Literaturprojekt
Literaturprojekt

Chronik Freising erstes Halbjahr 2012

Chronik:

28. Februar 2012 Nemesis von Philip Roth

20. März 2012 Vom Ende einer Geschichte von Julian Barnes

24. April 2012 Sand von Wolfgang Herrndorf

22. Mai 2012 Meine Flucht aus den Bleikammer von Venedig von G. Casanova

19. Juni 2012 Als die Bücher noch geholfen haben von F.C. Delius

17. Juli 2012 Robinsons blaues Haus von Ernst Augustin

 

Nemesis

Von Philip Roth

Übersetzung: Dirk van Gunsteren

 

Ich erinnere mich noch erstaunlich gut an meine Schluckimpfung. Ich sehe den blau eingefärbten Zuckerwürfel noch vor mir. Der Arm, der mir den Würfel reichte, war überraschend behaart. Der Würfel, der haarige Unterarm, die tiefe Männerstimme (die mich beruhigen wollte), die große Sporthalle in der das alles stattfand, die vielen, vielen Kinder und all die Menschen – all das machte großen Eindruck auf mich und machte mir auch Angst. Eine Angst, die angemessen war, wenn man weiß, was die Kinderlähmung anrichten kann.

Der junge Sportlehrer Bucky Cantor erlebt in den 1940er Jahren, was diese Krankheit anrichten kann. Wegen seiner Kurzsichtigkeit kann der junge Mann nicht wie seine Brüder am Krieg in Europa teilnehmen, er darf keine „Japaner abknallen“, wie sein Schüler Donald es unbedingt möchte. Aber Bucky erlebt einen anderen Krieg. An der Heimatfront in Newark muss der junge, Sport begeistere Bucky erleben, wie Kinder von einer unheimlichen Seuche dahingerafft werden. Wie gesunde Kinder zu Krüppeln werden. Hilflos und in einem schwachen Moment sagt er seiner Geliebten zu, ihr nach Indian Hill zu folgen, um dort als Bademeister in einer anderen Welt arbeiten und leben zu können. War in Newark noch die unerträgliche Hitze und erdrückende Angst vorhanden, so kann Bucky in den kühlen Poconos im Nordosten Pennsylvanias endlich aufatmen. In dem den Indianern nachempfundenen Jugendlager herrscht eine heitere und lebensfrohe Stimmung. Die Kinder sind gesund und begeisterungsfähig, wie der junge Donald, dem Bucky dabei hilft, seine sportlichen Fähigkeiten zu verbessern. Doch wir Leser spüren bei aller Heiterkeit und Lebensfreude den dunklen Schatten der Nemesis, jener Göttin des gerechten Zorns, deren stete Begleiterin Aidos (die Scham) ist. Sie, Nemesis, bestraft menschliche Selbstüberschätzung, sie bestraft die Missachtung des göttlichen Rechts (Themis) und der Sittlichkeit. Bucky ist ein Deserteur. So fühlt er sich immer mehr, je heiterer und glücklicher sein Leben wird. Er steht auf dem Sprungbrett, die milde Sonne der Poconos auf der nackten Haut spürend, die Liebe seiner zukünftigen Frau Marcia ist ihm gewiss, und doch: Er darf das alles nicht genießen, denn er hat eine schwere Schuld auf sich geladen, er hat die ihm anvertrauten Kinder in Weequahic (Viertel im Südwesten Newarks) allein gelassen. Er müsste bei ihnen sein. Er müsste bei seiner herzkranken Großmutter sein. Nemesis ist eine göttliche Richterin. Sie richtet nicht so, dass der menschliche Verstand es begreift. Schließlich erkrankt der junge Schüler Donald an der Poliomyelitis. Plötzlich ist der dunkle Schatten aus Newark auch in Indian Hill. Und Bucky weiß: Er hat diesen Schatten mitgebracht. Am Ende erkrankt Bucky selbst an der Seuche und sein sportlicher Körper verändert sich. Roth hat eine Art Gegenroman zu Camus „Die Pest“ geschrieben. In Camus’ Roman sagt Rieux, der Arzt der die Pest bekämpft: „...bei allem handelt es sich nicht um Heldenmut. Es handelt sich um Anstand. Das ist eine Idee, über die man lachen kann, aber die einzige Art, gegen die Pest anzukämpfen, ist der Anstand.“ Bucky Cantor macht sich zum Vorwurf, dass er genau diesen Anstand nicht hatte. Vor der Polio zu fliehen, das war unanständig.
Im dritten Teil des Buches erfahren wir, wie Buckys weiteres Schicksal verlief. Bucky bestrafte sich selbst. Er verstößt seine zukünftige Frau, die ihn lieben will, die ihm immer wieder versichert, dass sie ihn liebt, nicht nur seinen Körper. Aber Bucky will nicht, dass sie ihr Leben einem Krüppel opfert. Er opfert sich selbst. Er lebt schließlich zurückgezogen und einsam, verbittert. Es ist Arnie Mesnikoff, der uns seine Geschichte erzählt. Wir sind ihm ganz kurz begegnet, im ersten Teil des Buches. Dort war Arnie einer der Kinder, die von der Polio infiziert wurden. Arnie Mesnikoff wird Architekt. Er macht das Beste aus seiner Behinderung, gründete eine Firma für behindertengerechten Umbau von Häusern und Wohnungen.
Als Erwachsener trifft er ihn zufällig wieder und sie verabreden sich einige Male in einem Cafe wo Bucky ihm alles erzählt (es sprudelte aus ihm hervor).

Philip Roth erzählt mehr als die Geschichte eines jungen Mannes, der an Poliomyelitis erkrankt. Er erzählt auch die Geschichte eines Zufalls („Jeder Lebensweg ist dem Zufall ausgeliefert; vom Augenblick der Zeugung an regiert der Zufall – die Tyrannei der Umstände – alles“). Menschen sterben. Im Krieg, an Krankheit. Bucky wird schwer geprüft. Seine Mutter stirbt bei seiner Geburt, sein Vater ist ein Dieb und er wird ihn nicht kennen lernen. Bucky hat aber dann auch viel Glück, er wächst bei liebevollen Großeltern auf. Bucky ist sportlich, diszipliniert, trainiert fleißig und will Verantwortung übernehmen. Aber das Schicksal hat etwas anderes mit ihm vor. Ich muss an diesen antiken Sinnspruch denken, den ich gerne mal auf den Lippen habe. Er stammt von einem unbekannten griechischen Dichter. „Den Willigen führt das Schicksal. Den Unwilligen schleift es hinter sich her.“
Roth erzählt das Schicksal von einem Willigen, den das Schicksal trifft und der es nicht annimmt und der trotzdem nichts dagegen tun kann. Ist es ein Trost, dass Arnie es besser macht? Nein, so einfach macht es uns der Autor nicht. Auch wenn sich Arnie über Buckys Wut auf Gott ein wenig lustig macht, bleibt ja doch das Ergebnis. Ob Gott oder irgendeine blinde Macht (der Zufall), wir haben keinen rationalen Zugang. Nemesis ist die Tochter der Nacht (Nyx). Zeus stellte ihr nach. Scham- und zornerfüllt war Nemesis von diesen Nachstellungen. Sie flüchtet vor dem Göttervater, verwandelt als Fisch, über das Meer bis zum Ende der Welt. Dort verwandelt sie sich in eine Ente. Aber Zeus findet sie, verwandelt in einen Schwan fällt er über sie her und zeugt mit ihr Helena. Nemesis ist die Mutter der Frau, um derentwillen schließlich der Trojanische Krieg geführt wurde.

Ich bin mir sicher, dass Roth diese Geschichte kennt und dass dieser Mythos für seinen Roman eine Rolle spielte. I’ll Be Seeing You singt Jimmy Durante, In All The Old Familiar Places. Buckys Mutter starb bei seiner Geburt, sein Vater war ein Dieb! Das ist einer Nemesis würdig.

Roth schließt diese berührende Geschichte, die er gewohnt souverän erzählt, mit einem olympischen Bild. Wir erleben den jungen Sportlehrer noch einmal in seiner ganzen würdevollen Pracht beim Speerwurf.  „Wenn er, den Speer hoch erhoben, anlief, mit dem Wurfarm weit ausholte, ihn über die Schulter nach vorn riss und den Speer wie in einer Explosion losließ, erschien er uns unbesiegbar.“

Ich selbst gehörte ja mit zu denen, die Glück hatten. Als ich zur Welt kam, gab es bereits die Schluckimpfung, ein Lebendimpfstoff mit abgeschwächten Erregern. Heute wird diese Impfung mit Totvakzinen durchgeführt als Injektion, denn es gab mit dem Lebendimpfstoff Zwischenfälle. Heute gilt die Polio beinahe als ausgerottet. Die letzte größere Erkrankungswelle  gab es 2010 in Tadschikistan. In Amerika unter den Amischen und auch vor einigen Jahren bei strenggläubigen Calvinisten in den Niederlanden. Sie lassen sich aus Glaubengründen nicht impfen.
Aber Nemesis hat viele Mittel, ihren gerechten Zorn walten zu lassen.

 

Vom Ende einer Geschichte

Von Julian Barnes

Übersetzung: Gertraude Krueger

 

Apollon verspottete einmal den Liebesgott Eros als schlechten Schützen. Eros rächte sich dann dadurch, indem er einen Liebespfeil mit einer goldenen Spitze auf ihn und einen mit bleierner Spitze auf Daphne abschoss. Apollon verliebte sich unsterblich in Daphne, während diese, von einem genau das Gegenteil bewirkenden Pfeil Eros’ getroffen, für jene Liebschaft unempfänglich wurde. Als Apollon Daphne bedrängte, floh sie. Erschöpft von der Verfolgung durch Apollon flehte sie zu ihrem Vater Peneios, dass er ihre – den Apollon reizende – Gestalt wandeln möge. Daraufhin erstarrten ihre Glieder und sie verwandelte sich in einen Lorbeerbaum. Apollon soll daraufhin schwul geworden sein. Und es ist seine Erfahrung mit der ersten und der wahren Liebe. Ihr, Daphne, würde er sein Leben lang nachjagen. Er trug daher stets den Lorbeerkranz. Apollon widmete sich von dort an, wo seine erste Liebe ihn verschmähte, ganz den Musen. Eine neue Liebe sollte er nie finden. Nietzsche bringt in Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik das Begriffspaar apollinisch-dionysisch als ästhetische Gegensätze ins Gespräch. Apollinisch ist demnach der Traum, der schöne Schein, das Helle, die Vision, die Erhabenheit; dionysisch ist der Rausch, die grausame Enthemmung, das Ausbrechen einer dunklen Urkraft.

Wer den flüchtigen Freuden nachzujagen beliebt, findet zuletzt nur bittere Beeren in seinen Händen, lautet eine Inschrift auf der Skulptur Apollo und Daphne von Gian Lorenzo Bernini. Der Text wurde nachträglich in den Sockel der Skulptur eingeschrieben, weil die knisternde Erotik in der Darstellung bei einem französischen Kardinal Anstoß erregte. Apollo bekommt seine Geliebte Daphne nicht. In seinem Gesicht das entsprechende Entsetzen, denn gerade als er sie endlich umarmt, merkt er, dass sie sich für immer entzogen hat. Daphne war die erste Liebe Apollos. So wie Veronica die erste Liebe von Tony. Ist nun die erste Liebe die einzig wahre Liebe? Oder ist die wahre Liebe die erste Liebe? Amor Primus: Hoffnung und Enttäuschung, Lust und Leid, Sehnsucht und Scham. Literatur und Kunst haben eine lange Tradition in der Darstellung der „ersten Liebe“. Tony Webster, der pensionierte Geschichtsprofessor aus dem Roman von Julian Barnes begegnet seiner ersten Liebe wieder. Er wird mit seiner eigenen Konstruktion konfrontiert und decodiert sich am Ende selbst.

Julian Patrick Barnes wurde 1946 in Leceister geboren. Bevor er mit dem Roman Flauberts Parrot größeren Ruhm erlangte, schrieb er unter dem Pseudonym Dan Kavanagh Kriminalromane. In seinem Roman Vom Ende einer Geschichte gelingt es ihm immer wieder einen Roten Hering[1] auszulegen. So bleibt es spannend bis zum Schluss. Aber auch der Twist des Flashback kommt bei Barnes zur Anwendung, hier nutzt man die Rückblende in der Geschichte um aus neuer Sicht wichtige Informationen für den weiteren Verlauf der Handlung zu liefern. Geschichte steht damit im Zentrum des Erzählers. Die klassische literarische Form des „zweiten Blick auf die erste Liebe“[2], wird so durchbrochen. So wird am Ende nicht der romantische Blick obsiegen, sondern der dialektisch-psychologische Blick. Der Schock, plötzlich die Zusammenhänge zu erkennen, die einer griechischen Tragödie würdig sind, und die dem Ich-Erzähler die Komplexität von Geschichte klarmachen, klarer, als er bislang glaubte sie zu verstehen. Das Ende des Lebens – nein, nicht des Lebens an sich, sondern von etwas anderem: das Ende jeder Wahrscheinlichkeit einer Änderung in diesem Leben. Das ist ernüchternd. Der Selbstmord seines Jugendfreundes Adrian im Zwangslager des freudianischen Thanatos-Eros Gegensatzes und des ödipalen Ereignisses (Adrian schläft mit der Mutter seiner Geliebten und zeugt mit ihr einen Sohn, der der Bruder seiner Geliebten ist), und der Zusammenhang mit dem am Beginn des Romans erwähnten Selbstmordes eines Mitschülers (wegen einer schmachvollen Liebe), schafft ein kompliziertes Verhältnis zwischen Geschichte, Psychologie und Lebenseinstellung im Allgemeinen. Wie ich eben merke, ist das vielleicht einer der Unterschiede zwischen der Jugend und dem Alter: Wenn wir jung sind, erfinden wir verschiedene Zukünfte für uns selbst; wenn wir alt sind, erfinden wir verschiedene Vergangenheiten für andere. Immer wieder versucht Tony Webster sich gegen das Romantisieren zu wehren. Aber am Ende ist die Wahrheit im tiefsten Sinne romantisch, dunkel, düster und von einer ästhetisch moralischen Kraft hinter der Wirklichkeit getragen, welche die eigentliche Wirklichkeit erst ausmacht. Wie wir uns eine Geschichte erzählen ist dann weniger die Faktenlage der Geschichte, sondern ein Spiegel unseres Charakters.

Barnes gelingt es vortrefflich, vergnüglich und spannend, dieses fragile Verhältnis zu erzählen. Beinahe im Plauderton, plätschernd, dem behäbigen, etwas selbstgerechten Charakter des Ich-Erzählers Tony Webster angepasst, erzählt er uns die Geschichte eine Mannes, der gegen Ende seines Lebens erfahren muss, dass ein Teil davon auf einer Selbstlüge basiert. Die Sicherheit ist am Ende dahin (Was habe ich sonst noch falsch gemacht fragt sich Tony Webster zum Schluss). Ist am Ende das ganze Leben falsch erzählt, nur aus dem kleinen Schlüsselloch-Blick des eigenen Wesens begriffen worden?

Da ist Akkumulation. Da ist Verantwortung. Und darüber hinaus herrscht Unruhe. Es herrscht große Unruhe.
Diese Unruhe ist wirklich groß, denn alles ist geschehen, ist vorbei, nicht mehr zu ändern. Webster entschuldigt sich mehrfach, mehrfach für das Falsche. Am Ende fehlt sogar seiner Entschuldigung die Kraft der Überzeugung. Es ist nur noch ein Seufzer.

Wenn Unvollkommenheiten der Erinnerung auf die Unzulänglichkeiten der Dokumentation treffen, was ist dann erst mit der großen Geschichte? Alles nur Schein und Traum, also apollinisch? Und ist im dionysischen Rausch die eigentliche Wahrheit zu sehen, also nicht in nüchterner Erhabenheit, jenem trockenen, analytischen Geist des apollinischen Prinzips? Ist die tiefe Empfindung, der Rausch und damit auch der Schock und die „große Unruhe“ die eigentliche Wahrheit, und damit auf die eigentliche Wahrheit gar nicht zugreifbar, bleibt sie also nur im mystischen Verlangen?

Barnes hat einen Roman geschrieben, der es derart in sich hat. Und so war ich am Ende der Lektüre ganz gefangen von dieser Geschichte. Und das ist der Effekt, den ein guter Roman auslöst.

 

Sand von Wolfgang Herrndorf

Gleich wie Philosophen behaupten, dass ohne den Zweifel keine wahre Philosophie möglich ist, lässt sich behaupten, dass kein Menschenleben ohne Ironie authentisch ist, hat Kierkegaard einmal gesagt. Das dürfte Wolfgang Herrndorf wohl unterstreichen und hat deshalb einen Roman geschrieben, den man auch als Lehrbuch der Ironie lesen könnte. Dabei ist Ironie nicht zwangsläufig ein Spaß. Ironie beginnt mit einem Konflikt, einer wahrgenommenen Differenz zwischen Prätention und Realität. Und wenn Griechenlands berühmtester Ironiker Sokrates meinte, er wisse nur, dass er nichts wisse, dies diene ihm bei seiner Suche nach Erkenntnis, auch dann würde Herrndorf nicken. Aber nicht etwa, weil Herrndorf der Meinung des Sokrates ist, sondern weil es ironisch ist. Carl weiß, dass er nichts weiß. Das ist genau die Ausgangslage des Romanhelden in Herrndorfs aktuellem Roman. Aber leider führt ihn dieses Nichtwissen ins Unglück, von einem bösen Zufall zum nächsten. Das Problem ist nämlich, dass alle anderen Protagonisten glauben, etwas zu wissen. Und wie in der griechischen Komödie tragen alle Protagonisten eine Maske – Persona. Ein Rollenspiel beginnt, in dem alle möglichen Denkfiguren der Ironie durchgespielt werden, die tragische Ironie, die Selbstironie, die komische, rhetorische, die Ironie des Schicksals.

Der neue Roman von Herrndorf, der zuletzt mit Tschick einen großen Erfolg hatte, zu Recht, hat wieder einen wunderbaren, witzigen und spannenden Roman vorgelegt. Worum geht es? Erst mal zum Titel, der ja so simpel ist und doch so sprechend: Wir streuen jemandem Sand in die Augen, setzen etwas in den Sand, es kann auch mal Sand im Getriebe sein, oder wie Sand am Meer unzählbar, man kann den Sand in den Kopf stecken, auf Sand bauen und alles verläuft im Sande, oder rinnt einem wie Sand durch die Finger.
Oder es handelt sich einfach nur um eine öde Gegend, in der sich kein Mensch aufhalten will. Herrndorf hat nach seinem Adoleszenz-Roman Tschick ein weiteres Meisterwerk vorgelegt. Einen Spionagethriller der das Nichtwissen ironisch auf die Spitze treibt.

Der Roman spielt im Jahre 1972 in Nordafrika. Es ist damit eine Art historischer Roman, aber eben auch ein Roman, der in der Hochphase des kalten Krieges spielt. Das Ereignis in München im Jahr 1972 spielt ebenfalls eine gewisse Rolle. Aber welche? Erst mal treten zwei Polizeibeamte auf, Polidores und Canisades, die einen Mord aufklären müssen, ein Massaker an einer Gruppe Hippies, die an der Grenze zur Westsahara eine Kommune gegründet hatten. Die beiden Polizisten sind eher mit sich selbst beschäftigt und von der Situation überfordert. Der Täter scheint schnell ermittelt. Ein gewisser Amadou Amadou. Ein junger Mann, der nicht wirklich wie ein Massenmörder wirkt, aber alle Indizien sprechen gegen ihn. Der Hauptheld des Romans tritt erst im zweiten Buch auf. Das Buch ist auf fünf Bücher angelegt, unterteilt werden Sie jeweils durch ein Motto von Herodot, das ihnen vorangestellt wird. Auch jedes einzelne Kapitel hat ein Motto vorangestellt, Zitate aus Film und Literatur, mit gewissem Bedacht gewählt. Alle Zitate sind für sich schon originell und lohnend.

Der Hauptheld nun, kommt im zweiten Buch. Er ist gleich in einer schwierigen Lage. Er hat eins über den Schädel gezogen bekommen, und weiß nicht wo er ist, wer er ist und was er tun soll. Nur fliehen, geht ihm durch den Kopf. Was geschehen ist, weiß er nicht. Und so erleben wir wie Carl (wie er sich später der Einfachkeit halber nennt) von einem surrealen Abenteuer ins nächste rutscht. Er weiß nicht, was los ist, wir Leser werden auch ziemlich im Dunkeln gelassen. Wir wissen, es hat irgendwie mit dem Geheimdienst zu tun, man ist auf der Suche nach etwas, das aber stets im Dunkeln bleibt, ein MacGuffin. Alfred Hitchkock, Quentin Terentino und John le Carre haben dieses Buch gemeinsam geschrieben. So erscheint es.

Es ist erstaunlich! Man weiß ja nicht wirklich, worum es geht, es ist ein literarisches Rätsel, aber man bleibt dran, fiebert mit dem Helden mit, es ist spannend und herrlich witzig, vor allem in den Dialogen. Herrndorf ist ein Meister des witzigen, aberwitzigen Dialogs. Das zeigt er schon in seinen Erzählungen „Diesseits des Van Allen-Gürtels“, in der sich der moderne Mensch vergeblich darum müht, zu verstehen, was um ihn herum geschieht.

So wird Carl zum Beispiel entführt von einem Mann, der als „König der Schieber“ gilt und dieser scheint Carl zu kennen. Carl ist in einer dummen Lage. Stellen Sie sich jetzt noch vor, sie haben ihr Gedächtnis verloren und damit auch ihr Geheimnis. Nur, alle anderen glauben Ihnen nicht, halten das für eine Finte ihrerseits. Gleichzeitig tun Sie gut daran, nicht zu verraten, dass Sie nichts zu verraten haben. Schließlich wissen Sie, dass ihr Geheimnis ein Faustpfand ist. Wenn Sie dieses Geheimnis aufgeben indem Sie verraten, dass es gar nicht existiert, sind Sie tot. So ist ihr Geheimnis, dass Sie kein Geheimnis haben. Carl sagt später: „Ich hatte den Eindruck, dass ich nichts weiß, was er nicht auch weiß. Er wusste nur nicht, dass ich nichts weiß.“
Wobei die Ironie fälschlicherweise gerne als ein postmodernes Phänomen gesehen wird. Natürlich hat Herrndorf einen „postmodernen“ Roman geschrieben, wie die Kritiker das gerne sagen. Aber eigentlich erinnert der Roman auch an Sophokles Ödipus. Aber nicht in der Deutung Freuds, sondern in der Deutung Deleuze. Ödipus war ja gar nicht ödipal. Da er weder Vater noch Mutter kannte. Er hielt Polybos und Merope für seine Eltern. Die Ironie: Laios der Kinderschänder, wird doppelt bestraft. Schließlich tötet ihn sein Sohn und beschläft auch noch seine Frau. Für den Sohn ist es tragisch, als er erfährt, wer Laios und Iokaste wirklich sind. Die Ironie des Schicksals. Zufall? Böse Sache. Aber nicht ödipal. Denn so wie in Ödipus wechseln auch die Protagonisten in Sand die Rollen auf dramatische Weise. Die schöne Amerikanerin Helen, die Carl zur Seite steht, ihm in der Not hilft und ihn begleitet, entpuppt sich als ziemlich fiese Folterin. Carl ist ein Spielball der Mächte.
Keine Zeit in der Geschichte hat dieses verrückte Spiel besser dokumentiert, als die Zeit des kalten Krieges. In einem Meer aus falschen Informationen, oder Informationen wie Sand am Meer, die alle etwas bedeuten könnten, aber nicht müssen, fischten die Agenten. Und dabei ging es immer um alles. Geht es ja noch heute. Haben die Iraner die Bombe? Oder nicht? Wir haben nicht wirklich Fortschritte gemacht in der Art, wie wir die Welt begreifen.


Wenn man nun bedenkt, unter welchen Voraussetzungen der Roman entstanden ist, passt das irgendwie. Herrndorf wurde mitten in Berlin in einem Pinguinkostüm aufgegriffen und in die Psychiatrie verbracht. Erst einige Zeit später stellte man fest, dass er nicht verrückt ist, sondern einen Hirntumor hat, und nicht mehr so viel Zeit. Gegen diese Zeit schrieb er diesen Roman. Und der Roman ist damit noch einmal beschrieben – auf einer Metaebene. Wenn die Halluzination so perfekt wirkt, dass sie real scheint, wie kann man sie von der Realität trennen? Das ist mehr als ein solipsistisches Problem. Es ist unser Problem! In einer Welt der Medien (so die unsere) tappen wir so blind herum wie Carl in dem Roman Sand. Und alle Protagonisten in den Medien (Zeitung, Fernsehen) tragen Masken, Persona. Das ist die Lehre – was man auch als phonetisches Homonym lesen kann – das ist die Leere.

 

Giacomo Casanova: «Meine Flucht aus den Bleikammern von Venedig». Aus dem Französischen von Ulrich Friedrich Müller und Kristian Wachinger. Verlag C.H. Beck textura, München 2012. 176 S

Es war Oktober, wenn die Blätter schwinden,
Und der November zog gemach heran,
Wenn nackend sich der Pflanze Glieder finden,
Weil sie das Kleidchen nicht mehr tragen kann,
Und Vögel sich zu enger Schar verbinden –
Da trat die Liebesfahrt Graf Roland an
Und ließ nicht ab von ihr an Winters Grenze
Und auch noch nicht in nächsten Jahres Lenze.

(siebte Stanze des neunten Gesangs von Ariosts „Der rasende Roland“

„Ich plane ein Unternehmen, das kein Vorbild hat und dessen Ausführung auch niemals einen Nachahmer finden wird. Ich will vor meinesgleichen einen Menschen in aller Wahrheit der Natur zeigen, und dieser Mensch werde ich sein.“ So beginnen die berühmten Bekenntnisse von Jean-Jacques Rousseau. Giacomo Casanova antwortet darauf: „Ich werde meine Geschichte nicht Bekenntnisse nennen, denn seit ein ganz Besonderer diesen Titel besudelt hat, kann ich ihn nicht mehr leiden; doch sie wird ein Bekenntnis sein, wenn es das überhaupt je gegeben hat.“ Casanova spielt ironisch mit der Wahrheit. Beinahe wie ein postmoderner Autor dekonstruiert er damit den Anspruch von Rousseau. Schlecht ermittelt ein bestochener Richter die Wahrheit, zitiert er Seneca und erweist sich damit als tiefgründiger, als dialektischer. Und tritt folgerichtig als Anwalt seiner selbst auf: „Ich bin also sicher, dass Ihr mich nicht verachten werdet. Ich habe nur Fehler gemacht, wo mich mein Herz getäuscht oder wo mich eine Maßlosigkeit des Geistes überwältigt hat, die erst das Alter bezähmen konnte…“ Und es stimmt ja so, denn dreißig Jahre nach den geschilderten Ereignissen spitzt Casanova die Feder. „Eine lockere Zunge allein genügt nicht, man muss Zähne haben, denn die Konsonanten, zu denen man sie braucht, machen mehr als ein Drittel des Alphabets aus, und ich habe unglücklicherweise bereits alle meine Zähne verloren.“ Um kurz darauf gleich wieder Seneca zu zitieren.
Dass seine Flucht dennoch der Wahrheit entspricht (auch wenn man sie historisch gelegentlich bezweifelt), stört nicht die geschickte Maskerade seiner Erzählweise. Wir müssen uns Casanova als einen hochintelligenten Menschen vorstellen, der von seinen Zeitgenossen unterfordert war. Ein Pater Balbi konnte ihm nur leidtun. Seine Hochnäsigkeit, seine narzisstische Haltung korrigiert Casanova mit einem Augenzwinkern. Das macht diesen Bericht über eine spannende Flucht zu einem literarischen Ereignis, das noch 250 Jahre später mit Gewinn zu lesen ist.
Casanova ist gerade 30 Jahre alt, als man ihn im Jahr 1755 zu fünf Jahren Gefängnis in den berüchtigten Bleikammern von Venedig verurteilt. Casanova wird vom Gericht weder über die Anklagepunkte – Magie, Freimaurerei, Gotteslästerung und Unzucht – aufgeklärt, noch über die Dauer der Haft in Kenntnis gesetzt. Casanova spekuliert über seine Schuld. Wie Goethe, der gerade sechs Jahr als ist, als Casanova eingesperrt wird, ist Casanova Freimaurer. Ein Freigeist. Und doch ist er geschult in der Religion. Das macht die Schilderung seines Umgangs mit dem Spitzel Soradaci so herrlich zweideutig, und auch seine Vorgehensweise, den idealen Fluchttag zu eruieren. Ariost schrieb Satiren, sein Nekromant ist eine Komödie. Ohne die Komödie des Orlando Furioso kann man sich wohl Shakespeare nicht vorstellen. All das steckt in diesem Büchlein, dem Vorläufer seiner viertausend Seiten fassenden Memoiren. Im Schloss Duchcov in Dux, verbrachte Casanova seine letzten dreizehn Lebensjahre als Bibliothekar. Dort schrieb er auch seine Memoiren und auch dieses Buch, das ein Vorläufer seiner Memoiren ist. Er schrieb auf Französisch. Natürlich. Casanova ist sicher selbst beteiligt an seinem Don Juan Mythos. Dabei darf man nicht vergessen, dass der Don Juan die südeuropäische Variante des Faust ist. Und dass Goethe auch auf Schloss Duchcov war und gute Verbindungen zu deren Besitzern hatte, das ist zumindest eine hübsche Anekdote.
Wie eine Art Panoptikum der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts treten nach und nach die Zellengenossen in Casanovas Bericht auf. Auf der Metaebene ist Casanovas Anliegen vor allem, die Menschen zu schildern und ihre Verstrickungen. Casanova selbst erscheint dabei wie abgehoben. Die Büttel, die Messer Grande, die Staatsinquisitoren, die Grafen, die geradezu ubiquitäre Korruption, die Liebeshändel – es ist eine Gesellschaft, wo jeder ständig auf der Hut ist, jeder argwöhnt, man kann niemandem trauen, Freunde erweisen sich als Verräter, Feinde am Ende als Freunde. Die Frauen stehen wie moralische Fixsterne außerhalb dieser Welt aus Geheimdiensten und Intrigen. Das mag naiv klingen. Vielleicht war es einfach auch Berechnung von Casanova. Man kann sich vorstellen, dass er die Macht der Frauen nutzte, denn seine emanzipierte Haltung macht ihn aus. Er war kein Unterdrücker, kein alberner Schürzenjäger, sondern ein Verehrer der Frauen und ein viel zu gebildeter Mann, um nur der Lust und der Geilheit zu dienen. Verächtlich schildert er ja die Geilheit von Pater Balbi. Sein Charme reicht tiefer. Und er selbst sieht sich ja als Philosoph und bemüht die Philosophen ein ums andere Mal, um sich für seine Taten zu rechtfertigen. Dabei spielen die römischen Stoiker die größte Rolle, was kaum verwundert, waren sie doch die Vorläufer der Psychologie. Und ein Menschenkenner war Casanova in jedem Fall. Und auch darin, dass er sicher wusste, dass er nicht alles über Menschen wissen kann. Seine Fähigkeit, sie für seine Zwecke zu manipulieren, muss außergewöhnlich gewesen sein. Was Casanova am Ende vielleicht fehlte, war allein der Zweck. Zwischen Freigeistigkeit und Religion konnte er schwer einen höheren Zweck erkennen können. Und auch das deckt sich mit seinem Vorwort, wo er spitzbübisch geradezu behauptet, nur eine erbauliche Geschichte zu erzählen. Und ganz anders als Rousseau nicht agitiert. Im Gegensatz zu Rousseau entschuldigt sich Casanova mit einem Hofknicks vor seinem Leser. „Ich will mir die Mühe ersparen, sie jedes Mal von neuem zu erzählen…“ Casanova ist ein eleganter Verführer. Seine Kunst der Verführung ist das Spiel ohne Zweck. Ziel ist ihm nicht die Verführung, sondern das Spiel der Verführung. Doch weiß er auch, dass die Verführung einen gespielten Zweck braucht um wirklich gut zu sein.

 

 

 

 

Als die Bücher noch geholfen haben

Von F.C. Delius

 

Wenige Tage nach dem Ende der Schlacht von Stalingrad nicht weit vom Vatikan in das warme Frühlingslicht von Rom geboren, die Mutter eine milde Mecklenburgerin, der Vater ein westfälischer Pfarrer, zwischen hessischen Wäldern und Fachwerkhäusern, Bücherregalen und Fußballplatz Lesen und Schreiben gelernt und zugleich stotternd und stumm geworden – wo fängt es an, das Ich, das mit gelähmter Zunge zur Sprache drängt und im Alter von zehn Jahren mit der Schreibmaschine des gefürchteten Vaters sich einen “Weltplan” tippt? Und als “Beruf” angibt: Dichter.
Aus seinem Selbstportrait mit Schimpansen.

Und ein ums andere Mal gibt sich der Dichter F.C. Delius als Stotternder, Schüchterner. Ein Image, das nicht ganz ungefährlich ist für einen Schriftsteller. Denn der stotternde Schriftsteller, erinnert man sich da nicht schnell an den zitternden Chirurg?
Aber  wie beim Klischee des zitternden Chirurgen, der - kaum im OP - die Ruhe selbst ist, so ist auch F.C. Delius alles andere als ein Stotterer, wenn es um die ihm wichtigen Belange geht. Wenn er von der 68Bewegung schreibt, dann ist ihm wichtig, dass es Bewegungen waren. Der Plural hat da für ihn Bedeutung und Delius gelingt es, dass diese Bedeutung beim Leser bleibt. Und Delius stottert auch nicht, wenn er seinen literarischen Kampf gegen das Siemens-Imperium schildert. Das Understatement jedoch nimmt man dem zart gebauten, tatsächlich schüchtern wirkenden F.C. Delius ab. Umso bemerkenswerter ist ja dann auch die Aufregung der Siemens AG. Da hat der junge, schüchterne Delius im Alter von achtundzwanzig Jahren Pionierarbeit geleistet. Und wie er selbst schreibt (Seite 167), ist das inzwischen bei den großen Konzernen üblich geworden, sogar Historiker zu beauftragen, um die eigene – vor allem – nationalsozialistische Vergangenheit – zu erforschen.

Heute geht das, weil die Führungswechsel längst stattgefunden haben.
So konnte jüngst der britische Journalist Diarmuid Jeffreys eine schlüssige Geschichte der IG Farben liefern, von den Anfängen der chemischen Pioniere über die Profiteure des Holocaust und die Nürnberger Prozesse bis zum Wiederaufstieg im Wirtschaftswunderland. Das ging lange nicht. Die Archive waren zu, verschlossen. In den Chefsesseln saßen noch die, die auch in der Nazizeit Bedeutung hatten.

Und das beschreibt Delius ziemlich genau, wenn er darstellt, dass der Anstoß gerichtlich gegen den jungen Dichter vorzugehen von der Familie Siemens ausging. Denn letztlich war diese Vorgehensweise eher kontraproduktiv. Die Emotionen, die Einschätzungen von damals waren andere.
Das zeigt sich auch darin, wie Delius die Auseinandersetzungen im Wagenbach-Verlag schildert.
Kursbuch! Dass solche Anthologie-Zeitschriften eine Bedeutung haben, das ist heute undenkbar. Die Verlagslandschaft hat sich in nur wenigen Jahrzehnten in einer kaum vorstellbaren Weise geändert. Allein aus diesem Grund ist es enorm spannend, wie Delius seine Zeit als Lektor bei Wagenbach in den 1970er schildert. Die Hysterie um Ulrike Meinhof, die RAF als Erlöser, ja als Jünger. Gründung des Rotbuch-Verlags. Vielleicht gibt es noch Verlage, die so arbeiten. Aber sie haben heute keine Marktrelevanz mehr. Auch der Rotbuch-Verlag ist heute ein Unternehmen, Teil der Eulenspiegel-Verlagsgruppe, und die machen „links“ und „ehemalige DDR“ zum Image. Sogar ein Militärverlag ist Teil der Verlagsgruppe Eulenspiegel.
Verlage, große Verlage, sind Industriezweige. Der Buchmarkt ist gleich nach der Prostitution der am härtesten umkämpfte Marktzweig. Aber im Vergleich zur Prostitution ist der globale Anteil am Markt für das Buch verschwindend gering.

Was Delius schildert, ist eine großartige Aufbruchsstimmung von Verlegern, Autoren und Lektoren, die sich da wie eine große Familie gesehen haben und die ihren gesellschaftlichen Einfluss verbessern wollten. Es ist ihnen sicher gelungen. Aber die erkämpften Felder sind heute kommerzialisiert. Und Kommerzialisierung und Kommodifizierung, waren sicher nicht die Intention linker Autoren und Verleger. Wenn Wagenbach persönlich die Frage RAF und Ulrike Meinhof zur Überlebensfrage seines Verlages macht, so nicht, weil er einen an Rendite orientierten Hintergedanken hatte. Es ging ihm um etwas. Dass das nicht immer alles gut war, das ist auch klar. Vielleicht neigen wir daher dazu, dem Markt und dem Ismus des Kapitalismus so leicht das Feld zu überlassen, weil Geld so schön neutral ist. Im Geld steckt keine Ideologie. Im Geld steckt nur der Anspruch, dass es sich vermehrt. Das ist unideologisch, allerdings auch unkritisch.
Delius schließt sein spannendes und lehrreiches Buch mit seiner Büchner-Preisrede. Und diese Rede hat es schon in sich. Man muss das eben lesen, wie die Rede von einem Schüchternen. Aber Stellen wie „Leonce und Lena empören sich nicht, sie leben aus zweiter Hand, sie romantisieren sich die Welt wie wir uns das Schlaraffenland Internet. Zugegeben, eine Komödie, doch nah an unserer digitalen und infantilen Zeit, die Sprache der Figuren zeigt schon den Abstieg in die Logik von Null und Eins und Ja und Nein und Flop und Top.“ Da hat Delius mit seinen scheinbar bescheidenen Worten den Kern einer Gesellschaft im Quotendschungel angesprochen. Und er schreibt weiter: „Im Widerstand gegen diesen Fundamentalismus des Entweder-Oder, in der Spannung zwischen Ja und Nein, in den Nuancen zwischen Gut und Böse liegt der Reichtum des Subjektiven….“
Und das kann jeder Dichter nur unterstreichen. Und jeder Mensch kann es auch (wenn man mir diese absurde Unterscheidung verzeiht). Denn das macht den Menschen aus: seine Nuancen. In den Zwischenräumen, da wo die moderne Physik scheitert, zwischen Ort und Zeit, liegt die Bedeutung des Menschen.
Und so sah sich Delius – so fing seine Zeiterzählung ja an – auch einer Inszenierung gegenüber, die ihm aufstoßen musste. Peter Handke missbrauchte eine sympathische Schwäche der Menschen: ihre Selbstzweifel.  Gerade ein Schriftsteller sollte diese Selbstzweifel beibehalten. Mein persönliches Leben lehrt mich das immer wieder. Und da hatte ich im Grunde richtig Glück, oder einen gewissen Glücksengel auf meiner Seite. Denn immer, wenn ich mich über meine Selbstzweifel erhob, flog ich, und zwar auf die Schnauze. Abheben. Das hat mir nie geholfen. Ich werde zwar immer wieder abheben, einfach, weil ich allzu oft keinen Boden mehr unter den Füßen spüre, aber wichtiger als das Abheben, wurde für mich das Abrollen.

Die Balance zwischen Abheben und Abrollen, diese Balance habe ich in dem Buch Als die Bücher noch geholfen haben wiedergefunden. Und das freute mich.

 

 

 

 

 

Robinsons blaues Haus

von Ernst Augustin

erschienen 2012 im CH. Beck Verlag

„Robinson Crusoe“ – schreibt Ulrich Peltzer in seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen über das Original von Daniel Defoe – „legt eine bemerkenswerte Karriere hin, die man zu ‚Recht auch als fortdauernde Fluchtbewegung charakteriesieren könnte, im engeren wie in einem erweiterten Sinn des Wortes: Flucht; das in beiden Gebrauchsweisen nicht negativ zu verstehen ist, als Feigheit oder Drückebergerei, sondern frei von jeder Taxierung zum einen das Verlassen von Umständen bezeichnen soll, die man – aus welchen Gründen auch immer – als bedrückend erfahren hat, und darüber hinaus, in einer Intensitätsdimension, eine Grenzen und Beschränkungen aller Art niederreißende Deterritorialisierungslinie meint, die gänzlich neue, wahrhaft umstürzlerische Kombinationen von Dingen, Affekten, Wahrnehmungen und Gedanken ermöglichen kann.“

  Besser könnte man den Roman von Ernst Augustin auch nicht beschreiben. Denn es ist eine grandiose Flucht-Erzählung und hier wird nicht nur der Raum, sondern auch die Zeit überschritten und verflüssigt. Und der Verweis auf den Finanzkapitalismus ist nicht unbedacht gewählt. Denn das Finanzkapital ist tatsächlich schon ein metaphysisches Hinterzimmer geworden. Die Börse ist zur Kirche mutiert und das virtuelle Geld zur Heilsbotschaft.

Der 1927 im Riesengebirge geborene und heute in München lebende Ernst Augustin hat so etwas wie eine Art Vermächtnis geschrieben. Vor drei Jahren erblindete der Arzt und Psychiater, dessen Romane das Haus als Metapher gebaut haben. Zum Beispiel bei Raumlicht. Der Fall Evelyn B. Das Haus steht an der Paul-Heyse-Straße in München und öffnet doch Räume in Welten, die man einem Haus nicht zugetraut hätte. Die Welt als Haus. Wir richten uns ein. Am ehesten erinnert der aktuelle Roman von Ernst Augustin an seinen Roman „Ein amerikanischer Traum“ (1989) wo ein Elfjähriger, 1944 von einem amerikanischen Tiefflieger erschossen wird  Der Roman spielt in seinen letzten Minuten vor dem Tod, die Autor Ernst Augustin zu "ungeheuren Räumen", zu "einem Buch voller Abenteuer in wilden Städten und Landschaften" weitete. Der Kopfraum, der Zeit und Raum immer schon überwunden hat. Das Haus ist im Kopf, wenn der Kopf im Haus ist.

Dieses letzte Kapitel ist auch mein letztes Kapitel, und es ist mein letztes Haus, das ich hier baue, schreibt Augustin zum Ende des Romans um den es hier geht.

Und was für ein Haus er da ein letztes Mal baute! Nein! Häuser!

Es ist die vordergründig Geschichte eines Bankiers und Sohn eines Bankiers, der sich auf der Flucht befindet. Eine ungeheure Summe Geld, nur noch digital vorhanden, hat er von seinem Vater übernommen. Es gibt eine Geheimnummer mit der der Icherzähler Zugriff auf dieses Geld hat und nach dieser Geheimnummer jagen einige hinterher. So befindet sich Robinson auf der Flucht. Die Heilsbotschaft als Zahlenkombination und Mac Guffin für eine wunderbare Reise.

Schon früh beginnt die Flucht dieses Robinson, schon als Kind ist er immer wieder auf der Flucht und richtet sich seine imaginären Häuser ein. Zum Beispiel schon im ersten Kapitel baut der kleine Robinson die Kirche um, um „zu überleben“. Pfingsten wolle er einziehen. Und Pfingsten wird ja auch die frohe Botschaft verkündet. Die Früchte des Heiligen Geistes.

Einmal ist dieser moderne Robinson auf der Flucht vor den Stauderjungs, die ihn verprügeln wollen. Er baut sich eine Taucherglocke, und schon hier taucht erstmals die Südsee auf. Ernst Augustin montiert die Kindheitsphantasie in die Realität hinein. So entsteht ein imaginärer Fluchtraum. Und sein Taucherglocke ein „religiöses Erleben“. Eine Art Tod, den der Ich-Erzähler erlebt. Das ist schon die erste wesentliche Andeutung, die darstellt, um welche Art von Flucht es sich hier handelt. 

Von Grevesmühlen, über Paris, London, sogar Minsk und natürlich die Südsee reisen wir mit dem Erzähler in Orte die gleichsam real und auch wieder fiktiv sind.
Im November 1674 kommt es im Original Robinson zu einem exklusiven Ereignis. 15 Jahre war Robinson nun im passablem, subtropischen Klima mit ausreichend Nahrung versehen. Aber er war alleine. Nun geschieht folgendes: Eines schönen Tages gegen Mittag, als ich wieder einmal auf dem Weg zu meinem Boot war, versetzte mich am Strand die Spur eines nackten menschlichen Fußes, die sich ganz deutlich im Sand abzeichnete, in allergrößte Bestürzung. Ich stand wie vom Donner gerührt, als ob mir ein Geist erschienen sei.

Der originale Robinson Crusoe flüchtet in seine Hütte und wähnt den Teufel auf seiner Insel. Auch bei Ernst Augustins Roman erscheint ein Freitag. Im Chatroom. Aber aus diesem Freitag wird die Emanation eines der phantasievollsten Autoren, die ich kenne.  Dieser Freitag wird zu einer Art Obsession.

Letztlich ist der Roman nicht nur ungeheuer poetisch, sondern sogar spannend. Denn zum Ende soll endlich ein Treffen mit diesem Freitag stattfinden. Es wird eine Überraschung geben und letztlich muss man so lange warten, um wirklich zu verstehen, was uns Ernst Augustin tatsächlich erzählen wollte. Und wenn am Ende gerade Freitag, dieser wandlungsfähige Freitag, dem Ich-Erzähler das Leben rettet, einen erneuten Fluchtraum ermöglicht und man sich in einem Mafia-Plot wähnt, dann wird schnell die Absurdität klar. Die letzte Flucht ist nicht mehr möglich. Sie ist nur noch imaginierbar. Die letzte Flucht hat keinen realen Raum mehr zur Verfügung.  Der letzte Raum, den man betritt ist nur für einen selbst bestimmt. Und doch auch für alle. Die letzte Flucht ist nur noch Religion. Hier muss man glauben, um entkommen zu können. Und einen Freitag haben, der einen im letzten Augenblick noch retten kann.
 

 

 

 

[1] Ein Roter Hering bezeichnet in der Literatur das Ablenkungsmanöver, das Auslegen einer falschen Fährte. Ein Erklärungsansatz für diese idiomatische Redewendung geht auf das 17. Jahrhundert zurück, als flüchtige Kriminelle geräucherte Heringe auslegten, um durch den Geruch Spürhunde abzulenken und so die eigene Fährte zu verwischen.

[2] Ivan Turgenjew schrieb zum Beispiel den Roman „Erste Liebe“, wo ein paar ältere Herren beisammen sitzen, und sich novellistisch von ihrer ersten Liebe, oder der wahren Liebe erzählen.

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