Literaturprojekt
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Neue Streifschüsse

wann immer nötig (im Schnitt einer pro Woche)

 

schnell und aus der Hüfte geschossen

 

 

Streifschuss vom 27. September 20

 

Anlass: Die Toren sagen in ihrem Herzen: Es gibt keinen Gott (Psalm 53)

 

 

Erzählt von einem Narren, was nichts bedeutet

 

Wenn das Universum endlich ist – und das ist wahrscheinlich so, denn Unendlichkeit kann man sich einfach nicht vorstellen – wenn also das Universum endlich ist, dann stellt sich schon die Frage, was denn außerhalb des Universums ist, wenn da nichts mehr sein kann. Mir persönlich dreht es regelrecht den Magen um bei diesem Gedanken. Und es macht nichts wirklich Freude, alles ist ein schlechter Witz. Sicher gibt es Menschen, die dieses Problem gar nicht sehen, es für ein Scheinproblem halten. Ich wiederum kann nicht verstehen, wie man das Problem nicht sehen kann. Es befriedigt mich auch kein Stück, wenn man diesen Irrsinn einfach Gott nennt und mich nötigt zu glauben. Denn ich muss glauben. Und das empfinde ich als großen Zwang. Kants berühmte Trias von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit mögen ja ganz praktisch sein. Erst einmal braucht man einen normativen Zugang zur Welt, sonst ist das alles wirklich nur kompletter Irrsinn: Dann sollte alles weiter gehen, sonst gibt es keinen Zweck oder ein Ziel meines Tuns. Und letztlich muss mir die Entscheidungsfreiheit ermöglicht werden, sonst bin ich nur eine Maschine, determiniert und dann fragt man sich auch wozu das alles sein sollte, wenn es eh schon klar ist, wie es ausgeht. Aber beweisen kann man weder Gott noch die Freiheit und auch nicht die Unsterblichkeit. Mein ganzes Leben ist in dieser Hinsicht ein Scherz über den ich nur lachen kann, wenn ich nicht mehr nüchtern bin. Hinzu kommt die ganze Mühsal des Daseins. Kein Mensch lebt mühelos. Und vermutlich geht es jedem Lebewesen so. Der Mensch hat nur die größte Fülle des Ausdrucks seiner Mühen geschaffen. Es geht immer weiter, weit über einen selbst hinaus. Irgendwann bin ich nicht mehr (der Zeitpunkt rückt täglich näher und das wird langsam unangenehm) und dann? Geht es halt ohne mich weiter. Wozu war ich dann eigentlich da? Damit ich widersprüchliches Einzelding dem widerspruchsfreien Absoluten Ausdruck verleihe? Ja wozu denn? Klar hat das Leben auch seine spaßigen Seiten. Gutes Essen,  gute Musik, spannende Filme, nette Abende mit Freunden und so weiter. Aber wozu der ganze Spaß? Kein Spaß ohne die Mühe,so ist das Leben eben. Ja sicher. Aber wozu? Wenn hinter dem, was mich ausmacht, was uns alle ausmacht nichts ist, wozu das alles? Das war die Frage – oder besser das Entsetzen. Außerhalb dieses endlichen Universums ist etwas, das nicht ist. Wenn das so ist, dann gibt es nur ein drinnen und kein draußen. Wenn ich tot bin, bin ich draußen; nämlich nicht. Das Nichts nichtet, kommt mir in den Sinn. Das sagt mir gar nichts. Was mir in den Sinn kommt ist, dass all das was mir in den Sinn kommt nichts bedeutet, da ich mir Unendlichkeit nicht vorstellen kann. Ich tue nur so, spiele mit Worten um mich zu beschäftigen, weil ich nichts ändern kann daran, dass es so ist wie es ist. Aber das ist gar nicht, weil es noch nicht alles ist und nie alles sein kann. Denn das Universum ist endlich. All die namenlosen Toten an die sich wirklich niemand mehr erinnert! Irgendwann erlischt jede Spur. Wozu sollte man dann überhaupt Spuren hinterlassen? An moralische Gesetze hält man sich dann nur noch, weil es bequemer ist. Kriminelle leben gefährlich und sie sind gefährlich. Doch die Welt ist voller raffinierter Betrüger und die lachen sich ins Fäustchen über all die naiven Dummköpfe die sie nach Strich und Faden ausrauben. Macht doch! Auch das vergeht.
Und Gott blickte vom Himmel herab auf die Menschen, ob noch ein Verständiger da ist, der Gott sucht. Alle sind sie abtrünnig und verdorben,keiner tut Gutes, auch nicht ein einziger.

 

Streifschuss vom 21. September 20

 

Anlass: Erst Corona und jetzt auch noch das!

 

Das Horror-Virus breitet sich aus

 

Haben Sie schon einmal in das Gesicht eines Fahrradfahrers geblickt? Ein erschreckender Anblick. David Chalmers philosophischer Zombie wurde real. Ein Leben ohne Bewusstsein ist möglich. Die bedauernswerten Opfer wurden von ihren Fahrrädern regelrecht enthauptet. Es beginnt zunächst schleichend. Man steigt auf ein Fahrrad und beim ersten Ausflug fühlt man sich leicht, beschwingt und ein wenig ausgelassen. Noch bleibt man an der roten Ampel stehen und grüßt den Nachbarn. Doch schon beim zweiten Fahrradausflug steht man ungeduldig an der roten Ampel und nickt dem Nachbarn nur noch kurz zu. Beim dritten Fahrradausflug verliert man die Geduld und fährt trotz der roten Ampel weiter. Den winkenden Nachbarn ignoriert man nun völlig. Das Virus hat von einem Besitz ergriffen und beginnt seinen Wirt Stück für Stück zu kannibalisieren. Das Virus kann auf dem Sattel eines Fahrrades lange überleben. Es nutzt den Analkanal und die Geschlechtsorgane als Eintrittspforte und kann die Blut-Liquor-Schranke überwinden. Es wird dann von der Rückenmarksflüssigkeit in das Gehirn geschwemmt, wo es bevorzugt Gehirnzellen im Neocortex angreift, die so genannten grauen Zellen. Man vermutet, dass das DCV (double circle Virus) diese Zellen (Perikaryen) leichter angreifen kann, weil sie über weniger Myelinschichten verfügen. Das Virus hat eine Doppel-Kreis-Struktur (double circle). Die beiden Kreise sind durch eine mRNA-Kette miteinander verbunden. Diese mRNA-Kette kann viele Gehirnzellen auf einmal umbauen. Das Kleinhirn der Infizierten bleibt völlig intakt. So können die Infizierten weiterhin Fahrrad fahren. Sie verlieren dabei aber sämtliche höhere kognitive Fähigkeiten. Sie können sich nicht mehr sinnvoll artikulieren, zeigen ungezieltes aggressives Verhalten, missachten alle Verkehrsregeln und fahren orientierungslos durch die Gegend.  An BiEG (Bicycle induced Enzephalitis grisea) Erkrankte – im Volksmund Fahradikalitis genannt – haben im Endstadium ausgezehrte Körper und sterben letztlich an Erschöpfung. Die meisten von ihnen erreichen das Endstadium nicht, da sie zuvor von einem Lastwagen erfasst werden oder in einen Graben stürzen und sich das Genick brechen. Holt man einen BiEG-Erkrankten von seinem Fahrrad (was leider nicht ohne Zwang möglich ist), dann strampeln seine Beine in der Luft weiter. Der Betroffene gibt unartikulierte weinerliche Geräusche von sich, und ist nicht zu beruhigen. Herkömmliche Beruhigungsmittel (Diazepam) verpuffen in ihrer Wirkung. Daher müssen die Erkrankten mithilfe der Narkose in ein künstliches Koma versetzt werden, sonst würden sie sich innerhalb weniger Tage zu Tode strampeln.
An einem gewöhnlichen Sonntagnachmittag kann man in München das Ausmaß dieser Seuche sehen, die immer weiter um sich greift. Bitte! Meiden Sie Fahrräder! Melden Sie frei herumstehende Fahrräder sofort der Polizei, damit sie fachmännisch und unter streng hygienischen Bedingungen entsorgt werden können. Entsorgen Sie Fahrräder nie selbst! Sie könnten infiziert werden. Noch ist das DCV nicht restlos erforscht. Nach einem Impfstoff wird schon jetzt fieberhaft gesucht. Wir wissen nicht genau, wie weit man sich einem Fahrrad nähern darf, ob nicht nur der Sattel sondern auch die Lenkstange als Reservoir dient. Das DCV könnte auch über die Haut oder die Augenwinkel in den Körper eindringen. Wir sind auf Ihre Mithilfe angewiesen. Melden Sie Fahrradfahrer! Ein Fahrradfahrer ist bereits infiziert. Je eher der Fahrradfahrer isoliert und ins künstliche Koma versetzt werden kann, desto größer ist seine Chance auf Heilung. Bleiben Sie wachsam. Ihr Roland Koch Institut.

 

Streifschuss vom 18. September 20

 

Anlass: Komparativ aus Platon – Hysterie – Corona

 

Sind denn jetzt alle verrückt geworden?

 

Am 13. September demonstrierten in München viele Menschen gegen Corona. Gemeinsam fanden dort Menschen der unterschiedlichsten Gesinnung zusammen. Jesus liebt dich Plakate, Sophie Scholl Plakate und Reichsflagge in trauter Anti-Corona-Einheit.  Das ist schon ein wenig erklärungsbedürftig. Ein Pandemie auslösender Virus evoziert eine Querfront, die man sich kaum hätte ausdenken können. Für jeden Mikrobiologen, der bisher in seinem Labor ruhige Zeiten erlebte und unbeachtet seine Zellkulturen anlegte, mag das wohl ein Schock sein. Als vor einem halben Jahr die Virologen gemeinsam mit dem Virus aus ihren verstaubten Laboren krochen, waren die Durchschnittshände der Menschen ein Musterbeispiel für Biodiversität. Heute sind sie steril und unberührt. Die Atemluft wird von Masken gefiltert und Kinder sind nicht mehr Omas Liebling. Kein Wunder eigentlich, dass unser Gehirn durcheinander gerät. Aber ist es ausreichend, um neben einem Rechtsradikalen zu marschieren? Was ist passiert? Unsere Regierung tat nichts weiter als nach den Vorgaben der Wissenschaft Regeln aufzustellen, um uns zu schützen. Vielleicht sind sie über das Ziel hinausgeschossen? Naja. Hände waschen und Gesichtsmasken tragen, Abstand halten und Menschenmassen meiden hätte man auch schon vor der Pandemie als vernünftig angesehen. Übertrieben haben die Medien. Jeden Tag eine neue Todesstatistik zu lesen macht wenig Freude. Da hätte man auch mal die Genesungsstatistik erwähnen können. Es wurden ja viele wieder vollständig gesund. Bei einer hysterischen Neurose stehen Geltungsbedürfnis und Egozentrik im Vordergrund. Die Hysterie ist allerdings nicht sehr einheitlich, hat etwas von einem Paradiesvogel. Heute kann man alles schnell als „hysterisch“ abwerten. Sie gehört aber zu den ältesten beobachteten psychischen Erkrankungen und wird schon bei Platon im Timaios erwähnt: Unter den als Männer Geborenen gingen die Feiglinge, und die während ihres Lebens Unrecht übten, der Wahrscheinlichkeit nach, bei ihrer zweiten Geburt in Frauen über. Und deshalb entwickelten die Götter um jene Zeit den Trieb zur Begattung, indem sie so in uns wie in den Frauen ein beseeltes Lebewesen gestalteten, welches sie in beiden in folgender Weise entstehen ließen. Sie öffneten den Durchgang der Getränke, welcher den Trank durch die Lunge, unter den Nieren hin, nach der Blase leitet, die ihn in sich aufnimmt und vermöge des Druckes der eingeatmeten Luft mit dieser wieder entsendet, und verbanden diesen Durchgang mit dem aus dem Kopfe nach dem Nacken herabsteigenden und im Rückgrate zusammengedrängten Marke, welches wir im vorigen den Samen nannten; jenes Mark aber erweckte, weil es beseelt war und als einen Auslass das fand, wo es herauskam, in ihm die leberschaffende Begierde des Ausströmens und brachte so den Zeugungstrieb zur Vollendung. Darum versucht die, gleich einem der Vernunft nicht gehorchenden Tiere, zu einem Unlenksamen und selbstherrisch Gebietenden gewordene Natur der männlichen Geschlechtsteile, ihren wütenden Begierden alles zu unterwerfen. Aus eben demselben Grunde aber empfindet es das, was man bei den Frauen Gebärmutter und Mutterscheide nennt, welches als ein auf Kinderzeugung begieriges Lebendiges in ihnen ist, dies empfindet es mit schmerzlichem Unwillen, wenn es länger, über die rechte Zeit hinaus, unfruchtbar bleibt, und schafft, indem es dann allerwärts im Körper umherschweift und durch Versperren der Durchgänge das Atemholen nicht gestattet, große Beängstigung, so wie es noch andere Krankheiten aller Art herbeiführt; bis etwa der Trieb und die Begierde beider Geschlechter, welche gleichsam die Frucht des Baumes brechen, sie zusammenführten, vermöge ihrer Kleinheit unsichtbare und noch unausgebildete Tierchen in die Gebärmutter wie in eine Saatfurche ausstreuten, sie dann wieder sich gliedern und im Innern heranwachsen ließen und so, dem Lichte sie zuführend, die Zeugung der Lebewesen vollendeten.

Naja. Vielleicht erklärt das einiges. Dennoch bin ich persönlich mit meinem politischen Latein am Ende. Es ist immerhin eine Erklärung. Aus 1,5 Metern Abstand kann man jedenfalls keine Kinder zeugen.

Streifschuss vom 15. September 20

 

Anlass: Hey Bruder, willst du was?

 

Kann ich wollen wenn ich wollen kann?

 

Der eine glaubt, dass das Gehirn die Seele macht (Gerhard Roth) und spricht uns unsere Willensfreiheit grundsätzlich ab. Der andere glaubt wir könnten unser Verhalten selbst konditionieren (Motivationscoach Dr. Jens Uwe Martens in einem SZ-Interview) und gibt uns damit wieder die volle Kontrolle zurück. Was stimmt nun? Haben wir einen freien Willen oder nicht? Als guter Philosoph betrachtet man die Wörter. Der Wille wird meist als Willensakt gesehen. Das ist eine Handlung mit der ich meine Vorstellung in die Realität umsetze. Für diese Handlung benötigt man eine Form der Energie die dann als Willenskraft bezeichnet wird. Laut dem Motivationstrainer kann man diese Kraft genauso trainieren wie einen Muskel, denn diese Kraft ist das Ergebnis vieler synaptischer Nervenverbindungen in dem Bereich des Gehirns wo dieser Wille angeblich sitzt. Es ist natürlich komplizierter. Damit ich eine Handlung so umsetze, wie ich sie mir zuvor überlegt habe benötige ich alle anderen kognitiven Fähigkeiten. Zunächst brauche ich eine funktionierende Wahrnehmung. Will ich mir einen Kaffee kochen, dann tut sich ein Blinder deutlich schwerer. Oder wenn man eine schwere Ataxie (Störung der Muskelkoordination) hat verschüttet man immerzu das Kaffeepulver. Oder die Sensibilität der Haut ist gestört, dann kann ich mir durch heißes Wasser schwere Verbrennungen zuziehen. Dann muss ich wach sein, mich konzentrieren können, sonst bin ich ständig abgelenkt und komme nie zum Kaffee kochen. Wenn ich schlafe kann ich keinen Kaffee trinken und wenn ich Kaffee trinke kann ich nicht schlafen. Im Gehirn haben wir ein neuronales Netzwerk, das vom verlängerten Rückenmark bis zum Mittelhirn reicht, die Formatio reticularis. Vom Thalamus aus gehen dann Verbindungen in alle Bereiche des Großhirns. Das ergibt eine Art Schaltplan. Eine rhythmische Erregung unserer Pyramidenzellen erzeugt Wachheit, Vigilanz. Von 6 Hz bis 40 Hz sind wir wach, darunter schlafen wir. Bei 0 Hz sind wir wohl tot. Das kann man mit einem EEG gut messen. Dann hat der Thalamus eine Filterfunktion. Thalamus kommt aus dem altgriechischen thalamos, das heißt Schlafgemach. Er filtert und verteilt unsere Wahrnehmung. Einzig der Riechnerv ist nicht über den Thalamus verschaltet und geht unmittelbar in den Cortex. Daher ist die Anosmie ein erhebliches medizinisches Problem.
Damit ich mich auf eine Sache konzentrieren kann, muss der Thalamus funktionieren als Schaltstelle meiner Wahrnehmungen. Ein winziges Blutgerinnsel kann hier schon für erhebliche Unruhe sorgen. Gefühlsstörungen und heftige zentrale Schmerzen, motorische Störungen mit einer starren Gesichtsmuskulatur und Hyperkinesien (Zwangsbewegungen der Hände und der Finger) und psychische Störungen mit Minderung der Aufmerksamkeit, Reizbarkeit, Ungeduld und Schreckhaftigkeit können darauf hinweisen. Bei fortschreitender Demenz sinkt die Vigilanz. Die Wahrnehmungssignale werden einfach nicht mehr weiter geleitet. Das bedeutet zum Beispiel, dass ein derart geschädigtes Gehirn die 40 Hz nicht mehr erreichen kann und der Hirnträger zunehmend schläfrig wird. Veränderungen des Stoffwechsels im Gehirn sorgen für Ungemach. So kann es zu einer verstärkten Produktion von Dopamin kommen durch psychische Traumatisierung. Dann ist man reizbarer und die Vigilanz steigt. Man ist hypervigilant wie beim PTBS, reizbarer und ängstlicher. Man kann seine Emotionen nicht mehr gut kontrollieren.
Zurück zum Willensakt des Kaffeekochens: Das ist ein Problem (etwas vorgelegtes) das man lösen muss mithilfe koordinierter Handlungsabläufe, die höhere kognitive Funktionen benötigen. So muss ich schlicht wissen, wo der Kaffee steht. Ich muss wissen wie man den Wasserkocher anschaltet. Ich muss wissen, dass man das Kaffeepulver in den Filter gibt. Kaffee kochen ist daher nicht selten ein wichtiges Einstellungskriterium. Man muss also fähig sein Probleme zu lösen. Das ist eine Aufgabe für die graue Substanz, den Neocortex. Schließlich muss ich über sprachliches Wissen verfügen. Ich muss überhaupt verstehen, was Kaffee bedeutet. Das ist nun schon eine hoch kulturelle Sache. Vor der Entdeckung Amerikas war Kaffee kochen schlicht unmöglich, das Problem existierte nicht mal.  Zuletzt muss man sich noch erinnern können. Sonst müsste man das Kaffee kochen tagtäglich neu lernen. Bei einer anterograden Amnesie (Schädigung des Hippocampus) kann man sich nichts Neues mehr merken. Hier grüßt wirklich täglich das Murmeltier. Der Hippocampus ist unser Arbeitsspeicher für das Gedächtnis. Das sind zwei je zehn Zentimeter große Seepferdchen am Rand des Schläfenlappens. Der wird nachts im Schlaf geleert und die Informationen werden langfristig im Großhirn gespeichert. Das heißt, dass man im Schlaf lernt. Denn erst wenn das retikuläre Aktivierungssystem unter 3 Hz fällt, entsteht Tiefschlaf, die Gehirntemperatur ändert sich und die Filterung wird erhöht. Das Gehirn hat etwas mehr Ruhe von äußeren Einflüssen und konzentriert sich jetzt auf sich selbst.

Im Gehirn geschehen viele wundersame Dinge. Und es ist verständlich, dass Menschen wie Gerhard Roth jetzt glauben, dass wir von diesen Wunderdingen im Gehirn gesteuert werden, quasi selbst nur das Ergebnis dieses Wunders sind. Und je mehr man sich mit dem Gehirn beschäftigt, desto wundersamer wird es. Jetzt aber das Rätsel: Wenn ich über das Gehirn spreche, spricht das Gehirn gerade über sich selbst? Der größte und auch empfindlichste Teil der eben beschriebenen Netzstruktur Formatio reticularis ist der Locus coeruleus, der himmelblaue Ort. Er ist schwarz pigmentiert und schimmert an der Hirnoberfläche bläulich durch. Eine Zeitlang galt er als Sitz unseres Ichs. Er ist deutlich der größte Knotenpunkt dieses Netzwerkes und wird über Noradrenalin moduliert. Noradrenalin sorgt für eine Modulation der Nervenzellen sobald etwas Neues auf das Gehirn zukommt. Es ist wirklich der Ort des Lernens. Das funktioniert natürlich nur wenn kein Stress da ist und ausreichend Vigilanz. Ansonsten sind diese Zellen weniger aktiv. Wenn ich über das Gehirn spreche, spreche ich nicht über Beethoven. Habe ich eine Vigilanzstörung, kann das durcheinander geraten. Also wenn mir der Staat eine Sozialversicherungsnummer gibt, ich mich durch einen Fingerabdruck im PA zu erkennen geben muss, dann lernt mein Gehirn, dass Sozialversicherungsnummer und Fingerabdruck Teil der komplizierten Einheit Horwatitsch ist. Mein Gehirn hat gelernt, dass mein Vorname Bernhard ist. Und so weiter. Warum fällt das nicht auseinander? Warum finden Sie in ihrem Computer Dateien, wenn Sie danach suchen? Wenn ich über das Gehirn spreche, will ich das. So ist der Bogen zum Willensakt gespannt. Die Fähigkeit des Gehirn, sich auf etwas zu beziehen (Intentionalität genannt) findet in der Formatio reticularis statt. Das Gehirn wiederum unterliegt einer natürlichen Ordnung. Wir nennen das eben Evolution. Ob nun unser epistemischer Status der Neurowissenschaft vollständig das Gehirn beschreibt, kann man bezweifeln. Schon sind wir im philosophischen Tiefenraum angelangt. In der Rechtswissenschaft ist der Wille vor allem als freier Wille wichtig. Dazu braucht es Bedingungen. Zwang von außen schränkt die Willensfreiheit ein. Krankheiten schränken die Willensfreiheit ein. Daher überprüft der Richter auch die Willensfähigkeit des Delinquenten, denn ein schwer psychisch gestörter Mensch hat nicht genügend Selbstkontrolle um für seine Tat verantwortlich zu sein.  Wenn ich Kaffee kochen will, ist das meine Entscheidung. Wenn der Chef will, dass ich Kaffee koche ist es meine Entscheidung dem Willen des Chefs zu entsprechen. Das nennt man dann die Urheberschaftsbedingung. Ich habe Absichten, Gründe, Wünsche und Überzeugungen. Das ist alles angelernter Scheiß (um es postmodern auszudrücken) in meinem Gehirn. Schließlich gibt es Menschen die wollen keinen Kaffee, die trinken lieber Tee (um Tee zu trinken, müsste ich jedoch krank sein). Jeder hat da dann seine Gründe dafür. Die schönste Zeit zuhause war eben die Kaffeezeit. Nichts geht über eine Tasse Kaffee und eine Zigarette.  Als Baby habe ich weder Kaffee getrunken, noch Zigaretten geraucht. Ich wusste nicht, dass es so schöne Dinge gibt. Dann habe ich gesehen, jeden Tag wie mein Vater trinkt und raucht. Das hat mein Babygehirn moduliert. Dann musste ich lange warten, bis ich alt genug bin um das auch zu tun. Das war aber nicht freiwillig, sondern gesetzlicher Zwang. Wenn Sie ihr Kind im Vorschulalter eine Zigarette rauchen lassen, machen Sie sich strafbar. Aber rein handlungsanalytisch ist ein Kind im Vorschulalter in der Lage zu rauchen und Schnaps zu trinken.
Der Streit über die Willensfreiheit ist – wieder postmodern gesprochen, eine Art Schwanzvergleich. Denn man muss schon klären, wie es zu einem solchen Streit kommen kann, wenn wir keinen freien Willen haben. Ist das Gottes Plan? Und rums, sind wir mitten in der Metaphysik. Die Neurowissenschaftler wie Gerhard Roth haben sich in scholastisches Fahrwasser begeben. Haben wir jetzt einen freien Willen oder nicht? Entscheiden Sie selbst.

 

Streifschuss vom 13. September 20

 

Anlass: Die Welt wurde vom nicht nachweisbaren Fliegenden Spaghettimonster erschaffen

 

Glaubt was ihr wollt, aber glaubt es.

 

Wenn ich in einem Gedankenexperiment mein Leben von Geburt bis zum Tod als etwas Absolutes setzen würde, also als das einzige was es gibt muss ich dieses Sein widerspruchsfrei denken – denn ich kann ja nicht zugleich sein und nicht sein. Doch wie sollte ich es nennen? Man findet keinen univoken, eindeutigen Begriff dafür. Das heißt, dass ich über mein absolutes und widerspruchsfreies Dasein keine widerspruchsfreie Aussage machen kann. Daraus leitet Thomas von Aquin, der gute alte Doktor Angelicus, seine fünf Gottesbeweise ab, die bis heute zum katholischen Katechismus gehören. Zunächst muss alles einen Urgrund haben mit dem allerersten Anfang. Heute würde man das den Big Bang nennen. Das wäre damit die erste Ursache, die zu einer ersten Wirkung führte. Dazwischen oder davor gab es weder andere Ursachen oder andere Wirkungen. Ich wurde also an einem Freitag vor 56 Jahren geboren. Davor gab es mich nicht. Und damit ich überhaupt irgendetwas tun konnte, das zu einer Wirkung führt, musste ich geboren werden. Nun: wenn man akzeptiert, dass ich geboren wurde, dann muss man auch akzeptieren, dass es eine Zeit gab in der ich noch nicht geboren war. Aber da wir in unserem Gedankenexperiment mein Leben als absolut gesetzt haben, war dann gar nichts vor meiner Geburt. Wie kam ich dann zur Welt? Das war eben Gott und ist bei Thomas von Aquin das kosmologische Argument.
Wenn ich nun lebe, kann ich entweder groß oder klein sein, dick oder dünn. Ich kann im Laufe meines Lebens mal kluge Dinge tun oder dumme Dinge und so weiter. Das hat Thomas von Aquin schon in seiner Begriffslogik klar gemacht, dass es von meinem Leben keine widerspruchsfreie Aussage geben kann. Ich kann von mir nur in Analogien sprechen, in Relationen. Wie komme ich darauf, mich größer oder kleiner, dicker oder dünner, klüger oder dümmer zu sehen? Hierzu ist ein Maßstab nötig. Eine gewisse Ordnung die ich in meinem Leben ohnehin vorfinde in der Natur in der ich eben lebe. Diese Grundordnung des Lebens, die für mein Leben eine Grundbedingung ist, existiert wieder unabhängig von mir. Selbst wenn es nur mich gibt von Geburt bis zum Tode und alles, also absolut alles ich bin, dann bin ich dennoch. Und dieses Sein braucht eine Ordnung und Bedingungen die unabhängig von mir sind. Sonst wäre ich nicht und das wäre ein nicht möglicher Widerspruch. Denn ich kann nicht zugleich sein und nicht sein. Das ist bei Thomas von Aquin ein streng materialistisches Argument. Richard Dawkins und andere Pseudodenker seiner Kategorie erkennen zwar das Problem und sie können daher Gott nicht zu 100 Prozent ausschließen. Aber darum geht es gar nicht. Denn in dem Gottesbeweis von Thomas von Aquin wird lediglich fixiert, dass es zwangsläufig etwas geben muss, das über das Seiende hinausgeht, weil das Seiende sonst gar nicht möglich wäre. Und dieses Sein kann nicht zugleich sein und nicht sein, es braucht zugleich irgendeine Ordnung und Bedingung um zu sein. Wir können dieses Sein nicht widerspruchsfrei ausdrücken und das ist das, was wir nicht erklären können und wohl nie erklären werden können und mit Gott etikettieren. Woran ich jetzt glaube (wissen kann man es ja nicht, ich muss es also glauben) ist das andere. Und hier kann man sich sehr wohl streiten. Aber dieser Streit ist unsinnig, da ja niemals jemand Recht bekommen könnte. Es ist in gewisser Art ein Fußballspiel das ewig dauert und nie einen Sieger ermitteln wird. Ob Moslem oder Christ, ob Hindu oder Buddhist. Darüber wissen wir nichts. Daher ist die Freiheit des Glaubens ein so hohes Gut und die größte Errungenschaft der Aufklärung. Es geht nicht darum Gott abzuschaffen (denn das geht nicht). Es geht auch nicht darum, ihn zu leugnen (auch das geht nicht, denn man kann nur etwas abstreiten, was in irgendeiner Form mit Fakten untermauert oder widerlegt werden kann – von Gott gibt es eo ipso keine Fakten). Nun könnten wir natürlich den allseits beliebten Schwebezustand des Agnostikers einnehmen. Der Skeptiker hat jedoch einen großen Nachteil und das führt ihn erheblich in die Enge. Denn unbestritten ist, dass wir in der Natur in der wir leben eine Ordnung vorfinden. Nun können wir durchaus daran zweifeln, dass unsere Theorien über diese Ordnung, der epistemische Status der Physik die Natur nicht vollständig beschreibt. Das wird sie auch nie können. Aber sollten wir deshalb aufhören, sie zu beschreiben? Hier landet der Skeptiker im absurden Abseits. Selbstverständlich verfügen wir über Erkenntnisse und können diese auch anwenden. Sogar falsche Theorien können funktionieren. Mit Hilfe des Atommodells von Niels Bohr (wird gerne als Tröpfchentheorie bezeichnet) baute man die Atomwaffe. Die Theorie war grundfalsch und gilt heute als weitestgehend widerlegt. Der Zweifel an Gott ist dem Abstreiten von Gott sehr ähnlich. Ich kann nichts bezweifeln, was keine Fakten liefert. Wer also nicht glaubt, der scheint zu wissen. Aber bisher wurde noch jede Vorstellung, jede Theorie die absolut gilt, widerlegt. Das führt aber nicht in den Zweifel, sondern ganz im Gegenteil zum Glauben. Nicht mit dem Herzen, nicht dass man jetzt wie ein Adventist in Zungen zu reden beginnt und wie ein Irrer die Arme hoch und nieder schwingt vor seliger Inbrunst. Nein. Nur rein logisch. Kalt und rational betrachtet können wir vom Absoluten nichts wissen und werden das nie. Das mag man bedauern, aber so ist das nun mal. Was wir nicht wissen könnten wir natürlich ignorieren. Aber das ist  - wie jede Form der Ignoranz – nur Dummheit. Denn dann geben wir überhaupt auf, uns über die Ordnung und Bedingung unseres Seins Gedanken zu machen. Geben wir dem, was wir nicht wissen einen Raum, dann muss dieser aber frei sein. Freier als alles sonst. Und das ist doch super!! Wir dürfen glauben was wir wollen und worauf wir so kommen. Und wenn jemand ein fliegendes Spaghettimonster verehrt, ist das erlaubt. Dass alles was wir zu wissen glauben, ganz anders sein kann, das hat die Geschichte der Wissenschaft schon mehrmals gezeigt. Aber damit wird nicht alles Unsinn. Es gibt einen Fortschritt in der Erkenntnis der Ordnung und Bedingung des Seins. Unsere Erkenntnis wird nur nie widerspruchsfrei sein, immer nur äquivok vorliegen. Aber ich finde, das können wir aushalten, ja es ist geradezu der Spaß am Leben.

 

Streifschuss vom 12. September 20

 

Anlass: Hat die Seele einen Leib oder der Leib eine Seele?

 

Qualia machen echt Spaß

 

Schon Hippokrates ahnte in seinem Kapitel über das Gehirn: Männerköpfe sind keineswegs alle einander ähnlich, noch sind die Nähte des Kopfes aller Männer in derselben Form konstruiert.
Unser berühmtes Leib-Seele-Problem oder Geist-Gehirn-Problem (auch Gehirn-Bewusstsein-Problem genannt) gibt es dennoch erst seit 1662, als De Homine von Descartes (†1650) posthum 1662 erschien, herausgegeben bzw. übersetzt von Florent Schuyl, einem holländischen Botanik-Professor, der wenige Jahre später (1669) der Pest zum Opfer fiel (Gottes Ironie). 1663 setzte der Heilige Stuhl Descartes Bücher auf den Index Romanus. Descartes zu lesen war dann bis 1965 eine große Sünde. Erst Paul VI. (1897-1978) setzte den Index außer Kraft. Hitlers „Mein Kampf“ stand übrigens nicht auf dem Index.
Vor Descartes war alles in bester Ordnung. Es gab drei Seelen, die vegetative Seele die wir uns mit den Pflanzen teilen, die animalische Seele die wir uns mit den Tieren teilen und die rationale Seele die nur uns gehört. Letztere gilt offiziell seit 1515 (5. Laterankonzil) als unsterblich. Das ist bis heute noch so in der katholischen Dogmenlehre. Man stellte sich den Geist oder die Seele (alle mentalen Zustände mit denen ausschließlich der Mensch Einsicht hat) mal luftig, mal flüssig vor als Pneuma, Äther oder Spiritus. Der Weingeist den wir in der schönen Summenformel C2H60 als Ethanol kennen führt ja auch durch zuprosten zu sprudelnder Erkenntnis. Die alten Griechen und Römer waren nicht doof. Heute wissen wir, dass Alkohol unser Angst antizipierendes System (Amygdala) unterdrückt. Das wussten schon die alten Germanen, die sich vor der Schlacht Mut antranken. Dann kam Descartes und sagte, dass man die Seele gar nicht sehen könne. Wurde er deshalb vergiftet? War sein Mörder ein Weinhändler?
Die Seele ist nicht ausgedehnt. Und aus unseren drei Seelen wurden zwei. Das Res cogitans und Res extensa. Res war immer schon eine Sache. Eine Substanz. Das ist etwas selbstständig Seiendes. Bei Aristoteles waren diese Dinge klar getrennt von den Artefakten. Die Dinge waren von sich aus da, während der Mensch mit technischen Methoden etwas herstellt, was er ja nur aus diesen Dingen die immer schon da waren, machen kann. Aus Nichts kann schlicht nichts werden. Weshalb ja unser aller Reichtum nicht aus Arbeit, sondern aus der Natur kommt. Daher kümmerte sich Aristoteles nicht sonderlich um diese Artefakte. Der Substanz-Dualismus bei Descartes schuf erst das Leib-Seele-Problem. Wie soll man sich etwas nicht Ausgedehntes und damit nicht Seiendes denn genau vorstellen? Nach Leibniz (1646-1716) wie zwei aufeinander abgestimmte Uhren, die der liebe Gott in seiner Weisheit am sechsten Arbeitstag der Schöpfung aufgezogen hat.
Stoße ich mir das Schienbein, leuchten im Gehirn ein paar neuronale Netzwerke im limbischen System auf und es folgt ein elektrischer Impuls, der bestimmte Substanzen (Neurotransmitter) freisetzt und diese informieren meine Immunkörper, die Blutgefäße werden geweitet und so kann die Stelle des getroffenen Schienbeins repariert werden. Der Schmerz ist sinnvoll, weil ich so mein Schienbein schone. Danke Gott an dieser Stelle. Aber der Schmerz ist jetzt kein Ding. Schmerz hat keine Ausdehnung. Trotzdem existiert er. Ebenso wie meine Gefühle von Wut oder Scham. Gilbert Ryle (1900-1976) war der Meinung, dass hier ein rein sprachliches Problem vorläge. Schmerz  ist damit die Summe von der Kaskade aus Neurotransmitter, Immunkörper, Blutgefäße, so wie elf Fußball-Spieler eben die Mannschaft sind und die Mannschaft nicht extra existiert. Unser Verhalten beruht auf einer Disposition. Sobald man gegen mein Schienbein stößt, löst das Schmerzverhalten aus. Schmerz ist also nicht extra da, sondern wie im Behaviorismus eine Reaktion. Dagegen wehrten sich die Verfechter der Identitätstheorie. Denn welche Disposition liegt denn vor, wenn ich blau sehe? Haben meine Augen eine Blau-Disposition? Schmerzen sind ganz unterschiedlich geartet von Mensch zu Mensch. Da schließen dann die ganzen Gedankenexperimente an: Erklären Sie einem Menschen, der keine Angst kennt, was das ist, oder Schmerz einem Menschen der schmerzfrei ist, oder Farbe einem Blinden. Erklären Sie einem Menschen, der nicht an Krebs erkrankt ist, wie sich das anfühlt. So erlebe ich gelegentlich dank meiner vererbten Hyperurikämie (Gicht) das innere Feuer meines erhöhten Harnsäurespiegels. Jemandem das zu erklären, erfordert eine spezielle Sprache und die Fähigkeit meines unwissenden Gesprächspartners, sich aus meinen Erklärungen eine Vorstellung zu machen. Kann ich nun diese Vorstellungen überprüfen? Selbst wenn wir das physikalisch im CT nachprüfen und bei uns beiden die gleichen Hirnregionen aufleuchten, ist ja der subjektive Erlebnisgehalt nicht zwangsläufig gleich. Sonst wäre die Vorstellung von Schmerz echtem Schmerz äquivalent. Der Nachweis, dass unser Neocortex keinen Zugriff auf das limbische System hat, erzeugt zusätzlich Verwirrung. Wenn man sich das Gehirn quantitativ ansieht, so befinden sich 70 Prozent unserer Nervenzellen im Kleinhirn. Das Kleinhirn brauchen wir zum unbewussten Planen, z. B. Fahrradfahren (das erklärt auch, warum Münchner Radfahrer so sind, wie sie sind). Das Großhirn, auf das wir Menschen so stolz sind, zeichnet sich durch Redundanz aus. Die Nervenzellen im Kleinhirn kennen nur eine Richtung (wie der Münchner Fahrradfahrer). Die Großhirn-Nerven haben auch Freude am Gegenverkehr. Das Großhirn liebt es, über ein und dasselbe Ding stundenlang nachzudenken und kommt daher nicht vom Fleck. Im Gegensatz zum Münchner Fahrradfahrer. Vermutlich hat sich das Res Cogitans auf diese Weise nach und nach ausgedehnt, in Form von Büchern, Filmen und Wikipedia.
Wir wissen nach wie vor nicht, wie das ist mit dem subjektiven Erlebnisgehalt, den wir seit Charles S. Pierce Qualia nennen. Aber wir haben viel Spaß daran, dass es sie gibt.

 

Streifschuss vom 10. September 20

 

Anlass: Wenn Parthenope Stimmbruch hat

 

Die Sirenen des Baron de Latour

 

Am Donnerstag den 10. September um 11.00h sollten überall in Deutschland Warnsirenen heulen, um die Menschen zum Beispiel vor der Invasion Außerirdischer zu warnen, oder dem Einmarsch kommunistischer Soldaten aus China. Aber in vielen Städten blieb es still. Dadurch konnte sich die afrikanische Schweinepest unbemerkt an der Grenze vorbeischmuggeln. In München hatte man schon vor langer Zeit alle Sirenen abgebaut. Und offenbar gab es für die Feuerwehrleute auch keine Flüstertüten, wie das Thomann M25 Megaphon, da diese gerade von Keimen sterilisiert wurden. Es ist schon erstaunlich,  dass der zunehmende Alarmismus hierzulande gerade an der Verfügbarkeit der Artefakte scheitert. Immer mehr Menschen fürchten sich immer mehr vor Ereignissen und Phänomenen, deren Wahrscheinlichkeit nicht ganz so groß ist, wie die Furcht davor. Furcht und Angst sind ja zwei Paar Stiefel. Sprachgeschichtlich nannte man vor den Existenzialisten die Angst meist Furcht und die Furcht dann Angst. Im heutigen Sprachgebrauch ist Furcht die physiologische Reaktion, die durch die Stressachse ausgelöst wird. Hat man im limbischen Cortex zu wenig Oxytocin zur Verfügung und produziert der Hypothalamus kein Serotonin, dann flimmert unsere Amygdala. Das kennen wir alle als Schrecksekunde und die ist evolutionsbiologisch hilfreich. Sie hilft uns, zur Seite zu springen und den schlecht gelaunten Fahrradfahrern im München Platz zu machen. Dagegen ist die Angst eher in den höheren Hirnregionen angesiedelt. Und diese höheren cortikalen Funktionen (präfrontaler Cortex) haben so gut wie keinen Zugriff auf das limbischen System im Gehirn. Die Angst kann also keine Furcht machen. Vermutlich ist die Angst daher frustriert und bläht sich auf. Und die Furcht? Die kann durchaus interpretiert werden. Dann haben wir Angst. Zum Beispiel könnten wir uns fürchterlich erschrecken, wenn Sirenen heulen. Die tun uns aber nichts, die Sirenen. Sie sind ja nicht so wie bei der Odyssee. Sie singen nicht schön, sondern nur laut. Also wir erschrecken und dann ist alles wieder gut, wenn uns ein freundlicher Mensch anlächelt (denn dann schütten wir Oxytocin aus und fühlen uns happy). Aber wenn uns keiner anlächelt, sondern alle verängstigt aufschreien, dann glauben wir sofort daran, dass die Welt jetzt untergeht. So ist das dann mit den echten Sirenen bei Homer. Alle springen ins Wasser und ersaufen ohne Not. Daher: besorgt euch Ohrenwachs, wenn das nächste Mal Sirenen singen.

"Komm, preisvoller Odysseus, du großer Ruhm der Achäer,
Lenke dein Schiff ans Land und horche unserer Stimme.
Denn hier fuhr noch keiner im schwarzen Schiffe vorüber,
Eh' er dem süßen Gesang gelauscht aus unserem Munde,
Dann aber scheidet er wieder, beglückt, und weiß um ein Neues,
Denn wir wissen alles, was je im Felde von Troja
Die Achäer und Troer vom Rat der Götter geduldet,
Wissen, was irgend geschieht auf der vielernährenden Erde!"
(Odyssee, Zwölfter Gesang, Vers 184-191, Homer)

Streifschuss vom 01. September 20

 

Anlass: Arbeit am Mythos

 

Virale Erkundungen

 

Zwei mythologische Erzählungen gibt es über Koronis. Die erste kommt aus den Mythographien des römischen Dichters Gaius Julius Hyginus, ein ehemaliger Kriegsgefangener von Cäsar, und von Augustus rehabilitiert. Hyginus kompiliert darin zwei Geschichten von Hesiod und Pindar (zwei antike griechische Dichter).  Bei dieser Geschichte ist Koronis die Mutter von Asklepios, dem Gott der Medizin. Koronis lebte in Lakereia in Thessalien. Diese nannte man die Stadt der geschwätzigen Krähen (Koronis heißt auch Krähenjungfrau). Koronis war von Apollo schwanger, betrog ihn aber mit dem aus Arkadien stammenden Ischys. Ein weißer Rabe brachte die Nachricht von dem Betrug zu Apollo. Dieser wurde daraufhin so wütend, dass er in seinem ersten Zorn den Raben traf. Seit dieser Zeit sind die Raben schwarz und nicht mehr weiß. Apollo schickte nun seine Schwester Artemis nach Lakereia; sie tötete Koronis mit ihren Pfeilen und viele weitere Phlegyier. Auf einem Scheiterhaufen brannten viele. Es muss sich daher um eine verheerende Seuche gehandelt haben (so Karl Kerenyi).   Apollo packte die Reue. Er konnte aber für seine Ex-Geliebte nichts mehr tun. Hermes half seinem Bruder Apollo dabei, das Kind aus dem Leib der Toten zu retten. „Ich dulde nicht weiter, dass mein Sohn mit der Mutter untergeht“, heißt es bei Pindar. Der Sohn war Asklepios, der Gott der Heilkunst. Dessen Tochter war übrigens dann Hygieia, die Göttin nach der unsere Hygiene benannt wurde. Koronis ist die Krähenjungfrau. Die zweite Geschichte über sie finden wir bei dem römischen Dichter Publius Ovidius Naso, kurz Ovid, in seinen Metamorphosen im zweiten Buch. Dort versucht Meeresgott Poseidon die Königstochter Koronis aus Phokis (dort in Mittelgriechenland liegt das Orakel zu Delphi) zu vergewaltigen. Koronis fleht Athene um Hilfe an. Athene verwandelt sie dann in eine Krähe und so kann Koronis dem Meeresgott entkommen.
In einer kleinen Nebenerzählung von Diodor (Grieche aus Sizilien 100 v. Chr.) ist die Nymphe Koronis eine der drei Ammen, die Dionysos auf der Insel Naxos aufgezogen haben. Das ist natürlich durch den klassischen Gegensatz von Apollo und Dionysos interessant und verweist auf unsere aktuellen Hygiene-Probleme mit Party feiernden Jugendlichen.  Auf der einen Seite steht der strenge asketische Gott Apollo (der wie sein Sohn Asklepios ebenfalls über die Kunst des Heilens verfügte) und auf der anderen Seite steht der als Zagreus wiedergeborene Dionysos, der Gott des Rausches und des Weins.
Raben und Krähen gehören zur Gattung Corvus mit der Stammwurzel *ker. Sie haben ihren Namen aus den Geräuschen die sie machen. Und mit etwas Phantasie hört sich das wie ein trockener Husten an. Koronis, die Krähenjungfrau, gibt es aber auch in der griechischen Sprache. Dort ist es ein diakritisches Zeichen, ein Apostroph über zwei Umlauten, die damit zu einem Diphtong zusammen gezogen werden. Wie bei dem Wort „Auto“  -  τὸ αὐτό > τᾱὐτό(ν). Auch einen Diphtong hustet man mehr aus, als dass man ihn spricht, womit man mehr Aerosole verbreitet.

 

 

 Streifschuss vom 28. August 20

 

Anlass: Ein Geburtstag am Ende der Welt

 

Subjektiv – objektiv und absolut

 

Der Däne Ole Rømer war im 17. Jahrhundert der erste, der versuchte die Lichtgeschwindigkeit zu berechnen. Doch er gab keine Daten an. Sein holländischer Zeitgenosse Christiaan Huygens benutzte Rømers Berechnungen und kam mit 212.000 km/h schon recht nah an Einstein ran.  Dass es überhaupt eine Grenze dafür geben könnte, war im 14. Jahrhundert  noch ganz unbekannt und nicht hilfreich. Dantes Lichtstrahlen im Paradies sind ungebrochen und unreflektiert. Denn nichts existiert dort als Licht. Mein Blick verlor sich in die Weite nicht / noch in die Höhe, ganz erschloß sich ihm / die Macht und Innigkeit der Himmelsfreude. / Nähe und Ferne macht nicht groß noch klein; / wo Gott allein regiert ohn einen Mittler, / da hat Naturgesetz die Kraft verloren.
Dante beschreibt es als eine weiße Rose, was nur ein Schatten des eigentlichen Seherlebnisses sein kann. Zwei Drittel aller Nahtoderfahrungen berichten von einem sehr weißen Licht. Am Ende des Tunnels. Auch die Erfahrungen mit den Lichtwesen im Paradies, die ohne übliche Kommunikation auskommen, gehört zum Spektrum der Nahtoderfahrungen. Man kann also durchaus davon ausgehen, dass Dante hier konkretes Erfahrungsmaterial verarbeitete. Ähnlich wie seine Inferno-Darstellungen Anleihen an der Visionsliteratur nimmt. So wenig wie man im Mittelalter Träume von der Realität trennte, so wenig trennte man das Diesseits vom Jenseits ab. So waren Visionen fraglos Teil wirklicher Erfahrungen. Und wenn wir ganz ehrlich sind, haben wir unsere Träume noch lange nicht ins reine Fabelreich abgeschoben, sondern spekulieren weiter über ihren Sinn. Träume mögen sich ins intrapsychische Reich verlagert haben, aber sie werden nicht als bloßer Unsinn verstanden. Vielmehr bemühen sich Psychologen und Wissenschaftler die Logik unserer Visionen und Träume zu erschließen. Sinnliche Erfahrungen sind ohnehin in unserer Welt immer Einzelerfahrungen. Die wenigen Ereignisse, die wir als gemeinsames Erfahren einordnen, werden gleich wieder vervielfältigt und in spekulativen Einzelansichten gebrochen. Zu Dantes Zeit war das nicht so, einfach weil es nicht so viele Möglichkeiten der Vervielfältigung gab. Erst der Buchdruck ermöglichte es den Menschen, sich jeweils privat zu äußern und mit der privaten Äußerung breiten Einfluss zu gewinnen. Vielfalt ist eine moderne Erscheinung, die mit der Neuzeit und der Akkumulation von Kapital zusammenfällt.
Es war Immanuel Kant der unseren Träumen den Zahn zog. Er differenzierte zwischen den Erscheinungen in Zeit und Raum und den Erfahrungen in der Kausalität. Dann  schied er davon die Ideen, welche weder erfahrbar sind, noch irgendwo erscheinen. Sie sind – nach Kant – immer noch notwendig für die Vernunft, aber nicht mehr begründbar oder beweisbar. Damit war Schluss mit einem zeitlosen Licht der Ewigkeit. In der Theorie sind unsere Ideen immerhin regulativ durch ihre Homogenität, Spezifikation und Kontinuität wissenschaftlich begründbar. So sind Hunde und Pferde zwar spezifisch unterschieden aber als Tiere homogen und es gibt zwischen den Arten eine evolutionäre Kontinuität. In der praktischen Philosophie wirken die Ideen als notwendige Postulate für moralisches Handeln. Von Dantes Paradies blieb gerade mal die Forderung übrig. Ansonsten hat Kant es vernichtet.  Die Existenz Gottes, überlebte als Annahme eines höchsten Gutes, das wir brauchen um höchste Sittlichkeit zu verwirklichen. Die Unsterblichkeit der Seele reduzierte Kant zu einer moralischen Geschichte, um über das Einzelwesen hinaus eine Moral zu entwickeln und schließlich machte er aus unserer Willensfreiheit eine bloße Theorie, die für eine  Moralität des Subjekts unabdingbar ist. Unsere Träume wurden durch den Königsberger zu dem, was sie wohl sind: Träume.

Bei Hegel war das anders. Er entwarf den subjektiven Geist als Seele (Affekte), das Bewusstsein als Selbstreflexion des Geistes und schließlich die Vernunft, die Affekt und Bewusstsein  dialektisch verwirklichen wird. Der objektive Geist beruht für Hegel auf  Recht, Moral und Sittlichkeit als normative Struktur einer Gesellschaft. Und zu guter Letzt gibt es den absoluten Geist in Kunst, Religion und Philosophie. Absolut!
Im objektiven Geist trennte Hegel das abstrakte Recht von Moral und Sittlichkeit. Im abstrakten Recht ordnen sich Verhältnisse von Eigentum, Vertragsrechte und Zuordnungen von Recht und Unrecht. Mit Moral und Sittlichkeit hat das gar nichts zu tun, außer dass es sich hier um eine individuelle Vorstufe handelt.  In der Moral hingegen geht es um Schuld und Unschuld, um Wohlfahrt und Gewissen des Guten. Hier stoßen wir schon sehr delikat auf Widerstand gegen unsere Eigeninteressen. Dagegen ist in der Sittlichkeit eine kollektive Überformung sichtbar. Hegel  gründete darauf sein Staatsmodell.
Die Familie gründet auf Liebe, die bürgerliche Gesellschaft auf kooperativem Eigennutz und der Staat auf der Verwirklichung der sittlichen Ideen. So ist der hegelsche Staat weder moralisch noch vertraglich geregelt. Der Vertrag ist ja dem abstrakten Recht zugeordnet und die Moral dem Gewissen. Die höhere Sittlichkeit des Staates ist kollektiv auf den absoluten Weltgeist ausgerichtet. Das spricht sehr für die Zukunft der chinesischen Weltherrschaft.

Xi Jinping als Weltgeist? Der mächtigste Mann der Welt sieht aus wie Winnie-the-Pooh und regiert rein objektiv einen durch KI gesteuerten hegelianischen Sittlichkeitsbegriffen verpflichteten Hundertmorgenwald, der die Verwirklichung des absoluten Weltgeistes vorantreibt. Und uns ins Paradies führt in Lichtgeschwindigkeit. Licht am Ende des Tunnels?

Streifschuss

vom 27. August 20

 

Anlass: Odysseus zum Zweiten

 

Grenzenlos

 

Nun wird man mit Odysseus so leicht nicht fertig. Ihn einfach nur zum Verbrecher zu erklären – wie ich es in meinem Streifschuss Helden kommen in die Geschichtsbücher machte, das ist wohlfeil. Odysseus ist der Prototyp des Grenzüberschreiters, des Entdeckers unbekannter Welten. Nicht umsonst ließ ihn Dante in seinem 26. Gesang des Inferno nicht nach Hause zu Frau und Kind zurück kehren, sondern schickte seinen Hyperodysseus zurück ins Meer. So zog ich denn aufs  offne Meer hinaus, sogar über die Grenze des Herkules hinaus, wo sein Schiff dann an einem Berg zerschellte. Dies ist Menschenschicksal. Denn auch Adam überwand die Grenze, die ihm Gott setzte. Im 26. Gesang des Paradiso spricht Dante mit Adam und dieser erklärt den Sündenfall ganz anders: O du, mein Sohn, nicht war,vom Baum zu kosten / an sich der Grund so schrecklicher Verdammnis / allein die Übertretung des Gebotes. Von Eva ist hier gar nicht die Rede. Im Original heißt es „Segno“, das Übertreten des Zeichens. Das reimt sich auf  Legno, das zerschellende Holz des Schiffes von Odysseus und dies wiederum reimt sich auf Ingegno, dem inneren Antrieb der Menschen, sich frei zu entscheiden und das Unvorstellbare anzustreben. In Odysseus offenbart sich die Natur des Menschen. Der antike Odysseus durfte sich am Ende noch in Ithaka ausruhen. Das darf der moderne Mensch nicht mehr. Uns wurde längst alle Ruhe genommen und wir alle treiben auf offenem Meer und zerschellen irgendwann an irgendeinem profanen Felsen. Jeder wurde sein eigener Entdecker, jeder sucht seinen eigenen Seeweg nach Indien und findet stattdessen ein unbekanntes Land in sich. Der ewige Aufbruch nötigt uns auch, moralische Grenzen auszuloten. Wir haben uns längst eigene Gesetze gegeben und brechen diese bereitwillig. Naturgesetze sind schon etwas schwerer zu überwinden. Die selbst gesetzten Zeichen sind seit Nimrod nur verwirrte, verirrte Worte. Wir bauen weiter Himmelstürme in unserem inneren Sennaar. Was wir hinter das Zeichen setzen ist aber immer nur ein Komma. Inkommensurable Theorien die lediglich die Berge auftürmen, an denen wir zerschellen können. Wir vermehren unser Wissen in permanenter consummata. Alles was wir beenden, setzt wieder einen neuen Anfang. Was wir hinter uns gelassen haben, als wir die Grenze überschritten, liegt im gleichen Moment schon wieder vor uns. Ein gemeinsamer Verzicht darauf, die Grenze zu überschreiten, wäre irrational. Das würde gegen unsere Natur gehen, gegen unsere Bedürfnisse.  

 

Streifschuss
vom 23. August 20

 

Anlass: Helden kommen nicht ins Paradies

 

Helden kommen in die Geschichtsbücher

 

O du, der sterblichen sinnlose Sorge / wie mangelhaft sind die Gedankengänge / die dich mit ihren Flügeln tiefer tragen! /Der sich mit Rechtsgeschäften, der mit Medizin / sich plagt und der mit Pfründenwesen / der andre herrschen will mit List oder Gewalt/ Der raubt und der betreibt Privatgeschäfte / und jener, ganz verstrickt in Fleischeslust / müht ab sich, dieser wieder sinkt in Trägheit.(Dante, Paradiso XI,1-9)

Die Ilias ist aus tausend Gründen noch heute ein Epos das gelesen und bearbeitet wird. Und das nach 3000 Jahren. Das liegt unter anderem auch an der dramaturgischen Konzeption der Retardation. Obwohl wir alle den Ausgang längst kennen, ist es immer wieder spannend. Denn als die Griechen abziehen und nur das hölzerne Pferd als Opfergabe für gute Winde zurück lassen, und den zur Täuschung festgebundenen Sinon, scheint die Stadt im letzten Augenblick gerettet. Diese Momente werden immer wieder durchgeführt. Ein 10 Jahre andauernder Krieg ermöglicht es am besten, retardierende Momente zu zelebrieren. Man könnte das aber auch in eine Beziehung einbauen. Oder in andere Bereiche des Lebens, die ohne Konflikt nicht denkbar sind. Dennoch verehren viele Odysseus und Achilleus als große Helden. Sie kommen in der Rezeption viel zu gut weg. Beide waren Feiglinge, denn sie versuchten sich vor dem Krieg zu drücken. Als er einberufen wurde, gab Odysseus vor, er sei wahnsinnig geworden, trug eine Bauernmütze und führte den Pflug wie ein Bauer. Der Erfinder der Buchstaben und Zahlen, der trojanische Heerführer Palamedes durchschaute Odysseus jedoch und legte dessen Sohn Telemachos vor den Pflug. Odysseus stoppte seinen Pflug und so bewies Palamedes, dass Odysseus nicht verrückt war. Später rächte sich Odysseus an Palamedes, indem er in dessen Zelt Gold versteckte und einen Brief fälschte in dem König Priamos ihm eine Belohnung versprach für den Verrat der Griechen.

Achilleus verkleidete sich als Mädchen und versteckte sich bei den Töchtern des Lykomedes (dem Mörder von Theseus), um nicht in den Krieg zu müssen. Hier war es Odysseus der die List aufdeckte, indem er Waffen anbot, die den Helden Achilleus anzogen. So wurde offensichtlich, dass Achilleus kein Mädchen war (obwohl er eins war…)

Die Vorgeschichte des trojanischen Krieges zeigt uns das Urbild des verhängnisvollen Staatsvertrages. Es war nicht Helenas Schuld, dass sich alle griechischen Könige um sie rissen. Sie wurde schon im Alter von grade zehn Jahren von Theseus entführt. Ihre Brüder Castor und Pollux befreiten sie. Diese Problematik griff auch Goethe in seinem Helena-Drama auf Ich schwind hin und werde selbst mir ein Idol antwortete sie auf die Vorwürfe Phorkyas, sie spiele mit ihren Reizen. Dann sinkt sie verzweifelt in die Arme ihrer Dienerinnen.
Alle Könige und Königssöhne haben um sie gebuhlt: Odysseus, Achilleus, Menelaos, Antilochus, Agapenor, Sthenelus, Amphimachus, Thalpius, Meges, Menestheus, Ajax, und Patraclos. Sie alle waren drauf und dran, sich gegenseitig zu ermorden, um die Hand Helenas zu bekommen. Es war dann der hinterhältige Odysseus, der Helenas Vater Tyndareus vorschlug, dass alle demjenigen die Treue schwören sollten, der für Helena ausgewählt wird.  Für die Eheprobleme die dem Erwählten mit der schönen Frau, dem Schwan, entstünden mussten die leer ausgegangenen Bewerber dem Sieger beistehen. Dieser Vertrag nötigte alle Beteiligten dazu, mit Menelaos in den Krieg zu ziehen. So kam es dazu, dass die vorher und nachher immer miteinander zerstrittenen griechischen Stadtstaaten sich gegen Troja vereinigten. Ein verdeckter Einsatz von ein paar Elitesoldaten der Spartaner die Helena aus den Händen von Paris befreien, hätte den Krieg verhindert. Für so was waren die Spartaner schließlich berühmt.

Odysseus ist völlig zu Recht von Dante in den achten Kreis der Hölle gesetzt worden. Odysseus war einer der schlimmsten Betrüger aller Zeiten. Er war nicht nur Mitverursacher des trojanischen Krieges (an dem Helena die Unschuldigste ist), er hat mit dem trojanischen Pferd sogar die Götter betrogen. Den Göttern eine Opfergabe vorzutäuschen, die zugleich als Täuschung der Trojaner wirkte, um hinter die Mauern der Stadt zu gelangen – das ist schon ein starkes Stück. Er hat Achilleus hintergangen, indem er ihm vormachte Priamus habe die vereinbarte Waffenruhe gebrochen. Das brachte dem Achilleus den Tod. Er hat Palamedes einen Verrat angedichtet und bei seiner Steinigung eifrig mitgemacht. Odysseus tötete Astyanax, das Kind von Andromache. Er warf das kleine Kind einfach von der Burgmauer. Und das sind noch lange nicht alle Schandtaten dieses Mannes, der so seltsam verehrt wird. Er war ein Zwietrachtstifter, ein Betrüger und ein Feigling. Man müsste seine Seele schänden, wie Achilleus Hektors Leiche.

Aber so ist die Welt auch heute noch. Allzu bereitwillig verehrt man Arschlöcher und baut den größten Verbrechern an der Menschheit Denkmäler.

 

Streifschuss

vom 20. August 20

 

Anlass: Auf dem Wasser mit Adorno

 

Für uns Zaungäste des Fortschritts

 

In seinen Reflexionen aus dem beschädigten Leben gibt es einen knappen Text zum Ende des zweiten Teils, den Adorno in Anlehnung an Guy de Maupassant Sur l’eau nannte. Adorno frägt hier nach dem Ziel einer emanzipierten Gesellschaft und kommt zu einem überraschend aktuellen Schluss: Vielleicht wird die wahre Gesellschaft der Entfaltung überdrüssig und lässt aus Freiheit Möglichkeiten ungenützt, anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzustürmen. Gut 70 Jahre später hat diese Aussage eine fulminante Gültigkeit. Vor allem weil uns Adorno in diesen zwei Druckseiten fassenden Text auch noch die Analyse gibt, warum wir es bis heute nicht geschafft haben rien faire comme une bête, auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel zu schauen. Die schon zu Adornos Zeiten unerträgliche Barbarei eines fessellosen Tuns, diese pausbäckige Schaffenswut der vollbärtigen Bürger des 19. Jahrhunderts in der Warenproduktion treibt uns immer noch an. Der technische Fortschritt dieser blinden Wut des Machens verdeckt den geistigen Stillstand unserer Epoche. Diese Heteronomie eines für naturhaft gehaltenen ökonomischen Imperativs verhalf den hemmungslosen Barbaren, den CEO’s und Managern, den skrupellosen Unternehmern zu einer gesellschaftlichen Stellung, die sie nicht haben sollten. In Überbietung des Starkults der Renaissance dominiert der Geldadel des 21. Jahrhunderts durch Ausbeutung des schöpferischen Talents der Menschen. Die Maxime der Bewahrung der Natur ruht auf einer eklatanten Täuschung, da alle vorgefundene Natur im 21.Jahrhundert ein soziales und historisches Produkt der menschlichen Schaffenswut geworden ist. Es gibt keine erste Natur mehr! Es gibt noch das eine oder andere Reservat. Unsere angeblich so schützenswerte Natur offenbart einen betrunkenen, spielsüchtigen Indianer in einem verwahrlosten Reservat. Das hat nichts, aber auch gar nichts schützenswertes an sich. Unserer krisenhaften, globalisierten Tauschgesellschaft mit ihrer widersprüchlichen Produktivität stellen die Naturbewahrer eine utopische Schäferidylle entgegen und bleiben damit verhaftet in der bürgerlichen Rationalität des 19. Jahrhunderts. Um der kommenden Katastrophe durch hemmungslose und blinde Expansion zu entkommen, müssen wir unsere ohnehin schon unterdrückte Natur weiter beherrschen, und in Hölderlins Sinn uns wiegen lassen, wie / auf schwankem Kahne der See. Das Stilmittel des Anakoluths in dieser Gedichtzeile ist ernst zu nehmen. Ausstieg, Rückzug oder Umstieg. Die drei Formen des Anakoluths sind auch gesellschaftlich geboten. Wir werden zum bête nicht im Sinne des Hungers, des Jagens und der Wildheit, sondern durch eine von Not befreite Harmonie. Im Sinne eines Wesens, das lernt seine tierischen Freiheiten in einer Synthese zu reflektieren in Form eines behutsamen Zurückschraubens unserer menschlichen Produktivkräfte. Afloat, der süße Rausch der Ruhe, die nichts stören wird. Wir dürfen uns ausruhen.

 

Streifschuss vom 13. August 20

 

Anlass: Satire ist gar nicht das Problem

 

Pasquinaden sind keine österreichische Mehlspeise

 

„Eine Gesellschaft, die keinen Sinn mehr im Schmerz sieht, hat naturgemäß ein Problem mit Satire.“ So die Kabarettistin Lisa Eckhart. Ein guter Satz. Schauen wir uns also den Sinn des Schmerzes daher genauer an. Schmerz ist ein akutes und ein subjektives Geschehen, eine Art Warnsignal des Körpers. Etymologisch liegt wohl die indogermanische Wurzel *mer zugrunde. Das deutet auf Reibung. Möglich ist auch das griechische „smerdaleos“ für schrecklich, bis hin zum Litauischen Wort „smertis“, dem Tod. Tote haben keinen Schmerz mehr, soweit wir wissen zumindest. Bei Dantes Toten ist das ganz anders, da verstärkt sich der Schmerz sogar durch das Körperlose. Das aber betont den subjektiven Charakter des Schmerzes. Eine Sensibilität ist nötig, um Schmerz überhaupt empfinden zu können. Wer keinen Schmerz empfindet, hat in der Tat ein großes Problem. Allerdings hat auch der Mensch ein Problem, der den Schmerz chronisch empfindet. Schmerz kann einen Menschen zermürben. Daher ist der Umgang mit Schmerzen so kompliziert. Einerseits brauche ich den Schmerz für mein Überleben. Andererseits kann Schmerz auch als Druckmittel eingesetzt werden. Da wären wir schon bei der Folter. Der Umsatz von Schmerzmittel in Deutschland stiegt in den letzten zehn Jahren um gut 100 Millionen Euro auf 518 Millionen Euro Umsatz an - mit deutlich steigender Tendenz in den nächsten Jahren. Insofern hat Frau Eckhart Recht mit ihrem Satz. Ist ein schmerzfreies Leben ein gutes Leben? Ein Leben ohne Reibung, ohne Aufreibung? Und ist es nicht sogar eine Schmerzreaktion auf die Witze der Kabarettistin? Hier könnte man auch eine gestiegene Sensibilität feststellen. Und das schmälert den Wahrheitsgehalt von Lisa Eckharts Satz erheblich. Wir sind in der Tat eine sensibilisierte Gesellschaft. Wir bemerken Rassismus und Antisemitismus und fühlen zu Recht Schmerzen bei rassistischen Äußerungen. Auch oder vor allem wenn sie als Witze daher kommen. Die Freiheit der Kunst wird zum echten Problem, wenn sie sich nicht selbstkritisch hinterfragt. Narrenfreiheit ist nur eine Ausrede, sich den Vorwürfen nicht stellen zu müssen. Lisa Eckhart hat den Schmerz verursacht und sie sollte Stellung beziehen, auf welche Warnsignale sie verweist.  Doch die Empfänger der Schmerzen sollten ebenso mit sich ins Gericht gehen. Lehnen sie einfach nur den Schmerz ab? Wenn wir nicht über Rassismus reden, existiert er gar nicht? Reagieren wir überempfindlich? Ernsthaft auf Rassismus? Nein. Wir reden darüber und daher ist die Bühne frei für Lisa Eckhart. Wir können den Schmerz aushalten. Aber wir müssen nicht. Das eigentliche Problem ist ein Freiheitsproblem. Die Rassismus-Debatte in unserer Gesellschaft der Reichen (global betrachtet) ist ein Luxus. Und Lisa Eckhart füttert diesen Luxus contrapasso. Mehr nicht. Es handelt sich um eine Scheindebatte, solange wir nicht erkennen, dass der schlimmste Rassismus von uns allen ausgeht. Wir alle sind hilflose Heuchler, im Angesicht der Verbrechen unseres ökonomischen Imperativs. Satire kann da auch nicht helfen. Was ist also schlimmer? Eine verdorbene Gesellschaft, die über ihre eigene Verderbtheit lacht, oder eine Gesellschaft, die ihre Verderbtheit totschweigen will?

 

Streifschuss

vom 10. August 20

 

Anlass: Schere, Stein, Papier.

 

Sind wir auch nur blöde Sachen?

 

Probleme gibt es genug, da müssen wir uns nicht zusätzlich welche ausdenken. Das Subjekt ist auch relativ schnell gefunden. Das ist man entweder selbst oder irgendein anderer Tollpatsch, der versucht das Problem anzugehen. Interessant wird es erst mit dem Prädikat. Angenommen ein Eimer steht vor mir. Jetzt kann ich um den Eimer herum gehen. Ich kann ihn zur Seite schieben, aber auch wieder umkehren und nach Hause gehen. Ich kann gegen den Eimer treten, mein Nachtlager bei dem Eimer aufschlagen. Ich kann den Eimer untersuchen, ihn studieren. Ich kann Freunde herbei rufen und wir diskutieren über den Eimer. Ich kann den Eimer mit Granaten beschießen, über ihn lustige Lieder komponieren. Ich kann den Eimer zur großen Menschheitsfrage stilisieren, wobei ich als guter Logiker vorschlagen würde, in diesem Fall des Eimers Prädikat des Herumstehens hervorzuheben. Immerhin zeigen die von mir ausgewählten Prädikate die große Freiheit des Menschen an, die durch Probleme erzeugt wird. Gehen wir davon aus, dass der Eimer als Objekt in seinem Prädikat des Herumstehens nicht so frei ist, wie das Subjekt, dann liegt das primär an der Fähigkeit des Subjekts gegenüber dem Objekt zu handeln. Doch wie wir alle längst wissen, ist jedes Subjekt zugleich auch Objekt und in seiner Objekthaftigkeit nicht frei. Wenn uns ein besonders sachbetonter Mensch auffordert, wieder zur Sache zu kommen, ist das zum Objekt rufende Subjekt selbst ein Objekt. Andrerseits ist der Aufruf zur Sache auch ein Aufruf zur Freiheit. Denn nur in Bezug zur Sache ist der Mensch frei. Weil wir uns zur Sache verhalten können, sind wir Subjekte. Selbst die kleinste Handlung macht uns zu Subjekten. Existenz vor Essenz. Wie der Schlachtruf der Existenzialisten lautete. Viele Objekte sind zum Objekt verdorrtes Prädikat. Jedes Prädikat ist auf ihrer Time-Line verdammt dazu, zum Objekt zu werden. Die Probleme überrennen uns von hinten.  Der Eimer ist damit unser geringstes Problem. Vielmehr sind es die um den Eimer herumstehenden zum Objekt gewordenen Prädikate. Die prädikative Historie, die den Eimer umgibt macht aus dem trivialen Eimer ein sakrales Objekt.  In unseren Geschichtsbüchern ist ganz oft von solchen trivialen Eimern die Rede. Wir staunen! Und was wir bestaunen ist unsere eigene Dummheit, die im Laufe der Zeit zum rühmenden Ausruf erstarrte. Die meisten unserer Probleme sind daher selbst gemachte Probleme. Der Hang zu prädizieren ist dem Subjekt objekthaft angehängt.  Damit ist das Subjekt nur subjektiviertes Objekt und selbst Objekt das sich nur subjektiviert. Wir haben daher nicht mehr Freiheit als ein Eimer, sondern immer weniger. Eine unzählbare Menge zum Objekt verdorrter, ehemaliger Prädikate umstellt uns; und reduziert unsere Freiheit. Andererseits können wir jederzeit das Objekt wieder zum Prädikat machen. Wir können sogar den Eimer eimern. Diese Freiheit nennen wir Kunst. Die Kunst stößt die Wirklichkeit jedes Mal von Neuem auseinander und belebt und bewegt die Objekte.

 

Streifschuss vom 31. Juli 20

 

Anlass: mal wieder Glück – hört sich auch wie ein Schluckauf an.

 

Glück ist Glückssache

 

Fahren Sie eine Stunde Fahrrad auf dem Hometrainer und trinken anschließend bei good happy music ein paar Bierchen. Mit dem Adrenalin vom Radfahren und dem Bier kann man extreme Glücksgefühle ausschütten.  Worum geht es im Leben? Nur darum, so glücklich wie möglich zu sein. Und es ist absolut verzeihlich und respektabel, wenn ein Mensch alles tut, um seine kleine private Bilanz so optimal wie möglich zu gestalten. Ich spreche hier von Glück als einem Moment des Wohlgefühls. Ich spreche nicht von Zufriedenheit oder irgendeinem gesellschaftlichen Konstrukt, sondern von Lust. Und das ist ein Zustand, der primär nicht abstrakt ist. Doch immerhin lässt sich mit Hilfe von Technik, Taten und Einstellung – also mit kognitiven Methoden – das Glück befördern. Eine Bilanz zu ziehen ist wieder nur ein Konstrukt. Denn im Augenblick des Unglücks (als Moment des Unwohlseins) ist die Bilanz im Arsch. Haben Sie Zahnschmerzen, dauerhaften Rheumatismus oder verlieren grade Ihr Obdach? Was nutzt es Ihnen, dass sie davor oft sehr glücklich waren? Im Gegenteil! Sie werden ausrufen: Nessun maggior dolore / che ricordarsi del tempo felice / ne la miseria. So wie es die beiden Liebenden in Dantes zweiten Kreis der Hölle machten, deren Strafe es war, immer und immer wieder den Augenblick zu erleben, als sie ihr Seelenheil verloren haben. Die Wollüstigen, die Glückssüchtigen, für die es eben keinen größeren Schmerz gibt, als sich im Elend der glücklichen Zeiten zu erinnern. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir Konsumenten, wir mit Glück verwöhnten Genießer des Kapitalismus uns genau an diese lussuriosi erinnern werden, wenn das Unglück da ist. Und dieses Unglück wird kommen. Da können Sie alle sicher sein. Die Halbwertszeit des Kapitalismus ist abgelaufen. Und den Rest, den wir grade genießen könnten wir uns natürlich mit der schwedischen Sängerin Hedberg schönreden: Davon geht die Welt nicht unter. Wohl nicht. Aber wir sind nah dran. Und so sind die wahren Strafen höherer Mächte selten körperlicher Natur. Sie dienen der Ewigkeit, wie es schon die griechische Mythologie in ihrem Strafregister aufzeigte, als da wären Tantalos, Sisyphos oder Prometheus – um nur die wichtigsten zu nennen. Resümee: Glück lässt sich nicht bilanzieren. Wenn wir den Bogen überspannen reißt die Sehne und es fliegt uns um die Ohren. Für immer! Unglück ist dauerhafter. Aber was kümmert `s uns? Im Moment des Glücks? Also: Nichts wie rauf aufs Rad und dann zum Getränkemarkt.

 

Streifschuss vom 28. 07. 20

 

Anlass: mimetischer Diskurs

 

Kunst kann man nur an Kunst messen

Mandelstam schrieb in seinem Dante-Essay die großartigen Worte „…dort wo sich eine Sache und ihre Nacherzählung als kommensurabel erweisen, dort sind die Betttücher nicht zerknittert, dort hat die Dichtung sozusagen nicht genächtigt.“ Und dann bezeichnet er Dante als „Instrumentenmeister der Dichtung“, und eben „keinen Verfertiger von Bildern“. Nimmt man das ernst, dann ist ein Text bei dessen Lektüre man ausruft „Ach! So war das!“ keine Kunst. Vielmehr müsste man ausrufen „Wie? Das ist der Kern der Sache!“, oder „Ach! So wird die Sache erst klar!“. Ein guter Text schenkt dem Leser etwas, das er nicht in der Natur vorfindet. Und das macht Sinn. Denn wozu sollte man einen Text schreiben, wenn der Leser ohne Text von alleine darauf stößt. Dann würde es reichen, den Leser aufzufordern, das Buch zur Seite zu legen und selbst hinaus zu gehen. Wer Kunst genießt, ob gute oder schlechte Kunst spielt keine Rolle (denn da sind wir logisch im Bereich des Geschmacks und müssten gesondert darüber reden), wer Kunst genießt, will keine Natur. Wollte jemand, der Kunst genießt Natur haben, dann müsste man ihm klar und deutlich eine Denkschwäche unterstellen oder einfach ihn für einen Dummkopf halten. Wer würde Salat essen, wenn er ein Steak will? Vom Museum bis zum Kino, vom Roman bis zum Konzert – all dies ist eben keine Natur. Wollte ich durch den Genuss einer Liebesgeschichte selbst lieben? Nun, das wäre dann Pornografie. Schon Umberto Eco hat das klar unterschieden und stellte fest, dass Pornografie im Unterschied zum erotischen Film immer eins zu eins ablichtet. Zehn Minuten Porno sind zehn Minuten in der Wirklichkeit. Mit jedem Schnitt würde es zur Kunst. In diesem Sinn ist die Imitation pornografisch und erst die Ämulation macht es zur Kunst. Dieser Eifer der Kunst geht schon Richtung Ehrgeiz. Aristoteles bezeichnete den Eifer als seelisches Lustempfinden, von dem es wie bei aller Lust ein zu wenig und zu viel gibt. Wenn wir aber nun messen, dann können wir Kunst immer nur an der Kunst messen, nie an der Natur. Denn sonst würde man ja Äpfel mit Birnen vergleichen. Wer seinen Hunger mit Essen stillt, unterscheidet sich von dem, der seinen Durst mit Trinken stillt. Natürlich kann sexuelle Lust mit Essen kompensiert werden. Aber nicht verglichen! Essen ist kein sexueller Akt, selbst wenn man sich zum Fressen gern hat. Hier erkennen wir schon den entscheidenden Unterschied.
Kurz – und darauf will ich am Ende hinaus – was in der Massenkultur durch Konsum verödet, das ist diese Differenz. Der sinnfreie Gebrauch des Wortes Kunst ist ein großes Übel. Man darf den Realismus nicht mit der Realität verwechseln. Realismus ist nicht realistisch, sondern auf ideale Weise real.

 

Streifschuss vom 27. Juli 20

 

Anlass: über die wachsende Unlust eine Zeitung zu lesen

 

Lesen und schreiben geht nie gleichzeitig

 

In seinem Handbuch des Dichters formulierte Jorge Luis Borges einmal einen schönen Bonmot: „Ich betrachte mich vor allem als Leser. Wie Sie wissen, habe ich mich ans Schreiben gewagt; aber ich glaube, das, was ich gelesen habe, ist viel wichtiger als das, was ich geschrieben habe. Denn man liest das, was man mag – aber man schreibt nicht, was man schreiben möchte, sondern was man zu schreiben fähig ist.“ Stilistisch glänzt hier natürlich der Topos der Bescheidenheit.
Ich würde den Text dennoch gerne umformulieren, damit es auch für mich passt. Doch ich nutze den Topos der Überspitzung: „Ich betrachte mich vor allem als Schreibenden. Wie Sie wissen, habe ich mich ans Lesen gewagt; aber ich glaube, das was ich geschrieben habe, ist besser als das, was ich gelesen habe. Denn man schreibt das, was man kann – aber man liest nicht was man möchte. Das kann man gar nicht. Lesen ist im Gegensatz zum Schreiben eine Überraschung und nicht selten eine Enttäuschung. Wenn man etwas schreibt, weiß man vorher was man schreibt. Und wenn das schlecht war, kann man es zerstören und vergessen. Wenn man etwas liest, weiß man natürlich nicht, was kommt. Und wenn das schlecht war, dann wird man das kaum noch los. Lesen und Schreiben sind zwei so unterschiedliche neurophysiologische Vorgänge, dass sie fast nichts miteinander zu tun haben. Wir lesen mit den kognitiven Hirnregionen und schreiben mit den emotionalen Hirnregionen. Wir lesen aber dann das mit den niederen Hirnregionen Geschriebene noch einmal durch und  lassen es durch die redundanten oberen Hirnregionen mehrfach durchlaufen. Das entspricht der Verteilung der Nervenzellen im Gehirn. Das Großhirn verfügt nur über 30 Prozent der Gesamtmenge an Nervenzellen. Aber die Nervenzellen des Großhirns feuern in alle Richtungen, sie sind redundant. Man wendet es dahin und dahin und wieder dorthin. Die restlichen Hirnregionen (Kleinhirn, Stammhirn) verfügen über 70 Prozent der Nervenzellen, diese feuern aber nur in eine Richtung. Gute Texte unterscheiden sich von schlechten Texten auf diese Weise. Je häufiger und redundanter man seine eigenen Texte liest, desto besser werden sie. Nicht das Lesen fremder Texte schult den Autor, sondern das Wiederlesen eigener Texte. Das ist der Grund, warum Journalisten schlechte Autoren sind. Sie haben gar nicht die Zeit, ihre eigenen Texte mehrfach zu lesen. Sie „hauen das raus“ wie man so schön sagt. Und es wird immer schlimmer. Journalisten sind mittlerweile nahezu blind, was das Lesen ihrer eigenen Texte angeht. Sie haben das ganz den armen Lesern überlassen. Das Drama ist, dass der Leser nichts vergisst (wie schon oben angemerkt). Daher durchlaufen im Leser redundant schlecht geschriebene und vom Autor ungelesene Texte durch die höheren Hirnregionen. Das versaut die Leser. Lesen sie dann – wider die Gewohnheit – gute Texte (die der Autor selbst wieder und wieder gelesen hat), dann verstehen sie diese nicht. Mehr und mehr wirklich gute Texte verschwinden daher in der Schublade und mehr und mehr Schund gerät in den Druck.“

Gut, das ist jetzt etwas länger geworden, als der Bonmot von Borges. Aber es war mir wichtig Borges vom Kopf auf die Füße zu stellen und damit darzulegen, warum es sehr gute Romanautoren gibt, die gar keine Romane lesen, außer eben ihre eigenen. Für den Schreibprozess spielt das Lesen fremder Texte nur eine mimetische Rolle. Aber ein guter Text ist nie bloße Nachahmung. Wie ein Obdachloser, der im Müll nach Verwertbarem sucht, lese ich weiter die Zeitung.

 

 

Streifschuss vom 25. Juli 20

 

Anlass: 50 Jahre verwaist

 

Oh Bruder, da hinaufzugehen – was bringt es?

 

Samuel Becketts Text Le Depèurpleur, von Elmar Tophoven kongenial mit Der Verwaiser übersetzt, erschien exakt vor 50 Jahren. So kann heute niemand mehr behaupten, er hätte von der Apokalypse nichts mitbekommen. Etwa 200 nackte, gedankenlose Menschen befinden sich in einem mit Hartgummi ausgekleideten Zylinder von 50 Meter Umfang und 16 Meter Höhe. Bezogen auf die Bodenfläche hat damit jeder einzelne Mensch gerade mal einen Quadratmeter Platz zur Verfügung. Schon in dieser klaustrophobischen Anordnung von Becketts Parabel können wir eine Analogie zur chronisch überbevölkerten spätkapitalistischen Industriegesellschaft erkennen. Das hat schon Max Horkheimer aufgegriffen, indem er in dem Text eine Kritik an der verwalteten Welt vermutete, an einer unter dem Diktat des "kalkulatorischen Denkens" stehenden Gesellschaft, die den emanzipatorischen Anspruch der Vernunft aufgegeben habe. Insgesamt stehen den 200 Menschen gerade mal 15 Leitern zur Verfügung, um von dort aus in Nischen gelangen zu können, die an den Wänden angeordnet sind. Die mit einer liberalen Moral juridifizierte Gesellschaft erlaubt es immer nur einem einzigen Menschen auf einer Leiter zu klettern. Unten stehen die anderen dann an den weiteren Leitern Schlange und warten, bis sie dran kommen. Im Großen und Ganzen ist jeder mit sich selbst beschäftigt und denkt daher nicht daran, anderen etwas anzutun. Das ist ja auch das Schöne an unserer Individualgesellschaft. Jeder kümmert sich um seinen eigenen Scheiß und gut ist es. In Becketts Zylinder bricht dennoch manchmal Gewalt aus. Wenn man die Menschen, die in einer Schlange vor der Leiter stehen zu sehr unter die Lupe nimmt, dann bekommt man es mit allen in der Schlange stehenden Menschen zu tun. Wie ein Körper gehen sie dann auf den Unruhestifter los. Ansonsten werden die Menschen von Licht- und Temperaturschwankungen physisch angetrieben. Zusätzlich hält sie ein Gerücht auf Trab, dass es in irgendeiner der Nischen ein „Zufluchtsstätte zur Natur“ gäbe, oder in der Mitte der Decke ein Klapptür „an dessen Ende angeblich immer noch die Sonne und die anderen Sterne glänzten“. Doch das sind nur Gerüchte. Und so haben einige bereits aufgegeben. Sie suchen nicht mehr. Es ist aber trotzdem nie Platz genug in dem Zylinder, um sich hinzulegen. Es gibt auch in unserer spätkapitalistischen Industriegesellschaft keine metaphysische Rückversicherung mehr. Das machte uns alle zu gedanken- und seelenlosen Krüppeln, deren individuelles Streben nichts weiter ist, als eine Beschäftigungstherapie bis zu unserem bedingungslosen Tod. Und wer hier aufgibt, kann sich trotzdem nie vollständig ausruhen. Er wird von den anderen rücksichtslos getreten, wie in Becketts Zylinder auch. Natürlich gleicht die Atmosphäre in Becketts Zylinder einem drittklassigen Asyl für Geisteskranke. Was hat so ein karger Zylinder mit uns zu tun? Wir haben Gott sei Dank schnelle, elegante Autos, Smartphone, Streaming-Fernsehen, eine Konsum- und Kulturindustrie, die uns von unserer eigenen Drittklassigkeit herrlich ablenkt. Natürlich können wir nicht wieder einfach so tun, als gäbe es einen metaphysischen Ausweg. Der Zug ist endgültig abgefahren. Man kann über die Presbyterianer und Episkopalen dieser Welt lediglich noch schmunzeln oder resigniert mit den Achseln zucken. In einer Szene schildert Beckett die größten Kletterer, die mit den Fingerspitzen die Decke berühren können. Würde man eine ganz ausgezogene Leiter mit vereinten Kräften in die Mitte stellen, könnten die Kletterer nacheinander den Ausgang erreichen, diese Klapptür zu Sonne und Sterne. „Ein Augenblick der Brüderlichkeit“, würde reichen, beschreibt es Beckett.
„Aber diese ist ihnen außer bei Gewaltsamkeitsausbrüchen ebenso fremd wie den Schmetterlingen.“ Nicht weil es ihnen an Mut oder Einsicht mangeln würde. Es liegt – so der Erzähler – an dem „Ideal, das einen jeden verzehrt.“

Wenn man die ersten Jahre unserer digitalisierten Gesellschaft unter einen psychologischen Hut bringen wollte, könnte man sie als die „narzisstischen Jahre“ bezeichnen. Ein Narzisst ist selten solidarisch. Die aktuellen Jahre unserer inzwischen smarten Digitalisierung wären unter dieser Note autistisch. Auch Autisten sind schwerlich solidarisch. Solidarisch waren tatsächlich nur die Nazis. Aber können wir das alles so düster stehen lassen? So hoffnungslos? Ist dieses Fegefeuer auf Erden so verzehrend, dass wir wie Belacqua zu träge geworden sind, das Paradies erreichen zu wollen? Da sitzt der alte Instrumentenbauer aus Florenz an seinem Felsen gelehnt und weiß, dass er sich im Leben nicht genug um Läuterung bemühte, dass er je hoffen könnte, das Paradies zu erreichen. Beckett liebte diese Figur aus dem vierten Gesang des Purgatorium Dantes. Es war Morgen, und Belacqua hatte sich im ersten Mondcanto so festgelesen, dass er weder vor noch zurück konnte (Dante and the lobster, 1932). Wie herrlich ironisch. Das Mondcanto beginnt mit dem zweiten Gesang des Paradiso. Das weite unendliche Meer wird hier geschildert (der Geist) und ein kleines Schiff (der Stoff). Mit einem so kleinen Schiff wie es der Mensch ist, dieses unendliche Meer befahren zu wollen! Der Mut den es braucht, um in die Unendlichkeit zu starten, ist der Mut den es braucht zu sterben. Der Mond ist das Zeichen des Krebses. Allnatur, Mutter und Quelle. Kein menschlicher Kopf kann alles erfassen und wird immer nur in seinem kleinen privaten Ideal festhängen, in einem Zylinder fester Größe, rational kalkulierend mit einer sich im Unendlichen verlierenden winzigen Spur Metaphysik. Um Gnade muss man bitten. Gnade! Schreien!

 

Streifschuss vom 20. Juli 20

 

Anlass: die Ewigkeit ist nicht organisierbar

 

Die Freiheit ist ein Obdachloser

 

Alle sieben Jahre verändert sich der Mensch. Siehe hier meinen Text "Der Thron Gottes".  Aber inzwischen bin ich keine 30 mehr. Mit meinen 56 Jahren habe ich nur noch ein paar Sieben-Jahre-Zyklen übrig. Wenn es gut läuft noch drei. Wenn es schlecht läuft ist das schon der letzte davon. Und wenn es super läuft hätte ich noch vier. Wobei der letzte Zyklus ja nur noch im Zeichen des Siechtums stünde. Ich gehe daher von einem Mittelwert von zwei Zyklen aus. In vierzehn Jahren ist dann Schluss. Das ist nichts. Denn vor vierzehn Jahren (2006)  war es ein gutes Jahr. So wäre das Jahr 2034 ein letzter großer Gipfel. Aber mehr wird das nicht mehr. Ich wurde nicht der große Dichter, nur eine Randfigur. Doch bin ich größer im Geist als die großen Dichter. Das nennt man dann wirklich romantische Ironie. So bin ich zugleich gescheitert und nicht gescheitert. So gesehen kann ich sagen, dass dieses Leben mir eine Lehre war. Gott im Himmel, wie kann man daran hängen? Okay. Keinen Kaffee mehr, keine Romane, kein Netflix, kein Bier, keine Kippen, keine Musik. Ist schon eine Menge Scheiß an den man sich da gewöhnte. Vorzüglich viel Lärm und Aufregung. Das ist die Sache. Leben ist heterogen, divers und uneinheitlich. Jede Organisation im Leben ist nur eine Hilfskonstruktion. Das trifft auch auf die Natur zu. Schließlich macht es keinen Sinn, dass einem die Zähne raus faulen, die Zellen entarten und die Blutgefäße brüchig werden. Es macht keinen Sinn, dass man älter wird und immer müder, dass das Gehirn ab dem 50.ten Lebensjahr schrumpft. Nicht gerade für die Ewigkeit organisiert. Nur die Ewigkeit ist für die Ewigkeit. Und die ist nicht organisierbar. Das ist der Preis der Freiheit. Ernsthaft? Dass mir die Zähne raus faulen und ich im Laufe der Jahre verblöde ist der Preis meiner Freiheit? Ich sehe darin eher das Defizit göttlicher Harmonie. Gott ist ein Stümper, ein Dilettant. So er wirklich existiert. Meine Mängelliste ist schon recht lang. Freiheit und Vernunft in Konkurrenz zu setzen, ist gewiss eine höhere Mangel-Kategorie. Freiheit müsste der Gipfel der Vernunft sein. Doch meist hat die Freiheit einen Hang zur Unvernunft. Und in dialektischer Verformung führt diese Unvernunft der Freiheit dann auch noch zu Erkenntnis. Der berühmte Baum aus der Genesis ist der Beweis dafür. Und so führte mich meine dichterische Unvernunft zu später Einsicht. Für Worte die nichts bedeuten riskierte ich mein Hab und Gut. So ist das, wenn Dichter auf Prosa machen. Der Schriftsteller benutzt die Sprache. Der Dichter lebt in der Sprache – um Sartre (Was ist Literatur) zu bemühen. Als Dichter konnte ich nie böse sein. Als Schriftsteller natürlich schon. Freiheit. Was für ein Penner ist diese Freiheit.

 

Streifschuss vom
19. Juli 20

 

Anlass: Homo sum, humani nihil a me alienum esse puto (Terenz)

 

Von Zielen und Sternen

 

Dass ich selbst schon über viele Jahre einem Leitstern folge, bedeutet nicht, dass ich auch ein Ziel habe. Mit den Sternen ist das so eine Sache. Als Menschen überleben wir sie nicht. Wenn ich morgens aufstehe, sehe ich dieses Licht dem ich folge. Wenn ich abends zu Bett gehe, ist dieses Licht dem ich folge noch immer scheinbar an der gleichen Stelle wie am Morgen. Ich scheine diesem Licht kein Jota näher gekommen zu sein. Und doch folge ich ihm. Einem Telos zu folgen ohne das Ende zu kennen, ja ohne Hoffnung, es je zu erreichen? Wir kommen und gehen; jeder Augenblick bringt Tausende her und nimmt Tausende hinweg, von der Erde: sie ist eine Herberge für Wandrer, ein Irrstern, auf dem Zugvögel wegeilen. So beschreibt es Johann Gottfried Herder in seinen das ausgehende 18. Jahrhundert prägenden Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Herder definiert den Menschen als den Mittelring zweener Welten. Einerseits ist der Mensch ein Tier, erd- und triebverhaftet. Als Tier können wir Menschen unsere Triebe befriedigen. Vielen reicht das schon. Als Mensch streben wir stets zu Höherem, ja im Sinne des damaligen Idealismus streben wir gar zur Unsterblichkeit. Dieser Widerspruch macht uns seit jeher aus. Im Rahmen der kapitalistischen Ideologie der totalen Gesellschaft hatten wir das zwischenzeitlich beinahe vergessen, weil wir als Individuum nur durch totale Anpassung existieren können.  Aber das Tier lebt sich aus, und wenn es auch höhern Zwecken zufolge sich den Jahren nach nicht auslebet, so ist doch sein innerer Zweck erreicht; seine Geschicklichkeiten sind da, und es ist, was es sein soll. Der Mensch allein ist im Widerspruch mit sich und mit der Erde; denn das ausgebildetste Geschöpf unter allen ihren Organisationen ist zugleich das unausgebildetste in seiner eignen neuen Anlage, auch wenn er lebenssatt aus der Welt wandert. (Herder) Unter diesem Blickwinkel erfordert die aktuelle Lage, dass wir als Menschen das Telos freier Selbstbestimmung wieder zurück gewinnen.

Den Verlust unserer Selbstbestimmung beschreibt Adorno in seinen soziologischen Schriften so: Anpassung an die gesellschaftlichen Verhältnisse und Prozesse, welche die Geschichte ausmacht und ohne die es den Menschen schwer geworden wäre, fortzuexistieren, hat sich in ihnen derart sedimentiert, dass die Möglichkeit, daraus ohne unerträgliche Triebkonflikte auch nur im Bewusstsein auszubrechen, schrumpft. Sie sind, Triumph der Integration, bis in ihre innersten Verhaltensweisen hinein, mit dem identifiziert, was mit ihnen geschieht. Der Prozess zehrt davon, dass die Menschen dem, was ihnen angetan wird, auch ihr Leben verdanken. Der Kitt, als der einmal die Ideologien wirkten, ist von diesen einerseits in die übermächtig daseienden Verhältnisse als solche, andererseits in die psychologische Verfassung der Menschen eingesickert.

Dass der Mensch total erfasst wurde, bis in sein Innenleben hinein, das bedeutet, dass nicht mehr Weitsicht, Autonomie und Spontanität, sondern Anpassungsfähigkeit und Konformismus zu überlebensnotwendigen Charakter-Dispositionen wurden. Wir halten die Regie inne über unser Konsumverhalten, mehr nicht. Was wir zurzeit aber erleben - und jetzt komme ich auf das, was ich eigentlich sagen will - was wir gerade erleben in der Pandemie ist die Auflösung dieser Kontrolle. Wir erleben, dass Kulturindustrie, Technikbegeisterung und Sport alleine nicht ausreichend Sinn stiften. Adornos Feststellung der totalen Gesellschaft, trifft nicht mehr zu, hat sich schon vor Corona an den Rändern aufgelöst und trat durch die Pandemie-Tür in die gesellschaftliche Mitte. Wenn aber derart sedimentierte Ideologien zerfallen, dann entsteht ein Sinn-Vakuum. Erfreulicherweise gibt es in der Natur kein vollständiges Vakuum.  Wir alle können nach Auflösung der kapitalistischen Ideologie einer totalen Konsum-Gesellschaft wieder neu lernen, dass der Mensch von Beginn an ein zerrissenes Wesen ist. Es ist offensichtlich, dass eine Ökonomie die von uns fordert mehr zu konsumieren als wir als Tier benötigen, nur um das Nötigste zu erhalten, das wir als Tier brauchen, kein freies Telos zulässt. Mit dem Hut der Freiheit gekrönt und mit dem Gurt des Himmels gegürtet, setze fröhlich deinen Wanderstab weiter. (Herder)

 

Streifschuss vom 12. Juli 20

 

Anlass: Opium versus Theologie und Medizin

 

Ich war in diesen Bekenntnissen bemüht, die Macht des Opiums zu verherrlichen (Thomas de Quincey)

 

Eine Unze pro Woche vertreibt alle Sorgen

 

Seit Jahrhunderten haben die Theologen und die Mediziner in Tateinheit nichts bewirken können. Aber sie waren sich immer auch ein bisschen ähnlich und standen gerne in Konkurrenz zueinander. Im Zimmer Sterbender hielten sie sich oft gleichzeitig auf. Der Theologe mit seinem Öl. Der Arzt mit seiner Fliete (ein spezielles Messer für den Aderlass). Und beide konnten Jahrhunderte lang ihre Erfolglosigkeit in beredte Worte kleiden.

Derzeit traut man den Medizinern mehr zu, überschätzt sie aber dadurch erheblich. Ein wenig Pandemie hat ihre Macht schon wieder deutlich rasiert. Die Gesundheit und Langlebigkeit der Menschen verdanken wir nicht den Medizinern. Natürlich auch nicht den Theologen. Denen verdanken wir nur die Hölle. Die echte und die auf Erden genauso. Nein. Die Langlebigkeit unserer Tage ruht zu 90 Prozent auf verbesserten Arbeitsbedingungen und zu 10 Prozent auf bessere Lebensbedingungen. Wer nicht mehr zwölf Stunden am Tag in einer Mine arbeiten muss, der lebt halt länger. Wer in einer trockenen, halbwegs von Schimmel befreiten Wohnung lebt und regelmäßig guten Schlaf bekommt, der lebt länger. Wer dazu ausgewogene Nahrung zu sich nehmen kann, der lebt länger. Hier jedoch wird es zunehmend schon wieder eng. Neben der Pandemie erhöht die hübsch verpackte Scheiße, die uns in den Discountern verkauft wird (Nahrung für die Unterprivilegierten) unsere Sterblichkeit. In direkter Konkurrenz zu unserer Langlebigkeit stehen also Zoonosen (die mit unter einem Prozent Wahrscheinlichkeit zu Pandemien werden, wie mit SARS II diesmal leider geschehen) und Billigfleisch mit Bakterien statt Viren. Hinzu kommt natürlich eine gewisse Koeffizienz der beiden Faktoren unserer Sterblichkeit. Mediziner jedenfalls sind nur ein kleiner Beitrag in einer ausgewalzten Gesundheitsindustrie. Gesundheit! Das ist der Gott auf den die Theologen gerade neidisch blicken. Und es ist weit und breit kein Luther zu sehen, der unseren Ablass an diesen Gott mit neuen Thesen anprangern wollte. Unsere Gesundheit steht so über allem, dass wir auch gerne vergessen woher sie kommt. Ein ruhiges, sorgenfreies Leben mit mäßiger Beschäftigung und guter Ernährung erhält uns gesund. Wer hat so ein Leben? Der Pensionär. Also mein Vorschlag. Nehmen wir das Geld, das wir für die Medizin rauswerfen und stopfen es in die Rentenkasse. Sie werden sehen! Mediziner werden überschätzt. Und man bräuchte sie noch weniger, würde man Opium frei verkaufen. Dieses Panazee gegen jede Art von Schmerz (und das unmittelbar wirksam) verbesserte auch unsere Fähigkeit zu träumen.  Eine gute Rente und eine Unze Opium als Wochenration! Wer würde noch die Gesundheit anbeten?

 

Streifschuss vom 09. Juli 20

 

Anlass: Wenn der Steuerberater dreimal klingelt

 

 

Sofort! Hilfe!

 

Nun hat die Regierung weitere Milliarden Euro Soforthilfe genehmigt. Aber für eine Antragstellung benötigt man einen Steuerberater. Und dieser Steuerberater benötigt eine drei Seiten umfassende Liste an Unterlagen. Privatpersonen dürfen keinen Antrag stellen. Sich nur nackt hin stellen, damit der Staat an ihrer Nacktheit ihre Bedrüftigkeit erkennt. Das macht Sinn, gab es doch zuvor eine Menge Betrüger. Steuerberater betrügen naturgemäß niemanden. Sie sind nie nackt zu sehen. Sie haben den Betrug professionalisiert und dürfen das qua Amt.
Mir als Privatperson geht nun langsam die Luft aus.  Jahrzehnte rannte ich dem Geld hinterher. Ich erwies mich als nicht besonders tauglich in dieser Disziplin. Meist waren andere da schneller als ich und so wird man mit der Zeit – wenn man ständig als Letzter durchs Ziel rennt – irgendwie mürbe. Doch ist es jetzt nur eine Ausrede, wenn ich das System der Ökonomie, diese Gier anprangere? Ist das meine Doppelmoral?
In dem wunderbarlichen Vogelnest, dem letzten Werk von Grimmelshausen (aus dem Jahr 1675) wird es so beschrieben: Ich machte mir nicht klar, dass derjenige, der das alte Fabelbuch von Fortunatus mit seinem Säckel und seinem Wunschhütlein geschrieben hatte (das ist ein 1509 erschienener Roman über jemanden mit einem sich immer automatisch füllenden Geldsäcklein und einem Hut der ihn überall hin bringt) nichts anderes hatte sagen und anzeigen und der ganzen Welt vor Augen stellen wollen, als dass jene Wundermittel, durch die unsere vorwitzigen Begierden nicht vollständig gesättigt, sondern nur hingehalten und unsere Gemüter mit vergeblichen Träumen erfüllt, aber keineswegs zufriedengestellt werden, letztlich doch nichts als lauter Unglück auf ihrem Rücken mit sich bringen.

Mich ärgert mehr, dass es mich überhaupt ärgert über zu wenig Geldmittel zu verfügen. Mein Geldsäckel ist immer leer und mein Wunderhut ist ein wunder Hut. Bin ich krank im Kopf? Weil ich es in dieser wunderbarlichen Warenwelt nicht zu Glück und Reichtum brachte?
 Wir alle vernichten dafür gemeinsam unsere Erde. Das ist alles so absurd und grotesk. Ich kann das einfach nicht mehr ernst nehmen. Das müsste ich aber. Denn man nimmt sich ja nicht zum Spaß einen Steuerberater. Mir fehlt der nötige Ernst zum Geld verdienen. Und im Gegenteil – wie oben dargestellt – sehe ich in dieser Ökonomie nur das große Unglück.

Aber es nutzt nichts. Don Quijote überlas sich an Ritterromanen. Ich überlas mich an Kapitalismus-kritischen Büchern. Insofern bin ich ein genauso großer Trottel wie der traurige Ritter mit seinem unsinnigen Kampf gegen Windmühlen. Am Ende befällt Don Quijote ein Fieber. Auf dem Totenbett erkennt er plötzlich den Unsinn der Ritterbücher und beklagt, dass ihm diese Einsicht so spät gekommen sei. Damit enden sein Leben und das Buch.
Ein Fieber! Fast schade, dass ich nicht zur Risikogruppe gehöre. Denn gerade geht mir durch den Kopf, dass ich durch den Unfug des Schreibens und mit meinem Mangel an Unterwürfigkeit gegenüber dem herrschenden System zum Ende nur noch eine Kuriosität darstelle. Eine Witzfigur, Trash.
Ich sage das ganz nüchtern. Zu nüchtern vielleicht? Ich bin nur noch historischer Müll. Nicht mal eine Antiquität…

 

Aber ich bin heute verkatert – das wird wieder.

 

Streifschuss vom 08. Juli 20

 

Anlass: Geschmack ist auch mal abgeschmackt

 

Wasserwaage und Perpendikel

 

Die Meipolo-Rose – heißt es bei Wikipedia – gilt als Inbegriff der Schönheit. Doch schon Cicero meinte, dass die Schönheit zwei Seiten habe, die Anmut und die Würde. So entdeckte ich die Schönheit oft an ganz unbekannten Orten und war manchmal mit meiner Rührung darüber ganz allein. Goethe suchte in Italien nach der Schönheit, die er in Weimar nicht fand. Offenbar war Charlotte von Stein daraufhin schon ein wenig gekränkt.
Der alte Neptunist Goethe nahm im Unterschied zu vielen anderen deutschen Dichtern und Denkern die zusätzlichen Strapazen auf sich, nach Sizilien zu reisen, das vielen damals nicht mehr zu Europa gehörte. Winkelmann zum Beispiel schickte nur seinen Schüler vor, um dieses einst von den Griechen besetzte Gebiet zu erkunden. Goethe also et arcadia ego. Doch er entdeckte dort nicht nur sein Arkadien. Vielmehr war er entsetzt, als er vor der barocken Villa Palagonia in Bagheria (15 km entfernt von Palermo) stand. 1715 erbaut von dem Dominikaner Napoli als Auftragsarbeit für den Fürst von Palagonia, stapelten sich auf der schiefen Außenmauer Chimären, Wesen mit menschlichen Körpern und Hahnen- oder Pferdeköpfen, alles barock windschief und manieriert gestaltet und zugleich aus witterungsanfälligem Sandstein. Heute gibt es viele dieser Figuren gar nicht mehr oder es fehlen die Köpfe.  Das Widersinnige einer solchen geschmacklosen Denkart zeigt sich aber im höchsten Grade darin, daß die Gesimse der kleinen Häuser durchaus schief nach einer oder der andern Seite hinhängen, so daß das Gefühl der Wasserwaage und des Perpendikels, das uns eigentlich zu Menschen macht und der Grund aller Eurhythmie ist, in uns zerrissen und gequält wird. So beschrieb es Goethe 30 Jahre später in seinem Buch über Italien. Alles was gerade ist und symmetrisch hält länger und gilt auch als schön. Das schiefe und krumme dagegen ist hässlich und geht leichter kaputt. Goethe verachtete Tod und Vergänglichkeit, weil es unangenehm und geschmacklos ist.  Ein Stück Faschismus steckt also schon drin im Klassizismus. Denn es waren nicht die alten Griechen, die schöne, schlanke Säulen bauten, sondern die faschistischen Römer. Die alten Säulen der Griechen waren wuchtig und erinnerten eher an einen Schweinestall, so wie die in den Sumpf gepfählten Säulen des Poseidontempels in Salerno (Paestum). Aber was soll’s. Goethe verwechselte auch die dorische Säule mit der corinthischen Säule. Von allen vier Seiten steigt man auf breiten Treppen hinan und gelangt jedesmal in eine Vorhalle, die von sechs corinthischen Säulen gebildet wird, schrieb er über die Villa Almerico (La Rotonda). Tatsächlich sind es dorische Säulen. Schönheit ist relativ zum Betrachter und meist ruht sie auf einer ausgeprägten Sinnestäuschung. Hormone und Illusionen, Alkohol und Geilheit, Täuschungen und falsche Vorstellungen prägten und prägen unsere Schönheitsideale mehr als die Wahrheit. Die Wahrheit ist – nun sie ist – ja wo ist sie nur?

Schönheit lässt sich erkennen – ja sicher – aber sie ist nicht neutral. Und die Partei der Schönheit ist nicht immer die bessere Wahl. So manches Abgeschmackte entpuppt sich dann als Inbegriff von Ästhetik. In diesem Sinne besitze ich keine Wasserwaage und bin dennoch menschlich.

 

Streifschuss vom 03. Juli 20

 

Anlass: krumme Rechnungen und enttäuschte Spekulation

 

Die Milchmädchen von der Rentenanstalt (mit Verweis auf die satirische „Anstalt“ des ZDF)

 

Wow! Soziale Marktwirtschaft. John Maynard Keynes dreht sich kurz in seinem britischen Edelgrab und liegt schon wieder so wie immer - am Arsch. Die Grundrente bedeutet im Grunde (und das ist schon der Grund eines Welses im Wasserglas)  maximal  404,86 Euro. Das ist der Wert des Menschen. Da merkt man schon ein wenig, dass sich der deutsche Beamte einst aus den maroden Soldaten nach dem 30jährigen Krieg entwickelten, die man - um sie zu befrieden - in ein stehendes Heer aus Beamten umwandelte. 
Aber was ist das für ein Mensch, der auf so eine absurde Summe kommt.  Auf der Regierungsseite heißt es dazu: Rund 1,3 Millionen Rentnerinnen und Rentner, die in ihrem Arbeitsleben unterdurchschnittliche Verdienste erzielt haben, profitieren künftig von der Grundrente. Dies gilt für viele Frauen und Menschen in Ostdeutschland. Ja klar, das gilt schon. Im Original-Text heißt es dann weiter: „Grundlage sind die Entgeltpunkte (EP), die während des gesamten Versicherungslebens erworben wurden. Der Durchschnitt aller erworbenen Entgeltpunkte muss zwischen 30 und 80 Prozent des Durchschnittsverdienstes liegen (zwischen 0,3 und 0,8 EP). Diese Entgeltpunkte werden dann verdoppelt - maximal auf 0,8 EP. Anschließend wird der Wert um 12,5 Prozent verringert. Damit fällt die Rente umso höher aus, je höher die eigene Beitragsleistung ist.“
Warum? Und wie? Frau A. aus Dresden war 37 Jahre beitragspflichtig beschäftigt und hat etwa 40 Prozent des Durchschnittslohns verdient. Sie hat damit im Jahr durchschnittlich 0,4 Entgeltpunkte in der Rentenversicherung erworben. Ihre Altersrente beläuft sich daher nur auf rund 472 Euro (brutto). Mit der Grundrente bekommt sie zukünftig Altersbezüge in Höhe von rund 862 Euro.
33 Jahre Maloche ist dazu nötig. Egal, was man malocht hat. Und ob man 33 Jahre lang betrogen wurde, weil man weit unter Wert bezahlt wurde. Am Ende ist der Mensch 404,86 Euro wert. Aber nur wenn er seine Haut 33 Jahre lang zu Markte trug. Das wird heiter. Das reicht bei mir im Augenblick für die Miete und das Rauchen. Immerhin. Ich kann ja dann noch in eine Schuhschachtel ziehen. Dann sind auch täglich Nudeln drin. 500 Gramm kosten 3 Euro. Mit Zutaten kann man bei einer günstigen Miete noch täglich Nudeln essen. Wenn man kein Internet, kein Telefon und auch sonst nichts braucht, geht das schon. Die Bücher die man schon besitzt kann man ja behalten und einfach noch mal lesen. Und den alten Computer kann man auch noch benutzen –Internet geht halt leider nicht. Wozu auch! Als alter Knacker braucht man doch keine Informationen über die Welt. Diese Welt  kann einem eh schon schnuppe sein. Also. Insgesamt ist die Grundrente echt eine Anerkennung. Denn man darf weiterleben. Irgendwie. Danke dafür.

 

 

Streifschuss vom 23. Juni 20

 

Anlass: Kleiner Nachruf an die Börse

 

Trennung zwischen Mensch und Börse

 

Ich möchte mich an dieser Stelle bei Markus Braun bedanken. Er hat Großes vollbracht! Er hat all diesen Aktionären gezeigt, was für Vollidioten sie waren (und natürlich immer noch sind), als sie ihn als Heils- und Glücksbringer bejubelten und anhimmelten. Jetzt stehen all diese Aktionäre mit runtergelassenen Hosen da und schauen dumm aus der Wäsche. Das ist toll! Markus Braun bescherte mir damit ein Glückgefühl, das ich lange nicht mehr erlebt habe. Das ist echte Freude, mehr als nur Schadenfreude! Das ist Genugtuung, Erlösung und Wahrhaftigkeit. Es ist so einfach die Gier der Menschen auszunutzen. Als nächstes möchte ich Bilder sehen von Aktionären, die an der Tafel anstehen, aus ihren Luxusappartements vertrieben werden und von Hooligans angezündet. Ich freue mich auf brennende Main-Tower in Frankfurt. Bevor man das alles niederbrennt, sollte man dem  Berater der Deutschen Bank und Unterstützer der österreichischen Volkspartei zwischen Bär und Bulle ein Denkmal setzen. Sein Gesicht sollte als Luminale in den Flammen leuchten. Viva la Braun, Viva la wallet, Viva la Wirecard, Viva la revolución.

 

Streifschuss vom 17. Juni 20

 

Anlass: Wie gesellig ist die Gemeinschaft und wie gemein ist die Gesellschaft?

 

Wenn alle Fliegen Scheiße lieben, dann…

 

Endlich ist sie da, die Corona-APP. Aber sie ist ganz alleine und das macht mich traurig. Ich wünsche mir daher zusätzlich eine Tuberkulose-APP, eine Hepatitis-APP, Grippe-APP und eine APP die mich vor Vollidioten warnt, die so naiv sind eine von der Regierung kostenlos bereitgestellte APP auf ihrer elektronischen Fessel zu installieren. Dann hätte ich noch gerne eine APP die mich vor Schwanz gesteuerten Vergewaltigern warnt,  eine die mich vor Fahrkartenkontrolleuren warnt und eine vor Frau Simmel (die Nachbarin, die mich immer ausspioniert).  Alles nach dem Motto von Generaldirektor Haffenloher: Ich scheiß dich sowas von zu mit meinen APPs, dass du keine ruhige Minute mehr hast. Ich schick dir jeden Tag eine APP, die schickst du zurück, einmal, zweimal, vielleicht sogar ein drittes Mal, aber ich schick dir jedes Mal mehr APPs und irgendwann kommt dann der Punkt, da bist du so mürbe, so fertig und die Versuchung ist so groß, dann nimmst du die APP und dann hab ich dich, dann gehörst du mir und dann bist du mein Knecht. Ich mach mit dir was ich will, verstehst du Junge, ich bin dir einfach über. Gegen meine APPs hast du doch gar keine Chance. Begreifst du das denn nicht Junge, Mensch Junge, ich will doch nur dein Freund sein.

Aber! Der Staat ist nicht unser Freund. Er ist und bleibt ein Leviathan. Mit oder ohne Grundgesetz.

Längst leben wir auch ohne diese fehleranfällige Diskriminierungs-APP in einem Überwachungsstaat. Zwar kann ich noch einkaufen gehen, ohne mein Telefon mitnehmen zu müssen. Das könnte bald ein Gefühl der Freiheit sein, das der Vergangenheit angehört. Wenn der Vorstand von Edeka beschließt, nur noch an Menschen Nahrungsmittel zu verkaufen, die diese APP installiert haben, dann würde ich verhungern. Der Vorstand von Edeka könnte das machen. Sie können uns auch vergiftete Scheiße verkaufen, ohne dass auch nur ein Cent Vorstandsgehälter verloren geht. Im Gegenteil, je brauner die Scheiße ist, die sie uns verkaufen, desto höher sind die Boni. Wenn ein an der Börse notierter Kolonialwarenhändler uns vergiftet nennt man das Kapitalismus. Man könnte jetzt natürlich sagen, sei nicht so zimperlich. Wenn Edeka dir Scheiße verkauft, sei doch froh wenn sie dich nicht mehr rein lassen. Wer also diese APP nicht installiert schützt sich selbst vor Vergiftungen und vor vielen anderen Betrügern, die dir nur Scheiße andrehen wollen unter dem Vorwand, dein Freund zu sein. Der Nachteil ist, dass er verhungert.

Ach ja, natürlich gibt es noch das Grundgesetz, haha!  Artikel 2 - die freie Entfaltung meiner Persönlichkeit - gibt mir zwar auch Vertragsfreiheit. Nur hier ist diese eingeschränkt, weil diese APP – ähnlich wie ein Sicherheitsgurt im Auto – nicht nur mich schützen soll, sondern auch andere. Da meine Freiheit nur bis zur Freiheit eines anderen geht, ist diese APP verfassungsrechtlich erlaubt. Man könnte sie auch zur Pflicht machen. Wer sie nicht installiert muss ein Bußgeld zahlen und wer jemanden ansteckt und es kommt raus, dass er die APP nicht installiert hatte, wird wegen unterlassener Hilfeleistung verklagt.  Nun. Grundgesetz für den Arsch. – In dieser schönen, neuen digitalisierten Welt musst du dein glücklich machendes  Soma täglich nehmen. Denn das Glück des anderen geht nur bis zu deinem Glück.

Also Freunde! Lasst euch weiter mit APPs zu scheißen. Ihr habt weiter die Wahl zwischen Skylla und Charybdis. Anders gesagt: das nennt man heute Demokratie.

 

 

Streifschuss vom 12. Juni 20

 

Anlass: typisch deutsch (typisch grün)

 

Der hat Rasse der hat Klasse

 

Als könne man den Rassismus auslöschen, indem man das Wort streicht. Wie wäre es denn damit, Muttersprache oder Vaterland zu streichen. Beide diskriminieren. Denn schließlich bin ich ein Mann und spreche auch und meine Mutter lebt in dem gleichen Land wie ich. Warum nicht Vatersprache und Mutterland? Oder Schwesterland und Brudersprache, oder Onkelland und Neffensprache?
Klar. Das Wort „Rasse“ ist nicht mehr zeitgemäß. Was könnte man stattdessen sagen? Biologische Herkunfts-DNA? Also: „Niemand darf wegen seiner biologischen Herkunfts-DNA benachteiligt werden.“ Naja, da kämmen doch eine Menge Dopplungen vor. Und „Behinderung“ ist ja auch problematisch. Das heißt heute körperlich oder geistig herausgefordert. Wenn jemand blind ist, wäre das allerdings schon wieder zynisch, ihn als visuell herausgefordert zu bezeichnen. Es ist gut, darüber nachzudenken. Sicher. Aber der Begriff Rasse? Vielleicht noch Phänotyp-Klassifizierung. Niemand darf wegen seiner Phänotyp-Klassifizierung benachteiligt werden. Klingt auch nicht smart. Der gebräuchliche Wortlaut „Ethnie“ von ἔθνος éthnos beschreibt die Abgrenzung durch Selbst- und Fremdzuweisung. Der Ausdruck wurde zunächst nur als Fremdzuweisung benutzt. Ist das wirklich besser?
Etymologisch ist der Begriff „Rasse“ weitestgehend unklar. In der Literatur werden häufig Ableitungen vom lateinischen „radix“ (Wurzel im genealogischen Sinne), von „generatio“ (Geschlecht im genealogischen Sinne, aber auch „Art“, im Sinne von „Wesen eines Dings“), sowie „ratio“ (ebenfalls in der Bedeutung „Wesen eines Dings“ oder „Art und Weise“) beschrieben. Eine alternative Herleitung des Wortes führt nach Spanien und wird als Hispanisierung des arabischen رأس / raʾs / ‚Kopf, Ursprung‘ zu raza gedeutet. Belegt sind einzelne Verwendungen in den romanischen Sprachen seit dem frühen 13. Jahrhundert. (könnte an unserem Stupor mundi liegen. Friedrich II. sprach fließend arabisch, während sein Großvater Barbarossa vermutlich nur schwäbisch schwafelte.)
Also weder ist das Wort „Rasse“ geklärt, noch gibt es zweifelsfrei von jedem Verdacht erhabene Synonyma – abgesehen davon, dass ein Synonym nicht das Phänomen auslöscht. Und es einfach ersatzlos zu streichen wäre eher Blindheit statt Bewusstsein.

Der Nutztierspezialist Hans Hinrich Sambraus definierte Rasse so:

Eine Rasse ist eine Gruppe von Nutztieren, die einander aufgrund ihrer gemeinsamen Zuchtgeschichte und ihres Aussehens, aber auch wegen bestimmter physiologischer (= den Stoffwechsel betreffend) und ethologischer (= das Verhalten betreffende) Merkmale sowie der Leistungen weitgehend gleichen.“

Nun, das trifft doch auf jeden Deutschen zu. Deutsche gleichen sich in ihrer Lust auf Schweinefleisch, ihrer Fußball-Besessenheit und Auto-Narretei. Die Deutschen sehen sich sehr ähnlich mit ihrem Stiernacken und ihrem Hang zur Fettleibigkeit. Typisch für Deutsche ist die Reiselust. Vermutlich ein Zuchtergebnis soldatischer Erziehung. Deutsche kleiden sich einheitlich in Bermuda-Shorts und Sandalen. Sie grölen gerne. Ansonsten sind sie natürlich sehr fleißig, sehr pünktlich und sehr regierungstreu. Ein Deutscher kann keine Revolution. Dazu ist er zu träge und zu ängstlich.

Die deutsche Rasse ist eine Phänotyp-klassifizierte Ethnie die viel Fleisch konsumiert und herstellt, viel auf Reisen ist und gerne mit einem Ball kickt oder zuschaut wenn andere mit einem Ball kicken und dabei grölen sie. Ansonsten sind sie pünktlich in der Arbeit und schuften fleißig für das Bruttosozialprodukt ihres Mutterlandes, äh Vaterlandes. Es wäre schon schade, wenn man nicht mehr nach Herzenslust rassistisch sein könnte. Und es wäre auch problematisch über Trumps orangen Haare herzuziehen, oder Obamas große Ohren. Über Putins Macho-Gehabe (diskriminiert das Geschlecht). Über Robert Habecks Sexappeal. Über den Bauerntrampel Annalena Baerbock. Ich gebe ja zu, dass die Verächtlichmachung einer Person oder Personengruppe eine gefährliche Gradwanderung ist. Nur sollten wir höllisch aufpassen, dass die Wandlung von Sprache nicht der Wandlung des Bewusstseins vorgreift. Der alte Streit darüber, ob Sprache sich natürlich wandelt oder durch gesetzliche Vorgaben gestaltet werden muss, ist damit nicht behoben. Er wird uns weiter begleiten. Lasst uns drüber reden – und nicht gleich vorverurteilen. Sprache sollte auch von den Guten nicht als Instrument der Macht missbraucht werden.

 

Streifschuss vom 11. Juni 20

 

Anlass: Ja nicht auf die Hostie spucken

 

Happy Kadaver Day

 

Der Blutstag, immer 60 Tage nach Ostersonntag. Als ich noch mit Blick auf die Straße wohnte, konnte ich die Prozession beobachten; relativ laut zog sie vorbei. Nah an meinem Fenster. Ich hätte ihnen auf die Köpfe spucken können.

Das blutrünstige Ritual wurde erst im 13. Jahrhundert eingeführt auf der Grundlage eines Blutswunders in Bolsena (liegt in der Region Latium in Mittelitalien). Es war ein an der Transsubstantiation (Wesensverwandlung von Jesus in eine Oblate) zweifelnder böhmischer Priester, der bei der heiligen Messe dort in Bolsena eine Hostie brach aus der dann Blut floss. Das Blut tropfte auf den Altarstein. Papst Urban IV ließ darauf einen Dom bauen, erließ im August 1264 eine Bulle und führte diesen Blutstag ein, als Fest des heiligsten Leibes und Blutes Christi. Die Realpräsenz von Jesus bei der Eucharistie. Federführend war aber Thomas von Aquin, ein Typ der glaubte, dass die menschliche Seele zwischen dem Tod und dem Jüngsten Gericht keinen Leib habe. Da die Zukunft sich bei Eintritt in die Gegenwart materialisiert, könne die menschliche Seele im Tode die Gegenwart nicht sehen. Aber ein toter Mensch kann seine eigene Vergangenheit und die Zukunft sehen, sowie Engel, denn Engel seien rein geistige nicht materialisierte Wesen. Dieser Thomas war Mitautor der päpstlichen Bulle transiturus de hoc mundu (als unser Tschieses die fucking Erde verlassen wollte).
In Goethes (von ihm selbst vorsichtshalber) zensierter Teufelsmesse wird der Ritualkuss nicht umsonst auf den Arsch des Teufels gesetzt, und statt der Hostie erhebt sich in Goethes Faust nur der Schwanz des Teufels; ein beeindruckendes Gemächt vor dem sogar Dominikanermönche in die Knie gehen (P 48 aus Goethes Nachlass). Hervorgegangen ist die Fronleichnamsfeier aus der jüdischen Tradition des Sederabends beim einwöchigen Passahfest. Gedenkend dem Auszug aus Ägypten. Jesus feierte am Gründonnerstag das Sedermahl und brach mit seinen Jüngern das Brot. Für einen guten Christen verbietet es sich, den Vorabend seines Todes zu feiern. Daher verlegte man das Fest. Es ist schon erstaunlich, dass so ein Quatsch die Geschäftsleute noch über 2000 Jahre später dazu zwingt, auf Umsatz zu verzichten. Bei Ritualen geht es um die Gemeinschaft. Es geht um Stabilität und Sicherheit. Doch die Teilnehmer an diesem Ritual sind längst eine versprengte kleine Gruppe und selbst von denen sind sich die meisten gar nicht im Klaren, was Fronleichnam ist. Die meisten Menschen in den katholischen Ländern  waren bisher nur froh, dass es ein Donnerstag ist und der Freitag somit bei vielen zum Brückentag wird und ein hübsch verlängertes Wochenende daraus macht. Die meisten gingen an Fronleichnam grillen, baden oder und haben sich endlich mal wieder ausgeschlafen. Sie nutzten den Feiertag für ganz unterschiedliche Unternehmungen außer eben shoppen. Das eigentliche Lebens-Ritual war damit im Grunde unterbrochen: morgens aufstehen und zur Arbeit latschen. In unseren Corona-Zeiten hat der Happy Kadaver Day allerdings einen sarkastischen Beiklang bekommen. Die bluttriefende Hostie setzt zusätzlich einen tödlichen Virus frei. Die BAD CHURCH tötet nicht nur mit ihrem Kirchenchor, ihre prozessierenden Massen sind Superspreader um diese fucking Erde verlassen zu können, trans hoc Virus sozusagen.

 

Streifschuss vom 08. Juni 20

 

Anlass: Ein Kunde ist eine Person zum Zwecke des Erwerbs eines Produkts oder einer Dienstleistung

 

Am Ende ist der Kunde immer ein Arschloch

 

Auf dem Höhepunkt meiner Corona-Ängste –die ich wie jeder andere auch habe – schrieb ich an die Süddeutsche Zeitung eine kritische und inhaltlich durchaus gemäßigte Email. Während dessen trank ich Bier und im zunehmend berauschten und vom Bier zum Berserker mutierten Zustand beendete ich den Text mit dem abschließenden Satz „Wenn Ihr untergeht, werde ich jubeln“. Gut das war völlig unsachlich. Ich hatte zum Schluss bestimmt 50 Gramm Alkohol konsumiert. Keine Entschuldigung. Doch ein paar Tage später bekam ich einen Anruf. Ein gewisser Andrian Kreye war am Ende der anderen Leitung und wollte von mir wissen, was los sei. Ich entschuldigte mich für meine sprachliche Entgleisung. Schließlich bin ich vom Alter und den sozialökonomischen Verhältnissen her ein wütender, alter weißer Mann. Da macht man so was halt. Betrinkt sich und schreibt wütende Texte und entschuldigt sich hinterher, weil man noch erzogen wurde. Normalerweise liest das ja keiner. Aber in diesem Fall wurde dieser abschließende Satz „wenn Sie untergehen werde ich jubeln“ gelesen. Und nur darauf wurde ich nun von Herrn Kreye festgenagelt. Da ich meine sensible und verängstigte Seele hinter meinen wütenden Texten verstecke, verlief das Telefongespräch mit dem Journalisten der SZ natürlich harmonisch. Und zum Abschluss sagte Andrian Kreye diesen Satz: „Bleiben Sie uns gewogen.“ Erst am Tag darauf fühlte ich dann den tiefen Schmerz, den dieser Satz in mir verursacht hatte. Er beendete unser durchaus angenehmes Telefonat mit einem Werbespruch! Jetzt könnte man sagen, klar, nicht so schlimm wie jemandem zu sagen dass man bei seinem Untergang  jubeln würde. Da haben Sie natürlich Recht. Aber mir wurde dabei klar, warum ich für die SZ keine Empathie aufbringen kann. Dieser Werbespruch nach einem durchaus persönlichen Gespräch offenbarte mir das komplementäre Verhältnis zwischen Leser und Journalist. Ich wurde gar nicht ernst genommen. Meine kritischen Einwände wurden gar nicht thematisiert. Es ging Herrn Kreye die ganze Zeit nur darum, mich als Leser „gewogen“ zu halten. Ich bin Kunde. Nur noch ein Kunde. Kein ebenbürtiger Mensch. Ein Endverbraucher, Zeitungstext-Verbraucher. Schockierend ist das nicht. Es ist sogar abgrundtief banal.  Was sollte ich sonst sein. Ich bin ein Zeitungstext-Verbraucher. Ein Endverbraucher, was schon stark nach Enddarm und überhaupt nach einem Ende klingt. Meine Meinung interessiert die Journalisten nur, um herauszufinden, was ich gerne endverbrauchen würde. Am Ende also scheißen wir die Tagesmeldungen samt Kommentare ohnehin nur aus. Wir wischen uns den Hintern mit den Zeitungstexten. Die Süddeutsche bietet ihre meisten online-Texte nur noch für Abonnenten an. SZplus nennen sie das dann. Damit wird das Zeitungs-(Toiletten)papier in Edelpapier für zarte Ärsche und Recycling-Papier für die groben, prekären Ärsche unterzeilt.  Die digitalen Angebote sind immer häufiger kostenpflichtig. Die Wissensökonomie sortiert uns in arm und reich. Die SZ stellte sogar relevante Gesundheitsinformationen über Corona nur den Abonnenten zur Verfügung. Übrigens war dies auch der Anlass für mich, meinen Berserkerbrief an die SZ zu schreiben. Davon war aber in dem Telefongespräch mit Herrn Kreye nicht die Rede. Bleiben Sie uns gewogen! Für den Arsch.

Streifschuss vom 04. Juni 20

 

Anlass: die negative Berichterstattung der SZ (und anderer deutschnationaler Medien) über die USA

 

Unser Schweine fressendes Kackland

 

„Unser Land ist gescheitert“ lautet eine Schlagzeile der SZ über die USA. Die SZ lässt ja ohnehin keinen Tag verstreichen, um nicht über die USA herzuziehen. Gescheitert? Unfug. Die USA lebt. Während in Deutschland ein paar verwirrte Verschwörungstheoretiker auf die Straße gehen und gegen ihr eigenes Phantasiegebilde demonstrieren, wird in den USA wirklich gekämpft um die Demokratie. Während in Deutschland die Presse auf geradezu erotischem Niveau mit dem politischen Establishment harmoniert, lebt die Presse in den USA. Während in Deutschland die Bourgeoisie seit 100 Jahren gemütlich ihre Aktionäre bedient und jeder das für selbstverständlich hält, offenbart sich der Kapitalismus in den USA ohne Schminke und von diesem Land wird auch die Veränderung ausgehen.
Mich regt diese deutsche Arroganz in der Berichterstattung auf. Antiamerikanismus ist einerseits ein typisches Puzzle-Teil der Querfront-Nazis. Hinzu kommt die alte Antivietnam-Haltung der Linken. Doch wenn die linksliberale Presse auch mit antiamerikanischen Reflexen arbeitet, dann stimmt was nicht. Insofern ist Trump ein sehr unamerikanischer Präsident. Er hat nicht umsonst deutsche Wurzeln. Und im Gegensatz zu Frau Merkel sind die Amerikaner ihn auch bald wieder los. Wir haben in Deutschland seit fast 20 Jahren eine Alleinherrscherin und inzwischen nicht einmal mehr den Hauch einer Opposition. Um Opposition zu erzeugen muss man schon das H-Wort benutzen. Da fragt man sich allerdings auch, ist das die gute alte / neue Kaiserzeit? Alle sind sich doch hierzulande so einig. Polizeigewalt gibt es scheinbar nicht und Biss kommt hier keiner auf. Die Amerikaner haben in ihrer Literatur von Pynchon bis Wallace, von Russo bis Cormac McCarthy, eine Ann Taylor, Neal Stephenson, und so weiter. Bei uns? Einzig noch Dietmar Dath, ansonsten ist die bourgeoise Sippe um Verfassungsrichterin Julie Zeh (das ist eine deutsche Erfolgsgeschichte) versammelt und hechelt unserer großen kaiserlichen Koalition mit feuchten Augen hinterher.
Das was mich also aufregt ist, dass dieses mein Heimatland derart nationalistisch ist und die Kritik an Trump pure Heuchelei darstellt. Unser so gelobter Keynesianismus ist kaum noch der Rede wert. Es handelt sich bei unserem Gesundheits- und Sozialsystem um ein längst kaputtgespartes Dressur-Imperium.  Ein bürokratisches Monstrum, das nur noch den Zweck hat, sich selbst zu erhalten. Aber den eigentlichen Zweck einer vernünftigen Wohlfahrt nicht mehr erfüllt, noch nie erfüllt hat. Denn die Hartz-Gesetze, der Jobcenter, das ist eine Form der Zwangsbeglückung die nicht funktioniert. Dieses kleine Land der Teutschen besteht aus dumpfbackigen Alemannen, die den ganzen Tag Scheiße fressen und es für eine Delikatesse halten. Insofern ist dieses kleine Kack-Land nicht berechtigt das große Land zu kritisieren. Es erinnert mich an einen winzigen Pinscher, dessen lautes Bellen zahnlos ist. Ein zahnloser, Scheiße fressender Zwergpinscher, das ist Germany. Aber ja, sie machen gute Würste. Und wer weiß schon, ob der größte Fleischabnehmer Deutschlands China, nicht uns Covid19 verdankt und es dann wieder zu uns zurück kam, einem Delphi-Orakel gleichend. Wer weiß das schon? Während also in den USA wirklich um Grundrechte gekämpft und Rassismus thematisiert wird, zelebriert das politische Establishment im Verbund mit der deutschnationalen Mainstream-Presse (SZ an der Spitze) den Stillstand und feiert sich selbst. Die USA-Häme der SZ ist ein narratives Hilfsmittel der sich dieser Mittel bedienenden deutschnationalen Presse, sich ihres Ranges zu vergewissern. Doch in Wahrheit besteht dieses Schweinekoteletts grillende und vom Fußball besessene Land aus Barbaren. Man hätte nach 1945 dieses Land von der Landkarte tilgen sollen.

 

Streifschuss vom 02. Juni 20

 

Anlass: Krise und Recht

 

Gesetz ist Gesetz

 

Nicht was dem Volk nützt ist Recht, sondern nur was Recht ist, nutzt dem Volk. Das wird derzeit gerne verwechselt von den Menschen, die aktuell auf die Straße gehen und für ihre Grundrechte demonstrieren. Dennoch ist die Pandemie ein echter Stresstest für den Rechtsstaat geworden und hat uns allen ein Stück Rechtssicherheit gekostet. Teilweise wusste man wirklich nicht mehr, was man noch tun darf und was nicht. In der Krisenbewältigung war der Gleichheitsgrundsatz nicht immer gebührend aufrechterhalten worden. Aber der Wille zur Gerechtigkeit war und ist weiterhin erkennbar. Auch wenn man sich in den Details streiten mag und die Länderchefs das ja – zum Teil leider exzessiv – tun. Ob der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen immer genüge getan wurde, mag bezweifelt werden. Zumal die zitierte Wissenschaft keineswegs für mehr Sicherheit sorgte, sondern zusätzlich für Verunsicherung (der Streit um die Studie von Drosten als Beispiel). Die Pandemie  erzeugte eine Normativität des Faktischen und führte so in das Paradoxon vom Sein auf das Sollen zu schließen. Die Selbstbindung des Staates an sein Recht ist immer schon ein Wille von gestern. Der ideale Staat ist keine Rechtswirklichkeit. Die Anpassung des Rechts im Sinne einer Ermächtigung (§28IfSG) ist der Zeit geborgt. Das Problem außerstaatlicher Normen (wie eine Virus-Pandemie) ist, dass diese sich nicht an Gesetze halten. Der Staat muss darauf reagieren und es auch wollen. Dies Wollen, den Akt das Gesetz zu schaffen und dies Gewollte dann umzusetzen, zeigt: nur wo Macht ist, ist das Recht. Der Wille des Gesetzgebers fällt zusammen mit dem Willen des Gesetzes. Der Text eines Gesetzes entspricht einer Tat. Die Moral in dem Text soll uns in die Gerechtigkeit führen. So ist der Rechtsstaat durchaus ein Schiff auf freier See. Rechtsbedürfnisse ändern sich und der Kapitän oder Lotse unterliegt immer der Gefahr eines Fehlschlusses. Zwischen den Tatsachen und dem Ziel liegen eben die Allegorie - die Auslegung -  und das Handeln nach dieser Auslegung. Die bereits bestehende Gesetzeslage des IfSG ermöglichte dahingehend die Schritte des Staatsschiffs. Die Zukunft wird erweisen, ob sich der Kapitän, der Lotse geirrt haben. Recht hört nicht auf Recht zu sein, nur weil es eine Zeit des Irrtums im Recht gab. Es wandelt sich und hier gilt es anzusetzen. Da die Zukunft weitere Pandemien für uns bereit hält, wandelt sich auch das Rechtsbedürfnis. Der Luxus einer freien Welt in der das Individuum über die Gemeinschaft gestellt ist, bröckelt immer in Kriegs- und Krisenzeiten. Das ist auch nicht neu. Es ist wichtig zu sehen, welchen Weg die Krise weist und dahingehende Maßnahmen der Rekonvaleszenz zu entwickeln. Die Rückkehr zur Normalität kann daher kein zurück sein, sondern ein Hinauf und weiter. Wenn der Rechtsstaat stehen bleibt, zerschellt das Schiff.
 

Streifschuss vom 28. Mai 20

 

Anlass: Wer wie was wieso

 

Warum ist Nebensache

 

Als ich angetreten, war ich ein verwirrter Jugendlicher mit übertriebenen Vorstellungen vom Leben. Enttäuscht von den Fakten drohte Verzweiflung. Aber inzwischen weiß ich, dass es keinen Sinn hat gegen eine Wand zu rennen. Ich renne zwar weiter gegen Wände. Aber ich erwarte mir nichts mehr davon. Ich mache das, weil ich es mir selbst schuldig bin gegen diese Wände zu rennen. Nicht weil es Sinn macht oder andere von irgendetwas überzeugen könnte (sie sind nicht überzeugbar).
Nicht alles was man tut, dient einem Zweck und schon gar nicht anderen. Was man für sich selbst tut ist dieser authentische Irrsinn, den andere nicht verstehen können. Bestimmte Einsichten sind nicht vermittelbar. Sie sind trotzdem Einsichten. Jetzt könnte man sagen, dass sich der Wahn durch die Unteilbarkeit seines Eindruckes ausweist. Aber das wäre voreilig. Denn das Individuum ist doch unteilbar! Ist das Individuum nur ein Wahn? Die Mitteilbarkeit selbst basiert auf der Teilbarkeit. So aber wäre jeder eine Monade mit Türen.
Jeder Raum sollte hin und wieder gelüftet werden, auch der Raum des Individuums. Was dann aber mit der Luftströmung in den Individualraum kommt ist das Problem. Wir haben nur begrenzte Mittel der Mitteilung. Das Bewusstsein ist oft ein Überbewusstsein, weil man sich mehr bewusst ist, als man mitteilen kann. Die meisten Anteile des Bewusstseins sind von anderen nicht wahrnehmbar. Denn Wahrnehmung ist nur eine von sechs kognitiven Fähigkeiten. Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Wille,  Problemlösung, Sprache und Gedächtnis. Sechs extrem komplexe Fähigkeiten die alle zusätzlich miteinander interagieren. Konnte ich es sehen, hören, riechen, spüren? Kann ich mich daran erinnern? Will ich es überhaupt? Habe ich dazu die Sprache, es auszudrücken? Interessiert es mich überhaupt und kann ich die Sache dann lösen?  Und hier soll mir ein anderes Individuum auch noch folgen und die wahre Schnittstelle, die Gemeinsamkeit erkennen, fühlen, lösen und auch wollen? Das ist alles echt nicht so einfach wie wir glauben. Es erfordert Jahre. Und dann wissen wir nicht einmal, ob diese Jahre nicht einfach eine Form der Anpassung sind und der Ursprung unseres Ichs verloren ging. Wer sind wir? Wer bin ich? Wie müßig! Ist dieses Ich ein Wahn? Gemeinsinn schlägt die Individualität. Und doch bleibt dieses Bedürfnis ganz man selbst sein zu wollen und sich selbst als unteilbar wahrzunehmen und auch zu erleben, dies mitzuteilen in irgendeiner Sprache die wir mit mehr oder weniger Aufmerksamkeit verwenden.

 

 

Streifschuss vom 17. Mai 20

 

Anlass: alles Gold bringt keine Ruhe

 

 

Die Maßlosen

 

Wir leben in einer Gesellschaft, in der alles übertrieben wird, einer Übertreibungsgesellschaft. Von exzessiven Nachrichten bis zum exzessiven Sport, von exzessiver Bildung bis zum exzessiven Fun. Diese Gesellschaft wirkt übertrieben. Jetzt hatten wir endlich mal ein paar Wochen Ruhe, und was tun diese Leute? Sie gehen exzessiv demonstrieren dafür, dass sie wieder ihre übertriebene Freiheit haben können. Übertreibung ist eine Form der Maßlosigkeit. Und auch da findet man in Dantes Inferno die passenden Sünder. Denn die Wutbürger verschwenden ihre Lebensfreude.

 

Im vierten Kreis der Hölle bewacht Pluto die Unmäßigen im Nehmen und Verschwenden irdischer Güter. Pluto vereinigt den Gott der Unterwelt Hades und den Gott des Reichtums. Die Einheit des Füllhorns mit dem Todbringer zeigt doch wunderbar, dass jedes Gefäß einmal leer wird. Dass aber nun die Geizigen und die Verschwender die gleiche Strafe bekommen, muss man erklären.

Die Habgier ist als Avaritia weitestgehend bekannt. Geiz ist eine Todsünde, darin sind sich alle einig. Aber die Verschwendung taucht nicht unter den Todsünden auf, dennoch bestraft Dante die Verschwender wie die Habgierigen.
Verschwendung tritt ein, wenn man seine Ausgaben nicht nach seinen Einnahmen bemisst, so die einfache Definition. Die christliche Morallehre unterscheidet verschiedene Typen der Verschwendung. Am Endzweck erkennen wir dann wollüstige, ehrsüchtige, habsüchtige, lernbegierige und fromme Verschwendung.

 

1. Die wollüstige Verschwendung zielt auf sinnliche Gier ab und auf Üppigkeit. Zu denen gehören Leute, die sich ein zu großes Auto kaufen gemessen an ihrem Gehalt, die sich zu teure Kleidung oder technische Geräte leisten und so weiter. Leben heutzutage nicht alle auf Kredit? Das Geld in unserer Geldbörse wurde noch gar nicht erwirtschaftet.

 

2. Die ehrsüchtigen Verschwender opfern ihre Güter der Ruhmsucht. Für das eigene Ansehen, Macht und Herrschaft etwas zu verschwenden ist insofern widersprüchlich, da diese Dinge als soziales Kapital gelten; und Ruhmsucht würde man eher der Eitelkeit zurechnen. Aber auch die Gesundheit zählt zu den irdischen  Gütern. Wer also mehr Ansehen und Macht erringt, als seine Gesundheit verkraftet, ist auch ein Verschwender, nämlich verschwendet er seine Gesundheit. Man kann auch aus Ruhmsucht seine Talente verschwenden, indem man sich verbiegt. "In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes." Diese Zukunft ist bereits eingetroffen.

 

3. Die habsüchtigen Verschwender –das klingt wie ein Widerspruch in sich selbst.  Aber bedenkt man, dass Schönheit und Gesundheit verschwendet wird, nur um noch reicher zu werden, bedenkt man, dass Karrieristen ihr Glück verschwenden nur um reich zu werden, dann kann man durchaus aus Habsucht verschwenden. Jeder Leasing-Vertrag ruht auf diesem Widerspruch.

 

4. Die lernbegierigen Verschwender, die aus Liebhaberei oder bloßer Neugier Wissen ansammeln, was verschwenden denn diese harmlosen Menschen? Nun im Übermaß verschwenden sie sogar ihr ganzes Leben. Der Fürwitz wurde geradezu zum Sinnbild dieser modernen Gesellschaft. Lebenslanges Lernen? Für den Arsch, ehrlich.

 

5. Und jetzt der fromme Verschwender! Frömmigkeit ist Gottgläubigkeit, Rechtschaffenheit im Glauben. Kann man Frömmigkeit verschwenden? Ja, kann man. Nicht wenige Stiftungen haben den Stifter ruiniert. Denn es gibt diese Mildtätigen, die ihr Hab und Gut an die Armen verschenken und am Ende selbst arm sind. Sie sind seltener geworden, aber gar nicht so selten unter denen, die so schon nichts haben. Die Spendenbereitschaft ist bei den Ärmeren statistisch deutlich höher, als bei den Reichen. Man kann aber auch sein Dasein in Andacht verbringen und so das Arbeiten versäumen. Solche Leute verschwenden ihr ganzes Leben, denn Arbeit ist ja tätiger Glaube.

 

Auch wenn die Verschwendung nicht als Todsünde erscheint im Gegensatz zur Habgier, setzte Dante sie in den vierten Kreis der Hölle. Die Verschwender auf ihrer Seite des Halbkreises müssen - wie die Geizhälse - mit ihrer Brust schwere Steinbrocken schleppen, bis zur Grenze. Dort treffen die Verschwender auf die Geizhälse und sie beschimpfen sich gegenseitig der Sünde. Schlecht Geben, schlecht Behalten raubte ihnen / die schöne Welt, bannt‘ sie in solchen Hader, / den ich zu schildern keine Worte suche, lautet die 20. Terzine im siebten Gesang.
Fortuna verteilt die Güter auf der Erde und Vergil meint zu Dante: nun kannst du sehen, mein Sohn, wie kurz der Windhauch / der Güter, die Fortuna anvertraut, / um die das menschliche Geschlecht sich rauft.
Die Sünde der Verschwendung ist eine komplexe Form der Habsucht. Wer das Maß nicht kennt – egal worin – zählt zu den Verschwendern oder den Habgierigen. Darum heißt es bei Dante über den vierten Kreis der Hölle: Ich sah hier Leute, mehr an Zahl wie sonst. Ja, ich denke die Zahl hat sogar noch zugenommen. Denn selten war eine Zeit so maßlos, wie die unsere. Im Verbrauch der Ressourcen, in der Verteilung der Güter, herrscht eine so gewaltige Maßlosigkeit, dass man den derzeitigen Zustand der Erde selten so schief vorfand. Wir leben in einer Übertreibungsgesellschaft. Wir halten sogar ein paar Wochen Ruhe für eine Übertreibung.

 

Streifschuss vom 16. Mai 20

 

Anlass: Rückblick und Ausblick

 

Licht am Horizont?

 

Dort wo man kann, was man will, frage nicht mehr, ist eine gern genutzte Formel Dantes in seiner Göttlichen Komödie. Er meint damit jenen Ort den wir einst sündenfrei bewohnten. Dante betritt diesen Ort zur Mittagszeit, da die Sonne am Zenit steht. Es war tiefste Nacht, als er seine Reise am Limbus (Vorhölle) angetreten, am Rande jenes Trichters den Luzifers Fall in die Erde getrieben hatte.  Durch Reinigung und Stärkung im Fegefeuer gestählt, landet Dante im Paradies. Da dort eigentlich gar nichts mehr passiert, außer irgendwelcher Lichterscheinungen und seligem Dreinblicken, kann sich Dante auch nicht mehr ganz so gut erinnern. Immerhin weiß er noch, wann er im Paradies war, nämlich im Frühling.
Es steigt den Menschen von verschiednen Orten / das Licht herauf der Welt, jedoch von jenem / der vier der Kreise mit drei Kreuzen eint, / tritt es mit beßrem Laub und beßrem Stern /vereint hervor und prägt das irdische Wachs / nach seiner Art mit kräftigerer Wirkung
So steht es in der 80ten und der 81ten Terzine im ersten Gesang des Paradiso. Gemeint sind die vier Kreise der astronomischen Koordinaten, die sich in der Frühlingstag- und Nachtgleiche, dem Äquinoktium überschneiden. Da haben wir jene Großkugel (Ekliptik), die von der Erde aus gesehen die Bahn der Sonne im Verlauf des Jahres gegenüber den Hintergrundsternen zeichnet. Tatsächlich bewegt sich natürlich die Erde um die Sonne. Das wissen wir, auch wenn wir es nicht so sehen. Dann haben wir den begrenzenden Kreis, der den Himmel von der Erde abgrenzt. Den Horizont. Dann gibt es noch eine Rotationsachse, die unsere Erdkugel in eine Nord- und Südhälfte teilt, den Äquator. Und zu guter Letzt haben wir noch den großen Himmelskreis, den Meridian, Zenit und Nadir. Diese vier Kreise überschneiden sich am Äquinoktium. Dort bilden sie drei Kreuze. Diese stehen für die drei theologischen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung. Vier Kreise für die antiken Tugenden (Weisheit, Tapferkeit, Mäßigkeit und Gerechtigkeit) sind erst dann vollkommen, wenn sie Glaube, Liebe und Hoffnung hervorbringen. Nun sah Dante in diesem Zeichen am Himmel ein gutes Omen für die Menschen.

Dieses Jahr war Equinox am 20. März, genau in der Woche, als der Shutdown über uns kam. Genau genommen kam der Shutdown exakt zum Zeitpunkt des Equilux.  Mit „Equilux“ wird ein Kalendertag bezeichnet, an dem auf der Erdoberfläche bei idealem (mathematischen) Horizont die Belichtungsdauer, gemessen zwischen dem ersten Sonnenstrahl morgens und dem letzten Sonnenstrahl abends, genau zwölf Stunden betragen würde. Das war der 17. März.
Wir können nur hoffen, dass die Herbsttag- und Nachtgleiche am 22.September dieses Jahres unter einem besseren Stern stehen wird. Genau am Equilux-Tag, am 26.September 2020 wäre es dann wieder so weit. Aber ich fürchte, da herrscht erneut tiefste Nacht und Dantes Reise beginnt von Neuem.

 

 

Streifschuss vom 14. Mai 20

 

Anlass: Vom Fegefeuer ins Inferno

 

 

 

 

Dann traten wir hinein und sahen keine Sterne mehr

 

Und dort sah ich vier Sterne, die nie ein Mensch seit Adams Zeit erblickt, heißt es im Vers 23 des ersten Gesangs, als Dante das Purgatorium betrat. Diese vier Sterne symbolisieren die vier Kardinaltugenden Platons: Mäßigkeit, Tapferkeit, Weisheit und Gerechtigkeit. Platon spaltete das menschliche Seelenvermögen in einen vernünftigen und einen unvernünftigen Teil auf. Weisheit ist die richtige Ordnung des vernünftigen Seelenlebens, Mäßigkeit wäre ein rechter Umgang mit unserer unvernünftigen Gier, Tapferkeit eine rechte Ordnung unserer Willenskraft.  Gerechtigkeit aber entsteht erst als Harmonie von Weisheit, Mäßigkeit und Tapferkeit. Ein gieriger und übermütiger Dummkopf könnte sich wohl kaum gerecht verhalten. Kluge Leute können gierig sein oder auch übermütig. Es gibt Menschen, die sind derart überzeugt vom rechten Weg, den sie angeblich gehen; niemand kann ihnen je gerecht werden. Man könnte solche Menschen als gierig Überzeugte bezeichnen. Letztlich fehlt es ihnen dadurch auch an Weisheit. Worauf ich hinaus will ist, dass die vier Kardinaltugenden nicht unabhängig voneinander existieren. Man kann nicht feige sein und weise. Man kann nicht faul sein und gerecht, nicht auf gefräßige Weise tapfer und so weiter. Stolz, Habsucht und Lüsternheit sind nicht einfach das Gegenteil der Tugend. Der Lasterhafte ist nicht bloß dem Tugendhaften entgegengesetzt. Es handelt sich vielmehr um eine Disharmonie. In der berühmten Serie Breaking Bad wird die Geschichte des 50jährigen biederen und harmlosen Familienvaters und Chemielehrer Walter White erzählt, der bei einer Routineuntersuchung erfährt, dass er an einem inoperablen Lungenkrebs leidet. Er wird bald sterben. Seine Frau ist gerade mit einem zweiten Kind schwanger. Walter verschweigt die Diagnose seiner Familie. Sein Schwager Hank arbeitet als Drogenfahnder bei der DEA und nimmt den etwas trübsinnigen Walter zu einem Polizeieinsatz mit, um ihn etwas aufzuheitern. Sie nehmen ein Metamphetamin Labor in einer Garage hoch. Während Walter im Auto wartet, beobachtet er wie aus dem oberen Stockwerk des angrenzenden Hauses aus dem Dachfenster ein junger Mann klettert. Der junge Mann flieht. Walter erkennt in ihm seinen alten Schüler Jesse Pinkman. Als Hank wieder ins Auto steigt, verrät Walter nicht, was er gesehen hat. Am folgenden Tag passt er seinen ehemaligen Schüler Jesse ab und macht ihm einen folgenschweren Vorschlag: gemeinsam ein Labor zur Herstellung von Crystal-Meth  zu betreiben. Walter weiß, dass er sterben wird und will vorher noch genug Geld verdienen, um seine Familie finanziell abzusichern. Doch je tiefer er in das Drogenmilieu abgleitet, desto gesünder wird er wieder. Sein Krebs geht in Remission und aus dem biederen Familienvater wird ein Höllenfürst des Drogengeschäftes. Die Bösartigkeit seines Krebses zeigt sich in seinen Handlungen. Walter ist ausgesprochen klug, ein hochfunktionaler Psychopath der seine ganze Umgebung manipuliert und letztlich terrorisiert. Zwar werden die Hauptlaster Stolz, Habsucht und Lüsternheit durchgespielt. Aber sie sind nicht die Antriebsfeder seines Handelns. Es ist immer der Krebs, der ihn antreibt. Er weiß, wenn er es nicht tut wird er sterben.  Maßlos, übermütig und gierig zeigt sich sein Verhalten, weil er durch den Krebs aus dem Gleichgewicht geriet. Die hohen Therapiekosten treiben ihn auf der einen Seite. Andrerseits muss er seine Handlungen geheim halten. Schließlich ist sein Schwager Drogenfahnder. Natürlich kam der Krebs zum Ausbruch, weil Walter immer seine wahre Identität versteckte. Das Inferno, das Walter entfacht breitet sich wie ein Geschwür auf extreme Art aus und bestätigt Hannah Arendts These von der Wurzellosigkeit des Bösen. Das aus dem natürlichen Organismus abgespaltene Gewebe breitet sich aus und frisst alles um sich herum auf.  Gerechtigkeit ist nicht mehr zu erlangen. Und die anfangs erwähnten vier Sterne, die Dante am Eingang zum Purgatorium wahrnimmt, haben keine Leuchtkraft mehr. Macht man den höchst problematischen Vergleich der menschlichen Gesellschaft mit einem Organismus, dann sind 2000 Milliardäre eine Art Krebs und ihr Höllenfeuer brennt letztlich uns alle nieder. Aber der Vergleich hinkt. Es ist viel schlimmer als Krebs.

 

Streifschuss vom 12. Mai 20

 

Anlass: Ein Heiliger in der Vorhölle

 

Noch vor dem äußeren Kreis

 

Im dritten Gesang der göttlichen Komödie tritt der Dichter mit seinem Führer Vergil in eine Art Vorhölle ein. Ein Ort für die Jammervollen, die Gott missfallen und auch seinen Feinden. Also ein Ort, der weder Himmel noch Hölle ist, weil diese Menschen nicht einmal für die Hölle gut genug waren.  Ein langer Zug von Leuten, dass ich nie hätt‘ glauben können, dass je der Tod so viele hätt‘ zerstört. Es sind Unzählige, die in diese Vorhölle geraten, noch diesseits des Acheron. Vermutlich waten sie durch Phlegeton aus Platons Phaiton, einer Art Feuerschlamm der zwischen dem Okeanos und dem Acheron strömt. Diese unzähligen Menschen sind nackt, werden von Fliegen und Wespen ununterbrochen gestochen. Ihre Gesichter sind mit Blut und Tränen vermischt und zu ihren Füßen kriechen eklige Würmer. Sicher fragen Sie sich jetzt, was diese arme unzählige Schar an Menschen verbrochen hat, dass ihnen solch ein trauriges und nie endendes Schicksal widerfuhr? Nichts. Sie haben nichts verbrochen. Weder gutes noch böses. Sie sind die Mehrzahl. Jene Halbmenschen, deren Gleichgültigkeit stets der schlimmste Feind des Großen ist. In der Stoa nennt man es den Adiaphorismus (adiaphora = nicht unterschiedenes). Gut ist die Tugend. Böse ist das Laster. Das Leben, die Schönheit, der Reichtum und sogar die Gesundheit sind sittlich neutral, also indifferent, nicht unterschieden. Sämtliche konventionellen Güter des Lebens fallen darunter. Sie zählen weder zur Tugend, noch zum Laster. 98 Prozent unserer modernen Zivilisation ist sittlich neutral, indifferent und nicht unterschieden. Es ist alles der gleiche Müll. Und Fortschritt bedeutet nur, dass die Menschen nicht mehr an den alten Krankheiten sterben, sondern an neuen.
 Diese Unselgen, die lebend nie gewesen, diese realen Zombies der modernen Welt, wie wir sie in der Innenstadt herum wabern sehen, in den Supermärkten, den Großraumbüros. Sie alle leben bereits in ihrer Vorhölle und wenn sie sterben fressen sie einfach nur die Würmer. Es lohnt sich nicht einmal, sie besonders zu quälen.

Dante erwähnt unter all diesen Zombies einen Bestimmten, der aus Erbärmlichkeit einst Großes ausschlug.  Die Forschung vermutet hinter diesem einen Pietro Angelari. Pietro war das zweitjüngste von zwölf Kindern einer Bauernfamilie aus den Abruzzen. Er verlor bereits im Alter von sechs Jahren seinen Vater und trat mit 12 Jahren in das Benediktinerkloster Santa Maria Faifula ein. Viele Jahre später wurde er auch Abt dieses Klosters. Ca. 20 Jahre blieb er Abt, zog sich aber dann als Einsiedler auf den Berg Murrone zurück. Zu dieser Zeit verehrte man Pietro schon als lebenden Heiligen. Nach dem Tod von Papst Nikolaus IV zog eine Pest durch Rom, die zu einer zweijährigen Sedisvakanz führte. Karl II. von Anjou schlug den heiligen Pietro als Papst vor. Pietro floh erst einmal vor dieser Bürde. Doch trotz seiner Bedenken nahm er schließlich die Papstwahl an. Im August 1294 ritt er unter dem Namen Coelestin V. auf einem Esel in die Stadt L’Aquina ein. Damit wollte er die Menschen daran erinnern, dass das Zeitalter des Heiligen Geistes im Sinne von Joachim von Fiore anbreche. Karl II. holte ihn nach Neapel und sperrte ihn in eine hölzerne Mönchszelle. Pietro hat Rom nie betreten. Nur ein viertel Jahr später im Dezember 1294 dankte Coelestin V. als Papst ab. Er sei krank, unwissend und wolle wieder als Einsiedler leben, gab Pietro als seine Gründe an. Sein Nachfolger wurde Benedetto Caetani, der bereits zum Establishment der Kirche gehörte (als Neffe von Alexander IV.). Er wurde als Bonifatius VIII. bekannt. Nach seinem Tode wurde auf Betreiben des französischen König Philipp IV. ein Häresie-Prozess gegen ihn angestrebt. Von Benedetto gab es unter anderem jene überlieferte Aussage: Paradies und Hölle gibt es nur in dieser Welt, nicht im Jenseits; wer gesund, reich und glücklich ist, hat das Paradies auf Erden.
Und so schlage ich den Bogen zu diesem langen, langen Schuss: In der Vorhölle der sittlich Indifferenten sitzt der feige und ängstliche aber sehr christliche Pietro. Der ziemlich unchristliche aber tatkräftige Benedetto, der das sittlich indifferente als Paradies auf Erden feiert, könnte durchaus auch im Himmel sitzen. Wie köstlich muss ein Himmel sein an den man selbst nicht glaubte, den man nicht einmal verdiente. Und wie teuflisch muss eine Hölle sein an die man selbst nicht glaubte und nicht verdiente?!
Ihr, die ihr ins Leben eintretet, lasset alle Hoffnung auf Gerechtigkeit fahren.

Streifschuss vom 09. Mai 20

Anlass: Fürstenregel

 

sollen die Menschen nicht denken und dichten, müsst ihr ihnen ein lustig Leben errichten; wollt ihr ihnen aber wahrhaft nützen; so müsst ihr sie scheren und sie beschützen (Epigramm von Goethe aus dem Jahr 1815)

 

Über die Kunst, das Leben zu vernichten

 

Nicht Corona hat uns zu Tode erschreckt, sondern die Maßnahmen mit der die Politik Corona bekämpft. Dies erweist sich nun viel schädlicher als das Virus selbst. Der Angriff auf unsere allgemeine Vitalität durch das Lockdown war extrem.  Die Vitalitätsschwächung führte auch zu einem Verlust an Organisation. Viele Menschen haben in diesen Wochen ihre mentalen Reserven aufgebraucht und haben Festigkeit verloren, die für den Alterungsprozess gedacht waren. Das könnte der jungen und mittleren Generation mehrere Lebensjahre kosten.  Zwar wirkt die Retardierung der Lebenskonsumtion dem Verlust an Lebenskraft etwas entgegen, das Leben hat sich in Corona-Zeiten verlangsamt und damit weniger verbraucht wie in den hektischen Zeiten davor. Ich fürchte aber, dass mit den Lockerungen eine Konsumtionsdynamik entsteht mit der das Leben noch schneller und hektischer wird, als vor der Pandemie. Gleich einem ausschlagenden Pendel wird das künstlich ausgebremste Leben noch mehr Fahrt aufnehmen und sich in dieser Geschwindigkeit verbrauchen. Die Schwächung unserer Vitalität führte aber zu einer solchen Desorganisation, dass die Folgen der verstärkten Konsumtion nicht aufgefangen werden können. Man merkt jetzt schon, dass die Regeln dysfunktional sind und den disruptiven Veränderungen des Lebens nicht gerecht werden. Die Strukturlosigkeit während des Lockdown schwächte unsere Lebenskräfte. Eine billige Rückkehr zu den Strukturen die zuvor herrschen, ist nicht mehr möglich. Neue Strukturen wurden aber noch gar nicht gefunden. Es kommt zu einer tiefen Regression im ökonomischen und im ökologischen Verhalten der Menschen. All die zarten Errungenschaften der grünen Umweltpolitik werden über Bord geworfen zugunsten des ökonomischen Wachstums. Doch das ökonomische Wachstum will man mit den veralteten Strukturen erreichen, die noch vor der Pandemie herrschten (und schon da nicht mehr zeitgemäß waren), wie das Beispiel der Automobilindustrie veranschaulicht, oder der Landwirtschaft.  Diese tiefe Regression des Verhaltens wird sich als defizitär erweisen. Denn diese Pandemie war der endgültige Startschuss für den ökologischen Zusammenbruch einer Welt, die mit Massentierhaltung, Überbevölkerung und dem Abbau natürlicher Lebensräume eine dem Leben feindliche Umwelt geschaffen haben. Fäulnis, Kälte und Verwitterung sind die radikalen Folgen. Wasser und Luft sind verseucht, das Licht giftig und statt Wärme herrschen extreme Kälte oder extreme Hitze. Das Virus Covid-19 ist hier ein Symbol für die Konsumtionsbeschleunigung der letzten 200 Jahre. Eine angemessene Reaktion verantwortungsvoller Politik hätte schon vor Jahrzehnten stattfinden sollen. Eine Retardation der Konsumtionsdynamik wäre sinnvoll gewesen. Doch die Gier des Finanzadels sorgte für das Gegenteil. Milliarden Menschen wurden in dieser Dynamik verheizt. Und jetzt wirkte der Lockdown wie ein Katapult für die gehetzte Masse. Die Komplexität unseres globalen Systems führte dazu, dass es keine Maßnahme mehr gibt ohne schwere – ja fatale Nebenwirkungen. Wäre Politik ein vernünftiges Geschäft, dann würde man den Lockdown in gemäßigter Form über die nächsten Jahre beibehalten: durch deutliche Verkürzung der Arbeitszeit, Reduktion der Produktion, deutliche Retardierung des Warenstroms. Diese ökonomische Ruhe würde Milliarden kosten. Nun unsere ca. 2000 Milliardäre verfügen gemeinsam über 10 Billionen Dollar (eine Billion sind eine Million Millionen).

 

Streifschuss vom 04. Mai 20

 

Anlass: §1353 BGB: Ein Ehegatte ist nicht verpflichtet, dem Verlangen des anderen Ehegatten nach Herstellung der Gemeinschaft Folge zu leisten, wenn sich das Verlangen als Missbrauch seines Rechts darstellt oder wenn die Ehe gescheitert ist.

 

Über Sandfrauen

 

Politiker sind im Wesentlichen versessen auf Macht. Ihre Ideale (Wertvorstellungen) sind Vehikel auf den Weg zu dieser Macht, also Mittel zum Zweck. Journalisten wiederum sind im Wesentlichen versessen darauf, diese Macht zu kontrollieren. Auch für sie sind Ideale ein Vehikel auf dem Weg zu diesem Ziel. Die meisten von ihnen hatten am Beginn ihrer Karriere gewisse Wertvorstellungen. Doch ihre Kausalattribution von Vorstellung und Wert unterlag von Anfang an einer Täuschung, eben einer Vorstellung. Da Journalisten und Politiker von Anfang an ihre Werte an der Macht orientieren, sind sie auch von Anfang an von der Macht korrumpiert. Ihre moralische Integrität wurde durch die Berufswahl beschädigt. Im Laufe der Jahre entwickeln Journalisten und Politiker psychische Mechanismen um die Irrationalität ihres Handelns rational zu erklären. Die Anpassungsleistung in ihrer Beziehung können sie nicht offen zugeben. Daher sind Politiker und Journalisten auf geradezu tragische Weise miteinander verbunden. Sie leben und sterben miteinander ohne sich lieben zu können.

 Manchmal sind sie in die eigenen Mittel derart vernarrt, dass sie den Zweck aus den Augen verlieren.  So ist es oft nicht mehr zu unterscheiden, ob jemand seine Ideale verteidigt oder einfach nur sein Ziel aus den Augen verliert. Politiker verteidigen ihre Ideale, ihr Vehikel zur Macht, weil dieses Vehikel ihrem Zweck diente. Wenn sich die Verkehrsordnung auf dem Weg zur Macht ändert, fahren manche weiter ihr altes Vehikel. Das heißt nicht, dass sie charakterfest sind. Eher sind sie dumm und im wahrsten Sinn „vernarrt“ in ihr Machtspielzeug „Ideale“. Die meisten Politiker sind klug genug, ihre Ideale zu wechseln. Natürlich sind Ideale Wiedererkennungszeichen, Markenzeichen. Es gibt in einer Warenwelt keine Ideale, nur Marken.
Journalisten sind nicht weniger charakterlos. Auch sie verfügen nicht über Ideale um ihrer selbst willen. Sie kontrollieren Macht und benutzen die Ideale als Methode der Kontrolle.  Wenn Politiker die gleichen Ideale vertreten wie Journalisten, so muss der Journalist naturgemäß der größere Idealist sein. Journalisten sind in einer Demokratie daher immer besonders demokratisch, im Sozialismus besonders sozialistisch, im Faschismus besonders faschistisch. Das wiederum nötigt die Politiker dazu ihre Wertvorstellungen zu zementieren. Daraus erklärt sich auch die sprachliche Ödnis der Politik: zementierte Werte ohne Inhalt.
Wenn Journalisten andere Ideale als die Politiker vertreten, können sie die Politik nicht gut kontrollieren, da sie auf einer anderen Spur fahren. Politiker misstrauen Journalisten, die nicht ihre Ideale teilen. Der Kontrollverlust wäre für den Journalisten dramatisch. Durch seine Opposition kontrolliert er nicht mehr die Macht, sondern konkurriert mit ihr. Oppositionelle Journalisten werden auf diese Weise selbst politisch und zementieren Werte. Damit sind sie faktisch keine Journalisten mehr. Für Journalisten ist eine gute Beziehung zur Politik  lebensnotwendig. Auf einer Pressekonferenz sollte man sich als Journalist nicht daneben benehmen. Kritischer Rationalismus ist im Kapitalismus immer Opposition.
Aus all diesen Gründen ist die Beziehung zwischen Journalisten und Politikern problematisch. Sie hat immer die starke Tendenz zur Rationalisierung des Telos während man irrational handelt, um zu verschleiern dass der Zweck die Mittel heiligt. Viele der Protagonisten gehen sogar so weit, dass sie das Vehikel heimlich austauschen und das neue in den alten Farben streichen. So erscheinen die Ideale noch wie die alten, längst aber wurde man zum Wendehals.
Journalisten und Politiker sind nicht zur Integrität berufen und müssen sie doch tagtäglich vortäuschen. Beiden ist grundsätzlich zu misstrauen.

 

Streifschuss vom 30. April 20

 

Anlass: Geschichtsstunde

 

Hysteropandemia Porcellus

 

Der Text erschien vor 11 Jahren in einer Lokalzeitung...

 

Am 26. Oktober 2009 begann eine Deutschland weite Impfaktion gegen die so genannte Schweinegrippe. Sie lief sehr schleppend an. Ab dem 02. November 2009 stieg die Nachfrage in der Bevölkerung erheblich. Die Presse hatte in dieser Woche mehrere Todesfälle durch den H1N1 Virus vermeldet. Ein glücklicher Zufall. Glücklich vor allem für das Schweizer Biotec Unternehmen Novartis und das britische Pharmaunternehmen Glaxo-Smith-Kline.

Bereits im Jahr 2005 veröffentlichte das Robert Koch Institut (RKI) folgende Pressemitteilung: "Niemand kann vorhersagen, wann eine Pandemie auftreten wird, aber das Bedrohungspotential ist vorhanden und verdeutlicht die Notwendigkeit von vorbereitenden Maßnahmen.“

Daraufhin wurden 20 Millionen Euro Fördergelder für die Firmen Novartis und GlaxoSmithKline bereitgestellt und die Firmen wurden vertraglich verpflichtet, ihre Produktionskapazitäten so zu erweitern, dass die gesamte Bevölkerung mit einem Pandemie-Impfstoff versorgt werden könnte – das wären zweimal 80 Millionen Dosen.

2009 war es endlich so weit. Schließlich fördert man Firmen mit einem jährlichen Gesamtumsatz von ca. 100 Milliarden Euro nicht umsonst.

Abgesehen davon, wer jetzt noch so alles mitverdiente. Zum Beispiel die Firma Wick, die ein Handgel entwickelte, das Ihre Hände 3 Stunden nachweislich keimfrei hält, egal was Sie anfassen. Das Gel "Erste Abwehr" erhielt man übrigens im Amazone Shop online.

Natürlich bin ich kein Verschwörungstheoretiker, und die 6 bayrischen Todesfälle durch die Schweinegrippe sind ernsthaft zu bedauern. Und natürlich staunt man über die Maschinerie und die Komplexität dieser Maschinerie. Sorgen, wie sie sich Roland Emmerich mit seinem Film 2012 macht, dass die Welt untergehen könnte, muss man sich also bei uns nicht machen. Ein bisschen Hysterie fördert die Durchblutung und den Stellenwert von Ärzten. Sie sind unsere Impfhelden.

Ich wünschte mir allerdings so eine Maschinerie für die 25.000 Hungertoten, die es täglich gibt. Ich wünschte mir Novartis (darunter verbirgt sich auch der Rheinbeschmutzer Sandoz – erinnern Sie sich, 1986 kippten die Basler ziemlich viel Chemie in den Fluss, worüber die Fische nicht erfreut waren) und  GlaxoSmithKline würden einen Plan austüfteln, der die 25.000 täglichen Toten durch bloßes Verhungern verhindern würde. Aber man soll ja Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Außerdem ist es unsachlich, europäische Tote mit afrikanischen Toten zu – nein, Entschuldigung: Das war jetzt unsachlich.

 

Sollte man sich nun impfen lassen oder nicht? Das war Shakespeares große Frage im Winter 2009. Laut einer inzwischen erloschenen Internetseite (schweinegrippe-h1n1.seuchen-info) sollten wir uns vor „künstlicher Panik-Mache hüten“, denn „die Schweinegrippe wird von Experten nicht gefährlicher als eine normale Grippe eingeschätzt.“ Ach so! Alles halb so schlimm?

Im Spiegel online konnte man dagegen lesen: „Global werden Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, die WHO hat eine Pandemie ausgerufen, in Deutschland und anderen Ländern wird massenhaft geimpft: Die genaue Gefährlichkeit von H1N1 wird noch immer analysiert.“

Äh Moment. Die Experten hatten doch eben gesagt, sie sei nicht gefährlicher als die normale Grippe (an der 2003 in Deutschland immerhin auch fast 20.000 Menschen gestorben sind). Und die Experten auf der Schweinegrippeninternetseite bestätigen dies auch: „Bisher ist statistisch gesehen von 1.000 Infizierten – an der Schweinegrippe - nur 1 Person gestorben. Das ist weniger, als bei der jährlichen Grippewelle.“

Also: Die WHO rief die Pandemie Stufe 6 aus (es gibt nur 6 Stufen) und die Experten beruhigten uns, die Presse fütterte uns mit weiteren Todesfällen, und Impfaufrufen – man hatte schon fast ein schlechtes Gewissen, wenn man sich nicht impft.

H1N1, der böse Virus war übrigens schon zweimal auf der Welt. Einmal bei der „spanischen Grippe“, da gab es 20 Millionen Tote, und dann bei der „russischen Grippe“, da gab es 700.000 Tote. Spanisch, russisch. Und daher war eine kurze Zeit das Wort „mexikanische Grippe“ favorisierter Namensgeber. Schweinegrippe hat sich deshalb durchgesetzt, weil erstens die Presse das so nannte, und zweitens sich der Virus aus zwei Viruslinien der Schweineinfluenza (die nur das Schwein betrifft) entwickelt hat. Schwein gehabt?

Natürlich sterben auch immer wieder Menschen an den Impffolgen, wie zuletzt ein Mann aus Thüringen. Aber da folgt schnell ein Dementi, der Mann hat vorher schon was gehabt. Er war also vorher schon krank. Jetzt ist das blöd, denn impfen lassen sollen sich ja vor allem die Risikogruppen. Also Menschen, die vorher schon was hatten. Andererseits haben wir auch schon gelesen, dass gerade die Gesunden besonders leicht an dieser speziellen Grippe sterben.

Die Verwirrung ist also recht groß. Verwirrt sind übrigens nicht nur Sie, lieber Leser, sondern offensichtlich auch die Experten, oder die, die man uns glauben machen will, dass sie es seien. Verwirrung, sagte allerdings schon der große chinesische Philosoph Konfuzius, sei der Beginn der Weisheit.

Und in diesem Sinne hofften wir damals einfach nur, dass der Winter vorübergehen würde und wieder die Sonne scheint, denn ab 22 Grad Celsius stirbt der Virus. Bis dahin: viel lüften, oft die Hände waschen, und sich nicht allzu oft an die Nase greifen. So war das damals vor 11 Jahren. Krass!!

 

In diesem Sinne: Bleibt gesund.

 

 

 

 

Streifschuss vom 19. April 20

 

Anlass: worüber man nachdenken sollte

 

Der Tod ist das, was ist.

 

Der große Teil der Menschen ist nicht zurechnungsfähig, da sie so eine Folterkammer wie das Dasein verehren. Das einzige worüber sich das Nachdenken lohnt, ist die Ewigkeit die danach kommt. Und genau dieses Denken verweigern 99 Prozent der Menschen. Insgesamt blieben da ja noch 70 Millionen Menschen übrig. Daher sind 99 Prozent immer noch eine allzu menschenfreundliche Schätzung. Nein, es dürften annähernd 100 Prozent Denkverweigerer sein. Man sollte nicht den Fehler machen, Theologen als denkende Wesen zu betrachten. Theologen imaginieren nur das Denken, denn ihr Geschäft ist es zu glauben. Das Nachdenken über irdische Angelegenheiten ist nicht relevant. Es lohnt sich nicht über ein Ereignis nachzudenken, was für den Denkenden selbst nur ein winziges, blitzartiges Aufleuchten ist. Das Leben ist nur eine Augentäuschung. Wirklich relevant ist der Tod. Wer erst durchschaut hat, dass das Leben eine qualvolle Illusion ist, die vor allem durch seine süßen Beigaben am intensivsten quält, wer das erst durchschaut hat, der lässt sich auch nicht von einem Gott oder ähnlichem Unfug trösten.
Drei Uhr nachts, ein Blick in den Himmel. Es ist still, sogar die Vögel schlafen. Nichts. Ein nahezu unendliches Universum ist nahezu unendlich tot. Es ist auf der Erde ein jammervolles Gewimmel (Lachen und Weinen lässt sich aus der Distanz nicht mehr unterscheiden) isoliert und allein in einer toten Unendlichkeit. Klingt das wahrscheinlich? Klingt das realistisch?  Tot oder lebendig? Es gibt diese Unterscheidung vermutlich gar nicht. Die stille Unendlichkeit macht es wahrscheinlicher, dass es auch hier auf der Erde still ist. Aber woher kommt dann die Illusion? Welcher Quelle bedient sich die Illusion? Verfall, Auslöschung, Dunkelheit, modernde Knochen, erlöschende Kerzen, eine Tür schließt sich, eine Sanduhr läuft ab. Unsere Ikonografie des Todes ist prozesshaft. Den kompletten Tod, dieses Nichts können wir nicht zeigen, nicht malen, nicht dichten. Wir sind derart von Leben eingeschlossen, dass man es durchaus als einen Wahn betrachten kann. Alles im Leben ist ungewiss. Die einzige Gewissheit die ein Mensch hat ist, dass sein Leben erlischt. Blicken wir nach vorne, blicken wir ins Nichts. Blicken wir zurück in eine Zeit in der wir noch nicht waren, blicken wir in die bloße Zeichenhaftigkeit. Wir können das Leben nicht festhalten, die Zeit rinnt uns durch die Finger. Alles vergeht. Das was bleibt, quod quid est, ist das Vergehen. Die Heacceitas löst sich dabei immer auf. Das Besondere verliert sich immer und bleibt zeichenhaft zurück. Da ich nun ein Besonderes bin, als Individuum, werde auch ich mich auflösen und es bleibt Zeichenhaftes von mir zurück. Das was ist, ist das Vergehen. Das was ist, ist der Tod. Was sich überall im Tod als Besonders befindet, löst sich im Tode auf und bleibt als Zeichen zurück. Der Wahn, die Illusion, das Symbol, das Zeichen. Der Tod ist das, was ist. Was wir fest halten, zerfällt in unseren Händen zu Nichts. Was bleibt ist das, was zurück bleibt (Asche). Die Quelle unserer Illusion zu leben, ist der Prozess des Todes.

 

Streifschuss vom 18. April 20

 

Anlass: Medizinische Irrtümer

 

Der Odem des Lebens

 

Eine alte Inschrift in Rom ist dem Äskulap geweiht.  Äskulap ist der antike Gott der Heilkunst. Seine Mutter hieß übrigens Koronis. Koronis war die Schwester von Ixion, dem ersten Mörder in der antiken Mythologie.
 In dieser alten Äskulap geweihten römischen Inschrift wird ein gewisser Clodius Hermippus erwähnt, der 115 Jahre und fünf Tage alt wurde dank des schweren Atems junger Mädchen.
Sowohl die Römer als auch die Griechen maßen dem Anwehen eines reinen gesunden Atems hohen Wert bei. Hermippus war angeblich Mädchenschulmeister. Dadurch wurde er schon rein beruflich oft angeweht. Auch im Hochbarock blieb man bei dieser Heilmethode. Man solle sich, so ein Doktor Cohausen morgens und abends von kleinen unschuldigen Mädchen anhauchen lassen, dies würde zur Erhaltung der Lebenskräfte viel beitragen.  Dieser Johann Heinrich Cohausen war im 18. Jahrhundert Leibarzt des Bischof von Münster, aber er schrieb auch Medizin-satirische Texte zusammen mit seinem Neffen Salentin Cohausen, der ebenfalls als Arzt tätig war. Es mag sein, dass es sich in diesem Fall um einen Scherz handelte, aber die Gerokomie ist als Altenfürsorge seit Galen bekannt. Nun haben wir Alten zurzeit kein leichtes Leben, denn all die jungen Mädchen tragen einen Mundschutz und können uns daher nicht anwehen.  Daran denkt die Regierung wieder nicht in ihrer Kurzsichtigkeit. Die Mundschutzpflicht sorgt für ein vorzeitiges Schwinden der Lebenskräfte alter Menschen, weil sie nicht mehr vom Atem junger Menschen angeweht werden können. Was für ein fataler Irrtum unserer Regierung!!

 

Streifschuss vom 17. April 20

 

Anlass: Fahrstuhl-Gate in der Uni-Klinik in Gießen im April 2020

 

 

Alles so unnütz

 

Zur Ästhetik des Rechts schreibt Gustav Radbruch diesen wunderbaren Satz: Nur der Banause fühlt sich in jedem Augenblick als fraglos nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft.  In der Tat. Das stimmt sogar vom Wortgehalt her. Denn banausos waren im antiken Griechenland Menschen, die am Ofen arbeiteten, nicht frei geborene Kunsthandwerker, solche die ihren Lebensunterhalt durch körperliche Arbeit verdienen mussten. In diesem Sinne sind die Künstler, Journalisten,Anwälte und Politiker keine Banausen. Sie sind damit auch keine nützlichen Glieder der Gesellschaft. So schreibt Radbruch weiter: Der Schuhmacher des Sokrates wusste, wozu er auf der Welt sei: nämlich dem Sokrates und den Andern Schuhe zu machen; Sokrates wusste nur, dass er es nicht wusste. Viele Politiker wissen aktuell nicht mal das. Sie scheinen nicht an sich zu zweifeln. Sonst wäre das Foto, das einen mit Politikern vollgestopften Aufzug zeigt nicht vorstellbar. In ihren Pressekonferenzen mahnen sie die Menschen in zum Teil martialischen Worten an, Abstand voneinander zu halten. Aber selbst?  Die Erbärmlichkeit dieser Heuchler verletzt das Rechtsgefühl jedes anständigen Bürgers. Und man wäre versucht, die Worte der Politiker nicht mehr ernst zu nehmen. Ganz offensichtlich sind Worte, die so ungelebt gesagt werden, ohne Bedeutung. Aber! Politiker sind keine Banausen, keine nützlichen Glieder der Gesellschaft. Dass gerade sie in Zeiten der Kontaktsperre im Rudel ein Krankenhaus besuchen und die Banausen die darin arbeiten von ihrer Arbeit abhalten, sich dann (wie doof  kann man sein!) im Rudel in einen Aufzug zwängen und sich darin auch noch von einem Journalisten (was macht der hier?- eben er ist auch kein Banause) fotografieren lassen, das zeichnet nutzlose Glieder der Gesellschaft aus.  Es sind die nutzlosesten von allen, die Journalisten und die Politiker (auch die Künstler natürlich), die derzeit am meisten über Corona schwätzen. Der Rest der Gesellschaft sind Banausen. Sie müssen arbeiten. Sie haben keine Zeit für Pressekonferenzen oder Fototermine in einem Krankenhaus. Oder Streifschüsse zu schreiben. Was sagt uns das über die Abstandsregel? Genau! Abstand halten von Nicht-Banausen (ehemals Aristokraten genannt).

 

Streifschuss vom 16. April 20

 

Anlass: Plädoyer für eine dauerhafte Mundschutzpflicht, um die dummen Gesichter nicht mehr sehen zu müssen

 

Bildung als Ware führt zum Organversagen des Gehirns

 

 Als Geistesarbeiter liefere ich seit Jahren den Geist ab, den meine Auftraggeber von mir verlangen. Die Streifschüsse sind in dieser Hinsicht Entlastungstexte von dem Druck konformes Wissen zu produzieren. Ein Wissen, das als Ware in einem Regal steht und keine längere Haltbarkeit mehr aufweist als unsere Billigwaren in den Discountern. Jetzt wird  von mir zusätzlich verlangt, dass ich diese Ware neu verpacke als Online-Ware. Muckt man dagegen auf, dann wird einem die Ware nicht mehr abgenommen. Es gibt wohl genügend Geistesarbeiter, die konforme Geistesware produzieren können und deren Anpassungsfähigkeit die Lust originell zu sein überbietet. Ein Ersatzarbeitsheer steht bereit und kann jederzeit verhindern, dass kritische und sich selbst hinterfragende Bildungsangebote auch nur in die Nähe des Konsumenten geraten. Bildung ist hier bestenfalls Selbstoptimierungs-Design. Dabei sind – meine eigenen Dozierungen mitgezählt – die meisten warenförmigen und den Regalen angepassten Bildungscerealien überzuckert. Langfristig führt der Genuss warenförmiger Bildungscerealien zu geistigem Diabetes, einer intellektuellen Neugier-Intoleranz. Es ist eine Folge der Angepasstheit, der Gleichförmigkeit und der durch viel, viel Zucker schmackhaft gemachten Angebote. Man muss darauf achten, die Kunden nicht zu verschrecken. Man darf ihnen nicht den Mut nehmen, nicht zu kritisch sein. Man darf nicht Partei ergreifen. Als gäbe es wirklich parteilose Bildung! Bildung ist – das Wort „Bild“ drückt es schon aus – keine Ansammlung von einzelnen Wissenspunkten.  Es reicht nicht, dies und das zu wissen. Bildung ist ein Bild, eine Komposition, entsteht überhaupt erst durch den Zusammenhang des Gewussten.  Die Vorstellungskraft (die ja originalsprachlich dahinter steckt) eines Menschen ergibt sich vor allem durch die Fähigkeit zu erkennen, was man nicht weiß. - Hier endet meine Vorstellungskraft / das kann ich mir gar nicht vorstellen / unvorstellbar - Ziel war es immer, den Menschen vom Leviathan zu befreien, nicht ihn hörig zu machen. Bildung soll keine Droge sein. Doch warenförmige Bildung zielt immer auf Kundenbindung.

Wenn Sie ein abstraktes Gemälde betrachten, können Sie nie abschließend sagen: So, jetzt habe ich es lange genug betrachtet, jetzt weiß ich genau Bescheid. Der Unterschied zwischen echter Bildung und den Bildungscerealien ist, dass letztere schnell verdaut und ausgeschissen werden. Die Halbwertszeit von Bildung die als Frühstücksflocken im Angebot sind, ist begrenzt. Daher muss man immer wieder nachbestellen und erneut das entleerte Gehirn auffüllen. Warenförmige Bildung erzeugt systematisch Dummheit. Echte Bildung kennt gar keine Grenzen, weil sie kein Ort ist, sondern eine Utopie. Es gibt sie nicht. Wer sich also für „gebildet“ hält, ist ein Spinner, ein Phantast, glaubt er doch an ein Reich jenseits dieser Welt. Bildung lässt sich nicht konsumieren.

Aktuell haben die Schulen und Universitäten keine Systemrelevanz. Man kann sie problemlos geschlossen halten und auf den ganzen Bildungsquatsch verzichten. Für das Überleben in einer Pandemie ist Wissen unerheblich. Derzeit sind andere Waren gefragter. Weshalb sollen die jungen Leute eigentlich ihr Abitur machen, wenn es ohnehin keine Relevanz hat? Weshalb sollte man ein Buch lesen, wenn man einen Söder hat? Unsere Virologen hingegen sind ganz überraschend und gerade noch rechtzeitig vom Himmel gefallen, um uns mit einem zukünftigen Impfstoff zu retten. Danach fliegen sie alle wieder zurück zu dem Planeten von dem sie gekommen sind.

‚Ansonsten reicht es aus, ein paar nette Videos im Internet anzuschauen und schon weiß man Bescheid. Der Nahrungsgehalt von Cornflakes steigt durch die hinzugegebene Milch. Was zählt ist nicht das Wissen, sondern die Warenform des Wissens. Daran verdient der Gelehrte am allerwenigsten. Außer, der Gelehrte ist selbst schon zur Ware verformt worden. Der Bildungsmarkt liefert keine Bildung, sondern Bilder. Abbilder einer längst schon totalitär verformten Gesellschaft, die gar nicht mehr mitbekommt, was man derzeit mit ihr anstellt. Die Absurdität eines vernünftigen Unrechts (Kontaktsperre ist vernünftig, aber Unrecht im Sinne unserer Verfassung) wird achselzuckend hingenommen. Man klebt sich einen billigen Mundschutz vors Gesicht und glaubt sich geschützt. Doch dieser Mundschutz verdeckt nur die Dummheit, die man einem ungeschützten Gesicht gleich ansehen würde. Um die dummen Gesichter der Menschen nicht mehr sehen zu müssen, plädiere ich hiermit für eine dauerhafte Mundschutzpflicht.

Streifschuss vom 13. April 20

 

Anlass: Ave, Caesar, morituri te salutant

 

Nun haben wir’s an einem andern Zipfel, was ehmals Grund war, ist nun Gipfel

 

Viele glauben ja, es sei nach Ostern alles wieder gut. Dabei ist das erst der Anfang vom Ende. Der Mensch ist ein abgrundtief lächerliches Wesen. In Zeiten wie diesen offenbart sich diese Lächerlichkeit im Höchstmaß. Gerade aktuell versucht man die Alten vor den Jungen zu schützen, oder man hofft auf einen Neuanfang, auf bessere Zeiten. Der Bullshit an Sozialromantik ist herzzerreißend komisch.
In Goethes Faust gibt es dazu im zweiten Akt des zweiten Teils diese wunderbare Stelle, wo sich Mephistopheles noch einmal den Mantel von Faust umhängt und auf den ehemaligen Schüler trifft, dem er damals dazu riet Medizin zu studieren und in sein Stammbuch schrieb: Eritis sicut Deus scientes bonum et malum. Also die berühmte Stelle aus der Genesis „Ihr werdet sein wie Gott und wissen von gut und böse.“ (1. Moses 3, 5). Wie wir wissen, ging das nicht gut aus mit der Schlange.

Der ehemalige Schüler ist inzwischen Baccalaureus geworden, hat also den niedrigsten akademischen  Grad erworben und fühlt sich damit ziemlich großartig. Die Welt der Alten verabscheut er, nennt es Erfahrungswesen! Schaum und Dust! Und er hält das, was man bisher wusste gar nicht für wissenswürdig.  Die Welt, sie war nicht, eh‘ ich sie erschuf; die Sonne führt‘ ich aus dem Meer herauf… auf meinen Wink, in jener ersten Nacht, entfaltete sich aller Sterne Pracht. Wer, außer mir, entband euch aller Schranken philisterhaft einklemmender Gedanken? Ich aber frei, wie mir’s im Geiste spricht, verfolge froh mein innerliches Licht, und wandle rasch, im eigensten Entzücken, das Helle vor mir, Finsternis im Rücken. So brüstet sich der frisch gebackene Bachelor und hält seine Welt für die erste Welt überhaupt. Alles ist für ihn neu und daher weiß er auch am besten damit umzugehen. Ebenso findet der junge Bachelor, das Alter ist ein kaltes Fieber im Frost von grillenhafter Not. Hat einer dreißig Jahr vorüber, so ist er schon so gut wie tot. Am besten wär’s euch zeitig totzuschlagen. Auch ist der junge Bachelor der Meinung dass nur frisches, junges Blut wirklich lebendig ist und er will sich auch nichts mehr sagen lassen von den Alten. Mephistopheles bleibt jedoch entspannt. Er winkt geradezu ab und lässt sich nicht provozieren. Original, fahr hin in deiner Pracht! –Wie würde dich die Einsicht kränken: Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken, das nicht die Vorwelt schon gedacht? – Doch sind wir auch mit diesem nicht gefährdet, in wenig Jahren wird es anders sein: Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet, es gibt zuletzt doch noch e‘ Wein. Dann wendet sich Mephistopheles zu ein paar jüngeren Studenten, die im Parterre sitzen mit den Worten: Ihr bleibt bei meinem Worte kalt, euch guten Kindern lass ich’s gehen; bedenkt: der Teufel, der ist alt, so werdet alt, ihn zu verstehen.

Aus den jungen Hitzköpfen wird also irgendwann auch ein alter grauhaariger Mensch mit Erfahrungen. Daher muss man eigentlich nur abwarten und es wiederholt sich ein ums andere mal. Wissen baut auf Wissen auf,  und die Jungen wiederholen in eigenen Worten doch nur, was die Alten gedacht haben, als sie jung waren. Um den Teufel zu verstehen, muss man wirklich alt werden. Das heißt im Grunde sollte man mehrere Generationen überblicken können. Wenn es in Goethes Faust ein Plädoyer für die Beschäftigung mit Geschichte gibt, dann doch wohl an dieser Stelle. Doch das Plädoyer kommt von einem Geist der stets verneint. Und so wird der Mensch auch diesmal nicht wirklich aus der Krise lernen. Wenn sie vorüber ist, wird er versuchen, nicht mehr daran zu denken, denn jetzt geht es um den Wiederaufbau. Da hat man keine Zeit dafür ein Trauma zu bearbeiten. Dazu fehlt auch die nötige Kapazität. Angesagt ist Restauration. Das ist auch vernünftig, denn die Alternative hieße Revolution. Nur mit was? Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken, das nicht die Vorwelt schon gedacht? Revolutionen schaffen nur Zerstörung und stellen danach das Alte wieder, Restauration stellt das Alte auch wieder her nur mit etwas mehr Patina. Gewonnen ist in beiden Fällen nichts.
So wird auch das Finale in Goethes Faust verständlich, als der schon erblindete Faust ausruft: Es ist die Menge, die mir frönet, die Erde mit sich selbst versöhnet, den Wellen ihre Grenze setzt, das Meer mit strengem Band umzieht. Doch Faust irrt sich, denn die Arbeiter bauen keineswegs seinen ersehnten Kanal, sondern schaufeln gerade sein Grab. Mephistopheles antwortet dem blinden Faust daher:  Du bist doch nur für uns bemüht mit deinen Dämmen, deinen Buhnen; denn du bereitest schon Neptunen, dem Wasserteufel, großen Schmaus. In jeder Art seid ihr verloren; - die Elemente sind mit uns verschworen, und auf Vernichtung läuft’s hinaus. Bis zum bitteren Ende glaubt Faust an das verheißene Glück. Doch Die Zeit wird Herr, der Greis hier liegt im Sand. Aus die Maus und nix war’s.  Das Leben am Ende ein überschätzter Zeitvertreib voller Illusionen und vorbei und reines Nicht, vollkommnes Einerlei! Was soll uns denn das ew’ge Schaffen! Geschaffenes zu nichts hinwegzuraffen! „Da ist’s vorbei!“ Was ist daran zu lesen? Es ist so gut, als wär‘ es nicht gewesen, und treibt sich doch im Kreis, als wenn es wäre. Ich liebte mir dafür das Ewig-Leere.

Es ist erstaunlich, dass noch heute so viele Illusionen herrschen und die Menschen, die heute leben immer noch irgendeine Hoffnung haben, als wäre es jemals besser gewesen oder könnte jemals besser werden. Wie viel Jahrtausende Geschichte brauchen wir denn noch, um alt genug zu werden um den Teufel zu verstehen? Obwohl das Haus immer und immer wieder schlecht gebaut wird und alles doch nur auf kurze Zeit geborgt. Die Menschen als animal rationale zu bezeichnen ist daher zutiefst lächerlich. Ernst Cassirer bezeichnete den Menschen als animal symbolicum und dürfte damit mehr Recht haben. Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis; das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis. Oder mit dem Worten von Mephistopheles: Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht; drum besser wär’s, dass nichts entstünde. So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, mein eigentliches Element.
Ob jung oder alt. Die Jungen wollen zerstören, um ihre eigene Welt zu bauen, leugnen dabei das scheinbar Bestehende, um dann doch nichts besser zu machen. Die Alten sind schon fast zerstört und klammern sich an die alte Welt und verhindern dass etwas besser werden könnte, leugnen dazu das Unvermeidliche. Beide sind sie lächerlich. Sie schaffen nur Symbole.

 

Doch wie sagte schon Samuel Beckett?

 

Hütet euch vor Symbolen.

 

Streifschuss vom 12. April 2020

 

Anlass: Es bereitet mir physische Schmerzen, wenn ich spüre dass Sie denken.
(Sherlock Holmes zu Ms. Hudson).

 

Wie die Hunde

 

Die meisten – auch tödlichen - Unfälle geschehen zu Hause. Wir sterben wie die Hunde. Gut, die Medizin hat Fortschritte gemacht. Wir sterben wie gut gepflegte, gut sedierte Hunde mit einer guten Krankenversicherung. Aber immer noch wie Hunde. Das wirft Fragen auf über die  – nebenbei bemerkt - nicht verfassungskonforme Ausgangssperre. Und es verweist auf die Ironie des Todes. Der Kaufmannsgehilfe Ismael reiste im Auftrag seines Herrn nach Bagdad, als er am Marktplatz angerempelt wurde. Ismael drehte sich empört um, und wollte den Rempler beschimpfen. Doch da fuhr Ismael der Schrecken in die Glieder, denn er blickte dem Tod ins Angesicht. Der Tod entschuldigte sich höflich bei ihm und ging seiner Wege. Ismael jedoch ließ alles stehen und liegen und rannte auf direktem Wege zu seinem Herrn zurück.
„Und?“, frage ihn sein Herr, „warum hast du deinen Auftrag nicht erfüllt?“
„Herr“, antwortete Ismael – er war immer noch ganz blass im Gesicht, „ich bin meinem Tod begegnet in Bagdad und ich muss noch heute nach Samarra um mich vor ihm zu verstecken.“ Der Kaufmann nickte und gewährte seinem Diener diese Bitte. Aber er reiste dann selbst nach Bagdad, um die Geschichte seines Dieners auf seinen Wahrheitsgehalt zu prüfen. Und tatsächlich! Am Marktplatz saß der Tod gemütlich bei einer Haschpfeife und rauchte.
„Du da“, sprach ihn der Kaufmann streng an. „was denkst du dir, meinen Diener anzugehen?“
„Aber mein Herr“, antwortete der Tod, „ich war nur überrascht euren Diener in Bagdad zu treffen, wo ich doch erst heute Abend in Samarra mit ihm verabredet bin.“

Die Geschichte ist Tausend Jahre alt. Wenn Sie dem Tod heute Abend auf der heimischen Couch begegnen, dann wundern Sie sich nicht. Sie waren mit ihm verabredet.

 

Streifschuss vom 06. April 20

 

Anlass: Verzerrte Welten

 

Bitte bleibt vernünftig

 

Psychologen sind zunehmend der Ansicht, dass Vernunft, also rationales Denken, wenig mit Intelligenz zu tun hat. Zur Osterzeit neigen die meisten Menschen dazu, in der oberen Abbildung einen Hasen zu sehen. Das ist verständlich. Aber hat ein Hase wirklich etwas mit der Kreuzigung von Jesus zu tun? Produkt-Werbung, Presse, Predigt, Politik, Pantomime. Diese Alliteration ermöglicht es Menschen einen Bären aufzubinden und ihnen dann weiszumachen, es sei ein Hase. Wenn ich nun einen Hasen mit einer Ente verwechsle (hier spiele ich mit dem Homonym Ente), dann hat das nichts mit meiner Vernunft zu tun, sondern mit meinem Verstand. Nach Immanuel Kant ist Vernunft ein von meiner sinnlichen Wahrnehmung unabhängiges Erkenntnisvermögen.

 

Der Verstand braucht Augen, Ohren, Nase und Mund,

die Vernunft nur einen Grund.

 

So dichtete einst der Philosoph Peter Hase in seinem heute nur noch selten gelesenen Werk „Schau an“, in der Hase sich auf den Vernunft-Begriff von Meister Eckhart bezieht. Der schwedische Kulturwissenschaftler Arne Anka hat in seiner Monografie Kaninen är gratis dargelegt, dass Hase einen prozesshaften Vernunftbegriff unterstellt. Der polnische Linguist Piotr Kaczka versuchte in seinem Buch Źle króliczki eine Widerlegung dieser von Anka in die Welt gesetzten These. Kaczka zeigt auf, dass Hase mit dem mittelalterlichen Begriffspaar ratio und intellectus arbeitete, in der die Bedeutungen gegenüber der ursprünglich bei Platon vorgedachten Inhalte umgedreht wurden. Aus Ratio wurde Intellectus und aus Intellectus wurde Ratio. Anka spottete im Tagbladet seinerseits, dass Linguisten die Welt ohnehin verdreht sähen, sonst könne man keine Wortglauberei betreiben. Von einer Reaktion Kaczkas ist nur die Anekdote überliefert, dass er beim Lesen der Übersetzung den Kopf geschüttelt habe. Niemand weiß genau, ob das an der Übersetzung vom Schwedischen ins Polnische gelegen hat, oder am eigentlichen Inhalt von Ankas Spott.

Der italienische Komponist Guiseppe Lepre hat in den 1960er Jahren eine moderne Oper geschrieben in der dieser Diskurs zwischen Kaczka und Anka ironisch verarbeitet wurde. Lepre wählte dazu die chinesische Pentatonik mit großen Intervallen. Damit wollte Lepre zum Ausdruck bringen, wie weit Vernunft und Verstand auseinander gehen. In diesem Sinne: Bitte bleibt vernünftig – wenn ihr mich versteht.

Streifschuss vom 02. April 20

 

Anlass: positives Denken (ohne Hintergedanken)

 

Über Sachen die gut sind
– de bono

 

Schlecht ist ja vieles. Menschen sterben, verlieren ihre Existenzgrundlage, drehen durch. Autokratische Strukturen kehren mit Wucht zurück. Die Ungewissheit hat schon jetzt kollektiv traumatisiert. Was ein kollektives PTBS aus uns macht? Gar nicht auszudenken. Und doch gibt es auch Gutes zu berichten. Menschen die anderen Menschen helfen. In manchen Weltgegenden sehen die Kinder zum ersten Mal den Himmel, weil sich der Smoke auflöst.

 

Hier mal meine kleine Liste mit zehn guten Sachen:


1. Ich entdecke meinen eigenen Biorhythmus. Wenn ich müde bin, gehe ich ins Bett. Wenn ich wach werde, stehe ich auf. Da merkt man erst, wie der Kapitalismus mit seinen Zeitzwängen den Körper pervertiert.

 

2. In diesem Jahr fliegt kein Holländer über den mystischen Abgrund. Nach 70 Jahren Dauerlärm herrscht auf dem grünen Hügel in diesem Jahr Ruhe.  Himmlische Ruhe, statt barbarischem Lärm. Die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth spendete in den vergangenen Jahren 60 Millionen Euro für Walküre, Rheingold und Siegfried. Da dieses Jahr die Festspiele ausfallen, wäre es doch angebracht, die Freunde würden ihr Geld an verarmte Künstler spenden.

 

3. Netflix funktioniert noch.

 

4. Man muss viel seltener Wäsche waschen.

 

5. Endlich wird die korrekte, angemessene Individualdistanz eingehalten

.

6. Die schwarze Null fällt dem Rotstift zum Opfer. Rückkehr eines kleinen Hauches von Sozialismus.

 

7. Viele merken plötzlich, dass vor Kurzem noch Grundrechte existierten.

 

8. Termine fallen endlich unter das Waffengesetz.

 

9. Man kommt ohne Ampel über die Straße.

 

10. Man kann sich auf die Lockerung der Ausgangsbegrenzung freuen. Je länger man kaut, desto süßer das Brot.

 

In diesem Sinne fordere ich euch auf, diese Liste zu ergänzen. Bleibt gesund und zuversichtlich.

Streifschuss vom 29. März 20

 

Anlass: Die Wahrheit über das edelste Papier

 

 

Rollen-Orientierung

 

In Deutschland werden fast drei Milliarden Rollen Toilettenpapier verbraucht, was 18 Kilogramm je Bundesbürger im Jahr entspricht. Innerhalb eines Jahrzehnts sei der Bedarf von 1 auf 1,5 Millionen Tonnen Toilettenpapier in Deutschland gestiegen. Das entspricht einer Massenvernichtung. Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch weiß auch darüber weise Worte zu erzählen.
Auf seinem Weg nach Einsiedeln machte Simplicius in Schaffhausen Station. Er wohnte bei einem Junker, der auch schon viel erlebt hatte. So tranken sie viel und erzählten einander am Abend einiges. Als Simplicius am Morgen als erster erwacht, sucht er nach der Toilette, fand den entsprechenden Ort und wollte sich gerade von dem Toilettenpapier ein Stück abreißen, als er von dem Blatt angesprochen wird.  Das Blatt beschwerte sich, dass es nach seiner so langen Reise einem einfachen Bettelmönch dienen müsse und nicht dem Arsch des Königs von Frankreich. Daraufhin erzählt das Toilettenpapier (im Text von Grimmelshausen Schermesser genannt, weil es im bäuerlichen Leben heißt, dass man das Hinterteil eines Rindviehs nur säubern könne, indem man es rasiert) dem Simplicius seine Lebensgeschichte, die immerhin zur Zeit Kaiser Wenzels begann (um 1400). Also ist das Toilettenpapier mit dem sich Simplicius den Hintern wischen will fast 300 Jahre alt. Die Reise des Toilettenpapiers beginnt als Hanfsamen. Das Blatt erzählt die ganzen verschiedenen Handelsstationen, es wird zum Hanfstengel, zu Kompost, zu einer Leinwand, zu dem Oberhemd einer untreuen Magd, zu Windeln, wird schließlich von einem Lumpensammler eingesammelt und am Ende sogar zu Papier verarbeitet und zu einem Buch für einen Buchmacher der darin seine betrügerischen Zahlen einträgt. Die Erben des Buchmacher verarbeiten es zu Packpapier und so kam er in das Haus dieses Junkers. Doch Simplicius ist kaum beeindruckt und meint, dass er bei all den unflätigen Reden des Papiers  sein Schicksal gewohnt sei und würde sich trotzdem mit ihm den Hintern auswischen. Die letzten Worte des Toilettenpapiers lauten dann: „So wie du jetzt mit mir prozedierst (umgehst), wird auch mit dir der Tod verfahren, wenn er dich wieder zu Erde macht, aus der du genommen wurdest. Und nichts wird dich davor bewahren, so wie du mich für diesmal hättest retten können.“

Viele deutsche Mitbürger beteiligen sich während der Corona-Krise an der großen Rettungsaktion „Rettet die Rolle“. Für den Arsch des Königs. Vielen Dank!

Streifschuss vom 28. März 20

 

Anlass: heiße und kalte Zonen

 

Corona fidei

 

Vor etwa 4000 Jahren existierte in der Kupfersteinzeit die Glockenbecherkultur in ganz Mitteleuropa. Sie bestatteten die Toten in Hockstellung auf der Seite liegend, Männer auf der linken Seite, den Kopf gen Norden und Frauen auf der rechten Seite, den Kopf nach Süden ausgerichtet, die Gesichter stets nach Osten gewandt.
Die gleichzeitig existierende Kultur der Schnurkeramik bestatteten ihre Toten genau anders rum. Eine Nord-Süd-Achse mit nach Osten gewandtem Gesicht bei der Glockenbecherkultur , dagegen eine Ost-West-Achse mit nach Süden gewandtem Gesicht bei der Schnurkeramik-Kultur. Die Nord-Südachse steht für ewige Grundsätze und den Wandel darin. Der Osten steht für Distanz und Loslassen. So macht der Bestattungsritus durchaus Sinn. Die Männer standen für Prinzipien und die Frauen für die Wandelbarkeit des Seins. Bei der Ost-West-Achse steht auf der einen Seite das Loslassen und die Distanz und auf der anderen Seite die Nähe und der Schutz. Dagegen richtet sich das Gesicht zur Endgültigkeit nach Süden. Die Frauen standen für das Loslassen und Männer für den Schutz.
Hier kommen also differente Jenseitsvorstellungen zum Vorschein, die auch eine Aussage über die Lebenden zulässt. So dürfte sich die Glockenbecherkultur mehr darauf konzentriert haben, die Toten loszulassen und akzeptierten diesen Wandel der Gemeinschaft als ewige Regel. Das klingt eher progressiv.
Dagegen glaubte die Kultur der Schnurkeramik eher daran, jetzt die Gemeinschaft stärken zu müssen, weil der Zustand die Endgültigkeit der Toten aufzeigte. Die Wechselhaftigkeit des Daseins spielte eine geringere Rolle. Das spricht für eine konservativere Dynamik.  Vor allem weil der Norden ausgespart bleibt. Es geht auch nicht anders. Man kann nur drei Dimensionen darstellen in einer Welt mit vier Himmelsrichtungen. Eins fehlt dann immer und muss ersetzt werden. Bei den Glockenbechern fehlen der Westen und damit der Schutz. Bei den Schnurkeramikern fehlt der Norden, also die Dauer, die Regel. Progressive Kulturen müssen daher wehrhafter sein, da Handel die Wechselhaftigkeit des Seins bedeutet. Handel und militärischer Schutz gehen Hand in Hand.
Die konservativen Kulturen sind stärker auf die Regeln bezogen und isolieren sich eher, um die Gemeinschaft so zu schützen.
Die eine Kultur war in sich geschlossen, stark ritualisiert und damit abgegrenzt. So eine Gemeinschaft ist eher verteidigend, baut Mauern um sich.
Die andere Kultur war offen, ließ sich auf andere ein, benötigte daher aber größere Dominanz um nicht vollständig assimiliert zu werden. Daher werden sie auch eher hysterische Komponenten ausgedrückt haben, zum Beispiel eher aufbrausend und theatralisch, nach außen gerichtet, extrovertierte Dimensionen und zugleich individueller und daher auch mit einem gewissen Personenkult ausgestattet. Während die regulierte Gesellschaft abhängiger, zwanghafter und weniger selbstständig war, eine Kontrollgesellschaft mit festen Strukturen. Herrschende mussten sich ebenso in ihre Rolle fügen.

Sie gehen nur noch die gewohnten Wege und verlassen gesicherte Pfade nicht mehr. Digitalisierung als Königsweg für Eremiten. In der Kupferdraht-Kultur wird niemand mehr begraben.

 

Streifschuss vom 27. März 20

 

Anlass: ein kurzer Zwischenvermerk zum Mundschutz

 

Corona triumphalis

 

Projektemacher, Radikalpublizisten, politisch irrlichternde Ästheten, der Orthodoxie entlaufene Theologen bzw. Mediziner, Entwurzelte, männliche unterbeschäftigte Akademiker, Halbgebildete, intellektuelle Autodidakten mit limitierten Aufstiegschancen, zwischen dem Zynismus des Benachteiligten und moralischer Empörung hin- und hergerissene, Weltverbesserungsplaner mit Plänen  umgekehrt proportional zur Chance ihrer Verwirklichung. Sie alle stehen in ihren digitalen Startlöchern; und ist Corona nicht ein sprechender Name für ihren Startschuss? Vielleicht bleiben die Menschen freiwillig zu Hause. Aber halten sie auch freiwillig ihren Mund? Dynamik besitzt nicht nur das Virus, sondern auch das Internet. Im Augenblick ist alles noch recht ungeordnet mit mehr oder minder diffusen Befindlichkeiten, Analysen etc..  Die Reaktion auf die massiven Einschränkungen unserer Grundrechte ist noch nicht da. Noch revoltieren die Massen nicht, weil es ihnen an kollektiver Organisation mangelt und weil die Logistik, die sie für ein dauerhaft koordiniertes soziales Handeln bräuchten, in den Händen der Mächtigen liegt. Der nächste Schritt nach den Notstandsverordnungen wird also sein, dass die Regierungen den Zugriff auf das Internet einschränkt mit dem Argument  Kapazitäten sparen zu müssen. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis es auch zu massiven Einschränkungen der Meinungsfreiheit kommen wird, ja kommen muss. Denn sobald aus dem kollektiven Erregungszustand (noch herrscht die Ruhe vor dem Sturm) jemand oder eine Gruppe eine Form der Selbstermächtigung artikuliert und als Trigger es schafft eine den Machtbereich umspannende kommunikative Logistik mit einer ins Universale ausgreifenden Geschichte zu erzählen, sobald eine narrative Wende eine neue Deutungshoheit gewinnt, geht die Post ab. Und das werden die Mächtigen mit Macht verhindern müssen. Nicht weil sie es so wollen, sondern sie müssen es.

 

Streifschuss vom 26. März 20

 

Anlass: Baldanders

 

Ich werde da sein und winken, solange die Welt besteht

 

Der alte Schuster und Sprücheklopfer Hans Sachs dichtete mal im 16. Jahrhundert: Baldanderst bin ich genannt, der ganzen Welt wohlbekannt. Christoffel von Grimmelshausen nutzte die Figur des Baldanders für ein Kapitel seiner Simpliciaden. In geheimer Schrift übermittelt Baldanders dem Simplicissimus folgende Botschaft: Manoha, gilos,timad, isaser, sale, lacob, salet,enni nacob idil dadele neuaw… und so weiter. Diese geheime Verschlüsselungsmethode stammt von dem Pfälzer Benediktiner Trithemius, einem der wenigen Zeitzeugen vom echten, historischen Faust. Trithemius hatte einen Hang zum Phantastischen und zum Mystischen. Aber was dann bei der geheimen Botschaft Baldanders herauskommt, ist weder phantastisch noch mystisch. Es ist einfach zeitlos wahr.

Magst dir selbst einbilden, wie es einem jeden Ding ergangen, hernach einen Discurs daraus formirn und davon glauben, was der Wahrheit ähnlich ist, so hastu, was dein närrischer Vorwitz begehret.

Zur Entschlüsselung von Baldanders geheimer Botschaft nehme man nur Anfangs- und Endbuchstabe jedes Wortes. Auch diese Methode selbst ist wiederum metaphorisch gemeint. Wir sind mitten in einer Geschichte und können sie noch nicht beurteilen, weil wir das Ende nicht kennen. Den Anfang unserer Geschichte haben wir vergessen (Patient 0 ist unbekannt). Unser Diskurs, unsere Vorstellungen von Leben und Sein sind daher närrisch. Wir irren durch eine unbeständige Welt. Spätestens jetzt dürfte das mehr Menschen klar sein als noch vor der Epidemie. Unbeständigkeit bedeutet aber auch Wandel.  Aus der Eiche wird eine Sau, aus der Sau eine Bratwurst, aus der Bratwurst ein Haufen geschissen von Bauern, daraus wird eine schöne Kleewiese, diese ein Kuhfladen und daraus wird eine schöne Blume, daraus ein Maulbeerbaum und daraus dann ein Teppich. So jedenfalls erläutert Baldanders den Lauf der Dinge.
 

Der Kern der Botschaft für die aktuelle Situation: Wir müssen verhindern, dass das was gerade getan werden muss, auch getan wird, wenn die Epidemie vorbei ist. Wir müssen verhindern, dass das war gerade nicht getan wird, auch dann nicht getan wird, wenn die Epidemie vorbei ist. Stillstand wäre der größte Trugschluss aus der momentanen Stille. Was wir in zwei oder drei Monaten tun werden, das ist von großer Bedeutung. Es wäre schön, hätte die Regierung einen Plan für diese Zukunft. Leere Staatskassen, mehr Arbeitslosigkeit, abgestürzte Börsen und noch mehr Menschen die aus ihrer Heimat fliehen, weil die Perspektiven in armen Ländern noch schlechter geworden sind. Es wäre schön, wenn die Regierung jetzt nicht nur an die Epidemie denkt, sondern auch an die Zeit nach der Epidemie. Zumindest würde Baldanders so denken. Aber die Regierung sorgt sich nur um die nächste Epidemie und verschärft das ohnehin schon bedenkliche IfSG zusätzlich. Zwangsrekrutierung rasch vorgealterter Krankenpfleger und Schwestern, massive Grenzkontrollen und Einreisestopps, Zentralisierung der Datenüberwachung der Bürger und massive Eingriffe in mehrere Grundrechte: körperlicher Unversehrtheit, informationelle Selbstbestimmung, Unantastbarkeit der Wohnung, Fernmeldegeheimnis,  Versammlungsfreiheit, Freizügigkeit. Man kann nur hoffen, dass nach der Epidemie Baldanders wieder kommt. Und kein Stillstand herrscht.

Streifschuss vom 25. März 20

 

Anlass: Die Stille

 

Über allen Dächern

 

Es ist still. Die Plätze sind leer gefegt. Jedweder Lärm hat sich in den Kern der Weltmaschine verzogen. Vielleicht werden wir jetzt alle überhaupt stiller. Ein Grund, über eines der schönsten Gedichte in deutscher Sprache nachzudenken. Über allen Gipfeln ist Ruh‘ / über allen Wipfeln spürest du / kaum einen Hauch; / die Vögelein schweigen im Walde / warte nur, balde / schweigest du auch.  

In Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“ wird Alexander von Humboldt einmal von Mario gebeten, Geschichten zu erzählen. Humboldt antwortet, dass er keine Geschichten wisse, und schob seinen Hut zurecht, den der Affe umgedreht hatte. Auch möge er das Erzählen nicht. Aber er könne das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins Spanische übersetzt. Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein. Alle sahen ihn an. Fertig, sagte Humboldt. Ja wie, fragte Bonpland. Humboldt griff nach dem Sextanten. So kann man dieses wunderbare Gedicht natürlich auch interpretieren.
Wenn man das Gedicht wörtlich liest, dann ist es eben ruhig, es weht kein Wind, und dann schläft man ein. Denn die Worte Ruhe und schweigen sind hier doppeldeutig, ausruhen und ewige Ruhe verknüpfen sich und so bekommt warte nur bald schweigest du auch eine metaphorische Bedeutung. Es kommt also auf die eigene Stimmung an. Auch auf die Fähigkeit der Bildübertragung. Ich muss als Leser in der Lage sein Metaphern zu deuten. Alexander von Humboldt erweist sich in dem Text von Kehlmann als Autist. Menschen aus dem Bereich der Autismus-Spektrum-Störung neigen zum Konkretismus. Wenn man ihnen sagt  Ich hau mich mal auf’s Ohr, dann finden sie das seltsam, denn sie nehmen es wörtlich. Sie kennen vielleicht den Ausdruck und wissen rein verstandesmäßig, dass es sich um eine Redewendung handelt, dass man sich schlafen legt. Aber sie erleben nicht die Stimmung, die der Ausdruck gleichzeitig mit sich bringt. Der Ausdruck ich hau mich mal auf’s Ohr bedeutet in der Regel ein Nickerchen, kann aber je nach Situation auch bedeuten, dass man nun genug hat und fertig ist. Um den Ausdruck wirklich zu verstehen, muss man die gesamte Situation der Stimmung verstehen in der dies gesagt wird.

 Es ist daher nahezu unmöglich, mit wissenschaftlicher Präzession Goethes Gedicht zu deuten. Was man deuten kann, ist die eigene Reaktion, Stimmung die es auslöst im jeweiligen Zustand meines Daseins. Denn manchmal ist das Gedicht wehmütig, manchmal geradezu hoffnungsvoll.  Daher antwortet Humboldt dem deutlich enttäuschten Bonpland: Es sei natürlich keine Geschichte über Blut, Krieg und Verwandlungen... Es komme keine Zauberei darin vor, niemand werde zu einer Pflanze, keiner könne fliegen oder esse einen anderen auf. Aber selbst das erklärt es nicht. Denn darum geht es nicht. Die Melancholie des Wandrer Nachtlieds auf dem Kickelhahn entsteht im Leser auf eine Weise, die so viel Konnotation nötig hat, dass man sich sogar noch leichter im Verständnis tut, wenn man von Goethes Lebensekel (Taedium vitae) weiß.
Daraus entsteht dann in der eingeschränkten Deutungsfähigkeit Humboldts die besondere Komik der von Kehlmann geschilderten Situation. Um darüber lachen zu können, ist wiederum genau die Stimmung nötig von ich vorher schrieb. Es reicht also nicht aus, Goethes Gedicht im Original zu kennen, um über die Textstelle lachen zu können. Man muss nichts über die Funktion von Metaphern wissen. So ein Wissen wäre abstrakt und nicht lustig. Es ist die Stimmung in der Szene selbst, die sich überträgt, fast möchte man sagen wie ein Virus, wenn das nicht eine im Moment unangemessene Metapher wäre. Genießt alle die Stille, die hoffentlich nicht die Stille vor dem Sturm ist.

 

Streifschuss vom 24. März 20

 

Anlass: Blitzkrieg verloren

 

Keine bedingungslose Kapitulation!

 

Gestern war ich beim einkaufen. Das gehörte noch nie zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, aber jetzt würde ich das am liebsten ganz lassen. Ich hielt an der Kasse gebührenden Abstand, als ein älterer glatzköpfiger Mann in Jogginghose sich einfach mit seinem vollen Einkaufswagen vor mich schiebt. Ich wies ihn darauf hin, dass er bitte Abstand halten möge. Der Mann hatte große Ähnlichkeit mit Tony Soprano und antwortete tendenziell aggressiv:  „Ich soll mich nicht so aufregen.“ Jetzt erinnerte mich der Mann noch mehr an den Mafia-Boss der berühmten gleichnamigen Fernsehserie. Dennoch nahm ich all meinen Mut zusammen und konterte, dass er unvernünftig sei. Da stellte er sich vor mich hin (ohne Abstand!) und meinte voller böser Ironie:  „Sie sind ein toller Mensch“. Und wenn ein Mafia-Boss ironisch wird, dann ist das gefährlich. Ich deutete verzweifelt auf die aufgestellten Schilder. Dort stand klar und gut lesbar, dass man mindestens 1,5 Meter Abstand halten sollte. Da sagte Tony, er habe das nicht gesehen. Mir gingen echt die Worte aus. Was sollte ich da noch sagen? Ich könnte auch eine Fliege darüber belehren, dass sie Keime verteilt, wenn sie sich auf einen Scheißhaufen setzt.  Auch sonst hatte ich das Gefühl, dass gestern eine Art Höhepunkt erreicht wurde.
Wir erleben einen Wendepunkt in der Corona-Chronologie. Die erste große Schreckenslust und erste mediale Aufgeregtheitswelle verebbt. Langsam beginnt das Virus uns zu nerven. Es soll jetzt bitte gehen. Daher kommen schon die ersten Entwarnungsfakes ins Netz. Man merkt wie unerwachsen, wie kindisch der Mensch allgemein noch ist. Jetzt haben wir uns ein paar Tage gegruselt, klatschten den Krisenmanagern Beifall und sangen für die „Helden des Alltags“ Lieder. Doch nach ein paar Tagen Sonderurlaub ist es auch wieder gut. Mit Macht drängt sich unser Bedürfnis nach Alltag, nach unseren Gewohnheiten. Jetzt waren wir ein paar Tage aus dem Tritt geraten. Man kann nicht jeden Tag stundenlang Netflix gucken und das Lesen ist ziemlich anstrengend. Es fällt auch schwer, sich zu konzentrieren, weil man nicht weiß wie es weiter geht. Außer Abstand halten und zu Hause zu bleiben gibt es keine Handlungsanweisung für uns Nicht-Helden.
Natürlich könnten wir jetzt Liegengebliebenes aufarbeiten. Aber wer macht seine Steuerklärung, wenn gerade die Welt untergeht? Für viele Menschen geht zumindest partikular die Welt unter, ihre Welt. Wir hatten jetzt für einen Moment die Augen geöffnet. Zeit, sie wieder zu schließen. Legen wir uns zurück ins Bett und träumen weiter. Öffnen wir nächste Woche noch einmal die Augen um nachzusehen, ob es jetzt weg ist. Den Rest erledigen die Helden des Alltags. Denn nicht jeder kann in den Krieg ziehen. Die Heimatfront übt Solidarität und klatscht Beifall, wenn die Soldaten einen kurzen Fronturlaub haben, um ihre Familie sehen zu können.
Der Blitzkrieg gegen das Virus ist wahrscheinlich verloren. Es wird eine lange Schlacht gegen einen unheimlichen Gegner. Aber wir geben nicht auf. Hurra!

 

 

Streifschuss vom 23. März 20

 

Anlass: Auch Goethe kann was dazu sagen

 

Was war, das kommt

 

Eine der verrücktesten Wochen war das. Und was bringt die nächste? Man merkte am Samstag bereits, dass sich die Schockstarre bei vielen Menschen langsam löst. Doch wenn man nach einem kurzen Erschrecken die Augen wieder öffnet und das Monster ist immer noch da! Was dann? Dem hässlichen Monster ins Angesicht blicken! Der alte Geheimrat von Goethe hat im Alter von 78 Jahren zur Rechtfertigung des Hässlichen einmal folgendes gedichtet:

Der Pfau schreit hässlich aber sein Geschrei
erinnert mich ans himmlische Gefieder
so ist mir auch sein Schreien nicht zuwider
mit indischen Gänsen ist’s nicht gleicherlei
Sie zu erdulden ist unmöglich
Die Hässlichen schreien unerträglich

Indische Gänse das sind Truthähne, die hässlich sind und hässlich klingen. Der Pfau hingegen hat sein Rad dessen Schönheit sein hässliches Geschrei rechtfertigt.
Das kleine Gedicht stammt aus dem Zyklus Chinesisch-Deutsche Jahres- und Tageszeiten
, veröffentlicht im Jahr 1829. Sie haben mit China wenig zu tun, auch wenn es im ersten Gedicht um einen Mandarin geht. Es war damals in Deutschland China in Mode. Warum aber zitiere ich dieses Gedicht von Goethe in Bezug auf Monster? Wir haben es bei dem Covid-19-Virus mit einem Monster zu tun. Doch müsste man das Virus in diesem Sinne auch als schön anschauen. Es ist damit gerechtfertigt. Schönheit ist eine Rechtfertigung.
Das „hässlichschöne“ besingt Goethe auch in der klassischen Walpurgisnacht. Faust und Mephisto begegnen im alten Thessalien (heute Mazedonien, galt schon in der Antike als Ort der Zauberer) Chimären wie der Sphinx oder dem Greif. Als Faust diese Gestalten sieht, ruft er aus: Wie wunderbar! Das Anschaun tut mir Gnüge, im Widerwärtigen große, tüchtige Züge (Faust II V7182). Der Süden, das Antike ist sogar im Hässlichen gewaltig. Der Virus ist irgendwie auch schön. Schön gewaltig sozusagen. Im Internet sehen wir immer wieder das Virus wie eine Ikone leuchten. Solche ikonografische Schreckenslust sahen wir auch bei 9/11. Auch das war hässlich schön, als die Flugzeuge in die Twin-Tower flogen.
In der tiefen Nacht des fünften Aktes ruft der Türmer „So seh‘  ich in allem die ewige Zier, und wie mir’s gefallen, gefall‘ ich auch mir.“ (Faust II, V11296-99) Der Türmer gefällt sich, weil ihm das gefällt was er sieht. Was die Augen sehen und wie der Augenträger das Gesehene beurteilt, das ist nicht einfach zu trennen. Dieses Virus bringt diese beiden Züge auch bei den Menschen zum Vorschein, das Hässliche und Schöne am Menschen. Es gibt nicht hier die Wirklichkeit und dort die Interpretation der Wirklichkeit. Das ist die Einheit in der Zweiheit. Der Monolog des Türmers in der tiefen Nacht bringt diese unmittelbare Nähe des Schönen und Gewaltigen ebenfalls zum Ausdruck. Denn schon nach der „ewigen Zier“ sieht der Türmer die brennende Hütte von Philemon und Baucis und ruft „Welch ein greuliches Entsetzen droht mir aus der finstern Welt“ (Faust II V11304-07) und resümiert zum Ende: „Was sich sonst dem Blick empfohlen, mit Jahrhunderten ist hin.“ Nun. So könnte es also demnächst der Wettbewerbs-Gesellschaft ergehen. Die Schönheit der bunten Warenwelt, diese ewige Zier, das Rad des Pfaus könnte am Ende der Epidemie ein gerupfter Truthahn sein. Da wir grade die Hütte in der wir wohnen abfackeln, antworten auch wir wie Faust dem Türmer: „Das Wort ist hier, der Ton zu spat.“ (Faust II, V11339)

Streifschuss vom 22. März 20

 

Anlass: Makulaturen

 

Mein Widerspruch zu mir selbst

 

Die Worte meines letzten Streifschusses waren viel zu hart. Ich war einfach nur genervt von Harald Welzer und Svenja Flaßpöhler. Da dürfen solche Leute schon mal im Fernsehen was sagen. Und was sagen sie dann? Schwachsinn. Aber sehen wir das ganze Dilemma von einer anderen Seite. Wir haben jetzt die offizielle Genehmigung der bayrischen Regierung, den ganzen Tag vor der Glotze zu hängen, oder im Lesesessel unanständige Romane zu verschlingen. Und wenn wir den neugierigen und panischen Blick auf unser Bankkonto vermeiden, dann ist das ein wenig wie Urlaub. Hart wird es nur für die Menschen, die nicht alleine leben. Denn sie gehen ja schon seit Jahren nur in die Arbeit um ihren zunehmend alternden Mitbewohner nicht dauernd sehen zu müssen. Und erst die Kinder! Junge Familien sollten auch das positiv sehen. Sie haben lebendes Frischfleisch zu Hause. Für die Singles unter uns besteht der Vorteil darin, dass sie es schon gewohnt sind, allein zu sein und niemand sie liebt. Alte Menschen wiederum haben den entscheidenden Vorteil, dass sie die Vorgänge ohnehin nicht mehr so richtig begreifen. Meine Schwester traf meine alternden Oheime. Sie waren mit dem Auto von Hohenbrunn nach Deisenhofen zum Einkaufen gefahren, weil es in Hohenbrunn so voll war. Meine Schwester hatte den Eindruck, dass die beiden Alten gar nicht wussten, was los ist. Ist das nicht ein mehr als glücklicher Zustand? Ich selbst gehe schon seit Jahren nur noch zum einkaufen und arbeiten auf die Straße, bzw. über die Straße, die Straße entlang. Geheime Informationen ermöglichten mir, schon vor Jahren auf Corona-Modus zu gehen. Die Wahrheit ist, ich fand das da draußen nie so spannend. Die Natur ist seltsam. Riesige, monsterhafte SUV, schnauzbärtige Machos und – ja auch das – Bäume. Ich kann sie alle nicht auseinander halten. Sind es Weihnachtsbäume, Osterbäume oder Pflingstbäume. Keine Ahnung. Große Menschenansammlungen sind mir schon seit Jahren suspekt. Bäume auch. Nein! Ich habe Corona nicht erfunden, trotz eines gewissen cui bono dank der Krise.

Im Ernst. Es ist und bleibt ein überraschender Zufall und niemand von uns hat das jemals erlebt. Daher sind vermutlich die meisten Äußerungen die derzeit im Krisenmodus getroffen werden in ein paar Monaten Makulatur. Deshalb darf man mit Harald Welzer und Svenja Flaßpöhler (und all denen die nicht ganz richtig im Kopf sind und mit all den komischen Bäumen) nicht zu hart ins Gericht gehen. Dennoch gilt zugleich, dass Katastrophen nicht außerhalb der Geschichte stattfinden. Ereignisse finden im vorhandenen Stoff der Geschichte statt und erweitern den Stoff damit. Sie verändern den Stoff so natürlich auch. Und dieses virale Ereignis hat großes Änderungspotential. Wir wissen aber nicht was geschehen wird, weil schon vor der Epidemie unsere Gesellschaft an die Grenzen ihrer Komplexität geraten war. Der eine oder andere wird seine moralische Identität sicher neu überdenken. Es kann schon sein, dass die Krise den Anstoß zu einer Care-Revolution geben kann, wenn der neue Stoff der Geschichte bei den richtigen Leuten zum Zweck der Norm wird. Es kann genauso gut sein, dass die körperliche Zwangsdistanz zu einem neuen Misstrauen gegen den Körper überhaupt führen wird. Fallen die Menschen nach der Krise über sich her und können mit knutschen nicht mehr aufhören, oder wird das Diktat der Gesundheit dauerhafte Einschränkungen der Freiheit hervorrufen.

Es bleibt spannend.

 

Streifschuss vom 21. März 20

 

Anlass: Den Träumen zum Trotz

 

Schaut euch die Wahrheit an

 

Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen,
Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen,
April und Mai und Julius sind ferne
Ich bin nichts mehr; ich lebe nicht mehr gerne!

 

So dichtete er nachdem seine Psychose abgeklungen war. Hölderlin würde heute mit Neuroleptika behandelt werden. Seine Gedichte würden in einer Krankenakte landen und in der einen oder anderen Doktorarbeit auftauchen.
Er hatte großes Glück und wäre ohne einen Tischler-Meister (Handwerker liest Hyperion!!) der ihn mochte elend in einem Armenhaus verstorben.

Die Grenzen sind dicht, Menschen sterben in überfüllten Krankenhäusern ohne vorher noch von ihren Liebsten Abschied nehmen zu können, Verzweifelte und Wahnhafte schlagen in der Psychiatrie auf und überfordertes Psychiatrie-Personal ringt aggressive („Ich steck dich an du Schwein“) Wahnhafte nieder. Panische Reiche machen Hamsterkäufe und verzweifelte Hartz-IV Empfänger bekommen kaum das Nötigste. Soforthilfemaßnahmen der Regierung helfen vor allem dem Mittelstand. Die gesellschaftlichen Ränder werden sichtbar aber medial verschleiert.  In vielen Wohnungen häufen sich Verzweiflung, Angst und Wut. An den Brennpunkten der Weltmaschine breitet sich Erschöpfung aus.

Ruhe und Gelassenheit findet man nicht dadurch, dass man sich etwas vormacht. So wie Harald Welzer oder Svenja Flaßpöhler (gemeinsam Chance nutzen, Krise eine Chance für den Wandel).  Das hier ist keine Chance. Vielleicht für Broker (kaufe wenn das Blut auf den Straßen fließt). Das habe ich aus Camus „Die Pest“ gelernt: Man findet jetzt Kraft gerade in der Wahrheit. Diese Epidemie ist keine Chance. Sie tötet und ruiniert Massen von Menschen. Die, die das überleben werden einfach nur aufatmen wenn es vorbei ist. Es wird keine Konsequenzen geben. Man wird versuchen wieder alles so aufzubauen, wie es zuvor war. Die Maschine wird stottern und rumpeln. Doch mit Autorität und harten Sanktionen wird man sie wieder zum Laufen bringen. So ist der Mensch. Das Gerede von neuer Gemeinsamkeit und all die sozialromantischen Träumereien die jetzt manche in der Krise ausposaunen sind selbst ein psychischer Mechanismus. Um sich selbst zu schützen, machen sie sich etwas vor. Es war noch nie der Fall, dass der Mensch aus solchen Katastrophen etwas lernte. Tausende Jahre von Geschichte lehren das genaue Gegenteil.
Im Moment gilt es zu überleben und endlich zu begreifen, dass der Mensch ein gefährliches intelligentes und soziales Raubtier ist und die Demokratie reiner Luxus. Es geht so leicht, Grundrechte abzubauen. Jugendliche feiern Corona-Partys und werden dafür verteufelt. Klar, es ist auch rücksichtslos und egoistisch. Dennoch tun sie das, was typisch ist für Menschen. Diejenigen, die angepasst sind und zu Hause bleiben werden als rücksichtsvoll und vernünftig angesehen. Klar. Das ist auch so. Es ist vernünftig ruhig zu bleiben und das zu tun, was die Autoritäten einem vorgeben. Ob das ein Minister ist, oder ein Wissenschaftler vom RKI. Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln. Und natürlich versucht der Mensch als intelligentes und soziales Raubtier die Herde zusammenzuhalten. Die Herde wird gerade ausgedünnt. Danach werden Gewinn und Verlust verteilt und es geht weiter. Hört bitte endlich auf, euch etwas vorzumachen. Denn sonst werdet ihr wirklich verrückt. Oder einfach verarscht.

 

Streifschuss vom 20. März 20

 

Anlass: Mal etwas zur Aufklärung

 

Was ist ein dynamisches System?

 

Frau Merkel verwendete in ihrer Ansprache die Floskel vom „dynamischen System“. Ebenso spricht Herr Wieler, der Präsident des RKI (Robert Koch Institut) von einem „dynamischen System“. Laut Wikipedia ist dieses dynamische System ein mathematisches Modell eines zeitabhängigen Prozesses, der homogen bezüglich der Zeit ist, dessen weiterer Verlauf also nur vom Anfangszustand, aber nicht von der Wahl des Anfangszeitpunkts abhängt. Aja? Am besten lässt es sich wohl mit einer Pendelbewegung vergleichen. Derzeit haben wir es noch mit einer Epidemie zu tun bei Covid-19. In der Epidemiologie gibt es dazu drei Begriffe: Endemie, Epidemie und die Pandemie. Die Endemie ist eine zeitlich unbegrenzte, aber örtlich begrenzte Infektion, wie zum Beispiel Malaria. In bestimmten Gebieten (Subsahara) ist diese durch einen Parasit verursachte Erkrankung endemisch. Sie kommt in vielen anderen Gebieten nicht vor, weil es dem Parasiten da zu kalt ist.  Die Epidemie dagegen ist zeitlich begrenzt, aber örtlich unbegrenzt. Dazu gehört klassisch die Influenza (Grippe-Erreger). Sie tritt saisonal auf und verschwindet dann wieder. Doch sie hält sich dabei nicht an feste Orte. Die Pandemie ist dann zeitlich und örtlich unbegrenzt und damit der worst case für die WHO (Weltgesundheitsorganisation). Im Fall von Covid-19 stehen wir an der Grenze einer Pandemie. Noch ist es eine Epidemie. Aber das muss nicht so bleiben. Denn Corona könnte nun über drei Jahre andauern. Das dynamische System nun als Pendelbewegung gedacht kann man dann so verstehen, dass die Zahlen zwar wieder rückläufig sein können, aber dann schlägt das Pendel wieder in die andere Richtung aus. Erst wenn die Zahlen auf einem bestimmten Niveau rückläufig wären, dann würde das Pendel nicht mehr so stark in die andere Richtung ausschlagen. Daher kann es in diesem Jahr so sein, dass  entsprechende Maßnahmen (Schulschließungen, Ausgangssperre etc..) mal gelockert werden, dann aber wieder verschärft werden müssen, um einen Ausschlag des Pendels zu verhindern. Das wird uns also das ganze Jahr beschäftigen. Es ist nicht bald vorbei, wie ein Spuk. Es ist eine reale Bedrohung die daher auch von der Disziplin der Bevölkerung abhängt. Und dies wird eine Disziplinierung erfordern, die uns über einen längeren Zeitraum immer wieder abverlangt werden wird.

 

 

Streifschuss vom 19. März 20

 

Anlass: Die Hölle auf Erden

 

Die Arbeit des Teufels fängt gerade erst an

 

Ich ängstige den Reichen. Ich unterdrücke den Armen. Ich verblende die Gerechtigkeit. Ich verjage die christliche Liebe, ohne die niemand selig wird. Und Barmherzigkeit gibt es auch nicht bei mir. Mit diesen Argumenten bewirbt sich Mammon (der personifizierte Reichtum) in dem Buch Der abenteuerliche Simplicissimus (im vierten Kapitel, Sechstes Buch, von Grimmelshausen) beim Höllenfürsten Luzifer um den höchsten Posten in der höllischen Verwaltung der Erde.  Gerade hatte man in Europa nach 30 Jahren Krieg Frieden geschlossen. Darüber ärgerte sich Luzifer dermaßen, dass er alle Sünden in die Hölle rief. Hochmut, Zorn, Neid, Hass, Missgunst, Geiz, Völlerei, Müßiggang, Faulheit, Untreue, Mutwille, Lüge, Vorwitz, Falschheit, Schamlosigkeit, Verschwendung. Alle kamen sie, um sich für den Chefposten auf der Erde zu bewerben. Gerade als sich der Geiz und die Verschwendung zanken, wer wohl von ihnen beiden dem Höllenfürsten besser auf  Erden dienen könne, um die Menschen zu verderben, mischt sich Mammon ein und trägt seine sehr trefflichen Argumente vor, warum er die Menschen am nachhaltigsten verderben könne.

Es ist Mammon, der uns den Schlaf raubt, und wenn wir endlich schlafen Alpträume verursacht. Es ist Mammon, der uns nicht zur Ruhe kommen lässt, der uns Sorgen und Kummer bereitet und uns Mühe und Arbeit auferlegt, um Sachen zu erwerben die wir weder im Himmel noch in der Hölle benötigen, die wir nicht dorthin mitnehmen können (zum Beispiel Toilettenpapier). Er stiftet zu Kriegen an, zu Diebstahl, Raub und Wucherei. Er belastet unser Gemüt mit bitteren Sorgen, Angst, Not, Mühe und Arbeit.

Kurz und gut. Gegenüber all den versammelten Sünden bekommt Mammon völlig zu Recht den Vorzug für den Chefposten der Hölle auf Erden.  
Die Corona-Krise kostet uns allen gerade viel Geld. Ausgenommen den Apothekern*. Denkt mal drüber nach.

 

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* Natürlich sind nicht die Apotheker die Bösen, denn die arbeiten sich grade auch auf. Vielmehr sind es die Pharmkonzerne die ihre Produktionsstätten nach Indien, China verlegt haben, um dort ungestört ihre Ausbeutung realisieren zu können.

 

Streifschuss vom 18. März 20

 

Anlass: was macht das mit uns?

 

Es ist völlig egal, was wir darüber denken

 

Nun – wie sagte es einmal eine Mafia-Anwältin so schön: Was wissen Sie über Macht? Ich erkläre es ihnen. Wer die Macht hat, kann auf andere scheißen. Wer keine Macht hat, wischt die Scheiße weg.

Wenn der ganze Spuk vorüber ist, wird sich die Gesellschaft in die teilen, die die Scheiße wegwischen und die, die darauf scheißen.
In diesem Sinne las ich gestern das Buch Hiob (einem der ziemlich viel Scheiße wegwischen musste) noch einmal ganz durch (was eine Schweinearbeit war, denn es ist ein dickes und zähes Buch). Und da fiel mir etwas auf. Im Grunde ist das Buch Hiob atheistisch. Denn Gott beweist nichts. Hiob sieht nur die Welt, denn er betrachtet sie mit den Augen eines Menschen der im Grunde nichts mehr zu verlieren hat. Tatsächlich steht er völlig nackt vor dieser Welt und ohne Besitz, ohne Verlangen danach (das ist wichtig). Ob er gerne lebt oder nicht, das spielt einfach keine Rolle. Es ist egal. Das ist purer Nihilismus. Hiobs Scheitern seines Rechtsstreites mit Gott, zeigt nur eines an. Es gibt keinen Fall. Gott erscheint zwar. Aber die Klagen von Hiob bemerkt er gar nicht. Hiob fordert Gott mit einem Reinigungseid (Anklage wegen unvollständiger Beweislast) heraus. Gott geht überhaupt nicht auf den Reinigungseid ein. All das ist einfach uninteressant für Gott. Beweislage? Gott scheißt drauf. Er hat die Macht. Du stehst mit deinem Elend vor dem Richter, aber der Richter sieht dein Elend gar nicht. Die Klage ist so sinnlos wie das Bedürfnis Superkräfte zu haben. Hiobs Klage ist lediglich eine Entlastungsphantasie. Ansonsten wird für Hiob am Ende klar, dass das alles viel, viel größer ist als er. Seine ganze Klage ist lächerlich. Damit werden aber auch die ganzen Weisheitslehren (zu denen zählt ja auch das Buch Hiob) ad absurdum geführt. Es geht nicht um Verantwortung, nicht um Treue, nicht darum zu bereuen, um Sünde oder Bußfertigkeit. Es geht nur um Macht.

Die ganze Zivilisation – so ja auch ein Zeuge Hiobs, nämlich Nietzsche – ist ein Spiel der Macht. Und zwar – auch das wusste Nietzsche, da wurde er nur nie verstanden – nicht der menschlichen Macht, sondern der transzendenten Macht. Das ist das, was wir eben erleben. Ein kleiner, verschissener Virus hebelt die moderne Gesellschaft aus. Das ist wahre Macht. Und ein Pummelchen im blauen Kostüm sitzt vor den Fernsehkameras und ist nichts weiter als der Witz der Macht, ihre Parodie. Ich mag das dicke Mädchen mit dem Nussknacker-Gesicht ganz gern, ehrlich. Aber ein Virus lässt sich nicht durch Fernsehansprachen besiegen. Das ist so komisch, dass man vor Lachen heult.

 

Streifschuss vom 17. März 20

 

Anlass: eine Überraschung beim Lesen

 

 

München ist nicht Oran

 

Ich dachte, les doch mal wieder Die Pest von Albert Camus. Der Anlass wäre doch wunderbar geeignet. Zumal München aktuell ein wenig Oran gleicht, wenn auch München nicht so hässlich ist wie Oran. Doch dann las ich folgenden Satz und zwar schon auf  Seite 8 meiner Taschenbuchausgabe von rororo: Unsere Mitbürger arbeiten viel, aber immer nur, um reich zu werden. Sie interessieren sich hauptsächlich für den Handel und befassen sich in erster Linie damit, was sie Geschäftemachen nennen. Soweit so gut. Das deutet an, dass reich werden bald nicht mehr die Hauptmotivation des Arbeitens sein wird. Und das wäre nun ein Anlass darüber zu sprechen, was die Krise mit uns machen wird. Aber dann – und jetzt kommt erst der Satz – las ich weiter: Natürlich haben sie auch Geschmack an den einfachen Freuden, sie lieben die Frauen, das Kino und das Baden im Meer. Da war ich schon entsetzt. Ich wollte weiter lesen. Aber der Satz hinderte mich daran. Frauen werden hier nicht als Mitbürger gezählt, sondern tauchen in einer Liste auf zusammen mit einfachen Freuden, Kino und Baden im Meer. Gut, gut. Jetzt könnte man mir gleich feministische Propaganda vorwerfen. Schließlich stammt der Roman von 1947. Der Satz ist ein Archaismus. Ich überlegte. Probierte den Satz anders aus: Natürlich haben sie auch Geschmack an den einfachen Freuden, sie lieben die Männer, das Kino und das Baden im Meer.  Aber der Satz funktionierte so nicht richtig. Niemand käme auf die Idee, dieser Satz sei sexistisch gegenüber Männern. Damit ist klar. Es ist ein Satz von Albert Camus (in der Neu-Übersetzung von Uli Aumüller aus dem Jahr 1997), der leider heute noch seine negative Wirkung entfaltet. Nein. Alber Camus ist ein großer Schriftsteller und es wäre natürlich Unfug, diesen großen Roman jetzt für erledigt zu halten. Und ich hoffe, dass ich mich jetzt abgeregt habe und weiter lesen kann. Denn außer zu lesen bleibt mir grade nichts. Draußen scheint die Sonne. Es ist ruhig. Gelüste oder Laster sind gedimmt. Der ungehemmte Lärm einer explodierenden Welt wurde herunter geregelt. Nur an weniger sichtbaren Orten wird die Maschine hektisch am Laufen gehalten, Warenregale werden aufgefüllt, Kranke versorgt, Kinder betreut, Medikamente hergestellt. Frauen und Männer tun dies hoffentlich auf Augenhöhe.

Streifschuss vom 14. März 20

 

Anlass: Manidae pholidota, auch genannt Pangolin

 

Und die ganze Welt steht still, wenn ein Tannenzapfentier es will

 

Geschlossene Schulen, geschlossene Kindertagesstätten, auch die Münchner Volkshochschule und die Volkshochschulen im Münchner Umland schließen ihre Pforten. Gerade jetzt, wo die Menschheit Bildung so nötig hätte! Sogar die kulturelle Veranstaltungslandschaft kommt zum Erliegen. Es findet kein Profifußball statt! Brot und Spiele wurden vorerst - seit Covid-19 von einem Tannenzapfentier auf den Menschen übersprang – eingestellt. Bedenkt man, dass in den letzten 50 Jahren der demokratische Staat nur funktionierte, weil Freiheit von Mangel uns das Denken ersparte und die Maschine der Ablenkung reibungslos lief, dann wird es spannend zu beobachten, was diese Krise aus unserer Unabhängigkeit des Denkens macht, und aus unserem Recht auf politische Opposition. Werden wir alle stille halten, abwarten, verängstigt in unserer Quarantäne verharren? Sind wir schon so unseres kritischen Verstandes beraubt worden, dass wir einem derart absurden Rat folgen, auf Sozialkontakte zu verzichten? Oder wird die Rückkehr des Mangels uns endgültig den neofaschistischen Wölfen um Adolf Höcke zuführen? Kann es sein, dass eine Glatze immun macht? Und geschlossene Grenzen haben ja schon immer prächtig funktioniert? Der drohende ökonomische Kollaps sollte eigentlich niemanden besonders wundern. Längst war die herrliche Globalisierung an ihrer kritischen Grenze angekommen. Ein wenige Nanometer (Faktor von 10-9) kleiner, relativ einfach aufgebauter Körper schaltet das gesamte moderne System der Spätindustrie aus und könnte die Menschen wieder ins 19te Jahrhundert befördern. Die Vulnerabilität eines solchen Systems klingt nicht Vertrauen erweckend. Da wird auch die Bazooka von Herrn Minister Scholz nichts nutzen. Denn auch Geld immunisiert nicht gegen Viren. Auf diesen Mr. Scholz bin ich ohnehin nicht gut zu sprechen, will er doch auf Kleinkünstler mit Kleinkaliber schießen (so äußerte er sich tatsächlich, und merkte nicht, dass er Goebbels zitierte –natürlich stand die Metapher für Kleingeld, aber das macht es nicht wirklich besser). Wenn ein Kleinkünstler nichts tun kann, dann schadet das niemandem. Im Gegenteil. Daher bekommt der Kleinkünstler nur Kleingeld. Da sich politische Macht nur behaupten kann, wenn es ihr gelingt technische, wissenschaftliche und mechanische Produktivität zu mobilisieren, ist Stillstand das einzige revolutionäre Gegenmittel. Eine Pandemie dauert etwa zwei bis drei Jahre. Dann ist der Kapitalismus wie wir ihn kennen vorbei. Und es wird schlimmer. Wie immer, bevor es besser wird.

 

Streifschuss vom 12. März 20

 

Anlass: Wenn sich ein Virus tot lacht

 

 

 

Vom Ende der Welt wie sich das eine kluge Ameise vorstellt

 

Allergiker werden auf der Straße offen angefeindet und nach Guantanamo in Quarantäne verschleppt. Die US-Amerikaner trinken kein Corona-Bier mehr, weil sie glauben es übertrage den gleichnamigen Virus. Ganz Italien ist viralisiert und leidet unter einer schweren histrionischen Persönlichkeitsstörung. Doch die Hysterie passt nicht zum Verhalten der Menschen. Als ich jüngst nach Hause fuhr und am Marienplatz aussteigen wollte, kamen zwei kräftig gebaute Frauen mit Signalkleidung und desinfizierten die S-Bahn. Als ich sah, wie sie das machten wurde mir schlecht. Das war keine vorschriftsmäßige Flächendesinfektion, sondern sie verschmierten die Keime nur. Vielleicht wollten sie die Keime verwirren indem sie sie von links nach rechts wischten. Doch so findet der chinesische Flüchtlings-Virus nie mehr nach Hause. Ihre unausgereifte Desinfektions-Methode führt daher eher zu weiteren Antibiotika resistenten Keimen, als zu einem Schutz vor chinesischen Monster-Viren. Besorgniserregende 0,0002 Prozent der deutschen Bevölkerung sind infiziert und 0,0000004 Todesfälle verzeichnet das RKI. Zum Vergleich: Es sterben in einem Jahr 3.000-mal so viele Menschen bei Verkehrsunfällen. Wir sollten also das Autofahren verbieten, wollten wir in den Krankenhäusern für Entlastung sorgen. Es ist inzwischen absurd und es herrscht eine ernsthaft bedrohliche Volkshysterie. Ein Grund mehr, Franz Josef Strauß zu zitieren: Vox populi, vox Rindvieh. (Leider wählt dieses Volk die Politiker aus ihren eigenen Reihen und sorgt damit für eine verblödete Regierung) Über 200 Tote durch Influenza. Aber das ist ja ein ganz normaler Grippe-Erreger. Kein Grund sich zu sorgen. Zur Sicherheit habe ich schon die alte Wasserspritzpistole meines Sohnes aus dem Keller geholt und statt Wasser Desinfektionsmittel eingefüllt. Nun. Die Menschen sterben nicht durch den Corona-Virus aus, sondern durch Dummheit, durch Ignoranz, Denkfaulheit und der berühmten selbst verschuldeten Unmündigkeit, weil sie lieber dem Spinner auf Facebook glauben, als einem studierten Arzt. Es ist immer noch so, wie das einst Samuel Taylor Coleridge  (ein kluger britischer Rhetoriker der von 1772-1834 lebte) formulierte: „Die Wiese vor meinem Haus hat einfach noch nicht das nötige Alter erreicht, um selbst urteilen zu können – daher habe ich das Unkraut sprießen lassen, statt dem Boden eine Vorliebe für Rosen und Erdbeeren aufzuzwingen.“  In diesem Sinne wünsche den Desinfektionsspritzdamen vom MVG noch viel Freude bei ihrer unsinnigen Tätigkeit.

Streifschuss vom 06. März 20

 

Anlass: Mitten im Merz

 

Warum die konservative CDU / CSU Teil des Problems der wachsenden Rechten sind.

 

Wenn man es bis Berlin an die Parteispitze schafft, kann man doch nicht dumm sein! Dennoch muss ich mit einem Kalauer beginnen. Ein führender Politiker der CDU analysierte den Rechtsruck der Gesellschaft als eine „empfundene Führungslosigkeit und Orientierungslosigkeit“. Menschen die gezielt andere Menschen töten sind nicht orientierungslos (immerhin 200 Todesopfer neonazistischer Terrorakte in 15 Jahren). So bezweifle ich, dass Politiker die solche Äußerungen von sich geben die nötige politische Bildungshöhe aufweisen, um ernsthaft einen analytischen Satz äußern zu dürfen. Autorität statt Majorität? War das damit gemeint? Dann sage ich, dass wir keinen absolutistischen Staatsfürsten brauchen (denn genau diesen zu verhindern, darum geht es ja), und dass nach wie vor von „Staatsdienern“ die Rede ist, weil alle Gewalt vom Volke ausgeht. Der Politiker soll das Volk nicht anführen, sondern ihm dienen. Als machiavellistischer Fürst dient er nicht dem Volk, sondern nur sich selbst.
Die Verharmlosung des dramatischen rechten Terrors entspringt einem mangelnden Rechtsempfinden dieser poltischen Führungsperson, die sich nun selbst als Parteiführer zur Wahl stellt.

 

Zwischen Demokratie und Liberalismus

 

Während der Demokrat mit Hilfe von Mehrheitsentscheiden staatsbürgerliche Freiheiten erst gewährt, sieht der Liberale in diesen Freiheiten Naturrechte, die unabhängig von einer Majorität sind. Daher fordert der Liberale Freiheit vom Staat und vom Staat belassene Naturrechte. Das ist kein bloßer Gegensatz, sondern ein Spannungsverhältnis zwischen Demokratie und reinem Liberalismus. Hier fasst der schlichte Faschist das Verhältnis als „demoliberale“ Mischung auf. Die von rechtskonservativen Politikern nicht ganz zu Unrecht aufgegriffene Wortwahl der Führungskrise als eine „empfundene Krise“ resultiert aus diesem Spannungsverhältnis zwischen Majoritätsentscheiden und der Unzufriedenheit von Minderheiten mit diesen Entscheiden.
Der schöne Rechtsspruch „Das Recht scheidet wohl, aber es freundet nicht“ trifft es auf den Punkt. Der Staat ist nicht unser Freund. Der Staat klärt die Verhältnisse zwischen Menschen, wenn diese sie nicht mehr selbst untereinander klären können (Subsidiaritätsprinzip). Die Verwechslung des Staates mit einem Hüter und Schafshirten kann nur von Schafen oder von Wölfen kommen. Insofern ist die konservative Ideologie irrational, wenn sie den Staat als einen Organismus darstellt mit einer Herrschaft eines Hauptes über seine Glieder. Woher kommt diese geheimnisvolle Lebenskraft dieses Organismus? Nein. Der Staat ist ein abstraktes Gebilde aus einem ebenso abstrakten, nur gedachten, rein rationalen und logisch deduzierten Vertrags. Der Staat ist bestenfalls eine gut oder schlecht funktionierende Maschine.
An der Differenz, dem Spannungsverhältnis von Liberalismus und Demokratie entscheidet sich denn auch die weitere Zukunft der Politiken. Der unendliche Wert des Individuums – in der Würde des Menschen subsumiert – steht in Spannung zu den Eigenheiten und sittlichen Verwerfungen des empirischen Individuums. Wenn wir also über etwas nachdenken wollten, dann genau darüber, wie wir uns dieses Verhältnis zwischen Demokratie und Liberalismus in der Zukunft vorstellen.  Aber lassen wir den konservativen Organismus-Begriff des Staates weiter zu, dann geben wir langfristig (eher sogar demnächst) die überindividuellen Rechte der Gleichheit und Freiheit aller auf und können die letzten 300 Jahre als gescheitert betrachten. Was dann folgt, sind Kriege, Revolutionen und Unterdrückung im steten Wechsel – womöglich für Jahrhunderte.

Streifschuss vom 22. Februar 20

 

Anlass: Hanau

 

Oh edels Leben – man könnte auch sagen Eselsleben

 

Hanau war die erste Station des flüchtigen Simplicissimus aus dem berühmten Roman von Christoffel von Grimmelshausen. Es war schon lange eine Migrationsstadt, Fluchtort für die Hugenotten.  Jetzt wurde es 500 Jahre später zum Schauplatz einer mörderischen Katastrophe.

Mir droht neben Altersarmut, Siechtum, Krebs und Demenz auch ein faschistoid-rassistischer Staat oder – um so einen Mörderstaat zu verhindern – ein Überwachungsstaat mit einer Psycho-Polizei, die jedes auffällige und von der Norm abweichende Verhalten registriert und notfalls sanktioniert. Eine Polizei-Einheit, angeführt von Psychiatern auf der Jagd nach potentiellen Einzeltätern. Mir graust vor der Zukunft, obwohl doch alles grade so bunt und funny ist.
Nebenbei machen skrupellose Geschäftemacher weiter ihr Business mit der Gesellschaftskrise. Die Frage ist, ob der Rassismus nur die Folie ist und die Irrationalität dahinter einem ganz anderen, viel existenziellerem Motiv folgt. Herrenmenschen im Sinne der kolonialen Hybris sind niemals Attentäter. Sie nutzen die Verunsicherungen geschäftlich. So war der jüngste Attentäter Tobias R. (Hanau) zwar ein Rassist und hochgradig paranoid gewesen. Als Einzelperson symbolisiert er den white trash. Doch was steckt dahinter? Wozu dieses merkwürdige und jederzeit als falsch belegbare Weltbild, das eine Gruppe Menschen willkürlich ausgrenzt und diese dann auslöschen will? Es gibt die Herrenmenschen, die nur Geschäfte machen und sich bereichern, dann gibt es die Charismatiker die mit heißem Glauben auftreten und am Rand die Vollstrecker. Die Herrenmenschen können sich heraus reden und darauf berufen, dass sie ja nur ihr Business betreiben. Die Charismatiker können den Vollstrecker zum Häretiker erklären, der die reine Lehre falsch verstanden hat. Am Ende bleibt der einsame Vollstrecker zurück. Dieser ist dann ein Einzeltäter und als Abtrünniger ist er naturgemäß psychisch krank. Am Ende haben wir eine Null-Situation. So muss man hier auf drei Fronten angreifen. Die Geschäftemacher, die Charismatiker und die Vollstrecker. Interessant sind vor allem die Charismatiker. Denn sie sind die wahren Ideologen. Die Geschäftemacher sind selten ideologisch aufgeladen. Sie machen Geschäfte und suchen nach dem günstigsten Nährboden dafür. Die Charismatiker sind am Beginn ihrer Karriere Spinner und Grenzgänger. Wenn sich die bestehenden Machtkonstellationen auflösen durch Krisen, dann können sie an Bedeutung gewinnen. Für den Geschäftemacher sind Krisen immer gewinnträchtig. Daher neigen die Geschäftemacher dazu, die Charismatiker zu unterstützen, um die Krise auszukosten und damit auf ihre Kosten zu kommen. Am Rand lebt der Vollstrecker. Ihre Karriere beginnt mit Biederkeit. Doch in der sich formierenden Krise scheitert ihre Biederkeit an der sich wandelnden Welt. Da der Vollstrecker nicht über Charisma verfügt droht er unterzugehen. So wird er zum Gläubigen, vom Saulus zum Paulus gewandelt fühlt er sich von seiner Blindheit kuriert. Jetzt weiß er. Der Vollstrecker sehnt sich nach Fürsprache vom Charismatiker. Doch in der modernen Welt ist die Distanz nicht zu überbrücken. Die radikale Tat verschafft ihm dann am Ende seiner Karriere die große Bühne. Diese Tragödie spielt sich in der Menschheit schon lange ab. Die Frage ist: Ist der Rassismus eine eigenständige Theorie? Nein! Klare Antwort. Nein! Der Rassismus ist eine Folie. Wirft uns wieder zurück zum Charismatiker. In der Krise erleben sie sich selbst als Heilsbringer. Durch die Krise sind sie plötzlich gefragt. Aber ihr Nährboden war schon da. Der Humus ihrer Gedanken ist kein isoliertes Wunder.

Streifschuss vom 19. Februar 20

 

Anlass: übernehmen die Irren die Meinungshoheit?

 

Es gibt Leute, die glauben, alles wäre vernünftig, was man mit einem ernsthaften Gesicht tut. (Georg Christoph Lichtenberg)

 

Jeder weiß Bescheid -Episteme

 

Wir befinden uns in der achten Woche der 20er Jahre. Vor hundert Jahren – das sollten wir uns klar machen- gab es weit mehr Zeitungen und weit mehr informierte Menschen als heute. Immer leichter wurde es, Zugang zu speziellem Wissen zu bekommen. Das ist doch erst mal gut und zu begrüßen. Doch Sie merken schon: In diese Einleitung ist ein „aber“ eingehakt. In letzter Zeit werden immer mehr spekulative Gedanken veröffentlicht, die meinen Gedanken gleichen, die ich vor zehn Jahren in die Schublade geschrieben habe und mittlerweile als zu spekulativ und naiv verwarf. Das ist seltsam und erklärungsbedürftig. War ich mit meinem Spürsinn meiner Zeit voraus und bin nun für immer meiner Epoche enteilt? Oder holte mich die Vernunft wieder ein und ich bin jetzt vorsichtiger geworden, während die Konkurrenz der schreibenden Zunft sich genüsslich dem Irrsinn hingibt? Wildeste Spekulationen über die Digitalisierung kann man auf den Foren im Internet lesen, da werden wir allesamt überwacht und betrogen. Das Darknet geistert als Horrorvideo durch die Köpfe und immer mehr fürchten sich vor der Abschaffung des Bargelds. Die Spekulanten der Börse werden zunehmend zu den Bösewichtern der Spekulanten des Geistes. Die Börsianer werden wie eine außerirdische Population geschildert. Dabei spekuliert doch schon jeder zweite Bankkontenbesitzer mit Aktien und bereichert sich an der Ausbeutung anderer Länder. Die informierten Zeitgenossen mokieren sich über die digitalisierte Welt und veröffentlichen ihre Hypothesen in genau dem Geistermedium (Internet) das sie zugleich anprangern. Das nennt man kognitive Dissonanz. Der Raucher kann sich trefflich über Krebs erregen. Nun. Informiertheit ist eben nicht immer zugleich Wissen. Und Wissen sorgt nicht automatisch dafür, dass ich mich auch an das Gewissen halte. Die Freiheit des Geistes (die Gedanken sind frei) ist eine schöne Sache und wir sollten und sollen auch alle fleißig frei darin sein. Doch bitte: Nehmt euch alle nicht gar zu ernst dabei. Viel zu oft ist es gerade deshalb ausnehmend komisch, weil es mit großem Ernst vorgetragen wird. Wie schon eingeräumt, ich kenne das von mir selbst. Immer wenn ich mich besonders ernst nahm, wirkte ich am Komischsten. Der Komödiant in uns sollte sich stets zugleich bewusst sein, dass er eine ernste Rolle spielt, sonst endet er noch tragisch. Das heißt nicht, dass ich alles relativiere. Vielmehr appelliere ich an die Einsicht, dass wir alle gelegentlich an kognitiven Verzerrungen leiden und dass der schönste Teil des Bewusstseins der ist, sich bewusst zu sein, dass man sich auch irren kann. Recht haben ist das materielle Recht. Recht bekommen ist das formelle Recht. Das wurde nicht umsonst ordentlich voneinander getrennt.

 

Streifschuss

vom 16. Februar 20

 

Anlass: über das Streben nach Glück

 

De beata vita

 

Zwei Glücksbegriffe prägen uns von jeher. Einmal jenes Glück im Innern. Die Griechen nannten es Eudämonie. Das ist weitestgehend unabhängig von den äußeren Ereignissen. Vereinfacht gesagt: Ich akzeptiere mein Schicksal und  mache das Beste daraus. Dazu erzählt uns Herodot in seinem Buch Klio folgende Geschichte: Nachdem der berühmte Krösus fast alle seine Gegner unterworfen hatte und unermesslichen Reichtum angesammelt, besuchten viele weise Männer das reiche Sardes (liegt in der westtürkischen Provinz Manisa). Unter anderem kam auch Solon vorbei. Er hatte gerade den Athenern die Gesetze für ihre Demokratie geschenkt und sich dann auf eine zehnjährige Reise begeben, um sich in der Welt umzusehen. Die daheim gebliebenen Athener konnten die Gesetzgebung durch Eide gegenüber Solon zehn Jahre lang nicht ändern.
Als sich Solon und Krösus begegneten fragte Krösus auf seine für Superreiche typische joviale Art den Solon, wen er denn für den glücklichsten Menschen halte. Krösus war sich natürlich klar, dass das nur er sein konnte. Schließlich hatte er gerade viele Schlachten gewonnen und üppigen Reichtum angesammelt.  Aber Solon nannte einen gewissen Tellus als den glücklichsten Menschen. Der hatte wohl geratene Söhne die alle in besten Verhältnissen lebten und als die Athener ihn in die Schlacht riefen, wehrte er alle Feinde ab und starb gleich auf dem Schlachtfeld. Dort wurde er an Ort und Stelle ehrenvoll von seinen Freunden begraben. Krösus wirkte etwas enttäuscht. Wenigstens der zweitglücklichste Mensch sollte er doch wohl sein. Aber nein. Solon nannte Kleobis und Biton. Die beiden stammten aus Argos und waren körperlich gut ausgestattet. Einmal wollte ihre Mutter zu einem Fest, aber es waren keine Rinder da für den Wagen. Da spannten sich die beiden einfach selbst vor den Wagen und brachten ihre Mutter die 45 Stadien zum Heiligtum. Das sind immerhin gute zwei Stunden Wagenfahrt. Alle priesen Kleobis und Biton und auch die Mutter, die solche Söhne hat. Daher wünschte die Mutter vor dem Heiligtum für ihre Söhne das Beste, was die Götter den Menschen geben können.  Kleobis und Biton legten sich im Tempel schlafen und wachten nicht mehr auf. Das Beste, was die Götter für den Menschen zu bieten haben, ist nämlich der glückliche Tod. Niemand kann sich glücklich schätzen, solange er noch lebt. Er kann höchstens sagen, dass es ihm gerade gut gehe. Aber man lebt gut 70 Jahre und jeder Tag ist anders. Doch erst wenn man tot ist, kann man beurteilen, ob dieser Mann, diese Frau ein glückliches Leben hatte. Denn selbst Reichtum schützt nicht vor Unglück. Zwar kann man sich alle seine Begierden besser stillen und Unglück etwas besser ertragen, aber ein armer Mensch der sich glücklich fühlt ist besser dran als ein Reicher der sich unglücklich fühlt.
Krösus war richtig sauer. Was für ein Idiot war dieser eingebildete Grieche mit seinen ausgelatschten Sandalen. Er jagte Solon vom Hof, zog sich in seine Gemächer zurück und ließ sich weiter von seinem Goldschatz blenden. Da wusste er noch nicht, dass er seinen Sohn bei einem Jagdunglück verlieren würde.

Andererseits gibt es das bei den frühen Griechen minderwertigere Glück. Es wird von Kairos repräsentiert. Es ist schwer festzuhalten, flüchtig und kontingent. In der neuzeitlichen Ikonografie wird Kairos als weibliche Figur mit einem Haarschopf dargestellt. Man muss ihn erhaschen. Er ist so flüchtig, dass wir immerzu aufmerksam sein müssen. Wir können uns daher keinen Moment der Ruhe gönnen. Sonst ist das Glück weg. Das entspricht im Kern unserem modernen Streben nach Glück.
Borges berichtet darüber so:  Die Babylonier entwickelten ein Glücksspiel. Am  Anfang hatten alle Glück. Doch schnell war klar, dass das nicht funktioniert. Eine Reform wurde durchgeführt. Nun kam auf 30 Glückliche ein Büßer, der ein Schwarzlos zog und das bezahlen musste. Mit der Zeit weigerten sich die Büßer und gingen lieber ins Gefängnis um zu bezahlen.Irgendwann war der Unmut so groß, dass man die Büßer hinrichten wollte. Aber es fing eine Diskussion an über den Zufall und die Babylonier hielten vom Zufall nichts. Wieso sollten die einen Glück haben und die anderen büßen? Man wollte den Zufall testen und veranstaltete ein Losverfahren in dem neun mögliche Vollstrecker für die Hinrichtung ausgelost wurden. Dann wurden von den möglichen neun Vollstrecker per Los vier gewählt die in Frage kämen und unter diesen wieder zwei. Doch zu einem Ende kam man nicht. Dem Zufall wollte man nicht zustimmen. Daher erfand man immer wieder weitere Kriterien und Losverfahren. Noch mal: neun mögliche Vollstrecker in einer Ziehung. Vier von ihnen leiten eine weitere Ziehung ein, um den Namen des Henkers auszulosen. Bei zwei könnte statt dem schwarzen Los ein glückliches Los gezogen werden, während eine andere Ziehung die Todesstrafe noch verschärft oder eine andere Ziehung dazu führt, dass der Henker sich weigert, die Strafe zu vollziehen. Zu einem wirklichen Ende käme es daher nie. Das Problem dieser babylonischen Gesellschaft war es nämlich, dass der Zufall nicht nur einmalig bei der Losziehung tätig sein dürfe. In allen Etappen des Losverfahrens müsse es den Zufall geben.

Das Glück ist damit während unseres Lebens kontingent. Erst am Ende unseres Lebens steht dann ein abgeschlossenes Werk das man geglückt und missglückt nennen kann. Zwischendrin ziehen wir gerne Bilanz. Das entspricht unserem ökonomischen Charakter und ist doch so unsinnig, weil niemand wissen kann, was die Zukunft bringt. Optimal wäre also, dass man sich sofort tötet, wenn man mal eine positive Bilanz gezogen hat. Aber unserem modernen Glücksempfinden widerspricht das aufs Äußerste, denn man könnte ja in der Zukunft noch mehr Glück haben. Diese Glücksmathematik macht den Tod so grausam. Dagegen hilft auch keine Lebensversicherung.

 

 

Streifschuss vom 09.Februar 20

 

Anlass: molto privato dalla scatola da cucito

 

Blut ist ein ganz besond’rer Saft

 

So ein Verwandtschaftstag ist eine gute Übung zur Selbsterkenntnis. Meine standesamtlich bestätigte Verwandtschaft zeigt keinerlei mit mir verwandten Eigenschaften.  Wenn man unter einer Gruppe fremder Menschen sitzt könnte man sich nicht fremder fühlen. Merkwürdig ist das schon. Vier Stunden über Themen zu reden, über die man das ganze Jahr nicht redet. Und nicht ein einziges Thema wird angeschnitten, das ich sonst auf dem Radar habe. Diese mit mir offiziell verwandten Brüder, Schwestern, Schwager und Schwägerinnen, Onkel, Tanten, Cousinen und Neffen treffe ich natürlich so selten, dass man sie im Grunde psychologisch als entfernte Verwandte bezeichnen könnte. Dabei lauert der Sprachwitz, dass man sie nicht entfernen kann. Schließlich bin ich ihnen genauso fremd und vermutlich schütteln sie auch über mich den Kopf nachdem ich mich wieder entfernte. Wenn das eigene Blut sich so fremd ist, dann ist das schon erschütternd.  Andrerseits unterscheide ich mich doch lediglich dadurch, dass ich zu viele Bücher lese. Der Grad meiner moralischen Verderbtheit entspricht einer intellektuellen Leukämie. Nicht ein einziges Familienmitglied liest annähernd so viele Bücher, zumindest nicht solche die ich lese. Da wir alle beisammen saßen um ein hochbetagtes Familienmitglied zu ehren, kam die Rede naturgemäß auf das Alter. Ich wagte den Vorstoß, nicht so alt werden zu wollen, denn das Projekt Leben habe mich noch nicht überzeugt. Es offenbarte sich: Keiner meiner Familienmitglieder hatte scheinbar tiefer darüber nachgedacht, was das Ganze soll und wenn doch, dann brachte mein Schwager das Denkergebnis einfach und mit dem Impetus einer für alle greifbaren Wahrheit auf den Punkt: „Hilft ja nichts“. Er sagte es einige Male zu den verschiedensten Themen. Alles was mein Leben ausmacht, was für mich von Bedeutung ist, fügt sich in diese drei Worte meines Schwagers: Hilft ja nichts. Und da es nichts hilft, unterhielt sich meine Verwandtschaft über Autos, ob man Winterreifen nehmen solle, oder Ganzjahresreifen, darüber dass immer mehr gebaut wird und immer weniger bezahlt. Meine Verwandten wunderten sich, dass die meisten Lottogewinner aus Nordrheinwestfalen stammen. Als ich fragte, ob es dazu wirklich statistische Erhebungen gebe, kam raus, dass es nur eine subjektive Feststellung war. Doch sie klang wie ein Hauptsatz. Diesen stellte man gar nicht in Frage, vielmehr suchte man nach Belegen für den Hauptsatz. Ich scherzte und empfahl meinen Verwandten nach Nordrheinwestfalen zu ziehen, dann könnten auch sie ihre Chancen Lottogewinner zu werden erhöhen. Sofort kam das Gegenargument, es gebe in Nordrheinwestfalen mehr Lottogewinner, weil man dort häufiger spielen würde. Daher erhöhe ein Umzug die Chancen nicht. Die reichen Bayern hätten es nicht nötig Lotto zu spielen. Dass meine Verwandten Lotto spielen, weil sie nicht zu den reichen Bayern zählen, wurde dabei eskamotiert. Hilft ja nichts. Vielmehr würden die nordrheinwestfälischen Lottogewinner alle nach Bayern ziehen, weil dort auch das Wetter schöner sei. Meine innere Verzweiflung über diese Hauptsätze der gesellschaftlichen Thermodynamik konnte ich nur mühsam verbergen. Die Tatsache, dass hier an diesem Tisch meine ordnungsgemäß registrierten Familienmitglieder saßen – nun! Hilft ja nichts.

 

Streifschuss vom 07. Februar 20

 

Anlass: Thüringen und die Wiederholung der Geschichte

 

Nichts Neues aus Weimar

 

Die Hypokrisie ist der Fachbegriff aus dem altgriechischen für Scheinheiligkeit und Heuchelei. Der Heuchler spiegelt eine Gesinnung, moralische Werte wider, die er gar nicht hat. Berühmt ist Heines Wein trinkender Wasserprediger. Als jüngst die neorechte Partei der AFD in Thüringen einen Landesherrn krönte war dies der Höhepunkt der Scheinheiligkeit.  Wäre ich ein aufrechter Faschist, wäre es mir peinlich mit der AFD in Zusammenhang gebracht zu werden. Denn die AFD ist nichts weiter als eine Ansammlung neoliberaler Wichser. Nur deshalb haben CDU und FDP auch mit ihnen in Thüringen zusammenarbeiten können. Die Unterschiede zwischen CDU/CSU/ FDP und AFD sind im Grunde nur marginal. Sie haben zumindest kurzfristig gemeinsam einen Mann gekrönt, der der Inbegriff des kapitalistischen Eroberers ist. Denn dieser frisch gekrönte Landesherr ist ein Unternehmensberater, der 1989 aus dem Westen ins Eldorado Erfurt kam und dort aus einer Friseusen-Kolchose eine Aktiengesellschaft machte. Dass er sich jetzt peinlich zurückzieht ist nur peinlich. Kemmerich baute seine Karriere auf Kosten vieler Menschen auf, die in der ehemaligen DDR ihr Auskommen hatten. Es ist historisch nachvollziehbar, dass gerade von diesem Bundesland aus sich die alten Dämonen wieder entzünden. Nur eine halbe Stunde Autofahrt von der Kulturhauptstadt Weimar (Goethe, Schiller, Bauhaus) entfernt liegt das KZ Buchenwald.

Insofern heucheln hier nicht nur die sanktionierten Staatsparteien, sondern auch die vom Verfassungsschutz beobachtete AFD. Die gemeinsame Hypokrisie ist erbärmlich. Alles geschieht nur, um einen Linken zu verhindern. CDU und FDP verraten ihre demokratischen Überzeugungen aus purer Gier nach Macht. All die aufgeregten Stimmen danach machen das Ergebnis im Grunde nur noch schlimmer. Denn längst ist klar, dass die AFD nicht rechts neben CDU und FDP steht,  sondern wie CDU und FDP eine reine neoliberale Veranstaltung ist. Der Untergang der bürgerlichen Verfasstheit unseres demokratischen Staates ist seit Thüringen nicht bestätigt. Es ist vielmehr explizit eine bürgerliche Veranstaltung. Die Bourgeoisie erweist sich nur mal wieder als jakobinisch im Sinne einer Diktatur der Ökonomie. Was schon die originalen Nazis auszeichnete - mit den großen Wirtschaftsführern zusammen zu arbeiten - zeichnet auch die AFD aus, diesen feuchten Abklatsch weichgespülter Pseudofaschisten. Die AFD ist nichts weiter als eine opportunistische Dreckschleuder und passt gut zu CDU und leider auch FDP.

 

Streifschuss vom 02. Februar 20

 

Anlass: Vom Nutzen der Maschine

 

Klimalösung

 

Der Körper ist eine geniale biologische Maschine. Sie erzeugt durch Redundanz Geist. Man kann das als überflüssiges Zeugs betrachten, aber auch als Ressource oder Reserve. Das Meiste aber kann man getrost weglassen. Das Meiste wird einfach nur überschätzt. Insgesamt ist Geist daher auch nichts Höheres, sondern lediglich ein Nebenprodukt der Maschine. Wenn man der Sexualität entsagt, stehen für dieses Nebenprodukt Geist mehr körperliche Energien zur Verfügung. So kann die Maschine besser Bewusstsein reproduzieren. Potentiell löscht jeder Fick das Gedächtnis, reduziert die Sprache, die Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit, den Willen und Probleme. Gedächtnis, Sprache, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Wille und Problemlösen sind zusammengefasst das Bewusstsein. Sex ist ein Bewusstseinskiller. Sex funktioniert am besten, wenn man nicht denkt.  Wer also auf Sex verzichtet erzeugt vor allem Nebenprodukte. Hauptprodukt ist immer noch Menschenfleisch. Oder wie man das heute nennt: Humankapital. Das Problem jeder Zivilgesellschaft ist, dass zu wenig gefickt wird und zu viele Nebenprodukte erzeugt werden. Und 99 Prozent dieser Nebenprodukte sind schädlich für das Weltklima. Acht Stunden Arbeit, danach Freizeitkultur, konsumieren, Sport treiben, Bücher lesen, Filme anschauen. Da bleibt nur noch wenig Zeit für das Hauptgeschäft. Daher plädieren fast alle Utopisten der vergangenen Jahrhunderte für die freie Liebe (von Thomas Moore bis Aldous Huxley). Statt also freitags auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren, sollten die jungen Leute ficken. Dann gucken sie auch weniger in ihr Smartphone, twittern weniger und warm wird es ihnen dabei auch (was für eine Reduzierung der fossilen Brennstoffe sorgt). So könnte man heute als Wahlspruch sagen: „Make love and do not destroy the climate“.
Nun bin ich ein älterer Mann der in dieser Hinsicht nur gute Ratschläge geben kann. Noch dazu als einer, der durch die Produktion von Nebenprodukten seine Miete bezahlt.  Selbstverständlich bedaure ich diesen Umstand und appelliere hiermit an die Jugend und die Hoffnung der menschlichen Zukunft. Fickt endlich und sorgt euch nicht!!

Streifschuss vom 31. Januar 20

 

Anlass: Der Irrglaube an die Leistung

 

Standesgemäß

 

Mitten im Wald in der Nähe eines kleinen Bächleins, umringt von gewaltigen Eichen, stand eine ärmliche Hütte, erbaut mit eignen Händen von einem noch ärmlicheren Einsiedler. Dieser einfache Mann lebte von Wurzeln und Beeren. Gegen die bittere Kälte schützte ihn nur ein sackähnliches Kleid aus Wolle, das längst zerfranst und schmutzig geworden war. Ein Trupp Soldaten hatte sich in diesen Wald verirrt und trafen nun auf diesen Einsiedler. Die Soldaten waren ausgehungert und mordlüstern. Doch sie merkten schnell, dass es sie auch nicht satt machen würde, wenn sie diesen dünnen Einsiedler töten würden. Sein Fleisch schien ihnen ungenießbar.
Sie baten den Einsiedler, ihnen einen Weg aus dem Wald zu weisen. Das tat der Einsiedler und begleitete die Soldaten zur Dorfgrenze.
Als er allein wieder zurück kehrte zu seiner Hütte, war diese verwüstet worden. Offenbar hatte ein anderer Trupp Soldaten in der Zwischenzeit gehofft, essbares oder Bares dort zu finden. Aber außer Bücher und einer Schüssel mit Wurzeln und Beeren hatten sie nichts vorgefunden. Alles war zerstört worden. Der Einsiedler legte sich traurig in sein durchwühltes Stroh und schlief unruhig ein.

Da träumte er von einem Baum an dem nicht Blätter sondern Menschen hingen. Auch die Wurzel des Baumes bestand aus Menschen. Sie litten sehr unter ihrer Last. Der Druck des Menschenbaums presste ihnen sogar das Mark aus den Knochen heraus. All ihre Mühen, den Menschenbaum am Leben zu erhalten wurden durch Prügel und Not gelohnt. Sie waren Bauern, die aus der Erde holten, was aus der Erde zu holen war. Die untersten Äste über den Bauern waren Plünderer und Diebe, einfache Soldaten wie diese, die auch die Hütte des Einsiedlers zerstört hatten. Das wenige Hab und Gut wurde den Bauern von diesen Plünderern geraubt. Doch die Plünderer waren nur armselige Fußsoldaten, die gottlos von der Hand in den Mund lebten und nicht über den einzelnen Tag hinaus planten. Über diesen Fußsoldaten standen die gelernten Soldaten. Sie klopften die einfachen Soldaten so lange aus, bis sie sich das bisschen Hab und Gut der Bauern selbst aneigneten. Doch über diesen wiederum standen die Kommandanten, die sich auch für was Besseres hielten. Sie prügelten das Hab und Gut aus den gelernten Soldaten raus.
Über all diesen hingen die oberen Äste. Um sie zu erreichen musste man eine Leiter ersteigen, die allerdings mit einem schmierigen Öl bestrichen war. Das schafften die wenigsten. Fast alle rutschten von der Leiter. Nur diejenigen, die schon einen Verwandten an den oberen Ästen hatten, wurden hinaufgehoben. Ganz egal ob dumm oder klug. So saßen oben fast nur Protegierte. Um den Baum auch unten am Leben zu erhalten, wurde gelegentlich ein klein wenig davon, was man zuvor den Bauern ganz unten genommen hatte und ganz nach oben weiter gereicht hatte, wieder herab geworfen. Doch das kam meist nicht unten an, weil geschickte Leute es noch vorher abfangen konnten. So hungerten die, die unter der geschmierten Leiter standen weiterhin. Dieses System wurde allein vom Krieg selbst am Leben erhalten.

So schildert es uns Christoffel von Grimmelshausen in seinem Simplicissimus. Dieser Traum des Einsiedlers ist bekannt als „Ständebaum-Allegorie“. Die Schere von arm und reich, wächst heute wieder beständig. Sie ist in erster Linie ein Ergebnis der Korruption. Heute sind es wohl keine Bauern, Landsknechte und Pikeniere die an den unteren Ästen hängen und verhungern. Doch die vielen fleißigen und produktiven und reproduktiven Kräfte unseres modernen Wirtschaftbetriebs werden weiterhin verarscht. Die geschmierte Leiter ist eine Metapher der Chancen- und Leistungs- und Verteilungsungerechtigkeit. Das Problem ist, dass so ein ungerechter Baum keine Überlebenschance hat. Denn nicht jedes Kind reicher und privilegierter Eltern hat auch Führungsqualitäten. So sitzen in den gehobenen Positionen vielfach Idioten oder Menschen ohne jede Moral. Empathie und Moral sind sogar Eigenschaften die jede Karriere zerstören. Besser kommt man voran wenn man Beziehungen hat, diese eiskalt nutzt, sprichwörtlich über Leichen geht und dann muss man nur noch dafür sorgen, dass die die unter einem sind, weiter unten bleiben. Die geschicktesten unter den Korrupten fangen am liebsten staatliche Fördergelder auf. So kommt das Steuergeld in der Regel nicht den einfachen Leuten zugute, sondern fördert nur die, die ohnehin schon am goldenen Topf sitzen. Das Ergebnis ist, dass Idioten und gefühllose Dreckskerle immer reicher werden, während die intelligente und empathische Basis die alle ernährt allmählich verhungert. Leistung ist nur noch eine Quelle an der sich Idioten und Schweine laben.

Dies war auch der Grund, warum Simplicissimus nach all seinen Abenteuern in der weiten Welt, wieder in seine Einsiedelei zurück kehrte.  Und es ist heute ein Grund dafür, Arbeit und Mühe aus dem Weg zu gehen. Wer schuftet, füttert damit nur Idioten und Schweine.

Streifschuss vom 18. Januar 20

 

Anlass:  Anna war ein selig Weib, drei Marien gebar ihr Leib.

 

Familiensinn

 

Die meisten Menschen finden den bürgerlichen Lebensentwurf (Familie, Kinder, guter Job) immer noch als erstrebenswert, als summum bonum (Ausdruck von Aristoteles, der das höchste Glück bezeichnet) ihres Daseins. Lediglich die Jugendlichen wehren sich gegen diese Einöde. Je nach Resilienz und Vulnerabilität wehren sie sich unterschiedlich lange. Irgendwann entscheidet sich der junge Erwachsene für die Vernunft und die heißt: Familie, Kinder und guter Job. Wer sich trotz fortgeschrittenen Alters anders entscheidet gilt geradezu als gescheitert. Das ist insofern absurd, weil es doch immer heißt dass wir in einer offenen Gesellschaft leben. So offen scheint sie nicht zu sein. Im Gegenteil. Auf beinahe schon bösartige Weise wird der Antibürger angegriffen. Er gilt entweder als Schädling, als Schmarotzer oder als unvernünftig und krank.  Familie, Kinder, guter Job. Die gut bürgerliche und geglückte Pseudoromantik in einer pervertierten Konsumgesellschaft. Man hat den Eindruck, dass die Zivilisation mit Familie, Kinder und einem guten Job ihr Erwachsenenalter erreicht hat und nun zählt noch, diese Mission zum Ende zu bringen. Die Realität sieht natürlich anders aus. Die meisten scheitern daran. Die Ehe wird geschieden, die Kinder entfremden sich, der gute Job entpuppt sich als Daseinsfalle und man erträgt mehr schlecht als recht all die Bildungsprogramme die nur den Sinn haben, sich selbst als Ware zu deklarieren. Aber mit fast schon blindem Fatalismus wird der Biedermeier weiter als Lebensideal aufrecht erhalten. Ein wenig Demokratie und Ehrenamt dazu und fertig ist das „schöne Leben“. Den Künstlern und Kreativen gesteht man – aber nur wenn sie erfolgreich sind – eine Sonderposition zu. Diese Künstler dienen dann als Abfuhr der eigenen Bedürfnisse die man zu Gunsten des eigenen Lebensglückes unterdrückte. Als glücklicher, fleißig arbeitender, Güter konsumierender Zeitgenosse wäre man ohne Fehl und Tadel, erklärt der Weltcontroller Mustapha Mond dem Wilden John Savage in der schönen neuen Welt. So gesehen leben wir in eben dieser schönen Welt, die Huxley in seinem Roman von 1932 beschrieb. Der Wilde fordert ein Recht auf Unglück. Und das ist so absurd, dass es weh tut. Warum sollte man nicht glücklich sein und sein eigenes Scheitern als geglückt betrachten? Beinahe acht Milliarden Menschen streben nach Glück. Wäre Glück eine endliche Ressource hätte Thomas Hobbes Recht. Nach Hobbes ist der Mensch von Natur aus nicht für die Gesellschaft geeignet. Er ist vielmehr eine Menge dissoziierte Individuen. Soziale Ordnung begründet er auf einen faktisch egoistischen Menschen und dessen Recht auf Selbsterhaltung.  Die Natur ist kein ethisch sinnvolles Ganzes mehr, es gibt keine ewige Ordnung die man vorfindet und in die man sich hineinfindet, der Mensch erfindet sie neu aus seiner menschlichen Vernunft, die auf seine Interessen (Selbsterhalt) verweist. Der Mensch strebt nicht einfach höhere Ziele an, sondern immer weitere Ziele, als sie je ein anderer erreicht hat. Er sucht das maximum bonum (immer mehr Glück im Gegensatz zu dem höchsten Glück von Aristoteles).

Ehrsucht und Eitelkeit sind sein vorrangiger Zweck.

 

Familie, Kinder und guter Job sind in diesem Sinn ein utopischer Gegenentwurf.

 

 

Streifschuss vom 16. Januar 20

 

Anlass: Eingewilligt

 

Die Seele einer Kuh

 

Mastitisresistente, genmanipulierte Super-Milchkühe mit geringer Lebensdauer und deutlich erhöhter Milchproduktion: Wunderbar! Bald wird es Menschen ohne Bewusstsein geben, die lediglich als Organlager dienen. Der Bundestag stimmte für die Einwilligungslösung bei der Organspende. Somit bleiben die Organe weiter in meinem Besitz. Etwas über 700 Abgeordnete stimmten dazu ab und entschieden sich mit einer einfachen Mehrheit dafür, die menschlichen Organe (Herz, Niere, Leber, Lunge) in der Verfügungsgewalt ihrer Träger zu belassen. 700 Abgeordnete sind 0,0009 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung. Die ganze Debatte wurde von noch weniger Menschen angestoßen. Die Frage, ob man mich als Schlachtvieh nutzen kann oder nicht, wurde von einer erschreckenden Minderheit entschieden. Soviel zur Demokratie. Sie ist so nur noch die Tyrannei einer Minderheit die sich für die Mehrheit hält, weil man sie einst wählte. Wobei die Wahl schon im Vorfeld durch Listen und Parteiengesetz so reduziert wurde, dass es nicht die Realität der Stimmen spiegelt, sondern die Realität des Marktes. Ich habe nur ein Herz, zwei Nieren, eine Leber, fünf Lungenlappen. Auf dem Markt bin ich eine Lappalie. Für mein Herz interessiert sich niemand. Es ist nur ein Organ von vielen auf einem Gabentisch. Wollte ich selbst ein Herz von einem anderen? Im Moment wo ich keines brauche, sage ich nein. Bedürfnisse können sich allerdings schnell ändern. Am tatsächlichen Problem der ganzen Debatte wird vorbeigeredet. Man stellt gar nicht mehr die Frage nach der Würde. Artikel eins wurde – unabhängig von dieser Entscheidung –zur leeren Formel. Damit meine ich, dass gar nicht mehr darüber nachgedacht wurde was ein Herz ist, was eine Niere ist, eine Leber, eine Lunge. Schon vor der der ganzen Debatte herrschte überall Einigkeit, dass es einzelne Organe sind, die zur Verfügung stehen. Geklärt wurde nur die Frage der Verfügungsgewalt. Doch bald wird es Organlager geben und über die Frage Widerspruch oder Einwilligung wird man nur noch lachen. Das Problem ist also nicht die Organspende, sondern was ein Organ ist. Bin ich nicht mein Herz? Bin ich nicht meine Lunge? Bin ich nicht meine Nieren? Ohne sie jedenfalls bin ich nichts. Würde ich also mit einem anderen Organ weiterleben, wäre ich dann noch der, der ich zuvor war? Klar. Politiker kann man mit philosophischen Fragen nur vor sich her jagen bzw. davonjagen. Sie sind –  Gewählte -  ein repräsentativer Querschnitt von dir und dir und dir. Die ganze Debatte ist positivistisch. Sie ist eine Konsumveranstaltung, eine Art Basar. Die Menschenwürde ist hier nur ein Markenzeichen. Wer spricht noch von Seele?

 

Streifschuss vom 11. Januar 20

 

Anlass: Statt Arbeitswut, Wut auf die Arbeit

 

Unser aller Irrtum

 

Prometheus, Sohn des Titanen Iapetos (Sohn von Kronos und Vater von Atlas) brachte den Menschen das Feuer. Die Menschen hätten durch den im Vorhinein Denkenden mit diesem wunderbaren Werkzeug glücklich wie die Götter sein können. Schließlich ist das Feuer frei verfügbar, wärmt und unterscheidet uns vom Tier. Doch sein Bruder Epimetheus (der im Nachhinein Denkende) hörte nicht auf seinen Bruder und nahm trotz der Warnungen ein Geschenk der olympischen Götter an. Das war eine Büchse. Die Büchse der Pandora. Die Büchse voll mit allen Übeln des Lebens wurde von Pandora, der Allgeberin, einer Frau aus Lehm, die Hephaistos gebastelt hatte an die Menschen übergeben. Wer anderes als die Erde ist die Allgeberin. Hephaistos war der Gott der Arbeit (eine Missgeburt für die sich sogar seine eigene Mutter schämte) und er schuf jenes Grundübel, das uns (wie auch die Bibel rät) unser Leben zur Plage durch Arbeit und Schweiß machte. Der Mythos erzählt die Geschichte der Sesshaftigkeit des Menschen. Weil irgendein Idiot uns riet zu bleiben wo wir sind, mussten wir lernen im Schweiße unseres Angesichts die Erde zu bestellen. Das war die Geburt der Arbeit. Die wenigen Menschen die damals nicht drauf reingefallen sind, werden heute stigmatisiert, die Sinti und Roma. Das fahrende Volk denkt nicht dran, sich dieser Fron zu unterstellen. Warum auch? Wie ärgerlich ist doch dieser Unsinn dank des im Nachhinein Denkenden Bruder von Prometheus. Arbeit ist selbst die Plage. Ein übler Trick der Götter hat uns Menschen ins Joch gespannt bis heute. Wir könnten einfach damit aufhören. Das einzige was unserem von Aristoteles geprägten summum bonum im Wege steht ist die Arbeit. Doch wir arbeiten ob des maximum bonum. Ganz im Sinne von Thomas Hobbes. Leben heißt rennen und stehen bleiben heißt sterben. Nicht höchstes Glück zählt, sondern so viel Glück wie möglich. Aus dem Glück wurde dank der Arbeit die Gier. Daher gehen mir die Olympier am Arsch vorbei. Ich bin ein Fan der Titanen. Auf keinen Fall bin ich ein Fan der Menschen, dieser kranken und von Arbeit verseuchten Spezies.

 

Streifschuss vom 08. Januar 20

 

Anlass: Beleidigte Leberwürste gibt es nicht nur in Bayern, aber da schon

 

 

Niedergang der Debattenkultur ist der Niedergang der Debatte selbst

 

Neulich fühlte sich eine SZ-Journalistin von mir beleidigt. Und sie wollte sich nicht in eine weitere Debatte verwickeln lassen. „Wir befolgen hier im Haus die Politik, jedem Leser einmal zu antworten –Was ich nicht muss: Mich anschließend weiterhin in eine Debatte verwickeln lassen.“ Zuvor hatte ich beklagt (und ich war dabei für meine Verhältnisse sogar sanft), dass der einfache Leser sich gegenüber den Journalisten in einer komplementären Beziehung befindet und mit seinen Einmischungen im Grunde chancenlos ist. Quod erat demonstrandum könnte man dazu sagen. Allgemein wird immer wieder ein Niedergang der Debattenkultur beklagt. Zuletzt von der Philosophin Maria-Sibylla Lotter in einem Radio-Kommentar bei Deutschlandfunk Kultur. Sie beklagte die Proteste von Studierenden. Frau Lotter im Originalton: „In Hamburg blockierten Studierende die Ökonomie-Vorlesung des AFD-Mitgründers Bernd Lucke. Die Begründung: Er vertrete neoklassische Lehren. In Frankfurt verlangen Studierende die Entlassung der Ethnologin Susanne Schroeter. Die Begründung: antiislamischer Rassismus, weil sie eine Konferenz zum islamischen Kopftuch organisierte. Vorträge von streitbaren Wissenschaftlern und Politikern wurden abgesagt, andere konnten nur unter Polizeischutz stattfinden. Ist die grundgesetzlich verbürgte Wissenschaftsfreiheit in Gefahr?“ Ihr Resümee war dann, es würde betroffenen Gruppen nicht helfen, wenn andere für sie sprechen, sie sollten es schon selber tun. Nun: Genau das tat ich bei der vorhin genannten SZ-Journalistin. Und was geschah? Sie beendete die Debatte einfach, ach, sie hat sich nicht einmal im Ansatz auf irgendwas eingelassen. Das ist schon übelstes Politikerverhalten. Am Ende ist der Leser ein Konsument und er soll fressen was man ihm serviert. Und der Student ist ein Wissenskonsument und er soll fressen, was ihm der Professor vorlegt. Das ist eine traurige Geschichtsvergessenheit und es ist deshalb so traurig, weil es einmal anders war. Wenn jemand aufmüpfig ist, dann wird das als verhaltensauffällig abgetan und man wird wieder in die Reihe zurückgepfiffen. Dass einst Immanuel Kant in seinem Text „Was ist Aufklärung“ den Menschen empfahl selbst zu denken, unabhängig von irgendwelchem vorgekautem Wissen, das ist inzwischen obsolet. Die selbst denkenden werden dann in einen Topf geworfen mit kruden Verschwörungstheoretikern, oder sie sind dummdreiste Wutbürger. Der Niedergang der Debattenkultur ist nicht der Tonfall – meine Güte, dann ist halt mal einer beleidigt, das kommt vor – sondern dass gar nicht mehr debattiert wird. Keiner lässt sich mehr auf etwas ein. Jeder hat seine Meinung und gut ist es. Bloß keine Argumente. Denn Argumente werden – siehe SZ-Journalistin – sofort als Beleidigung wahrgenommen. Das ist nur noch traurig, wenn es nicht so komisch wäre.

 

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