Literaturprojekt
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Freising 2017

Rückblick

 

Im März dieses Jahres starteten wir das Frühjahrssemester mit einer Geschichte, die in den 1960er Jahren spielt, in einer irischen Provinz und die Erlebnisse einer alleinerziehenden Mutter schilderten. Es war nicht der erste Roman von Colm Toibin und auch dieser hat uns wieder gefallen. Noch besser gefiel uns diesmal Julian Barnes und seine feine Geschichte über den Musiker Schostakowitsch. Die darauf folgenden Künstlernovellen von Heinrich Mann haben uns interessiert, aber wir erkannten doch viel Patina auf den Buchseiten. Dafür brandheiß und aktuell die politischen Diskurse des Philosophen Jürgen Wiebicke. Ist unsere Demokratie noch zu retten? Jetzt kurz vor der Wahl 2017 bin ich eher geneigt in ein richtiges Lokal zu gehen. Die Ereignisse in Hamburg haben nicht gerade mein Vertrauen gestärkt. Garantiert frei von jedweder Demokratie war der Roman von Erich Maria Remarque. Welch düstere Schrecken Menschen mitmachen, die aus ihrem eigenen Land flüchten müssen! Zuletzt und als krönender Abschluss haben wir doch noch eine Frau gelesen. Ich hatte immer mindestens eine Autorin im Angebot. An mir lag es also nicht. Dafür hoffe ich, Virginia Woolf hat mit ihrem starken Roman das Semester abgerundet. Doch: Nach dem Semester ist vor dem Semester…

Bernhard Horwatitsch

 

Chronik:

07. März 2017                        Nora Webster von Colm Tóibín

04. April 2017                         Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

02. Mai 2017              Künstlernovellen von Heinrich Mann

23. Mai 2017               Zehn Regeln für D.kratie-Retter  von Jürgen Wiebicke

20. Juni  2017             Die Nacht in Lissabon von Erich Maria Remarque

18. Juli 2017               Mrs Dalloway von Virginia Woolf

 

 

 

Nora Webster

Von Colm Tóibín

Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini

Erschienen 2016 im Verlag Hanser

 

Eine Freundin von mir verlor vor einiger Zeit ihren Ehemann nach schwerer kurzer Erkrankung an Lungenkrebs. Sie ist „sozial gut eingebunden“, wie Sozialpädagogen das in ihrem schwer erträglichen Berufs- Deutsch nennen. Und was die Freundin als Trauernde erlebte, da hat sich zu Nora Webster nicht allzu viel verändert. Von Männern, die sie als lustige Witwe erträumen bis zu kontraphobischen Nachbarn und der allgemeinen Verunsicherung „wie soll ich jetzt mit ihr reden? Darf ich das ansprechen, oder lieber von was Banalem reden?“ Die Sprachlosigkeit der Trauer! Was allen schwerfällt: Einem Menschen zuzutrauen, dass er trotz des Verlustes sich noch einmal neu erfindet und einen sozialen Raum zu ermöglichen indem diese Trauer und die Befreiung und der ganze Widerspruch lebensmöglich wird. Nora darf nicht leben. Aber das Leben geht weiter. Über mehrere Hundert Seiten schleppt sie sich nun rechnend durch irische Kleinstädterei. Sie rechnet im Büro der Gibneys und kämpft mit Franzicke um ihre Freiheit, der huldvollen Grand Madam Peggy Gibney trotzt sie immerhin ab, nur halbtags arbeiten zu müssen. Sie rechnet mit ihrer Witwenrente, deren Erhöhung sie ausgerechnet einem Politiker verdankt, der später verhaftet wird, weil er Waffen an die IRA verschob. Sie rechnet für ihre Freundin Phyllis die Punkte bei einer Quizshow zusammen. Nora Webster tritt der Gewerkschaft bei, vertauscht das Ferienhaus gegen einen Wohnwagen, fährt nach Spanien in den Urlaub, lernt wieder singen, kauft sich einen Plattenspieler und Schallplatten – obwohl sie vor lauter Rechnen überhaupt gegen das Geldausgeben ist. Im Zentrum ihres Lebens stehen aber immer die beiden Jungens, Donal und Conor, für die sie sogar bereit wäre, eine Barrikade gegen deren Lehrer zu errichten und Mönche mit dem Witwenfluch zu belegen, um zu erreichen, dass Donal wieder in die A-Klasse kommt. Um Donal muss sie sich stets Sorgen machen, weil dieser seit der Zeit bei ihrer Tante stottert. Und er läuft mit einer Kamera herum, verzieht sich in die Dunkelkammer um dort verwaschene und überbelichtete Bilder zu produzieren. Während der kleinere Conor einfach behütet sein will. Die beiden Jungens leiden still. Nora Webster versucht um ihren Mann zu trauern, aber niemand gibt ihr auch nur die Gelegenheit dazu. Von Maurice – ihren verstorbenen Ehemann und Liebe ihres Lebens - spricht fast niemand. Sie wird mit guten Ratschlägen traktiert („der Urlaub wird dir gut tun“), ist umgeben von es gut meinenden Menschen. Und die meisten sind durchaus auch liebenswerte Spießer, die es gut meinen mit Nora. Während Nora selbst ihren Platz sucht, wird ihr ständig einer angeboten. Das Leben geht weiter. Aber es ist bereits ausgemacht, wo es hin geht. Viele kleine Ereignisse summieren sich in dem Roman zu einem Leben. Sei es die neue Frisur, die ihr von Bernie verpasst wird, sei es ihr Beitritt zur Gewerkschaft, sei es ihr singender Auftritt in einer Kneipe – stets muss sich Nora Webster fragen, ob ihr Handeln auch angemessen ist, einer Witwe entspricht. Dabei ist ihr Witwendasein immer unausgesprochen vorhanden und ihr Status in dieser kleinen Welt geprägt vom Lehrer Maurice Webster – über den aber niemand redet. Die Aneinanderreihung banalster Vorkommnisse und dann die Details der Vorkommnisse! Zum Beispiel wie Nora bei Laurie im Singunterricht aufgefordert wird, zwei abstrakte Bilder zu betrachten und den Farben auf den Bildern nachzusingen, oder wie sie am Strand auf Brecher wartet und weiter hinausschwimmt. Am Rande verfolgt sie die Ereignisse in Londonderry, wo Protestanten Katholiken aus den Häusern jagen. Einerseits ist die Politik präsent und der Religionsstreit immer da, andererseits wird auch versucht, das alles möglichst klein zu halten. Der kleine Mann (die kleine Frau) bleibt klein und nichts anderes gehört sich. Donal fotografiert den Fernseher ab, während die Mondmission gezeigt wird. Dieses skurrile Verhalten führt sogar dazu, dass er aus einem Hotel geworfen wird, weil er dort fernsieht, obwohl er kein Gast ist. Nora ist nachsichtig, fährt ihn extra wieder nach Hause, damit er die Mondlandung nicht verpasst. Sie sagt auch nichts, als sie den Alkoholgeruch wahrnimmt, weil ihre Tochter Fiona eine Party gefeiert hat. Und stets dann auch der stille Vorwurf, der Vorwurf der nie ausgesprochen wird, dass sie ihre Kinder vernachlässigen würde.

Alles in allem ist der  autobiografisch inspirierte Roman von Tóibín eine präzise Studie über das eingeengte Leben einer Witwe und Mutter von vier Kindern. Er ist einfach geschrieben, teilweise lange berichtend-raffende Passagen, dann auch viele Dialoge, großes Personal an irischem Volk, von Schwestern, Mönchen, Bauern, mit insgesamt sehr ruhiger Erzählführung. Jeder kennt jeden und jederzeit kann man auf der Straße von jemandem beobachtet werden, der dann einem anderen erzählt, was er gesehen hat. Der Alptraum für einen Großstadtmenschen wie mich. Doch gleichzeitig erzählt Tóibín von eben durchaus warmherzigen Menschen. In der Summe erscheint das berühmte Gleichnis von Schopenhauer angebracht: 

Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Winterrage recht nah zusammen, um sich durch die gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so dass sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.

So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! - Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden.

Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat, bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.

Heute ist die Großstadt – als Vorbild des Lebens, ein klüngelhafter Hochgeschwindigkeitsindividualismus geworden. Anonymität versus Kontrolle. Als wäre es undenkbar, anderen beizustehen, ohne sie gleich kontrollieren zu wollen.

 

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Der Lärm der Zeit

Von Julian Barnes

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger

Erschienen 2017 bei Kiepenheuer & Witsch

 

Kunst ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist, lässt Barnes seinen Komponisten auf Seite 125 denken, und dieser Gedanke gab dem Roman dann auch den Titel. Der Lärm der Zeit nannte auch der 1937 in einem russischen Lager verstorbene Dichter Ossip Mandelstam seine Autobiografie.

Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten – Und breit schwillt die Brust des Osseten. So beschreibt es Mandelstam in einem Gedicht über den Diktator Stalin (aus Die Reise nach Armenien). Stalins Säuberungen kostete (nach Schätzung einiger Historiker) über 20 Millionen Menschen das Leben. Ob die Historiker bei dieser Schätzung auch den Holodomor (Tod durch Hunger) mit einbezogen, der durch Stalins Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft 4 Millionen Menschen tötete, kann ich nicht klären. Es spielt aber wohl kaum noch eine Rolle. Denn die Dimensionen sind klar. Wie konnte der Musiker Schostakowitsch das überleben? Diese Frage stellt uns Armin Müller-Stahl als fiktiver Regisseur, der einen Film über den Musiker macht, am Anfang („dem kühlen Morgen entgegen“). Und wir stellen uns die Frage, ob Julian Barnes uns diese Frage in seinem Roman beantworten konnte. Barnes erzählt in drei Stationen das Leben des Musikers. Drei schwere Kränkungen, einmal eine Rezension des Diktators persönlich über Schostakowitsch Oper Lady Macbeth von Mzensk, nach einer Erzählung von dem russischen Dichter Leskow, der zu Lebzeiten immerhin neben Dostojewski und Tolstoi zu den bedeutendsten russischen Autoren zählte.  Dann musste er in den USA seine eigenen Wurzeln leugnen und wurde gezwungen den Komponisten Strawinsky als Formalisten zu denunzieren. Und zuletzt zwang ihn die Partei unter Chruschtschow auch noch, ihr beizutreten, weil ja jetzt alles gut sei. Einer zum hören, einer zum erinnern, einer zum trinken. Und am Ende ist es doch nur der Wodka, der das Leben trägt. Einmal wegen seiner Klarheit und wegen des Klangs, wenn die Wodkagläser aneinanderstoßen.

Der Vorwurf, der dem unter geradezu väterlich strenger Beobachtung stehenden Musiker gemacht wird, lautet immer wieder „Formalismus“. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Russland eine literarische Bewegung, die man auch als russischen Strukturalismus bezeichnete (Wladimir Propp, Roman Jakobsen), die sich um die Frage Gedanken machten, was einen Text überhaupt zu Literatur macht. Was ist die Literarizität, die Poetizität eines Textes? Als Anfang der 1930er Jahre der sowjetische Realismus kam, durfte diese Frage wohl nicht mehr gestellt werden. Die Vertreter des Formalismus wanderten in die USA aus. Doch wird dieser Vorwurf des Formalismus natürlich erweitert. So ist alles, was sich nur mit Form beschäftigt, was sich auf das „Gemachte“ bezieht, im sowjetischen Realismus verdächtig. So auch Nicolai Leskow, dessen Novelle Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk dem Libretto der Oper von Schostakowitsch zugrunde lag. Leskow galt als bürgerlicher Autor. Über die Qualität der Oper vermag ich kein Urteil zu bilden, da der Gesang in Opern von meinem Hörsinn als Geschrei interpretiert wird. In dieser Hinsicht hätte ich Stalin ja beigepflichtet. Aber darum ging es nie. Denn ein Urteil von mir ist eine Frage des Geschmacks, ein Urteil von Stalin bedeutete Lebensgefahr. Barnes schildert sehr eindringlich die ständigen Ängste, den Alpdruck den eine Diktatur verursacht. Von nun an würde es nur zwei Arten von Komponisten geben: die einen waren am Leben und hatten Angst, die anderen waren tot. Auch Boris Kornilow, der Autor des Liedes, das der Unbekannte am Anfang des Romans pfeift, und das Teil des Ruhms von Schostakowitsch ist (dem kühlenden Morgen entgegen) und das auch in der DDR den Optimismus von Volk und Aufbruch verkörperte. Barnes erwähnt viele Namen. Und so hat man auch ein wenig das Who is Who dieser Zeit beisammen. Und es ist interessant, dass dieser Formalismus-Vorwurf auch die Frage aufwirft: Was macht die Geschichte einer historischen Person zum Roman? Es ist die Dramaturgie der Erzählung. Noch bis in die Neuzeit (16. Jahrhundert) trugen erzählerische Werke im Titel den Begriff „Historia“. Die formale Trennung von Geschichtsschreibung und Fiktion ist eine Errungenschaft der Aufklärung. Der erste Text, der diese Fragen aufwarf, war „Der abenteuerliche Simplicissimus“ von Grimmelshausen. Der Grund dafür: Der Autor erzählt eine persönliche Lebensgeschichte als moralische Epikrise. Rückblickend als Einsiedler erzählt Grimmelshausen, wie er sich vom „unwissenden Esel“ zu einem moralischen Menschen wandelte, durch die Scheußlichkeiten des Krieges. Zwar noch weit entfernt vom Bildungsroman, dennoch schon formal die Richtung weisend. Barnes erzählt uns in personaler Form eng an den Protagonisten bleibend über drei Stationen und formal durch diese Form des Erzählens auch immer rückblickend und moralisch geläutert, vom menschlichen Scheitern. Schostakowitsch war ein großer Musiker. Aber was für ein Mensch war er? Und wie konnte er die stalinistischen Säuberungen überleben? Verändert der Blick auf den Menschen den Blick auf seine Kunst? Welchen Einfluss hatte diese ständige Angst auf die Musik? Hat sie die Musik vor sich hergetrieben, diese Angst? Oder ist die Musik vielleicht sogar durch den Terror gestählt, eine Art Gegenwelt? Bei den Dichtern lässt sich das vielleicht eher beantworten. Auf die Musik hatten die „Ingenieure der menschlichen Seele“ vielleicht weniger Einfluss. „Musik entflieht den Worten: Das ist ihr Zweck, und darin liegt ihre Erhabenheit“, lässt Barnes seinen Protagonisten Schostakowitsch denken. Ob das Wunschdenken ist? Vielleicht ist der Einfluss des Terrors auf die Musik einfach nur subtiler? Jedenfalls hörte ich mir das „Lied vom Gegenplan“, wie es in der Übersetzung genannt wird, öfter an, in der deutschen Version von Ernst Busch.

Entgegen dem kühlenden Morgen,
Am Flusse entgegen dem Wind.
Was sollen noch jetzt deine Sorgen,
Wenn froh die Sirene erklingt

 

Dem neuen Tag entgegen… und das ganz ohne Sorgen und Leiden, denn das ist vergessen. Sicher. Das ist der Text. Aber ich hörte mir auch die russische Version an. Und das war sogar noch motivierender. Natürlich hat Musik eine moralische Tiefenwirkung, die kein Wort je erreichen kann. Es gab noch nie eine Revolution ohne Musik! Jede Bewegung, jeder Move hat Musik. Ohne Musik wäre nicht einmal die Menschheit zu denken! Vermutlich steht sie sogar am Anfang der Sprache und man müsste die Bibel neu übersetzen: Am Anfang war Musik und die Musik war bei Gott. Aber ernsthaft! Oder?

 

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Künstlernovellen

Von Heinrich Mann

Reclam-Verlag

 

Geraffte Exposition, konzentriert herausgebildete Peripetie und ein Abklingen, das die Zukunft der Figuren mehr ahnungsvoll andeuten als gestalten kann, so definiert der aus Estland stammende und in Sydney 2009 verstorbene Gero von Wilpert die Novelle in seinem Sachwörterbuch der Literatur.

Die Gattung wurde geprägt durch Schlegels Beschäftigung mit dem Boccaccio, Goethe definierte die Novelle dann als eine sich ereignete unerhörte Begebenheit.

Es ist per Definition immer ein besonderes und neues (novus lex) Ereignis, eines, das wahr sein könnte.  So sind die drei Novellen bei Heinrich Mann sehr konzentriert und am romantischen Begriff der Novelle orientiert. Friedrich Theodor Vischer, ein deutscher Literaturwissenschaftler,  formulierte es  1857 so:

"Sie gibt nicht das umfassende Bild der Weltzustände, aber einen Ausschnitt aus ihnen, der mit intensiver momentaner Stärke auf das größere Ganze als Perspektive hinausweist, nicht die vollständige Entwicklung einer Persönlichkeit, aber ein Stück aus dem Menschenleben, das eine Spannung, eine Krise hat und uns durch seine Gemüts- und Schicksalswendung mit scharfem Akzente zeigt, was Menschenleben überhaupt ist."

 

Heinrich Mann schrieb diese Novellen in seiner Zeit in Italien. Von 1894 bis 1910 lebte er dabei ohne Anschluss an die kulturellen und sozialen Eliten des Landes. Es war gleichwohl eine produktive Zeit, neben seinen Novellen entstand unter anderem sein satirischer Roman „Das Schlaraffenland“, in dem er die Eliten des Landes ironisierte.

In den Novellen spürt man den symbolistischen Ton, ganz so, wie es Hermann Bahr in seinem symbolistischen Manifest forderte, ein inneres Gefühl im äußeren Plot auszudrücken. Die Geschichte wird erzählt, nicht um der äußeren Ereignisse willen, sondern um dem inneren Sein der Protagonisten Ausdruck zu verleihen. Und was für ein Inneres Heinrich Mann hier in seinen Figuren hervorzaubert! Die Branzilla ist voller böser Komik. Und die Schauspielerin Leonie ist einfach meisterhaft in ihrer Rolle als Hero in Grillparzers „Des Meeres und der Liebe Wellen“.  Der Kapellmeister ist eine sprachliche Genialität, die ich selten las. Er lief Umwege in der Nacht. Der beständige Aufenthalt im Dunstkreis der eines anderen süchtigen Frau fügte ihm unfruchtbaren Reiz zu. Hier ist ein Prototyp der Figur des „benutzten Freundes“ gestaltet worden. Welcher Mann des 21. Jahrhunderts war nicht schon einmal verliebt in eine Frau die nur den guten Freund in ihm sah. Und Malvolto! mit seinem Pippo Spano ist eine köstliche Gegenüberstellung von Nietzsches Widerspruch von Geist und Tat.  Die Novelle war 1917 in München sogar Auslöser für ein Verfahren wegen „Verbreitung unzüchtiger Schriften“. Der Autor entging der Verurteilung wegen Verjährung. Der ausgebrannte Schriftsteller lässt sich auf eine Affäre mit einer minderjährigen Verehrerin ein, nur in dem Gedanken, dies schreiben zu können. Was ist Leben? Was ist Literatur? Die Grenzen zwischen Leben und Kunst verschwimmen in allen drei Novellen und so ist Leonie nicht mehr fähig ihre Rolle als Hero von ihrem realen Leben abzugrenzen, ist die Branzilla (treffend angesiedelt im Risorgimento) nicht mehr fähig zu einem ernsten moralischen Urteil, weil sie die Kunst derart zur Religion macht, dass sie über Leichen geht. Und dieses Drama hat natürlich im Hintergrund die Auseinandersetzung mit Nietzsches Genealogie der Moral zum Grunde. Einerseits die bürgerliche Arbeitsmoral, die sich in Goethes Faust so ausdrückt: Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen, er liebt sich bald die unbedingte Ruh‘, drum geb ich gern ihm den Gesellen zu, der wirkt und muss als Teufel schaffen. Gott weiß, dass der Mensch ab und zu etwas Ärger braucht, um nicht zu sehr abzuschlaffen. Gott findet in Ordnung, wenn uns Menschen gelegentlich der Teufel reitet. Sonst ist der Mensch zu faul. Und das ist Todsünde, Acedia, die Faulheit. Die Faulheit führt dann zur Willenstrübung, Gemütsverfinsterung, Verlust der Tatkraft. Man hilft nicht mehr denen, die bedürftig sind, sammelt Unterlassungssünden an. Dieses christliche Arbeitsethos wurde vom Bürgertum übernommen, und Nietzsche bezeichnete sie dann als „Sklavenmoral“ und hat dagegen seine Herrenmoral gesetzt, auf der Vita contemplativa beruhend, die schon Schopenhauer pries. Die von Cicero als „würdevolle Muße“ bezeichnete Trägheit steht also dieser moralinsauren Arbeitsethik gegenüber. Heinrich Mann setzte sich damit intensiv auseinander und überwand so die Mentalität des Herrenmenschen, die dann Jahre später ganz Deutschland in die Irre führte. Dem Erfinder der „blonden Bestie“ wäre aber „seine Bestie im Hals stecken geblieben, hätte er Hitler erlebt“, schrieb Heinrich Mann später in seiner Autobiografie „Ein Zeitalter wird besichtigt“.

Sogar die private Geschwisterliebe Heinrich Manns zu Carla Mann spiegelt sich in der Novelle „Schauspielerin“, denn der impotente Harry Rothaus wird wie ein Bruder im Geiste für Leonie (dem Entwurf der femme fragile).

Dass der Ost-Mann („Heinrich Mann ist unser“ – so Walter Ulbricht) immer ungeliebt war im Westen? Nun, das ist eine kleine Tragödie. Am 28. April 1950 sollte Heinrich Mann mit dem polnischen Passagierdampfer „Batory“ in Gdynia (polnische Hafenstadt) ankommen, und nach 16 Jahre Exil wieder nach Deutschland zurückkehren, nach Ostdeutschland. Immer wieder schob der inzwischen 78jährige Heinrich Mann seine Abreise aus Santa Monica auf. Dann war Heinrich Mann tot. In zwei Wochen am 27. März wäre er 79 Jahre alt geworden. Heinrich Mann wurde wenige Meter von seiner zweiten Ehefrau Nelly Mann (Suizid am 17. Dezember 1944) im Friedhof Santa Monica begraben. Sein Todesdatum fälschlich mit 11. März angegeben.

Dort lag Heinrich Mann friedlich ganze zehn Jahre in der Nähe seiner geliebten Nelly.  In der Nacht vom 23. auf den 24. März 1961 sind merkwürdige Gestalten auf dem Friedhof in Santa Monica und buddeln die Urne von Heinrich Mann aus und entführen sie nach Prag.  In einem gespenstischen Konvoi aus Tatra- und Volvo-Limousinen wird die Urne von Prag direkt nach Ostberlin geschafft.

Als die Urne ankam rief Walter Ulbricht aus: „Er ist unser.“

Natürlich weisen die Novellen auch jugendliche Narreteien auf und der Stream in „Die Branzilla“ wirkt noch etwas unbeholfen. Die Kennzeichnung von Gedanken ist noch schlicht, weil literaturhistorisch lediglich das Gedankenzitat zur Verfügung stand. Der innere Monolog kam erst wenige Jahre später über Joyce und Schnitzler auf den literarischen Horizont. Aber an der Novelle „Die Branzilla“ sieht man schön, dass Heinrich Mann schon erste Übungen darin machte.

Also drei Künstlernovellen, symbolistisch, satirisch und neurasthenisch modern.

 

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Zehn Regeln für Demokratie-Retter

Von Jürgen Wiebicke

Erschienen 2017 im Verlag KiWi

 

Unsere Debattenkultur leidet zurzeit unter einer übermäßigen Neigung zur Kritik. Das allein wäre noch kaum der Rede wert. Aber zur übermäßigen Kritik kommt noch hinzu: Es fehlt den meisten hitzigen Kritikern eine Antwort. Der Philosoph und beliebte Moderator des „Philosophischen Radios“ vom WDR fasst dies in der 8. Regel seines demokratischen Dekalogs pointiert zusammen: „Warte nicht auf den großen Wurf“. Die Welt ist „überkomplex“ und „daraus resultiert das Gefühl fehlender Selbstwirksamkeit“.  Um aber wieder ein „Gefühl der Selbstwirksamkeit“ zu bekommen, reicht es nicht, sich am Abend eine Fernsehtalkshow anzusehen und anschließend eine Hass-Mail auf  Facebook zu posten. Wie politische Debatten in der Zukunft gestaltet werden könnten, hat neulich die NGO „Campact“ vorgelegt, indem sie die Bürger einlud, selbstständig Diskussionsveranstaltungen (privat oder öffentlich) zu organisieren mit Hilfe der Plattform von Campact. Eine gute Idee, die man auch als Graswurzel-Idee bezeichnet.
Insgesamt ist also das kleine Büchlein von Jürgen Wiebecke zu loben. Nicht etwa, weil seine Vorschläge so brillant wären, sondern weil er überhaupt Vorschläge macht. In seiner zweiten Regel „Mache dir die Welt zum Dorf“, erwähnt Wiebecke den französischen Utopisten Jean Jacques Rousseau, der sich seine ideale Republik nicht größer als Genf vorstellte. Angenommen, wir hätten einen nationalen Sozialismus ohne Expansionsgedanken und ohne Rassismus. Es wäre ein auf Subsistenzwirtschaft basierender Kleinstaat aus Handwerkern und Bauern. Ihre erwirtschafteten Überschüsse würden diese Kleinbürger auf den Markt tragen. Aber eine ökonomische Entwicklung würde nie stattfinden. In etwa so stellt sich auch die neue Rechte ein „Europa der Nationen“ vor – unter anderem auch die Front National. Doch das ist Schnee von gestern, denn eben genau so stellte sich Jean Jacques Rousseau seine ideale Republik vor. Ein Philosoph sollte dies wissen. Kleinstaaterei ist keine Antwort auf die globale Entwicklung. Zumal in den nächsten 30 Jahren die Städte um drei Milliarden Menschen wachsen werden. China hat in den letzten drei Jahren so viel Zement verbaut, wie die USA im ganzen 20. Jahrhundert. Der Fokus müsste vor allem auf der Strukturplanung großer Städte (Architektur für die unteren 40 Prozent und nicht nur für die oberen zwei Prozent) liegen, sonst findet eine dramatische Pauperisierung (Verarmung, Verslumung) statt, die eine Wucht an Gewalt schaffen wird, der keine Demokratie standhalten kann. Nicht Lokalisierung, sondern kluge Dezentralisierung. Weiter wünscht sich Jürgen Wiebecke eine Versammlungsdemokratie. Auch das ist nicht unproblematisch, denn genau das war 1919 schon versucht worden und am Ende siegten die Nationalsozialisten. Die aktuellen Debatten zeichnen sich durch eine hässliche Emotionalisierung aus und so würden solche Versammlungen schlicht niedergebrüllt werden. Hier wäre dann eine Affirmation der föderalen Strukturen sinnvoll, Unterstützung kommunaler Selbstverwaltung. Die aktuelle Politik hat aber das Grundgesetz (Föderalismusreform) gerade im Gegenteil so verändert, dass die einzelnen Bundesstaaten noch isolierter da stehen als zuvor. Das Ziel der Bundesregierung eigene Ressourcen festzuhalten, schafft Verteilungsungerechtigkeit und stärkt den Isolationismus. Der Staat entwickelt sich zum Zentralleviathan. Als hätten wir mit den Franzosen keine Nachbarn, die an diesem Grundfehler seit Jahrzehnten leiden. Polyzentrische Städtestrukturen wären angesagt, um Ressourcenkreisläufe besser zu schließen.
In Deutschland hat in diesem Jahr, so Wiebicke, ein geistig Behinderter im Bundestag über den Holocaust gesprochen. Zu Recht lobt Jürgen Wiebicke dies. Was er nicht sagt: Dieser Sprecher darf in Deutschland nicht wählen, obwohl ihm dies laut Verfassung (Artikel 38 GG) und laut Menschenrechtskonvention zustünde. Aber laut §13 des Bundeswahlrechts dürfen Behinderte, die in allen Belangen ihres Lebens einer Betreuung bedürfen nicht wählen (obwohl sie geschäftsfähig sind). Derzeit läuft dagegen eine Verfassungsklage. Symbolpolitik sollte man also nicht loben, sondern entlarven.
Beziehung schafft Stabilität auf Seite 36: Wiebicke stellt die spannende Idee des US-amerikanischen Bürgerrechtlers Saul Alinsky vor, das Community organizing. Diese Methode hatte auch großen Einfluss auf die Politiker Hilary Clinton und Barack Obama. Eine großartige Idee zwar, aber auch hier bin ich in einem Punkt skeptisch. Der Überwachungs- und Disziplinierungsdruck der so entstünde muss auch auf die Rechnung. Im nationalsozialistischen Deutschland gab es eine ekelhafte Abart dieser Idee, verkörpert im Blockwart, so genannte „Blockleiter“, die für 40 bis 60 Haushalte und deren Mieter zuständig waren. Inwieweit sollte sich der Staat einmischen und ab wann gibt es für den einzelnen Bürger ein Abwehrrecht gegen den Paternalismus des Staates? Die aktuelle Verflüssigung der herkömmlichen Staatsmodelle birgt Chancen, aber eben auch Gefahren. 
„Für die Demokratie ist radikale Identitätspolitik eine Bedrohung. Demokratie muss den Dissens organisieren und verteidigen.“ So schreibt der Autor auf Seite 25 oben und dieser Satz ist absolut zu bejahen. Die Politik der Alternativlosigkeit von Angela Merkel, die „Konsenssoße“ einer GroKo blüht uns jetzt weitere vier Jahre. Es besteht damit die Gefahr, dass unsere Streitkultur von den extremen Rechten dominiert wird, wie in Frankreich, Holland, der Schweiz oder Österreich. Diese extremen Rechten benutzen die demokratischen Strukturen. Und sie sind erfindungsreich in ihrer Kostümierung. So hat die identitäre Bewegung (Jürgen Elsässer, Horst Mahler) längst klassisch linke Protesttechniken für sich entdeckt: Die Kommunikationsguerilla der 1960er (Kunzelmann, Langhans) Culture Jamming, Spaßguerilla, wird als politisches Instrument inzwischen von der Neuen Rechten benutzt. Ganz ähnlich, wie einst die NSDAP die Massenpsychologie der damals aufkommenden Werbung für ihre politischen Zwecke missbrauchte. Immer weniger Wähler und Wählerinnen lassen sich noch von Fakten beeindrucken. Sie wählen aufgrund ihrer eigenen Perzeption. Durch Emotionalisierung gelingt es den Neuen Rechten, wie eine echte Protestpartei aufzutreten. Und so treiben sie die etablierten Parteien vor sich her. Und so lösen sich die traditionellen Instrumente der Demokratie vor unseren Augen in Luft auf. In Frankreich regiert mit Macron eine Bewegung. In den USA sieht auch Trump sich als „Move“ und identifiziert sich nicht mehr mit den Republikanern. In Großbritannien hat eine Bewegung ein ganzes Land in die Krise gestürzt durch den Austritt aus der EU. Der Staat hat über Jahrzehnte dereguliert und privatisiert. Dies führte zu großem Reichtum. Bei der letzten Krise aber haben uns die Politiker gerettet, nicht der freie Markt und auch nicht die Populisten oder NGO. Über die Produktionsweise des Kapitals sagte Karl Marx einst: Die Technik wird zum Totengräber des Kapitalismus. Die Digitalisierung und KI verändert die Zukunft der Arbeitswelt grundlegend. Daher werden auch die traditionellen demokratischen Instrumente verändert werden (müssen). Ganz neue Instrumente der Rechtssicherheit werden gebildet, weil der Staat als Gesellschaftsmodell keine Zukunft hat. Demokratie wird noch flüssiger werden. Projekte und/oder Gerichte werden durch Bürgerpflicht selbstregulierend, wie dies die „Konsultative“  (Patricia Nanz und Klaus Leggewie) propagiert. Was wir aber wirklich nötig haben, das sind wir selbst. Die schönen stoischen Zeiten einer Wohnzimmer-Kultur sind vorbei. Soviel ist mal sicher.

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Die Nacht in Lissabon

Von Erich Maria Remarque

Erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch

 

Gegen Ende des Romans, nachdem der Lächler Josef Schwarz gefoltert hatte, kommentiert der Erzähler dieses Ereignis mit diesen Worten: „All dieses kannte ich. Es gehörte mit Schiller und Goethe zur Kultur des faustischen Menschen.“ Die Stadt Weimar ist heute ein Museum für Goethe. Und nur eine halbe Autostunde entfernt (Richtung Erfurt) liegt die Gedenkstätte Buchenwald. Dort gibt es ein Krematorium. In einem extra Raum wurde die Asche der Verbrannten auf einen Haufen geworfen und willkürlich in nummerierte Urnen abgefüllt. Die Identität der Getöteten war ausgelöscht. Josef Schwarz ist nicht der Erzähler. Es ist nur der Träger des Passes eines verstorbenen Josef Schwarz und zum Ende wird dieser Pass an den Zuhörer weitergereicht, der dann ebenfalls seine Identität austauscht. „Der Mensch war um diese Zeit nichts mehr; ein gültiger Pass alles.“ Doch als der Zuhörer in Amerika ankommt, fängt er an, sich für Malerei (vor allem Degas) zu interessieren. Und der Erzähler mit dem Namen Josef Schwarz lebt und überlebt dank der Bilder des echten Josef Schwarz.
Seit den Notstandgesetzen von 1968 ist es eine Ordnungswidrigkeit, wenn man sich bei einer Kontrolle der Polizei nicht ausweisen kann. Ansonsten herrscht Ausweispflicht. Eine Zuwiderhandlung kann sehr teuer werden. Ab 2020 verfügt jeder Pass oder Ausweis über eine elektronische Identitätsfunktion, die auch angeschaltet sein muss (aktuelle Gesetzesnovelle). Bis 2020 haben dann alle Sicherheitsdienste Zugriff auf diese Daten. Flächendeckend wird es Videoüberwachung mit Gesichts- und Bewegungserkennung geben. Stück für Stück scheint Deutschland „unter unseren Füssen wegzugehen“. So ist dieser Roman einmal eine Liebesgeschichte zwischen dem Erzähler Josef Schwarz und Helen. Andererseits ist der Roman auch eine Flüchtlingsgeschichte, die an einigen Stellen erstaunliche Aktualität aufweist. Das Verhalten der Flüchtlinge, ihre Angst, die Nötigung, sich immer verstellen zu müssen, die Tatsache, dass sie nicht ankommen, immer auf der Flucht bleiben, bedroht von Ausweisung, bedroht von der Polizei, bedroht vom Verlust ihrer Identität. Und so ist die dritte Ebene eine Frage danach, wer wir wirklich sind. Sind wir nur Teil einer Heimat und sind wir dann nichts mehr, wenn wir unsere Heimat verlieren? Sind unsere Eigennamen nur Schall und Rauch? Sind unsere Identitäten lediglich ein Spielball höherer Mächte? Remarque erzählt eine Geschichte von einem Fremden mit einem fremden Namen. Wer ist dieser Mensch? Josef Schwarz ist es nicht. Wer hört ihm zu? Er wird später zu Josef Schwarz. Wie uns Tilman Westphalen (Gründer der Remarque-Gesellschaft) in seinem Nachwort erläutert, ist das Geburtsdatum im Pass von Josef Schwarz identisch mit dem Geburtsdatum des Autors Remarque. Aber Remarque ist niemals in seine Heimatstadt Osnabrück zurückgekehrt. Im jungen Nachkriegsdeutschland herrschte (vielfach auch in der Gruppe 47 diskutiert) ein harter Diskurs darüber, wer Deutschland verraten habe: Die, die Deutschland verlassen haben und ins äußere Exil gingen, und so die, die zurückblieben zurückließen, oder die, die von Deutschland verlassen wurden und ins Innere Exil gingen und nichts unternommen haben, gegen das Nazi-Regime? Remarque zeigt auf, dass dies nicht wirklich von Bedeutung ist. Die Brutalität und die massive Propaganda des Regimes macht es uns bis heute schwer, Schuld und Unschuld exakt zu trennen. Und wenn man – was ja bei dieser Ebene der Flucht naheliegt – auf die heutige Flüchtlingsdebatte blickt, sieht man, wie mehr und mehr wieder Mauern, Gefängnisse und Kontrolle den Staat zum Leviathan machen.

„Ist der Unterschied zwischen wertvollen und gewöhnlichen Menschen nicht eine ferne Parallele zu den Übermenschen?“ So frägt Josef Schwarz (auf S. 260). Der Zuhörer antwortet darauf: „Sie können nicht alle nehmen.“
„Nein?“, fragt Schwarz noch einmal nach, worauf sein Zuhörer nicht mehr antwortet. Unterschiede werden gemacht zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und anderen Flüchtlingen. Und die nächste große Welle werden die Klimaflüchtlinge sein. Es nutzt auch wenig, dieses Drama unter moralischen Gesichtspunkten zu diskutieren. Denn längst geht es um Lösungsstrategien und um Ressourcenknappheit überall. Am Eingangstor von Buchenwald steht: „Jedem das Seine.“ Dieser Satz (suum cuique) besagt, dass jedem Bürger eines Gemeinwesens das zugeteilt wird (bzw. werden soll), was ihm gebührt, etwa durch gerechte Güterverteilung. Der Satz „Jedem das Seine“ taucht auch in Platons Gerechtigkeitsformel auf (Idiopragie-Formel). Der Idealstaat setzt sich aus Bürgern zusammen, wo jeder nur genau die Funktion erfüllt, die ihm gemäß seiner besonderen Beschaffenheit zukommt. So sorgen sich die Staatenlenker um die Bedürfnisse der Bürger ihres Staates. Ein Schuss Humanität mag dabei sinnvoll sein. Aber ein ganzes Glas voll mit Humanität kann keiner trinken, ohne selbst zu ertrinken. Wir können nicht alle nehmen… Wirklich?

Dass Helen nicht als Kranke gesehen werden will, und daher bis zum Ende ihre eigentliche Identität verschweigt, die sie als Kranke ausweist, zeigt auch hier, dass sie selbst es nicht ertragen würde, wenn Josef Schwarz sie als das erkennen würde, was sie ist. Und so vermutet sie, dass er sich vor ihr und ihrer Krankheit ekelt. Sie tötet sich ohne ein Wort des Trostes zu hinterlassen, denn – wie der Zuhörer feststellt – sie hätte nicht mehr aufhören können zu schreiben. Sie weiß am Ende, dass ihr Geliebter gerettet ist, und kann dann loslassen. Identität ist also nichts, was von außen durch eine eID bestimmt wird, durch eine nummerierte Urne, sondern etwas, das wir selbst bestimmen. Insofern ist der Roman von Remarque in allen drei Ebenen von einer Aktualität, die mich beim Lesen immer wieder aufschrecken ließ. Mögen in Deutschland zwar keine Stiefel mehr getragen werden – so hört man sie in anderen Ländern auftreten. Die Menschen fliehen vor ihnen und nicht wenige, die hier ankommen haben keine Identität mehr, die sie bei den Behörden nachweisen können. Sie haben nur noch ihre Geschichte, ihre Fluchtgeschichte und ihre Narben vorzuzeigen. Doch einen Ausweis ersetzen diese Narben nicht. Flucht und Überwachung, das ist der Subtext in dem Roman und es ist der Subtext des 21. Jahrhunderts. Hier werden Liebende auseinander gerissen und auf bürokratische Weise (jedem das Seine) verteilt. „Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepaßt an eine zutiefst kranke Gesellschaft zu sein“, sagte schon der indische Theosoph Jiddu Krishnamurti. Remarque hat im Jahr 1962 einen anachronistischen Roman geschrieben und über fünfzig Jahre später erscheint er mir von heute.

 

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Mrs Dalloway

Von Virginia Woolf

Deutsch von Walter Boehlich

Original erschien 1925 in The Hogarth Press

 

Virginia Woolf veröffentlichte ihren vierten Roman (1919 erschien Nacht und Tag, 1922 Jacobs Zimmer) in ihrem eigenen Verlag, den sie mit ihrem Mann Leonard Woolf führte, und in dem Autoren wie Roger Fry oder auch der berühmte Ökonom John Maynard Keynes veröffentlichten. Und die zuletzt genannten waren auch mit dem Ehepaar Woolf Mitglieder der Bloomsbury Group. 1909 lernte Virginia Woolf Lady Morrell kennen, die dann vor allem in Oxford ihr Anwesen Garsington Minor zu einem Ausbildungszentrum der jungen Intellektuellen um die Bloomsbury Group machte (unter anderem Aldous Huxley, D.H. Lawrence, Bertram Russell).

Vermutlich ist Clarissa Dalloway in einigen Zügen Lady Ottoline Morrell nachgebildet. Sie ist Zentrum einiger Romane, unter anderem von Aldous Huxley „Narrenreigen“, der 1923, also zwei Jahre vor Mrs Dalloway erschienen war. Huxleys Roman spielt auf Garsington Minor und handelt von einem schüchternen Helden (Theodor Gumbril), der aufpumpbare Hosen erfunden hat und in den dortigen Künstlerkreisen lebt.

In Virginia Woolfs Roman heißt die Hauptfigur Clarissa. Sie ist die Frau des Unterhaus-Abgeordneten Richard Dalloway und an diesem Junimittwoch im Jahr 1923 gibt eine sie Abendgesellschaft. 19 Jahre nach dem berühmten Roman von Joyce, dem 16. Juni 1904, dem so genannten Bloomsday (nach der Hauptfigur der Ulysses), der nur ein Jahr zuvor 1922 erschienen war.

Der experimentelle Roman beginnt in den Morgenstunden. Clarissa beschließt, die Blumen selbst kaufen zu gehen und wird in der Stadt wohl Zeugin eines Autounfalls, ein Flugzeug schreibt Toffee in die Luft und nebenbei trifft sie einige der späteren Gäste, unter anderem Hugh Whitbread, den Freund ihres Mannes Richard. Sie macht sich Gedanken über ihre weit zurückliegende Entscheidung, Richard zu heiraten und nicht Peter Walsh. Denn Peter Walsh ist in der Stadt und besucht sie. Er war in Indien und hat sich dort in eine junge Frau verliebt. Er wird später genauso auf der Abendgesellschaft sein, wie ihre Freundin Sally Seton, inzwischen als Lady Rosseter verheiratet ist und Mutter von fünf Jungs. Diese drei waren Jugendfreunde, und nun treffen sie sich auf der Abendgesellschaft wieder. Doch Clarissa ist die Gastgeberin und sie muss sich um alle Gäste kümmern und daher hat sie nie Zeit für Sally und Peter.

Und Clarissa hat auch eine Tochter, Elizabeth. Doch diese Tochter wird ihr von der Geschichtslehrerin Miss Kilman entfremdet. Miss Kilman ist eine bigotte, religiöse Frau. Sie fühlt sich hässlich und ihre einzige Leidenschaft ist der Kuchen, wodurch sie auch noch sehr dick wird. Elizabeth scheint sie zu mögen, doch als die beiden beim Einkaufen sind, wird ihr das sentimentale Selbstmitleid von Miss Kilman doch zu viel und sie lässt sie einfach stehen. Miss Kilman ist nicht auf der Party, aber Miss Henderson, die ihr alles erzählen wird. Daher bleibt sie auch bis zum Schluss.

Doch Clarissa ist nicht das alleinige Zentrum des Romans. Die andere Figur ist Septimus  Warren Smith und seine italienische Frau Reza. Septimus war im 1. Weltkrieg und hat dabei einen Freund verloren. Er leidet unter den Folgen des Krieges an einem – so würde man das heute nennen – posttraumatischem Belastungssyndrom (PTBS). Er wird von einem Dr. Holmes behandelt, aber es bessert sich nichts. So gehen sie zu einem Arzt der Reichen Leute, zu Sir William Bradshaw. Dieser befiehlt, Septimus in seine Pflegeanstalt zu bringen und ihn von seiner Frau Reza zu trennen, da die eigene Frau nicht gut sei für ihn. Beim Versuch, ihn abzuholen, springt Septimus aus dem Fenster. Dieser Bradshaw wird später auf Clarissas Abendgesellschaft erscheinen und sich mit Richard über diesen Vorfall unterhalten.  Sir William Bradshaw hat viel Sinn für die Proportionen. Und sein Credo sind dann auch die Proportionen. Das ist mehr als eine Andeutung, dass dieser Sir William Bradshaw ein Faschist ist und der Lehre der Phrenologie anhängt, die bereits im 19. Jahrhundert kaum noch von Bedeutung war, aber von den Nationalsozialisten wieder entdeckt wurde und gerade unter Psychiatern sehr verbreitet war. Clarissa wird dann zu sich sagen: Das Leben ist unerträglich geworden; sie machten das Leben unerträglich, Männer wie er? I fit were now to die, ‚twere now tob e most happy. Und Septimus sie die Menschennatur, die ihn in Gestalt von Holmes und Bradshaw jagen.

Zwischendrin begegnet auch Peter Walsh im St. James Park dem Paar Septimus und Reza. Er kennt sie natürlich nicht und geht an ihnen vorbei und macht sich seine Gedanken.

Virginia Woolf gelingt es, den Leser mehr und mehr hineinzuziehen die Welt der Menschen, deren Gedankengängen sie folgt. Dabei werden die Wechsel der Personen gar nicht angekündigt, einfach im nächsten Satz ohne Absatz wird der Leser in eine neue Gedankenwelt gezogen.

Gleichzeitig entstehen dabei wunderschöne Sätze.

Virginia Woolf war die Tochter eines Historikers und Schriftstellers. Sie litt selbst unter einer psychischen Erkrankung, die man heute als eine bipolare Psychose bezeichnet. Diese ist gekennzeichnet durch abwechselnde Stimmungen, mal mit erhöhtem Antrieb (Manie) , dann wieder depressiv. Manche Patienten können sogar die Uhr danach stellen, wenn eine der Phasen auftritt. Lange Zeit herrschte in der psychoanalytischen Szene die Vermutung, dass sie und ihre Schwester Vanessa von ihren Halbbrüdern George und Gerald Duckworth sexuell missbraucht worden seien. Endgültig bewiesen werden konnte dies nicht.

Verkleidet als abessinische Fürsten erschlichen sich Virginia und ihr Bruder Stephen und zwei weiteren Bloomsberry-Mitgliedern den Zutritt zu dem Kriegsschiff Dreadnought. Dieser „Dreadnought-Streich“ wurde sehr berühmt und führte zu einer Anfrage im Oberhaus. Es war eine Blamage für das Empire.

Virginia Woolf hat sich am 28. März 1941 im Fluss Ouse bei Rodmell ertränkt, als sie erneut an einer tiefen Depression erkrankte.

Virginia Woolf zählt neben Joseph Conrad, James Joyce und D. H. awrence zu den wichtigsten Autoren der modernen englischen Erzählliteratur, in dem vor allem der Stream of consciousness (Bewusstseinsstrom) eine wichtige Methode des Erzählens wurde. In Deutschland pflegte unter anderem Alfred Döblin (Berlin Alexanderplatz) diese Erzähltechnik.

 

Garching 2017

Rückblick

 

Mitte März starteten wir das Frühjahrs-Semester mit dem eigenwilligen Roman von Don De Lillo über eine Kryonik-Station irgendwo bei Kirgisien. Die Menschen dort lassen sich einfrieren und warten dann auf ihre späte Erweckung. Vielleicht wäre das für Schostakowitsch eine Lösung gewesen, um so den Stalinismus einfach tiefgefroren zu verschlafen. So aber schilderte uns Barnes im April die tiefen Leiden des Komponisten unter einem menschenverachtenden Regime. Im Land der Freiheit befanden wir uns dann im Mai und reisten mit einem großen US-amerikanischen Schriftsteller und seinem Pudel rum um die USA im Jahr 1960. Auch im Juni blieben wir in den USA, diesmal in Stanford und in der Jetztzeit. Vielleicht ist dieser ganze digitale Irrsinn, den wir derzeit durchleben, einfach nur ein wilder LSD-Trip? Keinen solchen Trip erlebte Josef Schwarz in dem späten Roman von Erich Maria Remarque. Vielmehr eine düstere Flucht und die Liebe als Hoffnung.

 

Chronik:

14. März 2017            Null K.  von Don De Lillo

25. April 2017 Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

16. Mai 2017   Reise mit Charley von John Steinbeck

27. Juni 2017 Kraft von Jonas Lüscher

26. Juli 2017   Die Nacht von Lissabon von Erich M. Remarque

 

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Null K

Von Don DeLillo

Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert

Erschienen 2016 bei Kiepenheuer & Witsch

 

Alles verzehrt die Macht der Zeiten (Sophokles)

 

Nackt in stehenden Särgen, aufrecht schwimmend in Flüssigstickstoff – bei minus 196° C. In der Realität von Alcor Life Extension Foundation sind die Särge metallic schimmernde Tanks.
Null K sind eigentlich -273,15° C, der absolute Nullpunkt. Nach dem dritten Hauptsatz der Thermodynamik ist der absolute Nullpunkt eine ideale Messgröße, nicht erreichbar, jedoch beliebig nahe dem absoluten Nullpunkt realisierbar. Bei der Kryonik dagegen werden die Organismen zur Lagerung üblicherweise bei −196 °C in flüssigem Stickstoff gekühlt.

Don DeLillo beschreibt in seinem Roman einen vollständig fremdartigen Ort, wo sich reiche Menschen den Traum von der Unsterblichkeit erfüllen. Das ist keine Science Fiction. Die in den USA wirklich existierende Alcor Life Extension Foundation betreibt in Arizona ein gemeinnütziges Institut, in dem bereits Menschen auf Eis liegen und auf ihre Wiedergeburt warten. Seit dem 17. Januar 2013 ist die 23-jährige Kim Suozzi die 114. Patientin der „Alcor Life Extension Foundation“ in Scottsdale, Arizona, die sich „kryonisch versorgen“ ließ. Auch in Russland gibt es seit 2006 den kommerziellen Anbieter KrioRus.

Deutlich nüchterner und ernster als Woody Allen in seinem Film „Sleeper“ von 1974 behandelt Don DeLillo in seinem neuen Roman das Thema des Einfrostens. Der Icherzähler Jeff Lockhart besucht seinen reichen aber ihm entfremdeten Vater Ross Lockhart in der zentralasiatischen Steppe irgendwo bei Kirgistan in der so genannten Konvergenz, einem futurischen Gebäude indem sich Superreiche das ewige Leben leisten. Ross wartet auf den Tod und das darauf folgende Einfrosten seiner zweiten Frau Artis, der Stiefmutter von Jeff. Und Jeff ist der verstörte Beobachter dieser makabren Choreografie des Sterbens. DeLillo baut geschickt einen Vater-Sohn-Konflikt auf. Einerseits der Milliardär und Macher Ross Lockhart (der abwesende Vater), andererseits der eher lethargische und arbeitslose Jeff (der abwesende Sohn). Er nennt seinen Vater nie Vater. Außerdem hat Jeff seine Mutter Madeline sterben sehen. Ross nennt nie ihren Namen. Eine Spiegelung des jetzigen Vorgangs. Nun soll er auch noch das Sterben seiner Stiefmutter sehen. Die Brutalität mit der uns der Tod geliebte Menschen entreißt, die Brutalität des Todes, mitten aus dem Gespräch gerissen zu werden, während das Leben mindestens genau so erbarmungslos weiter geht. Jeder will das Ende der Welt in der Hand haben. Das Verstörende am Tod ist vielleicht weniger das Wegsein, das erleben wir regelmäßig im Schlaf. Das Verstörende am Tod ist, dass alles weiter geht. Dass die Zukunft nicht erlebt wird.

Jeff führt eine merkwürdigen Beziehung zu einer Lehrerin, die einen Adoptivsohn (Stak) hat. Auch hierin spiegelt sich das Vater-Sohn-Problem, wenn Jeff sich bemüht, diesem Jungen ein Ersatzvater zu sein, aber letztlich daran scheitert, weil Stak einfach zu anders ist. Während Stak bei einem Museumsbesuch die Museumswärterin cool frägt, wie der große Stein in das Museum gekommen ist (durch pure Gewalt), stellt sich Jeff lieber vor, der Stein sei schon vor dem Museum da gewesen.

So ist Jeff ganz anders als sein Vater. Umso verstörender ist es für Jeff, als sich sein erfolgreicher und dynamischer Vater entschließt, seiner zweiten Frau Artis nachzufolgen und in dem speziellen Projekt „Null K“ bereits als Lebender eingefrostet zu werden. Und genau hier sieht er in den apokalyptischen Filmszenen auch den Tod des Adoptivsohns seiner Freundin – Stak wird zum abwesenden Sohn. Diese apokalyptischen Szenen sehen auch wir jeden Tag – nur auf einem etwas kleineren Bildschirm. Aber vergrößert, auf allen Zimmerwänden, geradezu eingekesselt, wird dies zu einer surrealen Realität. Und inmitten dieser postapokalyptischen Szenen steht dieser futuristische Überlebensbunker. So ist die „Konvergenz“ ganz im Sinne des Namens ein Zusammenlaufen, ein Grenzwert, eine Überdeckung, eine Annäherung. Artis liegt im Sterben und wartet darauf, eingefroren zu werden.

DeLillo, der große Postmodernist neben Thomas Pynchon, wuchs in der Bronx auf als Kind einer Arbeiterfamilie. Immer draußen auf der Straße. Nun spricht die Presse von seinem „Alterswerk“ zu dem auch Null K zählen soll. Mich hat der Roman eher an Mao II erinnert, den DeLillo schon in den 1960ern schrieb. Denn auch dort wird das Individuum in den Gegensatz zur abstrakten Masse Mensch gestellt. Denn darum geht es in Null K parallel auch. Die Menschen werden in der Konvergenz zu Monolithen eingefrostet. Der Absolutheitsanspruch des Individuums findet in dem Gedanken an das persönliche ewige Leben seinen Höhepunkt. Das absolute Individuum ist dabei kalt bis zum Grenzwert. Das Sterben von Artis und das Sterben von Ross schildert DeLillo als absolute Entfremdung. Der Tod tritt bereits im Leben ein. Nur so kann man dann überleben. Und das ist jetzt zwar ein Wortwitz: Über-Leben. Aber genau das schildert DeLillo in der Parabel der Konvergenz. In den unübersichtlichen Gängen der Konvergenz begegnet Jeff einem Mönch, der ganz konvergent verschmilzt, einerseits archaisch mit seiner Mönchskutte und seiner Überindividualität, andererseits Teil der Futura eines Labors, einer als Konzeptkunst entworfenen Choreografie, die den Tod zum Happening macht. DeLillo baut den Roman in zwei Teile auf, in zwei Besuche. In zwei Tode. Auch deutlich wird die Sozialkritik. Stak stirbt den Massentod. Artis und Ross sind für immer vereint in getrennten Särgen. Adam und Eva in ewiger Hybris wartend auf die Rückkehr ins Paradies. Denn trotz Tissue Engeneering (Gewebezüchtung) warten wir noch auf das Gelingen dieses ewigen Lebens. Und es könnte auch sein, dass dieser Traum vom ewigen Leben zum Alptraum wird. Der Tod könnte zum Luxus werden. Die Sprache von DeLillo ist analog zum Titel herunter gekühlt. Jeff ist ein beinahe frigider Erzähler, der immer wieder in dunklen Räumen steht und sich zwischen den Welten bewegt. Auch hier ist Jeff selbst eine Art Konvergenz, RTP zwischen gestern und morgen. Vielleicht sind wir das sogar alle. Intergalaktische RTP. Wenn Quantenteilchen verschränkt sind, lassen sie sich mathematisch nicht getrennt beschreiben - sie bilden quantenphysikalisch betrachtet ein gemeinsames Objekt, auch wenn sie weit voneinander entfernt sind. Ein Maß für die quantenmechanische Verschränkung ist die sogenannte "Verschränkungsentropie“ – ein gemeinsamer Zustand. So erklären sich Physiker heute, dass wir tatsächlich auf einem Hologramm leben, dass sich die Hinweise auf die Gültigkeit des Korrespondenzprinzips in unserem realen Universum verdichten. Kryonik wäre nichts als „Frozen Reality“. Kameraauge auf Stand-by. Und in ein paar Hundert Jahren laufen plötzlich alte Bilder durch unsere Szenerie, konvergieren.

 

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Der Lärm der Zeit

Von Julian Barnes

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger

Erschienen 2017 bei Kiepenheuer & Witsch

 

Kunst ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist, lässt Barnes seinen Komponisten auf Seite 125 denken, und dieser Gedanke gab dem Roman dann auch den Titel. Der Lärm der Zeit nannte auch der 1937 in einem russischen Lager verstorbene Dichter Ossip Mandelstam seine Autobiografie.

Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten – Und breit schwillt die Brust des Osseten. So beschreibt es Mandelstam in einem Gedicht über den Diktator Stalin (aus Die Reise nach Armenien). Stalins Säuberungen kostete (nach Schätzung einiger Historiker) über 20 Millionen Menschen das Leben. Ob die Historiker bei dieser Schätzung auch den Holodomor (Tod durch Hunger) mit einbezogen, der durch Stalins Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft 4 Millionen Menschen tötete, kann ich nicht klären. Es spielt aber wohl kaum noch eine Rolle. Denn die Dimensionen sind klar. Wie konnte der Musiker Schostakowitsch das überleben? Diese Frage stellt uns Armin Müller-Stahl als fiktiver Regisseur, der einen Film über den Musiker macht, am Anfang („dem kühlen Morgen entgegen“). Und wir stellen uns die Frage, ob Julian Barnes uns diese Frage in seinem Roman beantworten konnte. Barnes erzählt in drei Stationen das Leben des Musikers. Drei schwere Kränkungen, einmal eine Rezension des Diktators persönlich über Schostakowitsch Oper Lady Macbeth von Mzensk, nach einer Erzählung von dem russischen Dichter Leskow, der zu Lebzeiten immerhin neben Dostojewski und Tolstoi zu den bedeutendsten russischen Autoren zählte.  Dann musste er in den USA seine eigenen Wurzeln leugnen und wurde gezwungen den Komponisten Strawinsky als Formalisten zu denunzieren. Und zuletzt zwang ihn die Partei unter Chruschtschow auch noch, ihr beizutreten, weil ja jetzt alles gut sei. Einer zum hören, einer zum erinnern, einer zum trinken. Und am Ende ist es doch nur der Wodka, der das Leben trägt. Einmal wegen seiner Klarheit und wegen des Klangs, wenn die Wodkagläser aneinanderstoßen.

Der Vorwurf, der dem unter geradezu väterlich strenger Beobachtung stehenden Musiker gemacht wird, lautet immer wieder „Formalismus“. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Russland eine literarische Bewegung, die man auch als russischen Strukturalismus bezeichnete (Wladimir Propp, Roman Jakobsen), die sich um die Frage Gedanken machten, was einen Text überhaupt zu Literatur macht. Was ist die Literarizität, die Poetizität eines Textes? Als Anfang der 1930er Jahre der sowjetische Realismus kam, durfte diese Frage wohl nicht mehr gestellt werden. Die Vertreter des Formalismus wanderten in die USA aus. Doch wird dieser Vorwurf des Formalismus natürlich erweitert. So ist alles, was sich nur mit Form beschäftigt, was sich auf das „Gemachte“ bezieht, im sowjetischen Realismus verdächtig. So auch Nicolai Leskow, dessen Novelle Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk dem Libretto der Oper von Schostakowitsch zugrunde lag. Leskow galt als bürgerlicher Autor. Über die Qualität der Oper vermag ich kein Urteil zu bilden, da der Gesang in Opern von meinem Hörsinn als Geschrei interpretiert wird. In dieser Hinsicht hätte ich Stalin ja beigepflichtet. Aber darum ging es nie. Denn ein Urteil von mir ist eine Frage des Geschmacks, ein Urteil von Stalin bedeutete Lebensgefahr. Barnes schildert sehr eindringlich die ständigen Ängste, den Alpdruck den eine Diktatur verursacht. Von nun an würde es nur zwei Arten von Komponisten geben: die einen waren am Leben und hatten Angst, die anderen waren tot. Auch Boris Kornilow, der Autor des Liedes, das der Unbekannte am Anfang des Romans pfeift, und das Teil des Ruhms von Schostakowitsch ist (dem kühlenden Morgen entgegen) und das auch in der DDR den Optimismus von Volk und Aufbruch verkörperte. Barnes erwähnt viele Namen. Und so hat man auch ein wenig das Who is Who dieser Zeit beisammen. Und es ist interessant, dass dieser Formalismus-Vorwurf auch die Frage aufwirft: Was macht die Geschichte einer historischen Person zum Roman? Es ist die Dramaturgie der Erzählung. Noch bis in die Neuzeit (16. Jahrhundert) trugen erzählerische Werke im Titel den Begriff „Historia“. Die formale Trennung von Geschichtsschreibung und Fiktion ist eine Errungenschaft der Aufklärung. Der erste Text, der diese Fragen aufwarf, war „Der abenteuerliche Simplicissimus“ von Grimmelshausen. Der Grund dafür: Der Autor erzählt eine persönliche Lebensgeschichte als moralische Epikrise. Rückblickend als Einsiedler erzählt Grimmelshausen, wie er sich vom „unwissenden Esel“ zu einem moralischen Menschen wandelte, durch die Scheußlichkeiten des Krieges. Zwar noch weit entfernt vom Bildungsroman, dennoch schon formal die Richtung weisend. Barnes erzählt uns in personaler Form eng an den Protagonisten bleibend über drei Stationen und formal durch diese Form des Erzählens auch immer rückblickend und moralisch geläutert, vom menschlichen Scheitern. Schostakowitsch war ein großer Musiker. Aber was für ein Mensch war er? Und wie konnte er die stalinistischen Säuberungen überleben? Verändert der Blick auf den Menschen den Blick auf seine Kunst? Welchen Einfluss hatte diese ständige Angst auf die Musik? Hat sie die Musik vor sich hergetrieben, diese Angst? Oder ist die Musik vielleicht sogar durch den Terror gestählt, eine Art Gegenwelt? Bei den Dichtern lässt sich das vielleicht eher beantworten. Auf die Musik hatten die „Ingenieure der menschlichen Seele“ vielleicht weniger Einfluss. „Musik entflieht den Worten: Das ist ihr Zweck, und darin liegt ihre Erhabenheit“, lässt Barnes seinen Protagonisten Schostakowitsch denken. Ob das Wunschdenken ist? Vielleicht ist der Einfluss des Terrors auf die Musik einfach nur subtiler? Jedenfalls hörte ich mir das „Lied vom Gegenplan“, wie es in der Übersetzung genannt wird, öfter an, in der deutschen Version von Ernst Busch.

Entgegen dem kühlenden Morgen,
Am Flusse entgegen dem Wind.
Was sollen noch jetzt deine Sorgen,
Wenn froh die Sirene erklingt

 

Dem neuen Tag entgegen… und das ganz ohne Sorgen und Leiden, denn das ist vergessen. Sicher. Das ist der Text. Aber ich hörte mir auch die russische Version an. Und das war sogar noch motivierender. Natürlich hat Musik eine moralische Tiefenwirkung, die kein Wort je erreichen kann. Es gab noch nie eine Revolution ohne Musik! Jede Bewegung, jeder Move hat Musik. Ohne Musik wäre nicht einmal die Menschheit zu denken! Vermutlich steht sie sogar am Anfang der Sprache und man müsste die Bibel neu übersetzen: Am Anfang war Musik und die Musik war bei Gott. Aber ernsthaft! Oder?

 

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 Die Reise mit Charley (Auf der Suche nach Amerika)
John Steinbeck

erschienen im Verlag dtv 2007

(Das Original erschien 1962 im Verlag Penguin Books)
Aus dem Englischen von Burkhart Kroeber

 

Eine Freundin erzählte mir von ihrer Amerika-Reise. Sie besuchte allerdings nur den Westen, vor allem den Yosemite-Nationalpark in Kalifornien. Das Besondere ihrer Reise war allerdings der Zeitpunkt. Sie reiste kurz nach dem 11. September 2001. Viele Freunde hatten ihr von der Reise abgeraten. Aber sie hatte die Reise schon lange geplant. Das Flugzeug in dem sie saß, war nahezu leer. In den Straßen wehte aus jedem Haus die Nationalflagge. Dennoch erlebte sie gemeinsam mit US-Bürgern den gemeinsamen Ärger über verspätete Linienbusse aufgrund erhöhter Polizei-Kontrollen. Doch sie machte nur Fotos von der beeindruckenden Natur des Landes. In Erinnerung blieb ihr vor allem der alles überragende Eindruck, den der Nationalpark auf sie machte. Der Eindruck, ein besonderes Land besucht zu haben.

Dieser  Eindruck ist gar nicht so weit entfernt von dem, was der US-amerikanische Schriftsteller John Steinbeck in seiner 50 Jahre früher stattgefundenen Rundreise durch die USA berichtete. John Steinbeck ist bereits ein berühmter Schriftsteller, als er im Herbst 1960 mit einem aufgerüsteten Pickup-Camper und seinem Pudel Charley eine mehrmonatige Rundreise durch die Staaten der USA antritt. Zuvor hatte er wieder einen leichten Schlaganfall gehabt und verspürte das dringende Bedürfnis seiner Heimat ein Urteil abzuringen. Zwei Jahre später bekommt der Sohn eines deutschstämmigen Kreiskämmerers und einer irischstämmigen Lehrerin den Literaturnobelpreis zugesprochen, für seine einmalige realistische und phantasievolle Erzählkunst, gekennzeichnet durch mitfühlenden Humor und sozialen Scharfsinn.  Sehr viel besser kann man auch seinen Reisebericht nicht zusammenfassen. Steinbeck schreibt klar und schnörkellos. Sein Humor ist von freundlicher Art, weder zynisch noch sarkastisch. 
 „Angesichts aller Umfragen und Meinungsforschungen, angesichts aller Zeitungen, die mehr Meinungen als Nachrichten bringen, so daß wir die einen nicht mehr von den anderen unterscheiden können, möchte ich hier eines ganz klar sagen: Ich hatte nicht die Absicht irgendeine Art von repräsentativem Querschnitt vorzuführen. …Ich habe nur erzählt, was einige wenige Leute zu mir gesagt haben und was ich gesehen habe“ schreibt er auf Seite 288. 

Sein Amerika-Bild ist nicht eindeutig, es ist subjektiv und John Steinbeck will es auch als solches verstanden wissen. Er beschreibt sein Amerika-Bild als ein „unentwirrbares Knäuel“ (S. 221). Wahrnehmung und Gefühl vermischen sich.
Charley ist sein wichtigster und geduldigster Gesprächspartner während seiner Reise. „Ich möchte nur wissen, warum wir meinen, die Gedanken und Gefühle von Tieren seien einfach“, schreibt er (Seite 176) und so wird Charley zu einer Person, die Steinbeck dabei hilft, seine Eindrücke und Gedanken zu sortieren. 

Von Sag Harbor bis Abington, das sind eine Menge Kilometer, die sein von Steinbeck „Rosinante“ genannter Pickup zu stemmen hatte. Und im Gegensatz zu den Technologie-Monstern heutiger Autos, hielt er durch. Auch dies ein kleines Wunder, und Steinbeck übersieht es nicht, dieses Wunder. Nicht umsonst ist Steinbeck als grüner Vordenker bezeichnet worden. Aber das würde wohl zu kurz greifen. Steinbecks Plädoyer für Haltbarkeit geht tiefer als der Öko-Quatsch erneuerbarer Energien.  Einmal schreibt er über seinen Pudel: „Er (Charley) hat nichts mit einer Gattung zu tun, die es fertiggebracht hat, ein Ding zu bauen vor dem sie fliehen muß. Er will nicht auf den Mond fliegen, nur um möglichst weit wegzukommen. Konfrontiert mit unseren Dummheiten, nimmt Charley sie als das, was sie sind – Dummheiten.“
Steinbecks Kritik an unserer übertriebenen Wachstumsphilosophie geht tiefer. „Früher wurden wir vom Wetter, von äußeren Nöten und Plagen zu widerstrebenden Veränderungen gezwungen, heute kommt der Druck aus unserem biologischen Erfolg als Spezies. Wir haben alle unsere Feinde besiegt, außer uns selbst.“ Diese Art zu denken steht eher in der Tradition eines Henry Thoreau. Und es ist moderner und zeitgemäßer, als man glaubt. Es erinnert auch an die Theorien des Lörracher Soziologen Hartmut Rosa, der das so genannte „Slippery-Slope-Phänomen“ kreierte, welches ausdrücken soll, dass der Mensch sich nie ausruhen kann/darf und sich nie zufriedengeben darf, da er sonst einen Verlust oder einen Nachteil erleiden könnte. Rosa sieht keine Steuerungsmöglichkeiten des Lebens für den Menschen mehr, da sich das Tempo der Beschleunigung verselbständigt habe.

Und deshalb wählte Steinbeck auch diese besondere Art der Verlangsamung. Sein Pickup ist weiß Gott kein Ferrari. Er ist eher eine Art Planwagen. Steinbeck reist in der Art der frühen Pioniere durch die USA.

Daran liegt es wohl auch, dass Steinbecks Bild von Amerika sogar noch 50 Jahre später seine tiefere Gültigkeit hat. So, wie er zum Beispiel das Phänomen der Rassentrennung beschreibt, wirkt das viel aussagekräftiger, als jede Schilderung einer brutalen Szene. Steinbeck schafft es so, die Absurdität darzustellen, die in der Trennung von schwarz und weiß liegt. Und diese Absurdität ist trotz der Aufhebung der Rassentrennung immer noch vorhanden. Selbst wenn die USA inzwischen einen Präsidenten mit kenianischen Wurzeln hat, hat sich dieses Land noch nicht befreit von seinem tief verwurzelten Rassismus.
Besonders beeindruckend war Steinbecks Schilderung von Texas. Durch Steinbeck habe ich den Film No Country for old man, 2007 von den Coen-Brüdern in Texas gedreht, erst verstanden. Schon im Titel liegt ja die Anspielung auf  die little old country boys.

Und ein wenig habe ich bei Texas auch an Bayern denken müssen. Wenn Steinbeck schreibt: „Texas ist der einzige Staat, der durch Vertragsabschluß in die Union gekommen ist. Er hat das Recht, nach Belieben wieder auszutreten. …Sie wollen sich loslösen können, aber sie wollen beileibe nicht, daß irgend jemand möchte, daß sie es tun.“

Würde in Berlin ein Verein gegründet werden zur Loslösung von Bayern, dann gäbe es in Bayern einen ziemlichen Aufstand. Auch wir Bayern bestehen auf dem Recht selbstständig sein zu können, ohne es wirklich zu wollen, zumindest nicht, wenn man es von außerhalb Bayerns fordert.

Steinbeck ist ein großartiger Erzähler. Sein Stil ist zeitlos, weil er in einer ganz besonderen Tradition amerikanischer Erzählkunst steht. Es ist die Art von Stil, die authentisch wirkt, dem man nichts von der Mühe ansieht, die er dem Autor gekostet hat. Ein klarer Kopf, ohne intellektuelle Allüren. Realistisch, eindringlich, sympathisch, engagiert. Und gewürzt mit einem freundlichen, zugewandten Humor.  Heute spielt John Steinbeck keine besonders große Rolle mehr im Literaturkanon. Zu Unrecht, wie ich finde.

Kroebers Übersetzung muss man noch loben. Denn er hat den Text von so manchen Archaismen befreit und ihn so eindringlicher gemacht.


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Kraft

Von Jonas Lüscher

Verlag C.H. Beck 2017

 

Der studierte Volkswirt und promovierte Germanist Richard Kraft sitzt in Tübingen auf jenem Lehrstuhl, auf dem einst der moralische Zeigefinger Deutschlands Walter Jens saß. Eines Tages bekommt Kraft eine Email von einem alten Freund aus Studientagen, von Ivan Pánczél. Er wird eingeladen, bei einer Preisausschreibung in Stanford teilzunehmen.

Sieben Probleme quälen den Protagonisten Richard Kraft in Jonas Lüschers Debütroman: Einmal die Aufgabe selbst, einen 18-minütigen Aufsatz zu schreiben, der darlegt, warum alles was ist, gut ist und wie es noch besser werden könnte, was ihm schwer fällt, weil ihn zweitens die Zeitumstellung zu schaffen macht, die sich aus seiner Reise von Tübingen nach Stanford ergab, eine Reise, die ja die Aufgabe selbst erforderte und dann quält Kraft seine verzwickte familiäre Situation mit seiner aktuellen Ehefrau Heike und ihrem ausgeprägten Hallux und den beiden Zwillingstöchtern – später erfahren wir von einer weiteren Frau und zwei weiteren Kindern – dann als vierte Qual die aus der dritten Qual sich ergebenden finanziellen Probleme, eines Mannes, der sich schlicht übernommen hat in seinem Wunsch nach bürgerlicher Intimität durch Familie, und daraus die wieder als fünfte Qual resultierende Notwendigkeit, eben jenen Aufsatz über die Theodizee-Problematik zu schreiben, der ihm eine Million Dollar und damit die Freiheit einbrächte. Sechstens verstört ihn seine Herberge am Hoover Institution, einem Think Tank neoliberaler und konservativer Elite-Schmieder, worin sich eine mexikanische Raumpflegerin befindet und seine siebte Last durch ständige Saugerei verursacht.

Sie merken schon: Dem Sound des Romans nachempfunden, ist der erste Satz dieser Besprechung. Einige Rezensenten fanden das sperrig und zu sehr 19. Jahrhundert in der Sprache. Aber diese Sprache sowie der auktoriale Erzähler sind Programm dieses Romans. Schließlich geht es um die Gegenüberstellung des guten alten Bildungsideals nach Humboldt, einem Studium Generale als Grundlage. Richard Kraft findet darin das schöne Bild des Fuchses im Widerstreit mit dem Igel. Der Fuchs, so hatte er bei Isaiah Berlin gelesen, der damit ein Fragment des Archilochos zitierte, sei einer, der viele Dinge wisse, der Igel aber nur eine große Sache…(Seite 126). Der Fuchs ist hier natürlich das alte Bildungsideal und der Igel die digitale Welt des Silicon Valley. Aber – wie Richard Kraft immer wieder erkennen muss: So einfach ist es nicht. Nichts und nie. Und so überrascht ihn die Bildungsoffensive zweier junger Start-Up-Unternehmer, die er in einem Kaffee trifft, die von Tübingen als Hölderlin-Stadt sprechen, während sie Soylent-Green schlürfen und mit einem Famethrower in eine private Mädchenstube eindringen. Die alte Bildung ist nur noch Namedropping inmitten der Barbarei. Und bei Kraft ist es auch nicht anders.  Der utopistische Irrsinn des Jungmilliardärs Tobias Erkner (in dem Lüscher ein Porträt des Paypal-Gründers Elon Musk liefert), liefert dem Protagonisten Richard Kraft schließlich eine Power-Point-Option. Sogar der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima wird als Beweisführung angeführt. Mit Hilfe der Spieltheorie belegt der sophistisch geschulte Kraft, dass gerade dieser Bombenabwurf letztlich den dritten Weltkrieg verhinderte, dass die Erfindung der Atombombe zu einem Kräftegleichgewicht des Schreckens geführt habe und so summa summarum sechshundert Millionen achthundertsiebzigtausend Menschenleben gerettet habe (Seite 183).

Zwei Prinzipien werden angeführt: Trickle down und great chain of being. Die große Kette des Seins wird horizontal gedacht. So findet alles immer sein gutes Ende. Die Menschheit wird gerettet und alles bewegt sich zur großen Singularität, mit der die digitale Überhöhung der Technik zum erneuten Schöpfungswunder mutiert und dem Kapitalismus den religiösen Zauber verleiht, den der zitierte Joseph Vogl in seiner Oikodizee darstellte. Eine kulturelle Evolution, die sich Richard Kraft in der Fusion von Fuchs und Igel zum Stachelschwein vorstellt. Damit ist natürlich wieder die Ironie sichtbar, ist doch das Stachelschwein das bekannte Bild von Arthur Schopenhauer, warum die Menschen immer wieder die Nähe zueinander suchen, um Wärme zu erleben, nur um dann wieder von den Stacheln abgestoßen, das Weite zu suchen. Das erzählt uns der auktoriale Erzähler ja auch parabelhaft, wenn er die gescheiterten Versuche von Richard Kraft durch dekliniert, in denen Kraft vergeblich die Nestwärme der Familie suchte.
Ebenso ist es mit seiner Freundschaft zu Ivan Pánczél. Beide waren sie eine verschworene Gemeinschaft, die sich in Zeiten linker Deutungshoheit durch neoliberale Positionen absetzten und so einen Exzeptionalismus pflegten. Ivan stammt aus Ungarn und kam mit einer Schachgruppe nach Berlin, die ihn bei der Abreise schlicht vergaß. Ivan machte daraus eine Lebenslüge, verkaufte sich als Dissident und einen aus Erfahrung erwachsenen Antikommunisten. Aber der Zusammenbruch des Sozialismus machte seine Sonderstellung wieder zunichte, zudem kam die geistig-moralische Wende nicht mit dem konservativen Helmut Kohl, sondern mit dem linksliberalen Gerhard Schröder (Genosse der Bosse). So lässt Lüscher am Ende des Romans einen Veteran der alten französischen Linken auftreten, der als Gourmet und Weinkenner den Inbegriff der Bourgeoisie verkörpert. Krafts anämischer Sohn Dany heiratet eine protestantische Pastorin und komponiert eine Oper über das Mensch-Tier-Verhältnis, während sie in einem Vierkanthof in den neuen Bundesländern gegen die national befreite Zone kämpfen. Not triff also Elend. Und diese Speerspitze des alten Bildungsideals soll ernsthaft der Walze durch digitale, permanente Erneuerung, durch Disruption standhalten? Richard Kraft erhängt sich an der Glocke des Bücherturms des Hoover-Instituts.

Zugegeben: Der oft sehr überpointierte Erzähler, der sich ironisch-distanziert als „Wir“ bezeichnet (wir tun ihm sicherlich nicht unrecht, wenn wir annehmen…) kann einem auch ein wenig auf die Nerven gehen. Der hypotaktische Satzbau lässt einen immer wieder beim Lesen stolpern, und der alles in allem, nicht wirklich sympathische Held des Romans wird zum Ende, als er sich erhängt, nicht einmal betrauert. Sein Tod hängend am Hoover-Turm ist insgesamt eine Kuriosität, zumal er sich noch über den Famethrower freudianisch von seinen Töchtern dabei zusehen lassen möchte, zumindest könnte man das unterstellen. Dass ein gewisser Greg aus Winnipeg ausgerechnet mit I promise, whatever it is, it will be right versucht, Kraft davon abzuhalten, braucht eigentlich nicht mehr kommentiert zu werden. Insofern ist es treffend, wenn Lüscher auch Hugo von Hoffmannsthal zitiert (er werde ihm wie Pilze im Munde vermodern, S. 104), und damit aufzeigt, dass diese industrielle Revolution 4.0 (nach aktueller Zählungsweise) keineswegs für den Frieden klingelt, sondern für die apokalyptische Variante der Erneuerung: Die vollständig aufgeklärte Welt erstrahlt dann im Lichte triumphalen Unheils. Das lässt sich auch nicht „weg schulzen“.

 

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Die Nacht in Lissabon

Von Erich Maria Remarque

Erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch

 

Gegen Ende des Romans, nachdem der Lächler Josef Schwarz gefoltert hatte, kommentiert der Erzähler dieses Ereignis mit diesen Worten: „All dieses kannte ich. Es gehörte mit Schiller und Goethe zur Kultur des faustischen Menschen.“ Die Stadt Weimar ist heute ein Museum für Goethe. Und nur eine halbe Autostunde entfernt (Richtung Erfurt) liegt die Gedenkstätte Buchenwald. Dort gibt es ein Krematorium. In einem extra Raum wurde die Asche der Verbrannten auf einen Haufen geworfen und willkürlich in nummerierte Urnen abgefüllt. Die Identität der Getöteten war ausgelöscht. Josef Schwarz ist nicht der Erzähler. Es ist nur der Träger des Passes eines verstorbenen Josef Schwarz und zum Ende wird dieser Pass an den Zuhörer weitergereicht, der dann ebenfalls seine Identität austauscht. „Der Mensch war um diese Zeit nichts mehr; ein gültiger Pass alles.“ Doch als der Zuhörer in Amerika ankommt, fängt er an, sich für Malerei (vor allem Degas) zu interessieren. Und der Erzähler mit dem Namen Josef Schwarz lebt und überlebt dank der Bilder des echten Josef Schwarz.
Seit den Notstandgesetzen von 1968 ist es eine Ordnungswidrigkeit, wenn man sich bei einer Kontrolle der Polizei nicht ausweisen kann. Ansonsten herrscht Ausweispflicht. Eine Zuwiderhandlung kann sehr teuer werden. Ab 2020 verfügt jeder Pass oder Ausweis über eine elektronische Identitätsfunktion, die auch angeschaltet sein muss (aktuelle Gesetzesnovelle). Bis 2020 haben dann alle Sicherheitsdienste Zugriff auf diese Daten. Flächendeckend wird es Videoüberwachung mit Gesichts- und Bewegungserkennung geben. Stück für Stück scheint Deutschland „unter unseren Füssen wegzugehen“. So ist dieser Roman einmal eine Liebesgeschichte zwischen dem Erzähler Josef Schwarz und Helen. Andererseits ist der Roman auch eine Flüchtlingsgeschichte, die an einigen Stellen erstaunliche Aktualität aufweist. Das Verhalten der Flüchtlinge, ihre Angst, die Nötigung, sich immer verstellen zu müssen, die Tatsache, dass sie nicht ankommen, immer auf der Flucht bleiben, bedroht von Ausweisung, bedroht von der Polizei, bedroht vom Verlust ihrer Identität. Und so ist die dritte Ebene eine Frage danach, wer wir wirklich sind. Sind wir nur Teil einer Heimat und sind wir dann nichts mehr, wenn wir unsere Heimat verlieren? Sind unsere Eigennamen nur Schall und Rauch? Sind unsere Identitäten lediglich ein Spielball höherer Mächte? Remarque erzählt eine Geschichte von einem Fremden mit einem fremden Namen. Wer ist dieser Mensch? Josef Schwarz ist es nicht. Wer hört ihm zu? Er wird später zu Josef Schwarz. Wie uns Tilman Westphalen (Gründer der Remarque-Gesellschaft) in seinem Nachwort erläutert, ist das Geburtsdatum im Pass von Josef Schwarz identisch mit dem Geburtsdatum des Autors Remarque. Aber Remarque ist niemals in seine Heimatstadt Osnabrück zurückgekehrt. Im jungen Nachkriegsdeutschland herrschte (vielfach auch in der Gruppe 47 diskutiert) ein harter Diskurs darüber, wer Deutschland verraten habe: Die, die Deutschland verlassen haben und ins äußere Exil gingen, und so die, die zurückblieben zurückließen, oder die, die von Deutschland verlassen wurden und ins Innere Exil gingen und nichts unternommen haben, gegen das Nazi-Regime? Remarque zeigt auf, dass dies nicht wirklich von Bedeutung ist. Die Brutalität und die massive Propaganda des Regimes macht es uns bis heute schwer, Schuld und Unschuld exakt zu trennen. Und wenn man – was ja bei dieser Ebene der Flucht naheliegt – auf die heutige Flüchtlingsdebatte blickt, sieht man, wie mehr und mehr wieder Mauern, Gefängnisse und Kontrolle den Staat zum Leviathan machen.

„Ist der Unterschied zwischen wertvollen und gewöhnlichen Menschen nicht eine ferne Parallele zu den Übermenschen?“ So frägt Josef Schwarz (auf S. 260). Der Zuhörer antwortet darauf: „Sie können nicht alle nehmen.“
„Nein?“, fragt Schwarz noch einmal nach, worauf sein Zuhörer nicht mehr antwortet. Unterschiede werden gemacht zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und anderen Flüchtlingen. Und die nächste große Welle werden die Klimaflüchtlinge sein. Es nutzt auch wenig, dieses Drama unter moralischen Gesichtspunkten zu diskutieren. Denn längst geht es um Lösungsstrategien und um Ressourcenknappheit überall. Am Eingangstor von Buchenwald steht: „Jedem das Seine.“ Dieser Satz (suum cuique) besagt, dass jedem Bürger eines Gemeinwesens das zugeteilt wird (bzw. werden soll), was ihm gebührt, etwa durch gerechte Güterverteilung. Der Satz „Jedem das Seine“ taucht auch in Platons Gerechtigkeitsformel auf (Idiopragie-Formel). Der Idealstaat setzt sich aus Bürgern zusammen, wo jeder nur genau die Funktion erfüllt, die ihm gemäß seiner besonderen Beschaffenheit zukommt. So sorgen sich die Staatenlenker um die Bedürfnisse der Bürger ihres Staates. Ein Schuss Humanität mag dabei sinnvoll sein. Aber ein ganzes Glas voll mit Humanität kann keiner trinken, ohne selbst zu ertrinken. Wir können nicht alle nehmen… Wirklich?

Dass Helen nicht als Kranke gesehen werden will, und daher bis zum Ende ihre eigentliche Identität verschweigt, die sie als Kranke ausweist, zeigt auch hier, dass sie selbst es nicht ertragen würde, wenn Josef Schwarz sie als das erkennen würde, was sie ist. Und so vermutet sie, dass er sich vor ihr und ihrer Krankheit ekelt. Sie tötet sich ohne ein Wort des Trostes zu hinterlassen, denn – wie der Zuhörer feststellt – sie hätte nicht mehr aufhören können zu schreiben. Sie weiß am Ende, dass ihr Geliebter gerettet ist, und kann dann loslassen. Identität ist also nichts, was von außen durch eine eID bestimmt wird, durch eine nummerierte Urne, sondern etwas, das wir selbst bestimmen. Insofern ist der Roman von Remarque in allen drei Ebenen von einer Aktualität, die mich beim Lesen immer wieder aufschrecken ließ. Mögen in Deutschland zwar keine Stiefel mehr getragen werden – so hört man sie in anderen Ländern auftreten. Die Menschen fliehen vor ihnen und nicht wenige, die hier ankommen haben keine Identität mehr, die sie bei den Behörden nachweisen können. Sie haben nur noch ihre Geschichte, ihre Fluchtgeschichte und ihre Narben vorzuzeigen. Doch einen Ausweis ersetzen diese Narben nicht. Flucht und Überwachung, das ist der Subtext in dem Roman und es ist der Subtext des 21. Jahrhunderts. Hier werden Liebende auseinander gerissen und auf bürokratische Weise (jedem das Seine) verteilt. „Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepaßt an eine zutiefst kranke Gesellschaft zu sein“, sagte schon der indische Theosoph Jiddu Krishnamurti. Remarque hat im Jahr 1962 einen anachronistischen Roman geschrieben und über fünfzig Jahre später erscheint er mir von heute.

 

 Rückblick

 

Im September 2017 starteten wir mit einer unmöglichen Liebesbeziehung im fernen Indochina (heute Laos, Kambodscha und Vietnam). Wir waren durchaus unterschiedlicher Meinung aufgrund des eigenwilligen Stils von Marguerite Duras. Dagegen waren wir dann im Oktober recht einhellig begeistert von dem spannenden und  tiefsinnigen Reisekrimi aus dem fernen Marokko. Nach so vielen Fernreisen kehrten wir im November nach Europa zurück. Diesmal nach Brüssel in die europäische Hauptstadt mitten hinein in das bürokratische Tollhaus der europäischen Union. Und auch diesmal waren wir begeistert vom Witz und der Informiertheit des Autors. Zwar witzig aber nicht überzeugend erschien uns dagegen Neubayern. Der Debütroman über ein in Patagonien vergessenes bayrisches Auswandererdorf konnte uns nicht eindeutig überzeugen.
Den Schlusspunkt dieses Winters darf wieder einmal Henry James setzen. Denn: Ein Leben ohne Henry James ist zwar möglich, aber sinnlos.

 

 

Chronik:

12. September 2017  Der Liebhaber  von Marguerite Duras

17. Oktober 2017                   Denen man vergibt von Lawrence Osborne

28. November 2017   Die Hauptstadt von Robert Menasse

16. Januar 2018                    Neubayern von Florian F. Scherzer

20. Februar 2018                   Lady Barbarina  von Henry James

 

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Der Liebhaber

Von Marguerite Duras

Aus dem Französischen von Ilma Rakusa

Erschienen 1989 im Verlag Suhrkamp (original erschienen 1985)

 

Marguerite Duras (eigentlich hieß sie Donnadieu) war bereits 70 Jahre alt, als sie für ihre Erzählung Der Liebhaber mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. In der Erzählung erinnert sich die in Vietnam (Französisch-Indochina) 1914 geborene Schriftstellerin an eine Jugendaffäre mit einem älteren Chinesen. Die Geschichte dieser Amour fou erzählt sie in Form einer Collage aus Erinnerungsbildern. Daher mischen sich in die Liebesgeschichte vor allem die Erfahrungen mit ihren Geschwistern und ihrer überforderten Mutter ein. Vom Vater fehlt beinahe jede Spur. Er war nur der Anlass, nach Indochina zu ziehen. Dort verarmt die Familie nach dem Tod des Ernährers. Die Spielsucht ihres älteren Bruders bringt die Familie weiter in schwere Nöte und zu all dem kommt noch eine unmögliche Beziehung der Tochter mit einem älteren Chinesen. Eine Liebe, die in zweifacher Hinsicht verboten ist. Gekennzeichnet durch die Rassenunterschiede, und durch den Altersunterschied sind sie von Beginn an in einer Liebe gefangen, die nur scheitern kann. Aber weil die Collage-Technik den ganzen Text von Duras extrem auflockert, hat man als Leser einerseits große Distanz zum Text und andererseits empfindet man viel Nähe zum Erzähler der Geschichte. Das Druckbild passt da gut.

Die Figuren sind sehr, sehr abstrakt. Und die Beschreibungen wirken nicht so recht, weil so wenig Handlung generiert wird. Figuren in Literatur werden nur lebendige Charaktere, wenn sie etwas tun. Weinen und schreien ist zwar schon auch Handlung, aber es wird in dem Text einfach zu viel erzählt und zu wenig gezeigt. Allerdings denke ich, dass es nicht die Aufgabe gerade dieses Textes war, zu zeigen. Hier wird etwas ganz anderes verhandelt. Der Text hat zwischen den Zeilen etwas, was man als ein Lebensgefühl beschreiben könnte, dieser Mekong, dieses Indochina wird schon gut eingefangen. Und diese Rückerinnerung durch die wie eingestreut wirkenden Fragmente flirrt.

Doch zu wenig wird dabei auch auserzählt, ist eben Fragment, wer ist Carpenter aus Boston, wer H.L? Die Brüder sind dabei die schwächsten Figuren, so sehr sich die Autorin bemüht das Drama aufzuzeigen. Es gelingt nur gelegentlich, wenn der ältere Bruder das Fleisch des jüngeren will, aber schon wird die Szene auch überhöht. Und das, weil es um etwas anderes dabei geht. Und dem Text ist es dabei nicht wichtig, dass der Leser etwas außen vor bleibt.

Der Text hat einen Sog und ich würde sagen: Er hat den Sog einer Beichte. Und verfolgt genau den gleichen Zweck: Versöhnung. Und die Autorin zeigt sich als Pönitentin (Beichtkind). Am Ende auf dem Schiff, als ihr jüngerer Bruder in eine ähnliche Beziehung (Spiegelmotiv) kippt, zeigt sich das sehr deutlich, hier findet die Umkehr statt, sogar handlungsrelevant als Umkehr nach Frankreich. Und Umkehr ist das, was die confessio nach Augustinus auch erreichen will. All die Sanftmut der christlichen Beichte liegt darin, die Gnade der Umkehr zu gewähren.

Daher kann das späte Wiedererscheinen des Chinesen von Cholen nicht mehr fruchten. Die Buße wurde vollzogen.
Manchmal gibt es in den entlegensten Gebieten Hinweise auf das Naheliegende. Und aus der Biografie von Marguerite Duras ist bekannt, dass sich ihr eigenes Schicksal gewissermaßen wiederholte, weil auch sie als Mutter mit ihrem Kind derart überfordert war, dass Freunde ihr rieten, ihn auf ein Internat zu schicken.

Die Frage ist, ob ein so junges Mädchen wie in der Geschichte in der Lage sein kann, die psychologischen Hintergründe ihrer Handlungen zu begreifen. Aber das ist schon auch wieder genial an dem Text von Duras, denn die Erzählerin sagt es selbst an einer Stelle, dass sie für ihre Handlungen gar nicht zuständig sei. Sie liebt den Chinesen nicht, sie liebt die Liebe selbst an dem Chinesen. Sie erwacht und hier zeigt die Erzählung auch ihre sprachlich größten Stärken. Die erotischen Szenen gehören mit zum Besten, was man in diesem Genre nur finden kann. Die Leidenschaft darin, gerade durch die gegenseitige Unerreichbarkeit, der Körper, der geliebt wird in der Seele, das alles wird von Duras auf eine erhellende Weise erzählt.

Dass dies ein ewig aktuelles Thema ist, weiß ich aus meiner Arbeit als literarischer Berater und Begleiter. Genau die gleiche Geschichte einer jungen Frau begleitete ich vor einiger Zeit. Sie hatte eine asiatische Mutter und einen deutschen Vater in dem Fall und sie erzählte die gleiche Amour Fou zu einem älteren Schwimmlehrer. Manche Szenen ihres Romanversuchs gleichen auf irritierende Weise den Schilderungen von Duras. Und doch bin ich mir sicher, dass sie nicht abgeschrieben hatte, weil sie eine ganz andere Sprache benutzte, viel komplexer. Aber es ist schon faszinierend, dies sozusagen im Moment des Entstehens mit beobachten zu können. Auch die ganze Exaltiertheit der Protagonisten gleicht sich hier. Und sogar die diffusen Familienverhältnisse, der abwesende Vater, die überforderte Mutter sind vorhanden. Die Analogie ist schon kurios. Aber sie verweist auch auf das ewige Thema dieser Liebestragödie, die immer nur als Beichte erzählt werden kann. Es ist vielleicht in unserem allgemeinen antireligiösen Wahn ein wenig untergegangen, dass das Christentum auch ein tiefes Verständnis für diese Form des erotischen Ausgeliefertseins hatte. Der Reiz des Verbotenen überschwemmt, und es ist ja nicht einfach so verboten. Das Tabu ist auch ein Schutzwall vor dieser Reizüberflutung, vor diesen zerstörerischen Früchten. Andererseits können wir nicht anders und das ist auch gut so. Denn so erleben wir uns in allen Schichten. Dass Eros kein richtiger Gott ist, eher ein Dämon, das wusste ja schon Sokrates. Und seine Gestalt ist alles andere als vertrauenserweckend. Die Götter (erzählt Diotima dem Sokrates) veranstalteten anlässlich der Geburt der Aphrodite ein Fest. Unter den Gästen befand sich auch Poros.  Poros ist der Gott von Reichtum und Überfluss. Ein weiterer Gast kommt. Er ist nicht wirklich eingeladen. Penia. Penia ist die Göttin der Armut und des Mangels. Sie ist jene Göttin, die zu Arbeit erzieht. Diese Penia nun legt sich neben den schlafenden Poros und empfängt von ihm Eros. Aus der Vereinigung von Reichtum und Armut geht also Eros hervor. Da Eros aus einer so gegensätzlichen Vereinigung stammt, ist er selbst nicht Fleisch, nicht Fisch. Eros ist folglich ein recht seltsamer Typ. Schwer einschätzbar. Einerseits liebenswürdig, andrerseits abgerissen, er ist kleinwüchsig, irgendwie kindlich, aber auch zugleich wie ein Greis.

Und auch das spielt ja in der Erzählung eine entscheidende Rolle, der Gegensatz von Reichtum und Armut.

 

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Denen man vergibt

Von Lawrence Osborne

Aus dem Englischen von Reiner Pfleiderer

Original erschien unter dem Titel „The Forgiven“ in Hogarth

 

Der 1958 geborene Lawrence Osborne ist viel herumgekommen. Er studierte in Cambridge und Harvard Sprachen, arbeitete für die New York Times als Berichterstatter unter anderem in Tijuana an der mexikanischen Grenze.  Als der Roman erschien, 2012, lebte er in Bangkok und machte wohl kurzweilig in Marokko Station, um The Forgiven zu schreiben.  2015 lebte er in Kambodscha, wo er seinen aktuellsten Roman verfasste (Hunters in the dark).

Osborne beschreibt ein britische Ehepaar, David und Jo Henninger, die in das „Land des Sonnenuntergangs“ reist, um auf einer Party teilzunehmen, die der ehemalige Schulfreund von David, Richard Galloway,  in einem umgebauten Ksar (Speicherburg) hinter Tafnet veranstaltete. Tafnet ist ein fiktiver Ort aus 1000 und einer Nacht. Hier die Sahara, dort das Atlas-Gebirge. Der vermeintlich idyllische Ort wird sich am Ende als dramatische Falle des Ehepaars erweisen. Auf dem Weg dorthin mit einem Mittelklasse Toyota (Camry), verfährt sich das immerzu streitende britische Paar. David ist ein alkoholabhängiger Arzt und Jo eine nicht mehr produktive Kinderbuchautorin. Auf der Strecke, nachts, David hat schon einiges getrunken, steht plötzlich jemand auf der Straße. Da man in Marokko leicht nachts Beute von Räubern werden kann, hält David nicht an und überfährt den Fremden. Es ist ein Einheimischer. Er ist tot. David untersucht die Leiche, nimmt ihm den Pass ab, vergräbt den Pass und lädt die Leiche in den Kofferraum. Er weiß nicht, dass er von einem weiteren Fremden beobachtet wird.
Als David und Jo bei Richard und Dally ankommen, ist natürlich die Aufregung groß, als das britische Ehepaar auf der Glitzerparty mit einem toten Berber erscheint. Osborne schildert nun mit viel Genauigkeit die heterogene Gesellschaft an dem eigenwilligen Ort dieser Speicherburg. Da sind einmal die Gastgeber. Richard und Dally sind homosexuell und daher bei den vorwiegend muslimisch geprägten Einheimischen nicht eigentlich beliebt. Sie gelten als barak, als Verrückte im Grunde. Aber sie haben Geld und sie sind dort der wichtigste Arbeitgeber. Die Angestellten sind allesamt Einheimische. Damit wird hier ziemlich eindeutig eine Trennlinie gezogen. Es ist die Veranstaltung einer Herrenrasse. Die Diener machen ihre Arbeit, aber voller unterschwelligem Groll und Misstrauen. Das wird nicht besser mit der plötzlich aufgetauchten Berberleiche. Später erfahren wir nach und nach die Geschichte des jungen Berbers. Er hieß Driss und war ein Fossilienhändler, der versuchte, nach Paris zu flüchten. Auf seiner Flucht tötete er ein britisches Ehepaar, das sich in Spanien mit einer Finka niedergelassen hatte.

Man verstaut die bis dahin noch unbekannte Leiche des jungen Mannes in der Garage. Man rätselt, wer es sein könnte. Die Polizei kommt, gut geschmiert von Richard Galloway, und nimmt den Fall wohlwollend auf. Doch nicht nur die Polizei kommt, sondern auf einmal taucht ein Wagen auf, und eine Gruppe sehr dunkler Berber steigt aus und fordert ein, die Leiche des jungen Mannes zu sehen. Es ist der Vater von Driss und seine Gefolgsleute. Sie fordern nun, dass David mit ihnen in die Berge kommt und an der Beerdigung seines „einzigen Sohnes“ teilnimmt, ihm die letzte Ehre erweist. Nach einigem hin und her entschließt sich David, mitzukommen. Mit seiner Frau Jo läuft es nicht besonders. Dennoch ist Jo entsetzt über die Entwicklung. Doch David fährt mit dem alten Berber mit. Im Gepäck hat er sein ganzes Geld, das er dem alten Berber übergeben will, um ihn so zu besänftigen. Letztlich weiß David nicht, ob er den Trip überleben wird.
Während seiner Abwesenheit beginnt Jo ein kurzes Verhältnis mit dem Investor Day, einem amerikanischen Filou, der Jo mehr oder weniger verführt. In der Nacht, wo die beiden miteinander schlafen, kommt auch David wieder zurück. Er ist ein Anderer geworden. Dort in den Bergen hat er erstens nichts getrunken und er bekam großen Respekt vor diesen so ganz anders und so archaisch lebenden Menschen.
Schließlich reisen David und Jo wieder ab. Alles scheint in Ordnung gekommen zu sein. Sogar David und Jo kamen sich wieder näher. Auf dem Rückweg jedoch steht wieder ein Mann auf der Straße und winkt. Diesmal hält David an. Er hat dazu gelernt. Er steigt aus. Doch es ist Ismail, der Freund von Driss, der David beobachtet hatte, als dieser Driss überfuhr. Und Ismail rächt sich.

Der überaus spannende Roman erzählt dabei ohne zu werten die extreme kulturelle Kluft. Die Ereignisse in Nordafrika werden hier zum Sinnbild der Dissonanz zwischen Orient und Okzident.
Johann Wolfgang von Goethe dichtete im west-östlichen Diwan, seiner wunderbaren Geschichte von Hafis:  Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.
Dagegen sagte der Autor des Dschungelbuchs Rudyard Kipling:  Ost ist Ost, West ist West, sie werden nie zueinander kommen.

Kultur – so heißt es - ist als Ergebnis eines Aushandlungsprozesses zu verstehen. Jede Bestimmung von Kultur enthält damit vor allem das Verhältnis zu „anderen“ Kulturen. Das Eigene und das Fremde versteht man der Lehre nach als dialektische und komplementäre Begriffe, mit deren Kategorisierung ein komplexes Beziehungsgeflecht einhergeht. Der oder das Fremde kann nur in Abgrenzung zum Eigenen bestimmt werden und umgekehrt. Dabei ist die Abgrenzung als fließend und dynamisch, also einem ständigem Wandel unterliegend, zu betrachten. Folglich kann keine allgemeine Gültigkeit für eine bestimmte Sichtweise des Eigenen und des Fremden beansprucht werden. Also auch keine Leitkultur kann entwickelt werden. Sowohl das Fremde als auch das Eigene können sinnvoll nur unter Einbeziehung ihrer wechselseitigen Abhängigkeit betrachtet werden. Und so kann man den Roman auch in dieser Hinsicht lesen. Es ist nicht als Clash of Civilazation zu verstehen, wie das 1996 erschienene und umstrittene Buch von Samuel Huntington es nahelegt. Dort führt Huntington aus, dass die Überlegenheit des Westens vor allem auf seiner organisierten Gewalt beruht und nicht auf seiner überlegenen Ideologie. Was David in den Bergen bei dem alten Berber erlebt, das scheint dies erst einmal zu bestätigen. Er sieht, wie diese Menschen heute noch leben und bewundert diese auch für deren Überlebenswillen. Dies ist aber ein sozialdarwinistisches Argument und David behält auch nicht recht. Denn sowohl Driss als auch Ismail wollen nichts anderes, als ein Teil des wohlhabenden Westens zu werden. Aber sie bringen eben ihre eigene Geschichte mit. Die Geduld des Autors Osborne, mit der er den Roman entwickelt, ist der eigentliche Held der Geschichte. Denn die Heterogenität der Figuren kumuliert in dem Chefdiener Hamid, der alle Versionen im Blick hat. Er schleicht herum, beobachtet und kennt alle Seiten. Hamid ist eine Art Hybrid. Das Hauptdilemma der kulturellen Dramatik liegt darin, dass es unter vielen westlichen Politikern auch viele Idioten gibt. Dies zeigt sich in der Leitkulturdebatte in Deutschland sehr eindrücklich. Was soll denn das sein? In Bayern hieße die Leitkultur am Ende: Nuscheln, grantig sein, Schweinshaxen essen und Bier trinken. Es geht nicht um einen Clash. Es geht um die Frage der Teilhabe. Die Überlegenheit der westlichen Kulturen (so es das überhaupt gibt), zeigt sich nicht in der organisierten Gewalt, im Gegenteil diese verhindert die Überlegenheit, sondern sie zeigt sich in der Fähigkeit Partizipation zu organisieren.

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Die Hauptstadt

Von Robert Menasse

Erschienen 2017 im Verlag Suhrkamp

 

Es soll also auf den Namen der Stadt kein besonderer Wert gelegt werden. Wie alle großen Städte bestand sie aus Unregelmäßigkeit, Wechsel, Vorgleiten, Nichtschritthalten, Zusammenstößen von Dingen und Angelegenheiten, bodenlosen Punkten der Stille dazwischen, aus Bahnen und Ungebahntem, aus einem großen rhythmischen Schlag und der ewigen Verstimmung und Verschiebung aller Rhythmen gegeneinander, und glich im ganzen einer kochenden Blase, die in einem Gefäß ruht, das aus dem dauerhaften Stoff von Häusern, Gesetzen, Verordnungen und geschichtlichen Überlieferungen besteht.

So beschrieb Robert Musil, der Namensvetter von Robert Menasse vor beinahe 100 Jahren die Stadt Wien, die im Zentrum der Parallelaktion stand. Dort sollte eine „glanzvolle Lebenskundgebung Österreichs für die ganze Welt ein Markstein sein“. Gefeiert werden sollte das 70jährige Thronjubiläum vom Friedenskaiser Franz Joseph für das Jahr 1918. Menasse blickt ironisch auf diesen Jahrhundertroman zurück. Man könnte daher die Verleihung des deutschen Buchpreises an Menasse auch als Ironie bezeichnen, wäre Menasse nicht tatsächlich ein wunderbarer und sehr lesbarer Roman geglückt. Auch Menasses auktorialer Erzähler bricht ironisch mit der Kohärenz. „Die Welt ist Konfetti, aber durch ihn (den Algorithmus) erleben wir sie als Mosaik.“ Der Algorithmus ist der Erzähler, oder das Narrativ. Und Menasse wird ja nicht müde, uns klar zu machen, dass das Narrativ der Nationalstaaten (https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/25-schon-blod/deutschland - bh) weitestgehend zu historischen Verbrechen beigetragen haben.

Das Big Jubilee Project (aus einer Feier wird ein Projekt) zur Gründung der EU scheitert am Europäischen Rat der Nationen. Die Beamten der Kommission schildert Menasse als überforderte Europäer. Das Grundproblem der EU ist, dass ihre Repräsentanten die Ideen der Grundverträge vergessen - oder nie verstanden - haben. Das führt uns in eine paradoxe Situation: Wir müssen so ein wertvolles Projekt verteidigen vor denen, die es vertreten. Und das führt zur Frage der Geschichtlichkeit. Es bringt uns nämlich zurück zur Dialektik der Aufklärung, die uns Freiheit und Gleichheit auf der einen Seite und Nationalismus auf der anderen beschert hat. Denn die Idee von den Nationalstaaten hat zu den größten Verbrechen auf diesem Kontinent geführt. So schildert es Menasse im Interview mit dem Tagesspiegel.
Der Roman ist damit eine fiktionale Fortsetzung seines Essays „Der europäische Landbote“. Ausgerechnet Schweine sind das erzählerische Bindeglied. Beim Versuch, diesem in der Stadt Brüssel umherirrendem Schwein einen Namen zu geben, endet man zum Schluss bei einer Diskriminierung. Während der letzte Überlebende von Ausschwitz bei einem islamistischen Attentat an der U-bahn-Station Maalbeek (am 22. März 2016 starben 32 Menschen) ums Leben kommt, endet der Epilog des Romans damit, dass die Namensgebung des Schweins (es solle Mohamed heißen), einfach dem historischen Vergessen überantwortet wird. Es wird Gras über die Sache wachsen. Und das ist das Tragische an der Komödie. Denn der „dauerhafte Stoff der geschichtlichen Überlieferungen“ von denen Musil noch überzeugt ist, wird von zweckrationalen Handlungsmustern zum geschichtslosen Nomen.
Der „Pageturner“ – wie es in einer Rezension der ZEIT heißt – ist locker und spannend geschrieben. Menasse fordert den Leser sprachlich nicht heraus. Im Gegensatz zu seinem großen Namensvetter ist „Die Hauptstadt“ kein sprachliches Jubilee, dafür aber durchaus ein dramaturgisches Jubilee. In Form eines Episodenromans verzahnt Menasse die unterschiedlichen Protagonisten und bringt sie uns sehr nahe. Alle erleben ihre Verwandlung, von Florian Susman, dem Schweinegroßbauer und EPP-Vorsitzenden, der in eine Flüchtlingswelle gerät und durch den Unfall einen Sinneswandel erlebt, oder der Kulturchefin Fenia Xenopoulou, deren Karriere plötzlich von ihrer Entscheidung abhängt, einen zypriotischen oder griechischen Pass zu haben, von Prof. Erhart, der zum tragischen Helden, zum Narren wird, weil er etwas wagt. Großartig auch die Darstellung von David de Vriend, der wie kein anderer durch seine beginnende Demenz zum Menetekel wird.
Ähnlich wie in Musils Figurenkabinett galt es, eine Gratwanderung zu bestehen. Einerseits durften sie nicht als bloße Sprachrohre blutleer wirken; andererseits sollte ihre jeweilige Funktion als zeittypische Erscheinung nicht durch ein besonders ausgeprägtes individuelles Profil überdeckt werden. Diese Gratwanderung ist Menasse gut geglückt. Natürlich reicht Menasse nicht an das Theoriefeuerwerk Musils heran. Immerhin ist das auch eine Frage des Platzes. Musils Band I hat über 1000 Seiten. Und Band II auch, dabei ist er nicht mal fertig geworden.
Wenn ein bedeutender Mann eine Idee in die Welt setzt, so wird sie sogleich von einem Verteilungsvorgang ergriffen, der aus Zuneigung und Abneigung besteht; zunächst reißen die Bewunderer große Fetzen daraus, so wie sie ihnen passen und verzerren ihren Meister wie die Füchse das Aas, dann vernichten die Gegner die schwachen Stellen, und über kurz bleibt von keiner Leistung mehr übrig als ein Aphorismenvorrat, aus dem sich Freund und Feind, wie es ihnen paßt, bedienen.“ So erläutert es Ulrich dem Militärvertreter Stumm von Bordwehr im Original. In der ironischen Kopie von Menasse versucht sich Prof. Erhart in einer Erklärung der Typen des Think Tanks zu dem er eingeladen worden war, an deren Pragmatismus und Angepasstheit er aber mit seiner Idee scheitert. Als er später in seinen Laptop „Die Eitlen“ schreiben will, korrigiert ihn das Programm zu „Die Eliten“, und Erhart klappt seinen Laptop resignierend zu. Von einem ähnlichen Verteilungsvorgang (wie Musils Ulrich es beschreibt), wird letztlich auch das Big Jubilee Project erfasst. Treffend in den Stellungnahmen der einzelnen Nationen von Menasse dargelegt. Der eigene nationale Tellerrand oder der eigene ökonomische Vorteil (Florian Susman und seine Schweineohren) verhindern letztlich ein Friedensprojekt.

Und das darzustellen auf der Ebene eines eingängigen Romans mit zugänglichen Protagonisten, das ist Menasse zweifelsfrei geglückt. Der Link zu Musil ist da, aber Musil spielt dennoch in seiner eigenen Liga. Bei aller Sympathie für den Roman von Menasse, hat es für mich auch etwas Trauriges, Wehmütiges, dass dieser Link hier geschaffen wurde. Es ist ein Vergleich zwischen Paul Arnheim und Prof. Erhart. Die Größe und Brillanz eines Arnheim und eines Kakanien – das ist nicht zu vergleichen mit Prof. Erharts traurigem dissidentem Narrentum und einem Europa, das gerade ebenso verschwindet, wie K.U.K. . Europa hätte noch größer sein können. Vielleicht müsste man wirklich über eine Monarchie nachdenken. Ein Freund von mir ist ein begeisterter Anhänger der konstitutionellen Monarchie. Wenn er davon redet, wirkt er ähnlich traurig und selbstvergessen, wie Prof. Erhart. Ist es also ein Abgesang von Europa, den Menasse (der Europa-Verteidiger) unfreiwillig schrieb? Das zumindest unterstellt ihm der ZEIT-Rezensent Andreas Isenschmid, der den Roman mit dem ernsten Pathos des Essays „Der europäische Landbote“ verglich und daraus schloss, dass: „Wer sich, von Menasse dergestalt belehrt dem Roman zuwendet, ist doch einigermaßen verblüfft. Zwar sind die Essays und der Roman durch manche programmatische Stellen und auch durch wörtlich übernommene Passagen verbunden. Aber so richtig zusammen passen sie nicht. In den Essays sah man glühenden Ernst, im Roman ist der Ton komödiantisch.

Ist Europa also eine Tragikomödie? Tragikomisch bezeichnet ein Geschehen, das in seiner ganzen Entwicklung einen tragischen, d. h. unglücklichen Ausgang erwarten ließ, aber überraschend ein gutes, d. h. glückliches Ende nimmt, das zugleich in seiner Art und Weise komisch wirkt. Das wollen wir alle hoffen.

 

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Neubayern

Von Florian F. Scherzer

Erschienen im Hirschkäfer-Verlag 2017

 

Früher war alles besser? Nein, sicher nicht. Alles war immer gleich beschissen. All der leuchtende Schnick-Schnack unserer spätmodernen Welt verhindert nicht, dass es heute nicht weniger Arschlöcher (um mit Elsi zu sprechen) als früher gibt.
Neubayern liegt irgendwo im Niemandsland zwischen Argentinien und Chile im nördlichen Patagonien. Ein etwa 40 Quadratkilometer großes Gebiet, bewohnt von etwa 20.000 rückständig lebenden Bayern, die von ehemaligen Aussiedlern aus dem 19. Jahrhundert abstammen. Josef Kiener, das Wallermaul, ist einer von ihnen. Er lebt bei den Fischweihern in Oberpfaffing und wird von den Dorfbewohnern wegen seines Aussehens verspottet. Seine Eltern und seinen Bruder hat er bei einem Brand verloren. Eines Tages verschwindet ein Junge, Benno, aus dem Dorf. Sein Freund Johann Schwarz bittet den Kiener Josef um Hilfe, Benno wieder zu finden. Josef macht sich auf den Weg und was er nun alles erlebt und erfährt möchte man kaum glauben, hätte der Autor Florian F. Scherzer es nicht so plastisch und glaubhaft erzählt. Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Heilige Römische Reich Deutscher Nation unterging und Napoleon den Rheinbund gründete, und 1813 die Reichsaufteilung durch den Wiener Kongress beschlossen wurde, wuchs im schönen Bayernlande die Idee eines „Dritten Deutschland“ heran. Einer der Wortführer war Mitte des 19. Jahrhunderts (nach dem März 1848) Ludwig von der Pfordten, ein Jurist und bayrischer Außenminister. Florian F. Scherzer nimmt diese historischen Motive heraus und bastelt eine geschickt verwobene Posse. Ein königlich bayrisches Kolonialamt gab es wohl so nicht. Der erwähnte Adalbert von Reisach (Adalbert Heinrich Freiherr von Reisach) war in Wirklichkeit Bischof in Würzburg und lebte knapp 100 Jahre früher. Aber die Bestrebungen Bayerns Kolonialgebiete zu erwerben, die gab es in jedem Fall. Und so wird eine Kuriosität der Geschichte glaubwürdig. Josef Kiener und seine Dorfbewohner aus Neubayern sind über 170 Jahre lang komplett von der übrigen Welt isoliert gewesen und haben sich nicht über das 19. Jahrhundert hinaus entwickelt. Kein Strom, keine digitale Kommunikation, keine Autos, keine Flugzeuge. Eine Minengesellschaft sorgt dafür, dass es so bleibt. In diesem Gebiet im nördlichen Patagonien gibt es ein begehrtes Metall: Neodym. Es ist hoch magnetisch und wird für Windkrafträder, Elektroautos aber auch für Kernspin benötigt. Eine Gelddruckmaschine. Die im Roman erwähnte Mine in Bayan-Obo gibt es wirklich und es sieht dort wirklich so aus, wie im Roman geschildert. So viel also zu unserer guten bayrischen Luft. So viel zu der „sauberen Energie“. Sie ist so sauber nicht. Sie ist so schmutzig wie all die nach Schweiß und Bier riechenden Neubayern, nein, sie ist sogar schmutziger.
Aber Josef Kiener hat großes Glück. Aber nicht einfach so. Er hat ein großes Herz und verdient daher auch sein großes Glück. In Neubayern gibt es einen Aberglauben. Man glaubt an die Perchtln, die das Viechfieber bringen. Doch der heilige Andreas kann sie beschützen. Er hat einst eine ganze Horde von Perchtln erschlagen und so das schöne Neubayern gerettet. Tatsächlich glaubt Josef Kiener erst nicht an diese abergläubische Geschichte. Bis er sie selbst erlebt. Aber die Perchtln sind keine Fabelwesen, sondern Indigene, die ihr ureigenes Land wieder zurück wollen. Die Neubayern erschlagen sie und verbrennen sie. Geschickt erzählt uns Scherzer damit auch noch eine Parabel über Rassismus. Aber Kiener hat ein großes Herz und er hilft einem Perchtl zu überleben. Er erfährt nun, dass es eine Frau ist und dass sie auch noch hübsch ist und kein grusliges Monster. Die beiden verlieben sich ineinander und zum Schluss kommen sie über viele Abenteuer und Umwege auch zusammen.

Soweit also diese Geschichte. Erzählt wird die Geschichte von verschiedenen Zeitzeugen in Form von Berichten. Damit stellt Scherzer eine Art Authentizität her. Die Berichte von Josef Kiener erinnern sprachlich gelegentlich an Wolf Haas Privatdetektiv Brenner. Es ist ja auch gewissermaßen eine Kriminalgeschichte, ein Umweltthriller, eine Entdeckergeschichte, eine Parabel aber auch eine Posse. Fast zu viel auf einmal für einen Roman. Aber das macht die Tiefendimension dieses gelungenen Debüt-Romans von Florian F. Scherzer aus. Der Werbefachmann (wie auch Wolf Haas einer ist), lässt schon am Ende des ersten Drittels seines Romans den Hintergrund von Neubayern durch den Bericht von Christian Hinterwald (genannt Engel) auffliegen. Aber er schafft es nun weiter, die Spannung zu halten. Man hat Josef Kiener schon lieb gewonnen und so manche Szene erinnert an das königlich bayrische Amtsgericht. Die Figuren erinnern an Karikaturen von Manfred Deix. Kieners Reise von Oberpfaffing nach Rieding und dann nach Reisach auf der Suche nach Benno und dem geheimnisvollen München ist einfach süffig erzählt. Und die Stadt Rieding mit dem Heimatwahrer Holderer oder seinem alten Schulkameraden in Reisach dem Georg Dobler (Doblergirg) im Gasthaus Torbräu ist in die Details hinein köstlich. Oder das Supersol-Papier! Supersol ist eine spanische Discounter-Kette wie bei uns Penny oder Tengelmann. Das Supersol-Papier mit dem Sonnenzeichen sind diese Werbebroschuren für billige Industrienahrung. Wie überhaupt dann  der Fraß mit dem wir Spätmodernen systematisch vergiftet werden herrlich geschildert wird. Es ist schon eine Kunst von Scherzer, wie er die Perspektive des vormodernen Kiener nutzt, um uns die Sinnentleertheit und Absurdität unserer Welt vorzuhalten. Früher war es nicht besser, wie schon gesagt. Wurde es wirklich besser inzwischen? Das lässt sich stark anzweifeln. Auch wenn das Leben in Neubayern karg und entbehrlich war, hochgradig rückständig und voller Aberglauben und beherrscht von autoritären Amtmännern, so ist das 21. Jahrhundert geprägt von sinnloser, entfremdeter Arbeit und Konsumzwang, geprägt von völlig nutzlosen Dingen, die wir ständig kaufen, geprägt von der Öde und Monotonie der Gewerbegebiete, die im Grunde nur eine Vorstufe zu der Mad-Max-Landschaft eines Minengebiets darstellen. Weder in Neubayern, noch in Bayern will man wirklich leben. Nur: Die Neubayern wussten es nicht besser. Und wir Altbayern wissen es auch nicht besser. Wir sind Vertreter einer vor-apokalyptischen Nach-Moderne, mit unseren Laptops, Smartphones, Elektroautos und beheizten Zweizimmerwohnungen, mit unseren entfremdeten Jobs und unserer partiellen Blindheit für das, was auf der Welt wirklich geschieht an Perversion und Ungerechtigkeit. Die Neubayern sind rückständige, rassistische und autoritätsgläubige Dummköpfe. Solche gibt es auch hier in Altbayern. Und dieser Weg des „Dritten Deutschland“ aus dem 19. Jahrhundert, wird heutzutage zur Karikatur durch die Reichsbürger, die ja inzwischen schon gut bewaffnet sind, wie man aus der Presse erfährt. Es hat sich also viel geändert in 200 Jahren. Aber nichts zum Besseren - gäbe es nicht warme Duschen. Täglich warmes Wasser und Sauberkeit sind die größten Errungenschaften der Moderne.

 

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Lady Barbarina

Von Henry James

Übersetzt von Karen Lauer erschienen 2017 im Verlag Dörlemann

Unter den während des Krieges in England stationierten amerikanischen Soldaten war die Ansicht weit verbreitet, die englischen Mädchen seien sexuell überaus leicht zugänglich. Merkwürdigerweise behaupteten die Mädchen ihrerseits, die amerikanischen Soldaten seien übertrieben stürmisch. Eine Untersuchung, an der u.a. Margaret Mead teilnahm, führte zu einer interessanten Lösung dieses Widerspruchs. Es stellte sich heraus, dass das Paarungsverhalten in England wie in Amerika ungefähr dreißig verschiedene Verhaltensformen durchläuft, dass aber die Reihenfolge dieser Verhaltensformen in beiden Kulturbereichen verschieden ist. Während z.B. das Küssen in Amerika relativ früh kommt, etwa auf Stufe 5, tritt es im typischen Paarungsverhalten der Engländer relativ spät auf, etwa auf Stufe 25. Praktisch bedeutet dies, dass eine Engländerin, die von ihrem Soldaten geküsst wurde, sich nicht nur um einen Großteil des für sie intuitiv „richtigen“ Paarungsverhaltens (Stufe 5-24) betrogen fühlte, sondern zu entscheiden hatte, ob sie die Beziehung an diesem Punkt abbrechen oder sich dem Partner sexuell hingeben sollte. Entschied sie sich für die letzere Alternative, so fand sich der Amerikaner einem Verhalten gegenüber, das für ihn durchaus nicht in dieses Frühstadium der Beziehung passte und nur als schamlos zu bezeichnen war. Die Lösung eines solchen Beziehungskonflikts durch die beiden Partner selbst ist natürlich deswegen praktisch unmöglich, weil derartige kulturbedingte Verhaltensformen meist völlig außerbewusst sind. Ins Bewusstsein dringt nur das undeutliche Gefühl: der andere benimmt sich falsch. So beschrieb es die kanadische Psychologin Janet H. Beavin einmal in den 1990er Jahren. In einer anderen Versuchsanordnung von Asch sollen acht Studenten feststellen, ob mehrere parallele Linien gleich lang sind. Bis auf einen Studenten waren alle eingeweiht, falsche Antworten zu geben. Der andere Student unterwarf sich nun in 75 Prozent der Fälle der Mehrheitsmeinung der anderen sieben Studenten. Beziehungen zwischen Menschen mit all ihren Empfindungen, Bildern, Vorstellungen, Bedürfnissen sind keine isolierte Veranstaltung. Und Henry James ist ein großer Meister darin, diese nicht isolierte Veranstaltung zu beobachten und wiedergeben zu können.

Dem gelungenen und aufschlussreichen Nachwort der Übersetzerin Karen Lauer (die vor wenigen Jahren durch ihre Übersetzung des Klassikers ‚Der letzte Mohikaner‘ von James Fenimore Cooper von sich reden machte) kann ich daher kaum etwas hinzufügen. Henry James ist der um ein Jahr jüngere Bruder des berühmten Begründers der modernen Psychologie William James. Doch ist Henry James ein mindestens ebenso genialer Psychologe, wie sein Bruder, der Empirist und Vordenker des Behaviorismus sowie der Verhaltenspsychologie. Henry James dekonstruiert mit sprachlichen Mitteln die Sprache selbst. In der Novelle nutzt er daher oft die Beschreibung von Mimik (Sie hatte seinen Blick gemieden…Aber jetzt sah sie ihm direkt ins Gesicht S.60) bzw. wie gerade das Nichtverstehen der nonverbalen Signale (Sie stieß keinen Laut des Erschreckens aus, leistete sich kein Zurückfahren; er konnte nicht einmal sehen, dass sie die Farbe wechselte S. 61)  das Sprechen scheitern lässt. Geradezu schreiend komisch wird dies im Kapitel III dargestellt, als Jackson Lemon bei den Cantervilles um die Hand von Lady Barb anhält. Dieses Gespräch scheitert so grundlegend an der zweiten Ebene der Sprache, an dem, was man allgemein „Verhalten“ nennt und Henry James erzählt dies mit einer immer noch unerreichten Meisterschaft. Es ist daher nur logisch, dass die Protagonisten sprechende Namen tragen, von Zitrone bis Krieger Langstroh. 
Der auktoriale Erzähler in der Novelle beginnt mit der Schilderung der Freers, die er als „reine Beobachter“ kennzeichnet. Damit wird die Novelle als Beobachtung der Beobachtenden fast schon wie ein ethologisches Experiment angelegt. Die Beobachter wirken nach außen „durch und durch britisch“ aber sie denken amerikanisch (Sie dachten wie Amerikaner, aber nur ganz im Geheimen S. 8). Schon hier verweist der Erzähler darauf, dass sich unsere kulturellen Eigenheiten nicht sofort jedermann offenbaren und uns keineswegs bewusst sind. Schließlich ist unser jeweiliges Selbstbild immer ein soziales Projekt. An dem Bild wie ich mich sehe, haben eine Menge Leute mitgearbeitet. Und die Freers sind insofern Befreier, weil sie „sich imstande sahen zu vergleichen“ (S.9). Es sind nicht nur die kulturellen Unterschiede der Nationen. Denn schließlich kommt Lady Agatha gut in Amerika zurecht. Und andersrum kommt Herman Longstraw in England sehr gut an. Lady Barb ist zwar wirklich „very british“, wirkt nach außen wie eine Statue, den Kopf feudal gehoben und auf eine Weise distanziert freundlich, dass sie in Amerika schon wieder als mindestens undurchschaubar, wenn nicht gar abweisend wirkt. So zeigt sich auch, dass Mrs. Vanderdecken auf dem völlig falschen Weg ist, wenn sie sich in ihrem Rang von Lady Barb bedroht fühlt. Für Lady Barb gibt es in Amerika gar nichts, was für sie von Rang wäre. Und Jackson Lemon zweifelt und verzweifelt schließlich. Denn in England gibt es zahlreiche Ladys vom Format einer Lady Barb. Zumindest dem Rang nach. Aber Lady Barb reflektiert nicht auf sich selbst (Seite 125 oben), neigt gar nicht dazu „Rechenschaft für ihr Verhalten von sich zu verlangen“. Bis zum Ende konsequent erfahren wir Leser nichts darüber, warum Lady Barb in diese Ehe einwilligte. Denn es spielte in England „kaum eine Rolle, was sie tat“ (S. 125). Lady Barb ist es gewohnt eine Rolle zu spielen, aber – und das ist ‚supersuptil‘ – das spielt wohl keine Rolle. Es ist ein Sozialverhalten um des Sozialverhaltens willen und der Gipfel des Snobismus. Denn die Rolle, die Lady Barb zu spielen hat, ist es „wichtig“ zu sein. Das Wichtigtun hat es begrifflich als „Snobeffekt“ sogar in die Volkswirtschaftslehre gebracht. Einzigartigkeit benötigt keinen Inhalt und existiert qua seiner Einzigartigkeit. Und so mag sich Lady Barb in Amerika als Kuriosität vorkommen, während sie in England von Einzigartigkeit umgeben ist. Ganz anders geht es ihrer Schwester: „Lady Agatha nahm undeutlich und wohlwollend wahr, dass sie etwas gesagt hatte, was die seltsamen Amerikaner seltsam fanden, und dass sie sich rechtfertigen musste. Es ging etwas höchst Unnatürliches vor mit ihrem Begriff von Seltsamkeit.“ (S. 146). Aber mit Lady Agatha wäre Lady Barb „noch viel einsamer“, denn ihr gefällt es in Amerika. Während Lady Agatha einen Gentleman definiert, lässt sich Lady Barb auf eine solche Definition erst gar nicht ein. Es kommt ihr gar nicht in den Sinn, dass man das definieren könne. „Sie sei nicht nach Amerika gekommen, ausgerechnet Amerika, um herauszufinden, was ein Gentleman sei.“ Lady Agatha erkennt die Ähnlichkeiten (dennoch lag der Unterschied nicht in ihm selbst, sondern darin, wie sie ihn sah – wie sie alle Leute in Amerika sah S. 149) Die Perspektiven der Schwestern zeigen, dass uns kulturelle Eigenarten nicht etwa festlegen, sondern als ein offenes System funktionieren. Und wenn das Projekt von den beiden Damen Lady Marmeduke und Beauchemin funktionieren sollte, dann nur mit der Erkenntnis von Mrs Freer, dass man die Grenzen nicht ausschließlich im Kulturellen, sondern auch im Menschlichen erkennt. „Unsere Lady Barb – ein einziges englisches Mädchen – kann eine Million Menschen zu Rangniederen machen.“ (S. 110) Da Lady Barb eine Blume aus einem aristokratischen Klima ist, die im amerikanischen Boden nicht gedeiht, kann man diese Blume ohne ihr Klima nicht denken.

Sendling 2017

Rückblick

 

Das siebte Semester war glücklicherweise nicht das verflixte. Aber wir fingen gleich mit einer Bücherverbrennung an. Im Mai starteten wir mit einer ganz anderen Art von Feuerwehr und folgten dem Held Guy Montag ins Exil. Realistischer und weniger SF war es im Juni mit einem folgenschweren Sturz in einem Altbau in Berlin der 1980er Jahren. Im Präsens und ganz nah erlebten wir, wie sich der Mann der fiel wieder ins Leben zurück kämpft und gleichzeitig die Stadt mit ihm (durch den Mauerfall und die Neuordnung der Welt im Kleinen). Im Juli rätselten wir darüber, wem denn nun vergeben wurde im fernen Marokko. Den Monat August verbrachten wir dann in der Hängematte um uns dann im September tiefenentspannt dem Schicksal von Mrs Dalloway zu widmen. Im Oktober war es nicht Berlin, aber wieder eine Hauptstadt. Diesmal die von Europa. Schwein gehabt, wäre keine ganz zutreffende Diagnose, dafür war die Komik zu nah an der Tragödie. Brüssel ist mehr als nur eine Stadt. Und da wir ja mit SF angefangen haben in diesem Semester, endeten wir auch mit SF. Wobei es zugleich auch Geschichtsunterricht war, und voller Orakel.

 

Chronik

31. Mai 2017   Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

28. Juni 2017  Ein Mann der fällt von Ulrike Edschmid

26. Juli 2017               Denen man vergibt von Lawrence Osborne

20. September 2017         Mrs Dalloway von Virginia Woolf

18. Oktober 2017             Die Hauptstadt von Robert Menasse

22. November 2017         Das Orakel vom Berge von Philip K. Dick

 

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Fahrenheit 451

von Ray Bradbury

Original (1953) aus dem Amerikanischen von Fritz Güttinger

 

Während draußen Schlapphüte durch die Straßen streichen, auf der Suche nach unamerikanischen Umtrieben, während in der ganzen Welt die Angst vor dem Ostblock umgeht, die Welt in zwei Lager gespalten ist und wie ein düsteres Phantom die Atombombe weitere unbegreifliche Ängste schürt, sitzt ein junger Mann von gerade 30 Jahren im Keller einer Universitätsbibliothek. Er raucht, den Hemdkragen hat er gelockert, es ist drückend, es ist schwül. Ray hackt so schnell er kann auf die Tastatur einer Schreibmaschine. In seiner Hosentasche klimpert das Kleingeld. Denn immer wieder muss er in die Münzschreibmaschine zehn Cent einwerfen, um weiterschreiben zu können. Am Ende kostete ihn das Gesamtmanuskript 9,80 US-Dollar.
The Fire Man, wie Bradbury dieses 9,80 US-Dollar teure Manuskript anfangs nannte, besser bekannt unter dem Titel Fahrenheit 451, hat das Geld sicher wieder reingespielt. Es wurde übersetzt in viele Sprachen, 1966 von Francois Truffaut verfilmt und gehört sicher den wenigen Science Fiction Werken, die es zu höheren literarischen Weihen gebracht hat.

Kurz vor seinem Tod 2012 fragte Dennis Scheck den 91jährigen Ray Bradbury: „In Ihrem berühmten Roman Fahrenheit 451 ist der Feind des Lesers der Staat. Wer ist der Feind von uns Lesern heute? Immer noch der Staat oder eher die Großkonzerne oder die Medien?“
Ray Bradbury antwortete: „
Eine Mischung aus allem. Die Erfindung des Computers, der Medien, von all dem, was über Leitungen oder drahtlos durch die Luft zu uns in unser Heim eindringt, all diese Spielzeuge, nach denen wir süchtig geworden sind; im Zentrum von all dem steht einfach ein bedauerlicher Mangel an Grips, an Intelligenz. Wenn wir noch mehr Kino und Fernsehen und noch mehr E-Mail wollen, müssen wir dafür sorgen, dass dahinter auch Grips steht.“
Und den hatte der Autor zahlreicher Romane, Erzählungen und Drehbücher, obwohl er nie einen Hochschulabschluss gemacht hat. "Die Bibliotheken haben mich erzogen. Ich glaube nicht an Hochschulen und Universitäten“, sagte er zum Beispiel in einem anderen Interview.
Bradbury hat immer schon zu den literarischsten Science Fiktion Autoren gehört, was wohl auch daran liegt, dass er eigentlich gar kein Science Fiction Autor war, sondern eher der Fantasy zugerechnet werden kann. Und auch das greift zu kurz. Ich erinnere mich da an eine Kurzgeschichte von ihm aus dem Band „Medizin für Melancholie“, dort erzählt er die Geschichte von sechs Mexikanern, die sich einen Anzug teilen. Sie sind alle gleich groß und von gleicher Statur. Daher können sich die sechs armen Mexikaner zusammen einen schönen neuen Eiskrem farbigen Anzug leisten. Am ersten Abend teilen sie sich auf. Jeder darf ihn zwei Stunden tragen, kommt dann zurück und erzählt von seinen Erlebnissen. Der Anzug wirkt wie Magie und gibt den armen Mexikanern ihren Stolz zurück. Sie merken dabei gar nicht, dass sie selbst es sind und nicht etwa der Anzug, wie eine kleine Episode aus der Kurzgeschichte zeigt. Einer der Mexikaner lernt ein Mädchen kennen und glaubt natürlich, es habe an dem Anzug gelegen. Aber es stellt sich heraus, dass sich das Mädchen in dessen blendend weiße Zähne verliebt hat und den Anzug gar nicht registrierte.
Ray Bradbury war auch ein Moralist – so heißt es immer. In seinem Roman Fahrenheit 451ist die zentrale Szene die, wo der Held Guy Montag den Freundinnen seiner Frau zu deren Schrecken aus einem Buch vorliest. Es ist ein Gedicht. Ray Bradbury bedient sich dort am Prometheus-Mythos aus Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums. Und Prometheus brachte den Menschen bekanntlich das Feuer. Eine der Frauen, Frau Phelps fängt zu weinen an. Sie hat vor kurzem ihren Mann im Krieg verloren. Die anderen Frauen beschimpfen Guy Montag nun, und meinen, dies würde ja beweisen, dass Bücher schlecht seien und nur für Unfrieden sorgen würden.
Die Gefühllosigkeit der Menschen in Bradburys Dystopie ist Ergebnis einer Dauerbeschallung und permanenten Ablenkung der Menschen. Langsamkeit ist verpönt, Spaziergänger werden von rasenden Jugendlichen zum Spaß tot gefahren. Und hier zeigt sich, wie modern, wie erschreckend modern dieser Roman ist, der sich überhaupt nicht auf das Autodafé der Nationalsozialisten bezieht, sondern auf die Zerstörung der Lesekultur durch die Bildermedien. "Die Bibliotheken haben mich erzogen“, sagte Ray Bradbury. Und dieses Lesen ist eine besondere Leistung. Stets muss man mit Metaphern arbeiten, muss man symbolisieren. „Die Unfähigkeit zu symbolisieren“, schreibt Jan Philipp Reemtsma in seinem großartigen Essay Das unaufhebbare Nichtbescheidwissen der Mehrheit „ist ein Kennzeichen tiefgreifender seelischer Störungen und geradezu ein Ausweis gravierend beeinträchtigter Realitätstauglichkeit.“
Reemtsma kritisiert hier ebenfalls die schwindende Lesekultur.
Es ist heute nur etwas anders gekommen. Denn Bücher, Bücher gibt es zu Hauf. Aber kaufen alleine und ins Regal stellen? Das hilft ja noch nicht. Man muss das Buch lesen. Und das ist Arbeit. Harte Arbeit, wenn auch irgendwann vergnüglich und fast selig machend, denn das hat gute Arbeit an sich, dass sie befriedigt und glücklich macht. „Breite Bettelsuppen“, wie Goethe den Schund nennt, den es schon zu Goethes Zeit gab, macht nicht selig, sondern so stumpf wie das Fernsehen. Das oberflächliche Glück der Menschen in Bradburys Roman lässt sich mit ein paar Zeilen zerstören. Beatty kritisiert dagegen den Mangel an Wahrhaftigkeit bei Büchern, vor allem am Ende des zweiten Kapitels. Eine Kritik, die schon in Platons Politeia an den Büchern geübt wird. Platon hielt die meisten Mythen für unwahr und schrieb ihnen verheerende Auswirkungen auf die Charakterbildung zu. Vor allem missfiel ihm, dass die Dichter den Göttern oft Eigenschaften und Handlungen zuschreiben, die unter Menschen allgemein als schimpflich gelten, etwa Unaufrichtigkeit, Anstiftung zum Wortbruch und Gewaltanwendung gegen die eigenen Eltern. Auch die Erzählungen, in denen Götter untereinander streiten und kämpfen oder Menschen ins Unglück stürzen, hielt er für Lügen. Traditionell haben Thomas von Aquin und auch Immanuel Kant diese Kritik übernommen. Dadurch wirkt Literatur parasitär. Sie zerstört die Kommunikation, weil sie unwahrhaftig ist. Wem kann ich noch trauen? Und genau das zelebriert Beatty mit seiner Wucht der Zitate. Die Gegenposition von Faber und Montag zeigt auf, dass geradezu das Gegenteil der Fall ist. Verarmt die Kraft zur Symbolik, sind wir viel empfänglicher für die Lüge. Manipulative Masse. Lesen dagegen ist ein sich erinnern (Granger) und  ermöglicht ein tiefes, kaum ausdrückbares Glück der Transzendenz. Die Epiphanie am Lesen, am Leseerlebnis ist es was Bradbury auch bei seinem Helden Guy Montag beschreibt.  Und mit einer Offenbarungsstimmung endet dieser Roman, mit der Offenbarung des Johannes, wo der Prophet die heilige Stadt beschreibt, die vom Himmel auf die Erde kommen wird, mit dem Baum des Lebens (Allegorie für Unsterblichkeit), und Früchten jeden Monat zur Heilung. Erinnern ist also mehr als nur Konservieren von Gedächtnisinhalten. Es ermöglicht – mit dem schönen deutschen Wort – Rücksicht.

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Ein Mann, der fällt

Von Ulrike Edschmid

Erschienen 2017 im Verlag Suhrkamp

 

Im Zentrum der durchgängig im Präsens verfassten Ich-Erzählung von Ulrike Edschmid stehen ein Eckhaus an einer Kreuzung in Berlin Charlottenburg mit oft defektem Aufzug und der Mann der Erzählerin, der am 26. Juli 1986 bei Renovierungsarbeiten von der Leiter stürzt und eine inkomplette Querschnittslähmung ab dem 6. Wirbel erleidet.

Er muss nun mühsam wieder das Laufen lernen. Das Haus erscheint daher wie der Antagonist dieses Mannes, der nun die nächsten Jahre auf Krückstöcken gestützt verbringen muss. Edschmid beschreibt in 47 Miniaturen diese Jahre. Dabei wechseln die Mieter und auch die Vermieter des Hauses, Berlin verändert sich, die Mauer fällt, die Mieten steigen. Wie nebenbei erzählt Edschmid die Einwanderungsgeschichte des Einwanderungslandes Deutschland. Von den Spaniern,  die mit ihrem Besame mucho die Erzählung musikalisch begleiten, von der griechischen Vermieterin, über einen jungen durch eine Mine verletzten Libanesen, bis hin zu einer Gruppe Iranerinnen, Russen, Koreaner.

Es ist eine Stadtgeschichte. Als der Herbst kommt und die Blätter fallen, kann die Ich-Erzählerin in die Zimmer des Neubaus gegenüber sehen. In den Beobachtungen der Ich-Erzählerin spiegelt sich die Einsamkeit der Großstadt. So liegt über der ganzen Erzählung eine unbestimmte Traurigkeit. In den meist knappen und prosaischen Sätzen werden wir mehr und mehr zu intimen Mitbewohnern. Wir erleben es mit, als die alte Dame in der dritten Etage rechts stirbt und ein junges Paar mit einem „sehr kleinen Kind“ einzieht in die Sechs-Zimmer-Wohnung. Und wir werden Zeuge, als einige Kapitel später dieses Paar wieder auszieht. „Ein letztes Mal sind die Frau und der Mann schreiend durch den Hinterausgang ihrer Wohnung die enge Wendeltreppe hinunter in den Hof gerannt, die junge Frau voraus mit dem Baby auf dem Arm.“ Und schon beginnt ein neuer Mieter zu renovieren. Die Menschen sind so nah, leben Tür an Tür mit der Ich-Erzählerin. Und doch lebt jeder von ihnen sein privates, intimes und geheimes Leben. Die Ich-Erzählerin versucht diese Leben ein Stück zu entziffern, zu lesen. Doch selbst die Frauen der Schriftsteller, die von der Ich-Erzählerin interviewt werden, sind nur ein „blassgrauer Schleier undeutlicher Linien“. Der Mann, der gefallen ist, kämpft sich die Stockwerke mühsam herab, während wieder einmal der Aufzug kaputt ist, oder blockiert wird. Er kämpft sich die Straße entlang, ins Leben zurück. Er ist viel langsamer als alle anderen und so verlangsamt sich auch das Leben der Erzählerin mit ihm.

Der Indikativ ist für die Darstellung der Wirklichkeit vorgesehen, ist die Definition von Edschmids Modus operandi des Erzählens. Ähnlich machte sie es schon bei dem Roman „Das Verschwinden des Philipp S.“, auch dort an der Wirklichkeit angelehnt, über den mit ihr befreundeten Terroristen Werner Sauber von der „Bewegung 2. Juni“. Und doch ist nichts mit der Wirklichkeit gleichzusetzen. Die autobiografischen Details sind natürlich spürbar. So erfährt man von der Ich-Erzählerin über ihre ersten literarischen Arbeiten in der sie Gespräche mit Frauen von Schriftstellern führte, erschienen in Diesseits des Schreibtischs und Verletzte Grenzen (1990 und 1992) .

Der Verzicht auf literarische Finesse und der konsequente Indikativ machen die Erzählung so unmittelbar, fast einem Diary ähnlich. Erzählt wird also keine große epische Geschichte mit dramaturgisch gestaltetem Emplotment (absichtlich benutze ich hier das von Paul Riceur erfundene Wort, das historische Narrative beschreibt -The assembly of a series of historical events into a narrative with a plot. ), sondern viele kleine Miniaturen. Dass hierbei der Hauptprotagonist ein Stadtviertel ist und ein Haus, erinnert ein wenig an die Erzählung „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck. Erzählerisch ähneln sich die beiden Geschichten insofern, dass die Aneinander-Kettung von Einzelgeschichten zu einer Chronik wird. So könnte man Edschmids Erzählung als eine subjektive Stadtchronik bezeichnen. Der besondere Blick der Erzählerin macht es eben. Dabei wird die Sprache vor allem als ein phänomenologisches Werkzeug eingesetzt. So wie einst Leopold von Ranke sagte: „bloß zeigen, wie es wirklich war.“ Doch Edschmid ist sich bewusst darüber, dass „kein Geschehen mit der Wirklichkeit gleichzusetzen“ ist. Der erst bescheiden wirkende Anspruch des Gründers der deutschen Historikerschule ist genau besehen eine Anmaßung. Wer kann zeigen, wie es „wirklich war“? Nur der Standpunkt des Beobachters macht ein Stück Wirklichkeit. Da das initiierende Ereignis der Erzählung ein privates Unglück ist, steuert dieser Beginn die Geschichte. Doch die meisten Ereignisse die geschildert werden, würden auch ohne dieses am Anfang stehende Unglück stattfinden. Aber sie würden ohne dieses am Anfang stehende Unglück ganz anders erzählt werden. Also ist es eben nicht nur eine Aneinander-Kettung von Ereignissen und nicht nur eine Chronik, sondern eine Intimität. Und damit so eine Intimität keine Indiskretion wird, benötigt man diese prosaische Sprache. Die Ereignisse sind daher einerseits sehr schattenhaft – wie in den Beobachtungen der Zimmereinblicke in den Neubau – andererseits sehr genau, wie der Streit des gefallenen Mannes mit dem Jaguar-Besitzer um einen Parkplatz.

Was ist nun der erzählerische Mehrwert einer solchen subjektiven Stadtchronik ohne eindeutigen dramaturgischen Emplotment? Es sind die Details. Und zwar exemplarisch im Wiederlesen dieser Details. Denn in der Fülle und der prosaischen Darstellung gehen beim ersten Zugriff viele dieser Details unter. Für jemanden, der in Berlin lebt oder Berlin kennt, ist der Mehrwert sicher größer. Vor allem fängt die Autorin diese besondere Melancholie der Stadt ein. Aber auch diesen besonderen Charme von Diversität. Allein in den vielen Gerüchen der Lokale, die in die Wohnung der Erzählerin eindringen und die immer wieder neu zusammengesetzt werden. Die Atmosphäre des Altbaus, die Kontinuität der Veränderung. Es ist von Vorteil für einen Leser, wenn er den Teichgraben im Schlosspark kennt.

Was mich als Autor verwundert ist, dass es immer wieder Berlin sein muss. Würde ein ähnlicher Roman, der in München spielt und statt am Spreeufer an der Isar oder statt Schloss Charlottenburg das Schloss Nymphenburg erwähnt, ähnlich funktionieren? Nein. Denn München ist nicht Berlin. Daher ist die Stadt selbst das Zentrum und die Leitidee der Erzählung. Eine Altbau-Wohnung am Harras hat auch seine Gerüche, zum Beispiel von einem Döner-Laden im Erdgeschoss. Über die Implerstraße zur Brudermühlstraße zu gehen und dann zum Flaucher, hat auch seinen Charme. Aber es ist so anders und in seiner gesamten Grundstimmung nicht vergleichbar, auch wenn man den Weg mit Krückstöcken abgeht. Als die Berliner Mauer fiel, hatte ich weder Internet noch Fernseher. Ich erfuhr davon nebenbei durch eine Zeitung in Papierform. Erst ein Jahr später lernte ich den ersten Ostdeutschen kennen. Um eine ähnliche Intimität auch in München zu kreieren, fällt mir nichts ein. In wenigen Monaten startet meine Vorlesungsreihe zur Münchner Stadtgeschichte. Und ich fühle mich schon jetzt ratlos.

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Denen man vergibt

Von Lawrence Osborne

Aus dem Englischen von Reiner Pfleiderer

Original erschien unter dem Titel „The Forgiven“ in Hogarth

 

Der 1958 geborene Lawrence Osborne ist viel herumgekommen. Er studierte in Cambridge und Harvard Sprachen, arbeitete für die New York Times als Berichterstatter unter anderem in Tijuana an der mexikanischen Grenze.  Als der Roman erschien, 2012, lebte er in Bangkok und machte wohl kurzweilig in Marokko Station, um The Forgiven zu schreiben.  2015 lebte er in Kambodscha, wo er seinen aktuellsten Roman verfasste (Hunters in the dark).

Osborne beschreibt ein britische Ehepaar, David und Jo Henninger, die in das „Land des Sonnenuntergangs“ reist, um auf einer Party teilzunehmen, die der ehemalige Schulfreund von David, Richard Galloway,  in einem umgebauten Ksar (Speicherburg) hinter Tafnet veranstaltete. Tafnet ist ein fiktiver Ort aus 1000 und einer Nacht. Hier die Sahara, dort das Atlas-Gebirge. Der vermeintlich idyllische Ort wird sich am Ende als dramatische Falle des Ehepaars erweisen. Auf dem Weg dorthin mit einem Mittelklasse Toyota (Camry), verfährt sich das immerzu streitende britische Paar. David ist ein alkoholabhängiger Arzt und Jo eine nicht mehr produktive Kinderbuchautorin. Auf der Strecke, nachts, David hat schon einiges getrunken, steht plötzlich jemand auf der Straße. Da man in Marokko leicht nachts Beute von Räubern werden kann, hält David nicht an und überfährt den Fremden. Es ist ein Einheimischer. Er ist tot. David untersucht die Leiche, nimmt ihm den Pass ab, vergräbt den Pass und lädt die Leiche in den Kofferraum. Er weiß nicht, dass er von einem weiteren Fremden beobachtet wird.
Als David und Jo bei Richard und Dally ankommen, ist natürlich die Aufregung groß, als das britische Ehepaar auf der Glitzerparty mit einem toten Berber erscheint. Osborne schildert nun mit viel Genauigkeit die heterogene Gesellschaft an dem eigenwilligen Ort dieser Speicherburg. Da sind einmal die Gastgeber. Richard und Dally sind homosexuell und daher bei den vorwiegend muslimisch geprägten Einheimischen nicht eigentlich beliebt. Sie gelten als barak, als Verrückte im Grunde. Aber sie haben Geld und sie sind dort der wichtigste Arbeitgeber. Die Angestellten sind allesamt Einheimische. Damit wird hier ziemlich eindeutig eine Trennlinie gezogen. Es ist die Veranstaltung einer Herrenrasse. Die Diener machen ihre Arbeit, aber voller unterschwelligem Groll und Misstrauen. Das wird nicht besser mit der plötzlich aufgetauchten Berberleiche. Später erfahren wir nach und nach die Geschichte des jungen Berbers. Er hieß Driss und war ein Fossilienhändler, der versuchte, nach Paris zu flüchten. Auf seiner Flucht tötete er ein britisches Ehepaar, das sich in Spanien mit einer Finka niedergelassen hatte.

Man verstaut die bis dahin noch unbekannte Leiche des jungen Mannes in der Garage. Man rätselt, wer es sein könnte. Die Polizei kommt, gut geschmiert von Richard Galloway, und nimmt den Fall wohlwollend auf. Doch nicht nur die Polizei kommt, sondern auf einmal taucht ein Wagen auf, und eine Gruppe sehr dunkler Berber steigt aus und fordert ein, die Leiche des jungen Mannes zu sehen. Es ist der Vater von Driss und seine Gefolgsleute. Sie fordern nun, dass David mit ihnen in die Berge kommt und an der Beerdigung seines „einzigen Sohnes“ teilnimmt, ihm die letzte Ehre erweist. Nach einigem hin und her entschließt sich David, mitzukommen. Mit seiner Frau Jo läuft es nicht besonders. Dennoch ist Jo entsetzt über die Entwicklung. Doch David fährt mit dem alten Berber mit. Im Gepäck hat er sein ganzes Geld, das er dem alten Berber übergeben will, um ihn so zu besänftigen. Letztlich weiß David nicht, ob er den Trip überleben wird.
Während seiner Abwesenheit beginnt Jo ein kurzes Verhältnis mit dem Investor Day, einem amerikanischen Filou, der Jo mehr oder weniger verführt. In der Nacht, wo die beiden miteinander schlafen, kommt auch David wieder zurück. Er ist ein Anderer geworden. Dort in den Bergen hat er erstens nichts getrunken und er bekam großen Respekt vor diesen so ganz anders und so archaisch lebenden Menschen.
Schließlich reisen David und Jo wieder ab. Alles scheint in Ordnung gekommen zu sein. Sogar David und Jo kamen sich wieder näher. Auf dem Rückweg jedoch steht wieder ein Mann auf der Straße und winkt. Diesmal hält David an. Er hat dazu gelernt. Er steigt aus. Doch es ist Ismail, der Freund von Driss, der David beobachtet hatte, als dieser Driss überfuhr. Und Ismail rächt sich.

Der überaus spannende Roman erzählt dabei ohne zu werten die extreme kulturelle Kluft. Die Ereignisse in Nordafrika werden hier zum Sinnbild der Dissonanz zwischen Orient und Okzident.
Johann Wolfgang von Goethe dichtete im west-östlichen Diwan, seiner wunderbaren Geschichte von Hafis:  Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.
Dagegen sagte der Autor des Dschungelbuchs Rudyard Kipling:  Ost ist Ost, West ist West, sie werden nie zueinander kommen.

Kultur – so heißt es - ist als Ergebnis eines Aushandlungsprozesses zu verstehen. Jede Bestimmung von Kultur enthält damit vor allem das Verhältnis zu „anderen“ Kulturen. Das Eigene und das Fremde versteht man der Lehre nach als dialektische und komplementäre Begriffe, mit deren Kategorisierung ein komplexes Beziehungsgeflecht einhergeht. Der oder das Fremde kann nur in Abgrenzung zum Eigenen bestimmt werden und umgekehrt. Dabei ist die Abgrenzung als fließend und dynamisch, also einem ständigem Wandel unterliegend, zu betrachten. Folglich kann keine allgemeine Gültigkeit für eine bestimmte Sichtweise des Eigenen und des Fremden beansprucht werden. Also auch keine Leitkultur kann entwickelt werden. Sowohl das Fremde als auch das Eigene können sinnvoll nur unter Einbeziehung ihrer wechselseitigen Abhängigkeit betrachtet werden. Und so kann man den Roman auch in dieser Hinsicht lesen. Es ist nicht als Clash of Civilazation zu verstehen, wie das 1996 erschienene und umstrittene Buch von Samuel Huntington es nahelegt. Dort führt Huntington aus, dass die Überlegenheit des Westens vor allem auf seiner organisierten Gewalt beruht und nicht auf seiner überlegenen Ideologie. Was David in den Bergen bei dem alten Berber erlebt, das scheint dies erst einmal zu bestätigen. Er sieht, wie diese Menschen heute noch leben und bewundert diese auch für deren Überlebenswillen. Dies ist aber ein sozialdarwinistisches Argument und David behält auch nicht recht. Denn sowohl Driss als auch Ismail wollen nichts anderes, als ein Teil des wohlhabenden Westens zu werden. Aber sie bringen eben ihre eigene Geschichte mit. Die Geduld des Autors Osborne, mit der er den Roman entwickelt, ist der eigentliche Held der Geschichte. Denn die Heterogenität der Figuren kumuliert in dem Chefdiener Hamid, der alle Versionen im Blick hat. Er schleicht herum, beobachtet und kennt alle Seiten. Hamid ist eine Art Hybrid. Das Hauptdilemma der kulturellen Dramatik liegt darin, dass es unter vielen westlichen Politikern auch viele Idioten gibt. Dies zeigt sich in der Leitkulturdebatte in Deutschland sehr eindrücklich. Was soll denn das sein? In Bayern hieße die Leitkultur am Ende: Nuscheln, grantig sein, Schweinshaxen essen und Bier trinken. Es geht nicht um einen Clash. Es geht um die Frage der Teilhabe. Die Überlegenheit der westlichen Kulturen (so es das überhaupt gibt), zeigt sich nicht in der organisierten Gewalt, im Gegenteil diese verhindert die Überlegenheit, sondern sie zeigt sich in der Fähigkeit Partizipation zu organisieren.

 

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Mrs Dalloway

Von Virginia Woolf

Deutsch von Walter Boehlich

Original erschien 1925 in The Hogarth Press

 

Virginia Woolf veröffentlichte ihren vierten Roman (1915 erschien Die Fahrt hinaus, 1919 Nacht und Tag, 1922 Jacobs Zimmer) in ihrem eigenen Verlag (der heute noch existiert und in dem das Original von „Denen man vergibt“ von Osborne erschien), den sie mit ihrem Mann Leonard Woolf führte, und in dem Autoren wie Katherine Mansfield oder auch der berühmte Ökonom John Maynard Keynes veröffentlichten. Und die zuletzt genannten waren auch mit dem Ehepaar Woolf Mitglieder der Bloomsbury Group. 1909 lernte Virginia Woolf Lady Ottoline Morrell kennen, die dann vor allem in Oxford ihr Anwesen Garsington Manor zu einem Ausbildungszentrum der jungen Intellektuellen um die Bloomsbury Group machte (unter anderem Aldous Huxley, D.H. Lawrence, Bertram Russell).

Vermutlich ist Clarissa Dalloway in einigen Zügen Lady Ottoline Morrell nachgebildet. Woolf nannte den Roman selbst „Garsington novel“. Lady Morrell ist Zentrum einiger Romane, unter anderem von Aldous Huxley „Narrenreigen“, der 1923, also zwei Jahre vor Mrs Dalloway, erschienen war. Huxleys Roman spielt auf Garsington Manor und handelt von einem schüchternen Helden (Theodor Gumbril), der aufpumpbare Hosen erfunden hat und in den dortigen Künstlerkreisen lebt.

In Virginia Woolfs Roman heißt die Hauptfigur Clarissa. Sie ist die Frau des Unterhaus-Abgeordneten Richard Dalloway und an diesem Junimittwoch im Jahr 1923 gibt sie eine Abendgesellschaft. 19 Jahre nach dem berühmten Roman von Joyce, dem 16. Juni 1904, dem so genannten Bloomsday (nach der Hauptfigur der Ulysses Leonard Bloom benannt), der nur ein Jahr zuvor 1922 erschienen war, lieferte Woolf die femokratische Seite des Bewusstseinsstroms.

Der experimentelle Roman beginnt in den Morgenstunden. Clarissa beschließt, die Blumen selbst kaufen zu gehen und wird in der Stadt wohl Zeugin eines Autounfalls, ein Flugzeug schreibt Toffee in die Luft und nebenbei trifft sie einige der späteren Gäste, unter anderem Hugh Whitbread, den Freund ihres Mannes Richard. Sie macht sich Gedanken über ihre weit zurückliegende Entscheidung, Richard zu heiraten und nicht Peter Walsh. Denn Peter Walsh ist in der Stadt und besucht sie. Er war in Indien und hat sich dort in eine junge verheiratete Frau verliebt. Er wird später genauso auf der Abendgesellschaft sein, wie ihre Freundin Sally Seton, die inzwischen als Lady Rosseter verheiratet ist und Mutter von fünf Jungs. Diese drei waren Jugendfreunde, und nun treffen sie sich auf der Abendgesellschaft wieder. Doch Clarissa ist die Gastgeberin und sie muss sich um alle Gäste kümmern und daher hat sie nie Zeit für Sally und Peter.
Clarissa hat auch eine Tochter, Elizabeth. Doch diese Tochter wird ihr von der Geschichtslehrerin Miss Kilman entfremdet. Miss Kilman ist eine bigotte, religiöse Frau. Sie fühlt sich hässlich und ihre einzige Leidenschaft ist der Kuchen, wodurch sie auch noch sehr dick wird. Elizabeth scheint sie zu mögen, doch als die beiden beim Einkaufen sind, wird ihr das sentimentale Selbstmitleid von Miss Kilman doch zu viel und sie lässt sie einfach stehen. Miss Kilman ist nicht auf der Party, aber Miss Henderson, die ihr alles erzählen wird. Daher bleibt Miss Henderson auch bis zum Schluss.

Clarissa Dalloway ist nicht das alleinige Zentrum des Romans. Die andere Figur ist Septimus  Warren Smith und seine italienische Frau Reza. Septimus war im 1. Weltkrieg und hat dabei einen Freund (Evan) verloren. Er leidet unter den Folgen des Krieges an einem – so würde man das heute nennen – posttraumatischem Belastungssyndrom (PTBS). Er wird von einem Dr. Holmes behandelt, aber es bessert sich nichts. So gehen sie zu einem Arzt der Reichen Leute, zu Sir William Bradshaw. Dieser befiehlt, Septimus in seine Pflegeanstalt zu bringen und ihn von seiner Frau Reza zu trennen, da die eigene Frau nicht gut sei für ihn. Beim Versuch, ihn abzuholen, springt Septimus aus dem Fenster. Dieser Bradshaw wird später auf Clarissas Abendgesellschaft erscheinen und sich mit Richard über diesen Vorfall unterhalten.  Sir William Bradshaw hat viel Sinn für die Proportionen. Und sein Credo sind dann auch die Proportionen. Das ist mehr als eine Andeutung, dass dieser Sir William Bradshaw ein Faschist ist und der Lehre der Phrenologie anhängt, die bereits im 19. Jahrhundert kaum noch von Bedeutung war, aber von den Nationalsozialisten wieder entdeckt wurde und gerade unter Psychiatern sehr verbreitet war. Clarissa wird dann zu sich sagen: Das Leben ist unerträglich geworden; sie machten das Leben unerträglich, Männer wie er? I fit were now to die, ‚twere now tob e most happy. Und Septimus nennt sie die „Menschennatur“, die ihn in Gestalt von Holmes und Bradshaw jagen.
Noch vor Mittag (11.30h / Big Bens Läuten begleitet uns zeitlich durch den Text) begegnet auch Peter Walsh (der ebenfalls einen breiteren Rahmen in dem Roman einnimmt) im St. James Park dem Paar Septimus und Reza. Er kennt sie natürlich nicht und geht an ihnen vorbei und macht sich seine Gedanken. An solchen Stellen erweist sich Woolfs Meisterschaft, im Wechsel der Perspektiven durch Überblendung. Noch vor der medialen Dominanz der bewegten Bilder arbeitet Woolf geradezu filmisch, indem sie beim Perspektive-Wechsel die Protagonisten zeitgleich eine Szene beobachten lässt und so überleiten kann.

Virginia Woolf gelingt es, den Leser mehr und mehr hineinzuziehen die Welt der Menschen, deren Gedankengängen sie folgt.

Gleichzeitig entstehen dabei wunderschöne Sätze.

Virginia Woolf war die Tochter eines Historikers und Schriftstellers. Sie litt selbst unter einer psychischen Erkrankung, die man heute als eine bipolare Psychose bezeichnet. Diese ist gekennzeichnet durch abwechselnde Stimmungen, mal mit erhöhtem Antrieb (Manie), dann wieder depressiver Verstimmung. Manche Patienten können sogar die Uhr danach stellen, wenn eine der Phasen auftritt. Lange Zeit herrschte in der psychoanalytischen Szene die Vermutung, dass sie und ihre Schwester Vanessa von ihren Halbbrüdern George und Gerald Duckworth sexuell missbraucht worden seien. Endgültig bewiesen werden konnte dies nicht.

Verkleidet als abessinische Fürsten erschlichen sich Virginia und ihr Bruder Stephen und zwei weiteren Bloomsberry-Mitglieder den Zutritt zu dem Kriegsschiff Dreadnought. Dieser „Dreadnought-Streich“ wurde sehr berühmt und führte zu einer Anfrage im Oberhaus. Es war eine Blamage für das Empire.

Virginia Woolf hat sich am 28. März 1941 im Alter von 49 Jahren im Fluss Ouse bei Rodmell ertränkt, als sie einen weiteren Krankheitsschub erlitt und fürchtete „erneut verrückt“ zu werden.

Virginia Woolf zählt neben Joseph Conrad, James Joyce und D. H. Lawrence zu den wichtigsten Autoren der modernen englischen Erzählliteratur, in dem vor allem der Stream of consciousness (Bewusstseinsstrom) eine wichtige Methode des Erzählens wurde. In Deutschland pflegte unter anderem Alfred Döblin (Berlin Alexanderplatz) diese Erzähltechnik.

 

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Die Hauptstadt

Von Robert Menasse

Erschienen 2017 im Verlag Suhrkamp

 

Es soll also auf den Namen der Stadt kein besonderer Wert gelegt werden. Wie alle großen Städte bestand sie aus Unregelmäßigkeit, Wechsel, Vorgleiten, Nichtschritthalten, Zusammenstößen von Dingen und Angelegenheiten, bodenlosen Punkten der Stille dazwischen, aus Bahnen und Ungebahntem, aus einem großen rhythmischen Schlag und der ewigen Verstimmung und Verschiebung aller Rhythmen gegeneinander, und glich im ganzen einer kochenden Blase, die in einem Gefäß ruht, das aus dem dauerhaften Stoff von Häusern, Gesetzen, Verordnungen und geschichtlichen Überlieferungen besteht.

So beschrieb Robert Musil, der Namensvetter von Robert Menasse vor beinahe 100 Jahren die Stadt Wien, die im Zentrum der Parallelaktion stand. Dort sollte eine „glanzvolle Lebenskundgebung Österreichs für die ganze Welt ein Markstein sein“. Gefeiert werden sollte das 70jährige Thronjubiläum vom Friedenskaiser Franz Joseph für das Jahr 1918. Menasse blickt ironisch auf diesen Jahrhundertroman zurück. Man könnte daher die Verleihung des deutschen Buchpreises an Menasse auch als Ironie bezeichnen, wäre Menasse nicht tatsächlich ein wunderbarer und sehr lesbarer Roman geglückt. Auch Menasses auktorialer Erzähler bricht ironisch mit der Kohärenz. „Die Welt ist Konfetti, aber durch ihn (den Algorithmus) erleben wir sie als Mosaik.“ Der Algorithmus ist der Erzähler, oder das Narrativ. Und Menasse wird ja nicht müde, uns klar zu machen, dass das Narrativ der Nationalstaaten (https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/25-schon-blod/deutschland - bh) weitestgehend zu historischen Verbrechen beigetragen haben.

Das Big Jubilee Project (aus einer Feier wird ein Projekt) zur Gründung der EU scheitert am Europäischen Rat der Nationen. Die Beamten der Kommission schildert Menasse als überforderte Europäer. Das Grundproblem der EU ist, dass ihre Repräsentanten die Ideen der Grundverträge vergessen - oder nie verstanden - haben. Das führt uns in eine paradoxe Situation: Wir müssen so ein wertvolles Projekt verteidigen vor denen, die es vertreten. Und das führt zur Frage der Geschichtlichkeit. Es bringt uns nämlich zurück zur Dialektik der Aufklärung, die uns Freiheit und Gleichheit auf der einen Seite und Nationalismus auf der anderen beschert hat. Denn die Idee von den Nationalstaaten hat zu den größten Verbrechen auf diesem Kontinent geführt. So schildert es Menasse im Interview mit dem Tagesspiegel.
Der Roman ist damit eine fiktionale Fortsetzung seines Essays „Der europäische Landbote“. Ausgerechnet Schweine sind das erzählerische Bindeglied. Beim Versuch, diesem in der Stadt Brüssel umherirrendem Schwein einen Namen zu geben, endet man zum Schluss bei einer Diskriminierung. Während der letzte Überlebende von Ausschwitz bei einem islamistischen Attentat an der U-bahn-Station Maalbeek (am 22. März 2016 starben 32 Menschen) ums Leben kommt, endet der Epilog des Romans damit, dass die Namensgebung des Schweins (es solle Mohamed heißen), einfach dem historischen Vergessen überantwortet wird. Es wird Gras über die Sache wachsen. Und das ist das Tragische an der Komödie. Denn der „dauerhafte Stoff der geschichtlichen Überlieferungen“ von denen Musil noch überzeugt ist, wird von zweckrationalen Handlungsmustern zum geschichtslosen Nomen.
Der „Pageturner“ – wie es in einer Rezension der ZEIT heißt – ist locker und spannend geschrieben. Menasse fordert den Leser sprachlich nicht heraus. Im Gegensatz zu seinem großen Namensvetter ist „Die Hauptstadt“ kein sprachliches Jubilee, dafür aber durchaus ein dramaturgisches Jubilee. In Form eines Episodenromans verzahnt Menasse die unterschiedlichen Protagonisten und bringt sie uns sehr nahe. Alle erleben ihre Verwandlung, von Florian Susman, dem Schweinegroßbauer und EPP-Vorsitzenden, der in eine Flüchtlingswelle gerät und durch den Unfall einen Sinneswandel erlebt, oder der Kulturchefin Fenia Xenopoulou, deren Karriere plötzlich von ihrer Entscheidung abhängt, einen zypriotischen oder griechischen Pass zu haben, von Prof. Erhart, der zum tragischen Helden, zum Narren wird, weil er etwas wagt. Großartig auch die Darstellung von David de Vriend, der wie kein anderer durch seine beginnende Demenz zum Menetekel wird.
Ähnlich wie in Musils Figurenkabinett galt es, eine Gratwanderung zu bestehen. Einerseits durften sie nicht als bloße Sprachrohre blutleer wirken; andererseits sollte ihre jeweilige Funktion als zeittypische Erscheinung nicht durch ein besonders ausgeprägtes individuelles Profil überdeckt werden. Diese Gratwanderung ist Menasse gut geglückt. Natürlich reicht Menasse nicht an das Theoriefeuerwerk Musils heran. Immerhin ist das auch eine Frage des Platzes. Musils Band I hat über 1000 Seiten. Und Band II auch, dabei ist er nicht mal fertig geworden.
Wenn ein bedeutender Mann eine Idee in die Welt setzt, so wird sie sogleich von einem Verteilungsvorgang ergriffen, der aus Zuneigung und Abneigung besteht; zunächst reißen die Bewunderer große Fetzen daraus, so wie sie ihnen passen und verzerren ihren Meister wie die Füchse das Aas, dann vernichten die Gegner die schwachen Stellen, und über kurz bleibt von keiner Leistung mehr übrig als ein Aphorismenvorrat, aus dem sich Freund und Feind, wie es ihnen paßt, bedienen.“ So erläutert es Ulrich dem Militärvertreter Stumm von Bordwehr im Original. In der ironischen Kopie von Menasse versucht sich Prof. Erhart in einer Erklärung der Typen des Think Tanks zu dem er eingeladen worden war, an deren Pragmatismus und Angepasstheit er aber mit seiner Idee scheitert. Als er später in seinen Laptop „Die Eitlen“ schreiben will, korrigiert ihn das Programm zu „Die Eliten“, und Erhart klappt seinen Laptop resignierend zu. Von einem ähnlichen Verteilungsvorgang (wie Musils Ulrich es beschreibt), wird letztlich auch das Big Jubilee Project erfasst. Treffend in den Stellungnahmen der einzelnen Nationen von Menasse dargelegt. Der eigene nationale Tellerrand oder der eigene ökonomische Vorteil (Florian Susman und seine Schweineohren) verhindern letztlich ein Friedensprojekt.

Und das darzustellen auf der Ebene eines eingängigen Romans mit zugänglichen Protagonisten, das ist Menasse zweifelsfrei geglückt. Der Link zu Musil ist da, aber Musil spielt dennoch in seiner eigenen Liga. Bei aller Sympathie für den Roman von Menasse, hat es für mich auch etwas Trauriges, Wehmütiges, dass dieser Link hier geschaffen wurde. Es ist ein Vergleich zwischen Paul Arnheim und Prof. Erhart. Die Größe und Brillanz eines Arnheim und eines Kakanien – das ist nicht zu vergleichen mit Prof. Erharts traurigem dissidentem Narrentum und einem Europa, das gerade ebenso verschwindet, wie K.U.K. . Europa hätte noch größer sein können. Vielleicht müsste man wirklich über eine Monarchie nachdenken. Ein Freund von mir ist ein begeisterter Anhänger der konstitutionellen Monarchie. Wenn er davon redet, wirkt er ähnlich traurig und selbstvergessen, wie Prof. Erhart. Ist es also ein Abgesang von Europa, den Menasse (der Europa-Verteidiger) unfreiwillig schrieb? Das zumindest unterstellt ihm der ZEIT-Rezensent Andreas Isenschmid, der den Roman mit dem ernsten Pathos des Essays „Der europäische Landbote“ verglich und daraus schloss, dass: „Wer sich, von Menasse dergestalt belehrt dem Roman zuwendet, ist doch einigermaßen verblüfft. Zwar sind die Essays und der Roman durch manche programmatische Stellen und auch durch wörtlich übernommene Passagen verbunden. Aber so richtig zusammen passen sie nicht. In den Essays sah man glühenden Ernst, im Roman ist der Ton komödiantisch.

Ist Europa also eine Tragikomödie? Tragikomisch bezeichnet ein Geschehen, das in seiner ganzen Entwicklung einen tragischen, d. h. unglücklichen Ausgang erwarten ließ, aber überraschend ein gutes, d. h. glückliches Ende nimmt, das zugleich in seiner Art und Weise komisch wirkt. Das wollen wir alle hoffen.

 

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Das Orakel vom Berge
Original: The man in the Highcastle

Von Philip K. Dick

Aus dem Amerikanischen von Norbert Stöbe

 

Wenn in einem Roman über eine Parallelwelt ein Roman beschrieben wird, der die wirkliche Welt beschreibt, dann ist die wirkliche Welt im Roman eine Parallelwelt. Ergo ist die Parallelwelt des Romans in Wirklichkeit die wirkliche Welt. Wirklichkeit ist das, was übrig bleibt, wenn man aufgehört hat, daran zu glauben antwortete Philip K. Dick einmal einer Studentin, die von dem berühmten Autor wissen wollte, wie er die Wirklichkeit definieren würde. So ist der Inhalt des Romans reine Fiktion. Aber der Roman selbst ist faktual. Hier ist er. Wir halten ihn in unserer Hand. Damit spielt Dick, indem er mit Hawthorne Abendsen einen fiktiven Schriftsteller beschreibt, der die Plage der Heuschrecke geschrieben hat, indem die Achsenmächte den 2. Weltkrieg verloren haben.  In der Wirklichkeit der Fiktion Dicks jedoch teilen sich Deutschland und Japan die USA auf. Die Westküste ist von den Japanern besetzt und wird als PSA bezeichnet. Die Ostküste heißt weiter USA, wird aber von den Deutschen besetzt. Die Rocky Mountains bilden eine Pufferzone zwischen den beiden Weltmächten Deutschland und Japan. In Deutschland regiert Martin Bormann, doch ist er sehr krank und stirbt im Laufe des Romans. Danach tritt Dr. Goebbels die Nachfolge an. Aber er wird sich nicht halten können. Heydrich steht schon in den Startlöchern und intrigiert. Der Agent Wegener reist inkognito in den von Japan besetzten Teil Amerikas (PSA) um sich dort mit General Yatabe zu treffen. Deutschland plant einen atomaren Erstschlag, der alles Leben auslöschen könnte.  Wegener will die Japaner warnen.
Juliana Frink reist gleichzeitig zu dem berühmten Schriftsteller Abendsen, dessen Buch in den deutschen Zonen verboten ist und in den japanischen Zonen berühmt. Die SD plant, Abendsen zu ermorden. Juliana will ihn warnen. Während der Reise liest sie sein Buch zu Ende. Es stellt sich heraus, dass Abendsen das Buch nur mit Hilfe des Orakels schreiben konnte. Das Buch der Wandlung (I Ging) ist der älteste bekannte chinesische Text, dessen Entstehung bis auf 3.000 Jahre vor Christi Geburt zurück geht. Mit Hilfe von sechs Strichzeichen können 64 verschiedene Sprüche gelegt werden.  Ein Hexagramm zeichnet sich dadurch aus, dass es ein junges Yin und ein altes Yin sowie ein junges Yang und ein altes Yang gibt. So bekommt das jeweilige Hexagramm eine doppelte Bedeutung. Es entsteht eine Form der Synchronizität.  Eine Eigenschaft, die schon C. G. Jung faszinierte, da der Wirklichkeitsbezug des I Ging nicht auf Kausalzusammenhängen beruht, wie in unserer Wissenswelt, sondern auf einem inneren Ereignis (eine lebhafte, aufrührende Idee, einen Traum, eine Vision oder Emotion) und einem äußeren, physischen Ereignis, welches eine (körperlich) manifestierte Spiegelung des inneren (seelischen) Zustandes bzw. dessen Entsprechung darstellt. Um das Doppelereignis tatsächlich als Synchronizität definieren zu können, ist es unerlässlich, dass das innere chronologisch vor oder aber genau gleichzeitig („synchron“) mit dem äußeren Ereignis geschehen ist. Andernfalls könnte angenommen werden, dass das innere Phänomen auf das äußerlich wahrgenommene vorherige Ereignis reagiert (womit wieder eine quasi kausale Erklärung möglich wäre).  Für Dick war es immer schon so, dass Zeit und Raum auf Synchronizität beruhen. Und die moderne Teilchenphysik zeigt auf, dass alles im Universum auf Symmetrien beruht, aber das Universum nicht existieren würde, wenn die Symmetrien perfekt wären, was auf eine ursprüngliche Störung im Schöpfungsprozess hinweist. Beim Urknall kam es zu diesen besonderen Wellen, die dazu führten, dass die Teilchen verschiedene Massen bekamen. Sie sind nun nicht mehr symmetrisch auf perfekte Weise. Sie haben aber immer noch ihre Supersymmetrien. SUSY genannt. Dem Elektron ist ein Selektron beigesellt. Jedes Teilchen wird noch von einem anderen Teilchen transformiert. Dabei bleiben sie sich gleich. Jeder Impuls, der mein Gehirn erreicht, ist immer gleich, er ist invariant und er wird gleichzeitig von einem Superimpuls begleitet, der ebenfalls invariant ist.
Mr. Tagomi kann einmal mit der Hilfe eines von Frank Frink hergestellten Schmuckstücks, das Wu besitzt, die Welten wechseln. Wu ist das Nichts, die Leere des Geistes.  Wir wissen heute aus der „Viele-Welten-Theorie“  von Hugh Everett III., dass es in der Quantenmechanik  überlagerte und verschränkte Zustände gibt. Auch bekannt als Schrödingers Katze. In der Science Fiction Literatur ist dies inzwischen ein beliebter Topos. Dick war wohl der erste, der diese Ideen aufgriff und zu seinen erzählerischen Grundlagen machte. Auch in Total Recall nutzt Dick die Synchronizität aus. Was also ist die Wirklichkeit? Da der Zustand der Welt immer ein verarbeiteter Zustand ist, sei es durch die Sinne, durch den Verstand, durch die Technik, ist Wirklichkeit tatsächlich nur durch Wu erkennbar. Im Buddhismus strebt man die Leere des Geistes an. Man hört auf zu denken, taucht ein in das reine Sein. Die moderne positive Psychologie bezeichnet dies als Achtsamkeit  und hat so die Lehren des Buddhismus verwässert. Es ist diese intellektualisierende Ignoranz der westlichen Industrienationen, dass sie nicht einmal ihren eigenen Denkergebnissen folgen wollen (oder können).

Es geht also in Dicks Roman nicht darum, wie schrecklich es wäre, wenn die Nazis den Krieg gewonnen hätten. Es geht darum, wie schrecklich es ist, dass es überhaupt möglich ist, denkbar ist. Die totale Vernichtung allen Lebens ist möglich. Die Operation Löwenzahn in einer Parallelwelt würde aufgrund der Synchronizität auch unsere Welt bedrohen. Da es zwischen einem konstanten Zusammenhang und einem inkonstanten Zusammenhang eine Kontinuität gibt (sonst wäre keinerlei Veränderung möglich), finden parallele Ereignisse auf einer symmetrischen Achse statt. Das Prinzip der Synchronizität veranschaulicht Jung in einer Quaternio, einem Kreuz aus zwei sich jeweils polar ergänzenden Begriffspaaren, die sich diametral ergänzen und somit ähnlich aufzufassen sind wie etwa das Begriffspaar Welle/Teilchen beim Übergang von der klassischen Physik zur Quantentheorie.
An vielen Textstellen in Dicks Roman wird darauf verwiesen. So Frinks Verhaftung und Entlassung, oder Mr. Tagomi, dessen historischer Armee-Colt von Childan nicht zurückgenommen wird und kurz darauf sein Leben rettet. Dies ist nur vordergründig serial, denn der Sinnzusammenhang wird ja von den Protagonisten jeweils zuvor hergestellt. Dadurch wird es synchron. Die Ereignisse sind auch nur scheinbar chaotisch, denn im Chaos sind immer Muster erkennbar und daraus formt der Sinn eben viele Welten. Daher gibt es die Welt nicht, wie der deutsche Philosoph in seinem gleichnamigen Buch es beschreibt. Es gibt nur viele Welten. Auch in Juba (Südsudan) finden gerade gleichzeitig während ich hier sitze und schreibe Ereignisse statt.

 

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