Literaturprojekt
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Neue Streifschüsse

Wann immer nötig, schnell und aus der Hüfte geschossen

 

 

 

Streifschuss vom  03. Februar 23

 

Anlass: Eine Wunschfabrik die Mängel produziert

 

Mängelware Arbeit

 

Wir sind inzwischen an die Grenzen unserer Arbeitsteilung gelangt, dort wo die Vernunft schon wieder ins Irrationale umschlägt. Die  Maschine produziert Einschnitte und diese Einschnitte wiederum selbst Maschinen die weitere Einschnitte produzieren. Gilles Deleuze nennt dies eine Vakuolisierung. Das löchrige Aussehen gesellschaftlicher Arbeitsprozesse (vom Fachkraftmangel bis zum Kompetenzmangel) lässt sich begreifen, wenn man den Urzustand des Arbeitszytoplasmas betrachtet. Ich hatte das große Glück, in der königlich-bayrischen Psychiatrie in München in den 1990er Jahren noch die letzten Randreste nicht disjunktiver Einschnitte in die Arbeitsmaschine erlebt zu haben. Ich erzähle das an einem Beispiel:

So hatte ich in der psychiatrischen Akutstation einen Kollegen, Schwanzi nannte man ihn, Schrafstetter war sein eigentlicher Name. Ich wusste lange nicht, wie er wirklich heißt. Schwanzi arbeitete nur nachts. Er war dick, glatzköpfig und hatte keine Zähne mehr, trug auch keine Prothese (er konnte mit dem Zahnfleisch eine Schnitzelsemmel zerkauen), daher verstand man ihn oft schlecht bis gar nicht. Wobei ich mir vorstelle, dass man ihn auch mit Zähnen nicht verstanden hätte. Denn er war zweifelsfrei verrückt. Dennoch war ich immer froh, wenn ich mit ihm Nachtdienst hatte. Es waren immer ruhige und entspannte Nächte wenn Schwanzi Dienst hatte. Eine Nacht mit Schwanzi: Es ist ruhig, still, zwei Uhr nachts. Doch plötzlich, schlagartig wird die Stille durchbrochen. Ein schreiender, hoch erregter Mann kommt auf die Station, in Begleitung eines pickligen, jungen und verängstigten Assistenzarztes. Das ist normal. Sie kommen nun am Flur entlang auf das Stationszimmer zu. Der Mann brüllt und gestikuliert wild. Hätten die Gestapo Hilfsärzte (die vernünftigen Pfleger und Schwestern) Nachtdienst gehabt, wäre das eskaliert und in einer Fixierung des Patienten geendet. Doch Schwanzi tritt nun – Bauch voraus und mit ausgebreiteten Armen vom Stationszimmer auf den Flur und begrüßt den Irren. Der Irre ist sofort entspannt und grüßt zurück. Sie kennen sich. Schwanzi kannte alle Irren. Denn sie kommen immer wieder und immer wieder. Drehtürpsychiatrie nennt man das. Im normalen Tonfall miteinander redend, spazieren der Irre und Schwanzi durch den Flur. Schwanzi bringt den Irren auf sein neues Zimmer. Der Irre war sofort ruhig und entspannt, als er Schwanzi sah, denn Schwanzi war einer von ihnen.

Kein Arbeitgeber der Welt würde heute in unseren so vernünftigen Zeiten je einen Verrückten einstellen, der sich um Verrückte kümmert. Als ich damals, vor beinahe dreißig Jahren in der Psychiatrie angefangen hatte zu arbeiten (noch unter D-Markzeiten) arbeiteten noch ein paar Verrückte – kurz vor der Rente - an meiner Seite. Sie sind sicher längst verstorben. Sie waren die Idealbesetzung. Ein Kollege dieser Art erhielt geheime Botschaften von den Tabletten die er nachts stellte, ein anderer nahm die Tabletten selbst. Es war eine bunte, höchst heterogene und ineffektive Mannschaft. Die vernünftigen Ärzte haben die Irren nie geheilt. Es waren immer die verrückten Ärzte, Schwestern und Pfleger, die geholfen haben. Sie verstanden die Irren wirklich, weil sie selbst irre waren. Heute ist die Vernunft selbst irrational, weil die Spezialisten kein Produkt der Maschine sind, um die sie sich kümmern sondern von einer anderen Maschine her andocken und in disjunktiven Synthesen eine signifikante Kette produzieren, die aus Zeichen besteht, die selbst nicht signifikant sind. Wenn Zigarettenverkäufer selbst nicht rauchen, wenn Apotheker die Wirkung der Tabletten und Tinkturen nur aus der Wirkungsbeschreibung anderer kennen, wenn Politiker den Gesetzen die sie gestalten selbst nicht unterworfen sind, wenn Fußballtrainer selbst nicht Fußball spielen können, wenn Psychiater Verrücktheit nur aus Büchern lernen, wenn Fahrkartenkontrolleure selbst schwarz fahren, Regisseure nicht schauspielern können, Literaturkritiker nicht schreiben können, Frauenärzte keine Frauen sind, Sozialarbeiter weder sozial sind noch arbeiten, Jäger kein Wild essen, Bibliothekare die nicht lesen, Journalisten die von geisterhaften Bots erzeugte DPA-Meldungen verbreiten und so weiter. Die rhizomatische Struktur eines Puzzles bei dem die Stücke nie passen, das Ganze erzwungen wird, nur damit es dem Konsumenten univok erscheint. Diese Vernunft ist irrational. Aber sie stampft daher wie eine große Wahrheit. Die Arbeitsteilung wir so zu einem gesellschaftlichen Würgengel. 

 

Streifschuss vom 26. Jänner 23

 

Anlass: Metaphysische Tollheiten

 

Esse est percipi

 

Kein Bischof hat Gott je gesehen.

 

Viele, wenn nicht die meisten Menschen irren sich in der Annahme, sie wären aus sich selbst heraus bedeutend. Wir nehmen uns als unabhängige selbstevidente Wesen wahr. Das ist der Irrtum. Denn wenn ich tot bin, bin ich für die anderen nicht seiend, nur noch gewesen. Eine Gewissheit meiner selbst besteht so nur durch die anderen. Denn die anderen werden meinen Tod betrauern oder sich in irgendeiner Art gegenüber meinem Tod verhalten. Ich selbst kann das nicht, denn wenn ich tot bin, bin ich nicht. Im Angesicht meiner Sterblichkeit ist meine Selbstevidenz hinfällig. Gewiss sind für mich nur die anderen. Nur als Gattungsbegriff in der wiederholten Selbsterzeugung bin ich evident. Das ist alles. Es begann alles mit der bürgerlichen Identitätssuche. Diese ging von einem nicht seienden aus, das seiend wird. Das ist aber unmöglich. So wurde der Existenzialismus zum bürgerlichen Aggregat der eigenen Identitätssuche und versteckt so die wirkenden gesellschaftlichen Zusammenhänge. Die gemeinsame Erfahrungswelt ist ein gesellschaftliches Phänomen und in einer Warenwelt wie der unseren wird die gemeinsame Erfahrungswelt natürlich von den Waren aus gedacht.

It is indeed an opinion strangely prevailing amongst men, that houses, mountains, rivers, and in a word all sensible objects have an existence natural or real, distinct from their being perceived by the understanding. Quelle: Treatise on the Principles of Human Knowledge

So wunderte sich schon der irische Theologe George Berkeley (1685 – 1753). Eine gemeinsame Erfahrungswelt – unterstellte er als Anglikaner – sei nur durch Gottes Hilfe möglich. Er allein harmonisiert das alles.

So haben es die Theologen immer gemacht. Fragen die letztlich auf gesellschaftliche Unstimmigkeiten (warum ist der reich und der arm, warum gilt der als angesehen und der nicht) wurden ins Reich Gottes verlegt. Die eigentliche Berkeley-Frage ist also nicht, ob es eine Welt außerhalb meines Bewusstseins gibt (Außenwelthypothese, die auch Descartes mit seiner res extensa verfolgte), oder alles nur ein Traum ist (oder Gottes Willkür). Nein, die Frage ist: Wie kamen die Verhältnisse zustande, die jetzt unsere gemeinsame Erfahrungswelt ausmachen. Alle sozialen Vergleiche kommen durch die gemeinsame Erfahrungswelt des Reichtums der Warenwelt zustande. Und diese beruhen auf einer nicht vergleichbaren, auf Äquivalenz des Geldes basierenden Wahrnehmung. Den Fetisch ins Reich der Metaphysik zu verlegen war von jeher der Trick der Theologen und später der bürgerlichen Wissenschaft (die nur die Negation der Metaphysik sind, so wie der Atheist nur die Negation der Theologie). Da ich kein unabhängiges Ding bin, da es unabhängige Dinge nicht gibt, ohne einen Wert zu setzen, die Wahrheit über etwas immer einer Funktion unterliegt, ist meine Selbstevidenz ein Trugschluss. Meine Wirkung in der Welt, meine Aufgaben in der Welt unterliegen den gesellschaftlichen Bedingungen meiner Welt. Das Bewusstsein meines Selbst ist eine Frage der Praxis.

Das Durchsichselbstsein der Natur und des Menschen ist ihm unbegreiflich, weil es allen Handgreiflichkeiten des praktischen Lebens widerspricht.(MEW Band 40 Seite 545)

So ist es natürlich bitter sich einzugestehen, dass die eigene Scheiße in der man steckt die Bedingungen der Welt sind, in der man steckt. Aus diesen Bedingungen kommt man nicht einfach heraus. Hier beginnt das Problem der Praxis. Meine eigene Evidenz erlebte ich im Auftauchen durch das Tun. Man kann Wasser nur begreifen, wenn man darin schwimmt.

Streifschuss vom 23. Januar 23

 

Anlass: Vom Götzen Preis

 

Der Krieg ist kinky

 

Das Wort „Kink“ bedeutete ursprünglich in den 1670er Jahren „Verdrehung in einem Seil“ auf Holländisch.(onlinesprache.de)

 

 Seit zwanzig Jahren steigen die Preise. Die Leute bekommen das gar nicht mit. Der Zusammenhang zwischen Ware und ihrem Preis ist den meisten Menschen kein Begriff. Man zahlt halt an der Kasse, was es kostet. Wenn die Waren teurer werden, dann murrt man halt. Die Preisstabilität wird aber künstlich erzeugt. So waren die Preise 2017 teilweise um 80 Prozent im Niveau gestiegen (Bundesamt für Statistik). Dagegen wurde der Leitzins 2016 auf null gefahren, um die Preisstabilität zu sichern. Da man den Leitzins nicht mehr weiter senken konnte, stiegen die Preise noch vor dem Krieg weiter an. Dass sie nun zu Kriegsausbruch weiter steigen, ist nicht Ursache des Krieges. Im Gegenteil verhindert der Krieg in der Ukraine geradezu eine Preisexplosion. Aber die Nationalökonomen haben den Menschen jahrzehntelang vorgegaukelt, dass der angeblich „freie Markt“ durch seine unsichtbare Hand durch Angebot und Nachfrage die Preise ermittle. Das ist Hokuspokus… Element der Marktregulierung laut Wirtschaftslexikon: Diese werden entweder vom Staat verordnet (Regulierung) oder privat von den Unternehmen verabredet. Mögliche Formen sind Festpreise,  Mindestpreise, - Orientierungspreise,  Preisdisziplin-Abkommen mit anderen Ausfuhrländern sowie Gebote zur Einhaltung von Listenpreisen der Erzeuger durch die Händler. In Krisensektoren sollen dadurch höhere Preise als unter Wettbewerbsbedingungen garantiert und die Einkommenslage einer Erzeugergruppe stabilisiert werden. Die Preisregulierung bezieht sich entweder auf alle oder auf die wichtigsten Produkte mit "Eckpreis"- Funktion eines Wirtschaftszweiges.
Vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2016 hat sich das Kursvolumen auf der Börse (laut Investorseite der Deutschen Bank / historische Kurse) verzehnfacht. Es ist eine einfache Rechnung, dass dieses Finanzvolumen die Preisstabilität auf dem so genannten Realmarkt destabilisiert. Der Krieg wurde geradezu eine Notwendigkeit. Die asymmetrischen Kriegsschauplätze in Afghanistan oder Irak reichten längst nicht mehr aus, um den Geldmarkt stabil zu halten.
Wenn wir heute in den Discounter gehen und über die Inflation klagen, dann sollten wir daran denken, dass ohne den Ukraine-Krieg die Inflation in den Himmel geschossen wäre. Dabei sage ich nicht, dass der Krieg in kühler Absicht quasi von den Börsen der Welt eingeleitet wurde. Das wäre wirklich Schwachsinn. Es gibt einige historische Vorbedingungen und kulturpolitische Vermengungen die als Kriegsauslöser dienten. Vom Revanchismus-Gedanken der russischen Administration seit Zerfall des Sowjet-Reiches bis zur Nation-Building der Ukraine, den gegenseitigen Provokationen der EU und der russischen Föderation. Aber auch die Kapitalakkumulation ist ein Faktor und ein Kriegsauslöser. Daran sollten wir denken und diesen Faktor nicht unterschätzen. Denn was das, was täglich auf unserem Teller liegt kostet, ist immer von Bedeutung. Und die Preisregulierung obliegt nicht dem Einzelbürger oder einzelnen Unternehmern, sondern ist eine große weltpolitische Maschine. Wenn nun an der Börse ein Volumen gehandelt wird, das man als aufgebläht bezeichnen kann, weil die dort verhandelten Gewinne noch gar nicht erwirtschaftet wurden (durch die üblichen fleißigen Händchen der fleißigen Bienchen am Arbeitsmarkt), dann entsteht ein gewaltiges Problem. Dieses aufgeblähte Geldvolumen ohne Sinn und Verstand muss weg. Und das macht der Krieg für gewöhnlich. Denn auch das gilt es zu bedenken, dass der moderne Krieg eine Erfindung der Industrialisierung ist und in seiner zerstörerischen Form zur Geschichte der Ökonomie gehört. Im 19ten Jahrhundert wurde das Gemetzel quasi rationalisiert durch allgemeine Wehrpflicht, technischen Fortschritt und völkerrechtliche Regulierung. Staaten bekämpften sich, wo es zuvor meist Schwester und Bruder waren. Die Regel ist der Bürgerkrieg. Am ehesten erschlägt der Mensch seinen Nachbarn (H.M. Enzensberger in Aussichten auf den Bürgerkrieg). Im Krieg tötet man abstrakt und hat noch nicht einmal ein richtiges Feindbild, weil man seinen Gegner gar nicht kennt. Die Frage ist also: Ist der Ukraine-Krieg ein erweiterter Bürgerkrieg zwischen Brüdern, so wie das Putin uns verkaufen will, oder ist es ein Staatskonflikt? Egal wie wir diese Frage beantworten. Der Krieg ist eine Maschine der Geldverbrennung. Und damit ein Teil der bürgerlichen Ökonomie.


 

Streifschuss vom 18. Januar 23

 

Anlass: Deutschlands neuer Torwart


Im Bild sehen Sie einen Torwart der Sportart Bandy, das ist Vorläufer des Eishockey. Die erfolgreichste Nationalmannschaft im Bandy ist die Männermannschaft von Russland.

 

Torwarte haben in den meisten Sportarten Sonderrechte
(Wikipedia)

 

Boris Pistorius, unser frischer neuer Torwart bzw. Verteidigungsminister war viele Jahre in Niedersachsen und in Osnabrück zuständig für den Schulsport. Ich finde, das ist eine ausgezeichnete Referenz für einen obersten Heerführer, der eine derzeit 180.000 Mann und Frau starke Armee übernimmt. Diese Armee hat noch zusätzlich knapp eine Million Reservisten zur Verfügung und immerhin 33 Millionen wehrtaugliche Männer und Frauen. Schulleiter Pastorius steht nun dem obersten Heerführer Russlands gegenüber. Der verfügt über eine Million aktive SoldatInnen und zwei Millionen ReservistInnen, und hat ein wehrtaugliches russisches Volk von immerhin 44 Millionen zur Verfügung.
Aber nicht nur das. Pastorius hat einen Generalinspekteur (Eberhard Zorn), der nicht dafür ist (laut einem Focus-Interview) noch mehr Waffen an die Ukraine zu liefern.
Nun ist die ehemalige Familienministerin auch ehemalige Verteidigungsministerin, was wohl daran liegt, dass sie auf Twitter suggerierte Deutschland könnte sich mit Feuerwerkskörpern im Kirschblütenformat gegen die russische Armee verteidigen. Eberhard Zorn war allerdings der Meinung, Drohnen sind bessere Verteidigungsinstrumente als Knallfrösche und Lady-Cracker. Seit Gründung der Bundeswehr im Jahr 1955 hatten wir nun 21 Verteidigungsminister. Aber das täuscht, weil unsere Ursel immerhin mal sechs Jahre am Stück auf dem Posten durchgehalten hat. Ansonsten waren es teilweise nicht einmal ein Jahr, das die Verteidigungsminister auf dem Stuhl sitzen bleiben konnten. Es gab so viele grauenvolle und nicht wehrtaugliche Politiker (Kramp-Karrenbauer, die Homosexualität für Inzest hielt zum Beispiel). Oder Rudolf Scharping, der lieber mit dem Fahrrad als mit dem Panzer fuhr, oder Guttenberg, der die Bundeswehr „abgeschrieben“ hätte. Die Wehrtauglichkeit Deutschlands sollte man trotzdem nicht unterschätzen. Viel drängender ist daher die Frage, wer wird nun das niedersächsische Sportministerium übernehmen? Und das ist so wichtig, weil auch die niedersächsischen Polizisten vom niedersächsischen Sportministerium geführt werden. Das sind immerhin 24.000 Polizisten, die uns vor den über die Nordsee auf ihren Gokstad-Schiffen einfallenden Wikingern retten können.

 

Streifschuss vom 05. Jänner 23

 

Anlass: Blicket auf zum Retterblick / alle reuig zarten / euch zu seligem Geschick / dankend umzuarten. / werde jeder beßre Sinn / dir zum Dienst erbötig; / Jungfrau, Mutter, Königin, / Göttin, bleibe gnädig

 

In Sand geschrieben

 

Sucht man nach einem Sinn und Zweck in der Geschichte der Menschen, macht man auf kollektiver Ebene das, was die meisten Menschen auf individueller Ebene auch machen. Wir suchen nach Mustern in den Geschehnissen. Doch es ist alles Chaos. Man kann Prozesse nicht vorhersagen. Man kann sie machen. Damit ist klar: Die Geschichte der Menschen ist nicht beschreibbar im Sinne realer Ereignisse, sondern wird gestaltet. Wer sich erinnert phantasiert meistens mit. Die Muster die wir zu erkennen glauben, sind Verhaltensmuster von Ereignissen. Jede Leere die sich füllt hängt ab von den Begrenzungen ihrer Leere. Keine Wohnung gleicht innen der anderen, setzt sich aber aus Dingen zusammen, die allgemein bekannt sind und die mehr oder weniger alle benutzen. Irgendwo zwischen all den indeterministischen Abweichungen liegt die Musterwohnung. Es geht um Orientierung innerhalb der Leere. Alles was sich in der Leere befindet wird zu Orientierungszwecken gestaltet. Wollte man dem Kollektiv wie dem Individuum einen Sinn unterstellen, dann den, dass es sich in der Leere zu orientieren versucht. Dieses Suchen nach Orientierung ist ein Verhalten. Das Repertoire von Verhalten ist bei Menschen ungleich größer als bei Tieren. Dieser quantitative Unterschied kippt irgendwann um in einen qualitativen Unterschied. Und dieser qualitative Unterschied zwischen Mensch und Tier ist das Bewusstsein von Sinn als Orientierung in der Leere. Die Suche nach dem Sinn ist damit selbst der Sinn. Wer aufhört nach einem Sinn zu suchen, verliert diesen Sinn gleichsam und wiederholt ganz repetitiv Verhaltensmuster. Menschen mit geringer Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen und gleichzeitig hoher Gewissenhaftigkeit suchen keinen Sinn mehr im Leben, sondern glauben ihn gefunden zu haben. In einer Religion, einer Gesinnung, einer Methode. Sie werden steif, zwanghaft und erstarren. Den letzten Sinn findet jeder Mensch daher in seinem Tod. Diese für alle zutreffende Rückkehr zur vollständigen Leere ist die Ziellinie jedes Lebens. Diesen Sinn muss man natürlich nicht suchen. Da kann man sich von Anfang an zurücklehnen und einfach warten. Wäre der Mensch jedoch definiert als Tier das auf den Tod wartet, würde alles Tun sinnlos werden. Daher suchen wir im Leben weiter nach Sinn und definieren dies als unsere eigentliche Aufgabe im Leben. Ausgestattet mit einem Sinnesapparat können wir die vielen Muster in der sich füllenden Leere des Universums erkennen und ordnen. Doch diese Ordnung ist immer instabil. Jede Leere strebt zurück zu ihrem Ursprungszustand. Jede Ordnung löst sich wieder auf. Man könnte daran verzweifeln und alles das als sinnlos erklären. Doch das ist ein Paradoxon. Denn wer alles sinnlos findet, hat so einen Sinn gefunden. Der Sinn der Sinnlosigkeit endet im Tod. Daher wäre meine Empfehlung wohlgemut weiter den Sinn zu suchen. Denn das ist ja der eigentliche Sinn der ganzen Geschichte. Jetzt hat der Sinnsucher, der sich darüber im Klaren ist, dass er ihn nie findet, weil er ihn längst in der Suche selbst gefunden hat, ein Problem der Motivation. Seine Suche wird läppisch. Es ist dann keine Suche mehr, sondern eine Sucht. Suchen um des Suchens willen fehlt gänzlich das Objekt des Suchens. Es ist selbstreferenziell und solche Art des Suchens läuft im Kreis. Daher kann man hier einen Trick anwenden. Es gibt einen höheren Sinn außerhalb des Suchens selbst. Dieser Sinn ist, wie die Ordnung instabil. Man spricht auch vom Sinneswandel. Offen und verletzbar zu bleiben, dabei nicht seine Unbekümmertheit verlieren. Es gibt einen höheren Sinn. Das kann gar nicht anders sein, denn sonst wäre es sinnlos. Dieser Pragmatismus ist eine durchschaubare Strategie. In einer Folge von „The Good Doctor“  erklärte Dr. Resnick eine Frau für tot. Sie lag zehn Jahre im Koma und zeigte keine Hirnaktivität mehr. Als man im Beisein ihres trauernden Ehemanns die Beatmungsgeräte abschaltete, beobachtete Dr. Murphy wie ein Finger der Frau zuckte. Der Ehemann wollte, dass sofort wieder die Atmungsgeräte angeschlossen würden, was Dr. Resnick etwas widerwillig auch machte. Bei einer Untersuchung stellten sie nun einen Nebennierentumor fest. Der Ehemann wollte die Entfernung des Tumors. Er hatte große Hoffnung. Die Hoffnung der Ärzte war eher gering. Dennoch operierten sie die komatöse Frau. Bei der Operation öffneten sie versehentlich die Dura des Tumors, der in der Folge hohe Mengen Dopamin ausschüttete, was das Gehirn sozusagen triggerte. Die Frau erwachte aus dem Koma. Doch das Dopamin würde in einigen Stunden abgebaut, die Frau wieder ins Koma fallen.  Die Menge an Dopamin, die nötig wäre, die Frau bei Bewusstsein zu halten, konnte nicht substituiert werden, da die Menge letal toxisch wirken würde. Sie würde daran sterben. Und so starb sie auch. Die Szene ist genial. Denn dieser medizinische Zufall ermöglichte dem Ehepaar, sich voneinander zu verabschieden. Ich erzähle diese Geschichte, weil sie es auf den Punkt bringt, was wir tagtäglich in der Leere des Universums erleben. Zufall und Sinn liegen so nahe beieinander, dass man kaum einen Unterschied erkennen kann. Es ist immer eine Frage unsere Perspektive. Wir können alle in der Leere des Universums umherwandern. Unsere Suche nach dem Sinn wird belebt. Wir finden immer wieder einen neuen Sinn im Leben. Immer wieder bis zum Ende.

 

Streifschuss vom 02. Januar 2023

 

Anlass: eine Auswahl der letzten Notizen

 

Gedanken beim Denken

 

So. Alle uns vertrauten Angestellten des Bundes haben sich nun mit ihren Weihnachts- und Neujahrsansprachen über Krieg, Viren und Gas geäußert. Es war meist langweilig, zuweilen peinlich und  vor allem belanglos. Es wäre doch viel schöner, sie würden ihre wirklichen Gedanken bringen und keine textbasierten Monologsysteme.

Hier garantiert kein Bot, sondern die Gedankenschnipsel aus dem letzten Monat des Jahres 2022:

 

1*

Ich komme inzwischen an die Grenzen meines Wachstumspotentials, aber im Kapitalismus muss ich trotzdem weiter wachsen. Ich müsste also Leute beschäftigen in meinem Wissensgeschäft. Nur kann ich das nicht leisten.

2*

Ich bräuchte noch zwei Leben, um all das zu schaffen, was in meinem Kopf vorgeht und ausgebildet werden müsste. Ich werde nicht fertig. Das ist das Erschütternde an meinem Leben. Ich werde einfach nicht fertig. Ich werde nur, wie viele vor mir und viele nach mir, Stückwerk produzieren. Als Individuum baue ich auf all die anderen vor mir und hoffe auf all die nach mir.

3*

Die Entfernung durch die Individualgeschichte deckt sich nicht mit der Nähe unserer Herkunft.

4*

Mit Kindern und alten Menschen komme ich klar. Sie sind auch klar. Verwirrt sind die, die sich selbst der Vernunft bezichtigen.

5*

Es ist so lustig inzwischen, dass ich in allen Schichten (Klassen) tanze und keine Schicht (Klasse) von der anderen weiß, außer mir.

6*

Alles wird. Nichts ist. Manches war.

7*

Die Medien hassen ihn, und haben ihn gleichzeitig groß gemacht.

8*

Die Leute in der Kulturbranche sind irgendwie unangenehm, müffeln etwas.

9*

Was mich von meiner Familie unterscheidet? Ich erinnere mich nicht nur daran, was andere sagten, sondern auch daran was ich selbst sagte.

10*

Thomas Mann war ein Meister der Montage, ich der Demontage.

11*

Innerhalb kurzer Zeit drei Prosa-Stücke geschrieben. Und alle drei wollte ich genauso. Das ist das schönste Geschenk für mich. Anderes zählt kaum. Ist nur pures Geld verdienen.

12*

Aber das Duschen war heute so schön. Wenn man nur alle paar Tage duscht, dann ist das wie ein Fest.

13*

In der Medizin spricht man von einem iatrogenen Bluthochdruck, einer Hypertonie von der man die Ursache nicht kennt. Man verschreibt Betablocker. Zwei Drittel der Männer über 50 nehmen das täglich. Dabei müsste man nur dafür sorgen, dass die Schwiegermutter auszieht, dann würde sich der Blutdruck wieder normalisieren. Aber wohin mit der Schwiegermutter? Solange Ärzte sich konsequent weigern, Lösungen für die pathogenen Schwiegermütter zu finden, werden die Pharmakonzerne viel Geld verdienen. Zeit, den Schwiegermüttern eine Dividende auszuschütten.

14*

Zurückbleiben, Türen schließen, Richtung Max-Weber-Platz.
Wenn das Fenster offen ist, höre ich diese Frauenstimme.
Manchmal die erste Frau am Morgen, eh der Buffo des Tages
meine tragische Oper weiter singt
Türen schließen, denke ich der undefinierbaren Frauenstimme noch nach
aber zurückbleiben?

15*

Bei Goethe gibt es den Begriff des Aperçu. Im Französischen wohl eine rasche Erstwahrnehmung bezeichnende, bei Goethe ein plötzliches, totales Erlebens mit Wandlung des Erlebenden. So dass man von einem Vorher-Nachher-Effekt sprechen kann. Bezogen auf die Liebe ist das gewiss dieser entzündende Moment des sich Verliebens. Daher sind Goethes Liebesreflexionen oft von Naturbeobachtung begleitet. Jede neue Liebe ist für Goethe ein Zwischenkieferknochen des Gefühls. Und dass sich dieses Liebesgenie nicht binden wollte, ist ja wohl klar.

16*

Jetzt muss ich mich da als alleinstehender Teilzeitdozent mit Goethes Liebesleben herumschlagen.

17*

Wenn man alle Gesetze studieren sollte, so hätte man gar keine Zeit mehr, sie zu übertreten, hat der olle Goethe, das Schlitzohr, mal irgendwo geschrieben. Interessant ist der doppelte Konjunktiv in diesem Satz. Sollte, hätte. Einfach gesagt: Man sollte sie schon studieren, nur was hätte man davon? Das ist der Witz am Gesetz. Ein Strafrechtler kennt sich nicht aus im Steuerrecht und hinterzieht. Ein Arbeitsrechtler kennt sich im Mietrecht nicht aus und kann dem Obdachlosen Arbeitssuchenden auch nicht helfen.

18*

Behörden arbeiten langsam, aber sie arbeiten. Die meisten Verbrecher haben ihre Tat schon vergessen, eh sie zur Rechenschaft gezogen werden.

19*

Inzwischen führen sich die staatlichen Behörden wie Kohlhaas auf und halten sich für die personifizierte Gerechtigkeit. Und wie eine nicht mehr zu stoppende Maschine rollt diese Gerechtigkeitshypertrophie über den einzelnen Bürger hinweg.

20*

Es ist eine besondere Situation, wenn man plötzlich Zeit hat, die man gar nicht einplante. Fast ist es so, dass diese plötzlich frei verfügbare Zeit Glücksmomente erzeugt, die man noch zusätzlich steigern und auskosten möchte.

21*

Ich hatte mal unter dem Einfluss hochwertigen Cannabis den Gedanken, dass ich ein Kunstbauer bin, Bauernkunst betreibe, ein Ernährer bin, weniger im Rampenlicht stehe, vielmehr wie ein moderner und alternativ denkender Bauer weniger Masse und mehr Qualität erschaffe.

22*

Wenn man einen Château Margaux 1787 aus einem Plastikbecher trinkt, dann liegt die dekadente Würze dieses Tuns sicher nicht am Wein. Inhalt und Form mengen sich zu einer hochprovokanten Aussage. Und Goethes berühmter Spruch „Das eigentliche Kunstgeheimnis des Meisters besteht darin, dass er den Stoff durch die Form vertilgt“, bekommt eine hinterhältige Bedeutung. Wenn man dagegen einen Domkellerstolz von seiner Plastikflasche in ein edles Zwiesel-Glas schüttet, ist dann die Dekadenz dieser Handlung nicht vom Wein abhängig? Noch verwerflicher, wenn man den Domkellerstolz auch noch degustiert? Als notorischer Biertrinker hätte ich nicht die geringste Chance, diesen Betrügereien auf die Schliche zu kommen. In der Form liegt die Täuschung. Damit ist der Meister im Sinne Goethes ein Betrüger. Wertfrei gesehen, kann man auch zum Wohle anderer betrügen, ohne Egoismus schöne Werke schaffen, die dennoch Betrug sind. Die große Gefahr besteht darin, dass der Betrug auffliegt. Und dazu sagte Thomas Pynchon trefflich: In der Arglosigkeit der Kreatur liegt die Amoral des Meisters.  

23*

Gen Süden rauchend schrieb ich: zwischen der armseligen Leiche die vom Finanzamt ausgecheckt wird und dem papiernen Kunstsubjekt fehlt der Haken. Und jetzt, wieder gen Süden rauchend denke ich: hab ich vergessen, den Haken zu machen? Und! Ist das wirklich alles? Nur ein vergessener Haken? Im Kleingedruckten übersehen? Für das Finanzamt ist das Leben abgeschrieben.
Ich habs dagegen aufgeschrieben. Die nach mir schreibens um.

24*

In der Ökonomie wird nicht erst seit gestern ohne Not dilettiert.

25*

Ich bin viel zu selten so böse wie ich bin. Halte mich viel zu oft zurück und bin hasenfüßig. Andererseits liebe ich es, spitz zu sein.

 

 

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