Literaturprojekt
Literaturprojekt

Frühjahr 2016

Rückblick

 

Im März fanden wir uns wieder auf einem geheimnisvollen Kloster. Fasziniert ließen wir uns von Mönchen entführen und teilten die tiefen Weisheiten eines buddhistisch-christlichen Amalgams. Danach erholten wir uns in Irland, wo das harte Leben mit kreativem Irrsinn gesüßt wurde. Im noch kühlen Mai haben wir dann einmal ganz anders gelesen, nämlich so wie es Frauen machen. Dabei folgten wir nicht immer den literarischen Analysen. Den menschlichen Tiefen folgten wir jedoch bei Henry James mit großem Vergnügen. Unser Leben macht nun wieder Sinn. So mit Sinn aufgeladen folgten wir dem Leben einer bemerkenswerten Frau aus dem 18. Jahrhundert, als in Deutschland noch gesächselt wurde. Nur um zum Ende in Venedig zu landen und mit einem unsympathischen Unternehmer der Werbebranche in den Tod zu spazieren. Doch  auch, wenn das folgende Semester im Herbst beginnt, es kommt bald wieder ein Frühling….

Bernhard Horwatitsch

 

Chronik:

15. März 2016 Der verlorene Horizont von James Hilton

12. April 2016 Das harte Leben von Flann O‘Brian

17. Mai 2016 Frauen lesen anders von Ruth Klüger

14. Juni 2016 Washington Square von Henry James

12. Juli 2016 Idylle mit Professor von Renate Feyl

09. August 2016 Mistlers Abschied von Louis Begley

 

 

 

Der verlorene Horizont
von James Hilton
erschienen im englischen Original 1933
aus dem Englischen übersetzt von Herberth E. Herlitschka

Piper Taschenbuchausgabe 2003

James Hilton erzählt in diesem wunderschönen Roman die Geschichte eines geheimnisvollen Klosters irgendwo im Himalaya. Die Erzählung beginnt mit einem Prolog. Alte Schulfreunde treffen sich und durch Zufall kommen sie auf einen alten Schulkameraden zu sprechen, der als verschollen galt und dann in einem chinesischen Krankenhaus wieder auftauchte.

Der Schriftsteller Rutherford gibt dem namenlosen Ich-Erzähler schließlich ein Manuskript mit, das er geschrieben hat. Denn ihr alter Schulkamerad Conway habe ihm das erzählt. Auf seiner Zugfahrt nach Indien liest der Ich-Erzähler das Manuskript. In elf Kapitel wird nun von dem Schriftsteller Rutherford erzählt, was diesem von Conway erzählt wurde.

Die britischen Diplomaten Conway und Mallinson, sowie eine christliche Missionarin und ein Amerikaner mit Namen Barnard sollen in einem Flugzeug aus dem fiktiven Baskul irgendwo in der nordwestlichen Grenzprovinz von Pakistan evakuiert werden. Doch während des Fluges stellen sie allmählich fest, dass mit dem Piloten etwas nicht stimmt, und schließlich erkennen sie, dass ihr Ziel nicht Indien ist, wie gedacht, sondern ein unbekanntes Ziel. Sie wurden entführt.  Die Reisegruppe muss schließlich notlanden. Der Pilot verstirbt bei dieser Landung. Mitten im Nichts, umrahmt vom Schatten riesiger Gebirge, ist die Reisegruppe sehr verzweifelt. Die letzten Worte des Piloten sprachen aber von einem Kloster in der Nähe. Als die Reisegruppe aufbrechen will, um das Kloster zu suchen, kommt ihnen bereits ein Trupp Menschen entgegen. Der Führer dieser Gruppe, Tschang, entpuppt sich als höflicher und perfekt englisch sprechender Chinese, der von den Tibetern in einer Sänfte getragen wird. Die Gruppe wird nun in das Kloster gebracht.

Später entpuppt sich die Entführung als lange geplant. Der Pilot war ein tibetischer Mönch, der sich extra hatte ausbilden lassen, um wieder frisches Blut in das Kloster zu bringen. Die Gruppe muss in diesem Kloster verbleiben. Der belesene und höchst sprachbegabte Conway wird als Einziger der Reisegruppe zu einem Gespräch mit dem höchsten Lama des Klosters vorgelassen. Er soll nun in Erfahrung bringen, wie lange man im Kloster festgehalten wird. Vor allem der junge Mallinson ist sehr aufgeregt und möchte so schnell wie möglich wieder weg. Conway hingegen fühlt sich in dem Kloster zunehmend wohler. Er genießt die große Bibliothek und die angenehme Luft dort. Außerdem hat er sich ein wenig in Lo Tsen, ein junges chinesisches Mädchen das auf dem Kloster lebt, verliebt. Doch als Conway vorgelassen wird zum Lama, erfährt er etwas ganz anderes! Der höchste Lama ist ein Luxemburger christlicher Missionar namens Perrault, der vor fast 200 Jahren dort dieses Kloster gründete – eine Mischung aus christlicher und buddhistischer Ethik. Die Regel lautet: in allem mäßig. Nicht zu ehrgeizig, aber auch nicht zu träge. Es ähnelt ein wenig der Mesotes-Regel des Aristoteles (die Idee der Mitte als Tugendbegriff) die in dem Kloster vorherrscht. Perrault ist uralt. Auf dem Kloster hat man das Geheimnis entdeckt, wie man das Alter hinauszögern kann. Aber unsterblich – wie sich erweisen  wird – sind sie dort nicht. Weiter erfährt Conway von dem Lama Perrault, dass die Reisegruppe wohl nicht mehr vom Kloster weg darf bzw. kann. Doch soll Conway vorerst sein Wissen geheim halten. Er erfährt auch, dass Lo Tsen nicht jung ist, sondern vor vielen Jahren in das Kloster kam als Prinzessin. Und wer als alter Mensch das Kloster verlässt, wird unweigerlich sterben, weil der verzögerte Alterungsprozess nur im Klima des Klosters funktioniert.

Im Laufe der Zeit gewöhnt sich die Gruppe mehr und mehr an das Klosterleben und beginnt, es zu genießen. Das Kloster ist modern eingerichtet und wird bestens mit Nahrung versorgt. Es fehlt ihnen an nichts. Der Amerikaner Barnard entpuppt sich dann als gesuchter Bankrotteur. Es ist dann auch kaum verwunderlich, dass er von sich aus beschließt, im Kloster zu bleiben, zumal er im Tal unten eine Goldader entdeckte, die er ausbeuten kann. Die christliche Missionarin Miss Brinklow beschließt ebenfalls zu bleiben. Sie möchte die schlaffen Sitten in dem Kloster ändern und die Tibeter christlich bekehren. Conway war ja von Beginn an geneigt, hier zu bleiben. Auch seine eigene Leidenschaftslosigkeit und Trägheit fügen sich gut in das Klosterleben. Nur der junge Mallinson will nicht bleiben. Als sich auch Mallinson in die Chinesin Lo Tsen verliebt, beschließt er, mit der vermeintlich jungen Frau zu fliehen. Aber er will, dass Conway mitkommt. Im letzten Kapitel gibt es zwischen dem jungen Mallinson und Conway ein Streitgespräch. Mallinson will das Kloster unbedingt verlassen und Conway möchte bleiben. Um Mallinson zu überzeugen, erzählt Conway das Geheimnis, das ihm der Hohe Lama Perrault anvertraut habe, dass nämlich das Kloster im Besitz eines geheimen Mittels wäre, das Altern aufzuhalten. Und er erzählt ihm das Geheimnis von der jungen Chinesin Lo Tsen, die in Wahrheit sehr alt ist und sterben würde, wenn sie das Kloster verließe. Mallinson lacht hysterisch auf und bezeichnet die Geschichte von Conway als „Stuss“. Da Conway Lo Tsen nicht verlieren möchte, entschließt er sich gegen sein wahres Bedürfnis zu bleiben und folgt Mallinson. Es gelingt ihnen die Flucht. Dort endet das Manuskript.

Im Epilog trifft der Icherzähler den Schriftsteller Rutherford wieder, und übergibt ihm das Manuskript. Sie unterhalten sich über den Inhalt und fragen sich, ob das wirklich wahr sein könnte. Rutherford erzählt dann, dass er nachgeforscht habe. Doch er konnte dieses geheimnisvolle Shangri La nicht finden. Einige Indizien, wie zum Beispiel die Erwähnung eines deutschen Mönchs namens Meister, der als verschollen gilt und von dem Conway erzählt, er habe ihn im Kloster getroffen, machten ihn durchaus stutzig. Auch sei der kranke Conway nach seiner Flucht von einer sehr alten Chinesin im Krankenhaus eingeliefert worden. Nach seiner Gesundung habe sich Conway wieder auf den Weg gemacht, um das Kloster wieder zu finden. Rutherford und der Ich-Erzähler fragen sich zum Schluss, ob Conway das Kloster im „Tal des blauen Mondes“ wiederfinden wird.

Der Roman erschien im Jahr 1933 und erregte viel Aufsehen. Schon vier Jahre später wurde er von Frank Capra verfilmt. Noch heute sucht so mancher Träumer nach diesem paradiesischen Ort im Nirgendwo. Shangri La basiert auf einer alten Legende über das mystische Königreich Shambala. Es ist das „reine Land“ der Buddhisten. Ein gewisser Nicolas Roehrich suchte schon Anfang des 20. Jahrhunderts. Und bei den Nationalsozialisten war es Heinrich Himmler, der dort „Übermenschen“  vermutete.

Der Roman wird insgesamt zum Genre der positiven Utopien gezählt, inspiriert von dem Roman „Utopia“ des Humanisten erster Stunde Thomas Morus. In dem Roman erwähnt Hilton auch diese Schrift von Thomas Moore, die in der großen Bibliothek von Shangri La steht. Aber er erwähnt auch den Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ von Remarque, der dort als „billige Taschenbuch-Ausgabe“ steht. Dieser Roman erschien nur wenige Jahre davor 1928.

Und so spricht einiges dafür, Hiltons vermeintliche Utopie als einen Antikriegsroman einzuordnen. Denn immer wieder wird in dem Roman darauf verwiesen, dass Hugh Conway im 1. Weltkrieg Schlimmes erlebt haben muss. Als er aus dem Krieg zurück kam, war er ganz verändert. Er sei „dort verschüttet“ worden, heißt es einmal. Und gegenüber dem höchsten Lama Perrault verrät Conway: „Ich weiß nicht, ob Sie die Menschen, die hierherkommen, klassifizieren. Aber wenn Sie es tun, dann können Sie mich mit ‚1914 – 1918‘, beschriften. …Ich habe die meisten meiner Leidenschaften und Energien während jener Jahre verbraucht, und obgleich ich nicht viel darüber rede, habe ich seither von der Welt vor allem eines verlangt – dass sie mich in Ruhe lässt.“

Und genau darum geht es in der Utopie von James Hilton. Es ist nur zufällig und wohl aus dramaturgischen Gründen ein Lama-Kloster weit weg in den Gebirgen des Himalayas. Vielmehr ist es die Sehnsucht und die Flucht vor der Welt. Die Geschichte ist so abstrus, dass man sie mit dem jungen Briten Mallinson als „Stuss“ bezeichnen könnte. Aber was nicht Stuss ist, das wird zwischen den Zeilen des Romans lesbar.
Christian Enzensberger hat einmal „unmissverständlich ausgesprochen, dass im Grunde nur die Anti-Utopien literarische Qualität besäßen“ (Realien zur Literatur, Band 127, Die literarische Utopie, Metzler). Mehrfach wird in diversen literaturwissenschaftlichen Abhandlungen auf die „geringe Potenz der Utopie“ hingewiesen. Dagegen habe die Dystopie weit mehr Feuer. Das mag wohl an der größeren dramatischen Potenz liegen, die sich im Unglück finden lässt. Schon Aristoteles war der Ansicht
, dass die stärkste Wirkung auf den Zuschauer die wäre, wenn statt eines erwarteten Glücks nun ein Unglück eintritt.

Der romantische Roman von James Hilton gilt nun allgemein als eine Utopie. 1933 verfasst, glauben noch heute so manche Leser, dass es irgendwo im Karakorum-Gebirge ein geheimnisvolles Kloster namens Shangri La gebe, wo steinalte Lama-Mönche leben, die im Besitz eines Lebenselixiers wären. Das ist natürlich Unsinn. Und wer den Roman aufmerksam liest, der kann das an vielen Stellen auch herauslesen.

Die für die utopische Poetik sprichwörtliche Dialektik des „draußen und drinnen“, also eine Poetik des Raumes (Gaston Bachelard, poetique de l’espace) bietet sich in James Hiltons Roman über ein geheimnisvolles Lama-Kloster in Tibet geradezu an. Vielfach fragen sich die großen Denker unserer Zeit auch, warum es keine Utopie mehr gäbe. Ganz einfach deshalb, weil die Dialektik des drinnen und draußen nicht mehr existiert. Die Globalität unserer Welt lässt es nicht mehr zu. Nordkorea ist der letzte Ort, der noch draußen ist. Und Nordkorea ist gewiss kein positives Utopia.  Die Welt ist global vernetzt, wie es immer heißt. So gibt es nur noch die Dystopie, eine Art Geschwür im Netz dieser globalen Welt.

So hat der Roman von James Hilton einige ganz andere Ebenen. Einmal die Hoffnung und die durchaus romantische Sehnsucht nach einem Ort fern aller Gräuel. Die Geschichte ist ja abstrus genug, um sie in einem Schützengraben zu erfinden, mitten im Stellungskrieg von Verdun. Und es ist neben der Antikriegsthematik ein utopischer Sehnsuchtsort erschaffen worden, ein Fluchtraum. Um „aus der Tretmühle herauszukommen und an einem Ort wie diesem zu sein. Nur dass sie nicht heraus können. Sind wir also im Gefängnis oder sind die es?“ So überlegt es Conway einmal gegenüber Mallinson. Ist dieser utopische Sehnsuchtsraum, umgeben von Sturm und abweisendem Gebirge also eine Art Fluchtraum oder eine Sackgasse? Aus dramaturgischen Gründen muss Conway fliehen, damit er die Geschichte dem Schriftsteller Rutherford überhaupt erzählen kann. Aber sowohl Mallinson als auch die schöne Chinesin tauchen nach der Flucht nicht mehr auf. Barnard und Miss Brinklow bleiben im Kloster und gelten für die Welt als verschollen. Verschollen, wie so mancher Soldat, der in den Schützengräben zerfetzt wurde.

Unsere Hoffnungen, unsere Sehnsüchte wurden auf ähnliche Weise zerfetzt. Eine positive Utopie kann es also nur noch außerhalb unseres Sonnensystems geben. Raum für eine Utopie findet sich nur noch in den unerforschten Weiten des Multiversums, also in der Science Fiction. Das ist ein Grund, warum die SF so allmählich wieder an Fahrt aufnimmt in der Literatur. Ein Ort wie Shangri La oder ein Mädchen wie Lo Tsen, gibt es nicht auf der Erde.

Denn „Lo Tsen schenkt keine Liebkosungen, außer solchen, die das verwundete Herz allein schon bei ihrer Anwesenheit empfindet. Wie sagt euer Shakespeare über Kleopatra? ‚Sie macht hungrig, je reichlicher sie schenkt.‘ zweifellos ein beliebter Frauentyp bei Völkern, die von Leidenschaft getrieben werden, aber eine solche Frau wäre in Shangri-La ganz und gar fehl am Platz. Lo-Tsen, wenn ich das Zitat verbessern darf, stillt den Hunger, wo sie am wenigsten sättigt. Es ist eine köstlichere und eine fortdauernde Leistung.“ So doziert es Tschang einmal gegenüber Conway. Und tatsächlich: „Als er aber das nächste Mal mit der kleinen Mandschu allein war, fühlte er, dass Tschangs Bemerkungen sehr scharfsinnig gewesen waren. Es umgab sie ein Hauch, der sich seinen eigenen Gefühlen mitteilte und die glimmende Asche zu einer Glut entfachte, die nicht brannte, sondern nur wärmte. Und da erkannte er plötzlich, dass Shangri-La und Lo-Tsen in ihrer Art ganz vollkommen waren und dass er nicht mehr begehrte, als dieser ganzen Stille vielleicht einmal eine leise Erwiderung zu entlocken. Seit Jahren waren seine Leidenschaften wie ein Nerv gewesen, an dem die Welt zerrte; nun war der Schmerz endlich gestillt, und er konnte sich einer Liebe hingeben, die weder quälend noch langweilig war.  Wenn er nachts an dem Lotusteich vorbeikam, konnte er sie sich manchmal in seinen Armen vorstellen, aber das Gefühl der Zeit flutete über die Vision hinweg und beruhigte ihn zu einem endlosen, zärtlichen Zögern.“

Eine präzisere Beschreibung des Nicht-Ortes, der Utopie, lässt sich kaum finden. Ein „in einer Glasschale gespiegelter Regenbogen“, oder ein „Tautropfen an der Blüte des Obstbaums“. Vergänglich sind sie, diese Nicht-Orte, zart, im Flaum der Zeit nichts als eine Feder, die so schnell verweht ist, wie sie plötzlich da war.

Es steht so viel zwischen den Zeilen dieses Romans. Und auch wenn Herr Christian Enzensberger der Utopie keine literarische Qualität zuspricht, und auch wenn die Story selbst etwas Abstruses hat, so lässt sich mit dem Schriftsteller Rutherford sagen: „Man begeht im Leben oft Fehler, weil man zu viel glaubt, aber es ist auch verdammt langweilig, wenn man zu wenig glaubt.“

In der Tat. Shangri La liegt also nicht in Tibet oder im Altai-Gebirge oder sonst wo. Es ist der Nicht-Ort, der im feinsten Gespinst unserer Gedanken als Sehnsuchtsraum weder Ort noch Zeit hat. Somit hätte die Utopie immer noch eine Chance, auch innerhalb unseres Sonnensystems. Denn sie braucht keinen Ort. Sie zu suchen, wie so manche Schatzjäger, das ist eigentlich absurd. Und genau deshalb suchen wir weiter nach einem Nicht-Ort innerhalb von Raum und Zeit. Wir werden ihn nie finden. Denn das ist eben sein Geheimnis. Ein endloses zärtliches Zögern das unseren Schmerz beruhigt - das ist die Utopie.

 

 

Das harte Leben

Von Flann O’Brian

Aus dem Irischen übertragen von Annemarie Böll und Heinrich Böll

Erschienen im Original „The Hard Life“ im Jahr 1961

So hätte Joyce geschrieben, wäre er nicht bescheuert gewesen. (Das irische Volk über Flann O’Brian)

In einer Szene aus der US-amerikanischen Serie Ray Donovan über einen irisch-stämmigen Fixer (Problemlöser) in L.A. gibt es eine hübsche Szene, die von Flann O’Brian selbst stammen könnte. Zwei Iren sehen sich im Fernsehen eine Dokumentation über die Hungersnot in Irland im 19. Jahrhundert an. Bekanntlich wurde diese durch eine Kartoffelmissernte ausgelöst. Der eine Ire blickt skeptisch und frägt den anderen Iren: „Irland ist doch eine Insel oder?“ Der andere bejaht dies.
„Warum haben die dann nicht einfach Fische gegessen?“
„Du verstehst überhaupt nichts“, sagt der andere Ire und schaltet etwas gekränkt den Fernseher aus.

Der irische Schriftsteller Flann O’Brian hieß eigentlich mit bürgerlichen Namen Brian O’Nolan. Doch unter diesem Namen hat er bestenfalls amtliche Schriftstücke unterzeichnet, im Rahmen seiner Tätigkeit als Verwaltungsbeamter im öffentlichen Dienst. Als Cruiskeen Lawn schrieb er bissige Zeitungskolumnen, als Myles na Gopaleen schrieb er Theaterstücke, als George Knowall verfasste er gelehrte Texte zur irischen Landeskunde. Und als Stephan Blakesley soll er sogar Kriminalromane verfasst haben. Und auch die Namen  Lir O’Connor oder Bruder Barnabas lassen sich mit dem Iren in Verbindung bringen. Nennen wir ihn also der Einfachheit halber schlicht Brian. Der erste literarische Satz von Brian soll ein Graffiti an einer Häuserwand gewesen sein: Kauft keine englischen Blazer. Der gälisch sprechende Ire war naturgemäß kein Freund der Engländer. Englisch lernte er gegen den Widerstand des katholischen Vaters auf der Straße.  Sein erster Roman „At-Swim-Two-Birds“ handelt von dem angehenden Romanschreiber Flann O’Brian, der einen Roman schreibt, in welchem ein Dubliner Germanistik-Student einen Roman schreibt, in dem ein irischer Literat namens Trellis einen Roman schreibt, dessen Figuren mit ihren Rollen und Charakteren unzufrieden sind, woraufhin sie sich ausgiebig über das Schreiben von Romanen unterhalten, bis sie auf die Idee kommen, einen aus ihrer Mitte zu beauftragen, einen Roman zu schreiben, in dem sie alle auftreten, dessen Hauptfigur aber ihr Autor Dermot Trellis ist, dem sie dann in einem ausgedienten Kino den Prozess machen. Auch einen Faust hat Flann O’Brian geschrieben: Faustus Kelly. In der travestierten Paraphrase auf Goethes Faust geht es um einen provinziellen Stadtverordneten-Vorsteher, der sich dem Teufel verschreibt um Mitglied des Dail, des irischen Nationalparlaments zu werden. Kellys Gretchen ist die Witwe Margaret Crockett, deren Bruder Valentin den Namen Bernhard Shaw trägt. Shaw liefert sich nun ein Duell mit Kelly um die Wahl, verliert und betrinkt sich anschließend besinnungslos. Am Ende des Dramas hat der sogar der Teufel genug und zerreißt eigenhändig den Pakt. Er zieht seine Hand von Irland ab_ Dies ist kein Land für ihn, da ist die Hölle ein angenehmerer Ort. Und geradezu satanisch erscheint ihm die Vorstellung, die Iren – und dann noch auf ewig – in seiner höllischen Gesellschaft ertragen zu müssen. Das Stück wurde sogar im Abbey Theatre am 25. Januar 1943 aufgeführt, lief aber nur zwei Wochen.

Und dem Angloiren James Joyce hat er in „The Dalkey Archive“ (1964) ein herrlich ironisches Denkmal gesetzt. Darin lebt Joyce noch als ältlicher Bierzapfer, der zu den Jesuiten möchte und behauptet, dass er nicht einen dieser „unzüchtigen“ Romane geschrieben habe, die man ihm unterstellt.

1961 erschien sein zweiter Roman „The hard life“ in London. Es ist die fiktive Autobiografie eines irischen Weisenknaben aus dem viktorianischen Dublin der Jahrhundertwende. Es spielt also in einem ausgebluteten Irland. Vor wenigen Jahrzehnten hatte eine große Hungersnot (Kartoffel-Missernte) zu einer großen Auswanderungswelle der Iren geführt. 1916 kam es dann zu dem berühmten Osteraufstand gegen die Briten, in der fast die ganze Stadt Dublin verwüstet wurde. In „The Dalkey Archive“ erinnert Brian der Hungersnot in der Schottin Crawford McPherson, die in Irland Sago-Bäume pflanzen will, deren Stärke intensiver ist als bei der Kartoffel, dies aber würde das Klima dort in eine Art Sumatra verwandeln. In „The hard life“ wachsen zwei Brüder bei Mr. Collopy auf, der sich immer mit dem deutschen Jesuitenpfarrer Kurt Fahrt trifft und mit ihm über sein heimliches Projekt plaudert: öffentliche Damentoiletten in Irland. Tatsächlich gab es im Irland dieser Zeit keine öffentlichen Damentoiletten. Dies ist für Mr. Collopy ein Skandal. Dabei aber wird im Roman das skandalöse Wort „Toilette“ selbstverständlich nie erwähnt. Die beiden Weisen werden von Mr. Collopy bei verschiedenen Priestern erzogen. Der ältere Bruder entschließt sich, nach London auszuwandern und gründet dort eine Akademie. Schon hier sind die wesentlich Hintergründe zu finden, die für eine der sonderbarsten Gestalten der Weltliteratur sorgte: den Wissenschaftler de Selby, der in vielen englischsprachigen Romanen immer wieder auftaucht, unter anderem in den Illuminaten von Anton Robert Wilson, oder auch in Pynchons Enden der Parabel. Als Mr. Collopy an einer Arthritis erkrankt, schickt ihm der nach London ausgewanderte Bruder ein Medikament namens „schweres Wasser“. In „The Dalkey Archive“ wird de Selby an diesem Wasser weiterforschen, das seiner Meinung nach immer noch nicht leicht genug ist. Man versteht dies nur, wenn man „the hard life“ gelesen hat. Es ist diese Art von Wissenschaftssatire (in der Tradition eines Jonathan Swift) die Brian als Autor auszeichnet. Aber auch die Charakterisierungen dieser irischen Typen. Die herrlichen Dialoge. Mr. Collopy, der das schwere Wasser zu sich nimmt, wird nun tatsächlich so schwer, dass man ihn meist tragen muss. Mit Priester Kurt Fahrt und dem ausgewanderten Bruder reisen sie nach Rom um dort eine Audienz beim Papst zu bekommen. Doch als der Papst von dem heimlichen Projekt von Mr. Collopy erfährt ist dieser entsetzt. Die Audienz scheitert und Mr. Collopy ist inzwischen so schwer, dass er durch den Boden bricht und an seinen Verletzungen stirbt. Mit der Eröffnung des Testaments endet der Roman. Und damit, dass sich der Erzähler übergeben muss.
Es wird geredet, getrunken und auf hiberno-englisch geflucht. Vom Aufbau her ist „Das harte Leben“ wohl Brians konservativstes Buch.

 

 

Frauen lesen anders

Von Ruth Klüger

Erschienen 1996 im Verlag dtv

Die Abhängigkeit der Frau war in den besitzenden Klassen immer am ausgeprägtesten. (Simone de Beauvoir)

Auch ein gewisser Dr. Volker Schulz, Inhaber einer Kölner Presseagentur, hat sich der Frage angenommen und das Leseverhalten von Männern und Frauen untersucht. Seine Ergebnisse basieren auf einer Langzeitstudie, an der 1200 Personen teilnahmen. Die Probanden wurden anhand eines Fragebogens persönlich befragt.  Und ja: 62% der Männer informieren sich am liebsten rund um den „Sport“. Während nur 14% der Frauen gerne etwas über dieses Thema in den Printmedien erfahren möchten. Und die Politik ist fest in der Hand der Männer. Doppelt so viele Männer (29%) wie Frauen (14%) setzen sich beim Lesen regelmäßig mit politischen Angelegenheiten auseinander. Auch im Bereich „Mode, Unterhaltung, Boulevard“ werden die Klischees bedient: Hier liegt das männliche Interesse gerade einmal bei 9% – bei den Frauen sind es immerhin 42%.
Eine amerikanische Studie stellte 2007 fest, dass nach dem Lesen einer Kurzgeschichte die Probanden zwischenmenschliche Situationen oft besser einschätzen können.  Laut dieser groß angelegten Studie über unser Leseverhalten spiegelt unsere Gehirnaktivität die Romanhandlung: Wenn der Protagonist etwas Bestimmtes tut, reagieren Teile des Denkorgans so, als täten wir das Gleiche.  In einer Neuauflage der Studie erhoben die Wissenschaftler von gut 250 erwachsenen Probanden erneut Lesegewohnheiten und Sozialkompetenz. Sie stellten dabei fest: Wer besonders offen für neue Erfahrungen war, las generell etwas mehr. Insbesondere stieg mit dieser Fassette der Persönlichkeit auch die Vorliebe für Romane. Zudem wurde in der Studie festgestellt, dass die Leser fiktiver Literatur über ein größeres soziales Netz als Sachbuchleser verfügen würden. Eine Studie von der Washington (USA) legt den Schluss nahe, dass wir die Erfahrungen von Romanfiguren verinnerlichen, indem wir ihre Gefühle und Handlungen als die unseren widerspiegeln. In der Untersuchung von 2009 baten Nicole Speer und ihre Kollegen Probanden, im MRT eine Kurzgeschichte zu lesen, die Wort für Wort auf einem Bildschirm erschien. Wenn der Protagonist eine bestimmte Handlung ausführte, erkannten die Forscher im Gehirn der Lesenden Erregungsmuster, die auch beim eigenen Agieren auftreten. Der Satz „Raymond legte den Stift hin“ aktivierte zum Beispiel das Handareal des prämotorischen und des somatosensorischen Kortex – beide Bereiche feuern normalerweise, wenn wir selbst unsere Hände benutzen (Gehirn & Geist Juli 2012). Soweit die psychologischen Fakten der letzten Jahre. Fazit dieser Studien: Männer und Frauen lesen „anderes“, aber nicht anders. Das Lesen fiktiver Literatur setzt Neugier voraus und erhöht die Sozialkompetenz. Aber Männer lesen lieber Sportberichte. Lesen Männer Romane, interessiert sie in diesen Romanen anderes, als die Frau. Daher lesen Männer und Frauen doch anders.
Die Holocaust-Überlebende Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger untersuchte  in ihren Literatur-Essays hauptsächlich Klassiker. Sie stellt mit feinem Gespür Bezüge her, zwischen Blut-und-Boden-Nationalismus, der Frau als Sklavin und dem Mann als den Besitzenden.  Während der Mann erobert, bleibt die Frau treu und erhält das Erworbene. In ihrem Essay über die Rolle der Frau in den Unterhaltungsromanen, analysiert sie anhand exemplarischer Beispiele (Die Stoltenbergs, Die Barrings) wie die Frau von der Verschwenderin zur Ehebrecherin stilisiert wird. Der gute Kaufmann war eben nie eine gute Kauffrau. Denn Besitz ist einem Sklaven verwehrt. Dass die Frau angeblich nicht mit männlichen Eigenschaften ausgestattet sei, das glauben manche bis heute. Eine SZ-Schlagzeile (08. Mai 2016) lautete: „ Frauen sind im Sport weniger ehrgeizig als Männer.“ Sind sie das? Die Autorin interviewt hier einen „männlichen“ Frauentrainer, der durch ein Buch über Hirnforschung und Geschlecht erleuchtet wurde. Frauen können – seiner Meinung nach – besser kommunizieren. Warum sind sie dann weniger ehrgeizig? Keine Ahnung. Denn der Artikel verrät das nicht. Markus Weise (der interviewte Trainer) spricht von Missverständnissen. Ach! Frauen und Männer leiden unter Missverständnissen? Nach wie vor sind die anatomischen Unregelmäßigkeiten, die uns zu Mann und Frau machen, lediglich Motiv für klischeehafte Unterstellungen. Männer können besser einparken. Frauen können besser kommunizieren. In einer Liste mit 50 Buchempfehlungen für Schüler ab der 10. Klasse waren 45 männliche Autoren, nur 5 weibliche Autoren. Alle übrigens schon tot. Denn nur tote Literaten kann man lebenden Schülern zumuten. Das ist das Gegenteil von neugierig (offen für neue Erfahrungen). Sie erinnern sich: Voraussetzung für das Lesen fiktiver Literatur ist Neugier. Die Kulturpolitik lässt jedoch weiterhin ein vorliebend männliches Geisterheer aus Goethe, Schiller, Musil, Mann, Brecht, Schnitzler, Storm und Konsorten durch die Schulen reiten.
Ruth Klüger – und das ist das Herausragende an den Essays unter dem Titel „Frauen lesen anders“, zeigt einen sozioökonomischen Zusammenhang auf, in der die sexuelle Unterdrückung beider Geschlechter als Herrschaftsinstrument auftaucht. Kindliche Prägungen organisieren die gesellschaftliche Rollenaufteilung.  Pippi Langstrumpf,  ein aufmüpfiges neunjähriges Mädchen mit vielen Sommersprossen schreibt Ruth Klüger nun, ist für Jungen eine eher peinliche Lektüre, auch Heidi gehört nicht in den Bücherschrank zukünftiger Soldaten und Vergewaltiger
*. Und in diesem Sinne werden sogar problematische Frauengestalten (Kleists Penthesilea) regelrecht unterschlagen. Was nicht sein darf, ist auch nicht. Da Frauen grundsätzlich „errungen werden“ sollen (wer ein holdes Weib errungen…), dürfen sie natürlich nicht selbst als Eroberin auftreten. Dies wäre ein Tabu-Bruch.  Wenn Euphorion im Faust ein junges Mädchen hereinträgt und ausruft: Schlepp‘ ich her die derbe Kleine zu erzwungenem Genusse; mir zur Wonne, mir zur Lust drück‘ ich widerspenstige Brust, küss‘ ich widerwärtigen Mund, tue Kraft und Willen kund. Ist das eine Vergewaltigung, ja oder nein? Dass Euphorion kurz darauf in die Luft steigt und wie Ikarus stürzt – nun gut. Aber gleich stürzt ihm Helena nach. Faust steht alleine da und wird zum Großunternehmer und Kriegstreiber. Ruth Klüger analysiert mit feinem Gespür und leitet dabei den Leser an, selbst so ein Gespür zu entwickeln. So schreibt sie: „Ähnlich entscheidet eine männliche Zuordnung, dass Männerfreundschaften Bündnisse, Frauenfreundschaften Kaffeekränzchen sind. Das Wort Kaffeeklatsch geht zurück auf den Brauch männlicher Zeitungsredakteure im 18.Jahrhundert, in Kaffeehäusern Neuigkeiten auszutauschen. Unter dem englischen Pendant gossip verstand man bis zirka 1800 einen Mann, der mit Freunden trinkt (Gehirn & Geist, Januar 2012).

Ich glaube nicht, dass Männer und Frauen so grundlegend anders sind. Vielmehr erwachsen uns aus sozioökonomischen Rahmenbedingungen harte Lebensfakten. In dieser Hinsicht aber lesen Männer und Frauen real anders.  Prägungen, Zuschreibungen, Erwartungen. Wir Menschen sind fähig, uns alles Mögliche vorzustellen. Unsere Intentionalität bestimmt auch unsere Freiheit. Insofern sind Geschlechterrollen nicht in Stein gemeißelt. Eine gemeinsame Aufgabe, die Neugier, Offenheit und soziale Kompetenz benötigt. All das, was durch das Lesen fiktiver Literatur gefördert wird. Wenn wir aber anders lesen, dann bedarf es zusätzlich zum Lesen des literarischen Gesprächs. Und dazu bedarf es auch einer Anstrengung jener, die den Lesestoff bereitstellen, den Autoren, Verlagen und des Marktes.

 

 

Washington Square

Von Henry James

Ins Deutsche übertragen von Bettina Blumenberg

Erschienen zuletzt 2015 im Verlag btb

Der 1880 erstmals als Serie im Harpers Magazin erschienene Roman von Henry James soll auf einer wahren Geschichte basieren, die ihm die Schauspielerin Fanny Kemble erzählte. Doch die tragikomische Vater-Tochter-Geschichte könnte auch viele Anleihen aus dem privaten Binnenraum von James selbst haben. Henry James hatte neben seinen drei Brüdern auch eine Schwester, Alice. Ihr Vater Henry James Sr. war der festen Überzeugung, dass Bildung der natürlichen Würde und Aufgabe der Frau schaden könnte (ähnlich wie Austin Sloper). Während die Brüder die beste Ausbildung bekamen (William James wurde ein berühmter Psychologe und Philosoph), wurde Alice schlicht nur hysterisch, worunter sie litt, weil sie keine „richtige Krankheit“ (Diary von Alice James) hatte. Als Alice mit 43 Jahren an Krebs erkrankte, schrieb sie in ihr Tagebuch: “Dem der wartet wird gegeben! ... Seit ich krank bin, habe ich mich nach irgendeiner handgreiflichen Krankheit gesehnt, egal was für einen fürchterlichen Namen sie haben mochte.” 
Heute weiß man (am Beispiel Virginia Woolf), dass die Hysterie im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch auftaucht. Dafür gibt es im Fall von Alice keine hinreichenden Beweise, aber der hier vorliegende Roman von Henry James erzählt zumindest die Geschichte eines Missbrauchs. Nicht sexueller Natur, aber Machtmissbrauch und Manipulation. Erst zum Ende des Romans, als Catherine das erneute Angebot von Morris Townsend ihn zu heiraten endgültig ablehnt, trifft sie eine eigenständige Entscheidung. Davor ist sie mehr oder weniger das Manipulations-Objekt von Lavinia Penniman (ihrer Tante), dem Liebeswerben von Morris Townsend und dem strengen Regiment ihres Vaters Austin Sloper. Die manipulative Kraft des Arztes Austin Sloper reicht sogar, um die Schwester von Morris Townsend gegen ihre ureigene Schwesterliebe verstoßen zu lassen. Sie verrät ihren Bruder, indem sie ausruft: „lassen Sie nicht zu, dass sie ihn heiratet.“
Morris Townsend ist tatsächlich ein Mitgiftjäger und äußerst berechnend. Aber auch Catherines allzu selbstgerechter Vater Austin kam nicht anders in seine gesellschaftliche Position, als durch seine Heirat. Allerdings: der auktoriale Erzähler in dem Roman verweist uns mehrfach darauf, dass dies für viele junge Männer die einzige und eine durchaus ehrbare Möglichkeit war, ihre Talente zu entfalten. Wenn Austin Sloper also Townsend als zukünftigen Schwiegersohn ablehnt, dann sicher nicht wegen seiner materiellen Einstellung, obwohl er genau das als Argument vorbringt. Vielmehr verbergen sich dahinter eine Form der Eifersucht und ein patriarchaler Anspruch. Austin Sloper ist das ranghöchste Männchen in seiner kleinen und überschaubaren Gruppe. Morris Townsend ist für ihn eine Bedrohung. Folglich beißt er ihn weg. Parallel ist Catherine auch der Spielball einer Geschwister-Fehde. Denn Lavinia ist ja die Kupplerin und will Catherine auf ihre Seite ziehen, trifft sich heimlich mit Morris, und strickt an ihrem romanhaften Weltbild. Austin Sloper ist daher auch als Beschützer seiner Tochter zu sehen. Und der unbekannte Erzähler wird ja nicht müde darin, Sloper zu loben, als intelligenten und gerechten Mann. Austin Sloper macht es sich nicht einfach (Seite 64/65, da ringt er mit sich). Er will Townsend ja eine Chance geben. Aber zugleich spürt der Leser des Textes, dass das irgendwie geheuchelt ist. Vielleicht, weil der unbekannte Erzähler den Arzt ein oder zwei Mal zu oft lobt.
Als Austin mit seiner Tochter die Europatour macht, sagt er ihr einmal sehr deutlich: „Ich bin kein guter Mensch.“ Damit widerspricht Austin dem Erzähler. Catherine hält dennoch weiter stoisch zu ihrem Vater. Sie könnte eine unabhängige Entscheidung treffen, denn das Erbe von ihrer Mutter reichte aus, um mit Morris ein sorgenfreies Leben zu führen. Aber für Morris und wohl auch Catherine wäre es eine gesellschaftliche Demütigung, wenn der Vater sie des väterlichen Teils enterbt. Es geht also mitnichten ums Geld. Es geht um gesellschaftliche Anerkennung, welche über das Geld kanalisiert wird. Hier ist die Analyse im Nachwort der Übersetzung ein wenig zu verkürzt und auch zu banal. Denn zu allen Zeiten tragen wir unsere gesellschaftlichen Verhältnisse in der Geldbörse mit. Hier ist es komplizierter, denn Name und Ehre sind noch enger mit dem Geld verknüpft. Heutzutage reicht Geld. Name und Ehre wurden längst Archaismen. Der Hinweis der Übersetzerin auf den Rechtsphilosophen  John Austin (als möglicher Vornamensgeber), der in seiner Philosophie positivistischer Rechtsauffassung Recht und Moral trennt, genügt mir auch nicht, um Austin Slopers kompliziertes Innenleben zu beschreiben. Einerseits ist er selbstgerecht bis zum Hochmut, andererseits hat er auch einen hohen Anspruch an sich und andere. Er ist zugleich Patriarch und liebender Vater. Während seine Tochter von geradezu entwaffnender Direktheit ist, kann der Arzt seine Tochter nur hinter einem prätentiösen Schleier wahrnehmen. Er will das Höchste für seine Tochter und hält doch so wenig von ihr. Er spürt auch, dass er sie unterschätzt, und will sie doch als Patriarch an der Stelle haben, wo er sie hingestellt hat.
Entlarvend für das Scheitern an der eigenen Prätention ist ein Gespräch zwischen Austin Sloper mit seiner Schwester Mrs. Almond:
„Wirst du denn nicht einlenken?“
„Lässt sich ein geometrischer Lehrsatz zum Einlenken bewegen? Ich bin nicht so oberflächlich.“
„Handelt die Geometrie nicht von Oberflächen?“, fragte Mrs. Almond, die, wie wir wissen, sehr gescheit war; und sie lächelte dabei.
(Seite 149)
Sloper versucht sich zu retten, indem er das Gleichnis weiterführt (Ja, aber sie befasst sich tiefgründig mit ihnen, Catherine und ihr junger Mann sind meine Oberflächen; ich habe bei ihnen Maß genommen). Der „gerechte Patriarch“ Sloper als Urbild des Gruppenführers, dessen Maß allein gerecht ist. Das könnte auch der Vater der James gewesen sein. Henry James Sr., der mit 13 Jahren beim Versuch ein Feuer mit den Füßen auszutreten ein Bein verlor, der sich trotzdem durchsetzte und Theologie studierte (später zur New Church übertrat), mit den amerikanischen Größen seiner Zeit befreundet war (Thoreau, Ralph Waldo Emerson, Thomas Carlyle), der mit Mary Walsh (die Tochter eines Princeton-Gelehrten) ebenfalls in höhere Kreise einheiratete und mit eben dieser Mary in Washington Square lebte, mit deren Kinder, Henry, William und Alice. Und Alice wurde ähnlich unterdrückt, wie Catherine in dem vorliegenden Roman. Zwei Jahre nach Alice‘ Tod bekam William ihr Tagebuch zugeschickt. William schrieb an seinen Bruder Henry: “Das Tagebuch hinterläßt einen einmaligen und tragischen Eindruck von persönlicher Stärke, die sich an nichts auslassen konnte.” Womit er im Wesentlichen das übliche Schicksal weiblichen geistigen Strebens im 19. Jahrhundert genau erfasst hat.
Im Roman findet Catherine ihren kleinen Machtbereich in der Wohltätigkeit. Dort – im Rahmen eines VG-Tarifs (Vergelts Gott Tarif) – durften sich die Frauen noch austoben (ein sicher hier ironisch zu verstehendes Verb). Catherine erlebt einen kleinen Sieg über ihre Tante, weil ihr die jungen Mädchen die  Liebesgeschichten erzählen, nicht Lavinia. Das liegt daran, dass Catherine einfach ernster ist und emanzipierter, während ihre Tante eher noch wie ein Kind das Leben spielt.

Washington Square gilt als einer der einfacheren Romane von Henry James, relativ klar und chronologisch erzählt, keineswegs so verschachtelt wie zum Beispiel Portrait of a young lady, welcher nur ein Jahr später veröffentlicht wurde. Aber so einfach wie er geschrieben ist, ist der Roman auch wieder nicht. Warum der Autor ihn selbst nicht besonders schätzte, weiß ich nicht. Vielleicht ist wirklich zu viel privater Binnenraum darin. Dann wäre es auch ein Stück Abrechnung mit dem eigenen Vater. Das kann für einen Schriftsteller nie so befriedigend sein, wie für den Leser.

 

 


Idylle mit Professor

Von Renate Feyl
erschienen im Verlag DIANA 2013
erstmals im Verlag Berlin 1988

Der große Meister der deutschen Stilistik Ludwig Reiners erwähnt in seiner „Stilkunst“ den Sprachpapst Gottsched gerade zweimal. Einmal nennt er Gottscheds Stil eine „aufdröselnde Geschwätzigkeit“, die man zwar historisch erklären aber „nicht entschuldigen“ könne, dann erwähnt er den Regelpapst in seinem Kapitel „verblichene Bilder“ und zwar als schlechtes Beispiel (Deines Geistes hohes Feuer / schmelzte Rußlands tiefsten Schnee / und das Eis ward endlich teuer / an dem runden Kaspisee). Doch Renate Feyl geht es nicht darum sich über Gottsched lustig zu machen – auch wenn er in dem Roman durchaus auch komisch wirkt -, sondern ihr geht es um die Engstirnigkeit des Gelehrten und seine herrische Überlegenheitsgestik gegenüber seiner jungen Frau Viktoria (geborene Kulmus). Bis zum traurigen Ende seiner Frau ist der Mann an ihrer Seite der falschen Überzeugung, sie sei sein Produkt. Der Sprachenstreit des 18. Jahrhunderts um die Anomalisten und die Analogisten dient eher als Kulisse. Dass eine gewachsene Sprache keine innere Logik habe, dass Sprache künstlich geschaffen werden müsse, diese Anschauung aber passt zu einem Mann, für den Ordnung und Genauigkeit, Sauberkeit und sittliche Reinheit so sehr zum obersten Gebot alles Menschlichen zählen, dass dabei das eigentlich Menschliche geradezu zum Pejorativ wird. Die Ungerechtigkeiten dieses Mannes gegenüber seiner wissbegierigen und klugen Frau schildert Renate Feyl als  Reaktion darauf, dass sein eigener Stern verblasst. Die intellektuelle Eifersucht zwischen den Geschlechtern ist das ahistorische Thema dieses historischen Romans. Hinzu kommt, dass Gottscheds Lehre anachronistisch wird, was auch gut zum Veröffentlichungszeitpunkt des vorliegenden Romans 1988 passt, als auch der DDR-Staat in seiner Führungsriege anachronistisch wurde. Das mag Zufall sein, oder dem literarischen Instinkt von Renate Feyl geschuldet – sei ‚s drum. Historisch wurde Gottsched allerdings rehabilitiert. Nach dem siebenjährigen Krieg war Österreich so geschwächt, dass der oberdeutsche Weg (Bodmer, Lavater) nicht mehr möglich war. Als Österreich die allgemeine Schulpflicht einführte, galt Gottscheds Sprachenlehre. Dennoch blieb nicht Gottsched, sondern Lessing und Klopstock. Dass einst das meißnerisch-sächsische als deutsche Hochsprache galt, wissen viele nicht mehr. Auch für Goethe, als dieser als junger Mann nach Leipzig kam, war dies bindend.

Feyl liefert in ihrem Roman ein stimmiges Portrait dieser beeindruckenden Frau, die in einer Zeit lebte, die den Frauen generell jegliche akademische Würde absprach. Selbst als „gelehrteste Frau Deutschlands“ (Marie-Theresia) war sie „nur“ ein Produkt ihres Mannes. Und ihre Selbstständigkeit war jederzeit ein Affront und geradezu eine Sünde. Dass ihr Mann sie dann schamlos betrügt, sogar ihre Post unterschlägt und Lügen über sie verbreitet (sie könne kein Latein), ist der Gipfel der Ungerechtigkeit. Johann Christoph Gottsched wird zum schmalbrüstigen, hartleibigen Korinthenkacker, der Hexameter und Daktylen mit dem Finger abzählt und so weit entfernt ist von der Poesie, dass man sich als Leser ziemlich gut vorstellen kann, welche Intension der Sturm und Drang dann hatte. Immer mehr entfernt sich Viktoria von ihrem Mann und so leider auch von der Welt. Ein erschütternder Rückzug in ihre Traumwelt, von der gefeierten Übersetzerin zur Taubenfütterin, die Wut und moralischen Ekel gegenüber ihrem verständnislosen Ehemann auslöst. Als sehr junge Frau gerät Viktoria in diese Ehe. Sie ist unerfahren, schaut zu ihrem erfolgreichen Ehemann auf und wünscht sich dabei nichts anderes, als ihm zu dienen. Dabei entdeckt sie zunehmend die Welt des Geistes, des Wortes für sich, entwickelt eigene Gedanken und erfährt so, dass ihr Mann sich zunehmend lächerlich macht. Sie will ihm auch da noch helfen, ihn warnen. Aber Gottsched ist zu selbstgerecht, zu sehr von sich überzeugt und gleichzeitig so voller Minderwertigkeitsgefühle, dass er nicht erträgt, wenn das Licht seiner Frau heller strahlt als seines. Noch ganz im Schatten des sittlichen Ehebegriffs der Reformation spürt man das vorsichtige Aufkommen der Idee einer Liebesheirat. In der Poesie, in der Sehnsucht nach einer erfüllenden Liebe erfährt Viktoria die harte Realität ihrer Existenz. Der Ehemann verfügt über sie. Er nimmt ihr den Schlüssel zur Haushaltskasse, er untergräbt Viktorias Karriere. So unterstützt er sie scheinbar, als Viktoria sich ziert, Voltaire zu treffen, nur um selbst sich mit diesem großen Geist zu treffen und sich in dessen Glanz zu sonnen. Diese widerliche Verlogenheit Gottscheds verringert ihn zusehends. Zum Ende verachtet Viktoria den einst Erhöhten. Sogar im Angesicht des Todes schickt sie ihn nur aus ihrem Zimmer. Aber sogar nach ihrem bitteren Tod weiß ihr Ehemann lediglich den Nutzen zu ziehen und verkauft seine tote Frau als sein Produkt. Das alles ist so abstoßend, dass man das kaum noch überbieten kann. Schlimmer: Es ist kein Sonderfall, sondern verweist auf das hierarchische Gefüge zwischen Mann und Frau wie es Jahrhunderte galt und zum Teil noch heute wirkt. Gottsched handelt abstoßend. Aber es scheint ihm gar nicht so vorzukommen. Er ist geradezu auf naive Art widerlich. Männer haben sich Jahrhunderte lang ein Frauenbild erzählt, ein Bild das phantastisch ist im Wortsinne. Um existenzielle Krisen zu umgehen, waren viele Frauen gezwungen, diese Erzählungen der Männer zu glauben. Viktoria glaubt sie nicht mehr. Aber sie erfährt eine Welt, die fest daran glaubt. Als sie ihre Geschichte der deutschen Lyrik nicht veröffentlichen kann und den lächerlichen Dichter seinen Hofstaat begrüßen sieht, wird ihr die Welt fade und schal. Sie stirbt daran. Die Macht dieser phantastischen Erzählung der Männer, was eine Frau sei, tötet Viktoria. Die Ärzte lassen sie zur Ader, geben ihr Pillen. Sie verstehen nichts. Die dramatische Ironie: Wir Leser verstehen. Und es schmerzt. Denn Viktoria geborene Kulmus wird heute weiterhin kaum gewürdigt. Renate Feyl hat zumindest wieder an sie erinnert, und an die herausragenden Leistungen dieser Frau, die sie unabhängig von ihrem Mann leistete. Sie war nicht „das Paradies seiner Augen, die Göttin seiner Lust“, sie war selbst lustvoll und schuf sich ein eigenes Paradies. Ihr Mann hatte darin dann keinen Platz mehr, er war dessen letztlich auch nicht würdig. Doch am Ende ist Viktorias selbst erschaffenes Paradies unerträglich einsam.

 

 

Mistlers Abschied

von Louis Begley
Aus dem Englischen von Christa Krüger
erschienen 2000 im Verlag Suhrkamp

Sein Haupt war an der Lehne des Stuhles langsam der Bewegung des draußen Schreitenden gefolgt; nun hob es sich, gleichsam dem Blicke entgegen, und sank auf die Brust, so dass seine Augen von unten sahen, indes sein Antlitz den schlaffen, innig versunkenen Ausdruck tiefen Schlummerst zeigt. Ihm war aber, als ob der bleiche und liebliche Psychagog dort draußen ihm lächle, ihm winke; als ob er, die Hand aus der Hüfte lösend, hinausdeute, voranschwebe ins Verheißungsvoll-Ungeheure. Und wie so oft machte er sich auf, ihm zu folgen. So endet das Leben von Gustav Aschenbach in Venedig. Begleys Venedig-Tourist entrichtet zum Ende immerhin seinen Obolus, als er sich sein schwarzes Totenschiff kauft. Der Werbemogul Thomas Mistler flüchtet sich in die alte Finanzmetropole Venedig, nachdem sein Arzt ihm einen finalen Leberkrebs diagnostizierte. Dort durchlebt noch einmal in Zusammenfassung sein von Eros und Thanatos bestimmtes Leben. Media vita in morte sumus. Dieser, der Vanitas zugeordnete Vergänglichkeitsgedanke aus einem gregorianischen Choral (Notker) fasst den Roman ganz gut zusammen. Mistler ist kein besonders sympathischer Protagonist. Auch Gustav Aschenbach aus der berühmten Vorlage von Thomas Mann ist kein besonders sympathischer Protagonist. Beide sind sie Großmeister und doch furchtbar einsam. Thomas Mistler betrügt noch im Angesicht des Todes seine Frau Clara. Während er das seiner Frau selbst nicht zugesteht. Dabei liebt er seine Frau nicht einmal. Er vergleicht sie mit einem Erlebnis, das er mit einem billig erworbenen Fernglas hatte. Mal sieht er sie scharf und dann verschwimmt sie. Sie ist nur groß, blond und repräsentativ. Als er zum Ende des Romans seiner großen Jugendliebe wieder begegnet, erkennt er, dass dies vergangen ist und nicht mehr wiederkehrt. Unterlassungssünden, Sünden die nicht mehr wieder gutzumachen sind, weil die Zeit nie mehr zurückkehrt. Mistler, gescheiterter Schriftsteller, hat ein Imperium erschaffen und noch im Angesicht des Todes gilt seine Sorge dem optimalen Verkauf. Die spirituelle Leere lässt sich auch mit allem Geld der Welt nicht auffüllen. Dies scheint die einfache Lehre aus dem Roman von Louis Begley zu sein. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn Mistler hinterlässt neben seiner Werbefirma auch Menschen. Als sich in Venedig die junge Fotografin Lina geradezu an den Hals wirft, nimmt er das Geschenk eher mitleidig an. Erbärmlich ist wohl das Adjektiv mit dem man einen Machtmenschen bezeichnen kann, der unfähig ist zu lieben, dem sein Narzissmus selbst beim Abschied-Nehmen im Weg steht. Offenbaren kann er sich zum Ende nur seinen längst vergessenen alten Freunden gegenüber. Sein Abschied schmilzt dabei bei aller Daseinsfülle zusammen auf wenige Augenblicke. Und es sind nicht die schmeichelhaften Augenblicke, sondern eben die Unterlassungssünden. Er hat vergessen, seinen Sohn zu lieben, vergessen seine Frau zu lieben. Er schaffte es nicht, die Frau zu lieben, die er wirklich begehrte, zweimal nicht. Bei Bella / Bunny und bei der Geliebten seines Vaters.   Ein Leben, das sich auf Äußerlichkeiten reduziert. So erinnert er sich im Moment, als sich Bunny ihm hingeben will an das Kleid das sie trägt, und das Peggy trug mit der er eine kleine, schmutzige Affäre hatte. Es sind viele kleine schmutzige Dinge, die dieses Leben ausmachen. Und von dem großen Imperium bleibt am Ende nur noch die Frage, ob der Börsenmarkt sich wieder erholt. Der Autor schildert das Leben eines der reichen Ostküstler der USA, die er wohl auch aus seiner Anwaltskanzlei gut kennt. Denn Begley war sein ganzes Leben als Jurist, als Justiziar und Treuhänder tätig, hat trotz literarischer Erfolge als Jurist weiter gearbeitet und die ganze Welt bereist. Das Venedig, das er durch Mistlers Brille schildert ist ein beiläufiges Venedig. Die Schönheit, die es bei Thomas Mann hatte, ist hier bei Mistler reduziert auf ein paar barocke Bilder (Tizian). Jenes Martyrium von Laurentius passt natürlich, war dieser doch als Vermögensverwalter der Kirche tätig. Nachdem Kaiser Valerius den Papst Sixtus II. hat köpfen lassen wurde Laurentius ausgepeitscht und aufgefordert, den Kirchenschatz innerhalb von drei Tagen herauszugeben. Daraufhin verteilte Laurentius diesen an die Mitglieder der Gemeinde, versammelte eine Schar von Armen und Kranken, Verkrüppelten, Blinden, Leprösen, Witwen und Waisen und präsentierte sie als „den wahren Schatz der Kirche“ dem Kaiser. Der Hauptmann, vor dem Laurentius erschienen war, ließ ihn deswegen mehrfach foltern und dann auf einem glühenden Eisenrost hinrichten. Aus diesem Grund wird der Märtyrer mit dem Rost als Attribut dargestellt. Seine letzten Worte soll er an den Kaiser gerichtet haben: „Du armer Mensch, mir ist dieses Feuer eine Kühle, dir aber bringt es ewige Pein.“ Mistler ist kein Märtyrer. Aber immerhin ein Leidender. Und damit schafft es Begley, auch diesen Empathie freien Werbemogul dem Herz des Lesers zu erschließen. Irgendwann geht man mit ihm durch dieses Venedig der Erinnerungen.  Auch wenn man sich als Leser oft die Frage stellt, warum man überhaupt mitgeht – man geht. Vielleicht erhofft man sich die gerechte Strafe für ihn, oder ergötzt sich an den kleinen Niederlagen eines großen Gewinners, schwer zu sagen. So kann ich nicht sagen, ob mir der Roman überhaupt gefallen hat. Wenngleich ich die Meisterschaft Begleys bewundern muss, mit der er mir einen mir so fremden Menschen näher bringt, weiß ich nicht, was ich nun mit dieser Nähe überhaupt anfangen soll. Was für ein Kotzbrocken! Er wusste nicht, einfach zu sein. (Das ist es ja. Ich wünschte und wünschte und mühte mich, mir meine Wünsche zu erfüllen. Katzen und schöne Frauen haben das nicht nötig. Sie tun nichts, sie sind! Seite 244). Aber da sieht man mal wieder: Kultur und Geld allein reichen nicht aus. Selbst der schmuddelige Barney hat da mehr Spirit. Mehr weiß ich jetzt auch nicht mehr darüber zu sagen.

 

 

                                                      Rückblick

Im April starteten wir mit einem malerischen Blick in das Haus des Tauben. Von Spanien ist es nicht weit nach Portugal. Wir reisten etwas in der Zeit zurück und folgten einem Elefanten auf seiner Reise nach Österreich. Über den großen Teich begleiteten wir das tragische Leben einer Arzttochter. Danach ging es tief hinein in das Elend des kommunistischen Ungarn. Und endlich – im August – waren wir wieder zurück, nur um ins offene Meer zu blicken.

 

Chronik:

05. April 2016 Saturn von Jacek Dehnel

03. Mai 2016 Die Reise des Elefanten von Jose Saramago

07. Juni 2016 Washington Square von Henry James

26. Juli 2016 Die Mittellosen von Szilard Borbély

16. August 2016 Am Hang von Markus Werner

 

Saturn – Schwarze Bilder der Familie Goya

Von Jacek Dehnel

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall

Erschienen im Carl Hanser Verlag 2013

 

Der polnische Schriftsteller Jacek Dehnel ist in Polen bereits ein Jungstar.  2006 wurde er mit dem Roman Lala (Das Püppchen) international bekannt. In diesem Roman erzählt Dehnel die Geschichte seiner Großmutter, die einem alten polnischen Landadel entstammt und deren Leben durch den zweiten Weltkrieg und die deutsche Besatzung erhebliche Umbrüche erfährt. In seinem zweiten Roman erzählt Dehnel über einen Vater-Sohn-Konflikt, besser über zwei solcher Vater-Sohn Konflikte. Im Zentrum des Romans stehen die berühmten Pinturas negras von Francesco de Goya. Dehnel folgt hier einer These des spanischen Kunstprofessors Juan José Junquera, nach dem diese Fresken aus der Quinta del Sordo, nicht von Francesco stammen, sondern von dessen Sohn Javier. Während sich also Feuchtwanger in seinem Goya-Bild mehr auf die romantische Liebe zu der 13. Herzogin von Alba (Cayetana de Toledo) bezieht, und den jüngeren Goya porträtiert, liefert der polnische Jungschriftsteller (*1980) uns ein Bild von dem älteren Francesco Goya. Dehnel bedient sich des inneren Monologs und erzählt uns die Familiengeschichte aus dem Blickwinkel von drei Generationen. Einmal aus der Sicht Francescos selbst, dann aus der Perspektive seines Sohnes Javier und schließlich aus der Perspektive dessen Sohnes Mariano (dem Enkel von Francesco). Eingestreut sind poetische Bildbeschreibungen der Black Paintings selbst. Hier kommt dem Autor Jacek Dehnel sicher zugute, dass er nicht nur Erzähler, sondern auch Lyriker und Maler zugleich ist. Dehnel ist dabei selbst schon eine originelle Erscheinung, stets mit Fliege und zweireihigem Anzug bekleidet wirkt er wie ein zu junger Professor aus einem alten Schwarz-Weiß-Film.
Dehnel liefert uns in seinem Roman keine Sympathie-Träger. Francesco, ein geiler, gefräßiger, immer Schokolade trinkender Bauernsohn, der seine genialen Bilder zwischen zwei Geschlechtsakten malt, wobei er in seiner Geschlechtswahl nicht wählerisch ist (gegen Ende des Romans tauchen entlarvende Briefe auf, in der es um eine sexuelle Beziehung zu seinem langjährigen Freund Zapeter geht). Francesco schimpft auch immerzu über die Unfähigkeit und Faulheit seines Sohnes Javier, während er seinen Enkel Mariano abgöttisch liebt.
Javier beschäftigt meist nichts als seine Hassliebe zum Vater. Er ist mit Gumersunda zwangsverheiratet worden und leidet unter der Vorstellung, sein Vater würde auch Gumersunda vögeln. Während Francesco darüber nachdenkt, dass er es eigentlich tun müsste, weil es sein Sohn ja nicht richtig macht. Daher glaubt Francesco einmal sogar, dass Mariano vielleicht sogar sein Sohn sei.
Javier findet einfach kein Lebensziel. Die Malerei ist vom Vater besetzt. Spürbar jederzeit die unterdrückte Seele von Javier (fast wie in Kafkas ‚Brief an den Vater‘). Nur einmal bricht es aus Javier heraus, als der den Koloss malt.
Javiers Sohn Mariano hat kein hohes Bild von seinem Vater, kennt ihn nur als depressiv, launisch, abwesend und nutzlos, während sein Großvater Francesco ihm lebhafte Geschichten erzählt. Dabei stört es nicht, dass Francesco taub ist. Die Taubheit, die bei Feuchtwangers Goyabild eine Leidensgeschichte ist, wird in Dehnels Roman bestenfalls ein Handicap. Alle Familienmitglieder müssen sich auf Francescos Taubheit einstellen. Die Vermutung, dass Goyas Taubheit auf eine Syphilis zurückzuführen sei und wohl auch der Verlust von Teilen seines Verstandes, konnten wohl bislang nicht erhärtet werden. Dehnel führt die Theorie der Bleivergiftung an (die auch – Bleiweiss – irgendwie einleuchtet).
Erst als Francesco stirbt, explodiert wieder Javiers Lust zu malen und es entstehen die schwarzen Bilder. Seine Frau hält ihn nun für völlig verrückt und als Mariano die Bilder sieht, ist er von dem Wahnsinn der Bilder angeekelt. In Feuchtwangers Goya-Bild geht es um die Los Caprichos (launenhafter Einfall). 80 Blätter in einer Mischung aus Aquatinta und traditioneller Radiertechnik, die Goya beinahe der Inquisition zugeführt hätten. Aber die Themen der Los Caprichos sind nicht weniger düster, als die Themen der schwarzen Bilder. Handeln die Los Caprichos von Prostitution, Aberglaube, Missbrauch klerikaler Macht, so die Pinturas negras von Kannibalismus, Teufelsanbetung, kriegsbedingtem Exodus.
Da ich kein Kunstprofessor bin, muss ich die Frage, wer von den beiden Goyas die schwarzen Bilder wirklich gemalt hat, offen lassen. Aber der Schluss von Dehnels Roman geht ja eigentlich ganz wo anders hin! Hier wird es aktuell. Denn Javier entpuppt sich als geschickter Kunstfälscher, um noch mit dem Tod seines Vaters Geschäfte zu machen. Dass nur der Name einem Bild seine Bedeutung gibt, ist dabei der ironische Unterton. Javier erfreut sich an der Vorstellung, wie ein „Zunge schnalzender Engländer“ vor dem vermeintlichen  Original steht, das er teuer erworben hat (wobei er auch noch glaubt, er hätte ein Schnäppchen gemacht). Und sogar der Enkel Mariano, der seinen Großvater doch so schätzte und liebte, holt aus dem fast schon verfallenen Quinta del Sordo noch alles raus, was möglich ist.

Wer heutzutage vor so manchem Kunstwerk steht, der kann den künstlerischen Wert manchmal nicht mehr vom ökonomischen Wert des Objekts unterscheiden. Ein ästhetisches Drama, unter dem die konservative Literatur weit weniger leidet.

Ein Markenzeichen der ganzen Goya-Sippschaft ist immerhin ihre Geldgier. Goyas Vater war ein angesehener Vergolder aus Fuendetodos, einer Provinz in der Nähe von Saragossa. Aber sowohl in Feuchtwangers Goya-Bild entsteht der Eindruck, Francesco wäre aus armen Verhältnissen gekommen, als auch in Dehnels Goya-Darstellung. Natürlich war Francesco reicher als sein Vater Jose. Wie auch immer – das Geld spielt in jedem Fall eine fast so zentrale Rolle, wie die Bilder. Fast hat man sogar den Eindruck, dass die Bilder nur dem Zweck dienen, sie zu Geld zu machen. Der künstlerische Wert, das ästhetische Vergnügen beim Betrachten der Bilder rückt in den Hintergrund. Und die Pointe des Romans ist dann auch das Ergebnis einer gezielten Kunstkritik.

Die Diskrepanz zwischen der Charakterlosigkeit der Figuren und den tiefen Aussagen der Bilder (verstärkt durch die poetischen Bildbeschreibungen), sticht daher auch markant ins Auge – wenn ich das mal so allegorisch sagen darf. Eine Welt der Grausamkeiten, eine Welt des Elends. Dabei blicken die zweifelhaften Helden in Dehnels Roman auf den idyllischen Manzaneras und betrachten voll der Wonne die Waschweiber, ergötzen sich an ihren reich gedeckten Tischen, flirten mit dem Adel – und spuckten ihren heimlichen Ekel als Farbe wieder aus.

Während in Feuchtwangers Goya-Bild durchaus noch ein leidender Goya gezeigt wird, ist Dehnels Goya ein Produzent, ein Macher, ein selbstverliebter multiperverser Schöpfer.

Wenn man sich 200 Jahre später mit einem Menschen beschäftigt, fällt mir die Geschichte von Aristoteles ein, dem Platon-Schüler und Erzieher von Alexander dem Großen. Stellen Sie sich vor, Sie führen ein glückliches Leben, werden alt und sterben friedlich. Noch auf dem Sterbebett lassen Sie ihr Leben Revue passieren und sagen sich, dass Ihr Leben gut verlaufen ist, ein gelungenes Leben. Doch schon nach ihrem Tod beginnt die Gerüchteküche, üble Nachrede, die ganze Stadt redet jetzt schlecht über sie, verjagt ihre Kinder, die sich dann an den Nachbarn rächen und so weiter. Ganze Kriege wurden auf diese Weise entfacht. Würden Sie nun sagen, dass Ihr Leben immer noch gelungen war? Was bleibt von Goya? Seine Bilder. Spielt es eine Rolle, wer sie gemalt hat? Ist das von Bedeutung, ob unter dem Bild der Name des Schöpfers steht? Beim Betrachten des Bildes? Ich finde: NEIN. Bedeutsam ist es nur, wenn der Name des Schöpfers zum Fetisch wurde. Dann spielt aber das Bild selbst keine Rolle mehr, dann ist es gleichgültig, was da auf der Leinwand klebt, dann ist es nur noch wichtig, dass der Name des Schöpfers drunter steht. Das nennt man dann den Kunstmarkt. Dieser Kunstmarkt entstand gleichzeitig mit dem Kapitalismus im 14., 15. Jahrhundert, als Reichtum akkumuliert wurde und die Handvoll Reichen erstens ihr Geld loswerden wollten und sich schmücken wollten und zugleich nachhaltig investieren wollten. So hat der weltliche und der klerikale Adel seine Häuser und Kirchen mit Kunst geschmückt und so macht er es noch heute. Nicht, dass diesen Investoren in Kunst der ästhetische Gehalt völlig gleichgültig wäre, das nicht, aber er ist unbeugsam mit Wertschöpfung verknüpft. Und dazu braucht es den Namen. Eine Blendung, die Dehnel zum Ende herrlich als Pointe einsetzt. Javiers späte, stille Rache, denn er malt sogar besser als sein Vater, der ihn immer als Maler der nicht malt bezeichnete. Was für eine Ironie. Was für eine schöne, böse Parabel auf den Kunstmarkt heute. Und die abschließende Frage, ob der ästhetische Wert eines Bildes durch die Charakterlosigkeit seines Schöpfers Schaden leidet? Das ist eine moralische Kategorie. Und das sollte man nicht vermengen. Sonst macht man den gleichen Fehler wie in der Vermischung von ästhetischem mit ökonomischem Wert. Und schon ist es wieder Fetisch.

 

 

Die Reise des Elefanten

Von José Saramago

Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis

Erschienen 2010 im Verlag Hoffmann und Campe

 

Das Gehirn eines ausgewachsenen Elefanten wiegt ca. fünf Kilogramm und beinhaltet 250 Milliarden Nervenzellen, dreimal so viele Nervenzellen, als der Mensch. Der Elefant Salomon, dessen unfreiwillige Reise von Lissabon nach Wien in diesem Roman beschrieben wird, ist ein solcher „Dickhäuter“, der seine hohe emotionale Intelligenz immer wieder unter Beweis stellt. Aber auch sein Appetit und sein Durst sind eines Dickhäuters würdig. Sein Mahut Subhro (später vom Erzherzog in Fritz umbenannt), erscheint - wie der Sekretär des Kaisers - dem Elefanten zu dienen. Auf Salomon muss vielfach Rücksicht genommen werden. Am Morgen ist er oft schlechter Laune und braucht unbedingt seine Ruhe. Was sich der Elefant denkt, bleibt ungewiss, aber gewiss ist, dass er sich etwas denkt, was bei 250 Milliarden Nervenzellen nicht überrascht. Heute wissen wir, dass Elefanten nicht nur enorm soziale Tiere sind, sondern tatsächlich von hoher Intelligenz. Inzwischen haben sie auch den berühmten Spiegeltest bestanden. Elefanten können sich selbst in einem Spiegel erkennen.
Das zu Lebzeiten des Nobelpreisträgers (1998) letzte Buch (2010), ist ein kleines Juwel.  José Saramago wurde vor allem mit dem Roman „Die Stadt der Blinden“ berühmt. Er war aber nicht nur Schriftsteller, sondern auch als Mitarbeiter im Bildungsministerium Portugals (dritte Republik) tätig, beteiligt an der berühmten Nelkenrevolution und Zeit seines Lebens ein überzeugter Kommunist.
Tatsächlich gibt es (wie Saramago auch in einem kleinen Nachwort schreibt) historische Belege für diese Reise des Elefanten. Johann der Dritte, war 15. König Portugals, stammte aus dem Hause Avis und war seit 1548 verheiratet mit Katharina von Kastilien, einer Schwester Karl V., aus dem Hause Habsburg. Katharina ist allerdings nicht glücklich, als ihr Gatte ihr mitteilt, dass er beabsichtigt ihrem Vetter aus dem Hause Habsburg, Erzherzog Maximilian, einen Elefanten zu schenken. Für sie selbst ist es schmerzhaft, aber politisch war es ein sehr weiser Akt. Denn Maximilian folgte schon 1563 seinem Vater Ferdinand I. auf den Kaiserthron. Die Verkettung der beiden wichtigsten Familien von Portugal und Österreich spielen dann auch an der Grenze zu Spanien (Castello Rodrigo) eine wichtige Rolle, denn die Soldaten Portugals stehen den Österreichern gegenüber. Einen Krieg gibt es nicht, einfach weil er nicht möglich ist. Die Länder sind miteinander verheiratet. Eine Friedenspolitik, die der Fortschritt inzwischen abgeschafft hat. Stellen Sie sich vor, man hätte Raghad Hussein mit Georg W. Bush verheiratet. Die USA hätte nicht in den Irak einmarschieren können, ohne einen erheblichen Familienstreit auszulösen. Das hätte an Thanksgiving Ärger gegeben.

Aber im Ernst: Saramago erzählt ziemlich detailgetreu eine beschwerliche Reise. Ich konnte mir diese Ochsenkarren richtig vorstellen und die Langsamkeit der Reise war teilweise beklemmend. Der Regen und der Schlamm waren spürbar. Es gibt keine ausgebauten Straßen im 16. Jahrhundert.  Und die Reisegesellschaft mit einem großen militärischen Tross und einem ausgewachsenen Elefanten muss auf jeden portugiesischen Bauern ziemlichen Eindruck gemacht haben. Beeindruckend geschildert ist vor allem auch die Alpenüberquerung in Memoriam Hannibals. Die Menschen wurden von den Schneemassen regelrecht erdrückt. Der Brennerpass ist noch weit weg vom Schengenabkommen und die großen Füße eines nicht behuften Elefanten mussten sehr trittsicher sein.

Die Menschen des 16. Jahrhunderts sind von Aberglauben durchtränkt, Im Gegensatz zu dem geradezu aufgeklärt wirkenden Subhro. Einmal versucht ein Dorfpfarrer dem Elefanten die Dämonen auszutreiben, während Subhro die Geschichte des Gottes Ganesha eher metaphorisch versteht. Im 16. Jahrhundert war die Inquisition, das Inquisitionstribunal (die übrigens Katharina 1536 einführte) allgegenwärtig. Wir befinden uns ja im Zeitalter der Gegenreformation. Gerade in Portugal war sie sehr mächtig. Daher scheuten sich die Soldaten, offen zu sprechen. Die Angst vor dem Unbekannten, Fremden wird an dem Elefanten Salomon offensichtlich, und Saramago verknüpft das überzeugend, dieses Tuscheln und heimliche Staunen.
Saramago hat viele kleine Binnenerzählungen eingebaut, die sich ganz natürlich in den Fluss der Gesamterzählung einfügen. So erzeugte er eine Tiefendimension und eine Binnenspannung. Die Auseinandersetzung mit dem portugiesischen Kommandanten und dem Mahut, die am Ende zu einer tiefen Freundschaft wird, die erniedrigende Namensänderung durch den Erzherzog verweist auf den paternalistischen Charakter der Herrschaftsformen im 16. Jahrhundert.
Immer wieder erzählt Saramago auch die Beziehungen der Menschen zu den Tieren. Sei es die Beziehung des Kommandanten zu seinem Pferd, die des Mahut zum Elefanten, die irrationale Angst vor Wölfen, oder die wunderbare Geschichte von der tapferen Kuh, die sich gegen Wölfe wehrt um ihr Kalb zu schützen.

Der auktoriale Erzähler, der gerne die Pluralis kommunes verwendet, mag etwas ungewohnt sein, da er heutzutage nicht mehr üblich ist, aber in dieser ein wenig märchenhaften Erzählung finde ich ihn doch sehr passend. Auf diese Weise kann sich der Erzähler auch immer wieder allerlei Gedanken machen und im Stile eines Cervantes seine Figuren betrachten. Der Ritterepos ist ja noch ganz lebendig, was auch in dem Verweis auf die Reconquista angedeutet wird. Die Kreuzzugsidee leitete dann auch den Untergang des Hauses Avis ein. König Sebastian, der Nachfolger von Johann III (sein Sohn), starb bei der Schlacht von Alcácer-Quibir. Dies löste den so genannten Sebastianismus aus, weil die Leiche des Königs nie gefunden wurde. Ähnlich wie bei unserem König Barbarossa, dem Kyffhäuser. Entscheidend war, dass Sebastian keine Nachfolger hatte und so fiel der Thron an die spanischen Habsburger. Am Ende hatte sich also mal wieder das Haus Habsburg durchgesetzt. Mehrfach erwähnt Saramago, dass Johann III mit Katharina 16 Kinder hatten. Auf Wikipedia.org zählte ich sogar 18 Kinder. Aber egal. Eine Leistung, die man sich erst mal vorstellen muss. Eine Frau, die praktisch dauerschwanger ist. Insofern hat sich die Spanierin am Ende den Thron verdient.

Saramago erzählt uns aber gar nicht die Geschichte Portugals. Dennoch ist sie als Subtext immer spürbar. Dass Saramago in Salzburg auf einer Vortragsreise auf die Geschichte von der Reise des Elefanten im Salzburger Retaurant bzw. Hotel „Der Elefant“ (wie im Nachwort erwähnt) stößt, verweist noch einmal auf die tiefe historische Beziehung zwischen Portugal und Österreich. Und natürlich auch zu Brasilien. Nur so als kleines Detail. In Rio gibt es eine ganze Anzahl an Horwatitsch. 

Am Ende überlebt der Elefant nur zwei Jahre in Wien. Über das weitere Schicksal des Mahut ist nichts bekannt. Ein Glück, dass Saramago diese Geschichte ausgegraben hat und uns wiedererzählte.

 

 

Washington Square

Von Henry James

Ins Deutsche übertragen von Bettina Blumenberg

Erschienen zuletzt 2015 im Verlag btb

Der 1880 erstmals als Serie im Harpers Magazin erschienene Roman von Henry James soll auf einer wahren Geschichte basieren, die ihm die Schauspielerin Fanny Kemble erzählte. Doch die tragikomische Vater-Tochter-Geschichte könnte auch viele Anleihen aus dem privaten Binnenraum von James selbst haben. Henry James hatte neben seinen drei Brüdern auch eine Schwester, Alice. Ihr Vater Henry James Sr. war der festen Überzeugung, dass Bildung der natürlichen Würde und Aufgabe der Frau schaden könnte (ähnlich wie Austin Sloper). Während die Brüder die beste Ausbildung bekamen (William James wurde ein berühmter Psychologe und Philosoph), wurde Alice schlicht nur hysterisch, worunter sie litt, weil sie keine „richtige Krankheit“ (Diary von Alice James) hatte. Als Alice mit 43 Jahren an Krebs erkrankte, schrieb sie in ihr Tagebuch: “Dem der wartet wird gegeben! ... Seit ich krank bin, habe ich mich nach irgendeiner handgreiflichen Krankheit gesehnt, egal was für einen fürchterlichen Namen sie haben mochte.” 
Heute weiß man (am Beispiel Virginia Woolf), dass die Hysterie im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch auftaucht. Dafür gibt es im Fall von Alice keine hinreichenden Beweise, aber der hier vorliegende Roman von Henry James erzählt zumindest die Geschichte eines Missbrauchs. Nicht sexueller Natur, aber Machtmissbrauch und Manipulation. Erst zum Ende des Romans, als Catherine das erneute Angebot von Morris Townsend ihn zu heiraten endgültig ablehnt, trifft sie eine eigenständige Entscheidung. Davor ist sie mehr oder weniger das Manipulations-Objekt von Lavinia Penniman (ihrer Tante), dem Liebeswerben von Morris Townsend und dem strengen Regiment ihres Vaters Austin Sloper. Die manipulative Kraft des Arztes Austin Sloper reicht sogar, um die Schwester von Morris Townsend gegen ihre ureigene Schwesterliebe verstoßen zu lassen. Sie verrät ihren Bruder, indem sie ausruft: „lassen Sie nicht zu, dass sie ihn heiratet.“
Morris Townsend ist tatsächlich ein Mitgiftjäger und äußerst berechnend. Aber auch Catherines allzu selbstgerechter Vater Austin kam nicht anders in seine gesellschaftliche Position, als durch seine Heirat. Allerdings: der auktoriale Erzähler in dem Roman verweist uns mehrfach darauf, dass dies für viele junge Männer die einzige und eine durchaus ehrbare Möglichkeit war, ihre Talente zu entfalten. Wenn Austin Sloper also Townsend als zukünftigen Schwiegersohn ablehnt, dann sicher nicht wegen seiner materiellen Einstellung, obwohl er genau das als Argument vorbringt. Vielmehr verbergen sich dahinter eine Form der Eifersucht und ein patriarchaler Anspruch. Austin Sloper ist das ranghöchste Männchen in seiner kleinen und überschaubaren Gruppe. Morris Townsend ist für ihn eine Bedrohung. Folglich beißt er ihn weg. Parallel ist Catherine auch der Spielball einer Geschwister-Fehde. Denn Lavinia ist ja die Kupplerin und will Catherine auf ihre Seite ziehen, trifft sich heimlich mit Morris, und strickt an ihrem romanhaften Weltbild. Austin Sloper ist daher auch als Beschützer seiner Tochter zu sehen. Und der unbekannte Erzähler wird ja nicht müde darin, Sloper zu loben, als intelligenten und gerechten Mann. Austin Sloper macht es sich nicht einfach (Seite 64/65, da ringt er mit sich). Er will Townsend ja eine Chance geben. Aber zugleich spürt der Leser des Textes, dass das irgendwie geheuchelt ist. Vielleicht, weil der unbekannte Erzähler den Arzt ein oder zwei Mal zu oft lobt.
Als Austin mit seiner Tochter die Europatour macht, sagt er ihr einmal sehr deutlich: „Ich bin kein guter Mensch.“ Damit widerspricht Austin dem Erzähler. Catherine hält dennoch weiter stoisch zu ihrem Vater. Sie könnte eine unabhängige Entscheidung treffen, denn das Erbe von ihrer Mutter reichte aus, um mit Morris ein sorgenfreies Leben zu führen. Aber für Morris und wohl auch Catherine wäre es eine gesellschaftliche Demütigung, wenn der Vater sie des väterlichen Teils enterbt. Es geht also mitnichten ums Geld. Es geht um gesellschaftliche Anerkennung, welche über das Geld kanalisiert wird. Hier ist die Analyse im Nachwort der Übersetzung ein wenig zu verkürzt und auch zu banal. Denn zu allen Zeiten tragen wir unsere gesellschaftlichen Verhältnisse in der Geldbörse mit. Hier ist es komplizierter, denn Name und Ehre sind noch enger mit dem Geld verknüpft. Heutzutage reicht Geld. Name und Ehre wurden längst Archaismen. Der Hinweis der Übersetzerin auf den Rechtsphilosophen  John Austin (als möglicher Vornamensgeber), der in seiner Philosophie positivistischer Rechtsauffassung Recht und Moral trennt, genügt mir auch nicht, um Austin Slopers kompliziertes Innenleben zu beschreiben. Einerseits ist er selbstgerecht bis zum Hochmut, andererseits hat er auch einen hohen Anspruch an sich und andere. Er ist zugleich Patriarch und liebender Vater. Während seine Tochter von geradezu entwaffnender Direktheit ist, kann der Arzt seine Tochter nur hinter einem prätentiösen Schleier wahrnehmen. Er will das Höchste für seine Tochter und hält doch so wenig von ihr. Er spürt auch, dass er sie unterschätzt, und will sie doch als Patriarch an der Stelle haben, wo er sie hingestellt hat.
Entlarvend für das Scheitern an der eigenen Prätention ist ein Gespräch zwischen Austin Sloper mit seiner Schwester Mrs. Almond:
„Wirst du denn nicht einlenken?“
„Lässt sich ein geometrischer Lehrsatz zum Einlenken bewegen? Ich bin nicht so oberflächlich.“
„Handelt die Geometrie nicht von Oberflächen?“, fragte Mrs. Almond, die, wie wir wissen, sehr gescheit war; und sie lächelte dabei.
(Seite 149)
Sloper versucht sich zu retten, indem er das Gleichnis weiterführt (Ja, aber sie befasst sich tiefgründig mit ihnen, Catherine und ihr junger Mann sind meine Oberflächen; ich habe bei ihnen Maß genommen). Der „gerechte Patriarch“ Sloper als Urbild des Gruppenführers, dessen Maß allein gerecht ist. Das könnte auch der Vater der James gewesen sein. Henry James Sr., der mit 13 Jahren beim Versuch ein Feuer mit den Füßen auszutreten ein Bein verlor, der sich trotzdem durchsetzte und Theologie studierte (später zur New Church übertrat), mit den amerikanischen Größen seiner Zeit befreundet war (Thoreau, Ralph Waldo Emerson, Thomas Carlyle), der mit Mary Walsh (die Tochter eines Princeton-Gelehrten) ebenfalls in höhere Kreise einheiratete und mit eben dieser Mary in Washington Square lebte, mit deren Kinder, Henry, William und Alice. Und Alice wurde ähnlich unterdrückt, wie Catherine in dem vorliegenden Roman. Zwei Jahre nach Alice‘ Tod bekam William ihr Tagebuch zugeschickt. William schrieb an seinen Bruder Henry: “Das Tagebuch hinterläßt einen einmaligen und tragischen Eindruck von persönlicher Stärke, die sich an nichts auslassen konnte.” Womit er im Wesentlichen das übliche Schicksal weiblichen geistigen Strebens im 19. Jahrhundert genau erfasst hat.
Im Roman findet Catherine ihren kleinen Machtbereich in der Wohltätigkeit. Dort – im Rahmen eines VG-Tarifs (Vergelts Gott Tarif) – durften sich die Frauen noch austoben (ein sicher hier ironisch zu verstehendes Verb). Catherine erlebt einen kleinen Sieg über ihre Tante, weil ihr die jungen Mädchen die  Liebesgeschichten erzählen, nicht Lavinia. Das liegt daran, dass Catherine einfach ernster ist und emanzipierter, während ihre Tante eher noch wie ein Kind das Leben spielt.

Washington Square gilt als einer der einfacheren Romane von Henry James, relativ klar und chronologisch erzählt, keineswegs so verschachtelt wie zum Beispiel Portrait of a young lady, welcher nur ein Jahr später veröffentlicht wurde. Aber so einfach wie er geschrieben ist, ist der Roman auch wieder nicht. Warum der Autor ihn selbst nicht besonders schätzte, weiß ich nicht. Vielleicht ist wirklich zu viel privater Binnenraum darin. Dann wäre es auch ein Stück Abrechnung mit dem eigenen Vater. Das kann für einen Schriftsteller nie so befriedigend sein, wie für den Leser.

 

 

 

Die Mittellosen

Von Szilárd Borbély

Aus d. Ungar. v. Flemming, Heike; Kronitzer, Laszlo

 

Der Ekel – schreibt Aurel Kolnai in seiner „Phänomenologie der feindlichen Gefühle“ – bezieht sich niemals auf Anorganisches. Es ist leibgebunden. Das Ekelhafte grinst, starrt, stinkt uns an. Es lockt uns auf makabre Art an. So wie den kindlichen Erzähler, als er beobachtet, wie eine abgemagerte Katze versucht, einen Frosch zu verschlingen. Es ekelt ihn, aber er kann nicht wegsehen, muss hinsehen. Ein wenig so könnte es auch dem Leser dieses herausragenden Romans gehen. Er muss weiterlesen. In bedingungslos einfachen Sätzen erzählt das Kind (Bobonka) uns von einem Dorf im Ungarn der 1970er Jahre, inmitten des so genannten Gulaschkommunismus (wegen der leichten Liberalisierungen des sozialistischen Ostblockstaates so genannt), das von János Kádár bis zur Wende (1988) regiert wurde. Doch der langjährige ungarische Diktator Kádár (im Horthy-Regime noch zwei Jahre im Gefängnis gesessen) war alles andere als liberal. So befürwortete er den Einzug der russischen Truppen 1956 beim ungarischen Volksaufstand. Zudem war Kádár Mitbegründer der gefürchteten politischen Geheimpolizei ÁVH und verantwortlich für 1200 Hinrichtungen. Borbély erzählt uns sehr anschaulich von den Konflikten der Kleinbauern mit den Kommunisten, die sie einerseits hassen und andererseits fürchten. Alle wissen, dass der Wirt ein Spitzel der Geheimpolizei ist. Dennoch schimpfen, spucken und prügeln sich die berauschten Männer in der Kneipe. Kehren sie heim, prügeln sie auch ihre Kinder, die ihrerseits dann ihre Kinder prügeln werden. Die Atmosphäre roher Gewalt und Barbarei durch Hunger und Furcht wird konsequent weiter vererbt. Aber sie hassen auch den Kulak, früher ein russischer Ausdruck für wohlhabende Bauern, der durch die Kulturrevolution zum Pejorativ wurde. Der Vater des Erzählers wird als Kulakenbastard (auch als Schabbesgoi) beschimpft und bekommt von der LPG keine Arbeit mehr. Borbély bedient hier natürlich die Urängste reicher Bürger vor dem Sozialismus. Doch auch die Mutter ist eine Außenseiterin, eine eingewanderte Ostslawin (Ruthenen aus Litauen). Das erzählt auch einiges über den Antisemitismus und -ziganismus, sowie faschistoiden Nationalismus des gegenwärtigen Ungarn unter dem Regime von Viktor Orbán.

Borbélys Erzählstil aus Subjekt-Prädikat-Objekt-Sätzen, diesen präzisen im immer gleichen Rhythmus im Präsens geschriebenen Sätzen zu folgen, wäre vielleicht irgendwann ermüdend geworden, hätte der Autor nicht immer wieder durch montierte Zitate seiner Figuren den gewählten Stil durchbrochen. So gibt es zum Beispiel in der Mitte des Buches eine lange Erzählung von dem Großvater über die Herkunft der Familie von einer Popenfamilie aus Berek (in Kroatien). Hier werden die Sätze länger, im Erzählperfekt geschrieben und als beeindruckender Bericht über die Armut und die Ungerechtigkeit der Figur des Großvaters authentisch unterlegt. Dieses Stilmittel wendet Borbély konsequent an und so gelingt es ihm, die Figuren lebendig zu machen.

Die erschreckende Armut und damit einher gehende Verrohung der bäuerlichen Welt, die hier beschrieben wird, ist oft kaum zu ertragen. In Schlamm, Dreck und Elend lebend, essen die Bewohner des Dorfes verdorbene Nahrung, kratzen den Eiter aus ihren Schweinen und verprügeln ihre Kinder mit einem dreckigen alten Putzlappen, der schon ganz steif ist. Der heute in Ungarn wieder aufblühende Antisemitismus und Antiziganismus wird in diesem Dorf geflüstert, ist nur unterdrückt da und jederzeit bereit, wieder hervorzukommen. Die Ambivalenz der halbjüdischen Familie dessen Leben in diesem Roman geschildert wird, wirkt zunehmend bedrückend. Die verzweifelte, hysterische und ihren Kindern immer wieder mit Selbstmord drohende Mutter verstärkt noch den paradoxen Effekt des Ekels. „Im Hass“, schreib Kolnai, „ist ein durchaus spontanes, gleichsam wählendes Aufsuchen des Gegenstandes enthalten. Der Ekel aber entsteht im allgemeinen mit voller Eindeutigkeit als einzig in Frage kommende, durch den Gegenstand unmittelbar herausgeforderte Reaktion.“ Und Borbély ermöglicht mit seinem hochpoetischen unmittelbaren Präsens des Erzählens dem Leser die Teilnahme an diesem Ekel. Wir können uns nicht entziehen und sind fasziniert und geschockt zugleich. Die Bauern treiben den Kindern das Träumen aus, indem sie nachts neben den schlafenden Kindern eine Katze in einen Sack stecken und langsam tot knüppeln. Der grausame Todeskampf der Katze geht auf die schlafenden Kinder über und zerstört ihre Träume. Der Hyperrealismus dieser Erzählweise erinnert an die Kunstform eines Gottfried Helnwein und macht dieses Dorf so unheimlich. Schauerlich ist dieses Leben im Dreck; eine Hölle.  Nur wenige Lichtgestalten, wie der Messias, ein zahnloser, äußerst friedfertiger Zigeuner, leben in diesem Dorf. Die Sprache ist roh, voller Kraftausdrücke. Kot, Eiter, verdorbene Nahrung, vielfältige derbe Ausscheidungsrituale und eine abstoßende Sexualität sind vorherrschend. Die Männer greifen den Frauen ungeniert unter die Röcke, was die Frauen nur mit Lachen und Kreischen quittieren. Ein Hengst besteigt eine Stute, der Bauer hilft dabei, das Geschlechtsteil einzuführen, Männer und Frauen stehen pfeifend und lachend dabei. Auch die Kinder sind heruntergekommen. Tagealter Rotz klebt an ihnen. Sie können nicht richtig sprechen. Die Lehrerin Frau Keraly empfindet Ekel vor ihnen. Sie schlägt ihnen mit dem Lineal auf die Finger, achtet aber darauf, ihnen dabei nicht zu nahe zu kommen. Schonungslos und ohne Sentimentalität schildert  Borbély die Armut. An ihr ist nichts Romantisches. Die Reichen wollen nichts mit den Armen zu tun haben. Der Ekel vor ihnen schlägt in Verachtung um.

2014 schied der Autor freiwillig (falls es das überhaupt gibt) aus dem Leben. Seine Übersetzerin Heike Flemming zitiert in ihrem Nachwort eine Email von Borbély, in der er das Ungarn unter Viktor Orbán mit dem Ungarn unter Kadár vergleicht und dieses Leben und auch die Literatur als sinnlos beschreibt („die Freiheit des Geistes ist etwas, womit man sich lächerlich macht“). So ist Borbély wohl ein Opfer des Kollektivs, das naturgemäß keine Freiheit verträgt. Das Individuum wird vergast, verschleppt oder wenigstens bespuckt. Das Kollektiv (Wir sind das Volk…) ist dumm, hässlich und eklig. Und es hasst das Individuum. Der Roman endet so auch mit einem Hauch Melodramatik. Denn der Vater des Erzählers wird von seinen Geschwistern verleugnet und später weist der Vater seine Schutz suchende Schwester Mali ab. Hat das Individuum einen moralischen Anspruch auf Revanche? Mali war ein integraler Bestandteil der Erzählung. Sie war ein Individuum, kleinwüchsig, kindlich. Sie wegzuschicken hatte etwas Grausames. Doch sie nicht wegzuschicken hätte fast etwas Unnatürliches und übermenschliches an sich gehabt. Nicht selten sind unsere Emotionen in dieses Paradoxon verstrickt.

 

 

 

Am Hang

Von Markus Werner

Erschienen 2004

Ich weiß noch, welches Vergnügen ich hatte, als ich vor einem viertel Jahrhundert über den Verfall, ja den Zerfall des Lehrers Konrad Zündel las –  aus seinem Debütroman 1984  (Zündels Abgang). Eine Beckett-Figur die man ins reale Leben gestoßen hatte. Ahnungslos sind sie, die Helden des Schaffhausener Autors, der nun im Alter von 72 Jahren an einem Lungenemphysem verstorben ist. Und beinahe mütterliches Kopfschütteln ernten diese Helden bei den Frauen. So wie die Atemtherapeutin Eva in seinem letzten Roman „Am Hang“, die dem anfangs so souveränen Helden Thomas Clarin nur noch seine Blindheit entgegen halten kann. Hier bleibt der Held Thomas Clarin sogar bis zum Schluss ahnungslos, kann nur spekulieren und sich so fürchten. Alles beginnt mit einem eher harmlosen Abendgespräch über Gott und die Welt. Die Zeitdiagnose, die uns Felix Bendel alias Thomas Loos hier liefert, ist eine Welt der Selbstoptimierer und von Änderungslust verdorben an der Oberfläche eines Datenmeers treibende Masse, in der die Menschlichkeit nur noch unter dem Aspekt der Nützlichkeit, des Wettbewerbsvorteils gesehen werde (Sie zahle sich aus, die Menschlichkeit…, Seite 31). Antriebslosigkeit sieht dieser Loos als „zivilen Ungehorsam, als Gegenkraft zum großen Treiben“ (Seite 59). Und das passt als Aussage zu einem Autor, der von sich selbst einmal sagte, dass er mehr absichtslos ins Schreiben geraten sei, dass er seinen ersten Roman eher heimlich, verschämt geschrieben habe. Sieben Romane insgesamt. Das ist im Vergleich mit dem Massenprodukt „Roman“ ein bescheidenes Oeuvre.   Wenn du einen Riesen siehst, so frage ich zuerst, ob es sich nicht um den Schatten eines Zwerges handelt sagt Loos einmal (Seite 68). Thomas Loos steht für das Alte und Thomas Clarin für das Neue. Doch ganz so einfach ist es dann eben doch nicht, weil in den Text eingewebt ist, auch das Ewige. Bettina (vielleicht Valerie) wird von einem Hirntumor geheilt, nur um beim Baden auszurutschen und an einem Hirntrauma zu versterben. Vielleicht hat Loos die Geschichte nur erfunden. Auch die Geschichte mit dem Blitz, den eine Frau traf, weil ihr BH einen Metallbügel hatte. Viele kleine Geschichten, die Markus Werner erzählt, die aber alle den Charakter von Schicksal haben. Die damit der Reproduzierbarkeit unseres Massenbetriebs widersprechen. Auch die Sexualität (wie am Beispiel der Penelope-Geschichte) geriet in diesen Massensog. In allen Lebensbereichen, so glaube ich, zeugt rasches Zur-Sache-Kommen und umstandsloser Vollzug von Verrohung. Allein das Zögern ist human. So erklärt es uns Thomas Loos (Seite 92). Doch das was massenhaft gedacht und praktiziert wird, gilt allmählich als normal. Du fickst wie eine Maschine (Seite 93), das erinnert an eine kleine Geschichte aus Markus Werners ersten Roman Zündels Abgang. Dort steht der verzweifelte Konrad Zündel in einer Kneipe und unterhält sich mit einem Arbeiter. Zündel, der Lehrer, behauptet, auch er sei ein Proletarier. Du bist kein Proletarier, sagt der Arbeiter. Warum nicht? Weil deine Kopfmaschine sogar beim Vögeln surrt.
Je doofer die Sendung, desto höher die Quote. Je doofer der Sexpartner, desto geiler der Vollzug. Doch es bleibt am Ende nicht bei der Zeitdiagnose. Markus Werner schafft es rechtzeitig, aus den Andeutungen (Alles dreht sich. Und alles dreht sich um ihn) einen echten Krimi zu machen, der bis zum Ende spannend bleibt. Wer ist dieser Loos, der sich unter falschem Namen vorgestellt hat? Ist er der Mann von Valerie? Ist es in Wirklichkeit Felix Bendel? Und damit hätte Thomas Clarin einen Todfeind, und zu Recht Angst. Markus Werner klärt uns nicht auf. Er lässt uns damit allein zurück. Und so hat Werner eine Angst dargestellt, die schon auch metaphysisch ist. Unser Leben ist nun mal ein Puzzle mit lauter fehlenden Puzzle-Teilchen.

  • Wie weiter? sagte ich, die Geschichte ist aus. – Nein sagte Loos, keine Geschichte ist aus und zu Ende, es gibt nur den willkürlichen Abbruch an einem beliebigen Punkt. (Seite 122)

Die Geschichte von der hier die Rede ist, ist die von Magdalena und Tasso. Dass Magdalena etwas, was gar nicht gewesen war unter Schmerzen verarbeitet hatte, da rät Loos, ihr nichts von seiner Theorie zu erzählen. Das falsche Wissen ein halbes Leben lang für korrekt gehalten zu haben, auch das ist eine Kuriosität mit Schicksalscharakter. So grotesk leben wir aus den falschen Gründen. Und dass es „kein richtiges Leben im falschen“ gebe, das hätte Magdalena hier widerlegt. Man darf es nur nicht aufklären. So wird das Wissen zu einem diabolischen Werkzeug. Und so mag es doch vernünftig sein, dass wir am Ende sterben, ohne dass die Geschichte von uns eigentlich zu Ende ist. Nur der Roman hat ein Ende. Nun ist unser Leben kein Roman. Eher eine Sammlung von Kurzgeschichten. Und hier gibt es einige Ereignisse im Leben, die ein stimmiges Ende haben. Vielleicht hatte ich daher stets ein Problem mit dem Schreiben eines Romans. Die Kurzgeschichte fand ich immer naheliegender. Nach zehn Seiten zu einem Ende zu kommen, erschien mir immer plausibler. Auch wenn die Fakten der Kurzgeschichte nicht so zahlreich waren, wie in einem Roman. Dafür hat die Kurzgeschichte oft eine Pointe, einen letzten Stich, einen Sinn. Sinn braucht also keine Tiefe. Der Stich mag an der Oberfläche liegen. Werner hat hier einen Roman geschrieben, der mehrere kleine Stiche setzt und am Ende eine offene Wunde zurücklässt. Es liegt nun an uns Lesern, darüber zu befinden, wer dieser Thomas Loos wirklich war. Es liegt nahe, in ihm Felix Bendel zu sehen. Aber liegt es nicht zu nahe? Nach dem lex parsimoniae war Loos Bendel. Doch wäre das nicht eine unzulässige Reduktion? Oder anders: Ist das eigentlich von Bedeutung? Schließlich öffnete das Gespräch mit Thomas Loos für den oberflächlichen Schürzenjäger Thomas Clarin einen Raum, der einen kathartischen Schauer nach sich zog. Und dieser Schauer, als Gefühl, bleibt ja. Und das besondere an Gefühlen ist ja, dass wir sie nachträglich rationalisieren wollen, um ihnen die Schärfe zu nehmen. Belassen wir es beim Rätsel? Halten wir das aus?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

* Vorsicht Ironie…

 

 

Rückblick

Im fünften Halbjahr unseres Lesekreises reisten wir in der Zeit zurück und dann von Portugal nach Wien in Begleitung eines Elefanten.  Danach veränderten wir die Welt und entdeckten gemeinsam mit Werner Heisenberg das Prinzip. Mit Roger Willemsen bewegten wir uns danach in einer literarischen Zwischenwelt. Seine Gespräche mit ehemaligen Guantánamo-Häftlingen beeindruckten uns. Anschließend brauchten wir dringend Henry James, damit das Leben wieder Sinn macht, nur um darauf in eine absurde und gewaltvolle Gated Community in Südafrika zu geraten. In einem Schweizer Kurort im Tessin – das hatten wir dann auch nötig - beendeten wir unser literarisches Lesesemester. 

Chronik

 

24. Februar 2016                    Die Reise des Elefanten von Jose Saramago

06. April 2016                         Das Prinzip von Jerome Ferrari

18. Mai 2016             Hier spricht Guantanamo von Roger Willemsen

22. Juni 2016              Washington Square von Henry James        

20. Juli 2016               Die Mauer von Max Annas

07. September 2016              Am Hang von Markus Werner

                       

      

 

 

 

Die Reise des Elefanten

Von José Saramago

Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis

Erschienen 2010 im Verlag Hoffmann und Campe

 

Das Gehirn eines ausgewachsenen Elefanten wiegt ca. fünf Kilogramm und beinhaltet 250 Milliarden Nervenzellen, dreimal so viele Nervenzellen, als der Mensch. Der Elefant Salomon, dessen unfreiwillige Reise von Lissabon nach Wien in diesem Roman beschrieben wird, ist ein solcher „Dickhäuter“, der seine hohe emotionale Intelligenz immer wieder unter Beweis stellt. Aber auch sein Appetit und sein Durst sind eines Dickhäuters würdig. Sein Mahut Subhro (später vom Erzherzog in Fritz umbenannt), erscheint - wie der Sekretär des Kaisers - dem Elefanten zu dienen. Auf Salomon muss vielfach Rücksicht genommen werden. Am Morgen ist er oft schlechter Laune und braucht unbedingt seine Ruhe. Was sich der Elefant denkt, bleibt ungewiss, aber gewiss ist, dass er sich etwas denkt, was bei 250 Milliarden Nervenzellen nicht überrascht. Heute wissen wir, dass Elefanten nicht nur enorm soziale Tiere sind, sondern tatsächlich von hoher Intelligenz. Inzwischen haben sie auch den berühmten Spiegeltest bestanden. Elefanten können sich selbst in einem Spiegel erkennen.
Das zu Lebzeiten des Nobelpreisträgers (1998) letzte Buch (2010), ist ein kleines Juwel.  José Saramago wurde vor allem mit dem Roman „Die Stadt der Blinden“ berühmt. Er war aber nicht nur Schriftsteller, sondern auch als Mitarbeiter im Bildungsministerium Portugals (dritte Republik) tätig, beteiligt an der berühmten Nelkenrevolution und Zeit seines Lebens ein überzeugter Kommunist.
Tatsächlich gibt es (wie Saramago auch in einem kleinen Nachwort schreibt) historische Belege für diese Reise des Elefanten. Johann der Dritte, war 15. König Portugals, stammte aus dem Hause Avis und war seit 1548 verheiratet mit Katharina von Kastilien, einer Schwester Karl V., aus dem Hause Habsburg. Katharina ist allerdings nicht glücklich, als ihr Gatte ihr mitteilt, dass er beabsichtigt ihrem Vetter aus dem Hause Habsburg, Erzherzog Maximilian, einen Elefanten zu schenken. Für sie selbst ist es schmerzhaft, aber politisch war es ein sehr weiser Akt. Denn Maximilian folgte schon 1563 seinem Vater Ferdinand I. auf den Kaiserthron. Die Verkettung der beiden wichtigsten Familien von Portugal und Österreich spielen dann auch an der Grenze zu Spanien (Castello Rodrigo) eine wichtige Rolle, denn die Soldaten Portugals stehen den Österreichern gegenüber. Einen Krieg gibt es nicht, einfach weil er nicht möglich ist. Die Länder sind miteinander verheiratet. Eine Friedenspolitik, die der Fortschritt inzwischen abgeschafft hat. Stellen Sie sich vor, man hätte Raghad Hussein mit Georg W. Bush verheiratet. Die USA hätte nicht in den Irak einmarschieren können, ohne einen erheblichen Familienstreit auszulösen. Das hätte an Thanksgiving Ärger gegeben.

Aber im Ernst: Saramago erzählt ziemlich detailgetreu eine beschwerliche Reise. Ich konnte mir diese Ochsenkarren richtig vorstellen und die Langsamkeit der Reise war teilweise beklemmend. Der Regen und der Schlamm waren spürbar. Es gibt keine ausgebauten Straßen im 16. Jahrhundert.  Und die Reisegesellschaft mit einem großen militärischen Tross und einem ausgewachsenen Elefanten muss auf jeden portugiesischen Bauern ziemlichen Eindruck gemacht haben. Beeindruckend geschildert ist vor allem auch die Alpenüberquerung in Memoriam Hannibals. Die Menschen wurden von den Schneemassen regelrecht erdrückt. Der Brennerpass ist noch weit weg vom Schengenabkommen und die großen Füße eines nicht behuften Elefanten mussten sehr trittsicher sein.

Die Menschen des 16. Jahrhunderts sind von Aberglauben durchtränkt, Im Gegensatz zu dem geradezu aufgeklärt wirkenden Subhro. Einmal versucht ein Dorfpfarrer dem Elefanten die Dämonen auszutreiben, während Subhro die Geschichte des Gottes Ganesha eher metaphorisch versteht. Im 16. Jahrhundert war die Inquisition, das Inquisitionstribunal (die übrigens Katharina 1536 einführte) allgegenwärtig. Wir befinden uns ja im Zeitalter der Gegenreformation. Gerade in Portugal war sie sehr mächtig. Daher scheuten sich die Soldaten, offen zu sprechen. Die Angst vor dem Unbekannten, Fremden wird an dem Elefanten Salomon offensichtlich, und Saramago verknüpft das überzeugend, dieses Tuscheln und heimliche Staunen.
Saramago hat viele kleine Binnenerzählungen eingebaut, die sich ganz natürlich in den Fluss der Gesamterzählung einfügen. So erzeugte er eine Tiefendimension und eine Binnenspannung. Die Auseinandersetzung mit dem portugiesischen Kommandanten und dem Mahut, die am Ende zu einer tiefen Freundschaft wird, die erniedrigende Namensänderung durch den Erzherzog verweist auf den paternalistischen Charakter der Herrschaftsformen im 16. Jahrhundert.
Immer wieder erzählt Saramago auch die Beziehungen der Menschen zu den Tieren. Sei es die Beziehung des Kommandanten zu seinem Pferd, die des Mahut zum Elefanten, die irrationale Angst vor Wölfen, oder die wunderbare Geschichte von der tapferen Kuh, die sich gegen Wölfe wehrt um ihr Kalb zu schützen.

Der auktoriale Erzähler, der gerne die Pluralis kommunes verwendet, mag etwas ungewohnt sein, da er heutzutage nicht mehr üblich ist, aber in dieser ein wenig märchenhaften Erzählung finde ich ihn doch sehr passend. Auf diese Weise kann sich der Erzähler auch immer wieder allerlei Gedanken machen und im Stile eines Cervantes seine Figuren betrachten. Der Ritterepos ist ja noch ganz lebendig, was auch in dem Verweis auf die Reconquista angedeutet wird. Die Kreuzzugsidee leitete dann auch den Untergang des Hauses Avis ein. König Sebastian, der Nachfolger von Johann III (sein Sohn), starb bei der Schlacht von Alcácer-Quibir. Dies löste den so genannten Sebastianismus aus, weil die Leiche des Königs nie gefunden wurde. Ähnlich wie bei unserem König Barbarossa, dem Kyffhäuser. Entscheidend war, dass Sebastian keine Nachfolger hatte und so fiel der Thron an die spanischen Habsburger. Am Ende hatte sich also mal wieder das Haus Habsburg durchgesetzt. Mehrfach erwähnt Saramago, dass Johann III mit Katharina 16 Kinder hatten. Auf Wikipedia.org zählte ich sogar 18 Kinder. Aber egal. Eine Leistung, die man sich erst mal vorstellen muss. Eine Frau, die praktisch dauerschwanger ist. Insofern hat sich die Spanierin am Ende den Thron verdient.

Saramago erzählt uns aber gar nicht die Geschichte Portugals. Dennoch ist sie als Subtext immer spürbar. Dass Saramago in Salzburg auf einer Vortragsreise auf die Geschichte von der Reise des Elefanten im Salzburger Restaurant bzw. Hotel „Der Elefant“ (wie im Nachwort erwähnt) stößt, verweist noch einmal auf die tiefe historische Beziehung zwischen Portugal und Österreich. Und natürlich auch zu Brasilien. Nur so als kleines Detail. In Rio gibt es eine ganze Anzahl an Horwatitsch. 

Am Ende überlebt der Elefant nur zwei Jahre in Wien. Über das weitere Schicksal des Mahut ist nichts bekannt. Ein Glück, dass Saramago diese Geschichte ausgegraben hat und uns wiedererzählte.

 

 

Das Prinzip

Von Jérôme Ferrari

Aus dem Französischen von Christian Ruzicska und Paul Sourzac

Erschienen 2015 im Verlag Secession (Zürich)

 

Nichtlineare Dynamik, Turbulenzen bis hin zum Schmetterlingseffekt. Wir erlebten dies zuletzt mit der Wirtschaftskrise, eigentlich einer Immobilienkrise, und eigentlich nur die Krise einer einzigen Bank (Lehmann) die pleiteging. Eine Kettenreaktion, wie es sich auch in einer Nuklearbombe abspielt und nicht linear verläuft. …“wir werden ihr nicht entkommen. Dieser Prozess wird weitergehen bis an sein unvorstellbares Ende, er wird alles unter die Tyrannei seines Wachstums mit derart radikaler Unnachgiebigkeit stellen, dass nichts verschont bleiben wird…“, so erzählt es der namenlose Icherzähler in Ferraris Prosawerk „Das Prinzip“. Wir könnten den namenlosen Icherzähler auch Lord Chandos nennen. Der Adressat dieser Prosa ist diesmal aber nicht Mister Bacon, sondern ein anderer großer Wissenschaftler. Werner Heisenberg. 1925 auf Helgoland entdeckte er das so genannte Unschärfeprinzip, bzw. häufiger Unschärferelation genannt. Je genauer wir den Ort eines Teilchens bestimmen, desto ungenauer wird seine Bewegungsgröße und umgekehrt. Die berühmte Quantenmechanik. Das große Zerwürfnis mit der klassischen Physik. Erst gegen Ende der Prosa wird das Motiv des Erzählers klar, warum er sich direkt an Heisenberg wendet. Als junger Soldat der Alsos-Mission (einer geheimen Mission der US-Armee), sitzt er im Zug neben dem 43-jährigen Werner Heisenberg. „Wie finden Sie unseren See und unsere Berge?“ Diese Frage stellt Heisenberg, fasziniert von der Naturschönheit. Der junge Soldat hat gerade „Kadaver marschieren sehen“, war „vorangeschritten im Schatten des Todes“. Diese Frage darf Heisenberg nicht stellen. Aber dennoch hat er recht. Ultimative Schönheit geht über den Tod hinaus. Jetzt, Jahrzehnte später sind gerade die Märkte zusammengebrochen, „die Algorithmenentwickler zittern vor Ohnmacht und Schrecken“. Der Erzähler packt seine Sachen, auch er wurde von diesem Zusammenbruch in die Knie gezwungen. Ferrari erzählt in vier Positionen, in Geschwindigkeit, Energie und Zeit die Geschichte Heisenbergs, erzählt die Auseinandersetzungen der jungen Wissenschaftler, von Wolfgang Pauli bis Albert Einstein, erzählt die Versuche Heisenbergs, ein friedliches Nuklearprogramm (Kernkraft) zu entwickeln, bis hin zu der Internierung deutscher Atomphysiker (von Otto Hahn bis Friedrich von Weizsäcker) auf Farm Hall, durch eben diese Alsos-Mission. Schließlich war es die USA, die erstmals eine Atombombe zündete, genannt „the Mother of all Bombs“, getestet in dem berühmten Trinity-Projekt. Verwüstung pur. Der letzte Satz der Prosa „In meinem ganzen Leben habe ich nie Schöneres gesehen“, könnte sich auch auf diesen Lichtblitz beziehen. Der Wahnsinn, dass die Unschärfe der Messung ein Prinzip ist, und kein Messfehler, dieser Wahnsinn der Nichtlinearität macht jedes Ereignis zu einem totalen Ereignis. „Alles, das riesige Universum und jedes unserer Leben, unsere winzigen Lieben, ist ein für alle Mal gegeben im kompakten Block einer unzugänglichen Ewigkeit, die unser Geist in Form eines allmählichen Flusses durchläuft und abspult, so, wie die Spitze eines Diamanten den Spurrillen einer endlosen Platte folgt.“ Der korsische Schriftsteller Ferrari, der in Abu Dhabi in den vereinigten Arabischen Emiraten Philosophie lehrt (das allein ist ja schon stark), glänzte schon vor zwei Jahren mit einer Predigt auf den Untergang Roms und mit Sätzen wie „es herrscht gleißende Morgendämmerung, deren brutales Licht das Gedächtnis der Menschen blendet, und ihre schmerzhaften Erinnerungen sind dem Schwinden der Finsternis anheimgegeben, die sie in ihrer Auflösung mit sich nimmt“ die schon von biblisch apokalyptischer Schönheit sind. Dafür bekam er den wichtigsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt. Der Sound ist gleich geblieben, hypotaktischer Satzbau, wie zum Beispiel aus dem Satz: „vom Sultanat Oman … verbleiben wahrscheinlich noch immer Menschen …“, wird „vom Sultanat Oman an den Ufern des Golfs, der die Perser und Araber noch immer um die Ehre streiten lässt, seine eponymen Heroen zu sein, verbleiben, verstreut über die Wüste, die jahrhundertelang ein Zuhause war den Beduinen, für die keine Schönheit, wenn nicht jene Gottes, die Schönheit der Poesie überragte, wahrscheinlich immer noch Menschen, die verzaubert sind von den unvergleichlichen Versen, die al-Mutanabbi vor mehr als tausend Jahren verfasste…“

„Ich kann alles sagen“, erzählt der Erzähler von sich selbst, macht sich selbstironisch lustig über den „zwanghaften und eitlen Hunger zu erregen“, und verweist damit auf unsere Gier, die jene ultimative Bombe und ihre nichtlineare Kettenreaktion geradezu zum Prinzip unserer Existenz macht. Jener Lichtblitz, nichts Schöneres haben wir je gesehen“, und nichts Teuflischeres zugleich. Es gibt in dem starken Spielfilm „Die Schattenmacher“ über das Trinity-Projekt (Paul Newman spielt hier den General Groves – nach diesem General Groves wurde auch die Alsos-Mission benannt) gibt es eine großartige Szene, wo Robert Oppenheimer in Los Alamos dem ersten Atomtest beiwohnt. Er hat ein von der Druckwelle verzogenes Gesicht, trägt eine Schutzbrille. Das sieht allein schon teuflisch aus. Oppenheimer sagt dann fasziniert: „Wunderschön“. Dieses Bild zeigt die Unschärfe der Position als moralischen Wert. Mit den Worten des Erzählers aus Ferraris Text: „Am 16. Juli 1945, am Vorabend der Potsdamer Konferenz, erstrahlt am Himmel von New Mexico eine von einer Wolke aus durchsichtigem Purpurrot umkränzte Feuerblase und gräbt einen Krater aus Glas und zerbrochenen Smaragden in den Wüstensand. Robert Oppenheimer liefert mit dieser Tendenz zum Mystizismus, die mehr oder weniger all jene aufweisen, die mit dem Atom zu tun hatten, in nur allzu berühmt gewordenen poetischen Begriffen eine Vorstellung vom Rausch der Maßlosigkeit, der die Menschen übermannt, wenn sie zu Göttern werden.“ So wenig wie eine Messung den Wert bestimmen kann, so wenig gibt es eine Bestimmung des moralischen Wertes. Und das, was wunderschön ist, ist zugleich pure Zerstörung. Das antike Ästhetik-Modell des rechten Maßes, ist durchbrochen, zerbrochen worden. Wir zerstören für unsere Erkenntnisse. Ein Drama, das uns geradezu als Menschen auszeichnet, uns immer in der Bestimmung lag – sofern es überhaupt eine Bestimmung in all dem Chaos geben könnte, wenn es im Rauschen der Zeit überhaupt Hörbares geben könnte. Nun. Man mag das Pathos von Jérôme Ferrari mögen oder nicht, aber diese Art Sprache drängt sich auf, wenn Unglaubliches verhandelt wird. Und das ist die moderne Physik nun mal: Unglaublich. Sie lehrt uns Demut. Aber der Mensch, selbst Gott, wie soll er demütig sein mit seiner Allmacht alles zerstören zu können - mit der Mutter aller Bomben?

 

 

Hier spricht Guantánamo

Von Roger Willemsen

Erschienen 2006 im Verlag Fischer

Was tun? Anzeige erstatten wegen Körperverletzung, ganz klar. (Briefe von Ulrike Meinhof aus der Isolationshaft)

Die Camera silens ist eine kleine Zelle, in der Tag und Nacht die Neonbeleuchtung eingeschaltet ist, erfüllt von einem ständig gleichlauten Summen. Der Delinquent leidet an Bewegungsmangel, Sauerstoffmangel, psychischer und physischer Deprivation. Ulrike Meinhof verbrachte 237 Tage in einer Camera silens. Artikel 5 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 besagt: „Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.“ Niemand!

Besonders neu und originell sind die Beschreibungen von Roger Willemsen daher eher nicht. Denn weder die BRD, noch die USA, noch Russland, China, oder die angeblich sicheren Herkunftsländer der Maghreb-Staaten hielten bzw. halten sich an diese Erklärung der vereinten Nationen (immerhin 193 Staaten). Es mag sein, dass der literarische Wert von fünf Interviews, die kaum oder gar nicht redigiert wurden, zunächst marginal erscheint. Doch die Definition, dass Literatur ein sprachlich fixiertes Zeugnis ist, macht diese Interviews zur Literatur. Wir erfahren von fünf Menschen, dass sie ohne Gerichtsverhandlung, ohne nachweisbare Gründe entführt wurden, gefoltert und – unbrauchbar geworden für was auch immer  – wieder auf freien Fuß gesetzt. Diese Freiheit wurde für diese Menschen total. Denn sie wurden ihrer sozioökonomischen Grundlagen beraubt. Verwirrt und traumatisiert wurden sie einfach zurückgelassen. Der Verdienst dieses Buches ist es also nicht, die Brutalität des Guantánamo Bay Naval Base in Kuba zu belegen. Das war bekannt. Das IKRK gab bereits im März 2004 bekannt, dass dort gefoltert würde. In Deutschland sorgte 2005 der Fall Murat Kurnaz für Aufsehen und seine Biografie (Fünf Jahre meines Lebens) wurde vor wenigen Jahren (2013) verfilmt. Damals fragte sich die ZEIT „Wie viele Folterszenen mutet man dem Zuschauer zu? Zeigt man zu wenig Gewalt, setzt man sich dem Vorwurf der Verharmlosung aus. Zeigt man zu viel, drohen eine hohe Alterseinstufung und wenige Besucher im Kino.“ Was für eine zynische Fragestellung. Was man bei den Interviews von Roger Willemsen mit den ehemaligen so genannten Häftlingen (denn es sind Entführungsopfer) erfährt, ist aber nicht der süße Schauer des Schreckens durch Folter, nicht jene Katharsis, die in jedem billigen Horror-Film zu haben ist, sondern die Ohnmacht von einzelnen Menschen. Eine Ohnmacht, die jeder von uns kennt. Wir leben in einer zunehmend anonymisierten Welt, einer Maschine, die funktioniert. Plötzlich ein Ereignis wie 9/11! Die Maschine stottert kurz, und dann funktioniert sie auf beängstigende Weise weiter: auf höchstem effektiven Niveau. Empathie-frei. Die Charta für die Menschenrechte haben auch US-Amerikanische Politiker unterschrieben. Als Obama Präsident wurde, stand er unter besonderer Beobachtung aufgrund seines Versprechens, das illegale Lager in Kuba binnen einen Jahres zu schließen. Es ist ihm nicht gelungen. Denn die Maschine funktioniert. Erschreckend an den Interviews ist einerseits die Ungerechtigkeit, die beispielsweise einem jordanischen Religionslehrer (Youssef Mustafa) widerfuhr, erschreckend ist die innere Logik der Handlungskette, die bei allen von Willemsen interviewten Menschen gleich ist. Die Willkür der Auswahl, die Methode der Entführung durch bezahlte Söldner, das faktische Fehlen jeder Beweisaufnahme und das Ausspucken der Betroffenen ins Nichts. Das sind Insignien des Terrors. Laut Resolution 1566 des UN-Sicherheitsrates sind „terroristische Handlungen solche, die mit Tötungs- oder schwerer Körperverletzungsabsicht oder zur Geiselnahme und mit dem Zweck begangen werden, einen Zustand des Schreckens hervorzurufen, eine Bevölkerung einzuschüchtern oder etwa eine Regierung zu nötigen und dabei von den relevanten Terrorismusabkommen erfasst werden“ Und wenn der Staat selbst zum Terroristen wird, liegt der Skandal ja nicht mehr nur in der Brutalität. Denn von einem konservativen Standpunkt aus kann der Staat durchaus sein brutales Handeln legitimieren (der Fall Deschner / Gäfgen von 2002  als Beispiel). Der Skandal liegt eben in der Willkür. Willkür bezeichnet ursprünglich wertneutral die Entscheidungsfreiheit im Gegensatz zur Notwendigkeit, in bestimmter Weise zu verfahren. Bezogen auf den Staat besteht allerdings aufgrund der Bindung auf das Gemeinwohl auch dann keine eigentliche Entscheidungsfreiheit, wie sie Privaten zusteht. Auch die Ausübung von Staatsgewalt innerhalb eines Ermessensrahmens oder Beurteilungsspielraums ist nicht frei. Der Staat (im Gegensatz zu Privaten) darf mithin nicht willkürlich entscheiden, sondern nur aus sachlichem Grund, bezogen auf das öffentliche Wohl (salus rei publicae). Im Deutschen Grundgesetz ist dies im Artikel 20 festgehalten. „Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige  Ordnung gebunden.“

Wenn nun Roger Willemsen im Vorwort das Schweigen des journalistischen Mainstream beklagt und insbesondere den Spiegel, dann verweist er letztlich genau darauf. Nicht die Interviews selbst, sondern die Art und Weise der Interview-Führung ist hier gemeint. Was der Spiegel und andere Zeitungen versäumten, war genau diese Diskussion. Vielmehr verlegten sich alle auf den Schauer-Effekt der Brutalität. Denn das macht ja vor allem Quote. Roger Willemsen schreibt mehrfach „Über Guantanamo  ist alles gesagt. Bis auf das, was die Häftlinge zu sagen hätten.“ Damit meint Willemsen nicht etwa Folterschilderungen oder PTPS-Anamnese. Vielmehr geht es darum, aufzuzeigen, dass die Entführten Opfer eines Terroranschlag durch die USA wurden. Von daher war es wohlfeil von Obama, die Auflösung des Lagers zum Wahlkampfthema zu machen. Originär stimmig wäre es gewesen, die nicht vorhandene Rechtsstaatlichkeit der Vorgänge zum Thema zu machen. Nochmal: Auch Ulrike Meinhof wurde gefoltert. Aber ihr wurde ein öffentlicher Prozess gemacht. Die RAF hatte ihr Forum und Deutschland zeigte sich hier als Rechtsstaat. Und das ermöglichte vielen radikalisierten Linken die eigene Rückkehr in die Rechtsstaatlichkeit. Wer Opfer von Terror und Willkür wird, der kehrt nicht mehr zurück, denn er wurde existenziell in den Abgrund gestoßen. In diesem Sinn hat sich die USA bis auf Weiteres als Rechtsstaat diskreditiert. Nicht, weil die USA sich als Heilsbringer der Demokratie aufspielt und diesem Anspruch an sich selbst nicht gerecht wird, sondern vor allem, weil die USA irgendwelche völlig unschuldige Menschen einfach herauspickte, dabei weder Beweisführung noch irgendeine Sorgfalt an den Tag legte. Die unschuldigen Opfer schildern ja in den Interviews immer wieder, dass die Entführer sie gar nicht für schuldig hielten. Sie waren eben Geiseln. Das komplette Versagen jeder Rechtsstaatlichkeit und dies bei im Ausland entführten Geiseln, gilt es zu diskutieren.

Der literarische Wert dieser Interviews als „Zeugnis“!
„Bei den meisten handelte es sich um Zufallsverhaftungen“, berichtet zum Beispiel Timur Ischmuradow, ausgebildeter Ingenieur. Zufall! Stellen Sie sich vor, sie werden nach den Regeln eines alten Kinderspiels ausgewählt, weggesperrt, gefoltert, isoliert, und nach einem Jahr wieder irgendwo in der Wüste ausgespuckt. Würden Sie sagen: Das war die Tat eines Rechtsstaats? Nein, das waren einfach Verbrecher. Verbrechen ist die subjektiv objektive Verletzung des Rechts, in seiner gesetzlichen Geltung in einem Maß, dass die rechtliche Selbstständigkeit der betroffenen Person oder Gemeinschaft grundlegend verändert wird,  lautet in Deutschland der formelle Verbrechensbegriff. Das ist hier geschehen.

 

 

Washington Square

Von Henry James

Ins Deutsche übertragen von Bettina Blumenberg

Erschienen zuletzt 2015 im Verlag btb

Der 1880 erstmals als Serie im Harpers Magazin erschienene Roman von Henry James soll auf einer wahren Geschichte basieren, die ihm die Schauspielerin Fanny Kemble erzählte. Doch die tragikomische Vater-Tochter-Geschichte könnte auch viele Anleihen aus dem privaten Binnenraum von James selbst haben. Henry James hatte neben seinen drei Brüdern auch eine Schwester, Alice. Ihr Vater Henry James Sr. war der festen Überzeugung, dass Bildung der natürlichen Würde und Aufgabe der Frau schaden könnte (ähnlich wie Austin Sloper). Während die Brüder die beste Ausbildung bekamen (William James wurde ein berühmter Psychologe und Philosoph), wurde Alice schlicht nur hysterisch, worunter sie litt, weil sie keine „richtige Krankheit“ (Diary von Alice James) hatte. Als Alice mit 43 Jahren an Krebs erkrankte, schrieb sie in ihr Tagebuch: “Dem der wartet wird gegeben! ... Seit ich krank bin, habe ich mich nach irgendeiner handgreiflichen Krankheit gesehnt, egal was für einen fürchterlichen Namen sie haben mochte.” 
Heute weiß man (am Beispiel Virginia Woolf), dass die Hysterie im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch auftaucht. Dafür gibt es im Fall von Alice keine hinreichenden Beweise, aber der hier vorliegende Roman von Henry James erzählt zumindest die Geschichte eines Missbrauchs. Nicht sexueller Natur, aber Machtmissbrauch und Manipulation. Erst zum Ende des Romans, als Catherine das erneute Angebot von Morris Townsend ihn zu heiraten endgültig ablehnt, trifft sie eine eigenständige Entscheidung. Davor ist sie mehr oder weniger das Manipulations-Objekt von Lavinia Penniman (ihrer Tante), dem Liebeswerben von Morris Townsend und dem strengen Regiment ihres Vaters Austin Sloper. Die manipulative Kraft des Arztes Austin Sloper reicht sogar, um die Schwester von Morris Townsend gegen ihre ureigene Schwesterliebe verstoßen zu lassen. Sie verrät ihren Bruder, indem sie ausruft: „lassen Sie nicht zu, dass sie ihn heiratet.“
Morris Townsend ist tatsächlich ein Mitgiftjäger und äußerst berechnend. Aber auch Catherines allzu selbstgerechter Vater Austin kam nicht anders in seine gesellschaftliche Position, als durch seine Heirat. Allerdings: der auktoriale Erzähler in dem Roman verweist uns mehrfach darauf, dass dies für viele junge Männer die einzige und eine durchaus ehrbare Möglichkeit war, ihre Talente zu entfalten. Wenn Austin Sloper also Townsend als zukünftigen Schwiegersohn ablehnt, dann sicher nicht wegen seiner materiellen Einstellung, obwohl er genau das als Argument vorbringt. Vielmehr verbergen sich dahinter eine Form der Eifersucht und ein patriarchaler Anspruch. Austin Sloper ist das ranghöchste Männchen in seiner kleinen und überschaubaren Gruppe. Morris Townsend ist für ihn eine Bedrohung. Folglich beißt er ihn weg. Parallel ist Catherine auch der Spielball einer Geschwister-Fehde. Denn Lavinia ist ja die Kupplerin und will Catherine auf ihre Seite ziehen, trifft sich heimlich mit Morris, und strickt an ihrem romanhaften Weltbild. Austin Sloper ist daher auch als Beschützer seiner Tochter zu sehen. Und der unbekannte Erzähler wird ja nicht müde darin, Sloper zu loben, als intelligenten und gerechten Mann. Austin Sloper macht es sich nicht einfach (Seite 64/65, da ringt er mit sich). Er will Townsend ja eine Chance geben. Aber zugleich spürt der Leser des Textes, dass das irgendwie geheuchelt ist. Vielleicht, weil der unbekannte Erzähler den Arzt ein oder zwei Mal zu oft lobt.
Als Austin mit seiner Tochter die Europatour macht, sagt er ihr einmal sehr deutlich: „Ich bin kein guter Mensch.“ Damit widerspricht Austin dem Erzähler. Catherine hält dennoch weiter stoisch zu ihrem Vater. Sie könnte eine unabhängige Entscheidung treffen, denn das Erbe von ihrer Mutter reichte aus, um mit Morris ein sorgenfreies Leben zu führen. Aber für Morris und wohl auch Catherine wäre es eine gesellschaftliche Demütigung, wenn der Vater sie des väterlichen Teils enterbt. Es geht also mitnichten ums Geld. Es geht um gesellschaftliche Anerkennung, welche über das Geld kanalisiert wird. Hier ist die Analyse im Nachwort der Übersetzung ein wenig zu verkürzt und auch zu banal. Denn zu allen Zeiten tragen wir unsere gesellschaftlichen Verhältnisse in der Geldbörse mit. Hier ist es komplizierter, denn Name und Ehre sind noch enger mit dem Geld verknüpft. Heutzutage reicht Geld. Name und Ehre wurden längst Archaismen. Der Hinweis der Übersetzerin auf den Rechtsphilosophen  John Austin (als möglicher Vornamensgeber), der in seiner Philosophie positivistischer Rechtsauffassung Recht und Moral trennt, genügt mir auch nicht, um Austin Slopers kompliziertes Innenleben zu beschreiben. Einerseits ist er selbstgerecht bis zum Hochmut, andererseits hat er auch einen hohen Anspruch an sich und andere. Er ist zugleich Patriarch und liebender Vater. Während seine Tochter von geradezu entwaffnender Direktheit ist, kann der Arzt seine Tochter nur hinter einem prätentiösen Schleier wahrnehmen. Er will das Höchste für seine Tochter und hält doch so wenig von ihr. Er spürt auch, dass er sie unterschätzt, und will sie doch als Patriarch an der Stelle haben, wo er sie hingestellt hat.
Entlarvend für das Scheitern an der eigenen Prätention ist ein Gespräch zwischen Austin Sloper mit seiner Schwester Mrs. Almond:
„Wirst du denn nicht einlenken?“
„Lässt sich ein geometrischer Lehrsatz zum Einlenken bewegen? Ich bin nicht so oberflächlich.“
„Handelt die Geometrie nicht von Oberflächen?“, fragte Mrs. Almond, die, wie wir wissen, sehr gescheit war; und sie lächelte dabei.
(Seite 149)
Sloper versucht sich zu retten, indem er das Gleichnis weiterführt (Ja, aber sie befasst sich tiefgründig mit ihnen, Catherine und ihr junger Mann sind meine Oberflächen; ich habe bei ihnen Maß genommen). Der „gerechte Patriarch“ Sloper als Urbild des Gruppenführers, dessen Maß allein gerecht ist. Das könnte auch der Vater der James gewesen sein. Henry James Sr., der mit 13 Jahren beim Versuch ein Feuer mit den Füßen auszutreten ein Bein verlor, der sich trotzdem durchsetzte und Theologie studierte (später zur New Church übertrat), mit den amerikanischen Größen seiner Zeit befreundet war (Thoreau, Ralph Waldo Emerson, Thomas Carlyle), der mit Mary Walsh (die Tochter eines Princeton-Gelehrten) ebenfalls in höhere Kreise einheiratete und mit eben dieser Mary in Washington Square lebte, mit deren Kinder, Henry, William und Alice. Und Alice wurde ähnlich unterdrückt, wie Catherine in dem vorliegenden Roman. Zwei Jahre nach Alice‘ Tod bekam William ihr Tagebuch zugeschickt. William schrieb an seinen Bruder Henry: “Das Tagebuch hinterläßt einen einmaligen und tragischen Eindruck von persönlicher Stärke, die sich an nichts auslassen konnte.” Womit er im Wesentlichen das übliche Schicksal weiblichen geistigen Strebens im 19. Jahrhundert genau erfasst hat.
Im Roman findet Catherine ihren kleinen Machtbereich in der Wohltätigkeit. Dort – im Rahmen eines VG-Tarifs (Vergelts Gott Tarif) – durften sich die Frauen noch austoben (ein sicher hier ironisch zu verstehendes Verb). Catherine erlebt einen kleinen Sieg über ihre Tante, weil ihr die jungen Mädchen die  Liebesgeschichten erzählen, nicht Lavinia. Das liegt daran, dass Catherine einfach ernster ist und emanzipierter, während ihre Tante eher noch wie ein Kind das Leben spielt.

Washington Square gilt als einer der einfacheren Romane von Henry James, relativ klar und chronologisch erzählt, keineswegs so verschachtelt wie zum Beispiel Portrait of a young lady, welcher nur ein Jahr später veröffentlicht wurde. Aber so einfach wie er geschrieben ist, ist der Roman auch wieder nicht. Warum der Autor ihn selbst nicht besonders schätzte, weiß ich nicht. Vielleicht ist wirklich zu viel privater Binnenraum darin. Dann wäre es auch ein Stück Abrechnung mit dem eigenen Vater. Das kann für einen Schriftsteller nie so befriedigend sein, wie für den Leser.

 

 

Am Hang

Von Markus Werner

Erschienen 2004

Ich weiß noch, welches Vergnügen ich hatte, als ich vor einem viertel Jahrhundert über den Verfall, ja den Zerfall des Lehrers Konrad Zündel las –  aus seinem Debütroman 1984  (Zündels Abgang). Eine Beckett-Figur die man ins reale Leben gestoßen hatte. Ahnungslos sind sie, die Helden des Schaffhausener Autors, der nun im Alter von 72 Jahren an einem Lungenemphysem verstorben ist. Und beinahe mütterliches Kopfschütteln ernten diese Helden bei den Frauen. So wie die Atemtherapeutin Eva in seinem letzten Roman „Am Hang“, die dem anfangs so souveränen Helden Thomas Clarin nur noch seine Blindheit entgegen halten kann. Hier bleibt der Held Thomas Clarin sogar bis zum Schluss ahnungslos, kann nur spekulieren und sich so fürchten. Alles beginnt mit einem eher harmlosen Abendgespräch über Gott und die Welt. Die Zeitdiagnose, die uns Felix Bendel alias Thomas Loos hier liefert, ist eine Welt der Selbstoptimierer und von Änderungslust verdorben an der Oberfläche eines Datenmeers treibende Masse, in der die Menschlichkeit nur noch unter dem Aspekt der Nützlichkeit, des Wettbewerbsvorteils gesehen werde (Sie zahle sich aus, die Menschlichkeit…, Seite 31). Antriebslosigkeit sieht dieser Loos als „zivilen Ungehorsam, als Gegenkraft zum großen Treiben“ (Seite 59). Und das passt als Aussage zu einem Autor, der von sich selbst einmal sagte, dass er mehr absichtslos ins Schreiben geraten sei, dass er seinen ersten Roman eher heimlich, verschämt geschrieben habe. Sieben Romane insgesamt. Das ist im Vergleich mit dem Massenprodukt „Roman“ ein bescheidenes Oeuvre.   Wenn du einen Riesen siehst, so frage ich zuerst, ob es sich nicht um den Schatten eines Zwerges handelt sagt Loos einmal (Seite 68). Thomas Loos steht für das Alte und Thomas Clarin für das Neue. Doch ganz so einfach ist es dann eben doch nicht, weil in den Text eingewebt ist, auch das Ewige. Bettina (vielleicht Valerie) wird von einem Hirntumor geheilt, nur um beim Baden auszurutschen und an einem Hirntrauma zu versterben. Vielleicht hat Loos die Geschichte nur erfunden. Auch die Geschichte mit dem Blitz, den eine Frau traf, weil ihr BH einen Metallbügel hatte. Viele kleine Geschichten, die Markus Werner erzählt, die aber alle den Charakter von Schicksal haben. Die damit der Reproduzierbarkeit unseres Massenbetriebs widersprechen. Auch die Sexualität (wie am Beispiel der Penelope-Geschichte) geriet in diesen Massensog. In allen Lebensbereichen, so glaube ich, zeugt rasches Zur-Sache-Kommen und umstandsloser Vollzug von Verrohung. Allein das Zögern ist human. So erklärt es uns Thomas Loos (Seite 92). Doch das was massenhaft gedacht und praktiziert wird, gilt allmählich als normal. Du fickst wie eine Maschine (Seite 93), das erinnert an eine kleine Geschichte aus Markus Werners ersten Roman Zündels Abgang. Dort steht der verzweifelte Konrad Zündel in einer Kneipe und unterhält sich mit einem Arbeiter. Zündel, der Lehrer, behauptet, auch er sei ein Proletarier. Du bist kein Proletarier, sagt der Arbeiter. Warum nicht? Weil deine Kopfmaschine sogar beim Vögeln surrt.
Je doofer die Sendung, desto höher die Quote. Je doofer der Sexpartner, desto geiler der Vollzug. Doch es bleibt am Ende nicht bei der Zeitdiagnose. Markus Werner schafft es rechtzeitig, aus den Andeutungen (Alles dreht sich. Und alles dreht sich um ihn) einen echten Krimi zu machen, der bis zum Ende spannend bleibt. Wer ist dieser Loos, der sich unter falschem Namen vorgestellt hat? Ist er der Mann von Valerie? Ist es in Wirklichkeit Felix Bendel? Und damit hätte Thomas Clarin einen Todfeind, und zu Recht Angst. Markus Werner klärt uns nicht auf. Er lässt uns damit allein zurück. Und so hat Werner eine Angst dargestellt, die schon auch metaphysisch ist. Unser Leben ist nun mal ein Puzzle mit lauter fehlenden Puzzle-Teilchen.

  • Wie weiter? sagte ich, die Geschichte ist aus. – Nein sagte Loos, keine Geschichte ist aus und zu Ende, es gibt nur den willkürlichen Abbruch an einem beliebigen Punkt. (Seite 122)

Die Geschichte von der hier die Rede ist, ist die von Magdalena und Tasso. Dass Magdalena etwas, was gar nicht gewesen war unter Schmerzen verarbeitet hatte, da rät Loos, ihr nichts von seiner Theorie zu erzählen. Das falsche Wissen ein halbes Leben lang für korrekt gehalten zu haben, auch das ist eine Kuriosität mit Schicksalscharakter. So grotesk leben wir aus den falschen Gründen. Und dass es „kein richtiges Leben im falschen“ gebe, das hätte Magdalena hier widerlegt. Man darf es nur nicht aufklären. So wird das Wissen zu einem diabolischen Werkzeug. Und so mag es doch vernünftig sein, dass wir am Ende sterben, ohne dass die Geschichte von uns eigentlich zu Ende ist. Nur der Roman hat ein Ende. Nun ist unser Leben kein Roman. Eher eine Sammlung von Kurzgeschichten. Und hier gibt es einige Ereignisse im Leben, die ein stimmiges Ende haben. Vielleicht hatte ich daher stets ein Problem mit dem Schreiben eines Romans. Die Kurzgeschichte fand ich immer naheliegender. Nach zehn Seiten zu einem Ende zu kommen, erschien mir immer plausibler. Auch wenn die Fakten der Kurzgeschichte nicht so zahlreich waren, wie in einem Roman. Dafür hat die Kurzgeschichte oft eine Pointe, einen letzten Stich, einen Sinn. Sinn braucht also keine Tiefe. Der Stich mag an der Oberfläche liegen. Werner hat hier einen Roman geschrieben, der mehrere kleine Stiche setzt und am Ende eine offene Wunde zurücklässt. Es liegt nun an uns Lesern, darüber zu befinden, wer dieser Thomas Loos wirklich war. Es liegt nahe, in ihm Felix Bendel zu sehen. Aber liegt es nicht zu nahe? Nach dem lex parsimoniae war Loos Bendel. Doch wäre das nicht eine unzulässige Reduktion? Oder anders: Ist das eigentlich von Bedeutung? Schließlich öffnete das Gespräch mit Thomas Loos für den oberflächlichen Schürzenjäger Thomas Clarin einen Raum, der einen kathartischen Schauer nach sich zog. Und dieser Schauer, als Gefühl, bleibt ja. Und das besondere an Gefühlen ist ja, dass wir sie nachträglich rationalisieren wollen, um ihnen die Schärfe zu nehmen. Belassen wir es beim Rätsel? Halten wir das aus?

 

 

 

 

 

Rückblick

Im Oktober letzten Jahres starteten wir unser Herbstsemester mit einem Ausflug ins spätviktorianische England und begaben uns in den Untergrund der Anarchisten. Wir folgten gebannt dem Netz aus Geheimpolizei, Terror und politischen Begehrlichkeiten. Danach wanderten wir in der Zeit weiter ins Holland der Renaissance zu dem Philosophen Spinoza, den der nordamerikanische Autor Yalom mit dem Leben des weniger angenehmen NS-Ideologen Alfred Rosenberg verglich. Im November beschäftigten wir uns mit einem berühmten Schriftstellerpaar und dem durchaus traurigen Ende. Das Jahr beendeten wir mit Lyrik von Volker Braun, dessen Sprachmacht und beeindruckte. Im neuen Jahr reisten wir ganz weit zurück in die Zeit der Römer. Und in die Zeit auch unserer kulturellen Wurzeln. Das Finale bildete im Februar ein Band mit Erzählungen voller schwarzem Humor.

Bernhard Horwatitsch

 

Chronik:

27. September 2016 Der Geheimagent von Joseph Conrad

25. Oktober 2016                   Das Spinoza-Problem von Irvin Yalom

22. November 2016   Du sagst es von Connie Palmen

13. Dezember 2016   Handbibliothek der Unbehausten  von Volker Braun

10. Januar 2017                     Augustus von John Williams

14. Februar 2014                   Die steinerne Matratze von Margaret Atwood

 

 

 

The Secret Agent

Von Joseph Conrad

Erschienen 1907 im Verlag  Methuen Publishing Ltd

Am 15. Februar 1894 explodierte ganz in der Nähe des königlichen Observatoriums im Greenwich-Park eine große Menge TNT. Martial Bourdin, ein französischer Anarchist hatte die Bombe gezündet. Er selbst starb 30 Minuten später im Seamens Hospital.  Die 1890er Jahre gelten als das „Jahrzehnt der Bomben“.  Anarchisten verübten weltweit unter dem Stichwort „Propaganda der Tat“ Terroranschläge. 
Nur 13 Jahre später erschien im Jahr 1907 der Roman „The Secret Agent“ von Joseph Conrad, der das Ereignis vom 15. Februar 1894 als Vorlage benutzte. Conrad war damals noch relativ unbekannt. Ein alter Seemann, der am Fieber erkrankt von Gönnern abhängig war und zu seiner Erbauung Romane über seine Abenteuer zu See schrieb. The Secret Agent  ist sein einziger Roman, der in England spielt. Er selbst bezeichnete ihn als seinen „besten Roman“.  Zu diesem Zeitpunkt hatte die Anschlagswelle längst aufgehört und der Anarchismus Bakunins und Kropotkins wich dem systematischen Staatsterror des Marxismus. Aber der Anarchismus ging trotzdem vor allem als Terror in die Geschichte ein.  Eine etwas andere Sozialgeschichte des Anarchismus lieferte Thomas Pynchon dagegen mit seinem Roman „Against the Day“ aus dem Jahr 2006. In dessen großen epischen Roman steht die Weltausstellung in Chicago 1893 im Zentrum. Von Nikolas Tesla bis Groucho Marx zelebrierte Pynchon das Zeitalter der ersten Industrialisierungswelle.

Analogien zur aktuellen Terror-Bedrohung durch den Islamismus wurden vor allem im Jahr 2001 gezogen. Nach dem 11. September 2001 gehörte der Roman „The Secret Agent“ zu den am meisten zitierten Romanen.

Ja: Es ist bekannt, dass das terroristische Netzwerk  Al Qaida nicht ohne freundliche Unterstützung der CIA möglich gewesen wäre. Wir wissen auch, dass der religiöse Führer der IS al-Baghdadi sein Handwerk im Camp Bucca erlernte, einem US-amerikanischem Gefangenenlager im Süden des Irak.  Die Auflösung der irakischen Armee mit 200000 Soldaten durch die US-amerikanische Administration lieferte das menschliche Basis-Material für al-Baghdadi. Ohne Politik kein Terror.  Wir wissen, dass die NSU, die RAF und andere Terrororganisationen immer wieder enge Verflechtungen mit den Geheimdiensten der jeweiligen Staaten aufweisen. Und nicht anders schildert es Joseph Conrad über den Anarchismus der 1890er Jahre, dem berühmten „Jahrzehnt der Bomben“, als mit der Erfindung des Dynamits einiges möglich wurde, und die feuchten Träume der Revolutionäre wahr zu machen schien. 1894, als die Bombe im Greenwich-Park explodierte, war die Seefahrer-Karriere von Joseph Conrad gerade zu Ende gegangen. Er hatte sich Anfang der 1890er im Kongo ein schweres Fieber zugezogen, von dem er nie mehr ganz genesen sollte. Und fiebrig geht es auch zur Sache. Vor allem das wahnsinnig genial geschriebene 11. Kapitel des Romans, als Winnie Verloc ihren Ehemann Adolf Verloc mit dem Tranchiermesser tötet. Tatsächlich ist der im Roman geschilderte Terroranschlag, deren Opfer in Conrads Roman der „degenerierte“ Schwager vom Geheimagent Verloc ist, inszeniert. Mr. Vladimir, erster Sekretär eines nicht weiter benannten Landes (man kann nur vermuten, dass er aus Russland kommt) erpresst Mr. Verloc. Die englische Polizei ist zu lasch im Umgang mit der anarchistischen Bedrohung. Sie braucht einen Anreiz. Verloc soll also einen Anschlag inszenieren, den man dann den Anarchisten in die Schuhe schieben kann. Eine perfide Denkart, die fatal an das Herrhausen-Attentat von 1989 erinnert, wo zahlreiche Indizien darauf hinweisen, dass das Kommando Wolfgang Beer mit freundlicher Genehmigung des deutschen Inlandgeheimdienstes durchgeführt wurde.
Doch Conrads Roman geht viel weiter, als diese wohl bekannte Verquickung von Politik und Terror zu erzählen. Conrad erzählt uns in Winnie Verloc und ihrem Bruder Stevie die fast unerträgliche Privatisierung des Terrors. Und hierin eigentlich liegt der prophetische Charakter dieses außergewöhnlichen Romans. Denn wenn heute junge Menschen die noch an der Akne leiden und kaum eine Ahnung haben, was sie da tun, sich auf den Weg machen um in einem Terrorcamp das üble Handwerk des Tötens zu lernen, dann erinnern sie sehr an den leicht erregbaren Stevie, der zuletzt an den Lippen seines Meister Adolf Verloc klebte. Und wir können nur ahnen, was er von Michaelis (dessen Theorien im Roman eine Melange aus Bachunin und Kropotkin sind) erfuhr und vermeintlich lernte. Ein Hospital, in dem sich die Starken um die Schwachen kümmern, wie wir in dem brillanten Gespräch zwischen Ossipon und dem Professor im letzten Kapitel erfahren, ist das Ideal von Michaelis. Und der Professor, ein Nihilist von düsterster Art, macht sich darüber lustig. Die Sätze die dort Conrad dem Professor in den Mund legt, kann man fast eins zu eins in den Bormann-Diktaten nachlesen. Kein Mitleid mit den Schwachen. Verachtung für die Masse, ja Menschenverachtung von der grausamsten Art. Auch das lässt tief blicken.
Dass dieser Verloc in dem Roman fast schon etwas Gemütliches an sich hat ist auch ziemlich verstörend. Immerzu streicht er durch die Gassen des mit Gas beleuchteten London um die Jahrhundertwende. Er wirkt wie ein Menetekel.
Natürlich hat die Sprache von Joseph Conrad Patina. Aber Sätze wie: Mrs. Verloc schloss verzweifelt die Augen, warf über dieses Bild die Nacht ihrer Augenlider, wo nach einem schauerartigen Regen zermalmter Gliedmaßen allein der abgetrennte Kopf von Stevie schwebend zurückblieb, um schließlich langsam zu erlöschen wie der letzte Stern einer pyrotechnischen Veranstaltung, die sind von einer grausamen Schönheit, die der Erzählung angemessen sind. Und klar ist, dass jedem Fan von Steam-Punk die atmosphärische Dichte dieses Romans geradezu Orgasmen beschert. Conrad nimmt sich viel Zeit für seine Figuren und dabei ist der Schatten immer Begleiter. Wie in der Szene, als der Assistent Kommissoner den Home Secretary Sir Ethelred besucht und dieser Sir Ethelred im Schatten steht, wird klar, wie sehr die abstrakten Mächte politischer Ränkespiele ihren Einfluss geltend machen. Wer kümmert sich um das tragische Schicksal von Winnie Verloc? Und ist dieser Sir Ethelred nicht ein genauso grausamer Nihilist wie der Professor in seinem abgerissenen Tweed-Anzug? Politik und Terror sind eine Einheit und wir nur ihre Opfer.

 

 

Das Spinoza-Problem

Von Irvin D. Yalom
aus dem Amerikanischen von Liselotte Prugger
erschienen im Verlag btb 2012

Einen Roman über Spinoza schreiben? Yalom beschreibt es in seinem Prolog ja selbst: „Aber wie über einen Mann schreiben, der ein so kontemplatives Leben führte, welches von so wenigen äußeren Ereignissen gekennzeichnet war?“ Also wählte Yalom eine weitere Figur, die sozusagen im manichäischen Sinne den Gegensatz zu Spinoza bildet. So müsste die Rezension eher über Rosenberg gehen. Dieses Dilemma konnte ich nicht überwinden und habe daher ausnahmsweise keine Rezension geschrieben, sondern in einer Art Andacht philosophische Reflexionen zum eigentlichen Spinoza-Problem. Es war Sonntagmorgen um 5.30h, als ich nicht mehr schlafen konnte, weil der nun folgende Satz in meinem Kopf war: Ich stelle fest: Ich habe in meinem Leben immer die richtigen Entscheidungen getroffen. Zwar lässt mein Verhalten zu wünschen übrig, aber meine Entscheidungen waren bestens. Ich quälte mich also aus dem Bett und schrieb diesen Satz meiner lückenhaften Inventur auf und auch die folgenden Sätze: Was meine ich damit? Dadurch kann ich sagen, dass ich trotz meines notwendig schlechten Verhaltens das Beste daraus gemacht habe. Mein Verhalten ist notwendig schlecht, weil ich nicht alle Bedingungen des Seins kenne. Meine Entscheidungen sind aber richtig im Rahmen meines schlechten Verhaltens.

Es waren zwar meine Entscheidungen. Aber dadurch, dass dieses Leben von der Notwendigkeit bestimmt ist, dass das gegenwärtige Leben aus dem vorausgegangen Leben sich entwickelte und so alle Bedingungen meines Hierseins in der Vergangenheit zu suchen sind, sind meine Entscheidungen nicht mehr frei. Sie sind eher das Ergebnis von Bedingungen. Was die Freiheit meiner Entscheidung rettet, das ist mein Bewusstsein. Insofern ich meine Entscheidung als eine freie Entscheidung empfinde, ist sie es. Freiheit ist eine soziale Emotion. Diese Freiheit empfinde ich. Nüchtern betrachtet unterliegt meinem Handeln eine Absicht. Diese Absicht ist von Wissen und vom Willen abhängig. Ein freier Wille ist nicht gleichbedeutend mit Freiheit. Denn meinen freien Willen drücke ich in einer von Naturgesetzen determinierten Welt aus. Ich kann wollen, wünschen und mir etwas vorstellen. Diese drei Optionen sind frei. Das ist mein Bewusstsein. Aber wenn ich handle, treffe ich jedes Mal eine Entscheidung über die Art und Weise des Handelns. Jeder Modus meines Handelns ist notwendig. Für jede Handlung gibt es Gründe, sie zu tun oder zu unterlassen. Dafür habe ich eine Ab-Sicht zur Verfügung. Daher empfinden wir manche Handlungen als frei und andere als unfrei, weil sich die Notwendigkeit graduell unterscheidet. Manche Handlungen sind notwendiger als andere. Manche Handlungen kann ich sogar unterlassen. Aber der Zustand nach Unterlassung tritt notwendig ein. Der Zustand nach der Handlung tritt notwendig ein. Ich mag nicht alle Bedingungen kennen und dadurch der Illusion unterliegen, keine Notwendigkeit zu erkennen. Aber das ist eine Täuschung. Alles ist vollständig notwendig. Und das im Wortsinn. Gehe ich nach links, gehe ich „notwendig“ nach links, und keineswegs nach rechts. Jede Handlung ist gewissermaßen eine Not-Wende. Da meiner Ab-Sicht Gründe vorliegen, ist meine Handlung grundlegend not-wendig. Nach einer gewissen Zeit des Aufenthalts auf dieser merkwürdigen Erde werden meine Handlungen von meinem Verhalten grundiert. Da meiner Ab-Sicht Gründe vorliegen, benötige ich ja eine Haltung, die mehr und mehr ein Verhalten wird. Da mir auch eine Ab-Sicht meiner selbst vorliegt, als eine Intention, halte ich mein Verhalten für notwendig frei. Dieses Oxymoron verweist auf die Paradoxie des Seins als Bewusstsein. Die Freiheit ist notwendig, um eine Handlung ausführen zu können. Gott (oder die Natur) hatte gar keine andere Wahl, als die Freiheit notwendig mit zu denken. Insofern ist jede Freiheit eben notwendig und damit ist Freiheit ein Attribut der Bedingungen. Nur der Anfang war bedingungslos. Aber ab diesem Beginn gibt es nichts mehr, was nicht notwendig geschieht. Mein Modus unterliegt den Bedingungen des Seins. Alles was ich tue und wie ich es tue ist grundlegend und der Grund ist unendlich. Es ist also der unendliche Grund, der die Freiheit notwendig macht. Alles – im Wortsinn – ist begründet. Zu allen Zeiten und an allen Orten. 

Wie gesagt: Gott oder die Natur hatte keine andere Wahl, als die Freiheit zur notwendigen Bedingung des Seins zu machen.
Manche sagen nun: Aber ich habe mich doch frei entschieden, dieses oder jenes zu tun! Diese Aussage halte ich für einen ontologischen Witz. Ist eine Handlung erst einmal vollzogen, dann ist sie notwendig vollzogen. Gehe ich einen Schritt nach links, gehe ich notwendig einen Schritt nach links. Ich kann nicht nach links gehen, wenn ich es nicht notwendig tue. Die Absicht mag frei gewesen sein. Aber das ist nur graduell so und als Absicht ist es eine Empfindung. Eine Absicht zu haben ist noch keine Handlung. Statt Absicht könnte ich auch sagen, dass mir eine gewisse Ansicht gegeben ist. Anhand dessen, was ich ansehe, treffe ich eine Entscheidung. Ich trenne mich von einer anderen möglichen Ansicht, sehe von dieser ab. Und notwendig ändert sich meine Ansicht, wenn ich nach links gehe. Die darauf folgende Handlung ist bedingt durch die Ansicht, die ich nun habe. Wohin ich auch gehe: Da ist schon eine Ansicht. Unterstelle ich dem Handeln Zufall, dann bedeutet es nur, dass ich blind bin und ins Ungewisse gehe. Der Radius dessen, was wir sehen, ist marginal genug, um von einer partiellen Blindheit zu sprechen. Aber Blindheit ist nur Mangel an Ansicht und keine Freiheit. Die moderne Quantenphysik hat nichts anderes festgestellt, als eine partielle Blindheit des Physikers. Für die Philosophie ist das unerheblich. Mein Bewusstsein ermöglicht es mir, mich meiner Ansichten zu er-innern. Die Ansichten sind als Intention in mir. Alle weiteren Handlungen sind also bedingt durch meine er-innerten Ansichten. Er-fahrung ist Weg-Erinnerung. Die innere Ansicht erweitert meinen Blickradius wie eine innere Landkarte des Seins. Das eben ist Intention, also Absicht (ich habe es mir abgeschaut). Nur daher habe ich einen freien Willen, weil ich die Absicht wollen kann. Die Ansammlung meiner abgeschauten Ansichten ist das Ergebnis notwendiger Handlungen. Das kann ich als frei empfinden oder als unfrei. Sich unfrei zu fühlen ist ein unangenehmes Gefühl. Das gleicht man am besten aus, indem man sich frei fühlt. Das ist möglich, denn in meiner notwendig entstandenen inneren Landkarte kann ich mich frei bewegen. Daher waren meine Entscheidungen bestens. Dagegen lässt mein Verhalten zu wünschen übrig, weil meine Ansichten begrenzt sind. Meine innere Landkarte des Seins ist naturgemäß kongruent zur äußeren Landkarte des Seins im Sinne eines Ausschnitts. Diese Begrenzung bedeutet notwendig, dass meine Entscheidung affirmativ ist – auch in der Unterlassung. Es wäre absurd, würde ich meine Entscheidung ablehnen. Das bedeutete, dass ich meine Ansichten nicht sehe. Und das geht nicht. Denn jede Ansicht ist notwendig das Ergebnis meiner Entscheidung. Ebenso meine Absicht. Jede Entscheidung ist also gut. Es kommt vielmehr darauf an, welche Ansicht ich von meiner inneren Ansicht (innere Landkarte) habe. Hier bin ich ja frei. Ich kann verzweifelt sein und unglücklich. Ich kann aber auch hoffnungsvoll und glücklich sein. Wie ich das, was ich mir abgeschaut habe, empfinde, ist als Bewusstsein frei. Das ist es, was Spinoza tatsächlich zu sagen hat. Und das hat Goethes Nerven beruhigt.  Entscheiden Sie selbst, welchem dieser beiden Menschen (dem Glücklichen oder dem Unglücklichen) Sie lieber begegnen möchten. Das heißt aber noch lange nicht, dass Sie ihm wirklich begegnen werden.

Du sagst es

Von Connie Palmen

Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers

Erschienen 2016 im Verlag Diogenes
 

Ich sah, wie sich mein Leben vor mir verzweigte, ähnlich dem grünen Feigenbaum in der Geschichte.
Gleich dicken, purpurroten Feigen winkte und lockte von jeder Zweigspitze eine herrliche Zukunft. Eine der Feigen war ein Ehemann, ein glückliches Zuhause und Kinder, eine andere Feige war eine berühmte Dichterin, wieder eine andere war eine brillante Professorin, die nächste war Ee Gee, die tolle Redakteurin, die übernächste war Europa und Afrika und Südamerika, eine andere Feige war Constantin und Sokrates und Attila und ein Rudel weiterer Liebhaber mit seltsamen Namen und ausgefallenen Berufen, eine weitere Feige war eine olympische Mannschaftsmeisterin, und hinter und über all diesen Feigen hingen noch viele andere, die ich nicht genau erkennen konnte.
Ich sah mich in der Gabel dieses Feigenbaumes sitzen und verhungern, bloß weil ich mich nicht entscheiden konnte, welche Feige ich nehmen sollte. (The Bell Jar, Sylvia Plath 1963)

 

Eine Frau schreibt aus der Perspektive eines Mannes über eine Frau. „Man muss eine große Liebe auch ertragen können“, hat Connie Palmen 1999 in einem Interview mit der Zeitschrift „Brigitte“ einmal gesagt. Jetzt hat sie ein Buch über eine große Liebe geschrieben. Ted Hughes und Sylvia Plath sind wohl eines der bekanntesten Künstlerpaare der modernen Literaturgeschichte. Berühmt vor allem deshalb, weil die deutschstämmige US-amerikanische Autorin Sylvia Plath am 11. Februar 1963 freiwillig aus dem Leben schied, indem sie ihren Kopf in einen Gasherd steckte. Nur sechs Jahre später erlebte Ted Hughes, wie seine zweite – ebenfalls deutschstämmige - Frau Assia Wevill ebenfalls diesen Schritt tat und auch noch deren gemeinsame  vierjährige Tochter Shuria (Alexandra Elisa)  mit in den Tod nahm. Das besonders Tragische: Sylvia Plaths Freitod ist unter anderem auch durch die Untreue von Ted Hughes eben mit dieser Assia Wevill motiviert gewesen. Natürlich ist bekannt, dass Plath ihr Leben lang an einer schweren Depression litt. Ihr autobiografischer Roman „Die Glasglocke (The Bell Jar)“ schildert - unter anderem - die kruden Behandlungsmethoden der damaligen Psychiatrie, denen Plath sich unterzog.
Immerhin musste Ted Hughes nicht mehr miterleben, dass auch sein Sohn aus der Ehe mit Sylvia – Nicholas Farrar – 2009 den Freitod wählte. Da war Ted Hughes schon elf Jahre tot. Seine Tochter Frieda lebt in Australien, aber sie trägt das Erbe des Vaters insofern weiter, als sie wie Ted Hughes (Der Eisenmann von Ted Hughes ist eines der bekanntesten Kinderbücher überhaupt in England) Kinderbücher schreibt.

Aus der Familie von und um Thomas Mann kennen wir diesen fatalen Hang zum Freitod. Die Psychologen Stirman und Pennebaker haben 2001 die Gedichte von Sylvia Plath und anderen Lyrikern untersucht, die Selbstmord begingen. Die Analyse ergab, dass die Autoren, die später Selbstmord begingen, in ihren Gedichten deutlich häufiger Pronomina der 1. Person Singular, also "ich", "mich", "mein" benutzten als Pronomina der 1. Person Plural wie "wir", "uns", "unser". Letztere Pronomina wurden öfter von den Dichtern verwendet, die später keinen Suizid begingen. Die durch Selbstmord umgekommenen Dichter gebrauchten auch seltener Verben, deren Bedeutungsinhalt "Kommunikation" oder "Dialog" war wie etwa "reden", "teilen" oder "zuhören". Dafür gebrauchten sie umso häufiger Wörter, die um das Bedeutungsfeld "Tod" kreisten. "Suizid-gefährdete Autoren sind weniger an andere gebunden und mehr mit sich selbst beschäftigt", fasste Stirman die Ergebnisse zusammen.
Connie Palmen beschäftigte sich in ihrem Roman vor allem mit dem Du, dem Wir des Lyriker-Paars Hughes-Plath. Auch Connie Palmen verlor zwei Lieben an den Tod. Allerdings starben der Schriftsteller Ischa Meijer und der Politiker Hans van Mierlo eines natürlichen Todes.

Palmens Motivation war es aber auch, Ted Hughes ein Stück zu entlasten. Die US-amerikanische Feministin Robin Morgan veröffentlichte 1970 ein Gedicht (Arraignment) indem sie Ted Hughes als Mörder bezeichnete. Ihr folgten weitere schwere Vorwürfe gegen Ted Hughes, der sich erst 1989 in einem Essay (The Place Where Sylvia Plath Should Rest in Peace)  wehrte.

Der suggestive Roman von Palmen ist in einer sehr persönlichen Sprache geschrieben und empfindet das lyrische Ich von Ted Hughes nach. Die Ehe-Szenen orientieren sich auch an den gesammelten Kurzgeschichten von Sylvia Plath (z.B. Zungen aus Stein, Fischer Verlag), wie die Geschichte mit dem Bären oder dem Stierkampf in Spanien.

Viel wissen wir hier über Sylvia Plath, weniger über Ted Hughes. In einer Gedenkrede über Ted Hughes sagte der Literaturnobelpreisträger (1995) Seamus Heaney:

Ted Hughes (1930—1998) zählt zu den bedeutendsten englischsprachigen Lyrikern des letzten Jahrhunderts — und zu seinen repräsentativsten. Als eine Symbolfigur, ein moderner Merlin, erschien dieser Mythengestalter und Mythenschöpfer seinen Landsleuten, auch in der dezidierten Bindung an die Geschichte der englischen Nation, ihrer Literatur und ihrer Sprache und — nicht zuletzt — in seinem Engagement für die Natur: als einer, der zu heilen wußte durch sprachliche Berührung. Erinnernde »Entfaltung von Liebe« — so hat Seamus Heaney in seiner großen Gedenkrede auf Ted Hughes das Zentrum von dessen Werk bestimmt. Aber Heaney erkannte auch jene andere Seite dieses Dichters: den illusionslosen Blick, der den historischen, ökologischen und persönlichen Krisen nicht auswich: »Ted war ein großer Mensch und ein großer Dichter, weil er ganz war, ungekünstelt und klar, unverbrüchlich treu seinem eignen Verständnis der Welt. Aus diesem Verständnis der Welt, episch und streng, nahm er wahr, daß hinter der Geschäftigkeit des Alltäglichen ein heiliges Drama sich abspielte, ein Drama, in das sich, Hals über Kopf, alles, was leben wollte, hineinstürzte: nur um der schwarzen Flut zu begegnen, die grausam ist und zerstörerisch.« Die zweisprachige Ausgabe führt, thematisch geordnet, durch das breite Spektrum von Hughes' lyrischem Werk: von den energetischen Tier-, Pflanzen- und Landschaftsgedichten über zarte Lyrismen der Naturerfahrung und lakonische Poetologien hin zur sarkastischen Gestaltung mythischer Kunstfiguren und zu jenen Poemen der Erinnerung, in denen er festhielt, was doch so vergänglich ist: »Staub, der wir sind«.

Connie Palmen hat einen einfühlsamen und auch erschütternden Roman geschrieben, der auf die Liebe dieser beiden Lyriker ein erhellendes Licht warf. Auch wenn ich mir mein Bild von Sylvia Plath nicht nehmen lasse, kann ich die säkulare Position nachvollziehen. Denn schließlich sind wir alle nur Menschen. Und Bücher sind immer noch Bücher. Und Menschen in Büchern sind literarische Figuren, die aus Worten bestehen. Lebendig sind sie in unserem Kopf. 

 

 

 

Handbibliothek der Unbehausten

Von Volker Braun

Erschienen  2016 im Verlag Suhrkamp

Unbehaust, zwischen den Dämonen und der Wilderness von Miltons verlorenem Paradies, zwischen China und Eisleben, zwischen der Ukraine und Santorin, waren wir nicht gefasst auf die Welt (Seite 10). Und jetzt ist diese Welt von der Schließung bedroht (Seite 47).  Die Menschen werden rausgeschmissen (Nu ma raus mitten menschlichen Wesen, Seite 56).  Schon früher schlugen wir Köpfe ab (Seite 61) und stapelten sie (Seite 40).

Kein großer Optimismus, den Volker Braun in seinem aktuellen Gedicht-Band verbreitet. Und doch ist es kein Pessimismus: „Wie reich wir geworden sind / Und andererseits wie sorgenvoll / Es ist die beste Zeit / Wir erhalten viel / und wir verlieren viel“ (Seite 21). So nah liegt Major dem Minor, wie schon zu Giurdano Brunos Zeiten (dessen Buch so hieß).
Goethe, Dante, Milton, Brecht, ein paar Chinesen (Lao Mas), Mythen, auch die urbanen Mythen eines Roland Barthes, - so breit aufgestellt ist diese elektrisierende Sammlung. Und zugleich gibt es eine entscheidende Stoßrichtung, in die nahezu alle Gedichte gehen. Es geht hier ums Ganze und dabei ist das Subjekt zum restlos verwalteten Objekt geworden. Unsere Sehnsuchtsorte wurden zum belanglosen FKK-Strand (Hiddensee) und überall ist Ausverkauf. Totale Verwertung (Das ganze Leben warfen wir inn Handel, Seite 45), zwischen Krieg und Frieden gibt es keinen Unterschied mehr (Seite 56) und der Mensch fährt bald ins Funkloch. Verfasst im Sonette, Blankvers, im Paarreim sogar, oder reines Prosagedicht, so wunderschön erfasst wie in „Steinbrech“ (Seite 31).  Aber Volker Braun, der vom Roman bis zum Schauspiel schon alles geschrieben hat, kopiert nicht nur, sondern verwandelt die Formen auch, wie in „Telephos an Papenfuss“, wo Geschichte auf hegelianische Art ineinander fährt und Lyrik zur dialektischen Kraft wird. Da wird in einem Gedicht von Publius Syrius (römischer Mimen-Autor 1. Jhdt. v. Chr.) über Tolstoi bis zum Berliner Dialekt gewandert, eben unbehaust.

Volker Braun, der politische Autor schlechthin (Hinze und Kunze), war schon immer ein formreicher, stilsicherer Kritiker der Verhältnisse. Er gehörte 1976 zu einem der ersten, die sich gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann aussprach, verließ 1982 den Schriftstellerverband der DDR,  er war jahrelang Mitarbeiter und Mitherausgeber von ARGUMENT (sozialpolitisches Magazin), und immer ein Streiter für eine bessere Welt. In seinem berühmten Gedicht „Das Eigentum“ von 1990 brachte er – noch heute gültig – die Wende auf den Punkt. Und vieles in dem Band spricht wohl auch stark aus dem Mund des gebürtigen Dresdner. Wenn er diesen kuriosen Brückenstreit um das Weltkulturerbe Elbtal aufgreift und – auch hier dialektisch in nuce – die eigene Kindheit ins Jetzt leitet und zugleich das Leitmotiv der Hass-PEGIDA dekonstruiert. 

Volker Braun erfasst hier die Welt, vom Gezi-Park bis Yukatan.

„Die Zukunft“, sagte Volker Braun 2015 in einer Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung einmal, „die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen“. So spricht einer der letzten autonomen und freien Autoren. So spricht also einer, der kein „beklagenswerter Mensch“ ist, „der mit dem edelsten aller Werkzeuge, mit Wissenschaft und Kunst, nichts Höheres will und ausrichtet als der Taglöhner mit dem schlechtesten!“ (Schiller, Antrittsvorlesung in Jena 1789). Denn das spürt man den Gedichten schon an, dass hier mehr verhandelt wird, als nur eine Evaluation der Geschichte. Hier ist ein Lyrikband, der kein „Projekt“ ist, kein „großartiges Unternehmen, das zu breit angelegt ist, als dass aus ihm etwas werden könnte“ (Daniel Defoe: Über Projektmacherei), nein, hier ist etwas geworden, aus dem was gewesen ist, auch wenn es kein Halten mehr ist, und sich abschafft (Seite 52). Denn es ist klar, dass jemand, der unkündbar ist, wie das Elend (Seite 46), der ein Wesen besitzt, das ihn einerseits heiter und andererseits trüber macht (Seite 27), dass so jemand schwer verwertbar ist. Da ist es dann schön, wenn ein Lyrikband es in die Feuilletons schafft, in diese gewitzte Verwertungsrubrik der Geistesarbeiter. Warum? Weil er so schön mit den Vogelstimmen der Zitateschätze jongliert und ein feuchtes Beben erzwitschert in jedem dieser um Humboldt trauernden Bologna-Evaluierten Goethe, Schiller und Brecht zitierenden Tagesschreiber. Hier fügt sich dialektisch das Unzeitgemäße in den Zeitgeist und hat so eine leise Sprengkraft in so Sätzen wie: „Wo will diese Menschheit hin und landen und untergehen?“ Da wird in einem Satz die kritische Vernunft lebendig, ohne Ressentiment, ohne Hass, eben heiter und trüber. Was ist aber nun diese Dialektik? Nicht nur einfach Synthese, sondern in ihr zugleich Antithese und These entfaltend, eben in eine Zukunft, die gestaltet werden sollte, und nicht verwaltet und nur vorhergesehen. Denn so eine Menschheit, die sich derart vergisst, ist Wilderness, ist unbehaust und schafft sich am Ende aus verwaltungstechnischen Gründen selber ab.

 

 

Augustus

Von John Williams

Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben

Erschienen im Verlag dtv 2016

Omne tulit punctum, qui miscuit utile dulci

 lectorem delectando pariterque monend*

Dem klugen Nachwort von Daniel Mendelsohn konnte ich leider nichts mehr hinzufügen.
Dennoch, wie gewohnt, mein Kommentar: Ovid, Vergil, Horaz (dessen Ars Poetica hier in zweisprachiger Ausgabe vor mir auf dem Schreibtisch liegt), aber auch der im Anhang gar nicht erwähnte Properz, der die römische Liebeselegie perfektionierte, - sie alle und noch einige literarische Superagenten mehr  gehörten zur Epoche der augusteischen Literatur. Mir war nicht mehr gegenwärtig, wie sehr der klingende Name „Rom“ in dieser Zeit geprägt wurde. Cäsar, Brutus, Antonius, Sextus Pompeius, Octavius und schließlich Tiberius Claudius (der Nachfolger von Octavius Augustus), sie „sind Rom“. So erscheint es mir, als hätte es Rom zweimal gegeben. Einmal das über 500 Jahre währende republikanische Rom mit einer verwirrenden Anzahl von Konsuln und Vizekonsuln, und dann das kaiserliche Rom, das noch einmal 500 Jahre währte und mit Augustus über Nero und Caligula unser Rom-Bild prägte.

Die Aeneis, die Metamorphosen, aber auch die Architektur eines Vitruv, all das ist die Pax Augusta. Am Ende hielt sie 200 Jahre. Aus fiktiven Briefen, Tagebuch-Notizen und Dokumenten setzte John Williams sein Bild von Kaiser Augustus zusammen. Wir erleben 70 Jahre Rom, vom Bürgerkrieg bis zur kaiserlichen Blütezeit. Wir erleben die Machtkämpfe, das diplomatische Spiel, die Spitzelaktivitäten und geheimdienstlichen Unternehmungen, wir erleben all das nicht museal, nicht gequält historisierend. Denis Scheck ging in einer Literatursendung (lesenswert-quartett vom 15. 12.16) geradezu wütend auf  Ilijoma Mangold los, weil letzterer von diesem Buch begeistert war. Scheck meinte, es sei nur konventionell erzählt, böte nichts Neues. Es erstaunt immer wieder, wie unterschiedlich Bücher gelesen werden können. Mangold und Scheck lobten sich selbst als „Rom-Kenner“ in der Sendung. Scheck fand, das biete nichts Neues, er sähe in dem Roman keine Römer, sondern „nur Amerikaner“. Mangold behauptete das Gegenteil. Beweise lieferten beide keine. Dafür ist im Mainstream-Fernsehen ja auch keine Zeit. Da gibt es nur für Behauptungen Quote. Fangen die Beweise an, muss man sich auf ARTE* zurückziehen und schon auch ein bisschen mehr Zeit investieren.

Unabhängig davon, ob Williams historisch Neues liefert zum zweithäufigsten Rom-Thema (das andere wäre wohl Marc Aurel und Commodus): Rom ist auf medialer Ebene immer schon amerikanisch gewesen. In dem berühmten Essays „Mythen des Alltags“ von Roland Barthes, gibt es ein Essay von ihm, mit dem Titel „Die Römer im Film“.

„In Julius Caesar von Mankiewicz‘ tragen alle Personen Haarfransen auf der Stirn. Bei manchen sind sie gelockt, bei manchen glatt… Stets sind sie jedoch sorgfältig zurechtgemacht, und Kahlköpfe wurden nicht erlaubt, obwohl doch die römische Geschichte eine ganze Menge davon hervorgebracht hat. …Was hat es nun mit diesen unvermeidlichen Haarfransen auf sich? Sie zeigen ganz einfach das Römertum an.“

Soweit Roland Barthes. Und ich habe diese Römer um ihre Stirnlocken immer beneidet, denn meine Haare waren leider germanisch wild. Auf einer metahistorischen Diskurs-Ebene begibt sich auch Wiliams, wenn er am Ende Octavius selbst zu Wort kommen lässt. Denn die Augustus-Biografie von Nikolaos von Damaskus stellt der Herrscher selbst in Frage durch seinen  Res Gestae Divi Augusti, seinem Tatenbericht den die Vestalinnen auf Bronze hämmern.

Von Sueton bis Cicero war Geschichtsschreibung bei Römern (und natürlich nicht nur bei Römern) immer auch Tendenz-Bericht. Ein Beispiel wäre die historische Verunglimpfung von Nero durch Sueton und Tacitus (senatorische Geschichtsschreibung. Und existiert erst einmal ein Bild, dann bedarf es mühevollster Detailarbeit, dieses festgefügte historische Bild zu dekonstruieren. So ist das Nero-Bild im 19. Jahrhundert bei Marquise de Sade und seiner Histoire de Juliette schon wieder ganz anders. Die faktische Realität wird es trotz jeder Bemühung nicht wieder herstellen können. Was Williams also liefert, das ist eine Verlebendigung und Vergegenwärtigung. Es ist Literatur. Und da ist immer mehr möglich, mehr erlaubt. Das Bild von Julia zum Beispiel, Augustus‘ Tochter und einziges Kind, das er verbannte, hier wird die Geschichte als eine Art Lebensrettung erzählt. Und das berühmte ausschweifende Leben Julias, die sich als Göttin Ishtar von jungen Männern begatten ließ, erzählt Williams ganz ohne moralischen Zeigefinger, nämlich als Emanzipationsgeschichte. Erst Tiberius hat ihr dann alle Mittel entzogen. Julia verhungerte im Exil. Die Historie erzählt, dass Augustus sie enterbte, aber Tiberius war es, der ihr schließlich alle Mittel verweigerte.
Zum Schluss schenkt Williams dem großen Kaiser noch 60 Seiten Selbstrechtfertigung. Kaum noch Zähne im Mund an Bord seines Segelschiffes schreibt er seinem Biografen Nikolaos von Damaskus. Ein Kaiser wider Willen, der die Macht nur an sich riss, weil ihm das Schicksal Roms am Herzen lag? Wer’s glaubt wird selig. Weise will er klingen, bescheiden. Aber selbst in seiner Bescheidenheit zeigt er sich als Riese. Ein Mensch, der schon zu Lebzeiten als Gott verehrt wurde – ja klar, der hat’s nicht leicht. Er musste ja auf Freundschaft und Liebe verzichten, um das Schicksal Roms nicht zu gefährden. Sein Leben stellte er unter die hehre Aufgabe. Und viel Weihrauch wird geschwenkt. Wer hier nicht merkt, das Williams voller Ironie ist, wenn er den Kaiser darüber nachdenken lässt, dass Rom untergehen wird…„Es ist getan“, der Ochse ist geschlachtet. Mythen können nicht sterben. Sie haben ja nie gelebt.

In zwei Büchern erzählt Williams vom Tod Cäsars, vom Aufstieg Octavians zu seinem Nachfolger, seiner Machterhaltung gegen Intrigen,  aus politischen Überlegungen Kompromisse einging, die bis zur Verbannung der eigenen Tochter gingen. Und im dritten Buch: Wer fast ein halbes Jahrhundert ein Imperium wie Rom regiert, der kann das gar nicht anders machen. Kompromisse, mehr Beherrschter als Herrscher und so weiter. Eben ein Kaiser wider Willen, der die Dichter bewundert, weil sie Ordnung ins Chaos der Erfahrung bringen, und der die Welt als sein Gedicht bezeichnet. In dem Film Der Gladiator  sagte Lucilla (Schwester von Commodus, gespielt von Connie Nielsen) einmal: „Rom war wie ein Traum, man durfte nur leise von ihm reden.“

 

 

Die steinerne Matratze

Von Margaret Atwood

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood wurde 1985 mit ihrem dystopischen Roman „der Report der Magd“ einem breiteren Publikum bekannt (verfilmt von Volker Schlöndorf 1990 unter dem Titel „Die Geschichte der Dienerin“). Darin schildert sie eine postapokalyptische Welt, in der die meisten Menschen durch Verstrahlung steril geworden sind. Sie beschreibt eine zukünftige Machtergreifung christlicher Eiferer in den USA. Dabei wird insbesondere die Stellung der Frau neu definiert: Frauen dürfen kein Eigentum besitzen und haben sich dem Mann vollständig unterzuordnen. Ihr Eigentum fällt an den nächsten männlichen Verwandten. Die einzige Aufgabe und Pflicht der Frau ist das Gebären von Kindern. „Zu viele Menschen ihrer Umgebung seien zu "sorglos", warnte Margaret Atwood, damals in einem Spiegel-Artikel. Zu oft bekomme sie zu hören "so etwas könne bei uns nicht passieren". Der Roman hat so einen nicht unwesentlichen Beitrag geleistet zur Emanzipation der Frau. Nicht überraschend, dass im April dieses Jahres eine neue Übersetzung dieses Romans erscheint – zumal die USA immer düsterer wird.

Jetzt hat sie einen Erzählband vorgelegt, der zeigt, dass Atwood nicht nur Science Fiction kann. Großartige Frauenportraits in einer nach wie vor von Männern dominierten Welt. Zugleich geht es auch um das Altwerden.
Unser bewusstes Jetzt verläuft nämlich auf einer Zeitschiene, einer geraden Linie, in nur eine Richtung. Der Vorteil: mit unserem produktiven Geist können wir an dieser Linie in jeder Richtung entlangwandern. Der Nachteil: Der Punkt auf der Linie von dem aus wir unseren produktiven Geist auf Wanderschaft schicken, bestimmt den Sound der Geschichten, die auf dieser Linie erzählt werden. Margaret Atwood hat eine Sammlung von Geschichten vorgelegt in der ein Großteil der Protagonisten so ziemlich am Ende der Zeitschiene leben. Und so erzählen sie ihre Geschichten als Rückblick auf ein gelebtes Leben. Der Sound ist also auch eine Art Abrechnung. Constance lebt in Alphinland und erinnert sich an Gavin. Er ist dann der Wiedergänger in der zweiten Geschichte, wo er von seiner deutlich jüngeren Frau Rey zur Ikone verulkt wird. Und die Dark Lady „Marjorie“ söhnt sich zum Ende des kleinen Episodenromans zu Beginn dieser Erzählungen mit Constance aus. Doch Atwood rechnet hier auch ein wenig mit dem Snobismus der so genannten Hochliteratur ab.

Schon dieser kleine Episodenroman hat es in sich. Wir Leser werden hineingezogen in das Liebesleben von eigentlich fünf Menschen. Da ist Constance, die Trash-Autorin, die sich in ihrem eigenen Plot verrannt hat und Sein und Schein verwechselt. Während Gavin der eitle aber im Grunde zur lächerlichen Ikone versteinerte Lyriker ist, der von der jungen Wissenschaftlerin Naveena interviewt wird, nicht etwa um seines Werkes willen, sondern ausgerechnet wegen seines Verhältnisses zu jener verwirrten Constance und ihrem zum Klassiker gewordenen Alphinland – was Gavin wiederum nicht fassen kann. Wie kann man eine wissenschaftliche Arbeit schreiben über so einen Schund?

Marjorie, anfangs am Rande erwähnt von Constance, taucht in der dritten Geschichte auf und sie wird mit ihrem schwulen Bruder zu einer umgedrehten Nemesis.

Die nächste Thematik in den Erzählungen: Der Verrat in der Liebe. Zwei Geschichten werden dabei aus männlicher Perspektive erzählt: „Der gefriergetrocknete Bräutigam“ und „Die tote Hand liebt dich“. Erstere Geschichte erzählt die Geschichte von Sam, der von seiner Frau aus der Wohnung geworfen wird. Atwood beginnt mit dem Satz „Die nächste Sache ist die, dass sein Auto nicht anspringt“, und schildert dann rückblickend erst einmal den Ablauf des Morgens und die Ausgangssituation bis sie erst sieben Seiten später wieder auf den Einstieg zurückkommt: „Da ist der Moment, als das Auto beschließt, nicht anzuspringen.“

Das ist dramaturgisch perfekt gemacht. Sam, ein Filou, ein Strizzi - wie man das in Wien nennt, stößt auf eine Frau, die ihren Bräutigam versehentlich bei BDSM-Sex erwürgte. Die Geschichte endet zwar offen. Aber man kann sich denken, wem Sam da auf den Leim gegangen ist. Ähnlich wie Bob (der Titel gebenden vorletzten Story) nicht ahnt, dass er gleich von einem Stromatolithen (steinerne Matratze) erschlagen wird. Sein dümmlicher Gesichtsausdruck im Moment des Totschlags ist herrlich. Während Jack in der Geschichte „Die tote Hand liebt dich“ aus der Not heraus einen Horror-Klassiker schreibt. Eine absurd-lächerliche Vorlage für all die späteren Splatter-Storys über Untote. Auch hier rechnet Atwood mit dem Genre ab. Es ist eine meiner Lieblingsstorys in dem Band, weil sie hier schon zum zweiten Mal (nach Alphinland und dem ironischen Verweis auf die Fantasie-Hysterie) den entgrenzten Literaturbetrieb aufs Korn nimmt.

Atwood schafft es, in spannender, knapper und doch tiefschürfender Sprache komplizierte Beziehungen auf den berühmten Punkt zu bringen.

Um noch einmal auf meine Zeitschiene zurückzukommen: Vielleicht haben Sie es schon erlebt. Ich ja. Man begegnet einem Menschen, den man über Jahre nicht gesehen hat. Man erkennt ihn. Und wie eine unsichtbare Folie legt sich das alte Bild das man von ihm hat auf das neue Selbst, das da vor einem steht. Und man weiß: Dem anderen geht es ähnlich. Wir entwerfen ein Bild vom anderen, und zwar meist sofort nach der ersten Begegnung. Und dieses Bild bleibt, ist konservativ im Hirn verankert und will einfach nicht weggehen. Im Grunde geht es in den Geschichten von Margaret Atwood genau darum. Wir haben uns ein Leben entworfen. Rückblickend. Aus den vielen ersten Eindrücken. Wird man älter, dann flattert unser Bild zwischen jetzt und früher hin und her. Was immer noch besser ist, als ständig auf das grausame Ende der geraden Linie starren zu müssen.

Ein wenig aus dem Schema herausgefallen erscheint die Geschichte „Lusus Naturae“. Diese Wolfsfrau, die am Ende vom Mob getötet wird, verweist jedoch darauf, dass wir nicht nur ganz persönliche Vorurteile haben und Vorbilder, sondern diese auch kulturellen Schaden anrichten.

Zum Ende erzählt uns Atwood auf charmante Art eine Horrorvision. Und es ist schon düster, wie Tobias und Wilma allein und frierend in der Laube sitzen und dabei zusehen, wie das Altenheim abbrennt. Dass dabei ihre durch das Charles Bonnet-Syndrom (siehe Oliver Sacks Drachen, Doppelgänger und Dämonen: Über Menschen mit Halluzinationen) hervorgerufenen Männchen sich freudig umarmen, macht das düstere Bild perfekt.

Neun dramaturgisch elegante Geschichten, humorvoll, sarkastisch und mit einer Spritzigkeit erzählt, welche die meisten jüngeren Autoren ziemlich blass aussehen lassen. Chapeau.

 

 

 

 

* Allen Beifall gewinnt, wer das Nützliche unter das Angenehme mischt // dadurch, dass er den Leser ebenso erfreut wie ermahnt. (Ars Poetica von Horaz)

* Hier meine ich nicht den Sender Arte, sondern den Bildungsmythos, der von dem gleichnamigen Sender ausgeht. Daher die Großbuchstaben.

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Herbst 2016

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