherungssystem zu abhängigen Kindern. Und diese Kinder fordern immer mehr, statt sich endlich zufrieden zu geben. Bezahlen muss das alles eine immer schwächer und kleiner werdende hart arbeitende Bürgerschaft mit exorbitanten Steuersätzen. Diese vom fürsorglichen Staat entmündigten Bürger würden unsere Gesellschaft mittelfristig in den Untergang treiben. Während die Leistungsträger zwischen leistungsfreien Eliten und leistungsfreien Sozialhilfeempfängern ausgehungert werden von übermäßiger Steuer, würde der Staat immer mächtiger.  So - jedenfalls knapp zusammengefasst - dampfplauderte der lustige Peter. Früher einmal mochte ich diesen immer an Verwirrung grenzenden Sound breitflächiger Theoriehaftigkeit. Nie fehlt dem Peter ein Zitat von antiken Denkern. Stets hat er den ganzen und totalen Raum der menschlichen Kultur im Blick. Ein Spatz der sich zum Adler aufpumpt. Es ist am Ende sogar ein gefährlicher Irrtum, den Sloterdijk verbreitet. Natürlich nicht ohne den faschistischen Primat des Untergangs. Was will Wotan? Den Untergang. Im Gegensatz zu Sloterdijks Staatsverdrossenheit sind es nicht die Steuersätze, sondern die Steuerflüchtlinge, die Milliarden in Steuerparadiese transferieren und damit Demokratien gefährden. Denn all die Leistung, die Sloterdijk so toll findet, ist nur möglich durch die staatliche Infrastruktur von Bildungsmöglichkeiten, Handelswege, normative Regeln. Und das kostet Geld. Und Geld hat der Staat nur durch seine Steuereinnahmen. Was für ein kindisches Bild vom Staat verbreitet dieser Holzkopf aus Karlsruhe? Und die Sozialsätze in modernen Industriestaaten euphorisieren auch nicht gerade. Alles andere, als ein Wohlfühlsystem. Der Staat gibt für die Finanzierung eines Denkmals ehemaliger Kriegsopfer mehr Geld aus, als eine ganze Armada an Sozialhilfeempfänger bekommt. Neofeudale Milliardäre mit Sozialhilfeempfängern zu vergleichen ist – gelinde gesagt – eine Frechheit. Sloterdijk verteidigt ein kleinbürgerliches Leistungsprinzip mit Argumenten aus dem 19. Jahrhundert. Denn der Staat war vor Corona in Wirklichkeit ein Auslaufmodell, sein Einfluss auf die globalen ökonomischen Zustände war längst marginalisiert. Ein schwacher Moderator unter Haifischen, das war der Staat. Dies führte zu einer Wiederbelebung völkischer Bewegungen bis vor 2020, bis die Seuche auftauchte. Sloterdijks beliebter Kleinbürger entpuppte sich mal wieder als rassistischer Faschist. Eine kleine Gruppe die sich herausnahm, sich als „Volk“ zu bezeichnen wollte dem Staat den Rest geben, mit der Folge eines normativen Zusammenbruchs. Die Seuche war daher ein Glücksfall für den Staat, denn so konnte der Staatsapparat mit all seinen Verordnungen seine Handlungsfähigkeit demonstrieren (wie er es in der Geschichte schon bei anderen Seuchen machte). Von den Faschisten blieb ein Häufchen von 200 frierenden Anti-Corona-Demonstranten übrig, und eben dieser Sloterdijk mit seinem verdrehten Theorien. Sloterdijk ist ein Zauberlehrling der Philosophie, der schöne Theorien mit Kompetenz verwechselt. Und mit Schiller muss man warnen: Der Meister kann die Form zerbrechen / Mit weiser Hand, zur rechten Zeit; / Doch wehe, wenn in Flammenbächen / Das glüh’nde Erz sich selbst befreit!

Das Interview können Sie nachlesen auf 21Zeitgeister

Streifschuss vom 07. Februar 21

 

Anlass: Alle Moralideen sind eigenmächtig, und der ist ein großer Narr, der sich durch sie fesseln lässt. - Die 120 Tage von Sodom

 

Über die Paraphilie des Almosenempfängers

 

Als Nihilist kann man auf Dauer nicht humanistisch bleiben, denn Menschen sind nicht mehr oder weniger wert, als ein Würfel scheißender Wombat. Es geht Mensch und Tier ausschließlich darum,  Leid zu vermeiden und angenehme Zustände zu fördern. Warum es angenehm ist, einen Würfel zu scheißen, bleibt das Geheimnis des Wombats. Wir Menschen haben in dieser Hinsicht eine größere Palette mit Angeboten geschaffen (unsere Scheißhaufen sind geradezu magisch), unsere Perspektiven erweitert und können uns angenehme Zustände verschaffen mit den kuriosesten Dingen. Aber wir können uns auch in gleicher Weise dadurch Leid zufügen, allein schon durch den Umstand, dass die vielen kuriosen Dinge mit denen wir uns angenehme Zustände verschaffen, nicht für jeden zugänglich sind. Mit der Spielart Angebot und Nachfrage im zahlungsfähigen Raum hat der Kapitalismus eine sadomasochistische Wirtschaftsform geschaffen. Das lustvolle Wechselspiel von Dominanz und Submission lässt sich durch den Schleier der Philanthropie sogar noch steigern. Die akute Not der Seuche hat nun einige Menschen in den Genuss des Wohlfahrtssadismus gebracht, die das vorher gar nicht kannten. Was diese Menschen erleben? Jede sozialstaatliche Zuwendung wird immer zugleich mit der Demütigung des Wohlfahrtsempfängers belohnt, so dass Schmerz und Lust systematisch gekoppelt werden. Es gibt in unserer spätindustriellen, postkapitalistischen Gesellschaft keinen angenehmeren Zustand, als Geld zu bekommen ohne dafür schuften zu müssen. Das kann der Staat so natürlich nicht stehen lassen (denn nur durch Leiden verdient der wahre Christ die Gnade) und erschuf ein Formularwesen bei dem schon der Anblick des Papiers Schmerzen hervorruft. Der Ton in dem die Formulare formuliert sind, ist unhöflich, distanziert und fordernd. Es werden darin regelmäßig Ultimaten gestellt. Dass es sich bei Wohlfahrtsempfängern meist um bedrängte und in Not geratene Menschen handelt, wird in den Formularen nie erwähnt. Im Gegenteil wird Zeile für Zeile gefordert eventuell vorhandene andere Geldquellen offenzulegen, um nur ja keinen Cent zu viel zu zahlen. Und sollte sich der Wohlfahrtsempfänger verrechnet haben (in der Not rechnet man oft noch schlechter), dann wird alles zu viel Gezahlte sofort und ohne Stundungsoption zurück verlangt. Es ist klar, dass ein Sozialhilfeempfänger fast keine andere Wahl hat, als die Qual freiwillig zu wählen und anfängt einen gewissen erotischen Kick daraus zu ziehen, wenn am Freitag (die böse Post kommt immer freitags) die Post kommt. Vielen zittern die Hände beim Öffnen dieser Post vor Erregung. Sie schütten große Mengen Adrenalin aus und können sich erst wieder beruhigen, wenn sie alle darin gestellten Ultimaten auch erfüllt haben. Die darauf folgende Befriedigung des Wohlfahrtsempfängers ist so lustvoll, dass er anschließend auf einem Plateau erschlafft, das ihn für Wochen ganz unfähig macht, weiteres Erregungspotential aufzubauen. Man kann dem Staat nur dankbar sein, für die Errichtung dieses Puffs, den man heute euphemistisch „Jobcenter“ nennt.
 

 Streifschuss vom 31. Jänner 21

 

Anlass: Mach dir einen Plan und sei ein helles Licht. Mach dir einen zweiten Plan – gehen tun sie beide nicht (Berti Brecht)

 

Sorgen fressen Seele

 

Wir Menschen verfügen über die Fähigkeit, uns die Zukunft vorzustellen und die Vergangenheit zurechtzulegen. Das hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil ist natürlich, dass wir unser Leben planen und gestalten können. Wir entscheiden. Glauben wir jedenfalls. Der Nachteil ist, dass wir uns mehr Sorgen machen (was wird werden?) und mehr Reue zeigen (hätte ich nur anders entschieden!). Schon früh empfahl uns die Stoa (die wohl wirkungsmächtigste Philosophierichtung) loszulassen, unser Los zu akzeptieren.  Mit dem Ausruf „carpe diem“  sollten wir auf unsere Fähigkeit der Vorstellungskraft verzichten lernen und was geschehen ist als unveränderbar akzeptieren. Was zählt sei das Hier und Jetzt. Das ist eine merkwürdige Philosophie. Denn sie empfiehlt uns Ratio und Verzicht auf Ratio gleichzeitig. Wenn ich keinen Plan habe, weil ich akzeptiere was war, ist und kommt, bin ich auch nicht handlungsfähig im Hier und Jetzt. Fatalistische Verrohung empfiehlt die Stoa seit zweieinhalbtausend Jahren als Medizin gegen die Qualen eines von Sorgen und Reue verzweifelten Gemüts. Auch die aktuelle Seuchen-Epoche kramt diese alte Philosophie wieder heraus. Die alte Leier vom „Sorge dich nicht – lebe“ Mythos taucht gerne dann auf, wenn man sich erst recht Sorgen machen sollte. Aktuell leben wir von heute auf morgen, fahren unser Leben auf Sicht und erleben sehr eindrücklich, dass wir nicht wissen können, was auf uns noch zu kommt. Wer sein Leben plant, wirkt ja schon allein durch seinen Versuch es zu planen etwas verzweifelt. Unser Einfluss auf genetische Prägung und phänotypische Formung beträgt – optimistisch betrachtet – etwa ein Prozent. Wir nennen das „Ich“ und halten uns auf dieser Grundlage für schlau. Diese „Ein-Prozent-Schläue“ erodiert derzeit. Was zählt schon der Einzelne, wenn die Herde bedroht wird? Das zeigt sich in der Rückkehr des Kollektivs. Einerseits kehrt es zurück als Beschwörungsformel der sozialen Einheit, andererseits wehren sich überall in der Welt die Massen gerade gegen die Beherrschung durch ein Prozent der Menschen. Doch das Kollektiv hat weder Vorstellungen, noch Gestaltungskraft. Das Kollektiv ist eine irrationale und rein fatalistische Gewalt. Das Problem wird also offensichtlich. Auf der einen Seite haben wir das von Sorgen und Reue geplagte Individuum, das sein Leben zu planen versucht. Auf der anderen Seite haben wir das Kollektiv, entmenschlichte, verrohte Massen die wiederum von einem Prozent der Menschen mehr schlecht als recht kontrolliert werden. Und in jedem Einzelnen von uns wehrt sich ein Prozent Schläue gegen neunundneunzig Prozent Körpermasse. Das Ich ist ein winzig kleiner Nervenknoten irgendwo in einem Fettkörper, den wir „Gehirn“ nennen, einem Fettkörper der gerade mal zwei Prozent unseres gesamten Körpergewichtes ausmacht. Das „Ich“ ist kaum messbar. Und dieser kleine Nervenknoten befindet sich nicht einmal in den höheren Gehirnzentren, sondern irgendwo im Striatum, und ist abhängig von Belohnungen durch Zucker. Der planende und sich sorgende, reuevolle Mensch braucht nur ein wenig Zucker, dann vergisst er seine Sorgen und bereut gar nichts mehr. Sorgen müssen wir uns dann machen, wenn das eine Prozent (unsere Regierung) der Zucker (das Kapital) ausgeht. Denn dann kommt das Kollektiv – die Masse – erst richtig in Bewegung (Äquivalenz von Masse und Energie / siehe Einstein) und reißt den Rest Planungssicherheit auch noch nieder. Man könnte mit ironischem Unterton sagen: „Der Mensch ist total verplant“.


 

Streifschuss vom 29. Januar 21

 

Anlass: Geistige Ordnung

 

Ich verstehe dich sehr gut; du störst sie mit deinem Ernst (Tante Jane zu Ulrich)

 

Irgendwie geht Ordnung in das Bedürfnis nach Totschlag über, sagte einst General Stumm von Bordwehr. Bei seinem Besuch in der Staatsbibliothek verursachte der Bibliothekar bei ihm großes Entsetzen. Als der General ihn fragte, wie sich der Bibliothekar in „diesem Tollhaus von Büchern“ zurechtfände, eröffnete der Bibliothekar ihm: „Sie wollen wissen, wieso ich jedes Buch kenne? Das kann ich ihnen nun allerdings sagen: Weil ich keines lese! – Wer sich auf den Inhalt einläßt, ist als Bibliothekar verloren. Er wird niemals einen Überblick gewinnen.“  Die Tatsache, dass der Bibliothekar nur Buchtitel und Inhaltsverzeichnisse lese, erschütterte den General. Es waren dreieinhalb Millionen Bände in dieser Bibliothek und der General hatte ausgerechnet, wie lange er brauchen würde, um diese zu lesen und kam auf 10.000 Jahre. Die Welt erschien dem General auf einmal als ein großer Schwindel.  Es war ihm klar, dass man im Krieg jeden Soldaten braucht, aber nicht jeden töten muss um den Krieg zu gewinnen. Dennoch war für den General nun klar, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. Es ist naheliegend, die Geschichte des Generals so enden zu lassen, wie sie Wilhelm Muster in der Hochzeit der Einhörner enden lässt: Der General wird verrückt und versucht die Universitätsbibliothek von Graz anzuzünden. Auf die eine oder andere Art werden wir diese Welt niederreißen. Wir beten die Ordnung, das Wissen, Rechnen, Messen und Wägen an, verkörpert vor allem im Geld. Doch wenn wir diesen Irrweg der Regelmäßigkeit, der Vorschriften, der Maßeinheit verlassen wollten, bräuchten wir die amoralische, verrückte Tat. Das kann niemand wollen. Dennoch: Die materialistische Aufklärung verkümmerte zu einer geistlosen Empirie. Die Innerlichkeit wurde zur abgeschmackten Esoterik. Der Spannungsbogen zwischen diesen beiden über Jahrhunderte gültigen Weltentwürfen hat längst nachgelassen, ist ein schlappes. Seil geworden, das niemanden mehr trägt, keine Balance mehr zulässt. Wir torkeln und stolpern in den Tod. Wir wissen bereits, dass unsere Ordnung zum Kältetod der Menschheit führen wird. Das ist das Problem mit der geistigen Ordnung. Sie geht immer in die Entropie über. So beginnen wir zu kriechen, gefangen in unserer kapitalistischen Ichsucht stellen wir nur noch Rechnungen aus. Ein Höhenflug scheint nicht mehr möglich. Die Datenflut von zwei Exabyte (2*1018 Byte) täglich lässt sich nur noch von automatisierten Bibliothekaren ordnen. Der menschliche Bibliothekar ist überflüssig geworden. Und wer soll das tatsächlich noch lesen können? General Stumm von Bordwehr war ein kleines Kind unter Monstern.

 

Streifschuss vom 26. Jänner 21

 

Anlass: Ich bin es nicht

 

Die Identitäts-Lüge

 

Neulich hatte ich einen Streit mit einer Freundin. Sie hielt mir Eigenschaften vor, die ich dann vehement verteidigte. Wie witzig der Streit war, fiel mir erst einige Tage später auf. Ich verfüge gar nicht über diese Eigenschaften, die sie mir vorhielt und ich verteidigte. Es waren Zuschreibungen zu meiner Person. So sah sie mich. Und ich war sofort bereit ihre Sichtweise kritiklos anzunehmen und verteidigte sie sogar. Es war ein reiner Luftkrieg. Es ging um die Bewertung von Eigenschaften, die ich gar nicht hatte. Daraufhin musste ich darüber nachdenken, wer ich eigentlich bin. Also über welche Eigenschaften ich tatsächlich verfüge. Schließlich bin ich nicht so eigenschaftslos wie Musils Ulrich. Dennoch konnte ich keine besonderen Eigenschaften finden. Ein Mann ohne Eigenschaften besteht aus Eigenschaften ohne Mann lautet das 39. Kapitel in Musils epochalen Werk. Hat man nicht bemerkt, daß sich die Erlebnisse vom Menschen unabhängig gemacht haben? Sie sind aufs Theater gegangen, in die Bücher, in die Berichte der Forschungsstätten und Forschungsreisen, in die Gesinnungs- und Religionsgemeinschaften, die bestimmte Arten des Erlebens auf Kosten der anderen ausbilden wie in einem sozialen Experimentalversuch, und sofern die Erlebnisse sich nicht gerade in der Arbeit befinden, liegen sie einfach in der Luft; wer kann da heute noch sagen, daß sein Zorn wirklich sein Zorn ist, wo ihm so viele Leute dreinreden und es besser verstehen als er? Musil lobt dagegen den mittelalterlichen Menschen, der seiner Ansicht nach noch eine abgegrenzte Sache gewesen sei, die man auch Person nennen konnte. Keine Ahnung ob er da Recht hat. Ich glaube eher, dass der Mensch noch nie wirklich so identisch mit sich selbst gewesen ist, dass er sich als Peron mit ganz speziellen, ihm eigenen Eigenschaften verhaftet sehen könnte, Eigenschaften die man ihm dann speziell vorhalten könnte. Nein. Die Austauschbarkeit ist eine eigenschaftslose Eigenschaft von uns Menschen. Gerade unsere Nicht-Identität mit uns selbst macht uns so erfolgreich. Der Mensch ist ein Spitzenprädator, weil er akzidentiell ist. Das Fehlen von Substantialität ist seine Substantialität.  Damit ist der Mensch rein negativ. Jetzt in Seuchenzeiten zeigt sich das besonders deutlich. Viele Menschen werden nicht mehr gebraucht. Sie wurden im wahrsten Sinne des Wortes überflüssig. Ein Hauch Ideologie (Humanismus) hält sie noch am Leben. All diese überflüssig gewordenen Menschen glaubten ernsthaft über unverzichtbare Eigenschaften zu verfügen. Pustekuchen. Sie müssen sich mit neuen Eigenschaften anpassen oder untergehen. Der Streit, den ich eingangs schilderte, zeigte vor allem, dass wir jederzeit bereit sind, die Eigenschaften anzunehmen, die man uns zuschreibt. Wie ein Chamäleon. Wenn man diese Naivität durchschaut, wird man für die anderen aber nicht zum Leuchtpunkt, wie es Musil beschreibt (zum Regenbogen), sondern zum Monster. Wer in dieser Welt tatsächlich über positive Eigenschaften verfügt und tatsächlich noch ursprünglich selbst erlebt, kann sein Erleben weder fassen noch einordnen. Es muss erst austauschbar werden, vervielfältigt und objektiviert. Dann hängt diese Eigenschaft wie alle anderen an der Garderobenstange und kann zum Kleidungsstück für Jedermann werden.
Insofern wurde mir in dem Streit vorgeworfen, dass ich jemand sei und ich nahm den Vorwurf dankend an und verteidigte mein So-Sein natürlich freudig. Aber das bin ich nicht, war ich nie und werde es nie sein. Meine ganze Verteidigungslinie erschien schon im Augenblick als ich mich verteidigte unwirksam, unwirklich, ja lächerlich. Von Anfang an hätte ich sagen können: Du irrst dich, wenn du in mir etwas siehst. Das was du siehst, hast du auf der Straße aufgegriffen und willst sie nur irgendwo an den Mann bringen. Ein dreckiger Handel mit längst abgegriffenen Eigenschaften. Es ist eine verzweifelte Menschheit, die längst aus zweiter oder gar dritter Hand lebt, mit Seelen wie Wassersuppe.

Streifschuss vom 21. Jänner 21

 

Anlass: Staaten entstehen und fallen wie die Gezeiten, neu ist das nicht. (Geralt von Riva)

 

Vom Ende der Reformierbarkeit

Schon der junge Hegel stellte in seinen politischen Schriften fest, dass das kleinbürgerliche Subjekt sich mit dem Genuss ihres Besitzes und der Herrschaft über Eigentum zufrieden gibt, was aber Hand in Hand geht mit viel Elend und Leid – unter den heute global verbreiteten Ungerechtigkeiten noch viel mehr. Dennoch erhebt diese Wirklichkeit in ihrer auf eine beschränkte Besonderheit reduzierte Gestalt den Anspruch, ein Allgemeines zu repräsentieren und das Volk auf gemeinsame Ideale des Staates zu verpflichten. Diese Illusion von Wirklichkeit wurde schon in den Anfängen der bürgerlichen Geldwirtschaft durchschaut. Ich erinnere an meinen letzten Streifschuss (Geldfieber vom 18. Jänner). Dennoch hält sie sich bis heute. Diese Illusion einer Wirklichkeitsökonomie  gelingt nur, wenn der Glücksbeutel sich immer wieder füllt und das bestehende Leben keine reine Negativität ist. So kann die Philosophie erst dann ein reines Positives entgegen setzen – und das aber dann mit Gewalt – wenn sich die Wirklichkeit rein negativ zeigt. In jeder Krise aber offenbart sich die Illusion der Wirklichkeitsökonomie, bzw. der ökonomisierten Wirklichkeit. Und da sie eine Illusion ist, ist sie rein negativ. Sie ruht auf dem Zauber, der Magie immerwährender Produktivität trotz endlicher und erschöpfbarer Ressourcen. Das kann nicht gut gehen. Und aktuell stehen wir am Ende dieser Magie. Es ist klar, dass die besitzende Klasse sich noch an der Magie des Kapitalismus festklammert. Diejenigen, die einen Glücksbeutel besitzen halten die Illusion für sich als Subjekt aufrecht. Und sie halten die Illusion für das Allgemeine. Die psychische Energie die das besitzende Subjekt benötigt, um die  vielen Ungerechtigkeiten auszublenden, ist enorm. Und sie holt aus ihrem Zauberhut abstrakte theoretische Bauwerke hervor, die das Volk staunen lässt. Eine praxisfreie Philosophie dient dieser Magie. Philosophie mit Praxis bedeutete für Hegel, die Ungerechtigkeiten (discite justiciam moniti) auf den Begriff zu bringen und dem Staat diesbezüglich Reformen zu empfehlen. Versäumt der Staat diese Reformen durchzuführen, folgt der Zusammensturz und das unterdrückte Leben wird zur Nemesis. Das Problem heutiger philosophischer Praxis ist es, dass die Illusion einer ökonomisierten Wirklichkeit nicht reformierbar ist. Das System ruht auf dem Gaukelwerk immerwährender Produktivität bei endlichen Ressourcen. Das ist nicht reformierbar. Es wird daher mit Gewalt weggerafft. Die Magier und ihre Helfer werden geköpft, gepfählt oder gevierteilt werden. Der Großteil unserer kulturellen Errungenschaften wird mit den Magiern der Ökonomie zerstört werden. Das wird nicht mit einem großen Paukenschlag geschehen, sondern es geschieht bereits nach und nach. Das Gebäude der Illusionen des Kapitalismus wird einfach verwittern, verblassen und in der Entropie der Geschichte verschwinden. Zurück bleibt eine kalte, desillusionierte Welt ohne Magie.

 

Streifschuss vom 18. Jänner 21

 

Anlass: der eigene Verstand ist nutzlos

 

Geldfieber

 

Ich machte mir nicht klar, dass derjenige, der das alte Fabelbuch von Fortunatus mit seinem Säckel und seinem Wunschhütlein geschrieben hatte nichts anderes hatte sagen und anzeigen und der ganzen Welt vor Augen stellen wollen, als dass jene Wundermittel, durch die unsere vorwitzigen Begierden nicht vollständig gesättigt, sondern nur hingehalten und unsere Gemüter mit vergeblichen Träumen erfüllt, aber keineswegs zufriedengestellt werden, letztlich doch nichts als lauter Unglück auf ihrem Rücken mit sich bringen.
Das Buch auf das der seltsame Springinsfeld hier hinweist, erschien 1509 in Augsburg. Der Verfasser ist unbekannt. Erzählt wird die Geschichte einer aus Zypern stammenden Familie, die ihr Vermögen verliert, von Fortuna persönlich einen Glücksbeutel geschenkt bekommt, der immer Geld in der entsprechenden Landeswährung bereit hält. Fortunatus steigt auf, zeugt mit der Tochter eines Grafen zwei Söhne. Die Geschichte endet mit der physischen Auslöschung der Familie, ein Sohn wird von Räubern getötet wird und der andere stirbt aus Gram darüber.
Wichtig ist die Geschichte, weil sie ein Stück Sozialgeschichte über die Entwicklung der bürgerlichen Geldwirtschaft enthält. Und Grimmelshausen verweist 163 Jahre später in seinem wunderbarlichen Vogelnest erneut auf diese Ereignisse. Egal ob man von der Glücksfee beschenkt wird, oder eine aus der Pisse eines Erhängten entstandene Alraune ausgräbt, oder den abgeschnittenen Daumen eines Diebes (Diebsdaumen) als Glücksbringer benutzt: Alles Glück endet im Unglück. Und das vermeintliche Glück ist nur blendender Schein. Bis heute ist Geld kein moralisch neutraler Stoff. Und selbst wenn sein Besitzer von großer Charakterstärke ist, verwandelt das Geld jeden in ein gieriges und blutrünstiges Monster. Heute werden wir von diesen Monstern im Wesentlichen beherrscht. Wir arbeiten im Grunde alle für sie. Es sind die Banken, die Immobiliengesellschaften, die Versicherungsgesellschaften, die Telekommunikationsgesellschaften. Monster, die alle über einen unerschöpflichen Geldsäckel verfügen. Die Blutopfer dieser Monster sind gewaltig. Besonders tragisch an dieser Geschichte ist, dass wir alle selbst dieses Monster sind. Mir fehlt der nötige Ernst zum Geld verdienen. Und im Gegenteil – wie oben dargestellt – sehe ich in dieser Ökonomie nur das große Unglück.  Aber es nutzt nichts. Don Quijote überlas sich an Ritterromanen. Ich überlas mich an Kapitalismus-kritischen Büchern. Insofern bin ich ein genauso großer Trottel wie der traurige Ritter mit seinem unsinnigen Kampf gegen Windmühlen. Am Ende befällt Don Quijote ein Fieber. Auf dem Totenbett erkennt er plötzlich den Unsinn der Ritterbücher und beklagt, dass ihm diese Einsicht so spät gekommen sei. Damit enden sein Leben und das Buch. Ein Fieber! Fast schade, dass ich nicht zur Risikogruppe gehöre. Denn gerade geht mir durch den Kopf, dass ich durch den Unfug des Schreibens und mit meinem Mangel an Unterwürfigkeit gegenüber dem herrschenden Geld überwertigen System zum Ende nur noch eine Kuriosität darstelle. Eine Witzfigur, Trash. Ich sage das ganz nüchtern. Zu nüchtern vielleicht? Aber ich bin nur noch historischer Müll. Nicht mal eine Antiquität… Ich bin arm und die Folge von Armut ist vollständige Bedeutungslosigkeit. Und Selbstmitleid ist eine unterschätzte Tugend. Niemand hat mehr Erwartungen an einen und man muss sich nicht mehr duschen (Detective Rosa Diaz).

 

 

Streifschuss vom 14. Jänner 21

 

Anlass: Schuss nach hinten

 

Größenvergleich

 

Wäre die Geschichte der Erde eine Strecke von einem Meter, dann betrüge die Existenz eines Menschen etwa einen viertel Nanometer davon.  Man muss hier kaum über die Bedeutung eines Nanometers für einen ganzen Meter nachdenken. Die Menge der Nullen vor dem Komma die hier ihr Leben fristeten, um die Geschichte der Erde zu einer ganz großen Zahl zu machen löst bei jedem von uns Depressionen aus. Ein einzelner Mensch ist nicht mal so groß wie ein Neutron. Wir sind alle Quarks. Soviel zu Joyce (der den Begriff ja erfand). Klar! Joyce ist super. Aber eben auch nur ein Neutron. Ich kann nicht so gut schreiben wie dieser alte Ire. Aber ich bin schon fast genauso groß. Mir fehlen nur noch drei Jahre. Gestern vor 80 Jahren starb der große und doch so kleine Ire im Alter von 59 Jahren (zwei Wochen vor seinem 60. Geburtstag) fernab seiner irischen Heimat in Zürich am Durchbruch eines Zwölffingerdarm-Geschwürs. Er war da schon so gut wie blind. Seine Prosa hatte zu diesem Zeitpunkt längst eine geistige Höhe erreicht, die sich vom Gebrabbel eines vollständig Verrückten kaum noch unterscheiden lässt. Auf wakish (die Sprache von Finnegans Wake) gibt es den schönen Ausdruck „funferal“. Gibt es in keinem Lexikon und setzt sich zusammen aus „funeral“ und „fun for all“. Und Wake ist zugleich Aufwachen und Leichenbegängnis. Der alte Irre Ire irrte nie und ich hatte ne Tante namens Irma die nie meine Ma war aber irre viel Haare die ich mal erhuschte als sie duschte. Sei ‚s drum. Lasst euch Zeit und findet die Muse oder Muss so Schoko Latte. Während sich also die Covid-Leichen stapeln, und Triage zum Akronym verkommt (Tote reden in alter geistiger Engelszunge). Im futuristischen Coming of Science der Virologen war das vergangene Jahr ein Highlight, doch weltgeschichtlich betrachtet war das fast nichts. Kann man die Welt so sehen?  Nein. Natürlich nicht. Auch wenn es so ist, ist ein solcher Seinsblick nur noch absurd. Ein Menschenleben reduziert sich auf einen viertel Nanometer und das kann kein Mensch sehen und daher auch nicht ernst nehmen. Die Leben von vier Milliarden Menschen müssten nacheinander vergangen sein, nur um die Geschichte der Erde nachzeichnen zu können. Eine solche Mathematik verachtet alles. Und doch wurde Gott durch die Geschichte ersetzt. Doch längst – das wissen wir seit der Postmoderne – ist das große Narrativ dahin und wir erzählen uns nur noch Geschichten in Form von Selbstgesprächen. Dass die Halbwertszeit von Büchern radioaktiv zerfällt, ist auch kein Geheimnis. Und doch! Was liegt da auf meinem Tisch? Die Ilias, die Metamorphosen und der verdammte Gilgamesch-Epos. Und – jetzt kommt mein Grundgedanke, mein Finale sozusagen- das liegt in meiner angewandten Metapher grade mal 15 Nanometer zurück – etwa die Länge eines Virus. Gruß und Schluss mit Schuss.

 

Streifschuss vom 08. Januar 21

 

Anlass: Das Volk (eine metaphorische Analyse)

 

Rom fällt

 

„Mein Gott!“, rief die Konsulin, […] angstvoll. „Es ist das Volk.“
Oder war es das Lumpenproletariat, das sich bereitwilliger zu reaktionären Umtrieben erkaufen lässt (wie es im kommunistischen Manifest heißt), oder war es das „Gehudel, das aussah wie ein bloßer Rohstoff aus Fleisch und Blut“ (Thomas Mann, das Gesetz), Pöbelvolk, das ins eigene Bett scheißt, statt vor die Tür zu gehen, ein Loch zu graben dort hinein und wieder zuzuschaufeln. War es jener Kot, der an die Oberfläche gespült wird, wenn man Sümpfe aufwühlt (Victor Hugo)?
Ob sie nun Autos niederbrennen wie in Frankreich, das Kapitol oder den Reichstag stürmen, und egal wie sie sich selbst nennen, sie sind der Abschaum, den Sarkozy einst weg kärchern wollte. So sieht man sie, sieht sie die bürgerliche Presse, der bürgerlicher Mensch. Die Schande die man hier nicht anschauen kann und möchte, ist genau die Peinlichkeit, die jeder empfindet, wenn er gezwungen wird, seine Notdurft vor aller Augen zu verrichten. Es ist der Bodensatz einer Ökonomie, die keine Menschen kennt, sondern nur Konsumenten.

Donald Trump hat die letzten Jahre seine bevorzugte Klientel bearbeitet und deren reaktionäre Instinkte geweckt. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Soziales Vertrauen ruht auf ein Weiter-so des Alltäglichen, ruht auf einem Alltag, über den man sich auch permanent ärgern kann, aber einem Alltag von dem jeder annimmt, dass er auch morgen so ist. Diese soziale Normalität, die auf eine Weiter-so-Zukunft setzt, existiert fast nicht mehr. Dagegen fehlt eine ausreichende Expertise über eine Dann-eben-anders-Zukunft. Man kann verrückt werden, man kann sich die Pulsadern aufschneiden, einer Sekte beitreten, oder mal ganz persönlich werden und Amok laufen. Es ändert sich nicht. Die Zukunft die uns blüht ist kaum noch mit dem Alltag den wir heute erleben kompatibel. Das abstrakte Gefühl von Planungssicherheit fehlt. Es ist, als würden wir alle inzwischen daran zweifeln, dass morgen tatsächlich wieder – wie gewohnt – die Sonne aufgeht. Unter solchen unsicheren Bedingungen macht es eigentlich noch weniger Sinn das Kapitol zu stürmen, als es nicht zu stürmen. Man muss das Personal, das da diesen fulminanten Jahresauftakt veranstaltete als Ausgeschiedene betrachten. Und niemand stellt sich gerne vor, wie das einmal Ausgeschiedene wieder in den sozialen Körper zurückgelangt. So ein recycelter Stoffwechsel erinnert an eine Szene aus Star-Trek-Discovery:
„Dieser Apfel schmeckt nicht besonders gut.“
„Ja, wir recyceln ihn aus unserer eigenen Scheiße. Und für Scheiße schmeckt er eigentlich gar nicht schlecht.“
Die gewaltbereiten Ausgeschiedenen, die sich vor dem Kapitol oder auch dem Reichstag einfinden, die werden immer mehr. Und sie wieder in den sozialen Alltag zu integrieren, stellt einen faden Geschmack in Aussicht. „Es ist das Volk“, so rief es die Konsulin in den Buddenbrooks.  Und mit dem Ausruf „Canaille“ auf den Lippen, stirbt der Konsul. Wie elend geht es nun diesem „Volk“, dass es auf die Barrikaden geht? Der Durchschnittsamerikaner hat drei Jobs und träumt einen ausgeträumten amerikanischen Traum, den Trump zuletzt reaktivierte. Solche Träume zu reaktivieren, während die Muskelanspannung für die Traumphase viel zu hoch ist, sorgen eher für Alpträume. Der Aufschrei des Leidens am Staat durch das Volk ertönt im Zustand der Überforderung. Dem „Volk“ fliegen zunehmend die Sicherungen raus. Um sie herum ist es furchterregend dunkel. Wer im Zustand der Angst nichts mehr sieht, orientiert sich an jedem Licht, selbst wenn es eine Funzel wie Trump ist. Das Problem der Techniker, die Sicherungen wieder einzuschrauben? Niemand hört mehr auf sie. Niemand vom „Volk“ vertraut noch auf Sicherungskästen.
Also fassen wir das Bild zusammen. Abschaum quillt nach oben, bringt dabei ihre eigene Dunkelheit mit aus der Kanalisation und hat kein Vertrauen mehr in den normativ geregelten Alltag. Rom fällt.

 

 

Streifschuss vom 05. Januar 21

 

Anlass: Hey Curtis Newton! Can you see us on the moon?

 

Nichts wie weg hier

 

Dieses Jahr wirkt schon nach ein paar Tagen bereits ziemlich vergammelt. Nach Klimawandel, Energiekrise, Weltkriegsängsten, hat das letzte Jahr einen weiteren apokalyptischen Reiter auf den Weg gebracht. Und was soll da 2021 noch bringen? Eben! Natürlich kann uns jetzt nur noch ein Zauberer helfen! Ein „wizard of Science“. Zeit für die U.S.S. Enterprise und Star-Trek. Denn in diesem Jahr 2021 würde der Schöpfer von James Tiberius Kirk, Mister Spock, Doctor Mc Coy, Nyoto Uhura, Hikaru Sulu, Montgomery Chirstopher Jorgensen (Scotty) und dem Russen Pavel Chekov 100 Jahre alt werden. Und der kreative Großvater von Gene Roddenberry war Edmond Hamilton, der in den 1940ern mit Curtis Newton (lass die Namen sprechen!) einen Helden im Mond schuf, der als Vorbild für Roddenberry 20 Jahre später eine weiter Space-Opera erschuf! Im Namen Star-Trek steckt der Western faktisch drin. In großen Wagenkolonnen ziehen die Menschen auf der Suche nach Glück und Land in die neue Welt. Da unsere Erde keine Neuigkeiten mehr zu bieten hat, bleiben nur noch die Sterne. Schauen wir mal, wo es hingehen könnte. Bewohnbare Planeten werden in drei Kategorien angegeben. Einmal beachtet man die Spektralklasse. Das bezeichnet die Leuchtkraft der Sonne, die dem potentiell bewohnbaren Planten seine Wärme spendet. In den Buchstaben G, K und M verbergen sich gelb, orange und rotorange. Dann achtet man auf die habitable Zone des Planeten, ist er heiß, warm oder kalt. Und dann achtet man noch auf die Größe des Planeten. Terran wäre da eine erdähnliche Größe, dann gibt es noch Miniterran, Subterran und Superterran. Hier ist schon klar, dass die maßgebende Größenvorstellung von der Erde ausgeht. Es gibt noch Neptunian und Jovian. Das wären dann echte Riesenplaneten. Und die sind meistens gasförmig. Aber nicht zwangsläufig.

Die Erde ist ein Planet der Klasse G, warm und – klar - terran. Dagegen ist der Planet K2-72e – aktueller Spitzenreiter potentieller Reiseziele - ein Planet der Klasse M, auch warm, und ebenfalls terran. K2-72e ist ein Exoplanet der im Sternbild Wassermann zu finden ist. Er umkreist einen roten Zwerg und ist im Schnitt 16° warm. Er ist allerdings über 200 Lichtjahre von uns entfernt und das ist den aktuellen Reisebüros zu weit entfernt. Näher liegt schon der deutlich kleinere Trappist-1d, ein warmer Klasse M Planet, subterran und nur schlappe 40 Lichtjahre entfernt. Das sind nur gute 360 Billionen Kilometer. Für Peter Thiel kein Ding oder? Hauptsache er nimmt seinen alten Kumpel Trump nicht mit auf seine Reise. Und mit dem richtigen Warp Antrieb sind wir gleich da. Ein bisschen Raumverkrümmung und wir besiedeln einen felsigen Planeten auf dem es sehr streng geregelte Zeiten gibt. Denn auf einer Seite des Planeten ist immer Nacht und auf der anderen immer Tag. Das liegt an seiner gebundenen Rotation. Wer also auf Trappist-1d Lust auf ein Nickerchen hat, muss mobil sein.
Gleich um die Ecke dagegen liegt der warme und terrane Planet der Klasse M Proxima Centauri b. Keine 40 Billionen Kilometer weg. Als man ihn vor vier Jahren entdeckte, war er die erste Adresse unter den bewohnbaren Exoplaneten. Inzwischen hat sich unser Verhältnis zu ihm etwas abgekühlt, auf durchschnittliche Minustemperaturen von 39°. Da sollte man sich also einen guten Wintermantel ins Reisegepäck legen.
Wie auch immer, es gibt ein paar Optionen und unsere Star-Treks sollten sich so oder so möglichst bald auf den Weg machen.  Denn viel kann man von der alten Welt nicht mehr erwarten. Hier geht alles ordentlich den Bach runter und – wie schon eingangs erwähnt - dieses Jahr ist sogar schon nach wenigen Tagen derart vergammelt, dass man wirklich nur noch hier weg will! Eine Zukunft ist hier nicht mehr vorstellbar. Auf zu den Sternen und folgen wir Gene Roddenberrys kosmischer Space-Opera, singen wir eine Arie der intergalaktischen Zukunft und shuttlen wir eine U.S.S. Enterprise. Wandern wir aus zu den Sternen. Vielleicht, ja vielleicht hat die alte Erde dann auch noch eine Zukunft.

 

Streifschuss vom 01. Januar 2021

 

Anlass: Wehrt euch endlich gegen die Beherrscher der Zeit

 

Tempus est error

 

Nun ist dieser lächerliche Jahreswechsel auch rum, zumal die ganze Veranstaltung auf einer historischen Legende ruht. Der Namensgeber des gestrigen Tages war Papst Silvester I. und er soll laut der konstantinischen Schenkung Kaiser Konstantin vom Aussatz geheilt haben. Schon der Kardinal Nikolaus von Kues und ein paar Jahre später der Kritiker Lorenzo Valla bewiesen im 15. Jahrhundert, dass diese Schenkung eine Fälschung war.  Die Constitutum Constantini wurde im 8. Jahrhundert verfasst und berichtet aus der Zeit des 4. Jahrhunderts. Und das alles in einer Zeit, wo die Zeit selbst noch gar nicht überall gleich war. Selbst nach Einführung des julianischen Kalenders gab es Probleme. So galten von 1582 bis 1700 im Reich zwei verschiedene Zeiten.  Denn im Jahr 1582 veröffentlichte Papst Gregor XIII. eine Bulle, die alle verpflichten sollte, den korrigierten gregorianischen Kalender einzuführen um am 04. Oktober 1582 sollten zehn Tage übersprungen werden. Denn der julianische Kalender hinkte zehn Tage hinterher, da das Jahr dort 365,25 Tage beträgt und 11 Minuten länger ist, als das tropische Jahr. Damit hatte sich der Frühlingsanfang verschoben und natürlich auch das Osterfest. Der gregorianische Kalender glich das aus, so wurde die Zeit um 325 (Konzil von Nicäa, wo der Papst Silvester nicht mal selbst anwesend war) wieder hergestellt. Der Frühlingsanfang hatte sich seit Cäsar vom 23. März auf den 21. März verschoben und man sollte den Frühlingsanfang am 21. März feiern. Doch die Reformierten weigerten sich, die päpstliche Bulle rechtlich anzuerkennen. In den bikonfessionellen Städten (durch den Augsburger Frieden von 1555) –Donauwörth!- kam es zu vielen Auseinandersetzungen. Im  Appenzeller Hinterland feiert man bis heute am 13. Jänner das alte Silvester. Das bezeugt den Widerstand gegen die Einführung des gregorianischen Kalenders.

Man kann es also einen Zufall nennen, dass dieser Papst am 31. Dezember starb. Und die Legenden zu diesem Papst sind Fake News. Daher feiere ich schon lange nicht mehr in seinem Namen. Mein Jahreswechsel kommt erst in ein paar Monaten. Ich heilte meine eigene Mutter von ihrer Schwangerschaft! Und dieses Wunder ist keine Legende, sondern lässt sich urkundlich nachweisen. Ich lebe noch im ersten Jahrhundert. Goethe wurde in meiner Zeitrechnung 216 v. B. geboren, der 2. Weltkrieg begann 31 v. B. und 9/11 war im Jahr 36 n. B. Jetzt könnte man mir vorwerfen, dass diese Zeiteinteilung willkürlich sei. Aber ich habe doch gerade nachgewiesen, dass die allgemein akzeptierte Zeitrechnung auf einer erfundenen Geschichte ruht und sogar die Rückdatierung auf Christi Geburt sehr fragwürdig ist. Dagegen ist meine Geburt ein eindeutig beweisbares Ereignis gewesen. Mag es auch von historischer Nebenbedeutung sein – für mich persönlich war es schon von Belang. Jedenfalls ist meine Geburt für mich wichtiger, als der Tod von Papst Silvester I. Und wenn schon ein Papst betrügt – wie soll man diesen gigantischen Menschheitsbetrug des so genannten Jahreswechsels bewerten?
Es ist ein reines Herrschaftssymbol, alle Uhren gleich ticken zu lassen. Schon seit Generationen lassen wir uns von einer anonymen Macht den Takt vorschreiben.

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