Literaturprojekt
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Neue Streifschüsse

wann immer nötig (im Schnitt einer pro Woche)

 

schnell und aus der Hüfte geschossen

 

 

Streifschuss

vom 15. Januar 19

 

Anlass: Ein privater Diskurs und eine Anregung aus den Medien

 

Wer hat schon Angst vor Hasen?

 

Neulich saß ich mit einer Freundin in einer Theaterlounge und die Freundin meinte, dass ich doch engagierte Literatur schreiben würde, dass ich etwas verändern wollte und auch um Wahrheiten kämpfte. Ich widersprach ihr leidenschaftlich. Da ich im Augenblick in dieser Theaterlounge eigentlich gar nichts wollte, gelang es mir gut, ihr und letztlich mir selbst zu widersprechen. So weit, so gut. Und gestern sah ich – von einem Seminar kommend - an der U-Bahnhaltestelle zum Odeonsplatz eine Werbetafel der Süddeutschen Zeitung mit dem Text: Gute Nachricht für die Demokratie: Die Wahrheit ist nicht verhandelbar. Während ich langsam weiter schlenderte, dachte ich, dass dieser Anspruch problematisch ist und vielleicht sogar die Demokratie gefährdet. Kaum hatte ich das gedacht, sah ich ein weiteres Plakat, auf dem ich folgenden Text las: Jenseits von richtig oder falsch gibt es einen Ort. Hier können wir uns begegnen. Dieser Satz des persischen Sufi-Mystikers Rumi bewarb ein Kinotheater. Der Widerspruch in den beiden Aussagen - auf den nur wenige Meter voneinander entfernten Werbetafeln - symbolisiert den zentralen Konflikt der spätmodernen Medienlandschaft. 

Aber weiter? Wie weiter? Schließlich glauben alle Leute es gäbe eine objektive Wahrheit. Trotz 300 Jahre Konstruktivismus seit Kant.

Jedenfalls passte es zu dem oben erwähnten Thema in der Theaterlounge. Und es passte auch zu dem Thema, das ich gerade zuvor im Seminarraum diskutierte: den Konflikt zwischen Sensualisten und Idealisten (so vor 200 Jahren die Bezeichnungen), die Sensualisten hielten das Hirn für ein Audienzzimmer (David Hume), das nur durch die äußere Wirklichkeit gefüttert wird,  und die Idealisten hielten die Wirklichkeit für ein nicht erkennbares Ding an sich (Kant), das vom Hirn konzeptioniert wird. Im 20. Jahrhundert gab es das auch, als Konflikt zwischen den Behavioristen und den Tiefenpsychologen. Die Behavioristen hielten das Gehirn für eine Black Box und der Mensch konnte nur an seinem äußeren Reaktionen auf Reize verstanden werden, während die Tiefenpsychologen hofften, dass Träume und Selbstkonzepte zu Erkenntnis führen könnten. Und heute gibt es das wieder zwischen den Konstruktivisten, die von Viabilität sprechen und damit meinen, dass wir uns die Welt passend machen und der Gruppe des „Neuen Realismus“, die von Sinnfeldern sprechen und glauben, dass es erkennbare objektive und subjektive Tatsachen gibt.

Ich würde sagen, dass jede Wahrheit ab einer bestimmten Komplexität dazu neigt, sich so oder so zu präsentieren. Und das ist echt ein Problem. Immer öfter weiche ich ab von meinen Prinzipien, weil ich Rumi verstehe und lieber eine Begegnungsstätte haben möchte, als eine scheiß Wahrheit. Es ist mir eigentlich egal, ob die Welt so ist oder so ist. So will ich die Welt auch nicht passend haben. Ich schreibe also gar nicht, weil ich um eine Wahrheit streite, sondern weil ich um Begegnung werbe. Alles daran ist also ein sublimierte Kommunikation und pure Lust am Gespräch. Und mit den Jahren werde ich auch biegsamer. Während also die somatische Arthrose fortschreitet, weicht der Geist auf, wird elastischer. So ist der finale Satz in Goethes Faust vom mystischen Chor „alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“ kein konstruktivistischer Satz, sondern ein optionaler Möglichkeitsraum der Begegnung. Es ist eben dies das Schöpferische, dass wir uns im Ringen um die Wahrheit erst begegnen und sinnlich erfahren, um geistig zu wachsen.

 

Streifschuss vom 08. Januar 2019

 

Anlass:  Zitat zu lat. citāre „in Bewegung setzen, vorladen“, vgl. „jemanden vor Gericht zitieren“

 

 

 

Hauptstadt der Mythen

 

Ja formell betrachtet, ist selbst ein schlechter Einfall, wie er dem Menschen wohl durch den Kopf geht, höher als irgendein Naturprodukt, schrieb Hegel einmal in seinen Ästhetik-Vorlesungen zur Widerlegung einiger Vorwürfe gegen die Philosophie der Kunst. Nun verteidigt sich der unter dem Verdacht der Geschichtsfälschung stehende Robert Menasse nicht gerade hegelianisch. Aber mal ehrlich: Bevor Menasse Hallstein falsch zitierte, hat kaum noch einer an diesen alten, ersten EU-Kommissar gedacht. Dank Menasse und vor allem dank seiner Geschichtsfälschungen weiß wieder fast jeder, wer Walter Hallstein war. Damit rücken wir 60 Jahre zurück und bemerken, wie uns vor lauter unter den Teppichkehren der Vergangenheit in den ersten Jahren danach die Gegenwart entschlüpfte. Ja wo hat denn nun dieser Hallstein seine EU-Antrittsrede überhaupt gehalten? Hat er sie überhaupt gehalten…?  Lebt noch einer, der dabei war? Oder waren das schon damals alte, weiße Männer? Das allein sind schon Ansätze eines Streifschusses. Immerhin war Walter Hallstein, dieser erste EU-Chef Mitglied der NSV, der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und Mitglied des NS-Dozentenbundes (Quelle: Ernst Klee Personenlexikon zum Dritten Reich). Klar war Hallstein kein strammer Nazi. Aber er war auch kein Widerstandskämpfer. Als er gestern vor 61 Jahren zum Präsidenten einer noch kleinen EU wurde, wurde er zum Chef einer Wirtschaftsorganisation zur Förderung von Kohle und Stahl. Mehr war das alles nicht. Ein schöner Traum von Robert Menasse, Europa als Antwort: Nie wieder Ausschwitz. So funktioniert Aufklärung. Mythen zerschellen an den banalen Realitäten. Was die Kunstmenschen von je verzweifeln lässt. Denn Mythen gründen gehört zum Geschäft der Kunst. Und zum Teil sind die Kunstmenschen selbst die Zerstörer ihrer eigenen gebastelten Mythen. Also: Europa ist keine Supranation zur Verhinderung böser Nazis, sondern schlicht das, was es eben ist. Eine Organisation zur Steuerung nationaler Interessen. Das macht Europa als Institution nicht weniger wichtig. Die Frage ist also: Brauchen wir solche Mythen die uns die Welt erklären? Oder genügt uns schlicht die Welt als Erklärung? Menasse ist insofern ein Bauernopfer im Diskurs des schon lange tobenden Streits zwischen Göttern und Menschen. Walter Hallstein war kein Gott. Europa war keine phönizische Königstochter, die Zeus in der Gestalt eines Stiers nach Kreta entführte. Auch im Abendland (phönizisch „erob“ für Abend, Westen) geht jeden Morgen die Sonne auf. Es klart auf und wir sind aufgeklärt.

 

Streifschuss vom 07. Januar 2019

 

Anlass: Der erste seiner Art vor zehn Jahren verfasst

 

Schlicht und einfach:

„Glosse“ genannt

 

Stellen Sie sich vor, wir wären alle Millionäre. Ihr Nachbar: Millionär, ihr Bäcker: Millionär, sogar ihr Postbote, ihre Putzfrau, der Mann der eben auf dem Gerüst vor ihrem Haus steht und die Außenwände streicht, alles Millionäre! Tolle Vorstellung. Wir müssten alle sehr glücklich sein, oder? Am Morgen stehen Sie auf und wollen in die Arbeit gehen. Aber irgendwie fehlt ihnen der Antrieb. Warum? Sie sind doch Millionär, was jammern Sie rum? Ihr Chef ist auch Millionär! Ihre Sekretärin? Auch Millionär. Irgendwie ist eine Lähmung eingetreten. Der Bäckerladen hat längst geschlossen: Für unbestimmte Zeit verreist, steht an der verrammelten Tür. Der Postbote kommt nur gelegentlich und wenn er kommt, ist er irgendwie mürrisch. Der Rotaryclub Deutschland feiert etwas lethargisch, die Clubmitglieder innerlich ausgebrannt, man spricht schon vom Millionärs-Burnout. Deprimiert sitzen Sie an Ihrem reich gedeckten Frühstückstisch. Der Ferrari vor der Garage? Lange nicht mehr bewegt. Was soll's. Das Kaviarbrötchen schmeckt fade. In die Oper? Keine Lust. Die Golfschläger? Alle im Keller verstaut. Zero coping mechanism, stöhnen Sie, schalten das Radio ein und hören nun die überraschenden Nachrichten.

 

Gott sei Dank: Es war nur eine Horrorvorstellung. Deutschland ist in Wirklichkeit ein armes Land! Weit entfernt davon, dass wir alle Millionäre wären. Die Stimme des Nachrichtensprechers beruhigt Sie: Auf dem "human development index", den die Vereinten Nationen herausgeben und der den Entwicklungsstand eines Landes anzeigt, liegt Deutschland nur auf Platz 19. Weit, sehr weit hinter Norwegen, einem kalten, deprimierenden Land mit einem der höchsten Prokopfeinkommen, ein Land in dem man Bokmal und Samisch spricht und die Hauptstadt grade mal 500.000 Einwohner hat.

 

Wirklich? Ist das nicht herrlich?, sagen Sie und beobachten, wie das Kaviarbrötchen zum Marmeladetoast wird, der Ferrari zur Monatsfahrkarte der U-Bahn, die Golfschläger im Keller zu alten, unbrauchbaren Ikeabrettern. Sie lächeln nun, von wegen Opernkarte, nicht mal Kino ist zur Zeit drin. Sie stehen auf und gehen nun doch beschwingt, sehr beschwingt zur Arbeit.

Dem Herrn sei Dank: Sie sind arm, aber glücklich. Die Sache mit den Millionären war

eben nur ein böser Alptraum, den man am Morgen dann noch in den Gliedern spürt.

Arme reiche Norweger, denken Sie noch, als Sie in die U-Bahn steigen. Sie wissen noch nicht, dass heute sogar Ihr Glückstag ist! Ihre Kündigung liegt bereits auf dem Tisch ihres Chefs. Ihr Chef ist Millionär und zieht nach Rumänien. Der arme Kerl denken Sie, schließlich haben Sie den Alptraum noch gut in Erinnerung.

Good old Germany - arm aber glücklich.

 

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