Literaturprojekt
Literaturprojekt

 Im Laufe des Jahres stelle ich alle meine literarischen Besprechungen hier ins Netz. Das sind inzwischen ca. 1000 Seiten

Erste Chronik aus dem Jahr 2010 (Freising)

 

Herta Müller
Atemschaukel
erschienen im Hanser Verlag 24. Auflage 2009

Herzschaufeln
Herzschaufel ist ein Terminus technicus aus dem Gartenbau, auch bekannt als „Stalins-Herz-Schaufel“

Aufgrund der Politik von Wladimir Putin und seinen Bestrebungen, Russland erneut zur Großmacht zu machen, erlebt auch die Sicht auf Stalin eine positive Renaissance. Der langjährige Diktator ist heute wieder zu einer vielfach geachteten Person geworden. In einer Umfrage des russischen Fernsehens wäre er vor kurzem beinahe zur wichtigsten Figur der russischen Geschichte gewählt worden.
Zuletzt verklagte der in Georgien lebende Stalin-Enkel Jewgeni Dschugaschwili die russische Tageszeitung "Nowaja Gaseta", die über die Massenmorde des Diktators berichtete.  Jewgeni Dschugaschwili wollte die Ehre seines Großvaters wieder herstellen. Aber das Moskauer Basmanny-Gericht - das sonst eher durch Verfolgung von Regimekritikern bekannt ist - wies die Klage ab. Nun darf man Stalin auch offiziell einen Mörder nennen.

Die Banater Schwäbin und Tochter eines Soldaten der Waffen SS Herta Müller (1953 in Nitzkydorf, Rumänien zur Welt gekommen) erlebte den Terror auf besondere Weise. Ende der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts arbeitete sie als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik. Der rumänische Geheimdienst Securitate versuchte, sie als Informantin anzuwerben. Herta Müller weigerte sich. Doch von ihrer eigenen Freundin wurde dann in der Fabrik das Gerücht verbreitet, sie würde für die Securitate arbeiten.  Ende 1990 wurde dieser Geheimdienst aufgelöst. Er hatte zu dieser Zeit 40000 offizielle und 400000 inoffizielle Mitarbeiter. [1]
1987 reist Herta Müller mit ihrem damaligen Ehemann Richard Wagner[2] in die Bundesrepublik Deutschland aus. 2009 wird ihr, über ein Grenzgänger Stipendium der Robert Bosch Stiftung geförderter Roman „Atemschaukel“ für den deutschen Buchpreis nominiert, und am 10. Dezember 2009 erhält die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin den Literaturnobelpreis.

Geschichtlicher Hintergrund und Stoffgrundlage des Romans „Atemschaukel“ von Herta Müller sind den Lesern dieser Zeitung vertraut, denn es dürfte kaum eine Familie geben, die von der fünfjährigen Deportation (1945 – 1949) der arbeitsfähigen deutschen Zivilbevölkerung Rumäniens zwischen 17 und 45 Jahren in sowjetische Arbeitslager nicht betroffen gewesen wäre, schrieb die Siebenbürgische Zeitung im September 2009 über den Roman.
Herta Müller reiste gemeinsam mit Oskar Pastior 2004 an die Lagerorte in der Ukraine nach Kriwoj rog und Gorlowka. Schon seit 2001 zeichnete sie Erinnerungen von Betroffenen auf und traf sich mit Oskar Pastior (selbst fünf Jahre in einem Arbeitslager deportiert gewesen) wöchentlich zu Schreibterminen, wie sie es im Nachwort erwähnt. Eigentlich wollte sie das Buch denn auch zusammen mit dem Lyriker Oskar Pastior (1927 – 2006) schreiben, doch nach seinem Tod am 4. Oktober 2006 verfasste sie den Roman allein.

Icherzähler des Romans ist der homosexuelle Leopold Auberg, der im Alter von 17 Jahren in das Arbeitslager Nowo-Gorlowka deportiert wird. Hier spielt der Großteil des Romans. Grauenvolle Arbeitsbedingungen, Folter, permanenter Hunger und ständig den Tod vor Augen. Wie leicht könnte Sprache da abgleiten in einen larmoyanten Pathos, wie leicht versagen, an diesem „Nullpunkt des Unsagbaren“.  Michael Lenz bescheinigt in der FAZ Herta Müller ein „hochartifizielles wie wirklichkeitssensibles Sprachbewusstsein“. „Dieses Buch, schreibt Lenz weiter, „kann und will keine Dokumentation, kein historischer Roman sein und ist schon gar nicht einem naiven Abbildrealismus verpflichtet.“
Wenn der Himmel ins Gras fällt in der Hautundknochenzeit, denn der Hungerengel denkt richtig, er ist aus demselben Fleisch, das er betrügt. Ein Schaufelhub = 1 Gramm Brot, dann kann man nicht anders, als den „Viehwaggonblues“ zu singen. „Im Walde blüht der Seidelbast, / im Graben liegt noch Schnee, / dass du mir heut geschrieben hast, / das Brieflein tut mir weh.“ Fünf Jahre lang singen die Frauen im Lager diesen Blues. Es ist die erste Strophe eines Hermann Hesse Gedichtes. Auch Leopold Auberg bekommt einen Brief - von seiner Mutter, den einzigen in fünf Lagerjahren. Es steht nichts weiter darauf, als das Geburtsdatum seines Bruders, des „Ersatzkindes“.

Von einer seltsamen Liebe zu einer Kuckucksuhr bis zur Schmerzensmetapher für die ein roter Seidenschal dient: Die Geschichten werden in einer unverbrauchten Sprache erzählt, wie selten in deutscher Prosa. Es gibt Wortneuschöpfungen von geradezu bestechender Einfachheit, dass man denkt: Warum hat man das nicht schon immer so benutzt. Tageslichtvergiftung wäre eines davon. Oder der Schneeverrat der Trudi Pelikan, die so einfache und brillante Feststellung, dass sich Spuren im Schnee einfach nicht mehr verbergen lassen. Man kann sie nicht so verwischen, dass sie unkenntlich sind.  Oder Sätze wie: Dort schauen uns die Berge von oben durch den Kopf, bis wir sterben. Gemeint ist das Dorf Lugi bei Kaschau, aus dem die Bea Zekel stammt.
Oder der grausige Tod der Irma Pfeifer: „Wir sind mit Schaufeln und Holzlatten zur Mörtelgrube gerannt, nicht schnell genug, der Bauleiter stand schon da. Wir mussten alles aus den Händen fallenlassen. Ruki na sad, Hände auf den Rücken – mit einer erhobenen Schaufel hat er uns gezwungen, tatenlos in den Mörtel zu schauen.
Die Irma Pfeifer lag mit dem Gesicht nach unten, der Mörtel machte Blasen. Erst schluckte der Mörtel ihre Arme, dann schob sich die graue Decke bis zu den Kniekehlen hoch. Ewig lang, ein paar Sekunden, wartete der Mörtel mit gekräuselten Rüschen. Dann schwappte er mit einem Mal bis zur Hüfte. Zwischen Kopf und Mütze wackelte die Brühe. Der Kopf sank und die Mütze hob sich. Mit den gespreizten Ohrenklappen trieb die Mütze langsam an den Rand wie eine aufgeplusterte Taube. Der Hinterkopf, kahlgeschoren mit den verkrusteten Läusebissen, hielt sich noch oben wie eine halbe Zuckermelone. Als auch der Kopf geschluckt war, nur noch der Buckel herausschaute, sagte der Bauleiter: Schalko, otschin Schalko.“ (Seite 68)

Besonders beeindruckend ist die Erzählung über die Planton-Kati, die sich dem Lager durch Flucht in den Wahnsinn entzieht.  Oder die Erzählung „Der Gehstock“. Hier ist Leopold Auberg bereits zurückgekehrt. Er beobachtet einen Jungen, der Tauben füttert – mit weißen Dahlien. Immer wieder picken die Tauben die Dahlien auf und lassen sie wieder fallen, vergessen, und picken wieder. „Wie lange glaubte ihr Hunger, aus Dahlien wird Brot.“

Die Rückkehr des Leopold Auberg aus fünf Lagerjahren werden für ihn zum Schreibanstoß: „Am nächsten Tag war Sonntag. Ich fing an, in das Diktandoheft zu schreiben. Das erste Kapitel hieß VORWORT.Es begann mit dem Satz: Wirst du mich verstehen, Fragezeichen.“ Doch später streicht er VORWORT und schreibt stattdessen NACHWORT. „Es war das große innere Fiasko, dass ich jetzt auf freiem Fuß unabänderlich allein und für mich selbst ein falscher Zeuge bin“, fügt er der Streichung hinzu. Nichts ist mehr so, wie es war. Eine Rückkehr aus dem Arbeitslager kann es nicht geben. Das Lager bleibt in einem, wie der „Hungerengel“ geht es nicht mehr fort.

 „Im Januar 1950“ schreibt Amnesty International „werden die Überlebenden nach Rumänien zurückgeschickt. Von den 75.000 Deportierten kehren etwa 11.000 nicht zurück.“ Unter den Überlebenden: Herta Müllers Mutter und Oskar Pastior.

 

 

 

Max Frisch
Mein Name sei Gantenbein

erschienen im Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1964

 

Hermes Max  Frisch, Gott der Schweizer Literatur

Georg-Büchner-Preis 1958, Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1976, Heinrich-Heine-Preis 1989, und viele andere Preise (großer Schillerpreis, Wilhelm-Raabe-Preis etc.) und dazu Ehrendoktorwürden von New York bis Marburg, sowie ein umfangreiches Werk und eine Rezeptionsgeschichte über dieses Werk, das seines Gleichen sucht – ein literarischer Gigant begegnet uns in Max Frisch.

Max Frisch (1911 bis 1991) war sicher der erfolgreichste Schweizer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts und es fällt schwer, den vielfachen Interpretationen seiner Werke noch etwas hinzuzufügen.

Mein Name sei Gantenbein, 1964 im Suhrkamp Verlag erstmals erschienen, ist ein Prosawerk, das sich stilistisch der Tagebuchform bedient. Max Frisch war ein intensiver Tagebuchschreiber und hat dort auch literarisch wichtige Marksteine gesetzt. Fabeln, Skizzen, verschiedene Figuren, die jeweils auch als ICH erscheinen, werden zu einem vermeintlichen Ganzen zusammengefügt. Daher ist Mein Name sei Gantenbein als Roman eine sprachliche Neuerung. Nicht etwa Mein Name ist Gantenbein, sondern sei Gantenbein. Der Konjunktiv ist die konsequente Fiktionalisierung. Schon Aristoteles sagt, dass man nicht erzählt, was wirklich geschehen ist, sondern was geschehen könnte, was möglich wäre. Darin liegt eine Botschaft.
Der Roman ist als Ganzes gar nicht notwendig. Würde man einzelne Geschichten darin weglassen, dann würde der Text weiterhin funktionieren. Das Verhältnis von Rolle und Wirklichkeit ist in den Prosatexten von Max Frisch stets eine wesentliche Frage. „Jede Rolle hat ihre Schuld“, ist sich Gantenbein gewiss, nachdem er als Blinder ausgesagt hat, beim Prozess zum Mord an Camilla Huber. Was ist eigentlich die wahre Identität? Um dieser Frage nachzuspüren schlüpft der Ich-Erzähler in die Rollen der männlichen Figuren und wechselt die Geschichten, indem er sie anprobiert wie Kleider.

„Ein Mann macht eine Erfahrung und sucht dann die Geschichte dazu“, schreibt Frisch. Der Roman gilt als Reflex auf die gescheiterte Beziehung zu Ingeborg Bachmann, der er extra nach Rom nachgereist war (von 1960 bis 1965 lebte Frisch in Rom).

Der Erzähler stellt sich einen Mann in Zürich vor, der bei einem Verkehrsunfall im Gesicht verletzt wird und zu erblinden droht. Nach einiger Zeit wird ihm der Augenverband abgenommen. Er sieht, aber er sagt es nicht und spielt von da an einen Blinden. Gantenbein kauft sich eine Blindenbrille und ein Blindenstöckchen. Stets davon bedroht, dass seine Blindheit aufzufliegen scheint, mogelt sich Gantenbein durch das Leben. Eine Ehe mit der Schauspielerin Lila wird zum tragenden Element der Geschichte. Der blinde Gantenbein sieht und wird von Eifersucht geplagt. Gleichzeitig ist er auch Dr. phil. Enderlin, der einen Ruf nach Harvard bekommen hat. Er schrieb eine Arbeit über Hermes, den Götterboten. Dieser Gott ist der Gott der Kaufleute und der Dichter, er ist ein Lügner, Scharlatan, eine so genannten Trickster-Gottheit, die sich durch Ambiguität (Zweiseitigkeit), Anomalie (Abweichung von der Norm), Polyvalenz (Vieldeutigkeit) auszeichnet. Hermes ist ein Betrüger und Falschspieler, er verändert gerne seine Gestalt, kann in entscheidenden Momenten die Situation umdrehen. Hermes ist ein listenreicher Tüftler.

Gantenbein, Enderlin oder sogar Svoboda? Der Erzähler legt sich nicht fest, bleibt dem Leser ein Geheimnis. Und doch offenbart sich der Erzähler. Jede Rolle hat ihre Schuld besagt, dass man sich nicht hinter seiner gesellschaftlichen Fassade verstecken kann. Was hinter der Blinden-Rolle des Gantenbein steckt, wird im Roman deutlich ausgesprochen, Zitat: "Immer wird Gantenbein sich eines Besseren belehren lassen, um zu beweisen, dass er blind ist... Man wird ihm eine Welt vorstellen, wie sie in der Zeitung steht, und indem Gantenbein tut, als glaube er’s, wird er Karriere machen. Mangel an Fähigkeit braucht ihn nicht zu kümmern; was die Welt braucht, sind Leute wie Gantenbein, die nie sagen, was sie sehen, und seine Vorgesetzten werden ihn schätzen."
Es laufen also viele Blinde herum, die sehen können. Und sie machen Karriere. Gesellschaftskritik, die vor allem eine Anspielung ist auf die Rolle der Schweiz im 1000jährigen Reich. Aber auch als Zeitkritik verstanden werden kann. Blindheit ist jedoch auch als Metapher dafür zu sehen, dass man nicht tun kann, was man moralisch tun sollte, wenn man in einer Rolle steckt. Jede Rolle hat ihre Schuld. Ob dies nun die Rolle ist, die man in einer Partnerschaft spielt, oder die Rolle, die man in der Gesellschaft spielt. Es ist ein Spiel, und man unterwirft sich Regeln. Authentizität geht dabei verloren. Identität verliert sich ebenso. Adorno sprach von der Selbsterhaltung ohne Selbst. Ich vernutze meine Fähigkeiten marktkonform um Erfolg zu haben, aber es bleibt gar nichts mehr übrig, wofür ich den Erfolg habe (Selbstaufgabe). Max Frisch probiert nun verschiedene Rollen aus. Auch für die weiblichen Protagonisten, für Lila testet er dies an, lässt sie als Medizinerin im weißen Kittel auftreten, oder als Morphium abhängige Contessa (Gräfin). Der Erzähler ist nicht zufrieden mit seinen Entwürfen von Lila. Überhaupt scheint der Entwurf eine Falle, die Rolle selbst ein Stück Identität. Gantenbeins Blindheit gerade in Bezug auf das vorhandene oder nichtvorhandene Liebesleben von Lila (Max Frisch war enorm eifersüchtig auf Ingeborg Bachmann), seine sehende Blindheit, die sich in Indizien verstrickt, erscheint mit dem Erzähler identisch.

Die Kritik geht am Erzähler nicht vorbei: „Die Untersuchung hat ergeben, dass es eine Person namens Camilla Huber beispielsweise nicht gibt und nie gegeben hat, ebenso wenig wie einen Herrn namens Gantenbein –„. Es gab nur einen Mann und eine Frau. Die Frau ist gegangen. Der Mann ist allein. Die Rollenspiele scheiterten an der Wirklichkeit, die es ja auch noch gibt.
 

Übrigens: Eine Verfilmung des Romans „Mein Name sei Gantenbein“ plante Atlas-Film, als Regisseur war Erwin Leiser verpflichtet. Eine Woche nach Beginn der Dreharbeiten erkrankte Leiser schwer und konnte nicht mehr weiterdrehen. Ein Nachfolger wurde in Bernhard Wicki gefunden, doch auch der erkrankte nach einer Woche schwer und konnte nicht mehr weiterdrehen. Das Projekt wurde nicht fertiggestellt, es existiert lediglich eine etwa fünfminütige Szene des Films im Filmarchiv Düsseldorf.

Man möchte meinen, das sei exemplarisch, dass der Film auch noch an der Wirklichkeit scheitert.

"Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält…" Heute sind wir alle Gantenbeins, und immer weniger gelingt es, ein ganzes Leben als sinnstiftende, kongruente Einheit zu erleben. …"oder eine ganze Reihe von Geschichten, sage ich, bin aber zu betrunken, um meinen eignen Gedanken wirklich folgen zu können ...“.   Zu betrunken, zu wirklichkeitsfern, um ohne diese Geschichten auskommen zu können. Und doch suchen wir alle die eine, die wahre Geschichte. Sinn und Glück sind nahe beieinander. Allein das Ausleben meiner Lust macht nicht glücklich, wenn der Sinn dazu fehlt. Allein ein tugendhaftes Leben macht nicht glücklich oder zufrieden, wenn der Sinn dazu fehlt. Aber wie ist das nun? Mache ich etwas falsch, wenn ich nicht glücklich bin? Oder ist die Welt falsch und muss ich nun die Welt verändern? „Manchmal scheint mir auch, dass jedes Buch, so es sich nicht befasst mit der Verhinderung des Krieges, mit der Schaffung einer besseren Gesellschaft und so weiter, sinnlos ist, müßig, unverantwortlich, langweilig, nicht wert, dass man es liest, unstatthaft. Es ist nicht Zeit für Ichgeschichten. Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst.“

 

 

 

Peter Stamm
Sieben Jahre
erschienen im S. Fischer Verlag 4. Auflage 2009

 

Genesis einer Liebe

Als Jakob etwa einen Monat bei ihm geblieben war, sagte Laban zu ihm: sollst du mir umsonst dienen, weil du mein Bruder bist? Sag mir, welchen Lohn du haben willst. Laban hatte zwei Töchter; die ältere hieß Lea, die jüngere Rahel. Die Augen Leas waren matt, Rahel aber war schön von Gestalt und hatte ein schönes Gesicht. Jakob hatte Rahel lieb, und so sagte er: Ich will dir um die jüngere Tochter Rahel sieben Jahre dienen.(Genesis 29, 16-18)

Jakob begehrte Rahel wegen ihrer Schönheit. Doch sein Bruder Laban gab ihm durch einen Trick die ältere Schwester Lea zur Frau. Erst nach sieben Jahren mit der unattraktiven aber dafür fruchtbaren Lea, bekam Jakob die begehrte Rahel zum Eheweib dazu. Doch Rahel blieb unfruchtbar. Unglücklich darüber gab sie ihre Magd Bilha an Jakob hin, um ihre Söhne zu empfangen. So geschah es auch. Rahel nahm Bilha bei der Geburt auf ihren Schoss und war so symbolisch die Mutter des Kindes.

Diese Geschichte lässt Peter Stamm in Sieben Jahre in München spielen. Sein Roman verweist auf die biblische Geschichte der Stammmütter[3] Israels. Sonja ist die schöne und unfruchtbare Rahel und Ivona die unattraktive, aber fruchtbare Lea. Hier hören die Parallelen zur biblischen Geschichte aber auch schon auf. Schließlich ist der Icherzähler des Romans kein Jakob, sondern ein schwacher, unentschlossener Charakter, der sich treiben lässt und bei Problemen dem Alkohol verfällt.
Nur die Essenz der 3000 Jahre alten Geschichte bleibt erhalten. Iwona, die nicht standesgemäße Zweitfrau von Alex wird schwanger und das Kind wird ihr von Alex und seiner attraktiven Frau Sonja weggenommen. Die kalte, rationale Ehe von Sonja und Alex scheitert jedoch in einer langen, anhaltenden Beziehung, die nichts weiter zum Ziel hatte, als den Schaden der Beziehung zu begrenzen. Am Ende gibt Sonja völlig überraschend auf. Sie verlässt Alex.

Wir leben nur mit dem zusammen, was wir nicht wirklich lieben und was wir nur zum Zusammenleben zwingen, weil wir die unerträgliche Liebe ersticken wollen, sei es nun eine Frau oder eine Landschaft.

Diesen Satz von Marcel Proust zitiert Peter Stamm auf der Eingangsseite seiner Homepage[4]. Dass derjenige glücklicher ist, der liebt, und nicht der, der geliebt wird, und dass es möglich ist, ein Haus zu planen aber nicht das Leben, das ist wiederum die Quintessenz des Romans von Peter Stamm.

In sehr nüchterner, einfacher Sprache, einem beinahe beiläufig berichtenden Ton, erzählt Peter Stamm die Geschichte eines Architekten, der in einer Dreiecksgeschichte den Urkräften zweier Liebeskonzepte ausgeliefert ist. Auf der einen Seite verführt ihn die „Oase der Regression“ dargestellt in der weichen, passiven Polin Iwona. Ein Liebeskonzept der Romantik. Liebe lässt sich hier nicht begreifen, taucht ab in einem seelischen Atlantis, das nur gelebt, aber eben nicht verstanden werden kann.

Auf der anderen Seite lebt Alex die auf sozialen Beziehungen, auf Realität und Vernunft gegründete Partnerschaft zu Sonja. Sie ist – wie er – Architektin. Von außen betrachtet passen sie gut zusammen. Jeder Partner-Algorithmus hätte sie zusammen gebracht. Dennoch ist diese Partnerschaft kalt und unerotisch. Sonja ist wegen ihrer offensichtlichen Schönheit – wie viele schöne Frauen – verklemmt und unsicher.
Im Stile einer klassischen Novelle erzählt der Icherzähler Alex der älteren Freundin von Sonja seine Geschichte. Und er erfährt von ihr, dass sie (Antje) die beiden verkuppelt hat. Dabei bedient sich Peter Stamm einer erstaunlich einfachen Sprache. Seine literarische Leistung beruht eher auf dem konzeptionellen Erzählen. Mit geschickten Rückblenden erfahren wir mehr und mehr von der Tragödie. Erst sehr spät erzählt uns Peter Stamm die Wahrheit über Alex‘ Tochter Sophie. So wird Iwona zur Leihmutter degradiert. Alex aber kommt nicht von Iwona los. Aber es ist unmöglich, mit ihr zu leben. Sonja erscheint ihm als einzig richtiges Dasein.
Die Ambivalenz wird nicht aufgelöst. Am Ende des Romans steht eine Befreiung der stoischen Art. Alex sagt sich von beiden Konzepten los.
Ich war nicht fröhlich, aber zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich mich sehr leicht und wach, als sei ich nach einer langen Bewusstlosigkeit endlich zu mir gekommen.(Seite 298)

Wiebke Porombka (Rezensentin der taz) hält die Sprache von Peter Stamm für langweilig und findet, dass der Autor seine Frage nach den beiden Liebeskonzepten nicht beantwortet habe. Den einzigen Reiz sieht sie in der Geschichte eines Mannes, der seine Stärke ausschließlich aus den Schwächen anderer bezieht. Zugegeben, der Icherzähler Alex ist nicht gerade ein Sympathieträger. Aber wirkliche Sympathie kann man für keine der Figuren in dem Roman empfinden. Und hier verwechselt Wiebke Porombka Sprache und Erzählstruktur. Die Sprache ist der Geschichte angemessen. Eine poetische Stilisierung hätte der Geschichte den archaischen Reiz genommen. Gerade darin prägt sich die Erzählung im Gedächtnis ein. Das Genre des Liebesromans wurde gerade dadurch literarisiert. Und die Erotik zwischen Alex und Iwona wird besonders intensiv wahrgenommen. Man kann als Leser regelrecht spüren, wie man selbst in den butterweichen Brüsten der Polin versinkt, sich der passiven Liebe hingibt. Die Geschichte einer Regression und Lebensangst wird erzählt. Einer Lebensangst, die ja auch realistische Ausmaße annimmt, als die gemeinsame Firma von Sonja und Alex in die Insolvenz muss.

Insgesamt hat Peter Stamm die Geschichte handwerklich gut erzählt. Es handelt sich nicht um ein literarisches Meisterwerk, aber es erhebt wohl auch nicht den Anspruch ein solchen sein zu wollen. Peter Stamm ist ein Erzähler. Die Kraft der Literatur speist sich nicht aus einem überhöhten bürgerlichen Genie-Kult. Vielmehr tritt das Erzählen selbst in den Vordergrund. Und das ist Peter Stamm einmal mehr geglückt.

 

 

Am Anfang war die Nacht Musik
von Alissa Walser
erschienen im Piper Verlag 4. Auflage 2010

 

Eine kleine Nacht Musik im Zauberkreis des vorrevolutionären Ichs.

Sooft nun ein Geist Gottes Saul überfiel, nahm David die Zither und spielte darauf. Dann fühlte sich Saul erleichtert, es ging ihm wieder gut, und der böse Geist wich von ihm. 1. Buch Samuel 16,23

Die Halbinsel Höri (Geburtsort von Franz Anton Mesmer) liegt gegenüber Alissa Walsers Geburtsort Friedrichshafen. Die Malerin, Übersetzerin und Schriftstellerin, und nebenbei noch Tochter eines berühmten deutschen Schriftstellers, ist allein schon dadurch geprägt vom Magnetismus des Physiko-Arztes und unfreiwilligen Vorläufers der Psychoanalyse.
Franz Anton Mesmer taucht häufiger in der Literatur auf. Edgar Allen Poe (Der Fall Valdemar), Stefan Zweig (Die Heilung durch den Geist: Mesmer), Per Ole Enquist (Der fünfte Winter des Magnetiseurs) sind Autoren, die sich mit dem Phänomen beschäftigen. Nach einigen Literaturwissenschaftlern (Steinwachs, Zmigoc) beeinflusste der Magnetismus wesentlich den französischen Roman des 19. Jahrhunderts, was nicht wundert, gab es doch in diesem Jahrhundert sogar Lehrstühle für Magnetismus (siehe Sloterdijk „Menschen im Zauberkreis“ Sphären I).

Für Alissa Walser kommt dem Fall der Maria Theresia Paradis besondere Bedeutung zu, denn in ihrer Prosa beschäftigt sie sich häufig mit der Sexualität zwischen Mann und Frau. In diesem Roman konzentriert sie sich auf das Problem von Nähe und Distanz und der Angst vor Kontrollverlust und der gleichzeitigen süßen Lust nach Kontrollverlust.

Sie beginnt ihre Geschichte von dem schillernden Arzt Franz Anton Mesmer am 20. Januar 1777, also nur gut zwei Wochen nach der berühmten Schlacht von Princeton, in der Georg Washingtons Truppen die amerikanische Unabhängigkeit erkämpft hatten. Der Roman endet am 16. April 1784 in Paris, fünf Jahre vor der französischen Revolution. Zum Ende in Paris schildert sie Franz Anton Mesmer als Lehrer einer besonderen Gruppe von Männern: die Brüder Puysegur, General Lafayette, der Advokat Bergasse, der Bankier Kornmann, und Georg Washington. Überhaupt hat Alissa Walser eigentlich alle historisch relevanten Figuren eingebaut, von Mozart, Riedinger (Noten-Blindenschrift), Kozeluch, Salierie, Emanuel Bach – alle kommen sie irgendwann mal vor. So ist der historische Rahmen klar gesteckt.


Bei allen Andeutungen an eine sich veränderte Epoche bleibt Alissa Walser dennoch im Privaten. Sie schildert den Kampf um Unabhängigkeit und die Revolution in der Person Maria Theresia Paradis. Ihr Mentor Franz Anton Mesmer begreift dabei gar nicht, was er tut. Für ihn ist seine Patientin nichts als ein „animalischer Magnet, der wie alle anderen Körper in einem fluidalen Konzert von Ein- und Ausflüssen mit bewegt wird“ (Sloterdijk über Mesmers Einstellung zu seinen Patienten).  Besonders deutlich schildert dies Alissa Walser im Umgang Mesmers mit der Jungfer Ossine: Er ließ ihr seine Hand. Angenehm war das nicht. Und doch fesselt ihn alles Lebendige.
Gleichzeitig schafft es Alissa Walser, die etwas andere Beziehung zwischen Resi und Mesmer zu schildern, das Spannungsfeld zwischen Mann und Frau, zwischen Franz Mesmer  und Anna Maria von Posch einerseits, und zwischen Maria Theresia Paradis, ihrem Vater und Franz Mesmer gut herauszuarbeiten. Die erotische Szene zwischen Anna Maria von Posch geb. Eulenschenk und Franz Anton Mesmer nach der Siegesfeier (Sie umfasste seinen Kopf, Goss ihren Blick in ihn), oder das beinahe homoerotische Rascheln der Kleider (als Kaline einmal nackt vor der Blinden steht), und schließlich die Verdächtigungen der Neider gegenüber Mesmer: Sympathie wird zum Skandalon, Nähe zum Autonomie-Opfer. Schon im magnetischen Zuber und dem Kampf um Stammplätze zeigt sich die schwierige Selbstfindung zwischen Gemeinschaft und Individuum.

Bewegend erzählt Alissa Walser das medizinische Martyrium der jungen Pianistin durch obskure Behandlungsmethoden. Auch den Zwiespalt der Eltern, hin und her gerissen vom Faszinosum der magnetischen Methode, dem außergewöhnlichen Heiler Mesmer und der Skepsis die ihnen als Wiener Aristokratie Natur waren.

In kurzen Sätzen und ausschließlich indirekter Rede gelingt der Autorin einerseits eine sprachliche Binnenspannung, andererseits fällt es ihr scheinbar schwer, sich vom Recherche Ton zu entfernen. So urteilen die Rezensenten teilweise unterschiedlich, attestieren dem Roman einerseits eine Sogwirkung andererseits sei er zu „prätentiös“.

Es gibt immer wieder herrliche Passagen, wie das urplötzliche Auftreten Mozarts und sein Verschwinden, dieses kindisch-kindliche des gemeinsamen Musizierens. Paradis vollzieht eine grandiose Wandlung von der nur pathogen hysterischen Blinden Musikerin, die heillos ihren Eltern unterworfen scheint, zur deutlich selbstbewussteren Frau, die sich auf Konzerttournee begibt und selbst darüber entscheidet ob sie sieht oder nicht. Mesmers eigentliche Leistung war also nicht, das Frl. Paradis von ihrer Blindheit zu befreien, sondern sie zu emanzipieren. Das – wie gesagt – hat der Heiler selbst nicht sehen können. Von daher finde ich die These von Alissa Walser durchaus stimmig. Und wenn man sich nun noch fragt, warum gerade jetzt im 21. Jahrhundert ein Roman über einen umstrittenen Heiler, so sollte man über das Wort „Krise“ nachdenken, das in dem Roman und bei Mesmers Heilmethode keine unbedeutende Rolle spielt. Die historische Krise des 18. Jahrhunderts mündete in die Revolution und führte zur Entfaltung des bürgerlichen Ichs. Das Buch „Empire – die neue Weltordnung“ von Antonio Negri und Micheal Hardt zeigt, dass wir uns im 21. Jahrhundert historisch näher an der französischen Revolution befinden, als an irgendeiner anderen Zeitepoche. Die Beziehung von Franz Anton Mesmer und Maria Theresia Paradis ist eine Beziehung an der Nahtstelle von Aristokratie und Bürgertum. Ein jetziger Heiler könnte sich an der Nahtstelle des Bürgertums und des von Antonio Negri so genannten multitude (Multitudo = Menge von einem unsichtbaren Geist geleitet) befinden.

Das vorrevolutionäre Ich der französischen Revolution stand an der Schwelle ihres Zugriff auf ihr Unterbewusstsein, das vorrevolutionäre Ich der kommenden Revolution stünde dann an der Schwelle ihres Zugriffs auf ihr Überbewusstsein. Vielleicht ganz im Sinne des Physiko- Arztes Mesmer als gegenseitiger Einfluss aller Körper überhaupt aufeinander, als sich verwirklichende multitude. Vernetzung ist ja durchaus ein Begriff, den Mesmer auch benutzen hätte können. Vielleicht ist die Verkennung des Magnetismus als Vorläufermethode der Psychoanalyse und das konsequente Vergessen dieser Methoden Hinweis darauf, dass Mesmer seiner Zeit noch weiter voraus war, das Fluidum als eine Art Kommunikationslicht, die magnetische Anziehung unter den Menschen sich in der informationellen Vernetzung verwirklicht. Das alles steht nicht in dem Roman von Alissa Walser, aber Licht gleich Schmerz. Sehen tut weh. Als Maria Theresia Paradis die Nebenwirkungen des Sehens entdeckt, spürt sie auch, dass sie auf sich allein gestellt ist. Denn niemand außer ihr selbst, kann nachempfinden, was ihr geschieht. Marias Welt-Raum. An dem auch Mesmer nichts ändern kann. Kaum sieht sie, spürt sie die Stille des Raumes, die synästhetische Verkettung von Zeit und Raum. Aus den vielen (manchen Rezensenten zu vielen) Metaphern des Romans liest sich die Sprengkraft der Heilung heraus. Mesmers Scheitern als verschobener Sieg.

Viele Rezensenten haben den Roman mit Kehlmanns „Vermessung der Welt“ verglichen. So klar wurde mir ehrlich gesagt nicht, warum. Es ist auch ein historischer Roman. Zugegeben. Aber dann könnte man den Roman auch mit Umberto Eccos „Im Namen der Rose“ vergleichen. Also mal wieder ein wenig Unfug im Feuilleton. 

Die vielen intersensorischen Paradigmen in der Sprache von Alissa Walser (die von manchen Rezensenten kritisiert wurden und grob als Metapher beschrieben wurden) bieten sich bei einer Blinden die sehend wird um wieder zu erblinden, oder sich für die Blindheit zu entscheiden um besser hören und singen zu können, geradezu an. Dass das Weiße dann sticht und das Stechende weiß ist, sind kleine Tautologien, die vielleicht merkwürdig auffallen und bei einem guten Lektorat denn doch gestrichen worden wären, aber insgesamt waren die Metaphern aussagekräftig. Da ist Maria Theresias Stimme mal wie in ein Wolltuch gehüllt, wie überhaupt die Maria Theresia etwas Verpacktes hat. Wenn ihre Augen wie in Regen versunkene Schiffe gesehen werden, oder Sätze wie mit Licht sei nicht zu spaßen, sagte er, als gäbe es nichts Einleuchtenderes. Auch Ironie fehlt nicht: Mesmer als Rabensezierer (Raben haben nichts Symmetrisches) oder als Papageien Heiler.

Also insgesamt vergnüglich und durchaus mit entsprechend gutem Willen auch mit einer transzendenten Aussage ausgestattet, ein guter Roman von Alissa Walser – wie auch nicht, kommt sie doch aus einem guten Stall und hat gemeinsam mit dem Papa schon gearbeitet und dabei auch gelernt.

 

 

Atmosphärische Störungen
Von Rivka Galchen
Erschienen 2010 by Rowohlt Verlag (aus dem Englischen von Grete Osterwalt)

 

Abdrücke im Universum

Man kann auf zwei Wegen gut durch das Leben kommen, entweder man ist sehr schlau oder sehr freundlich. Früher war ich sehr schlau, nun bin ich sehr freundlich".
Elwood P. Dowd zu Dr. Sanderson in „Mein Freund Harvey“ (1950)

An warmen Tagen kann man ein turbulentes Flimmern und Funkeln über den heißen Straßen beobachten. Die Luftunruhe nennt man in der Astronomie atmosphärische Störungen, oder kurz Seeing, eine Bildunschärfe. Hobbyastronomen umgehen diese Bildunschärfe mithilfe einer digitalen Kamera. Es werden mit kurzen Belichtungszeiten sehr viele Bilder aufgenommen. Die Bildschärfe variiert dann von Einzelbild zu Einzelbild aufgrund der optischen Turbulenz der Erdatmosphäre. Der Trick des Lucky Imaging besteht nun darin, die schärfsten Aufnahmen auszuwählen, diese dann passend übereinander zu schieben und somit eine scharfe langbelichtete Aufnahme zu erhalten.

Ein Trick, den der Psychiater Leo Liebenstein nicht zur Verfügung hat, als er eines Tages seine Frau nicht mehr erkennt. Die kanadische Autorin, Tochter jüdischer Auswanderer, Rivka Galchen hat in ihrem Erstlingsroman ein psychiatrisches Symptom (Capgras Syndrom) genommen, um damit die Automatismen eines Ehealltags zu ironisieren.

An einem leicht stürmischen Abend (Luftunruhe) … kam eine Frau in meine Wohnung, die genauso aussah wie meine Frau.“ Der Erzähler, der 51 jährige Psychiater Leo Liebenstein, ist fortan gezwungen, aufzuklären, wie dies möglich sein kann. Wohin ist seine wirkliche Frau verschwunden? Und er muss sich mit ihrer Doppelgängerin auseinander setzen. Wer ist die „Ersatz Rema“? Dies herauszufinden bedarf es eines detektivischen Spürsinns.
Fast gleichzeitig verschwindet ein Patient von Leo Liebenstein. Harvey. Dieser Patient ist Teil einer Verschwörung, bzw. glaubt, Teil eine Verschwörung zu sein, deren Ausgangspunkt die Royal Academy of Meteorology ist. Auf Empfehlung seiner wirklichen Frau hatte er diesen Patienten angelogen. Und so kommt der Metereologe Tvzi Gal-Chen ins Spiel. Eine Reminiszenz der Autorin an ihren Vater, der in der Tat Meteorologe war, in Oklahoma.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf und die Details führen den Helden der Geschichte an die verschiedensten Orte, wie zum Beispiel nach Argentinien. Dort besucht er die Mutter seiner Frau. Schließlich landet er noch auf Patagonien. Die echte Rema lässt sich auf das Spiel ein. So, wie zuvor das Spiel begann, weil sich der Erzähler als Psychiater auf die Realitätsverkennung seines Patienten Harvey eingelassen hat. Ein Spiegelphänomen. „Der Spiegel ist ein Schwellenphänomen, das die Grenzen zwischen dem Imaginären und dem Symbolischen markiert“, schreibt Umberto Eco in einem Essay über Spiegel. Eco bezieht sich dabei auf die Theorie des Spiegelstadiums (in der Ich-Entwicklung) von dem französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan.
In Teil II Kapitel 12 des Romans gibt es eine Schlüsselszene, wo der Icherzähler Leo seine Frau bzw. ihre Doppelgängerin im Spiegel betrachtet, und sie ihn im Spiegel: „Ich betrachtete das Bild der blonden Frau im Spiegel, und sie betrachtete dasselbe Spiegelbild von sich. So jedenfalls erschien es mir. Aber dann dachte ich an den Dopplergängereffekt, oder zumindest kam mir dieser Ausdruck in den Sinn, und das Wort verschaffte mir die Lösung. […] Wenn ich das Gesicht der blonden Frau im Spiegel sah und wenn sie im Spiegel auf denselben Punkt zu blicken schien wie ich, dann sah sie in Wirklichkeit mir im Spiegel ins Gesicht, während ich ihr ins Gesicht sah…“
 Umberto Eco schreibt: „Als Kanal und Prothese kann der Spiegel, wie alle Prothesen, auch Sinnestäuschungen hervorrufen. Ich trete in einen Raum und meine, einen Menschen mir entgegenkommen zu sehen, und erst später bemerke ich, dass es sich um mein eigenes Abbild in einem Spiegel handelt.  […] Aber es handelt sich eben bloß um eine Sinnestäuschung, wie ich sie auch ohne Spiegel haben kann, wenn ich mir etwas vormachen lasse und, wie man bei uns sagt Leuchtkäfer für Laternen halte oder den Schatten Körper gebe.“

„Im Grunde stellen wir also die Schärfe verschwommener Bilder her, indem wir sie in das verwandeln, was wir zu sehen erwarten, was wir am liebsten sehen würden oder wovor uns am meisten graut“, philosophiert der Icherzähler in dem Roman. Und so wird das „Lucky Imaging“ der Hobbyastronomen sozusagen zum alltäglichen Sehen. Durch den optischen Apparat des Auges wird auf der Netzhaut ein seitenverkehrtes und auf dem Kopf stehendes Bild erzeugt. Die Lichtreize werden von den Sinneszellen der Retina (Zapfen und Stäbchen) registriert. Zapfen und Stäbchen bilden bei Lichteinfall ein Membranpotenzial, das über bipolare Zellen an Ganglienzellen weitergeleitet wird. Jede Ganglienzelle verarbeitet Informationen aus einem rezeptiven Feld (einem räumlich begrenzten Bereich der Retina). Die Informationen von den Ganglienzellen werden über die Sehbahn zum linken und rechten seitlichen Kniehöcker geleitet. Die aufbereiteten Informationen werden von den seitlichen Kniehöckern über den Thalamus auf den visuellen Cortex projiziert. Und dort mit unseren abgespeicherten Seherfahrungen abgeglichen. Und nun: Sehen wir zurück.

Bei so einem komplexen Vorgang kann schon mal was schiefgehen, und es ist eher verwunderlich, dass wir so viel Zutrauen haben zu unserer visuellen Wahrnehmung. Das Ganze noch verknüpft mit unseren Empfindungen (im Zwischenhirn), lässt genau das geschehen, was beim „Capgras Syndrom“ geschieht: Die Verbindung von Gefühl und Wahrnehmung reißt ab.

Umberto Eco sieht im reflektierten Bild eines Spiegels ein semiotisches Zeichen. Nach den ältesten Definitionen ist ein Zeichen „aliquod, quo stat pro aliquo: etwas, das für etwas anderes steht. Das Simulacrum steht also für etwas anderes. Aber wofür? Auch das Simulacrum weiß nicht „über alle Tatsachen Bescheid“, und so steht hinter dem Zeichen wieder nur ein Zeichen. Leo Liebenstein entschließt sich zum Ende des Romans, das Zeichen zu lieben.

Und dies, so meine ich, ist das eigentliche Pathos des Romans. Was wir lieben, ist nicht das, was wir lieben, sondern was wir lieben wollen. Aber auch dem geliebten Objekt geht es so. Der Austausch zwischen den Zeichen ist das eigentliche, wahre lieben. Ganz gleich, welches semiotische Geheimnis hinter unserer Liebeswahrnehmung steckt, die Authentizität unserer Empfindung lässt sich nicht auf das Objekt reduzieren.

Rivka Galchen ist ein augenzwinkernder Roman geglückt, über das Phänomen der Liebe. Voller Reminiszenzen und Spiegelungen bis hin zu den vielen spiegelnden Satzparenthesen. Das macht den Roman manchmal sperrig, manchmal sogar irgendwie unglaubwürdig. Höhepunkte des Romans sind sicher die absurden Dialoge zwischen Rema und Leo Liebenstein. Der Icherzähler wird in der amerikanischen Rezension gerne als „fussy“ bezeichnet. Ich finde, dass das gut getroffen ist. Denn wer sich dann entscheidet, sich nicht so wichtig zu nehmen, der akzeptiert auch, dass man nicht alles erkennen und durchschauen kann, dass man diese Zwangskontrolle über die Realität aufgibt zugunsten echten Lebens. Das gelingt Leo Liebenstein nicht ganz.

Ja, ich werde das Gefühl haben, dieses Leben, das ich mit dem Simulacrum führe, sei real.“  Aber natürlich ist das Problem nie gelöst damit, denn: „Eines Tages wird sie in der Subway eine Clementine pellen und mir Scheiben in die Hand geben. Beim Umsteigen wird sie mir zeigen, wie viel Mark sich unter ihren Fingernägeln angesammelt hat, und das wird mich ablenken, bis ich plötzlich merke, dass ich Tzvi Gal-Chen angerempelt habe. Wir alle werden Entschuldigungen murmeln. Er wird eine Pepitahose tragen und ein nicht schreiendes Baby auf dem Arm halten. Er wird uns sehr diskret – das Wiedererkennen, das Unheimliche daran, die ganze Situation – zurückgrüßen.“

Es muss wirklich unheimlich sein, wenn man geliebte Menschen plötzlich nicht mehr erkennt, wenn sie nicht bloß andere sind, sondern scheinbar ausgetauscht wurden, wenn sie immer noch so aussehen wie vorher, sich bewegen wie vorher, und doch nicht mehr die sind, die sie vorher waren. Es gibt einen klassischen Roman von Jack Finney „Die Körperfresser kommen“, verfilmt von Don Siegel (Die Dämonischen). Die Handlung ist wie folgt: Der Arzt Miles lebt und arbeitet in der idyllischen Kleinstadt Mill Valley. Eines Tages besucht ihn seine Jugendfreundin Betty und hat ein seltsames Anliegen. Angeblich ist der Onkel ihrer Freundin nicht mehr er selbst. Miles untersucht den Fall, kann aber nichts Ungewöhnliches feststellen. In den folgenden Tagen kommen aber immer mehr und mehr Leute mit demselben Problem zu ihm. Er schickt sie zu dem Psychiater Mannie Kaufman, der die Ereignisse aber als kollektiven Massenwahn abtut. Miles glaubt diese Erklärung nur so lange, bis sein Freund Jack eine halbfertige Kopie seiner selbst im Keller findet. Zusammen mit ihren Frauen beginnen sie nachzuforschen und finden heraus, dass die Menschen der Stadt sukzessive durch Aliens ersetzt werden, die als große Samenbehältnisse auf die Erde kamen. Ziel der Aliens ist die Weltherrschaft.
Es ist ein typischer Roman der McCarthy Ära.
Der Verlust von Vertrauen reduziert unsere Wahrnehmung auf die Schwerstarbeit, Details wie ein Puzzle zusammen fügen zu müssen. Hier scheitern wir notwendig.

Also: lassen wir uns nicht von wissenschaftlichen Details blenden, lassen wir uns nicht die Welt als naturwissenschaftliches Phänomen allein erklären. Die Naturwissenschaft ist hier nur ein Spiegel. Und wie die Spiegel nun mal sind, liefern ihre Bilder nicht etwa Informationen über das Objekt, sondern über die Natur des Kanals. Ähnlich wie mit dem gebrochenen Stab im Wasser. Wüssten wir nicht, dass der Stab nicht gebrochen ist, hätten wir keine Hierarchie unserer Sinne, woran sollten wir glauben? Die größte Herausforderung des Lebens ist womöglich die mystische Erkenntnis, es nie restlos begreifen zu können, mit dieser Erkenntniswunde trotzdem zu leben und zu lieben. Auch, wenn das geliebte Objekt nur ein Zeichen meiner Wahrnehmung ist, ein Spiegelphänomen.
In Remas Tränen spiegelt sich aber auch das Zeichen als etwas Authentisches, als etwas, das wir trotz aller Verkennung ernst nehmen können. Das Geheimnis der Liebe ist es vielleicht, nicht zu wissen sondern zu vertrauen.

 

 

 

 

 

 

 

Terra Islamica:
Auf der Suche nach der Welt meines Vaters
erschienen im C.H. Beck Verlag 1. Auflage Januar 2010

Aus dem Englischen von Rita Seuß

Unbekanntes Land

Am 07. Juli 2005 um 8.50h morgens nach Londoner Zeit: sieben Tote an der U-Bahnstation Liverpool Street, sieben Tote an der Edgeware Road, 28 Tote zwischen King’s Crossow St. Pancras und Russell Square. Eine Stunde darauf explodiert ein Doppeldeckerbus am Tavistock Square und fordert 13 Todesopfer.

56 Tote und über 700 teilweise schwer verletzte, 7/7 (so nennen es die Londoner in Anlehnung an 09/11) veränderte das Lebensgefühl der Londoner.

Eine direkte, eine unmittelbare Bedrohung, die der damals 25 Jahre junge Journalist Aatish Taseer zum Anlass nimmt, endlich seine Wurzeln ausfindig zu machen. Aatish Taseer hat eine indische Mutter und einen pakistanischen Vater. Die Teilung Indiens nach der Unabhängigkeit trennte auch seine Eltern. Aatish Taseer studierte in den USA und arbeitete als Journalist in London. Zwischen den Kulturen und vaterlos aufgewachsen, dem transnationalen Gefühl ein Muslim zu sein nicht ganz entwachsen, wird ein junger Mann mit 25 Jahren auf sehr prädestinierte Art initiiert. Und er macht sich auf die Reise. Im Verlauf der sehr subjektiv geschilderten Reise und der damit nach und nach sich entblätternden Biografie des Autors wird vor allem klar, dass der Islam keine einheitliche, religiöse Weltanschauung ist, und dass der heutige Islam eine Erfindung ist, die als politisches Machtinstrument benutzt wird. Anhand seines ungläubigen, Schweinefleisch essenden und Skotch trinkenden Vater erläutert Aatish Taseer einen Islam, dessen Identität stiftende Aura über den Koran hinaus geht.

Während in Syrien eine aufgebrachte, aber unaufgeklärte Menge gegen die Beleidigung des Propheten durch eine Karrikatur gewalttätig protestiert, werden die Menschen im Iran durch pseudoreligiöse Sittenwächter an der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit gehindert. Im Iran hören sie westliche Musik, feiern Partys, trinken Alkohol, kiffen, flirten. Eine erotisch aufgeladene junge Gesellschaft bezahlt ihre Lust am Spaß mit Folter. In Pakistan herrschen Feudalherrscher, wie der Mangokönig. Man hat dort das Gefühl, die Zeit sei stehen geblieben und die kolonialen Verhältnisse beibehalten worden. Die Bauern sind Leibeigene, die ausgepresst werden und der Mangokönig ist ein selbstgerechter und selbstmitleidiger Patriarch, entsprungen aus einem Bollywoodfilm.

Auf halber Strecke (in Saudi Arabien)erlebt der Autor, wie die Gesellschaft vom Islam durchtränkt ist und äußert sich folgendermaßen: »Ich wusste mehr über den Islam, aber damit war auch mein Interesse an ihm erloschen. Ich glaubte jetzt nicht mehr, dass ich die Religion und insbesondere ihr heiliges Buch noch besser kennenlernen musste, um ihr Wiedererstarken in der heutigen Zeit erklären zu können.« (S. 130)
Dennoch reist er weiter. Manchmal erscheint mir daher die Reise nicht mehr ausreichend motiviert. Sie wird zu sehr zur Reise. Jetzt geht es nur noch um seinen Vater. Und der ist letztlich eine große Enttäuschung.

Am Ende ist scheinbar klar, dass der heutige Islam trotz aller tiefen Wurzeln im 7. Und 8. Jahrhundert im Wesentlichen auf politischer Kränkung basiert und seine Macht nicht aus der spirituellen Kraft schöpft, sondern transnationale Identität stiftet und sich gegen einen diffusen Begriff vom Westen richtet. Ein Buch, das eine ganze Islamkonferenz ersetzen könnte, schreibt Karim Akerma in Glanz und Elend (Magazin für Literatur und Zeitkritik). Diffuse Vorstellungen auf beiden Seiten verführen zu einem Clash of Zivilisation, der eine reine politische Erfindung ist. Leider wird aus so einer Erfindung unschöne Wirklichkeit. Die Verwandlung von Menge in Volk, das dann für politische Ziele als Waffe verwendet werden kann, die Verwandlung von Singularitäten in eine Einheit, die man in den Krieg schicken kann, das erleben wir auf beiden Seiten. Schon die Tatsache, dass es zwei Seiten gibt, ist die Erfindung einer Alterität, die zu Exklusion und Verfolgung nutzbar gemacht wird.

Das Buch von Aatish Taseer stößt an, darüber nachzudenken. Der Autor selbst bleibt frei von solchen Urteilen. Er schildert die Situationen. Manchmal sehr gut, manchmal auch etwas unbeholfen und künstlich. Er schafft es nicht immer, die Surrealität von Gleichzeitigkeiten in treffende Bilder zu verwandeln.

Taseer schreibt in einem spannenden Reportagestil. Aber genau hier liegt auch eine Schwäche seines Buchs. Wenn ein Informant ihm etwas erzählt und Taseer das einfach zitiert, bleibt unklar, ob es auch stimmt, ob der Autor der Geschichte auf den Grund gegangen ist. Auch wird nicht deutlich, ob er alles eins zu eins wiedergibt - womit er eine Reihe von Gesprächspartnern in Gefahr brächte - oder ob er seine Informanten schützt, ihre Namen und Identitäten verschleiert. Jürgen Hein (Berliner Literaturkritik) hat so ein Grundproblem des Buches erfasst, denn der erzählerische Stil intendiert Exemplarisches, aber die Diffusität und die Singularität der Erlebnisse von Aatish Taseer lassen einen etwas wirklich Exemplarisches nur schwer erfassen.
Dennoch: Als wichtige Zugabe zu den allzu theoretischen Auseinandersetzungen mit dem Phänomen des Aufpralls zweier Kulturen, ist das Buch wichtig. Im Wesentlichen, weil es aufzeigt, dass es diese zwei Kulturen nicht gibt. Auch wenn es sie gibt.  

 

[1] Zwei Tage vor der offiziellen Verleihung des Literaturnobelpreises sagte Herta Müller vor der Akademie der Wissenschaften in Stockholm am 8. Dezember 2009 unter anderem: Sie habe als junge Frau in einer rumänischen Maschinenfabrik zwei Jahre als Übersetzerin gearbeitet. Dann sei dreimal ein Geheimdienstmitarbeiter erschienen, um sie zu nötigen, für den rumänischen Geheimdienst Securitate Spitzeldienste zu leisten. Dies habe sie verweigert, indem sie das Anwerbeblatt zerriss. Er habe sie mit dem Tode bedroht. Doch sie dachte: „Wenn ich das mache, kann ich nicht mehr mit mir leben.“ Jeden Morgen musste sie danach zum Appell beim Chef erscheinen, der sie fragte, wann sie sich eine neue Stellung suchen würde. Ihr wurde das Büro entzogen. Sie musste auf der Treppe Übersetzungen anfertigen, die niemand angefordert hatte. So kam sie zum Schreiben. Unter den Kollegen wurde die Verleumdung verbreitet, sie arbeite für den Geheimdienst, ein Gerücht, gegen das sie sich nicht wehren konnte. „Die Kollegen dachten von mir genau das, was ich verweigert hatte.“

[2] Richard Wagner ist selbst Schriftsteller und Mitglied der „Achse des Guten“ gemeinsam u. a. mit Hendrik M. Broder

[3] Die Schwestern Rahel und Lea und ihre Mägde Bilha und Zilpah gelten als Stammmütter Israels der 12 Stämme Israel.

[4] http://www.peterstamm.ch/, ausführliche Seite des Autors mit vielen Texten versehen und daher sehr informativ und unterhaltsam.

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