Literaturprojekt
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Neue Streifschüsse

wann immer nötig (im Schnitt einer pro Woche)

 

schnell und aus der Hüfte geschossen

 

 

Streifschuss vom 02. April 20

 

Anlass: positives Denken (ohne Hintergedanken)

 

Über Sachen die gut sind
– de bono

 

Schlecht ist ja vieles. Menschen sterben, verlieren ihre Existenzgrundlage, drehen durch. Autokratische Strukturen kehren mit Wucht zurück. Die Ungewissheit hat schon jetzt kollektiv traumatisiert. Was ein kollektives PTBS aus uns macht? Gar nicht auszudenken. Und doch gibt es auch Gutes zu berichten. Menschen die anderen Menschen helfen. In manchen Weltgegenden sehen die Kinder zum ersten Mal den Himmel, weil sich der Smoke auflöst.

 

Hier mal meine kleine Liste mit zehn guten Sachen:


1. Ich entdecke meinen eigenen Biorhythmus. Wenn ich müde bin, gehe ich ins Bett. Wenn ich wach werde, stehe ich auf. Da merkt man erst, wie der Kapitalismus mit seinen Zeitzwängen den Körper pervertiert.

 

2. In diesem Jahr fliegt kein Holländer über den mystischen Abgrund. Nach 70 Jahren Dauerlärm herrscht auf dem grünen Hügel in diesem Jahr Ruhe.  Himmlische Ruhe, statt barbarischem Lärm. Die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth spendete in den vergangenen Jahren 60 Millionen Euro für Walküre, Rheingold und Siegfried. Da dieses Jahr die Festspiele ausfallen, wäre es doch angebracht, die Freunde würden ihr Geld an verarmte Künstler spenden.

 

3. Netflix funktioniert noch.

 

4. Man muss viel seltener Wäsche waschen.

 

5. Endlich wird die korrekte, angemessene Individualdistanz eingehalten

.

6. Die schwarze Null fällt dem Rotstift zum Opfer. Rückkehr eines kleinen Hauches von Sozialismus.

 

7. Viele merken plötzlich, dass vor Kurzem noch Grundrechte existierten.

 

8. Termine fallen endlich unter das Waffengesetz.

 

9. Man kommt ohne Ampel über die Straße.

 

10. Man kann sich auf die Lockerung der Ausgangsbegrenzung freuen. Je länger man kaut, desto süßer das Brot.

 

In diesem Sinne fordere ich euch auf, diese Liste zu ergänzen. Bleibt gesund und zuversichtlich.

Streifschuss vom 29. März 20

 

Anlass: Die Wahrheit über das edelste Papier

 

 

Rollen-Orientierung

 

In Deutschland werden fast drei Milliarden Rollen Toilettenpapier verbraucht, was 18 Kilogramm je Bundesbürger im Jahr entspricht. Innerhalb eines Jahrzehnts sei der Bedarf von 1 auf 1,5 Millionen Tonnen Toilettenpapier in Deutschland gestiegen. Das entspricht einer Massenvernichtung. Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch weiß auch darüber weise Worte zu erzählen.
Auf seinem Weg nach Einsiedeln machte Simplicius in Schaffhausen Station. Er wohnte bei einem Junker, der auch schon viel erlebt hatte. So tranken sie viel und erzählten einander am Abend einiges. Als Simplicius am Morgen als erster erwacht, sucht er nach der Toilette, fand den entsprechenden Ort und wollte sich gerade von dem Toilettenpapier ein Stück abreißen, als er von dem Blatt angesprochen wird.  Das Blatt beschwerte sich, dass es nach seiner so langen Reise einem einfachen Bettelmönch dienen müsse und nicht dem Arsch des Königs von Frankreich. Daraufhin erzählt das Toilettenpapier (im Text von Grimmelshausen Schermesser genannt, weil es im bäuerlichen Leben heißt, dass man das Hinterteil eines Rindviehs nur säubern könne, indem man es rasiert) dem Simplicius seine Lebensgeschichte, die immerhin zur Zeit Kaiser Wenzels begann (um 1400). Also ist das Toilettenpapier mit dem sich Simplicius den Hintern wischen will fast 300 Jahre alt. Die Reise des Toilettenpapiers beginnt als Hanfsamen. Das Blatt erzählt die ganzen verschiedenen Handelsstationen, es wird zum Hanfstengel, zu Kompost, zu einer Leinwand, zu dem Oberhemd einer untreuen Magd, zu Windeln, wird schließlich von einem Lumpensammler eingesammelt und am Ende sogar zu Papier verarbeitet und zu einem Buch für einen Buchmacher der darin seine betrügerischen Zahlen einträgt. Die Erben des Buchmacher verarbeiten es zu Packpapier und so kam er in das Haus dieses Junkers. Doch Simplicius ist kaum beeindruckt und meint, dass er bei all den unflätigen Reden des Papiers  sein Schicksal gewohnt sei und würde sich trotzdem mit ihm den Hintern auswischen. Die letzten Worte des Toilettenpapiers lauten dann: „So wie du jetzt mit mir prozedierst (umgehst), wird auch mit dir der Tod verfahren, wenn er dich wieder zu Erde macht, aus der du genommen wurdest. Und nichts wird dich davor bewahren, so wie du mich für diesmal hättest retten können.“

Viele deutsche Mitbürger beteiligen sich während der Corona-Krise an der großen Rettungsaktion „Rettet die Rolle“. Für den Arsch des Königs. Vielen Dank!

Streifschuss vom 28. März 20

 

Anlass: heiße und kalte Zonen

 

Corona fidei

 

Vor etwa 4000 Jahren existierte in der Kupfersteinzeit die Glockenbecherkultur in ganz Mitteleuropa. Sie bestatteten die Toten in Hockstellung auf der Seite liegend, Männer auf der linken Seite, den Kopf gen Norden und Frauen auf der rechten Seite, den Kopf nach Süden ausgerichtet, die Gesichter stets nach Osten gewandt.
Die gleichzeitig existierende Kultur der Schnurkeramik bestatteten ihre Toten genau anders rum. Eine Nord-Süd-Achse mit nach Osten gewandtem Gesicht bei der Glockenbecherkultur , dagegen eine Ost-West-Achse mit nach Süden gewandtem Gesicht bei der Schnurkeramik-Kultur. Die Nord-Südachse steht für ewige Grundsätze und den Wandel darin. Der Osten steht für Distanz und Loslassen. So macht der Bestattungsritus durchaus Sinn. Die Männer standen für Prinzipien und die Frauen für die Wandelbarkeit des Seins. Bei der Ost-West-Achse steht auf der einen Seite das Loslassen und die Distanz und auf der anderen Seite die Nähe und der Schutz. Dagegen richtet sich das Gesicht zur Endgültigkeit nach Süden. Die Frauen standen für das Loslassen und Männer für den Schutz.
Hier kommen also differente Jenseitsvorstellungen zum Vorschein, die auch eine Aussage über die Lebenden zulässt. So dürfte sich die Glockenbecherkultur mehr darauf konzentriert haben, die Toten loszulassen und akzeptierten diesen Wandel der Gemeinschaft als ewige Regel. Das klingt eher progressiv.
Dagegen glaubte die Kultur der Schnurkeramik eher daran, jetzt die Gemeinschaft stärken zu müssen, weil der Zustand die Endgültigkeit der Toten aufzeigte. Die Wechselhaftigkeit des Daseins spielte eine geringere Rolle. Das spricht für eine konservativere Dynamik.  Vor allem weil der Norden ausgespart bleibt. Es geht auch nicht anders. Man kann nur drei Dimensionen darstellen in einer Welt mit vier Himmelsrichtungen. Eins fehlt dann immer und muss ersetzt werden. Bei den Glockenbechern fehlen der Westen und damit der Schutz. Bei den Schnurkeramikern fehlt der Norden, also die Dauer, die Regel. Progressive Kulturen müssen daher wehrhafter sein, da Handel die Wechselhaftigkeit des Seins bedeutet. Handel und militärischer Schutz gehen Hand in Hand.
Die konservativen Kulturen sind stärker auf die Regeln bezogen und isolieren sich eher, um die Gemeinschaft so zu schützen.
Die eine Kultur war in sich geschlossen, stark ritualisiert und damit abgegrenzt. So eine Gemeinschaft ist eher verteidigend, baut Mauern um sich.
Die andere Kultur war offen, ließ sich auf andere ein, benötigte daher aber größere Dominanz um nicht vollständig assimiliert zu werden. Daher werden sie auch eher hysterische Komponenten ausgedrückt haben, zum Beispiel eher aufbrausend und theatralisch, nach außen gerichtet, extrovertierte Dimensionen und zugleich individueller und daher auch mit einem gewissen Personenkult ausgestattet. Während die regulierte Gesellschaft abhängiger, zwanghafter und weniger selbstständig war, eine Kontrollgesellschaft mit festen Strukturen. Herrschende mussten sich ebenso in ihre Rolle fügen.

Sie gehen nur noch die gewohnten Wege und verlassen gesicherte Pfade nicht mehr. Digitalisierung als Königsweg für Eremiten. In der Kupferdraht-Kultur wird niemand mehr begraben.

 

Streifschuss vom 27. März 20

 

Anlass: ein kurzer Zwischenvermerk zum Mundschutz

 

Corona triumphalis

 

Projektemacher, Radikalpublizisten, politisch irrlichternde Ästheten, der Orthodoxie entlaufene Theologen bzw. Mediziner, Entwurzelte, männliche unterbeschäftigte Akademiker, Halbgebildete, intellektuelle Autodidakten mit limitierten Aufstiegschancen, zwischen dem Zynismus des Benachteiligten und moralischer Empörung hin- und hergerissene, Weltverbesserungsplaner mit Plänen  umgekehrt proportional zur Chance ihrer Verwirklichung. Sie alle stehen in ihren digitalen Startlöchern; und ist Corona nicht ein sprechender Name für ihren Startschuss? Vielleicht bleiben die Menschen freiwillig zu Hause. Aber halten sie auch freiwillig ihren Mund? Dynamik besitzt nicht nur das Virus, sondern auch das Internet. Im Augenblick ist alles noch recht ungeordnet mit mehr oder minder diffusen Befindlichkeiten, Analysen etc..  Die Reaktion auf die massiven Einschränkungen unserer Grundrechte ist noch nicht da. Noch revoltieren die Massen nicht, weil es ihnen an kollektiver Organisation mangelt und weil die Logistik, die sie für ein dauerhaft koordiniertes soziales Handeln bräuchten, in den Händen der Mächtigen liegt. Der nächste Schritt nach den Notstandsverordnungen wird also sein, dass die Regierungen den Zugriff auf das Internet einschränkt mit dem Argument  Kapazitäten sparen zu müssen. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis es auch zu massiven Einschränkungen der Meinungsfreiheit kommen wird, ja kommen muss. Denn sobald aus dem kollektiven Erregungszustand (noch herrscht die Ruhe vor dem Sturm) jemand oder eine Gruppe eine Form der Selbstermächtigung artikuliert und als Trigger es schafft eine den Machtbereich umspannende kommunikative Logistik mit einer ins Universale ausgreifenden Geschichte zu erzählen, sobald eine narrative Wende eine neue Deutungshoheit gewinnt, geht die Post ab. Und das werden die Mächtigen mit Macht verhindern müssen. Nicht weil sie es so wollen, sondern sie müssen es.

 

Streifschuss vom 26. März 20

 

Anlass: Baldanders

 

Ich werde da sein und winken, solange die Welt besteht

 

Der alte Schuster und Sprücheklopfer Hans Sachs dichtete mal im 16. Jahrhundert: Baldanderst bin ich genannt, der ganzen Welt wohlbekannt. Christoffel von Grimmelshausen nutzte die Figur des Baldanders für ein Kapitel seiner Simpliciaden. In geheimer Schrift übermittelt Baldanders dem Simplicissimus folgende Botschaft: Manoha, gilos,timad, isaser, sale, lacob, salet,enni nacob idil dadele neuaw… und so weiter. Diese geheime Verschlüsselungsmethode stammt von dem Pfälzer Benediktiner Trithemius, einem der wenigen Zeitzeugen vom echten, historischen Faust. Trithemius hatte einen Hang zum Phantastischen und zum Mystischen. Aber was dann bei der geheimen Botschaft Baldanders herauskommt, ist weder phantastisch noch mystisch. Es ist einfach zeitlos wahr.

Magst dir selbst einbilden, wie es einem jeden Ding ergangen, hernach einen Discurs daraus formirn und davon glauben, was der Wahrheit ähnlich ist, so hastu, was dein närrischer Vorwitz begehret.

Zur Entschlüsselung von Baldanders geheimer Botschaft nehme man nur Anfangs- und Endbuchstabe jedes Wortes. Auch diese Methode selbst ist wiederum metaphorisch gemeint. Wir sind mitten in einer Geschichte und können sie noch nicht beurteilen, weil wir das Ende nicht kennen. Den Anfang unserer Geschichte haben wir vergessen (Patient 0 ist unbekannt). Unser Diskurs, unsere Vorstellungen von Leben und Sein sind daher närrisch. Wir irren durch eine unbeständige Welt. Spätestens jetzt dürfte das mehr Menschen klar sein als noch vor der Epidemie. Unbeständigkeit bedeutet aber auch Wandel.  Aus der Eiche wird eine Sau, aus der Sau eine Bratwurst, aus der Bratwurst ein Haufen geschissen von Bauern, daraus wird eine schöne Kleewiese, diese ein Kuhfladen und daraus wird eine schöne Blume, daraus ein Maulbeerbaum und daraus dann ein Teppich. So jedenfalls erläutert Baldanders den Lauf der Dinge.
 

Der Kern der Botschaft für die aktuelle Situation: Wir müssen verhindern, dass das was gerade getan werden muss, auch getan wird, wenn die Epidemie vorbei ist. Wir müssen verhindern, dass das war gerade nicht getan wird, auch dann nicht getan wird, wenn die Epidemie vorbei ist. Stillstand wäre der größte Trugschluss aus der momentanen Stille. Was wir in zwei oder drei Monaten tun werden, das ist von großer Bedeutung. Es wäre schön, hätte die Regierung einen Plan für diese Zukunft. Leere Staatskassen, mehr Arbeitslosigkeit, abgestürzte Börsen und noch mehr Menschen die aus ihrer Heimat fliehen, weil die Perspektiven in armen Ländern noch schlechter geworden sind. Es wäre schön, wenn die Regierung jetzt nicht nur an die Epidemie denkt, sondern auch an die Zeit nach der Epidemie. Zumindest würde Baldanders so denken. Aber die Regierung sorgt sich nur um die nächste Epidemie und verschärft das ohnehin schon bedenkliche IfSG zusätzlich. Zwangsrekrutierung rasch vorgealterter Krankenpfleger und Schwestern, massive Grenzkontrollen und Einreisestopps, Zentralisierung der Datenüberwachung der Bürger und massive Eingriffe in mehrere Grundrechte: körperlicher Unversehrtheit, informationelle Selbstbestimmung, Unantastbarkeit der Wohnung, Fernmeldegeheimnis,  Versammlungsfreiheit, Freizügigkeit. Man kann nur hoffen, dass nach der Epidemie Baldanders wieder kommt. Und kein Stillstand herrscht.

Streifschuss vom 25. März 20

 

Anlass: Die Stille

 

Über allen Dächern

 

Es ist still. Die Plätze sind leer gefegt. Jedweder Lärm hat sich in den Kern der Weltmaschine verzogen. Vielleicht werden wir jetzt alle überhaupt stiller. Ein Grund, über eines der schönsten Gedichte in deutscher Sprache nachzudenken. Über allen Gipfeln ist Ruh‘ / über allen Wipfeln spürest du / kaum einen Hauch; / die Vögelein schweigen im Walde / warte nur, balde / schweigest du auch.  

In Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“ wird Alexander von Humboldt einmal von Mario gebeten, Geschichten zu erzählen. Humboldt antwortet, dass er keine Geschichten wisse, und schob seinen Hut zurecht, den der Affe umgedreht hatte. Auch möge er das Erzählen nicht. Aber er könne das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins Spanische übersetzt. Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein. Alle sahen ihn an. Fertig, sagte Humboldt. Ja wie, fragte Bonpland. Humboldt griff nach dem Sextanten. So kann man dieses wunderbare Gedicht natürlich auch interpretieren.
Wenn man das Gedicht wörtlich liest, dann ist es eben ruhig, es weht kein Wind, und dann schläft man ein. Denn die Worte Ruhe und schweigen sind hier doppeldeutig, ausruhen und ewige Ruhe verknüpfen sich und so bekommt warte nur bald schweigest du auch eine metaphorische Bedeutung. Es kommt also auf die eigene Stimmung an. Auch auf die Fähigkeit der Bildübertragung. Ich muss als Leser in der Lage sein Metaphern zu deuten. Alexander von Humboldt erweist sich in dem Text von Kehlmann als Autist. Menschen aus dem Bereich der Autismus-Spektrum-Störung neigen zum Konkretismus. Wenn man ihnen sagt  Ich hau mich mal auf’s Ohr, dann finden sie das seltsam, denn sie nehmen es wörtlich. Sie kennen vielleicht den Ausdruck und wissen rein verstandesmäßig, dass es sich um eine Redewendung handelt, dass man sich schlafen legt. Aber sie erleben nicht die Stimmung, die der Ausdruck gleichzeitig mit sich bringt. Der Ausdruck ich hau mich mal auf’s Ohr bedeutet in der Regel ein Nickerchen, kann aber je nach Situation auch bedeuten, dass man nun genug hat und fertig ist. Um den Ausdruck wirklich zu verstehen, muss man die gesamte Situation der Stimmung verstehen in der dies gesagt wird.

 Es ist daher nahezu unmöglich, mit wissenschaftlicher Präzession Goethes Gedicht zu deuten. Was man deuten kann, ist die eigene Reaktion, Stimmung die es auslöst im jeweiligen Zustand meines Daseins. Denn manchmal ist das Gedicht wehmütig, manchmal geradezu hoffnungsvoll.  Daher antwortet Humboldt dem deutlich enttäuschten Bonpland: Es sei natürlich keine Geschichte über Blut, Krieg und Verwandlungen... Es komme keine Zauberei darin vor, niemand werde zu einer Pflanze, keiner könne fliegen oder esse einen anderen auf. Aber selbst das erklärt es nicht. Denn darum geht es nicht. Die Melancholie des Wandrer Nachtlieds auf dem Kickelhahn entsteht im Leser auf eine Weise, die so viel Konnotation nötig hat, dass man sich sogar noch leichter im Verständnis tut, wenn man von Goethes Lebensekel (Taedium vitae) weiß.
Daraus entsteht dann in der eingeschränkten Deutungsfähigkeit Humboldts die besondere Komik der von Kehlmann geschilderten Situation. Um darüber lachen zu können, ist wiederum genau die Stimmung nötig von ich vorher schrieb. Es reicht also nicht aus, Goethes Gedicht im Original zu kennen, um über die Textstelle lachen zu können. Man muss nichts über die Funktion von Metaphern wissen. So ein Wissen wäre abstrakt und nicht lustig. Es ist die Stimmung in der Szene selbst, die sich überträgt, fast möchte man sagen wie ein Virus, wenn das nicht eine im Moment unangemessene Metapher wäre. Genießt alle die Stille, die hoffentlich nicht die Stille vor dem Sturm ist.

 

Streifschuss vom 24. März 20

 

Anlass: Blitzkrieg verloren

 

Keine bedingungslose Kapitulation!

 

Gestern war ich beim einkaufen. Das gehörte noch nie zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, aber jetzt würde ich das am liebsten ganz lassen. Ich hielt an der Kasse gebührenden Abstand, als ein älterer glatzköpfiger Mann in Jogginghose sich einfach mit seinem vollen Einkaufswagen vor mich schiebt. Ich wies ihn darauf hin, dass er bitte Abstand halten möge. Der Mann hatte große Ähnlichkeit mit Tony Soprano und antwortete tendenziell aggressiv:  „Ich soll mich nicht so aufregen.“ Jetzt erinnerte mich der Mann noch mehr an den Mafia-Boss der berühmten gleichnamigen Fernsehserie. Dennoch nahm ich all meinen Mut zusammen und konterte, dass er unvernünftig sei. Da stellte er sich vor mich hin (ohne Abstand!) und meinte voller böser Ironie:  „Sie sind ein toller Mensch“. Und wenn ein Mafia-Boss ironisch wird, dann ist das gefährlich. Ich deutete verzweifelt auf die aufgestellten Schilder. Dort stand klar und gut lesbar, dass man mindestens 1,5 Meter Abstand halten sollte. Da sagte Tony, er habe das nicht gesehen. Mir gingen echt die Worte aus. Was sollte ich da noch sagen? Ich könnte auch eine Fliege darüber belehren, dass sie Keime verteilt, wenn sie sich auf einen Scheißhaufen setzt.  Auch sonst hatte ich das Gefühl, dass gestern eine Art Höhepunkt erreicht wurde.
Wir erleben einen Wendepunkt in der Corona-Chronologie. Die erste große Schreckenslust und erste mediale Aufgeregtheitswelle verebbt. Langsam beginnt das Virus uns zu nerven. Es soll jetzt bitte gehen. Daher kommen schon die ersten Entwarnungsfakes ins Netz. Man merkt wie unerwachsen, wie kindisch der Mensch allgemein noch ist. Jetzt haben wir uns ein paar Tage gegruselt, klatschten den Krisenmanagern Beifall und sangen für die „Helden des Alltags“ Lieder. Doch nach ein paar Tagen Sonderurlaub ist es auch wieder gut. Mit Macht drängt sich unser Bedürfnis nach Alltag, nach unseren Gewohnheiten. Jetzt waren wir ein paar Tage aus dem Tritt geraten. Man kann nicht jeden Tag stundenlang Netflix gucken und das Lesen ist ziemlich anstrengend. Es fällt auch schwer, sich zu konzentrieren, weil man nicht weiß wie es weiter geht. Außer Abstand halten und zu Hause zu bleiben gibt es keine Handlungsanweisung für uns Nicht-Helden.
Natürlich könnten wir jetzt Liegengebliebenes aufarbeiten. Aber wer macht seine Steuerklärung, wenn gerade die Welt untergeht? Für viele Menschen geht zumindest partikular die Welt unter, ihre Welt. Wir hatten jetzt für einen Moment die Augen geöffnet. Zeit, sie wieder zu schließen. Legen wir uns zurück ins Bett und träumen weiter. Öffnen wir nächste Woche noch einmal die Augen um nachzusehen, ob es jetzt weg ist. Den Rest erledigen die Helden des Alltags. Denn nicht jeder kann in den Krieg ziehen. Die Heimatfront übt Solidarität und klatscht Beifall, wenn die Soldaten einen kurzen Fronturlaub haben, um ihre Familie sehen zu können.
Der Blitzkrieg gegen das Virus ist wahrscheinlich verloren. Es wird eine lange Schlacht gegen einen unheimlichen Gegner. Aber wir geben nicht auf. Hurra!

 

 

Streifschuss vom 23. März 20

 

Anlass: Auch Goethe kann was dazu sagen

 

Was war, das kommt

 

Eine der verrücktesten Wochen war das. Und was bringt die nächste? Man merkte am Samstag bereits, dass sich die Schockstarre bei vielen Menschen langsam löst. Doch wenn man nach einem kurzen Erschrecken die Augen wieder öffnet und das Monster ist immer noch da! Was dann? Dem hässlichen Monster ins Angesicht blicken! Der alte Geheimrat von Goethe hat im Alter von 78 Jahren zur Rechtfertigung des Hässlichen einmal folgendes gedichtet:

Der Pfau schreit hässlich aber sein Geschrei
erinnert mich ans himmlische Gefieder
so ist mir auch sein Schreien nicht zuwider
mit indischen Gänsen ist’s nicht gleicherlei
Sie zu erdulden ist unmöglich
Die Hässlichen schreien unerträglich

Indische Gänse das sind Truthähne, die hässlich sind und hässlich klingen. Der Pfau hingegen hat sein Rad dessen Schönheit sein hässliches Geschrei rechtfertigt.
Das kleine Gedicht stammt aus dem Zyklus Chinesisch-Deutsche Jahres- und Tageszeiten
, veröffentlicht im Jahr 1829. Sie haben mit China wenig zu tun, auch wenn es im ersten Gedicht um einen Mandarin geht. Es war damals in Deutschland China in Mode. Warum aber zitiere ich dieses Gedicht von Goethe in Bezug auf Monster? Wir haben es bei dem Covid-19-Virus mit einem Monster zu tun. Doch müsste man das Virus in diesem Sinne auch als schön anschauen. Es ist damit gerechtfertigt. Schönheit ist eine Rechtfertigung.
Das „hässlichschöne“ besingt Goethe auch in der klassischen Walpurgisnacht. Faust und Mephisto begegnen im alten Thessalien (heute Mazedonien, galt schon in der Antike als Ort der Zauberer) Chimären wie der Sphinx oder dem Greif. Als Faust diese Gestalten sieht, ruft er aus: Wie wunderbar! Das Anschaun tut mir Gnüge, im Widerwärtigen große, tüchtige Züge (Faust II V7182). Der Süden, das Antike ist sogar im Hässlichen gewaltig. Der Virus ist irgendwie auch schön. Schön gewaltig sozusagen. Im Internet sehen wir immer wieder das Virus wie eine Ikone leuchten. Solche ikonografische Schreckenslust sahen wir auch bei 9/11. Auch das war hässlich schön, als die Flugzeuge in die Twin-Tower flogen.
In der tiefen Nacht des fünften Aktes ruft der Türmer „So seh‘  ich in allem die ewige Zier, und wie mir’s gefallen, gefall‘ ich auch mir.“ (Faust II, V11296-99) Der Türmer gefällt sich, weil ihm das gefällt was er sieht. Was die Augen sehen und wie der Augenträger das Gesehene beurteilt, das ist nicht einfach zu trennen. Dieses Virus bringt diese beiden Züge auch bei den Menschen zum Vorschein, das Hässliche und Schöne am Menschen. Es gibt nicht hier die Wirklichkeit und dort die Interpretation der Wirklichkeit. Das ist die Einheit in der Zweiheit. Der Monolog des Türmers in der tiefen Nacht bringt diese unmittelbare Nähe des Schönen und Gewaltigen ebenfalls zum Ausdruck. Denn schon nach der „ewigen Zier“ sieht der Türmer die brennende Hütte von Philemon und Baucis und ruft „Welch ein greuliches Entsetzen droht mir aus der finstern Welt“ (Faust II V11304-07) und resümiert zum Ende: „Was sich sonst dem Blick empfohlen, mit Jahrhunderten ist hin.“ Nun. So könnte es also demnächst der Wettbewerbs-Gesellschaft ergehen. Die Schönheit der bunten Warenwelt, diese ewige Zier, das Rad des Pfaus könnte am Ende der Epidemie ein gerupfter Truthahn sein. Da wir grade die Hütte in der wir wohnen abfackeln, antworten auch wir wie Faust dem Türmer: „Das Wort ist hier, der Ton zu spat.“ (Faust II, V11339)

Streifschuss vom 22. März 20

 

Anlass: Makulaturen

 

Mein Widerspruch zu mir selbst

 

Die Worte meines letzten Streifschusses waren viel zu hart. Ich war einfach nur genervt von Harald Welzer und Svenja Flaßpöhler. Da dürfen solche Leute schon mal im Fernsehen was sagen. Und was sagen sie dann? Schwachsinn. Aber sehen wir das ganze Dilemma von einer anderen Seite. Wir haben jetzt die offizielle Genehmigung der bayrischen Regierung, den ganzen Tag vor der Glotze zu hängen, oder im Lesesessel unanständige Romane zu verschlingen. Und wenn wir den neugierigen und panischen Blick auf unser Bankkonto vermeiden, dann ist das ein wenig wie Urlaub. Hart wird es nur für die Menschen, die nicht alleine leben. Denn sie gehen ja schon seit Jahren nur in die Arbeit um ihren zunehmend alternden Mitbewohner nicht dauernd sehen zu müssen. Und erst die Kinder! Junge Familien sollten auch das positiv sehen. Sie haben lebendes Frischfleisch zu Hause. Für die Singles unter uns besteht der Vorteil darin, dass sie es schon gewohnt sind, allein zu sein und niemand sie liebt. Alte Menschen wiederum haben den entscheidenden Vorteil, dass sie die Vorgänge ohnehin nicht mehr so richtig begreifen. Meine Schwester traf meine alternden Oheime. Sie waren mit dem Auto von Hohenbrunn nach Deisenhofen zum Einkaufen gefahren, weil es in Hohenbrunn so voll war. Meine Schwester hatte den Eindruck, dass die beiden Alten gar nicht wussten, was los ist. Ist das nicht ein mehr als glücklicher Zustand? Ich selbst gehe schon seit Jahren nur noch zum einkaufen und arbeiten auf die Straße, bzw. über die Straße, die Straße entlang. Geheime Informationen ermöglichten mir, schon vor Jahren auf Corona-Modus zu gehen. Die Wahrheit ist, ich fand das da draußen nie so spannend. Die Natur ist seltsam. Riesige, monsterhafte SUV, schnauzbärtige Machos und – ja auch das – Bäume. Ich kann sie alle nicht auseinander halten. Sind es Weihnachtsbäume, Osterbäume oder Pflingstbäume. Keine Ahnung. Große Menschenansammlungen sind mir schon seit Jahren suspekt. Bäume auch. Nein! Ich habe Corona nicht erfunden, trotz eines gewissen cui bono dank der Krise.

Im Ernst. Es ist und bleibt ein überraschender Zufall und niemand von uns hat das jemals erlebt. Daher sind vermutlich die meisten Äußerungen die derzeit im Krisenmodus getroffen werden in ein paar Monaten Makulatur. Deshalb darf man mit Harald Welzer und Svenja Flaßpöhler (und all denen die nicht ganz richtig im Kopf sind und mit all den komischen Bäumen) nicht zu hart ins Gericht gehen. Dennoch gilt zugleich, dass Katastrophen nicht außerhalb der Geschichte stattfinden. Ereignisse finden im vorhandenen Stoff der Geschichte statt und erweitern den Stoff damit. Sie verändern den Stoff so natürlich auch. Und dieses virale Ereignis hat großes Änderungspotential. Wir wissen aber nicht was geschehen wird, weil schon vor der Epidemie unsere Gesellschaft an die Grenzen ihrer Komplexität geraten war. Der eine oder andere wird seine moralische Identität sicher neu überdenken. Es kann schon sein, dass die Krise den Anstoß zu einer Care-Revolution geben kann, wenn der neue Stoff der Geschichte bei den richtigen Leuten zum Zweck der Norm wird. Es kann genauso gut sein, dass die körperliche Zwangsdistanz zu einem neuen Misstrauen gegen den Körper überhaupt führen wird. Fallen die Menschen nach der Krise über sich her und können mit knutschen nicht mehr aufhören, oder wird das Diktat der Gesundheit dauerhafte Einschränkungen der Freiheit hervorrufen.

Es bleibt spannend.

 

Streifschuss vom 21. März 20

 

Anlass: Den Träumen zum Trotz

 

Schaut euch die Wahrheit an

 

Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen,
Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen,
April und Mai und Julius sind ferne
Ich bin nichts mehr; ich lebe nicht mehr gerne!

 

So dichtete er nachdem seine Psychose abgeklungen war. Hölderlin würde heute mit Neuroleptika behandelt werden. Seine Gedichte würden in einer Krankenakte landen und in der einen oder anderen Doktorarbeit auftauchen.
Er hatte großes Glück und wäre ohne einen Tischler-Meister (Handwerker liest Hyperion!!) der ihn mochte elend in einem Armenhaus verstorben.

Die Grenzen sind dicht, Menschen sterben in überfüllten Krankenhäusern ohne vorher noch von ihren Liebsten Abschied nehmen zu können, Verzweifelte und Wahnhafte schlagen in der Psychiatrie auf und überfordertes Psychiatrie-Personal ringt aggressive („Ich steck dich an du Schwein“) Wahnhafte nieder. Panische Reiche machen Hamsterkäufe und verzweifelte Hartz-IV Empfänger bekommen kaum das Nötigste. Soforthilfemaßnahmen der Regierung helfen vor allem dem Mittelstand. Die gesellschaftlichen Ränder werden sichtbar aber medial verschleiert.  In vielen Wohnungen häufen sich Verzweiflung, Angst und Wut. An den Brennpunkten der Weltmaschine breitet sich Erschöpfung aus.

Ruhe und Gelassenheit findet man nicht dadurch, dass man sich etwas vormacht. So wie Harald Welzer oder Svenja Flaßpöhler (gemeinsam Chance nutzen, Krise eine Chance für den Wandel).  Das hier ist keine Chance. Vielleicht für Broker (kaufe wenn das Blut auf den Straßen fließt). Das habe ich aus Camus „Die Pest“ gelernt: Man findet jetzt Kraft gerade in der Wahrheit. Diese Epidemie ist keine Chance. Sie tötet und ruiniert Massen von Menschen. Die, die das überleben werden einfach nur aufatmen wenn es vorbei ist. Es wird keine Konsequenzen geben. Man wird versuchen wieder alles so aufzubauen, wie es zuvor war. Die Maschine wird stottern und rumpeln. Doch mit Autorität und harten Sanktionen wird man sie wieder zum Laufen bringen. So ist der Mensch. Das Gerede von neuer Gemeinsamkeit und all die sozialromantischen Träumereien die jetzt manche in der Krise ausposaunen sind selbst ein psychischer Mechanismus. Um sich selbst zu schützen, machen sie sich etwas vor. Es war noch nie der Fall, dass der Mensch aus solchen Katastrophen etwas lernte. Tausende Jahre von Geschichte lehren das genaue Gegenteil.
Im Moment gilt es zu überleben und endlich zu begreifen, dass der Mensch ein gefährliches intelligentes und soziales Raubtier ist und die Demokratie reiner Luxus. Es geht so leicht, Grundrechte abzubauen. Jugendliche feiern Corona-Partys und werden dafür verteufelt. Klar, es ist auch rücksichtslos und egoistisch. Dennoch tun sie das, was typisch ist für Menschen. Diejenigen, die angepasst sind und zu Hause bleiben werden als rücksichtsvoll und vernünftig angesehen. Klar. Das ist auch so. Es ist vernünftig ruhig zu bleiben und das zu tun, was die Autoritäten einem vorgeben. Ob das ein Minister ist, oder ein Wissenschaftler vom RKI. Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln. Und natürlich versucht der Mensch als intelligentes und soziales Raubtier die Herde zusammenzuhalten. Die Herde wird gerade ausgedünnt. Danach werden Gewinn und Verlust verteilt und es geht weiter. Hört bitte endlich auf, euch etwas vorzumachen. Denn sonst werdet ihr wirklich verrückt. Oder einfach verarscht.

 

Streifschuss vom 20. März 20

 

Anlass: Mal etwas zur Aufklärung

 

Was ist ein dynamisches System?

 

Frau Merkel verwendete in ihrer Ansprache die Floskel vom „dynamischen System“. Ebenso spricht Herr Wieler, der Präsident des RKI (Robert Koch Institut) von einem „dynamischen System“. Laut Wikipedia ist dieses dynamische System ein mathematisches Modell eines zeitabhängigen Prozesses, der homogen bezüglich der Zeit ist, dessen weiterer Verlauf also nur vom Anfangszustand, aber nicht von der Wahl des Anfangszeitpunkts abhängt. Aja? Am besten lässt es sich wohl mit einer Pendelbewegung vergleichen. Derzeit haben wir es noch mit einer Epidemie zu tun bei Covid-19. In der Epidemiologie gibt es dazu drei Begriffe: Endemie, Epidemie und die Pandemie. Die Endemie ist eine zeitlich unbegrenzte, aber örtlich begrenzte Infektion, wie zum Beispiel Malaria. In bestimmten Gebieten (Subsahara) ist diese durch einen Parasit verursachte Erkrankung endemisch. Sie kommt in vielen anderen Gebieten nicht vor, weil es dem Parasiten da zu kalt ist.  Die Epidemie dagegen ist zeitlich begrenzt, aber örtlich unbegrenzt. Dazu gehört klassisch die Influenza (Grippe-Erreger). Sie tritt saisonal auf und verschwindet dann wieder. Doch sie hält sich dabei nicht an feste Orte. Die Pandemie ist dann zeitlich und örtlich unbegrenzt und damit der worst case für die WHO (Weltgesundheitsorganisation). Im Fall von Covid-19 stehen wir an der Grenze einer Pandemie. Noch ist es eine Epidemie. Aber das muss nicht so bleiben. Denn Corona könnte nun über drei Jahre andauern. Das dynamische System nun als Pendelbewegung gedacht kann man dann so verstehen, dass die Zahlen zwar wieder rückläufig sein können, aber dann schlägt das Pendel wieder in die andere Richtung aus. Erst wenn die Zahlen auf einem bestimmten Niveau rückläufig wären, dann würde das Pendel nicht mehr so stark in die andere Richtung ausschlagen. Daher kann es in diesem Jahr so sein, dass  entsprechende Maßnahmen (Schulschließungen, Ausgangssperre etc..) mal gelockert werden, dann aber wieder verschärft werden müssen, um einen Ausschlag des Pendels zu verhindern. Das wird uns also das ganze Jahr beschäftigen. Es ist nicht bald vorbei, wie ein Spuk. Es ist eine reale Bedrohung die daher auch von der Disziplin der Bevölkerung abhängt. Und dies wird eine Disziplinierung erfordern, die uns über einen längeren Zeitraum immer wieder abverlangt werden wird.

 

 

Streifschuss vom 19. März 20

 

Anlass: Die Hölle auf Erden

 

Die Arbeit des Teufels fängt gerade erst an

 

Ich ängstige den Reichen. Ich unterdrücke den Armen. Ich verblende die Gerechtigkeit. Ich verjage die christliche Liebe, ohne die niemand selig wird. Und Barmherzigkeit gibt es auch nicht bei mir. Mit diesen Argumenten bewirbt sich Mammon (der personifizierte Reichtum) in dem Buch Der abenteuerliche Simplicissimus (im vierten Kapitel, Sechstes Buch, von Grimmelshausen) beim Höllenfürsten Luzifer um den höchsten Posten in der höllischen Verwaltung der Erde.  Gerade hatte man in Europa nach 30 Jahren Krieg Frieden geschlossen. Darüber ärgerte sich Luzifer dermaßen, dass er alle Sünden in die Hölle rief. Hochmut, Zorn, Neid, Hass, Missgunst, Geiz, Völlerei, Müßiggang, Faulheit, Untreue, Mutwille, Lüge, Vorwitz, Falschheit, Schamlosigkeit, Verschwendung. Alle kamen sie, um sich für den Chefposten auf der Erde zu bewerben. Gerade als sich der Geiz und die Verschwendung zanken, wer wohl von ihnen beiden dem Höllenfürsten besser auf  Erden dienen könne, um die Menschen zu verderben, mischt sich Mammon ein und trägt seine sehr trefflichen Argumente vor, warum er die Menschen am nachhaltigsten verderben könne.

Es ist Mammon, der uns den Schlaf raubt, und wenn wir endlich schlafen Alpträume verursacht. Es ist Mammon, der uns nicht zur Ruhe kommen lässt, der uns Sorgen und Kummer bereitet und uns Mühe und Arbeit auferlegt, um Sachen zu erwerben die wir weder im Himmel noch in der Hölle benötigen, die wir nicht dorthin mitnehmen können (zum Beispiel Toilettenpapier). Er stiftet zu Kriegen an, zu Diebstahl, Raub und Wucherei. Er belastet unser Gemüt mit bitteren Sorgen, Angst, Not, Mühe und Arbeit.

Kurz und gut. Gegenüber all den versammelten Sünden bekommt Mammon völlig zu Recht den Vorzug für den Chefposten der Hölle auf Erden.  
Die Corona-Krise kostet uns allen gerade viel Geld. Ausgenommen den Apothekern*. Denkt mal drüber nach.

 

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* Natürlich sind nicht die Apotheker die Bösen, denn die arbeiten sich grade auch auf. Vielmehr sind es die Pharmkonzerne die ihre Produktionsstätten nach Indien, China verlegt haben, um dort ungestört ihre Ausbeutung realisieren zu können.

 

Streifschuss vom 18. März 20

 

Anlass: was macht das mit uns?

 

Es ist völlig egal, was wir darüber denken

 

Nun – wie sagte es einmal eine Mafia-Anwältin so schön: Was wissen Sie über Macht? Ich erkläre es ihnen. Wer die Macht hat, kann auf andere scheißen. Wer keine Macht hat, wischt die Scheiße weg.

Wenn der ganze Spuk vorüber ist, wird sich die Gesellschaft in die teilen, die die Scheiße wegwischen und die, die darauf scheißen.
In diesem Sinne las ich gestern das Buch Hiob (einem der ziemlich viel Scheiße wegwischen musste) noch einmal ganz durch (was eine Schweinearbeit war, denn es ist ein dickes und zähes Buch). Und da fiel mir etwas auf. Im Grunde ist das Buch Hiob atheistisch. Denn Gott beweist nichts. Hiob sieht nur die Welt, denn er betrachtet sie mit den Augen eines Menschen der im Grunde nichts mehr zu verlieren hat. Tatsächlich steht er völlig nackt vor dieser Welt und ohne Besitz, ohne Verlangen danach (das ist wichtig). Ob er gerne lebt oder nicht, das spielt einfach keine Rolle. Es ist egal. Das ist purer Nihilismus. Hiobs Scheitern seines Rechtsstreites mit Gott, zeigt nur eines an. Es gibt keinen Fall. Gott erscheint zwar. Aber die Klagen von Hiob bemerkt er gar nicht. Hiob fordert Gott mit einem Reinigungseid (Anklage wegen unvollständiger Beweislast) heraus. Gott geht überhaupt nicht auf den Reinigungseid ein. All das ist einfach uninteressant für Gott. Beweislage? Gott scheißt drauf. Er hat die Macht. Du stehst mit deinem Elend vor dem Richter, aber der Richter sieht dein Elend gar nicht. Die Klage ist so sinnlos wie das Bedürfnis Superkräfte zu haben. Hiobs Klage ist lediglich eine Entlastungsphantasie. Ansonsten wird für Hiob am Ende klar, dass das alles viel, viel größer ist als er. Seine ganze Klage ist lächerlich. Damit werden aber auch die ganzen Weisheitslehren (zu denen zählt ja auch das Buch Hiob) ad absurdum geführt. Es geht nicht um Verantwortung, nicht um Treue, nicht darum zu bereuen, um Sünde oder Bußfertigkeit. Es geht nur um Macht.

Die ganze Zivilisation – so ja auch ein Zeuge Hiobs, nämlich Nietzsche – ist ein Spiel der Macht. Und zwar – auch das wusste Nietzsche, da wurde er nur nie verstanden – nicht der menschlichen Macht, sondern der transzendenten Macht. Das ist das, was wir eben erleben. Ein kleiner, verschissener Virus hebelt die moderne Gesellschaft aus. Das ist wahre Macht. Und ein Pummelchen im blauen Kostüm sitzt vor den Fernsehkameras und ist nichts weiter als der Witz der Macht, ihre Parodie. Ich mag das dicke Mädchen mit dem Nussknacker-Gesicht ganz gern, ehrlich. Aber ein Virus lässt sich nicht durch Fernsehansprachen besiegen. Das ist so komisch, dass man vor Lachen heult.

 

Streifschuss vom 17. März 20

 

Anlass: eine Überraschung beim Lesen

 

 

München ist nicht Oran

 

Ich dachte, les doch mal wieder Die Pest von Albert Camus. Der Anlass wäre doch wunderbar geeignet. Zumal München aktuell ein wenig Oran gleicht, wenn auch München nicht so hässlich ist wie Oran. Doch dann las ich folgenden Satz und zwar schon auf  Seite 8 meiner Taschenbuchausgabe von rororo: Unsere Mitbürger arbeiten viel, aber immer nur, um reich zu werden. Sie interessieren sich hauptsächlich für den Handel und befassen sich in erster Linie damit, was sie Geschäftemachen nennen. Soweit so gut. Das deutet an, dass reich werden bald nicht mehr die Hauptmotivation des Arbeitens sein wird. Und das wäre nun ein Anlass darüber zu sprechen, was die Krise mit uns machen wird. Aber dann – und jetzt kommt erst der Satz – las ich weiter: Natürlich haben sie auch Geschmack an den einfachen Freuden, sie lieben die Frauen, das Kino und das Baden im Meer. Da war ich schon entsetzt. Ich wollte weiter lesen. Aber der Satz hinderte mich daran. Frauen werden hier nicht als Mitbürger gezählt, sondern tauchen in einer Liste auf zusammen mit einfachen Freuden, Kino und Baden im Meer. Gut, gut. Jetzt könnte man mir gleich feministische Propaganda vorwerfen. Schließlich stammt der Roman von 1947. Der Satz ist ein Archaismus. Ich überlegte. Probierte den Satz anders aus: Natürlich haben sie auch Geschmack an den einfachen Freuden, sie lieben die Männer, das Kino und das Baden im Meer.  Aber der Satz funktionierte so nicht richtig. Niemand käme auf die Idee, dieser Satz sei sexistisch gegenüber Männern. Damit ist klar. Es ist ein Satz von Albert Camus (in der Neu-Übersetzung von Uli Aumüller aus dem Jahr 1997), der leider heute noch seine negative Wirkung entfaltet. Nein. Alber Camus ist ein großer Schriftsteller und es wäre natürlich Unfug, diesen großen Roman jetzt für erledigt zu halten. Und ich hoffe, dass ich mich jetzt abgeregt habe und weiter lesen kann. Denn außer zu lesen bleibt mir grade nichts. Draußen scheint die Sonne. Es ist ruhig. Gelüste oder Laster sind gedimmt. Der ungehemmte Lärm einer explodierenden Welt wurde herunter geregelt. Nur an weniger sichtbaren Orten wird die Maschine hektisch am Laufen gehalten, Warenregale werden aufgefüllt, Kranke versorgt, Kinder betreut, Medikamente hergestellt. Frauen und Männer tun dies hoffentlich auf Augenhöhe.

Streifschuss vom 14. März 20

 

Anlass: Manidae pholidota, auch genannt Pangolin

 

Und die ganze Welt steht still, wenn ein Tannenzapfentier es will

 

Geschlossene Schulen, geschlossene Kindertagesstätten, auch die Münchner Volkshochschule und die Volkshochschulen im Münchner Umland schließen ihre Pforten. Gerade jetzt, wo die Menschheit Bildung so nötig hätte! Sogar die kulturelle Veranstaltungslandschaft kommt zum Erliegen. Es findet kein Profifußball statt! Brot und Spiele wurden vorerst - seit Covid-19 von einem Tannenzapfentier auf den Menschen übersprang – eingestellt. Bedenkt man, dass in den letzten 50 Jahren der demokratische Staat nur funktionierte, weil Freiheit von Mangel uns das Denken ersparte und die Maschine der Ablenkung reibungslos lief, dann wird es spannend zu beobachten, was diese Krise aus unserer Unabhängigkeit des Denkens macht, und aus unserem Recht auf politische Opposition. Werden wir alle stille halten, abwarten, verängstigt in unserer Quarantäne verharren? Sind wir schon so unseres kritischen Verstandes beraubt worden, dass wir einem derart absurden Rat folgen, auf Sozialkontakte zu verzichten? Oder wird die Rückkehr des Mangels uns endgültig den neofaschistischen Wölfen um Adolf Höcke zuführen? Kann es sein, dass eine Glatze immun macht? Und geschlossene Grenzen haben ja schon immer prächtig funktioniert? Der drohende ökonomische Kollaps sollte eigentlich niemanden besonders wundern. Längst war die herrliche Globalisierung an ihrer kritischen Grenze angekommen. Ein wenige Nanometer (Faktor von 10-9) kleiner, relativ einfach aufgebauter Körper schaltet das gesamte moderne System der Spätindustrie aus und könnte die Menschen wieder ins 19te Jahrhundert befördern. Die Vulnerabilität eines solchen Systems klingt nicht Vertrauen erweckend. Da wird auch die Bazooka von Herrn Minister Scholz nichts nutzen. Denn auch Geld immunisiert nicht gegen Viren. Auf diesen Mr. Scholz bin ich ohnehin nicht gut zu sprechen, will er doch auf Kleinkünstler mit Kleinkaliber schießen (so äußerte er sich tatsächlich, und merkte nicht, dass er Goebbels zitierte –natürlich stand die Metapher für Kleingeld, aber das macht es nicht wirklich besser). Wenn ein Kleinkünstler nichts tun kann, dann schadet das niemandem. Im Gegenteil. Daher bekommt der Kleinkünstler nur Kleingeld. Da sich politische Macht nur behaupten kann, wenn es ihr gelingt technische, wissenschaftliche und mechanische Produktivität zu mobilisieren, ist Stillstand das einzige revolutionäre Gegenmittel. Eine Pandemie dauert etwa zwei bis drei Jahre. Dann ist der Kapitalismus wie wir ihn kennen vorbei. Und es wird schlimmer. Wie immer, bevor es besser wird.

 

Streifschuss vom 12. März 20

 

Anlass: Wenn sich ein Virus tot lacht

 

 

 

Vom Ende der Welt wie sich das eine kluge Ameise vorstellt

 

Allergiker werden auf der Straße offen angefeindet und nach Guantanamo in Quarantäne verschleppt. Die US-Amerikaner trinken kein Corona-Bier mehr, weil sie glauben es übertrage den gleichnamigen Virus. Ganz Italien ist viralisiert und leidet unter einer schweren histrionischen Persönlichkeitsstörung. Doch die Hysterie passt nicht zum Verhalten der Menschen. Als ich jüngst nach Hause fuhr und am Marienplatz aussteigen wollte, kamen zwei kräftig gebaute Frauen mit Signalkleidung und desinfizierten die S-Bahn. Als ich sah, wie sie das machten wurde mir schlecht. Das war keine vorschriftsmäßige Flächendesinfektion, sondern sie verschmierten die Keime nur. Vielleicht wollten sie die Keime verwirren indem sie sie von links nach rechts wischten. Doch so findet der chinesische Flüchtlings-Virus nie mehr nach Hause. Ihre unausgereifte Desinfektions-Methode führt daher eher zu weiteren Antibiotika resistenten Keimen, als zu einem Schutz vor chinesischen Monster-Viren. Besorgniserregende 0,0002 Prozent der deutschen Bevölkerung sind infiziert und 0,0000004 Todesfälle verzeichnet das RKI. Zum Vergleich: Es sterben in einem Jahr 3.000-mal so viele Menschen bei Verkehrsunfällen. Wir sollten also das Autofahren verbieten, wollten wir in den Krankenhäusern für Entlastung sorgen. Es ist inzwischen absurd und es herrscht eine ernsthaft bedrohliche Volkshysterie. Ein Grund mehr, Franz Josef Strauß zu zitieren: Vox populi, vox Rindvieh. (Leider wählt dieses Volk die Politiker aus ihren eigenen Reihen und sorgt damit für eine verblödete Regierung) Über 200 Tote durch Influenza. Aber das ist ja ein ganz normaler Grippe-Erreger. Kein Grund sich zu sorgen. Zur Sicherheit habe ich schon die alte Wasserspritzpistole meines Sohnes aus dem Keller geholt und statt Wasser Desinfektionsmittel eingefüllt. Nun. Die Menschen sterben nicht durch den Corona-Virus aus, sondern durch Dummheit, durch Ignoranz, Denkfaulheit und der berühmten selbst verschuldeten Unmündigkeit, weil sie lieber dem Spinner auf Facebook glauben, als einem studierten Arzt. Es ist immer noch so, wie das einst Samuel Taylor Coleridge  (ein kluger britischer Rhetoriker der von 1772-1834 lebte) formulierte: „Die Wiese vor meinem Haus hat einfach noch nicht das nötige Alter erreicht, um selbst urteilen zu können – daher habe ich das Unkraut sprießen lassen, statt dem Boden eine Vorliebe für Rosen und Erdbeeren aufzuzwingen.“  In diesem Sinne wünsche den Desinfektionsspritzdamen vom MVG noch viel Freude bei ihrer unsinnigen Tätigkeit.

Streifschuss vom 06. März 20

 

Anlass: Mitten im Merz

 

Warum die konservative CDU / CSU Teil des Problems der wachsenden Rechten sind.

 

Wenn man es bis Berlin an die Parteispitze schafft, kann man doch nicht dumm sein! Dennoch muss ich mit einem Kalauer beginnen. Ein führender Politiker der CDU analysierte den Rechtsruck der Gesellschaft als eine „empfundene Führungslosigkeit und Orientierungslosigkeit“. Menschen die gezielt andere Menschen töten sind nicht orientierungslos (immerhin 200 Todesopfer neonazistischer Terrorakte in 15 Jahren). So bezweifle ich, dass Politiker die solche Äußerungen von sich geben die nötige politische Bildungshöhe aufweisen, um ernsthaft einen analytischen Satz äußern zu dürfen. Autorität statt Majorität? War das damit gemeint? Dann sage ich, dass wir keinen absolutistischen Staatsfürsten brauchen (denn genau diesen zu verhindern, darum geht es ja), und dass nach wie vor von „Staatsdienern“ die Rede ist, weil alle Gewalt vom Volke ausgeht. Der Politiker soll das Volk nicht anführen, sondern ihm dienen. Als machiavellistischer Fürst dient er nicht dem Volk, sondern nur sich selbst.
Die Verharmlosung des dramatischen rechten Terrors entspringt einem mangelnden Rechtsempfinden dieser poltischen Führungsperson, die sich nun selbst als Parteiführer zur Wahl stellt.

 

Zwischen Demokratie und Liberalismus

 

Während der Demokrat mit Hilfe von Mehrheitsentscheiden staatsbürgerliche Freiheiten erst gewährt, sieht der Liberale in diesen Freiheiten Naturrechte, die unabhängig von einer Majorität sind. Daher fordert der Liberale Freiheit vom Staat und vom Staat belassene Naturrechte. Das ist kein bloßer Gegensatz, sondern ein Spannungsverhältnis zwischen Demokratie und reinem Liberalismus. Hier fasst der schlichte Faschist das Verhältnis als „demoliberale“ Mischung auf. Die von rechtskonservativen Politikern nicht ganz zu Unrecht aufgegriffene Wortwahl der Führungskrise als eine „empfundene Krise“ resultiert aus diesem Spannungsverhältnis zwischen Majoritätsentscheiden und der Unzufriedenheit von Minderheiten mit diesen Entscheiden.
Der schöne Rechtsspruch „Das Recht scheidet wohl, aber es freundet nicht“ trifft es auf den Punkt. Der Staat ist nicht unser Freund. Der Staat klärt die Verhältnisse zwischen Menschen, wenn diese sie nicht mehr selbst untereinander klären können (Subsidiaritätsprinzip). Die Verwechslung des Staates mit einem Hüter und Schafshirten kann nur von Schafen oder von Wölfen kommen. Insofern ist die konservative Ideologie irrational, wenn sie den Staat als einen Organismus darstellt mit einer Herrschaft eines Hauptes über seine Glieder. Woher kommt diese geheimnisvolle Lebenskraft dieses Organismus? Nein. Der Staat ist ein abstraktes Gebilde aus einem ebenso abstrakten, nur gedachten, rein rationalen und logisch deduzierten Vertrags. Der Staat ist bestenfalls eine gut oder schlecht funktionierende Maschine.
An der Differenz, dem Spannungsverhältnis von Liberalismus und Demokratie entscheidet sich denn auch die weitere Zukunft der Politiken. Der unendliche Wert des Individuums – in der Würde des Menschen subsumiert – steht in Spannung zu den Eigenheiten und sittlichen Verwerfungen des empirischen Individuums. Wenn wir also über etwas nachdenken wollten, dann genau darüber, wie wir uns dieses Verhältnis zwischen Demokratie und Liberalismus in der Zukunft vorstellen.  Aber lassen wir den konservativen Organismus-Begriff des Staates weiter zu, dann geben wir langfristig (eher sogar demnächst) die überindividuellen Rechte der Gleichheit und Freiheit aller auf und können die letzten 300 Jahre als gescheitert betrachten. Was dann folgt, sind Kriege, Revolutionen und Unterdrückung im steten Wechsel – womöglich für Jahrhunderte.

Streifschuss vom 22. Februar 20

 

Anlass: Hanau

 

Oh edels Leben – man könnte auch sagen Eselsleben

 

Hanau war die erste Station des flüchtigen Simplicissimus aus dem berühmten Roman von Christoffel von Grimmelshausen. Es war schon lange eine Migrationsstadt, Fluchtort für die Hugenotten.  Jetzt wurde es 500 Jahre später zum Schauplatz einer mörderischen Katastrophe.

Mir droht neben Altersarmut, Siechtum, Krebs und Demenz auch ein faschistoid-rassistischer Staat oder – um so einen Mörderstaat zu verhindern – ein Überwachungsstaat mit einer Psycho-Polizei, die jedes auffällige und von der Norm abweichende Verhalten registriert und notfalls sanktioniert. Eine Polizei-Einheit, angeführt von Psychiatern auf der Jagd nach potentiellen Einzeltätern. Mir graust vor der Zukunft, obwohl doch alles grade so bunt und funny ist.
Nebenbei machen skrupellose Geschäftemacher weiter ihr Business mit der Gesellschaftskrise. Die Frage ist, ob der Rassismus nur die Folie ist und die Irrationalität dahinter einem ganz anderen, viel existenziellerem Motiv folgt. Herrenmenschen im Sinne der kolonialen Hybris sind niemals Attentäter. Sie nutzen die Verunsicherungen geschäftlich. So war der jüngste Attentäter Tobias R. (Hanau) zwar ein Rassist und hochgradig paranoid gewesen. Als Einzelperson symbolisiert er den white trash. Doch was steckt dahinter? Wozu dieses merkwürdige und jederzeit als falsch belegbare Weltbild, das eine Gruppe Menschen willkürlich ausgrenzt und diese dann auslöschen will? Es gibt die Herrenmenschen, die nur Geschäfte machen und sich bereichern, dann gibt es die Charismatiker die mit heißem Glauben auftreten und am Rand die Vollstrecker. Die Herrenmenschen können sich heraus reden und darauf berufen, dass sie ja nur ihr Business betreiben. Die Charismatiker können den Vollstrecker zum Häretiker erklären, der die reine Lehre falsch verstanden hat. Am Ende bleibt der einsame Vollstrecker zurück. Dieser ist dann ein Einzeltäter und als Abtrünniger ist er naturgemäß psychisch krank. Am Ende haben wir eine Null-Situation. So muss man hier auf drei Fronten angreifen. Die Geschäftemacher, die Charismatiker und die Vollstrecker. Interessant sind vor allem die Charismatiker. Denn sie sind die wahren Ideologen. Die Geschäftemacher sind selten ideologisch aufgeladen. Sie machen Geschäfte und suchen nach dem günstigsten Nährboden dafür. Die Charismatiker sind am Beginn ihrer Karriere Spinner und Grenzgänger. Wenn sich die bestehenden Machtkonstellationen auflösen durch Krisen, dann können sie an Bedeutung gewinnen. Für den Geschäftemacher sind Krisen immer gewinnträchtig. Daher neigen die Geschäftemacher dazu, die Charismatiker zu unterstützen, um die Krise auszukosten und damit auf ihre Kosten zu kommen. Am Rand lebt der Vollstrecker. Ihre Karriere beginnt mit Biederkeit. Doch in der sich formierenden Krise scheitert ihre Biederkeit an der sich wandelnden Welt. Da der Vollstrecker nicht über Charisma verfügt droht er unterzugehen. So wird er zum Gläubigen, vom Saulus zum Paulus gewandelt fühlt er sich von seiner Blindheit kuriert. Jetzt weiß er. Der Vollstrecker sehnt sich nach Fürsprache vom Charismatiker. Doch in der modernen Welt ist die Distanz nicht zu überbrücken. Die radikale Tat verschafft ihm dann am Ende seiner Karriere die große Bühne. Diese Tragödie spielt sich in der Menschheit schon lange ab. Die Frage ist: Ist der Rassismus eine eigenständige Theorie? Nein! Klare Antwort. Nein! Der Rassismus ist eine Folie. Wirft uns wieder zurück zum Charismatiker. In der Krise erleben sie sich selbst als Heilsbringer. Durch die Krise sind sie plötzlich gefragt. Aber ihr Nährboden war schon da. Der Humus ihrer Gedanken ist kein isoliertes Wunder.

Streifschuss vom 19. Februar 20

 

Anlass: übernehmen die Irren die Meinungshoheit?

 

Es gibt Leute, die glauben, alles wäre vernünftig, was man mit einem ernsthaften Gesicht tut. (Georg Christoph Lichtenberg)

 

Jeder weiß Bescheid -Episteme

 

Wir befinden uns in der achten Woche der 20er Jahre. Vor hundert Jahren – das sollten wir uns klar machen- gab es weit mehr Zeitungen und weit mehr informierte Menschen als heute. Immer leichter wurde es, Zugang zu speziellem Wissen zu bekommen. Das ist doch erst mal gut und zu begrüßen. Doch Sie merken schon: In diese Einleitung ist ein „aber“ eingehakt. In letzter Zeit werden immer mehr spekulative Gedanken veröffentlicht, die meinen Gedanken gleichen, die ich vor zehn Jahren in die Schublade geschrieben habe und mittlerweile als zu spekulativ und naiv verwarf. Das ist seltsam und erklärungsbedürftig. War ich mit meinem Spürsinn meiner Zeit voraus und bin nun für immer meiner Epoche enteilt? Oder holte mich die Vernunft wieder ein und ich bin jetzt vorsichtiger geworden, während die Konkurrenz der schreibenden Zunft sich genüsslich dem Irrsinn hingibt? Wildeste Spekulationen über die Digitalisierung kann man auf den Foren im Internet lesen, da werden wir allesamt überwacht und betrogen. Das Darknet geistert als Horrorvideo durch die Köpfe und immer mehr fürchten sich vor der Abschaffung des Bargelds. Die Spekulanten der Börse werden zunehmend zu den Bösewichtern der Spekulanten des Geistes. Die Börsianer werden wie eine außerirdische Population geschildert. Dabei spekuliert doch schon jeder zweite Bankkontenbesitzer mit Aktien und bereichert sich an der Ausbeutung anderer Länder. Die informierten Zeitgenossen mokieren sich über die digitalisierte Welt und veröffentlichen ihre Hypothesen in genau dem Geistermedium (Internet) das sie zugleich anprangern. Das nennt man kognitive Dissonanz. Der Raucher kann sich trefflich über Krebs erregen. Nun. Informiertheit ist eben nicht immer zugleich Wissen. Und Wissen sorgt nicht automatisch dafür, dass ich mich auch an das Gewissen halte. Die Freiheit des Geistes (die Gedanken sind frei) ist eine schöne Sache und wir sollten und sollen auch alle fleißig frei darin sein. Doch bitte: Nehmt euch alle nicht gar zu ernst dabei. Viel zu oft ist es gerade deshalb ausnehmend komisch, weil es mit großem Ernst vorgetragen wird. Wie schon eingeräumt, ich kenne das von mir selbst. Immer wenn ich mich besonders ernst nahm, wirkte ich am Komischsten. Der Komödiant in uns sollte sich stets zugleich bewusst sein, dass er eine ernste Rolle spielt, sonst endet er noch tragisch. Das heißt nicht, dass ich alles relativiere. Vielmehr appelliere ich an die Einsicht, dass wir alle gelegentlich an kognitiven Verzerrungen leiden und dass der schönste Teil des Bewusstseins der ist, sich bewusst zu sein, dass man sich auch irren kann. Recht haben ist das materielle Recht. Recht bekommen ist das formelle Recht. Das wurde nicht umsonst ordentlich voneinander getrennt.

 

Streifschuss

vom 16. Februar 20

 

Anlass: über das Streben nach Glück

 

De beata vita

 

Zwei Glücksbegriffe prägen uns von jeher. Einmal jenes Glück im Innern. Die Griechen nannten es Eudämonie. Das ist weitestgehend unabhängig von den äußeren Ereignissen. Vereinfacht gesagt: Ich akzeptiere mein Schicksal und  mache das Beste daraus. Dazu erzählt uns Herodot in seinem Buch Klio folgende Geschichte: Nachdem der berühmte Krösus fast alle seine Gegner unterworfen hatte und unermesslichen Reichtum angesammelt, besuchten viele weise Männer das reiche Sardes (liegt in der westtürkischen Provinz Manisa). Unter anderem kam auch Solon vorbei. Er hatte gerade den Athenern die Gesetze für ihre Demokratie geschenkt und sich dann auf eine zehnjährige Reise begeben, um sich in der Welt umzusehen. Die daheim gebliebenen Athener konnten die Gesetzgebung durch Eide gegenüber Solon zehn Jahre lang nicht ändern.
Als sich Solon und Krösus begegneten fragte Krösus auf seine für Superreiche typische joviale Art den Solon, wen er denn für den glücklichsten Menschen halte. Krösus war sich natürlich klar, dass das nur er sein konnte. Schließlich hatte er gerade viele Schlachten gewonnen und üppigen Reichtum angesammelt.  Aber Solon nannte einen gewissen Tellus als den glücklichsten Menschen. Der hatte wohl geratene Söhne die alle in besten Verhältnissen lebten und als die Athener ihn in die Schlacht riefen, wehrte er alle Feinde ab und starb gleich auf dem Schlachtfeld. Dort wurde er an Ort und Stelle ehrenvoll von seinen Freunden begraben. Krösus wirkte etwas enttäuscht. Wenigstens der zweitglücklichste Mensch sollte er doch wohl sein. Aber nein. Solon nannte Kleobis und Biton. Die beiden stammten aus Argos und waren körperlich gut ausgestattet. Einmal wollte ihre Mutter zu einem Fest, aber es waren keine Rinder da für den Wagen. Da spannten sich die beiden einfach selbst vor den Wagen und brachten ihre Mutter die 45 Stadien zum Heiligtum. Das sind immerhin gute zwei Stunden Wagenfahrt. Alle priesen Kleobis und Biton und auch die Mutter, die solche Söhne hat. Daher wünschte die Mutter vor dem Heiligtum für ihre Söhne das Beste, was die Götter den Menschen geben können.  Kleobis und Biton legten sich im Tempel schlafen und wachten nicht mehr auf. Das Beste, was die Götter für den Menschen zu bieten haben, ist nämlich der glückliche Tod. Niemand kann sich glücklich schätzen, solange er noch lebt. Er kann höchstens sagen, dass es ihm gerade gut gehe. Aber man lebt gut 70 Jahre und jeder Tag ist anders. Doch erst wenn man tot ist, kann man beurteilen, ob dieser Mann, diese Frau ein glückliches Leben hatte. Denn selbst Reichtum schützt nicht vor Unglück. Zwar kann man sich alle seine Begierden besser stillen und Unglück etwas besser ertragen, aber ein armer Mensch der sich glücklich fühlt ist besser dran als ein Reicher der sich unglücklich fühlt.
Krösus war richtig sauer. Was für ein Idiot war dieser eingebildete Grieche mit seinen ausgelatschten Sandalen. Er jagte Solon vom Hof, zog sich in seine Gemächer zurück und ließ sich weiter von seinem Goldschatz blenden. Da wusste er noch nicht, dass er seinen Sohn bei einem Jagdunglück verlieren würde.

Andererseits gibt es das bei den frühen Griechen minderwertigere Glück. Es wird von Kairos repräsentiert. Es ist schwer festzuhalten, flüchtig und kontingent. In der neuzeitlichen Ikonografie wird Kairos als weibliche Figur mit einem Haarschopf dargestellt. Man muss ihn erhaschen. Er ist so flüchtig, dass wir immerzu aufmerksam sein müssen. Wir können uns daher keinen Moment der Ruhe gönnen. Sonst ist das Glück weg. Das entspricht im Kern unserem modernen Streben nach Glück.
Borges berichtet darüber so:  Die Babylonier entwickelten ein Glücksspiel. Am  Anfang hatten alle Glück. Doch schnell war klar, dass das nicht funktioniert. Eine Reform wurde durchgeführt. Nun kam auf 30 Glückliche ein Büßer, der ein Schwarzlos zog und das bezahlen musste. Mit der Zeit weigerten sich die Büßer und gingen lieber ins Gefängnis um zu bezahlen.Irgendwann war der Unmut so groß, dass man die Büßer hinrichten wollte. Aber es fing eine Diskussion an über den Zufall und die Babylonier hielten vom Zufall nichts. Wieso sollten die einen Glück haben und die anderen büßen? Man wollte den Zufall testen und veranstaltete ein Losverfahren in dem neun mögliche Vollstrecker für die Hinrichtung ausgelost wurden. Dann wurden von den möglichen neun Vollstrecker per Los vier gewählt die in Frage kämen und unter diesen wieder zwei. Doch zu einem Ende kam man nicht. Dem Zufall wollte man nicht zustimmen. Daher erfand man immer wieder weitere Kriterien und Losverfahren. Noch mal: neun mögliche Vollstrecker in einer Ziehung. Vier von ihnen leiten eine weitere Ziehung ein, um den Namen des Henkers auszulosen. Bei zwei könnte statt dem schwarzen Los ein glückliches Los gezogen werden, während eine andere Ziehung die Todesstrafe noch verschärft oder eine andere Ziehung dazu führt, dass der Henker sich weigert, die Strafe zu vollziehen. Zu einem wirklichen Ende käme es daher nie. Das Problem dieser babylonischen Gesellschaft war es nämlich, dass der Zufall nicht nur einmalig bei der Losziehung tätig sein dürfe. In allen Etappen des Losverfahrens müsse es den Zufall geben.

Das Glück ist damit während unseres Lebens kontingent. Erst am Ende unseres Lebens steht dann ein abgeschlossenes Werk das man geglückt und missglückt nennen kann. Zwischendrin ziehen wir gerne Bilanz. Das entspricht unserem ökonomischen Charakter und ist doch so unsinnig, weil niemand wissen kann, was die Zukunft bringt. Optimal wäre also, dass man sich sofort tötet, wenn man mal eine positive Bilanz gezogen hat. Aber unserem modernen Glücksempfinden widerspricht das aufs Äußerste, denn man könnte ja in der Zukunft noch mehr Glück haben. Diese Glücksmathematik macht den Tod so grausam. Dagegen hilft auch keine Lebensversicherung.

 

 

Streifschuss vom 09.Februar 20

 

Anlass: molto privato dalla scatola da cucito

 

Blut ist ein ganz besond’rer Saft

 

So ein Verwandtschaftstag ist eine gute Übung zur Selbsterkenntnis. Meine standesamtlich bestätigte Verwandtschaft zeigt keinerlei mit mir verwandten Eigenschaften.  Wenn man unter einer Gruppe fremder Menschen sitzt könnte man sich nicht fremder fühlen. Merkwürdig ist das schon. Vier Stunden über Themen zu reden, über die man das ganze Jahr nicht redet. Und nicht ein einziges Thema wird angeschnitten, das ich sonst auf dem Radar habe. Diese mit mir offiziell verwandten Brüder, Schwestern, Schwager und Schwägerinnen, Onkel, Tanten, Cousinen und Neffen treffe ich natürlich so selten, dass man sie im Grunde psychologisch als entfernte Verwandte bezeichnen könnte. Dabei lauert der Sprachwitz, dass man sie nicht entfernen kann. Schließlich bin ich ihnen genauso fremd und vermutlich schütteln sie auch über mich den Kopf nachdem ich mich wieder entfernte. Wenn das eigene Blut sich so fremd ist, dann ist das schon erschütternd.  Andrerseits unterscheide ich mich doch lediglich dadurch, dass ich zu viele Bücher lese. Der Grad meiner moralischen Verderbtheit entspricht einer intellektuellen Leukämie. Nicht ein einziges Familienmitglied liest annähernd so viele Bücher, zumindest nicht solche die ich lese. Da wir alle beisammen saßen um ein hochbetagtes Familienmitglied zu ehren, kam die Rede naturgemäß auf das Alter. Ich wagte den Vorstoß, nicht so alt werden zu wollen, denn das Projekt Leben habe mich noch nicht überzeugt. Es offenbarte sich: Keiner meiner Familienmitglieder hatte scheinbar tiefer darüber nachgedacht, was das Ganze soll und wenn doch, dann brachte mein Schwager das Denkergebnis einfach und mit dem Impetus einer für alle greifbaren Wahrheit auf den Punkt: „Hilft ja nichts“. Er sagte es einige Male zu den verschiedensten Themen. Alles was mein Leben ausmacht, was für mich von Bedeutung ist, fügt sich in diese drei Worte meines Schwagers: Hilft ja nichts. Und da es nichts hilft, unterhielt sich meine Verwandtschaft über Autos, ob man Winterreifen nehmen solle, oder Ganzjahresreifen, darüber dass immer mehr gebaut wird und immer weniger bezahlt. Meine Verwandten wunderten sich, dass die meisten Lottogewinner aus Nordrheinwestfalen stammen. Als ich fragte, ob es dazu wirklich statistische Erhebungen gebe, kam raus, dass es nur eine subjektive Feststellung war. Doch sie klang wie ein Hauptsatz. Diesen stellte man gar nicht in Frage, vielmehr suchte man nach Belegen für den Hauptsatz. Ich scherzte und empfahl meinen Verwandten nach Nordrheinwestfalen zu ziehen, dann könnten auch sie ihre Chancen Lottogewinner zu werden erhöhen. Sofort kam das Gegenargument, es gebe in Nordrheinwestfalen mehr Lottogewinner, weil man dort häufiger spielen würde. Daher erhöhe ein Umzug die Chancen nicht. Die reichen Bayern hätten es nicht nötig Lotto zu spielen. Dass meine Verwandten Lotto spielen, weil sie nicht zu den reichen Bayern zählen, wurde dabei eskamotiert. Hilft ja nichts. Vielmehr würden die nordrheinwestfälischen Lottogewinner alle nach Bayern ziehen, weil dort auch das Wetter schöner sei. Meine innere Verzweiflung über diese Hauptsätze der gesellschaftlichen Thermodynamik konnte ich nur mühsam verbergen. Die Tatsache, dass hier an diesem Tisch meine ordnungsgemäß registrierten Familienmitglieder saßen – nun! Hilft ja nichts.

 

Streifschuss vom 07. Februar 20

 

Anlass: Thüringen und die Wiederholung der Geschichte

 

Nichts Neues aus Weimar

 

Die Hypokrisie ist der Fachbegriff aus dem altgriechischen für Scheinheiligkeit und Heuchelei. Der Heuchler spiegelt eine Gesinnung, moralische Werte wider, die er gar nicht hat. Berühmt ist Heines Wein trinkender Wasserprediger. Als jüngst die neorechte Partei der AFD in Thüringen einen Landesherrn krönte war dies der Höhepunkt der Scheinheiligkeit.  Wäre ich ein aufrechter Faschist, wäre es mir peinlich mit der AFD in Zusammenhang gebracht zu werden. Denn die AFD ist nichts weiter als eine Ansammlung neoliberaler Wichser. Nur deshalb haben CDU und FDP auch mit ihnen in Thüringen zusammenarbeiten können. Die Unterschiede zwischen CDU/CSU/ FDP und AFD sind im Grunde nur marginal. Sie haben zumindest kurzfristig gemeinsam einen Mann gekrönt, der der Inbegriff des kapitalistischen Eroberers ist. Denn dieser frisch gekrönte Landesherr ist ein Unternehmensberater, der 1989 aus dem Westen ins Eldorado Erfurt kam und dort aus einer Friseusen-Kolchose eine Aktiengesellschaft machte. Dass er sich jetzt peinlich zurückzieht ist nur peinlich. Kemmerich baute seine Karriere auf Kosten vieler Menschen auf, die in der ehemaligen DDR ihr Auskommen hatten. Es ist historisch nachvollziehbar, dass gerade von diesem Bundesland aus sich die alten Dämonen wieder entzünden. Nur eine halbe Stunde Autofahrt von der Kulturhauptstadt Weimar (Goethe, Schiller, Bauhaus) entfernt liegt das KZ Buchenwald.

Insofern heucheln hier nicht nur die sanktionierten Staatsparteien, sondern auch die vom Verfassungsschutz beobachtete AFD. Die gemeinsame Hypokrisie ist erbärmlich. Alles geschieht nur, um einen Linken zu verhindern. CDU und FDP verraten ihre demokratischen Überzeugungen aus purer Gier nach Macht. All die aufgeregten Stimmen danach machen das Ergebnis im Grunde nur noch schlimmer. Denn längst ist klar, dass die AFD nicht rechts neben CDU und FDP steht,  sondern wie CDU und FDP eine reine neoliberale Veranstaltung ist. Der Untergang der bürgerlichen Verfasstheit unseres demokratischen Staates ist seit Thüringen nicht bestätigt. Es ist vielmehr explizit eine bürgerliche Veranstaltung. Die Bourgeoisie erweist sich nur mal wieder als jakobinisch im Sinne einer Diktatur der Ökonomie. Was schon die originalen Nazis auszeichnete - mit den großen Wirtschaftsführern zusammen zu arbeiten - zeichnet auch die AFD aus, diesen feuchten Abklatsch weichgespülter Pseudofaschisten. Die AFD ist nichts weiter als eine opportunistische Dreckschleuder und passt gut zu CDU und leider auch FDP.

 

Streifschuss vom 02. Februar 20

 

Anlass: Vom Nutzen der Maschine

 

Klimalösung

 

Der Körper ist eine geniale biologische Maschine. Sie erzeugt durch Redundanz Geist. Man kann das als überflüssiges Zeugs betrachten, aber auch als Ressource oder Reserve. Das Meiste aber kann man getrost weglassen. Das Meiste wird einfach nur überschätzt. Insgesamt ist Geist daher auch nichts Höheres, sondern lediglich ein Nebenprodukt der Maschine. Wenn man der Sexualität entsagt, stehen für dieses Nebenprodukt Geist mehr körperliche Energien zur Verfügung. So kann die Maschine besser Bewusstsein reproduzieren. Potentiell löscht jeder Fick das Gedächtnis, reduziert die Sprache, die Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit, den Willen und Probleme. Gedächtnis, Sprache, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Wille und Problemlösen sind zusammengefasst das Bewusstsein. Sex ist ein Bewusstseinskiller. Sex funktioniert am besten, wenn man nicht denkt.  Wer also auf Sex verzichtet erzeugt vor allem Nebenprodukte. Hauptprodukt ist immer noch Menschenfleisch. Oder wie man das heute nennt: Humankapital. Das Problem jeder Zivilgesellschaft ist, dass zu wenig gefickt wird und zu viele Nebenprodukte erzeugt werden. Und 99 Prozent dieser Nebenprodukte sind schädlich für das Weltklima. Acht Stunden Arbeit, danach Freizeitkultur, konsumieren, Sport treiben, Bücher lesen, Filme anschauen. Da bleibt nur noch wenig Zeit für das Hauptgeschäft. Daher plädieren fast alle Utopisten der vergangenen Jahrhunderte für die freie Liebe (von Thomas Moore bis Aldous Huxley). Statt also freitags auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren, sollten die jungen Leute ficken. Dann gucken sie auch weniger in ihr Smartphone, twittern weniger und warm wird es ihnen dabei auch (was für eine Reduzierung der fossilen Brennstoffe sorgt). So könnte man heute als Wahlspruch sagen: „Make love and do not destroy the climate“.
Nun bin ich ein älterer Mann der in dieser Hinsicht nur gute Ratschläge geben kann. Noch dazu als einer, der durch die Produktion von Nebenprodukten seine Miete bezahlt.  Selbstverständlich bedaure ich diesen Umstand und appelliere hiermit an die Jugend und die Hoffnung der menschlichen Zukunft. Fickt endlich und sorgt euch nicht!!

Streifschuss vom 31. Januar 20

 

Anlass: Der Irrglaube an die Leistung

 

Standesgemäß

 

Mitten im Wald in der Nähe eines kleinen Bächleins, umringt von gewaltigen Eichen, stand eine ärmliche Hütte, erbaut mit eignen Händen von einem noch ärmlicheren Einsiedler. Dieser einfache Mann lebte von Wurzeln und Beeren. Gegen die bittere Kälte schützte ihn nur ein sackähnliches Kleid aus Wolle, das längst zerfranst und schmutzig geworden war. Ein Trupp Soldaten hatte sich in diesen Wald verirrt und trafen nun auf diesen Einsiedler. Die Soldaten waren ausgehungert und mordlüstern. Doch sie merkten schnell, dass es sie auch nicht satt machen würde, wenn sie diesen dünnen Einsiedler töten würden. Sein Fleisch schien ihnen ungenießbar.
Sie baten den Einsiedler, ihnen einen Weg aus dem Wald zu weisen. Das tat der Einsiedler und begleitete die Soldaten zur Dorfgrenze.
Als er allein wieder zurück kehrte zu seiner Hütte, war diese verwüstet worden. Offenbar hatte ein anderer Trupp Soldaten in der Zwischenzeit gehofft, essbares oder Bares dort zu finden. Aber außer Bücher und einer Schüssel mit Wurzeln und Beeren hatten sie nichts vorgefunden. Alles war zerstört worden. Der Einsiedler legte sich traurig in sein durchwühltes Stroh und schlief unruhig ein.

Da träumte er von einem Baum an dem nicht Blätter sondern Menschen hingen. Auch die Wurzel des Baumes bestand aus Menschen. Sie litten sehr unter ihrer Last. Der Druck des Menschenbaums presste ihnen sogar das Mark aus den Knochen heraus. All ihre Mühen, den Menschenbaum am Leben zu erhalten wurden durch Prügel und Not gelohnt. Sie waren Bauern, die aus der Erde holten, was aus der Erde zu holen war. Die untersten Äste über den Bauern waren Plünderer und Diebe, einfache Soldaten wie diese, die auch die Hütte des Einsiedlers zerstört hatten. Das wenige Hab und Gut wurde den Bauern von diesen Plünderern geraubt. Doch die Plünderer waren nur armselige Fußsoldaten, die gottlos von der Hand in den Mund lebten und nicht über den einzelnen Tag hinaus planten. Über diesen Fußsoldaten standen die gelernten Soldaten. Sie klopften die einfachen Soldaten so lange aus, bis sie sich das bisschen Hab und Gut der Bauern selbst aneigneten. Doch über diesen wiederum standen die Kommandanten, die sich auch für was Besseres hielten. Sie prügelten das Hab und Gut aus den gelernten Soldaten raus.
Über all diesen hingen die oberen Äste. Um sie zu erreichen musste man eine Leiter ersteigen, die allerdings mit einem schmierigen Öl bestrichen war. Das schafften die wenigsten. Fast alle rutschten von der Leiter. Nur diejenigen, die schon einen Verwandten an den oberen Ästen hatten, wurden hinaufgehoben. Ganz egal ob dumm oder klug. So saßen oben fast nur Protegierte. Um den Baum auch unten am Leben zu erhalten, wurde gelegentlich ein klein wenig davon, was man zuvor den Bauern ganz unten genommen hatte und ganz nach oben weiter gereicht hatte, wieder herab geworfen. Doch das kam meist nicht unten an, weil geschickte Leute es noch vorher abfangen konnten. So hungerten die, die unter der geschmierten Leiter standen weiterhin. Dieses System wurde allein vom Krieg selbst am Leben erhalten.

So schildert es uns Christoffel von Grimmelshausen in seinem Simplicissimus. Dieser Traum des Einsiedlers ist bekannt als „Ständebaum-Allegorie“. Die Schere von arm und reich, wächst heute wieder beständig. Sie ist in erster Linie ein Ergebnis der Korruption. Heute sind es wohl keine Bauern, Landsknechte und Pikeniere die an den unteren Ästen hängen und verhungern. Doch die vielen fleißigen und produktiven und reproduktiven Kräfte unseres modernen Wirtschaftbetriebs werden weiterhin verarscht. Die geschmierte Leiter ist eine Metapher der Chancen- und Leistungs- und Verteilungsungerechtigkeit. Das Problem ist, dass so ein ungerechter Baum keine Überlebenschance hat. Denn nicht jedes Kind reicher und privilegierter Eltern hat auch Führungsqualitäten. So sitzen in den gehobenen Positionen vielfach Idioten oder Menschen ohne jede Moral. Empathie und Moral sind sogar Eigenschaften die jede Karriere zerstören. Besser kommt man voran wenn man Beziehungen hat, diese eiskalt nutzt, sprichwörtlich über Leichen geht und dann muss man nur noch dafür sorgen, dass die die unter einem sind, weiter unten bleiben. Die geschicktesten unter den Korrupten fangen am liebsten staatliche Fördergelder auf. So kommt das Steuergeld in der Regel nicht den einfachen Leuten zugute, sondern fördert nur die, die ohnehin schon am goldenen Topf sitzen. Das Ergebnis ist, dass Idioten und gefühllose Dreckskerle immer reicher werden, während die intelligente und empathische Basis die alle ernährt allmählich verhungert. Leistung ist nur noch eine Quelle an der sich Idioten und Schweine laben.

Dies war auch der Grund, warum Simplicissimus nach all seinen Abenteuern in der weiten Welt, wieder in seine Einsiedelei zurück kehrte.  Und es ist heute ein Grund dafür, Arbeit und Mühe aus dem Weg zu gehen. Wer schuftet, füttert damit nur Idioten und Schweine.

Streifschuss vom 18. Januar 20

 

Anlass:  Anna war ein selig Weib, drei Marien gebar ihr Leib.

 

Familiensinn

 

Die meisten Menschen finden den bürgerlichen Lebensentwurf (Familie, Kinder, guter Job) immer noch als erstrebenswert, als summum bonum (Ausdruck von Aristoteles, der das höchste Glück bezeichnet) ihres Daseins. Lediglich die Jugendlichen wehren sich gegen diese Einöde. Je nach Resilienz und Vulnerabilität wehren sie sich unterschiedlich lange. Irgendwann entscheidet sich der junge Erwachsene für die Vernunft und die heißt: Familie, Kinder und guter Job. Wer sich trotz fortgeschrittenen Alters anders entscheidet gilt geradezu als gescheitert. Das ist insofern absurd, weil es doch immer heißt dass wir in einer offenen Gesellschaft leben. So offen scheint sie nicht zu sein. Im Gegenteil. Auf beinahe schon bösartige Weise wird der Antibürger angegriffen. Er gilt entweder als Schädling, als Schmarotzer oder als unvernünftig und krank.  Familie, Kinder, guter Job. Die gut bürgerliche und geglückte Pseudoromantik in einer pervertierten Konsumgesellschaft. Man hat den Eindruck, dass die Zivilisation mit Familie, Kinder und einem guten Job ihr Erwachsenenalter erreicht hat und nun zählt noch, diese Mission zum Ende zu bringen. Die Realität sieht natürlich anders aus. Die meisten scheitern daran. Die Ehe wird geschieden, die Kinder entfremden sich, der gute Job entpuppt sich als Daseinsfalle und man erträgt mehr schlecht als recht all die Bildungsprogramme die nur den Sinn haben, sich selbst als Ware zu deklarieren. Aber mit fast schon blindem Fatalismus wird der Biedermeier weiter als Lebensideal aufrecht erhalten. Ein wenig Demokratie und Ehrenamt dazu und fertig ist das „schöne Leben“. Den Künstlern und Kreativen gesteht man – aber nur wenn sie erfolgreich sind – eine Sonderposition zu. Diese Künstler dienen dann als Abfuhr der eigenen Bedürfnisse die man zu Gunsten des eigenen Lebensglückes unterdrückte. Als glücklicher, fleißig arbeitender, Güter konsumierender Zeitgenosse wäre man ohne Fehl und Tadel, erklärt der Weltcontroller Mustapha Mond dem Wilden John Savage in der schönen neuen Welt. So gesehen leben wir in eben dieser schönen Welt, die Huxley in seinem Roman von 1932 beschrieb. Der Wilde fordert ein Recht auf Unglück. Und das ist so absurd, dass es weh tut. Warum sollte man nicht glücklich sein und sein eigenes Scheitern als geglückt betrachten? Beinahe acht Milliarden Menschen streben nach Glück. Wäre Glück eine endliche Ressource hätte Thomas Hobbes Recht. Nach Hobbes ist der Mensch von Natur aus nicht für die Gesellschaft geeignet. Er ist vielmehr eine Menge dissoziierte Individuen. Soziale Ordnung begründet er auf einen faktisch egoistischen Menschen und dessen Recht auf Selbsterhaltung.  Die Natur ist kein ethisch sinnvolles Ganzes mehr, es gibt keine ewige Ordnung die man vorfindet und in die man sich hineinfindet, der Mensch erfindet sie neu aus seiner menschlichen Vernunft, die auf seine Interessen (Selbsterhalt) verweist. Der Mensch strebt nicht einfach höhere Ziele an, sondern immer weitere Ziele, als sie je ein anderer erreicht hat. Er sucht das maximum bonum (immer mehr Glück im Gegensatz zu dem höchsten Glück von Aristoteles).

Ehrsucht und Eitelkeit sind sein vorrangiger Zweck.

 

Familie, Kinder und guter Job sind in diesem Sinn ein utopischer Gegenentwurf.

 

 

Streifschuss vom 16. Januar 20

 

Anlass: Eingewilligt

 

Die Seele einer Kuh

 

Mastitisresistente, genmanipulierte Super-Milchkühe mit geringer Lebensdauer und deutlich erhöhter Milchproduktion: Wunderbar! Bald wird es Menschen ohne Bewusstsein geben, die lediglich als Organlager dienen. Der Bundestag stimmte für die Einwilligungslösung bei der Organspende. Somit bleiben die Organe weiter in meinem Besitz. Etwas über 700 Abgeordnete stimmten dazu ab und entschieden sich mit einer einfachen Mehrheit dafür, die menschlichen Organe (Herz, Niere, Leber, Lunge) in der Verfügungsgewalt ihrer Träger zu belassen. 700 Abgeordnete sind 0,0009 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung. Die ganze Debatte wurde von noch weniger Menschen angestoßen. Die Frage, ob man mich als Schlachtvieh nutzen kann oder nicht, wurde von einer erschreckenden Minderheit entschieden. Soviel zur Demokratie. Sie ist so nur noch die Tyrannei einer Minderheit die sich für die Mehrheit hält, weil man sie einst wählte. Wobei die Wahl schon im Vorfeld durch Listen und Parteiengesetz so reduziert wurde, dass es nicht die Realität der Stimmen spiegelt, sondern die Realität des Marktes. Ich habe nur ein Herz, zwei Nieren, eine Leber, fünf Lungenlappen. Auf dem Markt bin ich eine Lappalie. Für mein Herz interessiert sich niemand. Es ist nur ein Organ von vielen auf einem Gabentisch. Wollte ich selbst ein Herz von einem anderen? Im Moment wo ich keines brauche, sage ich nein. Bedürfnisse können sich allerdings schnell ändern. Am tatsächlichen Problem der ganzen Debatte wird vorbeigeredet. Man stellt gar nicht mehr die Frage nach der Würde. Artikel eins wurde – unabhängig von dieser Entscheidung –zur leeren Formel. Damit meine ich, dass gar nicht mehr darüber nachgedacht wurde was ein Herz ist, was eine Niere ist, eine Leber, eine Lunge. Schon vor der der ganzen Debatte herrschte überall Einigkeit, dass es einzelne Organe sind, die zur Verfügung stehen. Geklärt wurde nur die Frage der Verfügungsgewalt. Doch bald wird es Organlager geben und über die Frage Widerspruch oder Einwilligung wird man nur noch lachen. Das Problem ist also nicht die Organspende, sondern was ein Organ ist. Bin ich nicht mein Herz? Bin ich nicht meine Lunge? Bin ich nicht meine Nieren? Ohne sie jedenfalls bin ich nichts. Würde ich also mit einem anderen Organ weiterleben, wäre ich dann noch der, der ich zuvor war? Klar. Politiker kann man mit philosophischen Fragen nur vor sich her jagen bzw. davonjagen. Sie sind –  Gewählte -  ein repräsentativer Querschnitt von dir und dir und dir. Die ganze Debatte ist positivistisch. Sie ist eine Konsumveranstaltung, eine Art Basar. Die Menschenwürde ist hier nur ein Markenzeichen. Wer spricht noch von Seele?

 

Streifschuss vom 11. Januar 20

 

Anlass: Statt Arbeitswut, Wut auf die Arbeit

 

Unser aller Irrtum

 

Prometheus, Sohn des Titanen Iapetos (Sohn von Kronos und Vater von Atlas) brachte den Menschen das Feuer. Die Menschen hätten durch den im Vorhinein Denkenden mit diesem wunderbaren Werkzeug glücklich wie die Götter sein können. Schließlich ist das Feuer frei verfügbar, wärmt und unterscheidet uns vom Tier. Doch sein Bruder Epimetheus (der im Nachhinein Denkende) hörte nicht auf seinen Bruder und nahm trotz der Warnungen ein Geschenk der olympischen Götter an. Das war eine Büchse. Die Büchse der Pandora. Die Büchse voll mit allen Übeln des Lebens wurde von Pandora, der Allgeberin, einer Frau aus Lehm, die Hephaistos gebastelt hatte an die Menschen übergeben. Wer anderes als die Erde ist die Allgeberin. Hephaistos war der Gott der Arbeit (eine Missgeburt für die sich sogar seine eigene Mutter schämte) und er schuf jenes Grundübel, das uns (wie auch die Bibel rät) unser Leben zur Plage durch Arbeit und Schweiß machte. Der Mythos erzählt die Geschichte der Sesshaftigkeit des Menschen. Weil irgendein Idiot uns riet zu bleiben wo wir sind, mussten wir lernen im Schweiße unseres Angesichts die Erde zu bestellen. Das war die Geburt der Arbeit. Die wenigen Menschen die damals nicht drauf reingefallen sind, werden heute stigmatisiert, die Sinti und Roma. Das fahrende Volk denkt nicht dran, sich dieser Fron zu unterstellen. Warum auch? Wie ärgerlich ist doch dieser Unsinn dank des im Nachhinein Denkenden Bruder von Prometheus. Arbeit ist selbst die Plage. Ein übler Trick der Götter hat uns Menschen ins Joch gespannt bis heute. Wir könnten einfach damit aufhören. Das einzige was unserem von Aristoteles geprägten summum bonum im Wege steht ist die Arbeit. Doch wir arbeiten ob des maximum bonum. Ganz im Sinne von Thomas Hobbes. Leben heißt rennen und stehen bleiben heißt sterben. Nicht höchstes Glück zählt, sondern so viel Glück wie möglich. Aus dem Glück wurde dank der Arbeit die Gier. Daher gehen mir die Olympier am Arsch vorbei. Ich bin ein Fan der Titanen. Auf keinen Fall bin ich ein Fan der Menschen, dieser kranken und von Arbeit verseuchten Spezies.

 

Streifschuss vom 08. Januar 20

 

Anlass: Beleidigte Leberwürste gibt es nicht nur in Bayern, aber da schon

 

 

Niedergang der Debattenkultur ist der Niedergang der Debatte selbst

 

Neulich fühlte sich eine SZ-Journalistin von mir beleidigt. Und sie wollte sich nicht in eine weitere Debatte verwickeln lassen. „Wir befolgen hier im Haus die Politik, jedem Leser einmal zu antworten –Was ich nicht muss: Mich anschließend weiterhin in eine Debatte verwickeln lassen.“ Zuvor hatte ich beklagt (und ich war dabei für meine Verhältnisse sogar sanft), dass der einfache Leser sich gegenüber den Journalisten in einer komplementären Beziehung befindet und mit seinen Einmischungen im Grunde chancenlos ist. Quod erat demonstrandum könnte man dazu sagen. Allgemein wird immer wieder ein Niedergang der Debattenkultur beklagt. Zuletzt von der Philosophin Maria-Sibylla Lotter in einem Radio-Kommentar bei Deutschlandfunk Kultur. Sie beklagte die Proteste von Studierenden. Frau Lotter im Originalton: „In Hamburg blockierten Studierende die Ökonomie-Vorlesung des AFD-Mitgründers Bernd Lucke. Die Begründung: Er vertrete neoklassische Lehren. In Frankfurt verlangen Studierende die Entlassung der Ethnologin Susanne Schroeter. Die Begründung: antiislamischer Rassismus, weil sie eine Konferenz zum islamischen Kopftuch organisierte. Vorträge von streitbaren Wissenschaftlern und Politikern wurden abgesagt, andere konnten nur unter Polizeischutz stattfinden. Ist die grundgesetzlich verbürgte Wissenschaftsfreiheit in Gefahr?“ Ihr Resümee war dann, es würde betroffenen Gruppen nicht helfen, wenn andere für sie sprechen, sie sollten es schon selber tun. Nun: Genau das tat ich bei der vorhin genannten SZ-Journalistin. Und was geschah? Sie beendete die Debatte einfach, ach, sie hat sich nicht einmal im Ansatz auf irgendwas eingelassen. Das ist schon übelstes Politikerverhalten. Am Ende ist der Leser ein Konsument und er soll fressen was man ihm serviert. Und der Student ist ein Wissenskonsument und er soll fressen, was ihm der Professor vorlegt. Das ist eine traurige Geschichtsvergessenheit und es ist deshalb so traurig, weil es einmal anders war. Wenn jemand aufmüpfig ist, dann wird das als verhaltensauffällig abgetan und man wird wieder in die Reihe zurückgepfiffen. Dass einst Immanuel Kant in seinem Text „Was ist Aufklärung“ den Menschen empfahl selbst zu denken, unabhängig von irgendwelchem vorgekautem Wissen, das ist inzwischen obsolet. Die selbst denkenden werden dann in einen Topf geworfen mit kruden Verschwörungstheoretikern, oder sie sind dummdreiste Wutbürger. Der Niedergang der Debattenkultur ist nicht der Tonfall – meine Güte, dann ist halt mal einer beleidigt, das kommt vor – sondern dass gar nicht mehr debattiert wird. Keiner lässt sich mehr auf etwas ein. Jeder hat seine Meinung und gut ist es. Bloß keine Argumente. Denn Argumente werden – siehe SZ-Journalistin – sofort als Beleidigung wahrgenommen. Das ist nur noch traurig, wenn es nicht so komisch wäre.

 

Streifschuss

vom 03. Januar 2020

 

Anlass: Staffelauftakt für die Golden Twentys

 

Geht’s jetzt los?

 

Wow! Was für ein Staffelauftakt für dieses neue Jahrzehnt. Mit einem ordentlichen Kriegsverbrechen! Vor knapp zwanzig Jahren hat er dem damaligen Präsidenten der USA noch geholfen ihren Einsatz gegen die Taliban zu planen, und vor fünf Jahren half er der USA im Kampf gegen den IS.  Im Jahr 2013 berichtete The New Yorker über zunehmende Aktivitäten der Quds-Einheit in Syrien. Aus dem Bericht geht auch hervor, dass die Aktivitäten von Al Quds im Irak zeitweise von den Amerikanern toleriert wurden, um sunnitische Aufständische zu bekämpfen. John Kerry persönlich lobte ihn dafür. Aber die Karten wurden neu gemischt. Trump befahl den Mord am iranischen General der Al Quds-Einheit Soleimani, den iranischen Rommel (wie er genannt wurde) und das Militär bezeichnete diesen Mord als defensiven Akt der Selbstverteidigung. Absurd? Was wissen wir schon!  Der Sensenmann wiegt zwei Tonnen, hat eine Topgeschwindigkeit von 500 km/h, eine Reichweite von München nach Island, also ca. 3000 Kilometer. Der Sensenmann wurde Anfang dieses Jahrtausends erstmals in Afghanistan eingesetzt. Der Reaper MQ9 ist ein UAV (unmanned aerial vehicle), wird via Fernsteuerung durch einen Computer gesteuert. Es ist eine Killerdrohne von General Atomics, einer Firma die bereits seit 1995 solche Killerdrohnen zur Verfügung stellt, jahrzehntelang mit Shell zusammengearbeitet hat und ihre Finger auch fett im Ölgeschäft hat. Das Unternehmen hat in den letzten Jahren Millionen Dollar in ihre Lobby-Arbeit gesteckt, um die Zusammenarbeit mit dem Verteidigungsministerium weiter zu fördern. Und so ein Treffer ist gute Firmenpolitik. Klar. Irgendwelche geopolitischen Hintergründe die uns normalen Menschen nicht zugänglich sind haben den großen Präsidenten Donald Duck Trump dazu veranlasst, diesen Befehl zu erteilen. Und der General einer Elitetruppe für Auslandseinsätze für den Iran, einem Land der bösen Achsen, ist ein gutes Opfer. Da General Soleimani  Perser war aus der Provinz Kerman (Südosten des Iran) hatte er sicher Verständnis für den Zoroastrismus des ehemaligen Präsidenten George W. Bush.
Was mich an dieser Pressemeldung so frustriert ist mein Unwissen über die echten Hintergründe. Wer ist der Böse? War das wirklich Selbstverteidung? Keine Ahnung. Ich vermute, dass das niemand wirklich weiß, denn die Gründe sind dabei eine Mischung aus den unterschiedlichsten Interessen der Menschen die auf dieser geopolitischen Bühne ihre Muskeln spielen lassen. Was ist mit dem General? Hatte er eine Familie? Hinterlässt er Kinder die ihn liebten, die er liebte? Im Iran wird darüber sicher etwas geschrieben. Hier? Nix! Man sieht nur wieder die Fresse von Donald Duck Trump. Und ein paar Wichtigtuer erklären uns Dummen die Welt. Danke dafür. Nur wofür?

 

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