Literaturprojekt
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Neue Streifschüsse

wann immer nötig (im Schnitt einer pro Woche)

 

schnell und aus der Hüfte geschossen

 

 

Streifschuss vom 18. Juli 19

 

Anlass: Immer wieder Europa

 

Wie im Fußball.

Die Deutschen gewinnen

 

Nun wird Europa von der Urenkelin des Plantagenbesitzers James Ladson aus Charleston (der Urgroßvater von Ursel war Offizier im Unabhängigkeitskrieg und immerhin stolzer Besitzer von 200 Sklaven) regiert, von einer Frau deren Doktorarbeit in einigen Universitäten als Negativbeispiel für angehende Doktoranden dient, weil fast die Hälfte des Textes aus nicht gekennzeichneten Fremdtext besteht der in 20 Fällen sogar schlicht falsch ist. Für eine Dissertation im Fach Medizin können solche Fehler schon auch Bedeutung haben. Aber sie ist eine hervorragende Reiterin und reitet nun wieder in die Nähe ihres Geburtsortes. Nein, so schlecht ist die Dame auch wieder nicht. Sie hat ein syrisches Kind bei sich aufgenommen und ihm einen Ausbildungsplatz verschafft, sie stimmte für die Ehe für Alle und findet Kinderpornografie scheiße. Es ist – wie bei vielen PolitikerInnen – die alte Leyer. In Deutschland nicht mehr vermittelbare Politiker ziehen nach Brüssel um. Europa ist ein deutsches Privatunternehmen. Schließlich war Belgien immer leicht einnehmbar für deutsche Truppen. Das Drama ist also nicht die Ursula. Sie hat nun wirklich genug Spott ertragen müssen und verdient davon höchstens zwei Drittel. Das Problem ist eine Unwucht im Parlament. Volkes Wille? Wer ist dieser Volk eigentlich? Was erlaube sich Volk? Volk ist wie Flasche leer. So viel zur Integration italienischer Deutschkenntnisse. Eine Armada von NGO’s versucht in wilder demokratischer Würselei zu retten, was zu retten ist. Europa sinkt ohne wirklich havariert zu sein. Das Parlament ist längst ein Antiparlament. Und unsere Geldscheine werden künftig von einer Frau unterschrieben, die rechtskräftig wegen Amtsmissbrauch verurteilt wurde, weil sie grob fahrlässig mit öffentlichen Geldern umging und das Urteil eines Schiedsgerichts akzeptierte, das Bernard Tapie über 400 Millionen Euro aus einem Aktienverkauf zusprach. Ein Schelm, der dabei Böses denkt. Im Großen und Ganzen ist das eine deprimierende Umsetzung für eine so fantastische Idee.

 

Streifschuss vom 13. Juli 19

 

Anlass:

Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht
Ein Retter willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Des rühme der blutge Tyrann sich nicht,
Dass der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht,
Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue.

 

20. Juli 1944

 

Stellen Sie sich vor, eine Frau ist schwanger. Sie möchte das Kind zur Welt bringen. Eine DNA-Analyse des Embryos ergibt jedoch zweifelsfrei eine Wiedergeburt von Adolf Hitler. Man zwingt die Frau zur Abtreibung. Ist das moralisch zu vertreten?

Ein Mensch ist ein Mensch und seine Würde ist unantastbar.
 In einer Woche feiern sie den 75. Jahrestag des Hitler-Attentates. Ich halte es für nicht ganz unproblematisch, dass ein Attentat auf einen Menschenführer gefeiert wird, wo gerade erst ein Menschenführer erschossen wurde. Ganz unabhängig davon wie wir den Einzelnen bewerten gilt in Deutschland die Unantastbarkeit der Menschenwürde. Gilt sie also im Nachhinein für Adolf Hitler nicht? Schwierige und ganz schön heftige Frage. Als bei der Schweigeminute zum getöteten Walter Lübke bis auf einen AFD-Politiker alle aufgestanden sind, standen auch die gleichen Politiker auf die das Asylrecht verschärften und Menschen unwürdige Ankerzentren bauen ließen. Nächste Woche stehen sie auch wieder auf. Die gleichen, die gerade ohne mit der Wimper zu zucken Hunderte Menschen im Mittelmeer ersaufen ließen. Sie alle gedenken dem Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg.  Erinnerungskultur kann manchmal ganz schön tückisch sein. Den Versuch eines Tyrannenmords zu feiern gilt es zumindest mal zu überdenken. Der erste, lange Zeit weithin bekannte Tyrannenmord geschah im Jahr 514 v. Chr.. Harmodios und Aristogeiton verübten ein Attentat auf die Tyrannen-Brüder Hippias und Hipparchos; Hipparchos kam dabei zu Tode. Der Anschlag gilt als Geburtsstunde der Demokratie in Athen. Harmodios und Aristogeiton waren keine Athener, sie gehörten eingewanderten Stämmen an. Die Brüder Hippias und Hipparchos konnten nur durch freundliche Unterstützung der mit Athen verfeindeten Spartaner gekillt werden.

In unserer Verfassung steht in Artikel 20 GG dass gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung (Gesetzgebung ist an die Verfassung gebunden A. d. A.) zu beseitigen, alle Deutschen das Recht zum Widerstand haben, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist. Dieser Absatz zeigt, dass Ausländer in Deutschland kein Widerstandsrecht haben. Der Absatz wurde ziemlich genau vor 51 Jahren dem Grundgesetz hinzugefügt. Carlo Schmid – der Autor unseres Grundgesetzes – lehnte diese „Aufforderung zum Landfriedensbruch“ noch ab. Es ist völlig strittig wann dieses Abwehrrecht rechtlich gültig wird. Man könnte meinen, dass sogar schon die Vorbereitung zum Umsturz bekämpft werden könnte. Also könnte man gegen die Superreichen denen das GG am Arsch vorbei geht, gegen die Aktionäre der Telekommunikationsgesellschaften, gegen die Aktionäre von Immobilien, gegen die Politiker die das Asylrecht bekämpfen und für Sozialabbau sorgen, gegen all die kleinen und die großen Fische antidemokratischer Gesinnung Widerstand leisten und zwar bewaffneten Widerstand.  Damit wird es schon sehr knifflig. Viele Rassisten heutiger Tage halten sich ernsthaft für Widerstandskämpfer und berufen sich auf ihr Widerstandsrecht. Aber schon Immanuel Kant misstraute dem Widerstandsrecht: es könne leicht zum Vorwand Einzelner werden, um sich gegen den Staat zu stellen. Und am 20. Juli wird das auch noch gefeiert. Natürlich können wir das beruhigt feiern, weil das Attentat missglückte und von Stauffenberg noch am gleichen Tag hingerichtet wurde. Feiern wir jetzt das missglückte Attentat? Ich verstehe es nicht. Ich verstehe einfach nicht, was es da zu feiern gibt. Aber ich verstehe so viel nicht, dass das auch nichts mehr ausmacht.

 

Streifschuss

vom 08. Juli 19

 

Anlass:

Games of Fiskus

 

 

 

Blind, stur und doof – Ende Gelände

 

Meine Misanthropie wächst stündlich. Die Spezies des Homo Sapiens ist der Beweis dafür, dass die Evolution wirklich blind ist. So was muss man doch sehen, bevor man es mutieren lässt!
Nun hat der Homo Sapiens viele Tausend Jahre keine Probleme gemacht. Es gab genug Säbelzahntiger und die Waffentechnologie dieser Spezies  steckte noch in den Kinderschuhen. Die Beherrschung des Feuers und die Erfindung des Rades veränderten dann alles. Der erste vom Homo Sapiens selbst erzeugte Funke sprang vor 32.000 Jahren aus Schwefelkies und Feuerstein auf einen Zunderschwamm. Und vor 6.000 Jahren kamen die Sumerer in Vorderasien auf den rollenden Gedanken. Und mit dem rollenden Gedanken wurde auch zum ersten Mal eine Steuer erhoben. Also: Fast 300.000 Jahre ging alles gut mit dem Trockennasenprimaten. Und dann das! Unsere Erde steht kurz vor der Auslöschung durch eine inzwischen zum Parasiten mutierten Spezies. Und die Anführer dieser Parasiten erheben eine Steuer! Möge der Fiskus den Regenwald schützen. Möge der Fiskus den Anstieg des Meeresspiegels zügeln. Möge der Fiskus verhindern, dass der Permafrost sich auflöst. Möge dem Fiskus gelingen, dass sich das Ozonloch wieder schließt. Hätte man  die Steuergelder, die für die PKW-Maut verschleudert wurden der Bahn gegeben, hätte man jetzt schon mehr für die Umwelt tun können. Seit Jahren subventioniert diese Regierung und die Regierung davor und auch die davor die Erdölindustrie. Und seit Jahren bremst die Politik die alternativen Energiekonzepte aus, wie die Photovoltaik. So wird uns die Umwelt noch viel teurer kommen, als jede CO2-Steuer einbringt. Unsere schöne kapitalistische Komfortzone löst sich langsam auf. Wir sind schon so gut wie tot. Aber wenigstens sterben wir mit dem guten Gewissen eine Steuer erhoben zu haben. Die CO2-Steuer mag ja ein hübscher Einfall sein und mir soll es auch Recht sein, wenn der Liter Benzin 100 Euro kostet. Aber – und aber ist das Lieblingswort der Politik – die produzierenden Unternehmen müssen geschützt werden. Daher muss der Automobilindustrie  auch die Steuer erlassen werden. Sonst – na? Das ist jetzt nicht schwer – kostet das Arbeitsplätze. Und der Homo Sapiens liebt Arbeitsplätze. Es ist dem Homo Sapiens völlig egal, dass seine Arbeitsplätze Teil des Problems sind und seine Produktivität inzwischen seine Produktivität ernsthaft gefährdet. Diese angeblich so kluge Spezies (dem Namen nach) ist dümmer als der Lemming. Und der Lemming ist eine Wühlmaus, die trotz sicheren Ablebens nicht auf ihre übliche Route verzichtet. Ein Mensch eben. Und so schlage ich im Sinne Carl Linnes vor, den Politiker als Homo Lemmus zu bezeichnen. Sie haben einen kurzen Schwanz und man erkennt sie an ihren Zähnen. Der Homo Lemmus liebt Steuern über den Tod hinaus.

 

 

Streifschuss vom 03. Juli 19

 

Anlass: Die Cargohose wurde im zweiten Weltkrieg für den militärischen Einsatz entwickelt und ist inzwischen zum Kleidungsstück der Unterklasse geworden.

 

 

Ein Plädoyer für das Verbot eingenähter Seitentaschen

 

Etwa 60 Jahre alt, Glatze und schwarzes T-Shirt, auf dem Rücken ein stilisiertes, silbernes Schwert mit Totenkopf abgebildet, dazu eine knielange, breit karierte Cargohose, braune Socken und Sandalen. Warum? Ich wüsste nicht einmal, wo man solche Kleidungsstücke käuflich erwerben kann. Die Pauperisierung führt zunehmend zur ästhetischen Katastrophe. Zusätzlich ist es heiß und schwül. Sicher. Nur noch wenige können sich einen leichten Leinenanzug leisten. Dabei wäre es so einfach. Die Dschallabija ist leicht, günstig und wirkt sogar elegant. Eine Derra’a trägt man gerne im Sudan und sie schützt vor der Hitze. Ein türkischer Kaftan aus Seide, indigoblau gefärbt passt immer. Da fallen die Sandalen nicht mehr unangenehm auf. Der überproportionierte von Aszites geschwollene Bauch als gesellschaftliches Sinnbild bajuwarischen Alkoholmissbrauchs verschwindet unter wallenden und Luft durchlässigen Gewändern. Aber was sieht man? Gammlige T-Shirts mit Schweißrand um die Achselhöhle und ausgeleiertem Stoff um die Bauchhöhle. Kurze Hosen aus denen kränkliche von Venen durchsetzte Beine hinauskriechen und in von Fußpilzen halb zersetzten Sandalen landen. So kleiden sich die Herren der Schöpfung im christlichen Abendland. Es ist wohltuend, dass junge Einwanderer noch etwas ästhetischen Verstand, Stolz und Würde in dieses sich von jedweder Kultur zunehmend abwendende Land bringen. Das karierte  C&A Sakko von Alexander Gauland! Was für eine Kleiderwahl ist das denn? Und dann diese nazistische Armee mit Kapuzenshirt und Adleremblem, diese stiernackigen Cargohosenträger! Alles kaum mehr zu überbieten an demonstrativer Hässlichkeit. Zieht ihnen endlich die Cargohosen aus und die Kaftans über. Steckt ihnen eine Haschischpfeife in den Mund und die Deutschlandfahne in die Anusampulle. Himmel! Wer sich mit Anstand kleidet und entspannt ist, muss niemanden mehr hassen.

 

Streifschuss vom 26. Juni 19

 

Anlass: Traum von einem Tiger

 

Wer ist der König der Tiere?

 

Unsere Welt ist derart komplex geworden, dass es nur noch den wenigsten gelingt, wirklich wirksam zu sein. Der Verlust der Kohärenz ist für die Seele verheerend. Die meisten erreichen schon lange nicht mehr ihr angestrebtes Ziel und haben deutlich nach unten korrigiert. Und selbst für dieses lächerliche Ziel steht inzwischen der Aufwand in keinem Verhältnis mehr zum Ergebnis. Besonders auffällig ist das in der Politik. Das Ziel, die Weltklimaerwärmung zu reduzieren wird regelmäßig verfehlt. Die Konferenzen, die geführt werden betreiben einen derart Klima schädlichen Aufwand (die Politiker kommen ja alle mit dem Flugzeug oder Diesel), dass das Ergebnis dieser tagelangen Diskussionen und die quotenorientierte Berichterstattung in keinem gesunden Verhältnis dazu steht. Mangel an Effektivität und an Effizienz. Sollte man aber nun einfach sagen: Wir lassen es bleiben? Sicher nicht. Wir sollten alle eher lernen, unsere Erwartungshaltung zu ändern. Wer von den Politikern immer noch zu viel erwartet, der wird enttäuscht, frustriert und am Ende vielleicht sogar wütend. Schließlich transformiert sich diese Wut mangels konkreten Abnehmers in Hass. Demokratie ist sehr ineffektiv und sehr ineffizient. Bei einer Diktatur wäre es kein Problem. Der Diktator verbietet einfach allen Menschen das Auto fahren und lässt die Autofabriken schließen, bzw. etwas anderes produzieren. Um das durchzusetzen übt der Diktator Zwang aus. Das geht. Das hatten wir schon oft. Dann geht es auch voran. So aber treffen sich in der Demokratie eine Gruppe schon sehr, sehr müder Menschen, Schlafringe unter den Augen, fahle Koffein- und Nikotingefärbte Gesichtshaut. Sie diskutieren schon die fünfte Nacht, um zu einer Einigung zu kommen. Mühsam, schleppend und endlich am Morgen der fünften Nacht schütteln sich alle erschöpft die Hände. Der nach einigem hin und her gewählte Vertreter der Sache tritt vor die Presse und verkündet stolz das Verhandlungsergebnis. Und der Journalist? Entsetzen im Blick, ob des lächerlichen Ergebnisses der langen Verhandlungen. Mutlos und erschöpft klagt der Politiker: „Ja was haben Sie denn erwartet?“ Aber Presse und Volk schreien entsetzt und wütend: „Auf jeden Fall nicht das!“
Sollen wir eine Mauer bauen? Sollen wir sie alle rein lassen? Wen sollen wir rein lassen? Wer muss draußen bleiben? Wie soll man überhaupt darüber entscheiden? Können wir verteilen? Wer nimmt wen? Wie viele? Und warum überhaupt? „Ich nicht“, ruft der erste. „Aber der Humanismus“, ruft der andere. Während also diskutiert wird, ersaufen die ersten im Mittelmeer. Sie haben nicht die nötige Zeit und Geduld für Demokratie. Dieses Drama einer formalen Regelung wurde ja dadurch schlimmer, dass nebenbei die ökonomischen Agenten ganz undemokratisch effizient und effektiv ihre Sache voran getrieben haben. Zuletzt schön zu sehen beim Dieselskandal. Jenseits aller Demokratie. Aber es braucht gar keinen Skandal. Die Herren auf Silicon Valley, die Gates, Musks,  Bezos, Zuckerbergs dieser Welt sind keine Demokraten. Sie machen einfach. Die Politik verliert an Boden mit jeder technischen Innovation. Das ist schon lange sichtbar, schon seit der ersten industriellen Revolution. Ab da war der einzelne Mensch nicht mehr demokratisch leitbar. So kann man die Geburtsstunde der Demokratie gut verbinden mit der Geburt der technischen Innovation. Jedes Gerät macht mich selbstständiger und damit weniger regierbar. So brauchen wir irgendwann die Demokratie. Aber die vielen Geräte machen mich so effizient und effektiv, dass die Demokratie nicht mehr mit kommt. Andererseits wird mir das Leben schwer, weil ich so viel tun muss, um es zu erleichtern.

„Lohnt sich dieser irre Aufwand wirklich“ titelte die BILD über die Cop23 (Weltklimakonferenz 2018 in Bonn). 25.000 Teilnehmer 120 Millionen Euro Kosten. Abgesehen von der Klimabilanz der einzelnen Teilnehmer, die teilweise einzeln mit Privatjet anreisten, betreibt die moderne Massendemokratie einen Aufwand, dessen Ertrag einfach niemanden mehr überzeugen kann. Dass eine solche Regierungsform von einer Krise zur nächsten taumelt, ist nicht wirklich eine Überraschung. Eine Beschleunigung von Entscheidungsprozessen birgt aber erhebliche Gefahren. Die Risikobereitschaft sinkt mit zunehmender Gefahr. Da die Welt immer komplexer wird, entstehen nicht mehr zu überblickende Synergieeffekte. Der zunehmende Verlust an Kontrolle macht uns handlungsunfähig. Immer mehr Menschen haben den Eindruck, sie treiben in einem Meer an Ereignissen dahin, während die Politiker immer nur reden und nichts tun. Das stimmt natürlich so nicht. Aber die Massendemokratie hat inzwischen ein Transfer-Problem. Ihre Handlungen überzeugen nicht mehr, weil sie in keinem Verhältnis zur drohenden Gefahr stehen. Sie stehen einem riesigen Tiger gegenüber und der Politiker gibt Ihnen einen Löffel in die Hand und sagt: „Verteidige dich“.  Bei zunehmender Ratlosigkeit und Hilflosigkeit tendiert der Einzelne dazu, die Gefahren auszublenden. Er kann aber weder alle Gefahren überblicken, noch alle Gefahren ausblenden. Dadurch kommt es zur Verwirrung, denn die politischen Angebote werden nicht mehr verstanden. Sie passen nicht auf meine Gefahren-Auswahl. Wovon redet dieser Politiker? Das fragen sich immer mehr Menschen, und spüren, dass die Politik ihren Kontakt zu den regierten Menschen verliert. Viele NGOs und viele kleine Parteien entstehen. Nehmt eure Sache selbst in die Hand, rufen sie alle. Die Verwirrung wächst dadurch nur. Noch mehr Gerede macht es nicht überschaubarer. Jetzt rufen die Massen nach dem Heilsbringer. Einen Führer! Der Herdentrieb schlägt durch. Aber der Heilsbringer hat nur Heil für seine Klienten. Er kann nicht alle vor dem Tiger retten.

 

Streifschuss vom 17. Juni 19

 

Anlass: Der natürliche Feind im Habitat klassischer Linker wird 90 Jahre alt.

 

Von der Allergie über die Hysterie zur Idiosynkrasie

 

Ich kann mich noch an eine scharfe Diskussion erinnern im Gewerkschaftshaus, wo eine wilde Truppe Antideutscher mit Attac-Vertretern über die Theorien von Habermas gestritten haben. Wie Sie an den Diskussionsteilnehmern sehen können: Das ist verdammt lange her.
Die Antideutschen warfen Habermas Relativismus vor und die Attac-Vertreter versuchten das zu relativieren. Das Grunddilemma des gewaltfreien Diskurses von Habermas ist wohl sein Utopismus. Wie lässt sich die real existierende Gewalt durch Repression beseitigen? So ist der Großteil der Mitglieder des deutschen Staats vom repressiven Diskurs der Politik faktisch ausgeschlossen. Freiheit und Gleichheit kann ohne faktische Bestimmung der Gewalt nie gelingen und es braucht eine Macht, die den vom Gespräch Ausgeschlossenen zur Inklusion verhilft. Damit aber ist der gewaltfreie Diskurs eo ipso beendet. Finden Sie mal raus aus diesem Dilemma.

Besonders spannend ist Habermas‘ Sprechakttheorie in seinem Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns“, dabei ist er stets prozessorientiert. Aber das ist auch ein Problem. Ich habe es allzu oft selbst erlebt, wenn meine psychologische Überlegenheit Argumente evident macht und ich habe auf der anderen Seite erlebt, wie meine psychologische Unterlegenheit sich anfühlt, wenn mir die Argumente ausgehen. Am Ende wäre es eine Tugend-Debatte: Lass doch auch mal die Idioten was sagen. Aber mal ehrlich: Sich bewusst zurückhalten und trotz argumentativem Flows den psychologisch Unterlegenen reden zu lassen? Ich bin extrem schnell im Denken, das ist ein psychologischer Vorteil. Dem bin ich mir oft nicht bewusst, bzw. ist mir der Vorteil nicht ständig gegenwärtig. Aber in bestimmten Machtkonstellationen verliere ich meinen psychologischen Vorteil und es kommt bei mir zu einer Denkhemmung. Im realen Leben erlebe ich das als Repression durch rechtliches und symbolisches Kapital. Durch meinen hohen intuitiven Druck erlebe ich mich selbst oft nahe an der Idiosynkrasie. Nur überwindbar durch die Schöpfung von Kunst.
Wie libidinös das manchmal bei mir ist erkennen Sie daran, dass ich mir mit der Anerkennung von Wertstandards immer schwer tue. Sie sind für mich schon in ihrer bloßen Existenz ein repressiver Affront. Daher ist Habermas in meinen Augen manchmal der Inbegriff von bürgerlicher Aufrechterhaltung normativer Strukturen, die nur durch Rechtsbrüche gebildet wurden. Gerade weil ich erlebe, dass Macht auch den Wert bestimmt und dadurch eine Hierarchie zustande kommt die andere unterdrückt und exkludiert, ist Habermas ein widersprüchlicher Denker. Habermas lehnt den universalistischen Anspruch auf Rationalität ab. Er sieht das als einen Lernprozess. Also habe ich – nach Habermas – kommunikative Handlungsnormen gelernt und mir rechtliches und symbolisches Kapital angeeignet. Nun unterdrücke und exkludiere ich andere. Ich komme aus der Schleife nicht raus. Habermas greift auf mystische und religiöse Motive zurück (er ist ja ein guter Protestant). So ein Überbau ist doch kulturfaschistisch! So jedenfalls der gelernte Marxist. Womit der gelernte Marxist die universalistische Hintertür in Habermas‘ Theorie dekonstruiert. Der gelernte Marxist denkt in Klassen,  Milieus, Schichten. Und sieht darin Machtkonstellationen. Dezentralisierung und Bezugsräume als „dynamische Interpretationsräume“ (so nennen es die Ethnologen) verbergen nur die Machtinteressen, die sich dann knallhart in den materiellen Beziehungen ausdrücken, also im Zusammenhang von Naturstoffwechsel und Produktion. Die rechtlichen und symbolischen Strukturen wären dann lediglich Manifestationen der Produktionsverhältnisse. Habermas meint dagegen, dass die kulturellen Räume der wechselseitigen Beeinflussung (der Lernprozess) ein weit größeres Gewicht haben. Ich hatte diese Fragestellung heute ganz praktisch im Unterricht. Es ging um Biografie-Arbeit bei alten Menschen. Es heißt, die wichtigsten Fragen in der Biografie-Arbeit sind Fragen über das was man mag und was nicht, Fragen zur Religion und zur eigenen Herkunft. Diese Fragen bilden einen Überbau zu den speziellen Themen. Bei einer Essens-Biografie frage ich also nach Weltanschauung und Herkunft, bei einer Biografie zur Morgentoilette ebenso. Erst dann verfeinere ich die Fragen. Eine Teilnehmerin sagte (sie kommt aus Peru und ist beeindruckend klug), dass die Frage nach dem Essen doch wichtiger sei, als die Religion. Damit zeigt sie sich als Materialistin im marxistischen Sinn. Wir diskutierten schließlich darüber, ob das, was man essen mag oder nicht durch die kulturellen Prägungen und Vorlieben bestimmt werde und diese Fragen daher größere Bedeutung hätten oder eben nicht. Schließlich ist einer ein Vegetarier oder ein Moslem und dieses rechtliche und symbolische Kapital nimmt auf das, was er mag oder nicht größeren Einfluss, als sein Bauch. Die Frau aus Peru konterte damit, dass man das dann nachher immer noch fragen kann. Aber zunächst müsse man doch das bestimmen, was einer gerne isst. Erst kommt das Fressen, dann die Moral? Oder prägt die Moral unseren Bauch. Das kann nur offensichtlich werden, wenn man richtig Hunger hat. Und es ist echt die große Frage, wer bereit ist Menschenfleisch zu essen, um zu überleben. An Habermas beiß ich mir immer noch die Zähne aus.

Alles Gute zum Geburtstag du alter Kommunistenschreck…

 

Streifschuss vom 03. Juni 19

 

Anlass: Adorno, Adorno und Adorno!!

 

 

Lohnt die Mühe nicht

 

Der Politikwissenschaftler Ekkehard Felder hält den Jargon der Politiker für so genannte Sprachmuster, die für die Bewältigung von Aufgabenroutinen immer wieder benutzt werden (z.B. Wir Politiker müssen die Sorgen der Menschen ernst nehmen). Er verweist auch darauf, dass unsere Sprache nur über begrenzte Varietäten verfügt und die Politiker mit diesem Jargon auch ihr inhaltliches Programm darstellen und es wäre verunsichernd wenn das laufend geändert würde. Schwachsinn. Das Problem ist nicht der mangelnde Sprachwitz von Politikern (wenn sie diesen versuchen, scheitern sie nämlich erst recht – siehe Nahles „Bätschi“). Politiker-Sprech ist ein Sprachstil, der sich an keinem widerstrebenden Material mehr zu erproben hat (Adorno) und damit ist es die Negation von Stil. In einem guten Satz liegt ein Versprechen. Im Jargon ist es nur noch ein Selbstbezug. Wir Politiker müssen die Sorgen der Menschen nicht mehr ernst nehmen. Die bloße Negation entblößt die mangelnde Kraft des Ausdrucks. Es sind nicht nur die Taten die fehlen. In der Konformität hängt diesen Sätzen ein Preisschild an. Aber es gibt weder ein Angebot noch eine Nachfrage für solche Sätze. In diesen Sätzen wird die Kontrolle der Herrschenden sichtbar. Es steht uns frei, diesen Sätzen zu glauben oder nicht zu glauben. Aber wenn wir ihnen nicht glauben, sind wir Fremdlinge, Eigenbrötler, Exkommunizierte. Die sich in dem Satz sorgenden Politiker wirken durch den Satz sehr anheimelnd. Es tut doch gut, dass sich da eine Gruppe etablierter Spezialisten um „die Menschen“ sorgt. Der Sorge-Begriff ist ein Wort aus Heideggers Sprache und wird hier an prominenter Stelle bewusst gewählt. Das ist kein Mangel an Sprachwitz oder Mangel an Varietät, sondern Herrschaftssprache. Sich zu sorgen klingt so edel und dabei haben wir die Herrschaften gewählt und bezahlen sie auch, damit sie ihren Job machen. Das Politiker-Sprech ist nur noch Verpackung und lässt kaum noch Inhalt erkennen. Hier geht es, wie Adorno sagt, um Menschenführung denen die Menschen nur Vorwand sind für die Führung. Pflegenotstand, Sicherung der Altersvorsorge, die Politik muss die Zuwanderung lösen und so weiter. Markenzeichen einer Verkaufspolitik die Inhalte verlost, die jeden Kunden enttäuschen müssen, da sie davon längst überfüttert sind.  Besonders opportune Leute könnten mich fragen, was denn nun – bei aller Kritik – zu tun sei. Nein. Solche Fragen werden gar nicht gestellt. Denn bei dem Politiker-Sprech sind die vermeintlichen Fragen bereits konform intendiert. So haben wir keinen Pflegenotstand, sondern eine kapitalistische Verwertungsindustrie in der Reproduktion gar keine Rolle spielt. Die Altersvorsorge ist – wie alle Sorge-Begriffe – die Sache der Kapitalisten nicht. Und Zuwanderung wird bereits geregelt nach dem Prinzip der Verwertung von Humankapital. Auf den Jargon der Politiker gibt es keine Antwort. Dabei ist besonders deprimierend, dass die neue Rechte (in der Sammelbezeichnung Querfront) dies längst begriffen hat und  den Zug Richtung autoritativen Staat und Etatismus steuert. Jedes Demokratie-Bekenntnis konformer Politik-Agenten ist längst Makulatur. Die alte Groko ist nur noch ein Geko und wird erst mal sommerlich grün – da warten wir nur noch auf den braunen Herbst.

 

 

Streifschuss vom 01. Juni 19

 

Anlass: Was man so alles bedenken sollte, wenn man denkt, damit man sich nicht alles nur ausgedacht hat was man dachte.

 

Urteile nicht!
schwere Kost

 

Bei Kant – der Ursache vieler Kopfgeschwüre – ist ein analytisches Urteil a priori zum Beispiel der Satz: Der Schimmel ist weiß. Da die Qualität „weiß“ eben schon im Wort „Schimmel“ enthalten ist. Dem Schimmel wird so nichts hinzugefügt und es ist pure Anschauung – also a priori -  da ich – so meine Augen funktionieren – dieses weiß unmittelbar sehe. Ein synthetisches Urteil ist dagegen was anderes. Der Schimmel ist drei Jahre alt. Dies setzt eine Bekanntschaft mit einem bestimmten Schimmel voraus und damit ist es nicht mehr a priori, sondern a posteriori, also im Nachhinein (nach der besonderen Bekanntschaft mit dem Schimmel) als zusätzliches Prädikat erkannt worden. Kant ist der Meinung, dass nur solche Urteile den Namen Wissenschaft verdienen. Was ist nun ein synthetisches Urteil a priori? Also eine unmittelbare Erkenntnis von einem zusätzlichen Prädikat? Die Rechenoperation 5+7= 12. Sowohl die 5, als auch die 7 sind analytisch in der Anschauung der Zeit. Also ich sehe unmittelbar 5 Äpfel in der Schale liegen. Das ist bei klarem Verstand nicht zu bezweifeln und aus der unmittelbaren Anschauung gewonnen. Ebenso bei 7 Äpfeln. Aber wenn ich nun 5 Äpfel aus der Schale nehme und sie in die Schale mit den 7 Äpfeln lege, werden daraus 12 Äpfel. Diese 12 Äpfel sehe ich nun und damit ist das ein analytisches Urteil. Aber da ich zuvor eine Operation durchführte und die 5 zur 7 hinzuaddierte, wird die 12 eben synthetisch und das aufgrund meiner Anschauung. Damit habe ich Wissen geschafft. Das ist das Experiment mit dessen Hilfe ich reine Anschauung hervorgerufen habe, durch Synthese. Zucker ist süß. Kaffee ist bitter. Das sind analytische Erkenntnisse a priori. Wenn ich nun den Zucker mit dem Kaffee verrühre, wird der Kaffee süß und das ist eine analytische Erkenntnis a priori. Aber da ich Zucker und Kaffee durch eine Operation zusammenfügte, ist es ein synthetisches Urteil a priori. Die gewonnene Erkenntnis ist nun qua Vernunft die, dass der Zucker den Kaffee süß macht. Kant stellt die Bedingung auf, dass die Metaphysik nur dann zu sicheren neuen Erkenntnissen gelangen könne, wenn sich auch hier synthetische Urteile a priori fänden. Erst dann habe sie den Status einer Wissenschaft. Wenn ich also eine Gotteserscheinung habe, dann liegt entweder ein analytisches Urteil a priori vor oder ich habe eine Augenkrankheit. Mit welchem Experiment könnte man eine Gotteserscheinung hervorrufen? Ganz einfach. LSD verändert die Sinneswahrnehmung. Gott kann man aber nur mit veränderten Sinnen sehen. Nimmt man LSD sieht man Gott. Das Problem ist nicht die Synthese. Das Problem ist die Analyse. Kants transzendentale Dialektik zeigt auf, dass die Gotteserscheinung selbst nur Schein ist und kein Sein. Und zwar aus der Logik heraus. Jemand mag eine Erscheinung haben und spricht dieser dann den Begriff Gott zu. Kant beweist, dass hier bereits die Existenz Gottes vorausgesetzt wird. Schließlich könnte diese Erscheinung unter Einfluss von LSD alles Mögliche sein. Wer sagt denn, dass es Gott ist. Wer kann das sagen? Kaffee existiert physikalisch und Zucker auch. Die neue Qualität des Kaffees durch Hinzufügen von Zucker ist a priori physikalisch. Die neue Qualität meiner Sinneswahrnehmung durch LSD ist ebenfalls physikalisch. Aber nicht die Interpretation der Qualität.  Gesüßter Kaffee schmeckt mir nicht. Dies ist kein analytisches Urteil, sondern ein ästhetisches Urteil. Ästhetische Urteile beurteilen den Wert und nicht die Qualität und sind damit ein Vorurteil das ich im Bezug meines Selbst auf ein Ganzes stelle. Die Qualität wird durch den relationalen Bezug auf mich zu einem Wert. Denn anderen schmeckt gesüßter Kaffee. Wer also apodiktisch behaupten wolle gesüßter Kaffee schmeckt nicht, der verwechselt Anschauung mit Meinung. Im Falle eines Gottesurteils liegt noch nicht einmal ein ästhetisches Urteil geschweige denn ein analytisches Urteil vor. Gott kann man weder anschauen, noch eine Meinung davon haben. Denn reine Begriffe sind nicht empirisch. Gott ist ein reiner Verstandesbegriff, der nicht mehr abgeleitet werden kann von einem übergeordneten Begriff. Wenn Gott erscheint, kann es dafür keine physikalische Grundlage geben. Das gilt aber auch für den Begriff Natur. Denn auch dies ist ein reiner Begriff der nicht mehr aus einem übergeordneten Begriff abgeleitet werden kann.  Wenn ich also etwas als natürlich bezeichne, liegt keine Erkenntnis vor, denn Natur ist weder anschaulich noch analytisch. Wenn wir also die Natur retten wollen, dann wollen wir etwas retten von deren physikalischen Existenz keinerlei Erkenntnis vorliegt. Was wir retten wollen ist der Planet Erde, seine Wälder, Meere und Tiere, das Klima der Erde. Klimaleugner negieren nicht die Existenz von Klima auf dem Planeten, sondern die Existenz von Natur und ziehen aus dieser eigentlich korrekten Annahme den logisch falschen Schluss, dass Kohlendioxid keinen Einfluss haben könne auf die Natur. Das Problem liegt im Mittelbegriff. Es ist der gleiche Fehlschluss wie bei einem Gottesbeweis. Aus der korrekten Annahme, dass LSD die Sinneswahrnehmung verändert, wird der falsche Schluss gezogen, es handele sich bei der LSD-Erscheinung um Gott. Es sind ästhetische Urteile, die der Erscheinung einen Wert beimessen in Relation zu meinem Selbst als Ganzes. Für den einen handelt es sich bei der LSD-Erscheinung um Gott, bei dem anderen nicht. Es ist ein rein ästhetisches Werturteil und keine wissenschaftliche Erkenntnis. Dass viele Menschen Qualität und Wert verwechseln ist das eine, dass sie aber reinen Verstandesbegriffen sowohl Qualität als auch Wert zufügen, ist nichts weiter als Idiotie.
Womit bewiesen wäre, dass die meisten Politiker Idioten sind. Und jetzt beweisen Sie bitte, ob das ein analytisches oder ein ästhetisches Urteil ist. Vielen Dank für Ihre Mitarbeit.

 

Streifschuss vom
28. Mai 19

 

Anlass:
E Unibus Pluram

 

Scham und Aufmerksamkeit

PS: Der Text wurde ursprünglich 2007 nach dem Amoklauf in Virginia Tech konzipiert, der 32 Tote forderte.

 

Wir leben längst nicht mehr in einer Schuldgesellschaft. Schulden sind inzwischen ein Normalzustand geworden.  Allein die Staatsverschuldung übersteigt um ein Vielfaches das Staatsvermögen. Vielmehr leben wir in einer so genannten Schamgesellschaft, wo die Moral wesentlich durch Scham aufrecht erhalten wird.  Wir schämen uns für unseren Körper, unsere Leistung, unser Verhalten. Aber im Gegensatz zu den asiatischen Schamgesellschaften wird in den westlichen Industrienationen die Scham negiert und die emotionale Abfuhr verhindert. Das Gefühl von Scham führt zur Verunsicherung über das aktuelle Identitätskonzept und bringt die Notwendigkeit mit sich, die Vorstellung von sich, den anderen und der Realität zu aktualisieren. Dieser Vorgang der Scham vollzieht sich im Allgemeinen durch den Rückzug der Person ins Private.

Nun hat aber der Verlust des Privaten in unserer Gesellschaft das Gefühl von Scham zu einem anachronistischen, nicht mehr hilfreichen Gefühl gemacht. In einer Welt der medialen Selbstdarstellung, in einer Welt der Überwachungskameras und dem Buhlen um Aufmerksamkeit, führt letztlich "Nicht gesehen werden" zu einer Verunsicherung des Identitätskonzepts. Es findet also das genaue Gegenteil dessen statt, worauf sich moralisch unsere Gesellschaft die letzten Jahrhunderte geeinigt hat. Ein Paradigmenwechsel mit dramatischen Folgen. Der Amoklauf von Virginia im Jahr 2007 forderte immerhin 32 Tote (und es gibt weitere Amokläufe, die in ihrer Brutalität und Absurdität zunehmen, von Colombine im Jahr 1999 bis Parkland im Jahr 2018). Amokläufe sind eine Folgeerscheinung dieser neuen soziologischen Realität. Der Amokläufer im Virginia war zurückgedrängt, schämte sich seiner Minderwertigkeit, schämte sich seines Mangels an Erfolg (ein Gefühl aus der exzentrischen Positionierung heraus entstanden), aber die Möglichkeit, sein Identitätskonzept in Ruhe im privaten Rückzug neu zu bewerten, blieb ihm verwehrt. So war der Amoklauf eine Art Notwehr. Schamgefühle, die nicht zu einer moralischen Neubewertung seiner selbst führten, sondern weiter in der Seele brannten, und das auch noch von allen sichtbar. Denn niemand würde zugeben wollen, dass er nicht wahrgenommen wird. Aber so befand sich der Amokläufer in einer paradoxen Lage. Der Wunsch wahrgenommen zu werden und die Angst davor, dass seine Minderwertigkeit damit sichtbar wird, kollidierten. Die Mixtur für eine menschliche Bombe! Das Drama ist kein Einzelfall. Zum Einzelfall machen es nur der Waffengebrauch und die gewaltsame Lösung des Konflikts. Der Konflikt selbst ist gesellschaftlich ubiquitär. Es ist daher wahrscheinlich, dass Amokläufe tendenziell weiter zunehmen werden, ähnlich wie auch terroristische Akte, die im Grunde nicht viel anders zu bewerten sind. Das hat das Ereignis 09/11gelehrt. Ein mediales Ereignis! Sich minderwertig fühlende Menschen  bekommen die Gelegenheit, sich großartig darzustellen. Zufällig stoßen sie auch noch auf eine Machtkonstellation in Amerika, die es ihnen leichter macht, weil diese bestimmten Mächte einen Nutzen daraus ziehen können.

09/11 war also der Versuch, einen Konflikt zu lösen, der gerade auf dieses Paradox von Scham und Aufmerksamkeit zurückzuführen ist. Ein Konflikt, der nur mit dem Tod des sich schämenden Protagonisten enden kann. Die Wut ist größer als das die Wut zu fassen wollendes Subjekt. Die Wut wurde so groß, weil das sich schämende Subjekt keine Rückzugsfläche mehr hatte. Wer sich seine Wunde nicht in aller Ruhe lecken kann, der wird zum wütenden Tier, gleich einem angeschossenen Raubtier. Wenn ein Konflikt nicht mehr lösbar ist, regiert der Hirnstamm, werden archaische Handlungsmuster freigesetzt. Der Tötungsakt eines Amokläufers und eines Selbstmord-Attentäters entspricht dem Tötungsakt eines um sein Überleben kämpfenden Raubtieres. Unser Konsum-Verhalten ist im Grunde nichts anderes, es ist sublimiertes Töten. Konsum ist das Verhalten, welches das soziologische Paradox von Scham und Aufmerksamkeit zu kompensieren versucht. Kaufen ist ein Akt der Aufmerksamkeit. Der Mensch positioniert sich exzentrisch. Er gerät dadurch in eine Situation, wo er sich schämt. Fehlt ihm die Möglichkeit des Rückzugs, wird das Gefühl der Scham absolut unerträglich! Jeder kann es sehen. Jeder sieht, wie man aussieht, wie man ist. Aus dem Gefühl des Umringtseins, des sich ausgesetzt Fühlens, handelt der Mensch in Notwehr.

Überwachungskameras, Mobiltelefone, Internet: Wir sind stets sichtbar, stets erreichbar. Unsere Schwächen sind erfasst, unsere Krankheiten in großen Datenbanken der Krankenkassen jederzeit von anderen abrufbar, unsere Pässe jederzeit kontrollierbar, unsere Identität jederzeit greifbar. Wer sich schämt erlebt eine unerträgliche Tragödie, die nicht mehr zur moralischen Integrität führt, nicht mehr zur Bescheidenheit Anlass gibt, sondern zur Zerstörung der Identität. Scham ist unzulässig, ist unlebbar geworden. Und das in einer Gesellschaft, wo die Scham den moralischen Maßstab ausmacht! Wir stochern in unseren Wunden herum. Mediale Ereignisse, wie "Big brother" oder "DSDS", aber auch die Schaulust am Privaten denen Stars ausgesetzt sind, oder Unfallopfer sind Beweise für dieses Stochern in unseren Wunden. Der Tod von Prinzessin Di aufgrund einer Jagd der Schaulust bedienenden Journalisten wurde nicht umsonst zu einem modernen Mythos unserer Gesellschaft. Der öffentliche Tod entspricht dem Gipfel einer Aufmerksamkeitsgesellschaft. Unser Tod findet hier kontrafaktisch nicht in stiller Zurückgezogenheit statt, ist kein privates Ereignis, sondern ein gesellschaftliches Präsenzereignis. Das Private war eine Erfindung der Bürgerlichkeit. Diese politische Klasse hat die Moralvorstellungen der letzten 200 Jahre geprägt und beherrscht, denn es war die herrschende Klasse. Sie ist verschwunden. Kommunismus und Faschismus haben die bürgerliche Klasse ausgemerzt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts formierte sich eine instabile Klasse, die man als "mediale Klasse" bezeichnen könnte. Sie ist das Ergebnis eines Traums: Der allgemeinen Gleichheit vor dem Fernsehapparat. Die DSDS Casting-Show ist ein Beleg für die mediale Pseudo-Demokratisierung. Jeder darf sich an Peinlichkeit überbieten. Nein, soll sich sogar an Peinlichkeit überbieten. Da Scham negiert wird, muss die Prostitution öffentlich zelebriert werden. Hier werden keine Helden präsentiert, sondern die Schwächen von Menschen bloß gelegt. Das Publikum ergötzt sich an den Peinlichkeiten und beruhigt sich dadurch selbst. Die Teilhabe des Publikums durch die gemeinsame Abstimmung ermöglicht wiederum, dass die Gemeinschaft sich insgesamt als Sieger fühlt. Die Verlierer auf dieser Strecke sind mediale Ausschussware - Müll. Müll, wie ihn die Konsumgesellschaft in täglicher Ignoranz in Massen produziert. Dieser Müll bildet aber längst eine Gegenkultur, die sich populär im Trash symbolisiert. Amokläufer und Selbstmordattentäter sind Helden des Trash. Sie sind das Ergebnis und die Antwort auf eine Vanitas die sich längst ihrer Hässlichkeit bewusst ist. Selbstzerstörung ist ein klares Indiz für die moralische Abulie einer hochgradig verschuldeten und sich schämenden Gesellschaft, die alles daran setzt sich trotzdem gut zu fühlen.

 

Streifschuss

vom 25. Mai 19

 

Anlass: Ordnung ist des Himmels oberstes Gesetz (Alexander Pope)

 

Kapitalismus ist eine Massenpsychose

 

Der Psychologe Alex Bavelas (*1920) montierte einmal eine Metallbox in den Boden eines Pferdestalls. Wenn das Pferd mit dem Huf darauf stieg, bekam es einen Elektroschock. Wenige Sekunden davor läutete Bavelas ein Glöckchen. Bald erkannte das Pferd einen Zusammenhang mit der Glocke und dem Schmerz. Es hob die Hufe und vermied so den Schmerz. Bavelas montierte die Metallbox wieder ab. Aber das Pferd glaubte weiterhin, es könne durch Heben des Hufes den Schmerz vermeiden. Geben Sie Ihrem Hund jedes Mal, wenn er zum Fressnapf will, einen Stromschlag. Nur dann nicht, wenn Sie zuvor ein Glöckchen klingeln ließen. Der Hund wird schnell begreifen, dass nur dann Essenszeit ist, wenn die Glocke läutet. Anschließend werfen Sie die Glocke weg. Der Hund wird verhungern. Die ursprüngliche Lösung des Problems wurde für den Hund zum Teil des Problems. Ganz genau so ist es bei Menschen mit der Arbeit. Bestrafen Sie einen Menschen immer dann, wenn er ein Produkt herstellt. Nur dann nicht, wenn er für Ihr Unternehmen seine Arbeitskraft vergeudet. Die Lösung des Problems ist längst Teil des Problems geworden. Die gesamte Ökonomie des Menschen auf diesem Planeten ist nichtkontingent mit der Wirklichkeit. Jeder Angestellte lebt in einem neurotischen Verhältnis zu seinem Arbeitgeber. Der Angestellte glaubt, er würde für seine Leistung bezahlt. Nein. Er wird nur dafür bezahlt, dass er seine Leistung für dieses eine Unternehmen erbringt. Und so kann die Bezahlung ganz unabhängig von der erbrachten Leistung sein, denn die Wirklichkeit des Angestellten korrespondiert nicht mit der Wirklichkeit seiner erbrachten Leistung. Diese Arbeitskonditionierung ist global. Nur wenige von der Außenwelt noch nicht entdeckte Menschengruppen haben noch nichts von einer Glocke gehört. Sie fressen noch, wenn ihnen danach ist. Der Mensch im Anthropozän dagegen würde verhungern, wenn jemand die Glocke entsorgt. Daher sind Arbeitslose (schon das Wort ist eine Frechheit) so hilflos, denn sie arbeiten ja nicht für sich, sondern nur für andere. Sie haben längst verlernt, für sich zu arbeiten.
Nun gehen die Menschen wählen, weil sie glauben, dass die von ihnen gewählten Menschen für sie Politik machen würden. Vox Populi, Vox Rindvieh. Die gewählten Politiker arbeiten nicht für die Wähler, sondern für die, die die Glocke haben.  Der Glaube an die Demokratie ist tief verankert in den bürgerlichen Aberglauben, dass eine Leistung die man für andere erbringt zu einem gerechten Lohn führt. Seit dreihundert Jahren widerlegt die Geschichte diesen Aberglauben. Das nutzt nichts. Vielmehr gibt es kaum noch zählbare und höchst komplizierte Untersuchungen darüber, wie diese Ökonomie funktioniert. Der Kapitalismus ist ein Aberglaube. Der Behaviorist John C. Wright setzte zwei Menschen an eine Aufgabe. A und B waren mit Trennscheiben voneinander getrennt, konnten sich nicht sehen. Sie bekamen die einfache Aufgabe, krankes und gesundes Gewebe voneinander zu unterscheiden. Durch Versuch und Irrtum lernten sie schnell. Aber Versuchsperon A bekam die korrekte Rückmeldung. Die Versuchsperson B bekam die gleiche Rückmeldung wie A unabhängig von seiner Entscheidung. Anschließend setzte man die beiden zusammen. B erklärte sehr kompliziert und faszinierend, wie er zu seinen Entscheidungen kam. A (der immer die korrekte Rückmeldung bekam) war so fasziniert von den Erklärungen der Versuchsperson B dass er bei einem weiteren Test dieses Erklärungsmuster ebenfalls anzuwenden versuchte. B schnitt diesmal besser ab als A und A fand das auch völlig in Ordnung. Das ist das Geheimrezept des Unternehmensberaters. Er rät dem Unternehmer zu einer mysteriösen und höchst komplizierten Vorgehensweise. Wenn der Unternehmer nun scheitert, dann hat er den Berater einfach nicht verstanden. So verstehen wir die Ökonomie nicht, wir dummen, einfachen Arbeiter. Vox Populi, Vox Rindvieh. Bald also sitzen im europäischen Parlament wieder über 700 Politiker die alle an eine Vorgehensweise glauben, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Herr Weber von der CDU glaubt zum Beispiel, dass alle Probleme gelöst wären, wenn man nur Arbeit schafft. Als hätte ich nicht schon genug zu tun. Klar. Für vieles was ich tue, bekomme ich kein Geld. Aber der Zusammenhang zwischen Arbeit und Geld existiert nicht. Ein Unternehmen das mich nach willkürlichen Regeln bezahlt für etwas, was ich jetzt tun muss, ist der eigentliche Zusammenhang. Und die Bezahlung entspricht nie meiner Leistung. NIE!  Es ist mir daher ein Rätsel warum die Menschheit immer noch auf eine Glocke hört, die längst die Stunde null geschlagen hat.

 

Und weil's so schön ist hier noch ein Streifschuss vom 16. April 16

 

Anlass: vor drei Jahren

 

Die Hütchen-Spieler

Man sollte sich abgewöhnen zu glauben, man würde einen Nazi schon erkennen. Nein. Die Zeiten, als sie braune Uniformen trugen sind vorbei. Sie sehen heute genauso aus wie wir. Sie kaufen ihre Anzüge in der gleichen Herrenmoden-Abteilung wie Manager und Unternehmer. Naja. Bei Alexander Gauland hat man eher den Eindruck, er verzieht sein Gesicht wegen des Mottenkugeln-Geruchs, den sein kariertes Sakko von Heine (derzeit bei Amazon vergriffen) ausschwitzt.
Aber schauen Sie sich diesen Mann an: Heinz Christian Strache. Wie nett er lächelt. Herkunft: böhmisches Sudetenland, das Sakko in dezentem blau mit neckischen Lederaufsätzen am Ellbogen. Bunter Schal, Gel im Haar. Mitglied der Wiener Penner Burschenschaft Randalia – äh, nein Vandalia. Genau jetzt weiß ich wieder: Pennale Burschenschaft Vandalia. Oder Norbert Hofer, der Mann der Stunde. Immer die passende Krawatte. Technischer Zeichner bei Lauda Air. Ehrenmitglied der pennal-conservativen Burschenschaft Marko-Germania zu Pinkafeld. Hofer gilt als das „weiche Gesicht“ der FPÖ. Er ist Behindertensprecher, hat einen Ratgeber geschrieben.
 Oder Johann Gudenus. Smart – alter Adel eben. Auch er Mitglied der Randalia Penner.
Das christliche Abendland? Die Gaulands, Straches, Storchs, die Hofers, Petrys und weiß der Teufel wer da noch kommt. Man erkennt sie nicht. Ihr Mummenschanz ist perfekt. Und sie sind gerade dabei die demokratischen Regierungen Europas vor sich her zu jagen. Sie holen sie schon ein.

Während sich Obama und Merkel mit Unternehmer-Chefs treffen und auf Abschiedstour durch die Welt tingeln, übernehmen Recht und Gerechtigkeit (PiS), Freiheitliche (FPÖ) und Alternative (AFD) sukzessive die Macht. Mit Anzug, Krawatte und Kostüm. Die Narren im Gewand der Weisen.

 

 

Streifschuss vom 20. Mai 19

 

Anlass: Dort, wo die Almerin die lust’gen Lieder singt

 

Ösiwood

Ibiza, eine junge Russin und angebliche Oligarchin und ein paar schmierige, österreichische Provinz-Nazis wollen die Kronenzeitung kaufen und Parteispenden am Rechnungshof vorbei schleusen und lassen sich dabei auch noch heimlich filmen. Herr Strache entschuldigt sich, er war einfach nur besoffen. Zuviel Wodka Redbull. Selbst meine schlechtesten Texte sind besser. Putschte Norbert Hofer kurz vor der Europawahl seine eigene Partei, indem er seinen Schäferhund heimlich Videoaufnahmen von diesem heimlichen Treffen machen ließ und diese der SZ zuspielte? Und Ka-Ka-Kanzler Kurz? Er kündigt seinem Innenminister Gallows-Face Kickl und kündigt Neu-Kwalen an? Verkackt, könnte man noch weiter alliterieren. Die Regierung Kurz macht ihrem Namen also alle Ehre. Aber bedenkt man, dass das Ibiza-Treffen noch vor der Nationalratswahl stattfand, hätte es die Koalition mit den Ganoven nie geben dürfen. All das kann man eigentlich gar nicht erfinden.  So war der Sozi und Vorstandsvorsitzende (schon das beißt sich) Christian Kern 2017 wegen der Silberstein-Affäre zurückgetreten. Der israelische Politberater Tal Silberstein betrieb Dirty Campaigning gegen Herrn Kurz und wurde vor zwei Jahren von der israelischen Polizei höchstpersönlich wegen des Verdachts auf Geldwäsche in Milliardenhöhe festgenommen.
Die restlichen FPÖ-Minister haben jetzt zwei Jahre später geschlossen ihren Rücktritt angekündigt. Was tritt da nur zurück? Das wäre zum Beispiel eine Arbeitsministerin (Beate Hartinger-Klein) die glaubt man könnte von 150 Euro im Monat locker leben, ein Verteidigungsminister (Unteroffizier Mario Kunasek) der seine Politkarriere im Ring freiheitlicher Jugend startete, dem Jugendverband der FPÖ, der eindeutig als rechtsextrem eingestuft wird. Der RfJ spricht gerne von Überfremdung. Der gerade zurückgetretene Gudenus war mal Obmann dieser RfJ. Der jetzige Obmann der RfJ Matthias Krauss ist wiederum seit der Jugend mit Christian Strache befreundet.
Wer bleibt übrig? Eben: Norbert Hofer, der Verkehrsminister, der ausdrücklich für allgemeinen Waffenbesitz eintritt um die vielen Flüchtlinge vor der Grenze oder anderswo abzuschießen. Man fragt sich wirklich, wer hier schmutziger ist. Und wie lange es noch dauert bis das Bundesheer in Deutschland einmarschiert. Heim ins Reich mal andersrum.

Die großen Volksparteien sind verbraucht. Die populistischen Parteien zerstören sich gerade selbst. Wenn aber niemand mehr wählbar ist, gibt es auch keine Demokratie mehr. Ich würde sagen, dann herrscht Anarchie im negativen Sinn. Man muss das verstehen.  Wenn die alle zurücktreten und der Rest von ihnen im Gefängnis sitzt dann müssen wir uns selbst regieren. Das hat doch nichts mit Demokratie zu tun!! Und das alles, während uns eine Invasion durch Außerirdische droht!

Mir gehen die Ausrufezeichen aus.

 

Dort, wo die Schneeberg’ belämmert die Köpf’ in d’ Wolken steck‘n,
Gleichwie als könnten’s den lieben Himmel necken,
Dort, wo das Schmierwasser aus dubiosen Quellen fließt,
Dort, wo der Jägerbub’ den flücht’gen Syrer schießt,
Wenn er so oben steht hoch im Nazi-gwand,
Ja, das ist mein Österreich, das ist mein Vaterland,
Das ist mein Österreich, mein Vaterland.

 

Streifschuss vom 15. Mai 19

 

Anlass: Europawahl oder: der künstliche Zwang und die Üppigkeit der bürgerlichen Verfassung hecket Witzlinge und Vernünftler, gelegentlich aber auch Narren und Betrüger aus (Immanuel Kant, „Versuch über die Krankheiten des Kopfes“)

 

Warum der Kapitalist ein Idiot ist

 

Wenn ich Ihnen sage, dass Ehrlichkeit, Treue im Versprechen, freundliches Wohlwollen und Wahrhaftigkeit besser sind als Betrug, falsche Versprechen, Missgunst und Unaufrichtigkeit – ich denke mir würden alle Recht geben. Ja, so einfach kann Immanuel Kant sein und seine Metaphysik der Sitten. Natürlich gibt es Kaufleute, die aus betriebswirtschaftlichen Gründen ihre Kunden betrügen. Natürlich gibt es sehr arme Menschen, die sich Geld leihen und das falsche Versprechen geben, es zurückzuzahlen. Natürlich gibt es Menschen die zum eigenen Vorteil anderen Schaden zufügen und es gibt Menschen die unter massivem Druck falsches Zeugnis ablegen und Unschuldige lügnerisch beschuldigen. Aber dieses Verhalten ist doch nicht gut, oder? Um das zu wissen muss ich nicht ein einziges Buch lesen. Aber der aktuell vorherrschende Kapitalismus fördert die Gier des Individuums, falsche Versprechen sind Kernelement der Produkt-Werbung, und die Behauptung man würde seine Schulden bezahlen wird vom Finanzkapitalismus regelrecht ad absurdum geführt. Wen wundert es da noch, dass der Mensch in der blauen Banane (Bezeichnung für die europäische Megaregion – siehe Bild) seine Orientierung verliert. Umgeben von Fake News, Produkt-Placement, bösartigen Spekulanten und missgünstigen Verschwörungstheoretikern taumelt der Europäer zur Europa-Wahl. Eine Nahrungsmittelindustrie die ihre Kunden bewusst vergiftet um betriebswirtschaftlichen Vorteil daraus zu ziehen, Politagenten deren demokratischer Eid für den nächstbesten Aufsichtsratsposten gebrochen wird, Aktiengesellschaften die Nachhaltigkeit versprechen und in Wahrheit aus reiner Profitgier die Erde zerstören. Mächtige Konzerne die regelmäßig Steuerhinterziehung betreiben und so dem Allgemeinwohl schaden. Der Ehrliche ist hier leider wirklich der Dumme. Anstand wird zur Narretei. Es wird gelogen, betrogen, verleumdet und gestohlen was das Zeug hält. Man nennt es heute Kapitalismus und weil die Täuschung das Kernelement dieser Ökonomie ist, sagt es keiner. Eine Ökonomie die unsere natürlichen Neigungen derart stärkt, schwächt unsere vernünftige Sittlichkeit. Diese Ökonomie hat keine Zukunft. Das Dogma vom Wirtschaftswachstum ist nicht heilig, ist kein höheres Gesetz. Es ist die Folge von historisch falschen Entscheidungen. Und wer sich in einer Sackgasse befindet (Wachstumsfalle) und die Richtung trotzdem nicht wechselt, der gilt gemeinhin als Idiot. Ergo: Kapitalisten sind Idioten.

 

 

Streifschuss

vom 07. Mai 19

 

Anlass: Die Theorie bestimmt, was wir beobachten können (Einstein)

 

Wir können wissen, was wir wollen

Eine Parabel

 

 Leben braucht Sauerstoff. Atmen Sie ein, atmen Sie aus. Spüren Sie, wie sich ihre Lungen füllen. Das ist nur möglich, weil es einen höchst lebensfeindlichen Ort gibt. Dort herrschen extreme Temperaturen. In dieser staubigen Hitze trifft man auf Soldaten in kurzen Hosen und Sandalen mit Kalaschnikow um die Schulter gehängt.  Wagemutige Touristen (die nicht selten entführt werden) bestaunen einen speienden Vulkan, einen Salzsee der bis zum Horizont reicht, brodelnde Schwefellöcher und schier endlose Kamelkarawanen.

Die Danakil-Wüste ist eine riesige Salzwüste an der Küste des roten Meeres. Der dort vom Wind aufgewirbelte Salzstaub geht auf die Reise bis zum Amazonasbecken, fällt dort herab und düngt den Boden derart mit Mineralstoffen, dass es nur so blüht. Die vielen Pflanzen im Amazonas verwandeln Kohlendioxid in Sauerstoffmengen, die ausreichen würden, die gesamte Menschheit 20 x mit genügend Sauerstoff zu versorgen. Aber der Sauerstoff verlässt den Amazonas nie. Die vielen Tiere dort verbrauchen ihn selbst. Es ist das Wasser im Boden, das in den großen Bäumen nach oben steigt, oben dann zu einem gewaltigen Fluss aus Wolken wird. Diese Wolken ziehen bis zu den Anden, krachen dort gegen die Gebirgswände, der Regen der so entsteht wäscht Mineralien aus dem Gestein, das ganze fließt ins Meer, dort warten Kieselalgen, die dank der Mineralien sich fortpflanzen können (zum Beispiel Silicium mit denen die Kieselalgen eine Schale bilden und dies ermöglicht ihnen die Fortpflanzung - wir telefonieren damit). Diese Kieselalgen sind der größte Sauerstofflieferant. Sie betreiben Photosynthese. Wenn die Kieselalgen sterben, sinken sie als mariner Schnee auf den Meeresboden. Sie schmelzen aber nicht, sondern sammeln sich in Jahrmillionen an, heben den Boden. Der Meeresspiegel sinkt und es entsteht eine Salzwüste, dessen Salzstaub wieder zum Amazonasbecken fliegt. Wie die Danakil-Wüste.

Dieser geradezu unverschämt originelle Kreislauf bildete sich aus so vielen Zufällen, dass die Wissenschaftler von einem Ökosystem sprechen. Nun ist ein System ein aus Einzelteilen verbundenes Ganzes im Gegensatz zu Chaos. Der letzte Trick der positivistischen Wissenschaften ist die Erfindung von chaotischen Systemen, auch deterministisches Chaos genannt. Das Wetter, das Klima oder auch Wirtschaftskreisläufe sind angeblich determiniert und zugleich chaotisch. Quantentheoretisch wären es Zustände, die nur dann ein System sind, wenn wir hinsehen. Mein zuvor beschriebener Kreislauf zur Entstehung von Sauerstoff ist somit ein Zustand, der durch den Beobachter entstanden ist. Daraus macht die Wissenschaft eine feste Formel, die im positivistischen Sinne berechenbar ist, und damit der Herrschaft des Menschen zugänglich wird. Sinnstiftende Realität entsteht durch die „bedeutende“ Beobachtung. Niemand würde bezweifeln, dass wir Sauerstoff zum leben benötigen, sofern wir keine speziellen Bakterien sind, die in Schwefelsäure leben können und sich von Schwermetallen ernähren. Was ist also zufällig? Dass wir atmen? Dass wir Sauerstoff dazu brauchen? Dass dieser nötige Sauerstoff auf sonderbare Weise vom Staub der Wüste abhängt? Für all das hat die positivistische Wissenschaft nicht mal im Ansatz eine Erklärung. Die Frage ist, ob wir überhaupt eine Erklärung brauchen. Wenn wir nur wissen wie die Sache funktioniert aber nicht warum, dann bezweifle ich dass wir die Sache wirklich begreifen. Die gute Nachricht: noch können wir selbst bestimmen, warum wir atmen. Genießen Sie es. Atmen Sie ein, atmen Sie aus...

Streifschuss

vom 02. Mai 19

 

Anlass: Staffelfinale

 

Es ist vorherbestimmt

 

Einst lehrten uns Luther und Calvin, dass der Mensch nichts an seinem Schicksal ändern kann.  Selbst wenn wir ein tugendhaftes und erfolgreiches Leben führen, hat das nichts mit uns zu tun. Es ist lediglich ein Zeichen Gottes, dass er uns auserwählt hat. Warum er das aber tat, wissen wir nicht. Nicht der Mensch, nur Gott besitzt die Macht zu bewirken. Kaum noch einer glaubt heute ernsthaft an die Prädestinationslehre, der Vorherbestimmtheit. Gott habe bereits vor unserer Geburt Verdammnis und Erlösung unserer Seele bestimmt. Wir glauben nicht mehr an Gott. Wir glauben ja nicht einmal mehr an Verdammnis oder Erlösung.
Geblieben ist unser Ohnmachtsgefühl. In den Nachrichten zeigen sie uns mächtige Männer und Frauen, die wichtige Dinge sagen. Aber von 80 Millionen Deutschen haben 79.999000 das Gefühl nichts zu bewirken. Das Gefühl wird bei Arbeitslosigkeit unerträglich. Arbeit hat bei uns immer noch einen Zwangscharakter. Unser aller Streben sucht das bohrende Gefühl von Zweifel und Ohnmacht zu überwinden. Wir arbeiten gegen die Angst und nicht aus innerer Kraft und Selbstvertrauen. Die Angst treibt uns morgens aus dem Bett und in die ungeliebten Büros, die Angst peitscht uns voran, wenn wir im Workout neonbeleuchtet durch den Park joggen. Es kann sich nur um Gefühle von Angst, Zweifel und Ohnmacht handeln, die einen ausgewachsenen männlichen Primaten dazu bringen sich in einen Audi Q7 zu zwängen und sich mit zwei Tonnen Blech vor der Welt zu schützen. Wie klein und machtlos muss sich dieser arme Mensch fühlen! In Deutschland ist die Automobilindustrie von Gott auserwählt. Es ist dieser tief verankerte Glaube an die Prädestination, die den gottlosen Menschen heute in den Fetisch „Auto“ treibt. Die Automobilität ist kein Ausdruck selbst erbrachter Leistung auf die man stolz ist, sondern göttliches Zeichen dafür, dass man auserwählt ist. Ein Auto zu fahren ist keine rationale Entscheidung. Die Zahl der Verkehrstoten liegt weit über den Opferzahlen von Krieg, Genozid oder Terrorismus. Die Anzahl der Verletzten wird auf jährlich etwa 40 Millionen geschätzt. Auf Deutschlands Straßen sterben jährlich 4.000 Menschen. Allein im letzten Jahr wurden über 70 Millionen PKWs hergestellt. In Deutschland arbeiten eine Million Menschen allein in der Automobilindustrie. Jesus würde heute nicht mehr auf einem Esel in die Stadt Jerusalem einreiten. Die Gesamtlänge des deutschen Autobahnnetzes beträgt 13.000 Kilometer.  Das entspricht zweimal dem Umfang des Erdradius. Laut Statistischem Bundesamt betrug die Menge der von Pkw in Deutschland ausgestoßenen Co2-Emissionen 2017 115 Millionen Tonnen. Die auserwählten SUV-Fahrer und die Zwangsarbeiter der Automobilindustrie tragen also erheblich dazu bei auch die immobilen Menschen in die Verdammnis zu stoßen. Den Rest besorgen die Fleischindustrie und die Telekommunikationsindustrie.
Allein der Stromverbrauch des Internets verursacht so viel CO2 wie der weltweite Flugverkehr. Die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch belastet das Klima so stark wie 250 Kilometer Autofahrt. Die Dreieinigkeit der Klimakatastrophe heißt Fleisch, Auto und Internet.

Wir müssen endlich zu immobilen, vegetarischen kontemplativen Eremiten werden! Nur so lässt sich der blaue Planet noch vor der auserwählten und unter Arbeitszwang leidenden Menschheit retten. Legt eure Arbeit nieder, verbrennt eure Autos samt Laptop und Smartphone, hockt euch meditierend ins Gras. Und der liebe Gott ernährt euch doch.

 

Streifschuss

vom 18. April 19

 

Anlass: Ostern

 

„Du Opfa“

 

Da nun wieder einmal mit Hilfe bunter Ostereier Christi Opfertod gefeiert wird, stellt sich dem aufgeklärten, aber barbarischen Antichrist die Frage, ob es sich bei diesem Fest um einen Atavismus heidnischer Opferrituale handelt. Diese Frage stellte sich vor 90 Jahren auch der linksliberale Autor Werner Hegemann in seiner Streitschrift Der gerettete Christus oder Iphigenies Flucht vor dem Ritualopfer. Daraufhin wurde er angezeigt. Doch die Zeugen, die Hegemann in seiner Schrift aufrief waren einfach zu glaubwürdig, Aischylos, Euripides, Sophokles, Luther, Goethe, Schopenhauer und sogar Nietzsche bürgten für Hegemanns Resümee, dass es sich bei der Auferstehung nicht um einen Atavismus handelt. Dennoch ist aus heutiger Sicht eine Auferstehung nicht möglich, wenn nach §3 TPG der nicht behebbare Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms nach Verfahrensregeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, festgestellt ist. Ob Jesus‘ Grab heute aus ganz anderen Gründen leer wäre? Zwölf Jünger treffen sich zum Organspender-Abend mal?
Was allerdings möglich sein könnte und Grundlage der beginnenden Festtage – lateinisch: festum paschale – ist die Befreiung aus der Sklaverei. Jesu Kreuzigung fand nach den Synoptikern am Hauptfesttag des Pessach, dem 15. Nisan, statt. Die Juden feiern hier den Auszug aus Ägypten, die Befreiung aus der Sklaverei.  Nach dem Johannesevangelium dagegen starb er am 14. Nisan zur selben Zeit, als die Pessachlämmer im Jerusalemer Tempel geschlachtet wurden. Ob Odin nun am Baum hing, oder Jesus am Kreuz ist heute den meisten einerlei. Wichtig ist, dass man der für den kapitalistischen Mehrwert schuftenden Bevölkerung mal ein paar Tage Ruhe gönnt. Natürlich nicht allen. Denn die Auslöschung der Menschheit durch den totalitären Kapitalismus muss ja weiter gehen. Unser verklärtes Tausch-System, das wenige reich macht und die meisten in Armut hält, wird auch während der Feiertage von vielen ein Opfer verlangen. Jesus hat sich ja für uns alle ans Kreuz nageln lassen, hat sich selbst oder sein Selbst geopfert. Denn ein Gott wird man nur, wenn man seine Menschlichkeit aufgibt. Und damit sind wir im Kern des Kapitalismus angelangt, der von uns allen dieses Opfer verlangt. "Der Kunde ist nicht König." Pause. "Er ist Gott. Er entscheidet über Leben und Tod ihres Unternehmens", sagt der Managementtrainer aus Neumarkt/Oberpfalz und Gründer des Beratungs- und Trainingsinstituts Metatrain, Johann Beck. Damit ist klar, dass wir als Konsumenten auf unsere Menschlichkeit verzichten. Wie ein Gott opfern wir uns im Tausch für ein neues Smartphone, einen schicken Neuwagen, oder einfach nur für ein Plastikschälchen bunt bemalter Ostereier. Jeder Einzelne ist als Mensch nur ein Opferlamm. Aber als Konsument stehen wir einem Zeus in nichts nach. Wir fühlen diese Ambiguität bei jedem Tauschakt. Daher stehen wir alle am folgenden Dienstag wieder auf und gehen arbeiten. Wir dienen nicht, wir verdienen – es. So wird das Ding im Tausch wie in einem Zauber erworben und geht als Kraft auf den Konsumenten über. Je größer das Auto, je größer die Villa, desto gottgleicher. Wird es also Zeit, Milliardäre ans Kreuz zu nageln? Könnte ihr Opfer uns von den Sünden rein waschen? Hm? Das hat nicht mal Jesus geschafft. Oder sagen wir mal so: Inzwischen haben wir wieder ordentlich zugelegt, was unser Sündenregister angeht. Um die ganze Scheiße weg zu schippen, die der Mensch schon angerichtet hat, müssen wir konsumieren, was das Zeug hält. Wirklich alles auffressen. Und das tun wir ja gerade. Mir aber ist schon schlecht.

 

 

Streifschuss 05. April 19

 

Anlass: worüber man lachen kann?

 

Pat und Patachon – gute alte Zeit

 

 Was ist groß und was ist lächerlich? Wohl wegen meiner eigenen kleinbürgerlichen Laufbahn liebe ich gerade jene, die zwar groß zu nennen sind aber doch aus einem gewissen Rand kommen. Sie stehen seltsam im Zentrum der Geschichte und verweisen auf ein grundlegendes Problem. Wie sich Außenseiter immer wieder durchsetzen und die Profilierten ihrer Zeit in Vergessenheit geraten, ist weiter unerklärlich. Kunst ist immer noch in der Lage gesellschaftliche Konvention aufzubrechen. Und so ist der Kleinbürger nicht immer klein. Er wurde inzwischen zum Pejorativ und ihm gegenüber steht der Großbürger. Die Boheme ist der Antibürger. Heute ist der Bürger ein weitestgehend sinnentleerter Jargon-Begriff der Politik. Sein einst so aufgeladener Sinn wird inzwischen auf jeden und auf alle angewandt. Der Nihilismus gegenüber den immer noch bestehenden ökonomischen Klassen macht aus den Bürgern einen begrifflichen Freibrief. Die Weigerung der modernen Politik Klassenunterschiede anzuerkennen macht aus dem arbeitslosen und von Hartz IV abhängigen „Bürger“ letztlich eine Witzfigur. In den randständigen Gebieten ökonomischer Verwilderung wachsen Pflanzen, die noch einen Namen brauchen. Auch dort findet Kunst und Kultur seine Inhalte. Insofern ist ein Einsiedler der sich dank Fortuna zum reichen Kriegsherrn aufschwingt keine barocke Gestalt, sondern modern. Beim Autor des Simplicissimus Teutsch handelte es sich um einen Kleinbürger, der im Rahmen der damals vorhandenen Möglichkeiten seine Karriere machte, und der ganz und gar nicht mit den hohen Ansprüchen eines Martin Opitz daher kam. Wie im Schatten der Mächtigen etwas Selbstmächtiges erblüht, das verweist auf eine Brücke. Das Problem des Kleinbürgers ist sein Dünkel. Dem kann die Satire ein Schnippchen schlagen. Doch bei aller Satire besteht die Gefahr des Ernstes permanent. So sehen wir das bei Jan Böhmermann, der Angela Merkel verklagte, weil sie sein peinliches Schmähgedicht an Erdogan als „bewusst ehrverletzend“ bezeichnete. Der Kleinbürger Böhmermann kann hier die Grenze zwischen Satire und Ernst nicht mehr einhalten. Und vielleicht ist so manches Große aus dem randständigen Zentrum der Literatur satirisch angetreten und wird inzwischen fälschlich für groß gehalten. So wäre der Kleinbürger gut beraten, wenn er in seinen Sphären bliebe. Die Herausforderung einer so fluiden Kunst und Kultur wie im Kapitalismus eben üblich ist es, das immer wieder zu verhandeln. Und das geht nur mit horizontaler Toleranz, einer Toleranz auf Augenhöhe. Ergo: Große Kunst entsteht durch Anerkennung. Und Anerkennung ist die Achtung der Bedürfnisse von Menschen, die einem nicht gleichgestellt sind, oder eine andere Meinung vertreten. Und das sollten wir dialektisch verstehen. Anerkennung der Kleinen von den Großen und Anerkennung der Großen von den Kleinen.

 

Streifschuss
vom 31. März 19

 

Anlass:  ein Versuch das Licht zu dimmen um sich nicht blenden zu lassen

 

 

 

 

Das glänzende Buch

 

Schon immer hat sich der Mensch zu leicht von Kosmetika täuschen lassen. Etwas Rouge auf der Wange betont die Wangenknochen und übertrumpft echten Liebreiz. Viel Unglück resultiert aus dieser Täuschung, denn die Folge ist Enttäuschung, die bittere Erkenntnis seinen eigenen Sinnen nicht mehr trauen zu können. Den Menschen ist der Geschmackssinn zwar angeboren, aber es bedarf einer Ausbildung, um einen guten Geschmack zu entwickeln. Nun bin ich kein Puritaner der Kosmetik generell verachtet. Nein, es gehört auch zum guten Geschmack Kosmetik stilvoll einzusetzen. Aber eine Ökonomie in der vor allem die Täuschung im Vordergrund steht, verdirbt den Geschmack. Wir leben nicht in einer wahren Welt, sondern in einer Warenwelt. Die Dominanz der Verkäufer reduziert alles auf das Äußerliche. Der Buchmarkt bleibt davon nicht verschont. Der erste Blick des Lesers fällt auf den Umschlag. Überzeugt ihn das Bild auf dem Umschlag, schaut er sich den Umschlagtext an. Überzeugt ihn dieser, sieht er sich die Vita des Autors an und vielleicht liest er noch die ersten Zeilen. Oder im schlimmsten Fall hat er schon mal von diesem Buch oder Autor gehört. Ein geübter Leser ist nicht so leicht zu überzeugen. Aber die Verwirrung ist groß, denn unsere Ökonomie vermittelt den Eindruck dass täuschen und tauschen Synonyme sind. Den Verkäufer interessiert oft nur der Verkauf. Das folgende Schicksal der Ware geht ihn nichts mehr an. Ob der Leser das gekaufte Buch enttäuscht ins Regal stellt oder gar in die Tonne wirft – das interessiert nur die Idealisten. In der Literatur gibt es sie noch und so mancher Verkäufer eines Buches hat auch den Anspruch, dass das Buch gelesen wird, dass darüber gesprochen wird. Das nennt man heute Nachhaltigkeit. Der Massenbetrieb aber verheizt gerne gute Schriftsteller und verkauft schlechte Schriftsteller. Es ist dieser Sorte Verkäufer ganz egal. Das ist das Problem mit dem Buch auf Anfrage, einem Buchmarkt ohne Geschmackswächter. Der Tauschprozess beim Self-Publishing ist dagegen eine Täuschung für Verkäufer und Käufer.  Der Aufwand an Zeit und Geld, um eine Ware produzieren zu können die auf diesem Markt wirklich mithalten könnte, ist enorm. Die meisten verkauften Bücher sind so genannte Bestseller oder Spitzentitel und diese werden am meisten und meist von Gelegenheitslesern gekauft. Der verbleibende Kuchen für Nicht-Bestseller verkleinert sich exponentiell mit den in Massen verkauften Einzeltiteln. Regale sind eben begrenzt.
Auch zuletzt in Leipzig bei der Buchmesse 2019 diskutierte man vor allem Absatzzahlen und sorgte sich um einen Rückgang der Verkaufszahlen. Was zurück geht ist aber nicht die Verkaufszahl, sondern der gute Geschmack. Jetzt ist das einerseits ein Gewinn von Freiheit, dass man sein Buch kostengünstig digital verbreiten kann. Und rückgängig lässt sich das ohnehin nicht mehr machen. Doch Verkaufsriesen wie Amazon (17 Prozent Anteil am Buchhandel) täuschen den unbedarften Leser und Autor so sehr, dass das Vertrauen in die Literatur als eine seriöse Vermittlung von Gedanken leidet. Da Bildungsangebote dem gleichen Verkaufsdruck unterliegen, wird auch viel Unsinn über die Literatur verbreitet. Auch das müssen wir in einer freien Welt hinnehmen. Einerseits wird unser Geschmack durch das Angebot der Bücher geprägt und andererseits prägt unser Geschmack das Angebot der Bücher. Diese Wechselwirkung zeigt aber auch, dass es einseitig wäre, sich auf die Wächter des Geschmacks zu verlassen. Denn auch sie verkaufen nur. Wieder einmal zeigt sich, dass Karl Marx den Finger auf eine düstere Wunde des Kapitalismus legte, als er vom Warenfetisch schrieb. Denn auch Bücher leiden darunter, dass sie bestimmte ihnen als Ware zugeschriebenen Eigenschaften nicht haben. Der Bestseller ist nicht immer ein gutes Buch. Und das selbst produzierte Buch nicht immer schlecht. Die Verkaufszahlen verweisen nur auf die Fähigkeit des Verkäufers. Das Buch selbst ist ein nützliches Ding, das uns etwas lehren kann. Aber bei Ware und Wert handelt es sich um bestimmte gesellschaftliche Zuschreibungen. Es ist kein Wunder, dass auch das Buch bei einer Messe gefeiert wird. Der eigentliche Gegenstand verschwindet hinter der Ware und daher nutzt uns auch der Geschmack nichts mehr wenn wir ein Buch kaufen. Wir müssen es nämlich immer noch lesen. Wäre ich ein Puritaner, würde ich vorschlagen, dass sich kein Buch äußerlich vom anderen unterscheiden darf und Buchwerbung wäre verboten. Oder wenigstens mit dem Zusatz versehen: Vorsicht, dieses Buch könnte Ihren Geschmack zerstören. Aber ich bin ja kein Puritaner und daher ist das Licht meiner Erkenntnis in diesem Fall eine Funzel.   

Streifschuss

vom 16. März 19

 

Anlass:

Kurz vor dem Erbrechen

 

Das hässliche Quartett und die Antwort auf den Feminismus

 

Slavoj Zizik regt sich in der NZZ vom 14. März darüber auf, dass die Feministinnen das Erotische entzaubern würden. Feministinnen seien seiner Meinung nach „unsexy“. Dabei ist doch dieser alte, hässliche Gnom Slavoj Zizek (Diakritika-unwürdige Eure Hässlichkeit – siehe rechts oben) die personifizierte Entzauberung von Erotik. Gemeinsam mit seinen alten, weißen Männerfreunden, mit ihren hängenden Männerbrüsten, schlaffen Hodensäcken und nach verdorbenem Teig riechenden Männeratem gehört Zizek zu den wenigen Bordellbesuchern, die vermutlich abgewiesen würden. Als alte weiße Männer, hässlich und körperlich deformiert, vergreifen sich diese Zizeks, Houllebecqs, Schröders und Sloterdijks ein letztes Mal voller Verzweiflung am jungen Fleisch und evozieren Bilder, die man nicht haben will. Warum sollte das sexuelle Objekt nicht entmystifiziert werden? Was ist denn an dem Katholiken-Sex so toll? Unter der heimlichen Kutte eines Bischofs weihräuchert ein alter Schwanz, syphilitisch zersetzt als traurige Monstranz. Ist das Zizeks Mystik? Wahrscheinlich. Schon früh lehrte sie der Katechismus schlimme Dinge und das hat vermutlich auch ihr Gehirn vulvarisiert. Für solche alten Schweinemänner ist damit längst der Urologe zuständig denn sie predigen tatsächlich vom Katheter herab.  Die Würdelosigkeit dieser - zu kurz gekommenen- Arschgrabscher zeigt sich auch deutlich im Äußeren. Man kann das nur mit bitterem Desinfektionsmittel verscheuchen. In Gegenwart dieser heiligen Schwänze mag so manche junge Frau eine Gelegenheit erblicken. Das ist legitim. Mag der Glanz alter, weißer Männer auch voll Patina sein und etwas muffeln, so ist es immerhin noch Glanz. So manches Gretchen mag sich dann zwar über sich selbst verwundern, aber nach dem Golde drängt, am Golde hängt doch alles. So gehört nicht nur das Sex-Objekt entmystifiziert, sondern auch das Gold-Objekt. Entmystifizieren wir also den Schwanz. Machen wir klar, dass die Rektum-Ampulle unmittelbar an die Prostata grenzt und jeglicher Kotstau (alte Männer haben meist Verdauungsprobleme) auch zu einem Samenstau führen kann. Sind wir uns darüber im Klaren, dass das Smegma alter Männer hartnäckig, klebrig und miefig ist. Oh! Und dazu noch diese Gesichter! Wer –zum Teufel – ist hier eigentlich unsexy?

 

Streifschuss

vom 14. März 19

 

Anlass: Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte: Für Menschen ist das unmöglich.

 

Kamele sind auch nur Menschen

 

Wir kennen alle das berühmte Kamel das viel leichter durch ein Nadelöhr geht, als der/die Reiche ins Himmelreich. Die Frage ist aber, wie rechnet der/die liebe Gott*in? Rechnet er/sie in absoluten Zahlen? Dann stehen meine Chancen eher mau. Die Schlange der vielen armen Menschen weltweit ist verdammt groß. Immerhin eine Milliarde Menschen auf der Welt verfügt über weniger als zwei Dollar Kaufkraft am Tag.  Aber rechnet Gott*in in relativen Zahlen, ist die Menschenschlange in der ich zum Himmelreich anstehe deutlich geschrumpft. Aber immer noch lang genug um viel Geduld mitzubringen auf meine Reise ins Himmelreich. Wird dauern. Vor mir stehen eine Million Obdachlose allein in Deutschland, 20 Millionen relativ Arme allein in Deutschland. Also mein irdisches Dasein ist immer noch nicht unglücklich und darbend genug, um mir leichthin das Paradies nach dem Leben zu erschließen. Jetzt fängt der Handel an. „Hey Gott*in“, könnte ich sagen, „was kann ich dafür, dass ich zufällig Glück hatte und im scheiß Westen zur Welt kam, und mit scheiß Eltern mit scheiß Eigenheim? Scheiß kostengünstige Bildungschancen mit einer scheiß guten Infrastruktur?“ Gott*in würde seine/ihre göttliche Hand heben, damit abwinken „So rechnen wir hier oben nicht. Und hör gefälligst auf zu fluchen.“ Seine/Ihre göttliche Stimme mindestens so erhoben oder erhaben wie die Hand.
Aber wie rechnet man denn nun da oben? Das war ja meine Eingangsfrage. Und schon sind wir im irdischen Handel verstrickt und diskutieren fleißig die Verteilungsfrage. Wer darf wer will wer hat noch nicht? In den alten gläubigen Zeiten haben die Reichen einfach viel gespendet, mal einen Kreuzzug finanziert oder ein paar Bischöfe durchgefüttert. Der Ablass-Handel hat aber leider eine fundamentale Gruppe erbost, die das für die falsche Rechnungsart hielten. Das Problem ist ja dabei, wen oder was finanziert man als Reicher, um zuverlässig ins Himmelreich kommen zu können. So zufällig wie im Himmelreich gerechnet wird, so zufällig wird im Erdenreich gehandelt. Das hebt sich auf. Daher bleibt es leider meine Bürde, meinen in absoluter Mathematik großen Kamelbuckel und meinen in relativer Mathematik mittelgroßen Kamelbuckel ins Himmelreich zu tragen. Götter können oder wollen mir da nicht helfen. Das Erdenreich genießen und möglichst nicht auf ein Nachleben hoffen? Zumal wenn die Aussicht auf Hölle oder Fegefeuer größer ist, als auf das Himmelreich. Jedenfalls als Wartezeit. Vielleicht ist das der Grund, warum im Westen die Religion keine so große Rolle mehr spielt. Die Religion liefert uns keine Motivation mehr, für ein moralisches Handeln. Die Vernunft ist nur eine schwache Motivation für ein moralisches Handeln, denn die Vernunft rät mir dazu, mein Erspartes in dreckige aber Rendite freundliche Wertpapiere anzulegen bevor es von Negativ-Zinsen aufgefressen wird. Meine Moral rät mir davon ab. Meine Vernunft sagt mir, dass Reichtum ein gutes Ruhekissen ist. Meine Moral sagt mir, dass mein Reichtum andere ärmer macht. Jetzt: wer ist schon gerne unvernünftig? Wer ist schon gerne unmoralisch? Vernunft schließt die Moral aus und die Moral die Vernunft. Das ist die Paradoxie des Himmelreichs.

 

Streifschuss

vom 13. März 19

 

Anlass:

Die Apokalypse

 

 

 

Schweine sind meist die Menschen

 

Man könnte die drohende Post-Antibiotika-Ära auch im Sinne von Adornos Dialektik der Aufklärung deuten. So ziehen sich immer mehr Pharma-Konzerne aus dem Antibiotika-Business zurück, weil das Geschäft unsicher geworden ist. Die Erforschung und Herstellung eines neuen wirksamen Antibiotika-Präparates dauert zehn Jahre und kostet ein bis zwei Milliarden Dollar. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es nur kurz auf dem Markt ist, weil die Bakterien schon wieder eine Resistenz entwickelte, macht das Geschäft unrentabel. Hinzu käme, wenn die Ärzte es vorerst nicht einsetzen weil sie ein  Reserve-Antibiotikum brauchen, verhindert weiter, dass die Industrie damit Geld verdient. Massenherstellung und Markt führen damit zu echten Toten, die eigentlich vermeidbar wären. Doch wenn das Antibiotika-Geschäft aufgegeben wird, dann können die Pharma-Produzenten auch ihre Krebstherapeutika oder andere Therapeutika nicht mehr verkaufen, weil diese letztlich nur Sinn machen, wenn man durch Antibiotika Folgeinfektionen verhindern kann. So droht ein systemischer Zusammenbruch der Pharmaindustrie aufgrund von Rendite- und Marktüberlegungen. Damit zeigt sich die instrumentelle Vernunft (Adorno/Horkheimer) von ihrer menschenverachtenden Seite. Ein weiterer Aspekt ist dabei zu sehen: Die Landwirtschaft setzt zur Steigerung der Muskelmasse und zur Beschleunigung der Schlachtreife von Tieren jetzt schon Reserve-Antibiotika ein, die eigentlich der Human-Medizin vorbehalten sein müssen. Der industrialisierte Fleischhunger führt damit zu einer Explosion multiresistenter Keime und auch dazu, dass die existierenden Antibiotika nicht mehr helfen bei der Bekämpfung menschlicher Infektionen. Dann kommt ein weiterer Aspekt dazu. Die Entwicklungsländer und Schwellenländer (vornehmlich die südostasiatischen Länder) leiden immer mehr unter den multiresistenten Keimen, weil sie sich die Antibiotika nicht leisten können. Also kommt es zu Behandlungsfehlern und zu weiteren Resistenzen bis hin zu panresistenten Keimen. Es ist die Institution Markt und die Halbbildung (im Sinne des Bildungsverfalls) die uns medizinisch wieder 200 Jahre zurückwerfen wird und ein weiterer Beitrag zur globalen Katastrophe ist. Eine erschreckende Realität!! Hier sollten Sie Nerven haben, wenn Sie sich diese Arte-Dokumentation ansehen, die noch bis Mitte April auf dem Videocast des Senders zu sehen ist.

 

Kampf gegen die Resistenz - Die globale Antibiotika-Krise

 

 

 

 

Streifschuss

vom 11. März 19

 

Anlass: Eine Gruppe Idioten verteidigt die deutsche Sprache

 

 

Weiße Männer riechen schlecht

 

Da ich ja inzwischen auch zu den alten weißen Männern zähle und nach allgemeiner soziologischer Diagnose unter Wut leide, dachte ich: Schreib doch mal eine Wutpredigt. Also auf in den privilegierter Weißer-Mann-a-i-i-i.  (a-i-i-i = Angstschrei der Lakota-Sprache)…

In letzter Zeit kommt es wieder in Mode, dass sich Schriftsteller politisch einmischen.
E-i-i-i (drückt in der Lakota-Sprache Bedauern aus) - Ach Schriftsteller. Du leicht vergebene Signatur.  Sie hätten es besser gelassen. Von Thomas Mann bis Günter Grass, von Rüdiger Safranski bis Lewi-Dingsbums, - ne nicht –wandowsky, Wassiski? Ne – egal. Jedenfalls ist der VDS was anderes als der VdS. Sie wollen zum Beispiel, dass die deutsche Sprache ins Grundgesetz aufgenommen wird. Ah ja! Haben die versehentlich die kirgisische Ausgabe des GG gelesen? Sie beschäftigen sich lieber mit dem Sammeln von Anglizismen, als Rassismus, Diskriminierung und die Lingua Tertii imperii zu bekämpfen. Mitglieder sind der verstorbene Adenauer, der Mainzer Fassenacht-Held Herbert Bonewitz, ein Professor der die Bibel ins saterfriesische übersetzt hat, ein Habsburger, ein Hahne und ein Hallervorden. Hahaha. Und jetzt regen sich diese geistigen Dünnbrettbohrer über die politisch korrekte Sprachregelung auf. Es ist armselig. Achtung Argument: So ist die Kritik der rechten Gesinnung an der politisch korrekten Sprache eine antiaufklärerische Haltung, die den geistigen Fortschritt negiert und einen naiven Glauben an die Natürlichkeit von Sprache hegt. Abgesehen davon, dass die heutigen Nazis nur das kritisieren, was ihnen in den Kram passt. So ist den heutigen Nazis völlig entgangen, was man mit dem Kinderbuchklassiker von Enid Blyton machte (The Adventurous Four von 1941).  In dem Buch entdecken die Arnold-Kinder während des Zeiten Weltkriegs einen geheimen U-Boot-Stützpunkt der Nazis vor der Küste Schottlands und werden von deutschen Soldaten mit Hakenkreuz-Armbinde gefangen genommen. Als das Buch 1969 in Deutsche übersetzt wurde, machte man aus den deutschen Nazis unpolitische Waffenschmuggler, ungenannter Nationalität, ließ die Geschichte aber weiterhin im Zeiten Weltkrieg spielen. Solche Beispiele gibt es viele. Aber das wollen die selbsternannten Sprachwächter nicht wissen. Gleichstellung von Mann und Frau käme ihrer Ansicht nach nicht zustande, wenn man ein Sternchen macht. Klar. Aber ohne auch nicht. Es ist bitter, es ist traurig und ein Nazi-Erbe. Denn die wirklich großen Geister hat der Hitler einst aus dem Land gejagt. Geblieben sind die Adenauers und Fassenacht-Büttenredner. Geblieben ist eine AKK die einfach nur strohdumm ist. Bald haben wir eine Kanzlerin bei der ein IQ nicht mal mehr in Spurenelementen nachweisbar sein wird. Mit schlechter Performance, mit kreischender Stimme ohne Prosodie und ohne Inhalte verteidigt dieser homophobe Polit-Clon ihre eigene Dummheit. Erschreckend. Und dazu die Riege der Dumpfbacken aus der literarischen Ecke. Allein Safranski, der selbst zugibt für einen Gauland Sympathie zu haben. Was ist das für ein Troll?

Meine Wut ist hier künstlich – denn ich möchte nur heulen und mich fremdschämen. Ende der Wutpredigt.

 

Streifschuss vom 18. Februar 19

 

Anlass: Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, Überwältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigner Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens, Ausbeutung -
(Was ist vornehm? – Nietzsche neuntes Hauptstück aus Jenseits von Gut und Böse)

 

Die Wahrheit ist hart

 

Ich betrachtete eingängig meine Gefährten. Du und du, dachte ich und auch du, hast sicher das Volksbegehren gegen das Bienensterben unterschrieben. Wir alle haben das doch. Vor einigen Jahren hätte man uns ausgelacht dafür und wir hätten nur ganz verschämt von den armen Bienen getuschelt. Heute würde man uns verurteilen, wenn einem die Biene egal ist. Wie immer standen wir – meine Gefährten und ich  im Kampf für die Umwelt - in der U-Bahn, spielten mit unseren Smartphones, hörten Musik über einen dezenten Kopfhörer, waren vom Kopf bis zum Fuß in Konsumartikel gehüllt, die Millionen von Kilometern zurück gelegt hatten, um ihr individuelles Ziel zu erreichen. Die U-Bahn in der wir standen, bestand aus mehreren Tonnen Stahl und Kunststoff, die in Hochgeschwindigkeit durch einen tief in die Erde gegrabenen Betontunnel raste.
Seit Jahrtausenden schützt sich der Mensch vor der Natur, vor Hunger, Kälte, Schmerz. Er baute dicke Häuser, große Kraftwerke und breite Kanäle, erfand Transporttechniken, Logistik-Strategien und quälte Tiere, um Medikamente, Kosmetika und Nahrungsmittel so herstellen zu können, dass wir noch älter, noch gesünder und noch leistungsfähiger werden. Jetzt wendet sich das Blatt und wir Menschen müssen die Natur vor uns schützen. Haben Sie heute schon warm geduscht? Ins Internet geschaut? Eine Verpackung aufgerissen? Ein Medikament genommen? Ein Duschgel beim Waschen benutzt? Das Licht eingeschaltet und Strom verbraucht? Haben Sie sich darüber Gedanken gemacht, wie unnatürlich das ist? Und wie viele Feuchtbiotope hat der typische Großstadtmensch in seinem Leben gesehen? Die Zahl der Discounter die der Großstadtmensch in seinem Leben zu sehen bekommt, übersteigt bei weitem die Zahl der Feuchtbiotope. Warum? Weil uns Feuchtbiotope nicht ernähren können. Und doch wissen wir, dass all die kapitalistische Konsumglückseligkeit einen Preis hat. Was sich sonst dem Blick empfohlen, mit Jahrhunderten ist hin. Keine Rettung ist vorhanden. Die menschliche Tragödie nimmt ihren vorbestimmten Lauf. Es ist die Ironie des Schicksals, dass nun das, was so gut war (all der Luxus, die Wärme, der Schutz) nun unser Untergang sein wird.
Ich blickte also meine Gefährten in der U-Bahn an und beobachtete ein Pärchen. Beide hatten sie ihr Smartphone an und unterhielten sich mit abwechselnden Blicken auf das eigene Display und das Display des Partners. Obwohl sie beide nah beieinander standen, sahen sie sich nicht an, sondern fühlten den Partner über sein Display. Dieses diodenhafte Dasein empfand ich als Symbol für die menschliche Distanz zur Natur. So viele Jahrtausende aufgebaute Distanz lässt sich nicht in ein paar Jahren wieder abbauen. Die Natur wird uns mit grimmiger Ignoranz ins Gesicht schlagen und unsere luxuriösen Träume fliegen uns um die Ohren. Der Mensch bleibt ein Traum von Frieden, Schutz und Freiheit. Das Paradies eine Utopie. Nicht von dieser Welt.  Das jetzt anstimmende Geheule klingt nicht sehr vornehm.

 

Streifschuss
vom 15. Februar 19

 

Anlass: alte Notizen durchsucht und was gefunden, um Jens Spahn zu dissen

 

Beinahe gäb ’s mich gar nicht – hätten wir auch überlebt

 

Durch das Lesen kam ich auf folgendes, dass die Verhütungspille erst ab 1972 auch an nicht verheiratete Frauen  verschrieben wurde. Zuvor war sie für ledige Frauen schlicht nicht zu bekommen. Ich bin Jahrgang 1964. Und ich bin ein Bankert. Nur ein halbes Jahr nach meiner Geburt heiratete meine Mutter. Sie bekam die Pille und ich blieb ihr einziges Kind. Hätte man ein paar Jahre früher erlaubt, die Pille an Unverheiratete Frauen zu verschreiben, dann gäbe es mich gar nicht. Hätten mein Vater und meine Mutter sich nicht zufällig im Freibad getroffen, gäbe es mich auch nicht. Wir haben uns nicht selbst geschaffen, sondern sind in der Welt durch etwas, das nicht wir sind. Das wird heutzutage gerne vergessen.  Denken ist also eine Form des Verknüpfens von Tatsachen. Denn es ist eine Tatsache, dass die Pille erst 1972 für ledige Frauen zugänglich wurde. Und es ist eine Tatsache, dass ich ein uneheliches Kind war, das 1964 geboren wurde. Es ist eine Tatsache, dass meine Mutter kein weiteres Kind bekam und sich mit der Pille davor schützte. Das war nur möglich, weil sie meinen Vater heiratete. Mich gibt es dank einer sehr restriktiven Sexualpolitik, die vor allem das Wohl vieler lediger junger Frauen aufs Spiel setzte. Das ist der rationale Aspekt. Dass ich diese restriktive Politik gegenüber jungen Frauen für ungerecht halte und eine von biologischen Konsequenzen freie Sexualität für einen Gewinn halte, weil er uns moralisch befreit, das ist einer Idee geschuldet. Zu meinem rationalen Wissen aus dem Vergleich von Tatsachen gesellt sich nun eine Idee. Diese kommt nicht aus meinem Verstand. Denn es wäre irrational, etwas für gerecht zu halten, was dazu führt, dass ich selbst nicht existiere. Meiner Idee der Gerechtigkeit liegt ein Gefühl zugrunde. Aber dieses Gefühl wiederum entspringt einer Reihe von Tatsachen. Es sind Tatsachen, dass viele junge Frauen aufgrund der biologischen Konsequenz schwanger zu werden, in ein gesellschaftliches Abseits gedrängt wurden und sie in der Folge sogar zur Delinquenz gezwungen wurden. Entweder sie verheimlichten ihren Zustand, oder sie töteten das kleine Kind gleich nach der Geburt, oder sie gaben es weg, oder sie mussten in gesellschaftlich geächteten Berufen arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu fristen. Eine Befreiung der Sexualität durch Verhütung benötigt nicht nur eine Pille, sondern ein Bewusstsein dafür. So kann auch der Mann verhüten. Aldous Huxley hat dagegen schon früh einen dezenten Einspruch erhoben. In seinem Debütroman „Crome Yellow“, lässt er Mr. Scogan (eine Karikatur von Bertrand Russell) sagen: „Mit dem Grammophon, dem Kino und der Selbstladepistole hat die Göttin der angewandten Wissenschaft der Welt ein weiteres Geschenk gemacht, kostbarer als die genannten – nämlich die Möglichkeit, die Liebe von der Fortpflanzung zu trennen. …Die unpersönliche Zeugung wird an die Stelle des abstoßenden natürlichen Systems treten. In gewaltigen staatlichen Brutkästen werden endlose Reihen von Flaschen mit einer Lösung keimenden Lebens die Welt mit der erforderlichen Bevölkerung versorgen. Das Familiensystem wird verschwinden. Die an ihrer Basis unterminierte Gesellschaft wird sich neue Grundlagen suchen müssen, und Eros, in einer wunderbaren, aller Verantwortung ledigen Freiheit, wird wie ein Schmetterling durch eine sonnenbeschienene Welt von einer Blume zur andern flattern.“ Zuvor hatte  sich diese Gesellschaft auf dem Lande eine Schweinezucht angesehen. Und Scogan sagt: „Schauen Sie sich das an Sir.“, sagte er, mit der Hand auf die sich im Schmutz wälzenden Schweine weisend. „Man nennt sie mit Recht Schweine.“
„Mit Recht, allerdings“, stimmte ihm Mr. Wimbusch bei.
„Und gern würde ich mit dem gleichen Recht sagen können: Man nennt uns mit Recht Menschen.“
Später hat Huxley in seinem berühmten Roman „brave new world“ dieses System ausgebaut und in Mustafa Mond einen Weltcontroller geschaffen, der die befreite menschliche Sexualität unter staatliche Kontrolle brachte. Genau genommen war die restriktive Politik mit der junge ledige Frauen von der freien Sexualität ausgeschlossen wurden bereits eine Form der staatlichen Kontrolle von Sexualität. Nach 1972 und im Zuge der sexuellen Befreiung durch die 68er wurde die heilige Familie säkularisiert.

 

Streifschuss vom 13. Februar 19

 

Anlass: Thomas Bernhard schrieb ein Winterbuch (Frost) in der Badehose während der Hundstage im Hochsommer

 

Wir lesen – Sie schreiben

 

In seinem Vorwort zum „Sandbuch“ schreibt Jorge Luis Borges: Ich schreibe nicht für eine auserwählte Minderheit, an der mir nichts gelegen ist, noch für jene umschmeichelte platonische Wesenheit, deren Name ‚die Massen‘ lautet. Ich misstraue beiden dem Demagogen so teuren Abstraktionen. Ich schreibe für mich selber, für die Freunde und um das Verrinnen der Zeit weniger schmerzhaft zu verspüren.

Wer so geil schreibt wie Jorge Luis Borges, darf das sagen. Wenn ich das sage, klingt das irgendwie nach einer kleinbürgerlichen Rechtfertigung. Nun. Seit Jahren moderiere ich Literaturkreise und spreche über Literatur. Mir fällt auf, dass viele was von Literatur verstehen, aber kaum einer was vom Schreiben. Das meine ich jetzt – bitte, bitte, veniam in me -  gar nicht böse. Es ist mir nur aufgefallen. Wieso gibt es da eigentlich einen Unterschied? Was unterscheidet die Klugscheißer von denen die verzweifelt um Ausdruck ringen, und sich Tag für Tag, Nacht für Nacht Worte abpressen? Und noch interessanter: Was verbindet sie? Und was geschieht da eigentlich, wenn über Literatur gesprochen wird? Und was bedeutet es, wenn dabei selten bis gar nicht über das Schreiben gesprochen wird, wenn über Literatur gesprochen wird? Fragen über Fragen. Es bedeutet – so meine traurige Feststellung – dass das Buch ein Produkt ist und das Schreiben ein Tun. Und wer was tut, braucht am Ende ein Produkt. Das ist die Ideologie des Kapitalismus. Da ich auch kreative Schreibkurse gebe und mit Menschen zusammenkomme, die einfach gerne schreiben, zeigt sich: Es gibt ein Leben jenseits des Kapitalismus. Das ist schön, und eine Hoffnung auf die wir alle bauen sollten. Reden wir wieder mehr über den Prozess und weniger über das Produkt. Dann wird auch das Leben schöner. Du bist nicht, was du hast – du bist, was du tust. Darf man dann alles tun? Eben nicht. Wenn wir wieder darüber nachdenken, was wir tun und nicht darüber, was wir haben, dann werden wir auch wieder über das Tun selber nachdenken. Und dann hört der Scheiß auf, der oft geschrieben wird. Andererseits ist gerade das so geil am Kapitalismus, dass man alles schreiben, alles machen darf. Das ist eben Freiheit. Wir sollten mal darüber nachdenken, woher unsere Freiheit kommt und was es mit unserer Freiheit auf sich hat und darüber nachdenken, ob diese Art Freiheit die Freiheit ist, die wir wirklich wollten und ob wir wirklich wollen, dass diese Art der Freiheit beschränkt wird und wir wieder drüber nachdenken wollen, ob wir was tun müssen oder nicht?

 

 

Streifschuss vom 11. Februar 19

 

Anlass: Für die Erklärung mit Nichtwissen bestimmt § 138 Abs. 4 ZPO, dass sich eine Partei zulässigerweise nur über solche Tatsachen mit Nichtwissen erklären darf, die weder ihre eigenen Handlungen betreffen, noch Gegenstand ihrer eigenen Wahrnehmung gewesen sind

 

Was weiß denn ich?

 

Man weiß ja zu wenig, sagte eine Kursteilnehmerin, man sei schon froh wenn man weiß dass man nichts weiß. Und das ist gar nicht so einfach, antwortete ich, schließlich weiß man ja nie, was man nicht weiß, drum weiß man es ja auch nicht. Vorher stand ich im Bushäuschen beim Rauchen und zwei junge Männer unterhielten sich über etwas, was ich noch nie gehört hatte, „mit Wärmerückfluss“, sagte einer, „das ist ja auch nicht umsonst“, sagte der andere. Ich wusste nicht einmal wovon die beiden reden, er wusste sogar wie viel das kostet. Dabei sagen die Leute gerne von mir, ich sei sehr belesen. Im Grunde sterben wir alle dumm. Was nutzt mir schon der Stapel Bücher der sich vom Korridor bis zum Wohnzimmer unter die Decke sammelt? So viel Unwissen wird zum Problem, wenn man davon nichts weiß. Also sind es nicht die Bücher, die ich gelesen habe, sondern die Bücher die ich nicht gelesen habe, die schwer auf meinem Gewissen lasten. Und dann fängt man sich einen Porphyromonas gingivalis ein, der passiert vom Zahnfleisch aus die Blut-Hirn-Schranke und deine adaptive Mikroglia amöbisiert sich gerade im anderen Eck deines Hirns – und schon: Alzheimer!  Weg ist die ganze Scheiße! Jahrzehnte mühsamstes Lesen und in einem Jahr findet man nicht mal mehr das Buch dazu. Am Humor Gottes (der Natur oder wie man den ganzen Mist sonst so nennt) kann man da schon zweifeln. Das ist nicht lustig. Wenn man sich das Hirn weggesoffen hätte, wäre man wenigstens selbst schuld daran. Wissen ist Macht? Ich weiß nichts, macht nichts? Und dabei gibt es so viel erschreckende Dummheit die Macht ausübt. Macht das etwa auch nichts? Was ist das für eine Welt, in der harmlose Zahnfleischentzündungen ganze Welten zerstören können und Amöben ganze Welten regieren? Es wundert also nicht, wenn bärtige Nihilisten auf den Gedanken kommen, ihre Eltern dafür zu verklagen, dass sie ihn nicht um Erlaubnis gefragt haben vor der Insemination – die Antinatalisten haben ja auch irgendwie Recht. Diese Asymmetrie zwischen unserer Mühe am Leben und der Ignoranz des Lebens selbst an unserer Mühe ist doch die beste Erkenntnis, die ein Mensch noch haben kann. Ich weiß nichts und was kann ich schon wissen und was nutzt mir dann der ganze Müll? Gibt es ein Paradies kommt man auch ohne Lesen rein. In Eden links von Hawila und rechts von Kusch gibt es Gold oder Onyx aber keine Bibliothek. Amen…

 

Streifschuss
vom 08. Februar 19

 

Anlass:
der Fehlercode

 

Digitalismus

 

Meine mehrfachen verzweifelten Versuche, mich bei Elster zu registrieren, sind gescheitert. Ein besonders angenehmer menschlicher Charakterzug ist es, anderen ihre Fehler zu verzeihen. Der digitalen Welt fehlt dieser Charakterzug völlig. Die künstliche Intelligenz ist unbarmherzig und mit einem christlichen Weltbild nicht vereinbar. Gnadenlos weist mich die künstliche Intelligenz mit einer Fehlermeldung ab. Während die Sachbearbeiterin des Finanzamtes verständnisvoll und freundlich war; ebenso die Sachbearbeiterin der Elster-Hotline rücksichtsvoll und hilfsbereit, fehlte dem Programm jegliches Mitleid. Wäre es nicht irgendwie komisch und anthropomorphisierend, würde ich sagen: Das Elsterprogramm ist ein brutaler und inquisitorischer Korinthenkacker mit durch und durch zwanghaften Zügen. Niemand möchte so jemanden in seinem Bekanntenkreis haben.
Natürlich war ich einfach nur zu dumm. Meine digitale Hilflosigkeit, Unbeholfenheit und Lernschwäche interessierte das Programm nicht. Es meldete einen Fehler und wieder immer wieder einen Fehler. Ich sendete eine wütende Email mit Schimpfworten die ich an dieser Stelle nicht wiedergeben möchte. Keine Reaktion. Der Foltermeister bleibt eisern und stoisch. Ihn interessieren die Schreie des Gefolterten nicht im Geringsten. Sein Job ist es, die richtigen Antworten zu bekommen. Künstliche Intelligenz ist der perfekte Foltermeister und in seiner Unmenschlichkeit kann ihm kein Mensch das Wasser reichen. Die digitale Diktatur ist die schlimmste und unerbittlichste Diktatur, die der Mensch je in seiner Geschichte erlebte. Der Stecker muss irgendwann gezogen werden. Schon jetzt sitzen immer mehr Menschen in den Verwahranstalten, weil ihr Verstand durch digitale Folter zerstört wurde. Da die digitale Diktatur keine Fehlertoleranz hat, muss der digitale Revolutionär die Personifikation des Fehlers sein: Der Virus.

 

 

Streifschuss vom 28. Januar 19

 

Anlass: Ist der Quotient selber eine Zahl?

 

Versuch einer

dialektischen Fleischbeschau

 

Früher glaubte ich an die berühmte Aussage, es gäbe keine gestörten Persönlichkeiten, sondern nur gestörte Beziehungen. Inzwischen bin ich da skeptischer geworden. Eher glaube ich, es gibt deshalb so viele gestörte Beziehungen, weil es eben so viele gestörte Persönlichkeiten gibt. Jetzt ist das natürlich schwer zu beweisen. Wenn man mit dem Finger auf jemanden zeigt, tritt man durch diesen Finger schon wieder in eine Beziehung mit dem Bezeigten. Da könnte dann ein anderer kommen und sagen: „Also ich finde den gar nicht so gestört wie du.“
„Da haben sich wohl dann zwei Gestörte gefunden“, bliebe da nur noch zu sagen. So treten zwei gestörte Persönlichkeiten in eine gesunde Beziehung. Meine Beobachtungen schließen auch den Faktor Zeit mit ein. An manchen Tagen erscheinen mir die Menschen vielfach gestörter als an anderen Tagen. Trete ich an diesen Tagen in eine gestörte Beziehung zu diesen eigentlich gesunden Menschen, oder bin ich an diesen Tagen mental deutlich gesünder und erlebe die erhöhte Differenz zu den gestörten Menschen? Bin ich also im Laufe meines Lebens mental gesünder geworden und erkenne nun an, dass es viele von jeglicher Beziehung ganz unabhängige Gestörte gibt? Oder ist im Laufe meines Lebens meine Beziehung zu den Menschen immer gestörter geworden? Träfe Letzteres zu, dann könnte man immer noch vermuten, dass meine Beziehung zu den Menschen nun gestörter wurde, weil ich erkannte wie  gestört die meisten Menschen sind. Das klärt aber nicht, ob die vielen gestörten Menschen inzwischen auf mich derart abfärbten, dass ich auch gestört bin und damit auch die Beziehung, die ich mittlerweile zu ihnen habe. Ist es schon eine Störung, Gestörte zu erkennen? Wie können zwei Gesunde eine gestörte Beziehung haben? Denn wären sie wirklich gesund, würden sie das sofort erkennen und die Beziehung beenden. Eltern sind daher entweder gestörter als ihre Kinder oder die Kinder gestörter als ihre Eltern, Arbeitgeber gestörter als ihre Arbeitnehmer oder andersrum? Sind Untertanen eines Staates gestörter als ihre Herrscher, weil sie sich nicht von ihren Herrschern trennen? Oder sind beide gestört? Es geht hier nicht um tatsächliche Trennungen, sondern um die Absicht. Ein Kind, das die Absicht hat sich von den Eltern zu trennen ist vermutlich gesünder, als ein Kind das diese Absicht nicht verfolgt. Eltern, die ihre Kinder ins Heim bringen sind gesünder, als solche die es nicht tun. Oder eben wieder anders herum. Wer sich trennt ist nicht automatisch gesünder. Gesund sind nur die, die sich einvernehmlich trennen. Wenn das Kind und die Eltern einverstanden sind mit der Trennung. Wenn die Herrscher einverstanden sind mit den sich von ihnen lösenden Untertanen. Allerspätestens jetzt haben Sie sicher bemerkt, dass das Verhältnis selbst auch gestört sein kann. Und wenn nun sowohl das Verhältnis als auch die Einzelpersonen des Verhältnisses gestört sind erscheint das nach außen gesund. Nur wenn eine Seite des Verhältnisses gesund ist und die andere krank, dann fällt das auf. Und das ist des Rätsels Lösung. Es gibt einfach gestörte Menschen und sie treten in ein Verhältnis, eine Beziehung mit gesunden Menschen. Es ist eine Frage der Widerstandskraft bzw. der Verwundbarkeit der einzelnen Personen inwieweit sie sich von den gestörten Personen krank machen lassen. Aber auch gestörte Menschen erweisen sich als widerstandsfähig in ihrer Störung. Sie sind einfach nicht gesund zu kriegen. Nur schwache Gestörte können gesunden. Widerstandskraft (Resilienz), ist bei den Gesunden gesund und bei den Gestörten krank. Dagegen ist die Verwundbarkeit (Vulnerabilität) bei den Gestörten gesund, aber bei den Gesunden krank. Also: Was den Gesunden krank macht, macht den Kranken gesund. In vielen Beziehungen spielt sich genau dieses Drama ab. Da ringt der Gestörte mit dem Gesunden um das richtige Medikament in der richtigen Dosis. Der Mediziner schaut zu und er würde es sich einfach zu leicht machen, wenn er das alles nur auf die Beziehung selbst schieben würde. Darin sind schon die Alchimisten gescheitert, die im Verhältnis selbst den Stein der Weisen vermuteten. Nur dumme Köche glauben, das verdorbene Fleisch sei nur schlecht gewürzt.

 

Streifschuss vom 25. Januar 19

 

Anlass: Es sind doch nur ein paar Hanseln, die mich kritisieren. - Otto Schily 2005

 

Aus dem Bauch heraus

 

Eine der großen Geiseln der Menschheit ist ja die Lüge. Da aber so wenig Menschen die Wahrheit kennen, hat die Lüge meist ein leichtes Spiel. Eine besondere Spielart des Menschheitsdramas um die Wahrheit hat in letzter Zeit eine gewisse Hochkonjunktur. Es sind die ungewollten Fürsprecher. Solche, die einem aus den falschen Gründen Recht geben. So ging es vor Kurzem dem ehemaligen Handball-Star Stefan Kretschmar, als er in einem Interview für t-online meinte, dass heute kaum noch ein Sportler eine kritische Meinung äußere, sondern meist im Mainstream. Daraufhin bekam er mit der AFD ungewollte Fürsprecher und stand plötzlich in der rechten Ecke. Kretschmar musste notgedrungen in den Rechtfertigungsmodus wechseln. Es ist ein medienpolitisches Lehrstück in vielerlei Hinsicht. Es war noch nie so, dass eine kritische Äußerung Begeisterungsstürme auslöst. Warum? Würde alle Welt meiner kritischen Äußerung zustimmen, wäre es dann nicht schon wieder Mainstream? Nehmen wir den einfachen Satz „Morgen geht die Sonne auf.“ In einer Welt der Skeptiker würde man mich für diesen Satz schelten. Er sei ein bloßer Erfahrungssatz, es gäbe keinerlei wissenschaftliche Grundlage Gewissheiten über die Zukunft zu äußern, selbst die Existenz der Sonne entspring nur einer konstruierten Vorstellung unseres Gehirns, das einfach nicht begreifen könne, dass die Karte nicht das Gebiet ist. Da wir aber in einer Welt leben mit hauptsächlich sehr gutgläubigen Menschen, sorgt der Satz „Das Universum existiert nicht“, für mediale Aufregung. Wir leben in einer Demokratie, mit einem Grundgesetz und dem darin in Artikel 5 garantierten Recht auf freie Meinungsäußerung. Beleidigungen zu äußern oder kränkende Gerüchte zu verbreiten gehört nicht dazu. Wenn ich mit meiner Meinung die öffentliche Sicherheit gefährde, kommt auch die Polizei. Wenn ich an die Jugend rassistische Lehrbücher ausgebe, dann gilt das auch nicht als eine kritische Meinung. Was also meint Kretschmar wirklich? Auf welche Äußerungen von welchen Sportlern aus der Vergangenheit bezieht er sich? Und was findet die AFD eigentlich gut daran, wenn einer sich kritisch äußert? Sport ist leider nicht immer gesund. Vor allem leidet darunter unser wichtigstes Denkorgan. Das war jetzt eine kritische Meinung gegen den Mainstream. Denn nahezu keiner wagt es mehr zu behaupten, Sport mache uns krank. Aber ich darf das äußern. Wenn nun eine große Zahl Menschen empört meine Meinung zurückweist, mir Gesundheitsstatistiken vorlegt und die Wahrheit ins Feld führt, dann muss ich meine kritische Äußerung eben verifizieren. Das nennt man dann Diskurs. Und eine kritische Äußerung ist damit ein wesentlicher Faktor der gemeinsamen Urteilsbildung. Wer also den Wind sät, erntet gewöhnlich den Sturm. Was Stefan Kretschmar – wenn ich mal gutmütig sein Fürsprecher sein darf – kritisiert, ist die derzeitige Wetterlage. Vor allem die AFD furzt viel stinkende Luft in die Welt und reflexartig erzeugt jeder AFD-Furz einen Sturm der Entrüstung. Hier werden die diversen Fürze nicht mehr ausreichend differenziert. Wer heute einen Furz lässt, stinkt. Heute? Also nach meiner Meinung haben Fürze von jeher gestunken. Die Frage ist also eher, muss das raus? Stinkende Fürze, die Flatulenz, sind in der Medizin oft Vorbote einer Aszites (früher Wassersucht genannt). Erst der Wind, dann der Regen. Der Sturm vertreibt die Wolken. Wenn die Medien also auf jeden Furz hysterisch reagieren, dann ist das ein immunologischer Instinkt. Es bringt natürlich auch nichts, die Fürze zurückzuhalten. Da bläht sich nur der Bauch auf. In der Regel helfen so genannte Karminativa. Sie entspannen die glatte Bauchmuskulatur. Entspannung hilft.  Wer unter stinkender Flatulenz leidet, braucht dringend ein entspannendes Kamillenbad. Ob aber Bauchpinselei die AFD von ihren stinkenden Fürzen kuriert?  Ich fürchte eher, dass die AFD inzwischen ein systemisches Syndrom sind. Jeden Furz auf seinen Stinkegrad zu untersuchen, ist daher nicht mehr zielführend. In der alten Medizin gibt es die Whipple-OP. Da räumt man chirurgisch den Bauchraum großflächig aus. Leider ist die Überlebensrate nicht vielversprechend.
Kritik ist ein aus dem griechischen abgeleitetes französisches Wort. Ursprünglich bedeutet es „trennen“. Es geht also nicht um freie Meinungsäußerung, sondern darum, ob wir uns von gewissen Meinungen endlich trennen. Der Gegenbegriff zu Kritik ist das Lob. Lobet den Herrn oder wie Sie heißen.

 

Streifschuss

vom 15. Januar 19

 

Anlass: Ein privater Diskurs und eine Anregung aus den Medien

 

Wer hat schon Angst vor Hasen?

 

Neulich saß ich mit einer Freundin in einer Theaterlounge und die Freundin meinte, dass ich doch engagierte Literatur schreiben würde, dass ich etwas verändern wollte und auch um Wahrheiten kämpfte. Ich widersprach ihr leidenschaftlich. Da ich im Augenblick in dieser Theaterlounge eigentlich gar nichts wollte, gelang es mir gut, ihr und letztlich mir selbst zu widersprechen. So weit, so gut. Und gestern sah ich – von einem Seminar kommend - an der U-Bahnhaltestelle zum Odeonsplatz eine Werbetafel der Süddeutschen Zeitung mit dem Text: Gute Nachricht für die Demokratie: Die Wahrheit ist nicht verhandelbar. Während ich langsam weiter schlenderte, dachte ich, dass dieser Anspruch problematisch ist und vielleicht sogar die Demokratie gefährdet. Kaum hatte ich das gedacht, sah ich ein weiteres Plakat, auf dem ich folgenden Text las: Jenseits von richtig oder falsch gibt es einen Ort. Hier können wir uns begegnen. Dieser Satz des persischen Sufi-Mystikers Rumi bewarb ein Kinotheater. Der Widerspruch in den beiden Aussagen - auf den nur wenige Meter voneinander entfernten Werbetafeln - symbolisiert den zentralen Konflikt der spätmodernen Medienlandschaft. 

Aber weiter? Wie weiter? Schließlich glauben alle Leute es gäbe eine objektive Wahrheit. Trotz 300 Jahre Konstruktivismus seit Kant.

Jedenfalls passte es zu dem oben erwähnten Thema in der Theaterlounge. Und es passte auch zu dem Thema, das ich gerade zuvor im Seminarraum diskutierte: den Konflikt zwischen Sensualisten und Idealisten (so vor 200 Jahren die Bezeichnungen), die Sensualisten hielten das Hirn für ein Audienzzimmer (David Hume), das nur durch die äußere Wirklichkeit gefüttert wird,  und die Idealisten hielten die Wirklichkeit für ein nicht erkennbares Ding an sich (Kant), das vom Hirn konzeptioniert wird. Im 20. Jahrhundert gab es das auch, als Konflikt zwischen den Behavioristen und den Tiefenpsychologen. Die Behavioristen hielten das Gehirn für eine Black Box und der Mensch konnte nur an seinem äußeren Reaktionen auf Reize verstanden werden, während die Tiefenpsychologen hofften, dass Träume und Selbstkonzepte zu Erkenntnis führen könnten. Und heute gibt es das wieder zwischen den Konstruktivisten, die von Viabilität sprechen und damit meinen, dass wir uns die Welt passend machen und der Gruppe des „Neuen Realismus“, die von Sinnfeldern sprechen und glauben, dass es erkennbare objektive und subjektive Tatsachen gibt.

Ich würde sagen, dass jede Wahrheit ab einer bestimmten Komplexität dazu neigt, sich so oder so zu präsentieren. Und das ist echt ein Problem. Immer öfter weiche ich ab von meinen Prinzipien, weil ich Rumi verstehe und lieber eine Begegnungsstätte haben möchte, als eine scheiß Wahrheit. Es ist mir eigentlich egal, ob die Welt so ist oder so ist. So will ich die Welt auch nicht passend haben. Ich schreibe also gar nicht, weil ich um eine Wahrheit streite, sondern weil ich um Begegnung werbe. Alles daran ist also ein sublimierte Kommunikation und pure Lust am Gespräch. Und mit den Jahren werde ich auch biegsamer. Während also die somatische Arthrose fortschreitet, weicht der Geist auf, wird elastischer. So ist der finale Satz in Goethes Faust vom mystischen Chor „alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“ kein konstruktivistischer Satz, sondern ein optionaler Möglichkeitsraum der Begegnung. Es ist eben dies das Schöpferische, dass wir uns im Ringen um die Wahrheit erst begegnen und sinnlich erfahren, um geistig zu wachsen.

 

Streifschuss vom 08. Januar 2019

 

Anlass:  Zitat zu lat. citāre „in Bewegung setzen, vorladen“, vgl. „jemanden vor Gericht zitieren“

 

 

 

Hauptstadt der Mythen

 

Ja formell betrachtet, ist selbst ein schlechter Einfall, wie er dem Menschen wohl durch den Kopf geht, höher als irgendein Naturprodukt, schrieb Hegel einmal in seinen Ästhetik-Vorlesungen zur Widerlegung einiger Vorwürfe gegen die Philosophie der Kunst. Nun verteidigt sich der unter dem Verdacht der Geschichtsfälschung stehende Robert Menasse nicht gerade hegelianisch. Aber mal ehrlich: Bevor Menasse Hallstein falsch zitierte, hat kaum noch einer an diesen alten, ersten EU-Kommissar gedacht. Dank Menasse und vor allem dank seiner Geschichtsfälschungen weiß wieder fast jeder, wer Walter Hallstein war. Damit rücken wir 60 Jahre zurück und bemerken, wie uns vor lauter unter den Teppichkehren der Vergangenheit in den ersten Jahren danach die Gegenwart entschlüpfte. Ja wo hat denn nun dieser Hallstein seine EU-Antrittsrede überhaupt gehalten? Hat er sie überhaupt gehalten…?  Lebt noch einer, der dabei war? Oder waren das schon damals alte, weiße Männer? Das allein sind schon Ansätze eines Streifschusses. Immerhin war Walter Hallstein, dieser erste EU-Chef Mitglied der NSV, der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und Mitglied des NS-Dozentenbundes (Quelle: Ernst Klee Personenlexikon zum Dritten Reich). Klar war Hallstein kein strammer Nazi. Aber er war auch kein Widerstandskämpfer. Als er gestern vor 61 Jahren zum Präsidenten einer noch kleinen EU wurde, wurde er zum Chef einer Wirtschaftsorganisation zur Förderung von Kohle und Stahl. Mehr war das alles nicht. Ein schöner Traum von Robert Menasse, Europa als Antwort: Nie wieder Ausschwitz. So funktioniert Aufklärung. Mythen zerschellen an den banalen Realitäten. Was die Kunstmenschen von je verzweifeln lässt. Denn Mythen gründen gehört zum Geschäft der Kunst. Und zum Teil sind die Kunstmenschen selbst die Zerstörer ihrer eigenen gebastelten Mythen. Also: Europa ist keine Supranation zur Verhinderung böser Nazis, sondern schlicht das, was es eben ist. Eine Organisation zur Steuerung nationaler Interessen. Das macht Europa als Institution nicht weniger wichtig. Die Frage ist also: Brauchen wir solche Mythen die uns die Welt erklären? Oder genügt uns schlicht die Welt als Erklärung? Menasse ist insofern ein Bauernopfer im Diskurs des schon lange tobenden Streits zwischen Göttern und Menschen. Walter Hallstein war kein Gott. Europa war keine phönizische Königstochter, die Zeus in der Gestalt eines Stiers nach Kreta entführte. Auch im Abendland (phönizisch „erob“ für Abend, Westen) geht jeden Morgen die Sonne auf. Es klart auf und wir sind aufgeklärt.

 

Streifschuss vom 07. Januar 2019

 

Anlass: Der erste seiner Art vor zehn Jahren verfasst

 

Schlicht und einfach:

„Glosse“ genannt

 

Stellen Sie sich vor, wir wären alle Millionäre. Ihr Nachbar: Millionär, ihr Bäcker: Millionär, sogar ihr Postbote, ihre Putzfrau, der Mann der eben auf dem Gerüst vor ihrem Haus steht und die Außenwände streicht, alles Millionäre! Tolle Vorstellung. Wir müssten alle sehr glücklich sein, oder? Am Morgen stehen Sie auf und wollen in die Arbeit gehen. Aber irgendwie fehlt ihnen der Antrieb. Warum? Sie sind doch Millionär, was jammern Sie rum? Ihr Chef ist auch Millionär! Ihre Sekretärin? Auch Millionär. Irgendwie ist eine Lähmung eingetreten. Der Bäckerladen hat längst geschlossen: Für unbestimmte Zeit verreist, steht an der verrammelten Tür. Der Postbote kommt nur gelegentlich und wenn er kommt, ist er irgendwie mürrisch. Der Rotaryclub Deutschland feiert etwas lethargisch, die Clubmitglieder innerlich ausgebrannt, man spricht schon vom Millionärs-Burnout. Deprimiert sitzen Sie an Ihrem reich gedeckten Frühstückstisch. Der Ferrari vor der Garage? Lange nicht mehr bewegt. Was soll's. Das Kaviarbrötchen schmeckt fade. In die Oper? Keine Lust. Die Golfschläger? Alle im Keller verstaut. Zero coping mechanism, stöhnen Sie, schalten das Radio ein und hören nun die überraschenden Nachrichten.

 

Gott sei Dank: Es war nur eine Horrorvorstellung. Deutschland ist in Wirklichkeit ein armes Land! Weit entfernt davon, dass wir alle Millionäre wären. Die Stimme des Nachrichtensprechers beruhigt Sie: Auf dem "human development index", den die Vereinten Nationen herausgeben und der den Entwicklungsstand eines Landes anzeigt, liegt Deutschland nur auf Platz 19. Weit, sehr weit hinter Norwegen, einem kalten, deprimierenden Land mit einem der höchsten Prokopfeinkommen, ein Land in dem man Bokmal und Samisch spricht und die Hauptstadt grade mal 500.000 Einwohner hat.

 

Wirklich? Ist das nicht herrlich?, sagen Sie und beobachten, wie das Kaviarbrötchen zum Marmeladetoast wird, der Ferrari zur Monatsfahrkarte der U-Bahn, die Golfschläger im Keller zu alten, unbrauchbaren Ikeabrettern. Sie lächeln nun, von wegen Opernkarte, nicht mal Kino ist zur Zeit drin. Sie stehen auf und gehen nun doch beschwingt, sehr beschwingt zur Arbeit.

Dem Herrn sei Dank: Sie sind arm, aber glücklich. Die Sache mit den Millionären war

eben nur ein böser Alptraum, den man am Morgen dann noch in den Gliedern spürt.

Arme reiche Norweger, denken Sie noch, als Sie in die U-Bahn steigen. Sie wissen noch nicht, dass heute sogar Ihr Glückstag ist! Ihre Kündigung liegt bereits auf dem Tisch ihres Chefs. Ihr Chef ist Millionär und zieht nach Rumänien. Der arme Kerl denken Sie, schließlich haben Sie den Alptraum noch gut in Erinnerung.

Good old Germany - arm aber glücklich.

 

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Arwed Vogel

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