Literaturprojekt
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27. Januar 2023

 

Doppelleben

Von Alain Claude Sulzer

Erschienen 2022 im Verlag Galiani Berlin

 

„Geschichte“, schrieben die Brüder einmal in ihrem Buch Ideen und Gefühle (einer Sammlung von Maximen und Kunstauffassungen) „ist ein Roman der stattgefunden hat, der Roman ist Geschichte wie sie hätte sein können.“
Hätte es so sein können, wie der Schriftsteller und gelernte Bibliothekar Alain Claude Sulzer es schildert? Im Falle des Dienstmädchens Rose Malingre und deren tragischem Fall, hält sich Sulzer an den Roman Germinie Lacerteux aus dem Jahr 1865. Der ältere Bruder Edmond hat diesen Roman dramatisiert und er wurde
dann 1889 im Odeon im 6. Arrondissement am linken Seine-Ufer uraufgeführt. Da die Brüder Verfechter des aufkommenden Naturalismus waren, einer Kunstrichtung die sich der exakten, ungeschönten Beobachtung von Mensch und Natur verschrieben hatte, kann man wohl davon ausgehen, dass Sulzers Quelle ein realistisches Bild lieferte. Auch die Tagebücher der Brüder dienten dem Schweizer Autor als Grundlage. So ist die Schilderung der Neurolues, an der Jules bereits mit 39 Jahren verstarb in all seinen schillernden Symptomen ernst zu nehmen. Die Quellen sind daher unstrittig. Die literarische Umsetzung in eine moderne Erzählsprache ist Sulzer aber auch gelungen. Doch eines ist dabei schwierig. Bei den Quellen, den originalen Texten der Brüder Goncourt handelte es sich um eigenständige literarische Leistung. Insofern hat mich das kleine, kursiv gedruckte Nachwort ein wenig geärgert. So, wie sich die Brüder Goncourt die Freiheit herausnahmen, das Leben ihrer Magd Rose Malingre in einem Roman nachzubilden… habe ich mir erlaubt, einige Episoden aus dem Leben der beiden Unzertrennlichen zu einer Erzählung zu verdichen…

Das ist nicht korrekt. Denn die Brüder Edmond und Jules hatten keine literarischen Vorlagen. Vielmehr mussten sie selbst alles recherchieren und die Freiheit die sich Sulzer dabei nahm, war es eher kreativ abzuschreiben. Ich will das gar nicht schmälern, denn es war mit viel Genuss zu lesen und in jedem Fall steckt viel Fleiß und auch viel selbstständiges Formulieren in dem Buch von Sulzer. Aber es ist doch ein erheblicher Unterschied darin, sich an schriftlichen Quellen zu orientieren, anstatt alles ohne existierende Vorlagen aufzuschreiben. Ein großes Glück, dass die beiden Brüder das so brillant taten. Und sicher ein Glück, dass Sulzer diese Arbeiten neu entdeckte und für uns aufbereitet hat.
Nebenbei: Edmond stiftete keinen Literaturpreis, sondern gründete eine Akademie. Schon 1874 beschloss Edmond in einem zunächst geheimen Testament, mit seinem Vermögen eine zehnköpfige Akademie zu stiften, deren Auftrag nicht zuletzt darin bestand, 20 Jahre nach seinem Tod das Journal
ungekürzt herauszugeben. Mitglieder sollten nur Autoren sein dürfen, die nicht der Académie Française angehörten. Erst viele Jahre später im Jahr 1903 haben die Mitglieder dieser Akademie dann beschlossen einen Literaturpreis zu vergeben, der jeden Herbst einen neu erschienenen französischsprachigen Roman auszeichnen soll: der jetzige Prix Goncourt, der sich zum begehrtesten und werbewirksamsten der zahlreichen französischen Literaturpreise entwickelt hat.
Erschütternd war zu lesen, wie die langjährige Bedienstete der Brüder allmählich in einen Strudel des moralischen Verfalls geriet. Das Doppelleben bekommt hier eine homonyme Bedeutung, da Rose in sich gedoppelt war. Denn trotz ihrer offensichtlich unmoralischen Handlungen, blieb sie bis zum Schluss auch eine Heilige. Sie tat es aus Liebe. Alles tat sie aus Liebe. Sie umsorgte die Brüder aufrichtig bis zu ihrem Ende. Und dass sie sich an deren Kasse bediente, um ihren unerträglichen Geliebten Alexandre Colmant immer wieder mit Geld zu unterstützen, verzeiht man ihr. Denn der eigentliche Bösewicht war ja Alexandre, der nicht liebte.
Die zentralen Fäden des Romans sind die Verfallsgeschichten von Rose und Jules. Hier ist der Roman auch am stärksten. Auch wenn die Schilderungen der exaltierten Mathilde Bonaparte oder den dekadenten und beleibten Plon Plon (Sohn von Napoleon III.) herrlich zu lesen sind, fehlte ein wenig der Zusammenhang.  Der Aufmacher mit der dramatischen Kutschfahrt war dann ein Faden der nicht mehr weiter verfolgt wurde. So waren zwischen den zentralen Motiven des seelischen und körperlichen Verfalls von Rose und Jules einige Abschnitte wie Stuckaturen eingewebt. Sie hatten natürlich den Zweck, die gesellschaftliche Diskrepanz zwischen dem Leben der Brüder Goncourt und ihrem Dienstmädchen zu illustrieren. Diese zeigte sich eklatant in der von den Brüdern nicht bemerkten Schwangerschaft von Rose. Solche Geschichten heimlich ausgetragener Kinder wird es in dieser Zeit viele gegeben haben. Dieses Gretchen-Motiv dürfte wohl auch den besonderen Skandal befeuert haben, den  Germinie Lacerteux in den 1860ern ausgelöst hatte. Erinnern wir uns nur an die Geschichte des
Gynäkologen und Don Juan Samuel Pozzi (1846 – 1918), die uns Julian Barnes in seinem Mann im roten Rock lieferte.

Stéphan Mallarmé soll – laut dem Journal von Edmund Goncourt – verkündet haben, dass man einen Satz nicht mit einem einsilbigen Wort beginnen dürfe. Goncourt kritisierte den Lyriker daraufhin heftig. Goncourt spottete über „diese Suche nach kleinen Schnitzern“, denn das würde letztlich von allem „Wichtigen, Großen, Bewegenden, das einem Buch Leben verleiht“ nicht nur ablenken, sondern sogar abstumpfen. Die Differenz zwischen dem feinsinnigen, winzigen Satzmesserchen und dem großen, monströsen Geschichtsfleischermesser ist selbst eine Anomalie. Denn beides zählt. Manchmal kann so ein „kleiner Schnitzer“ alles ruinieren, manchmal kann so ein „kleiner Schnitzer“ alles retten.
Im Falle dieses Romans von Sulzer haben mich die vielen Froschschenkel erst gestört. Doch bald offenbart sich der Sinn dieser kulinarischen Exzesse, einmal in der mäßigen Kochkunst von Rose, die den Brüdern dann regelrecht fehlt und zum Ende in dem Huhn Blanche, das Edmond köpft und das dann so zäh schmeckt, dass Edmond voll Trauer darüber ist, sein ihm lieb gewordenes Huhn getötet zu haben.

Insgesamt habe ich das Buch also sehr genossen. Und so ist es mir auch gleichgültig, wie viel davon Sulzer ab- und wie viel um- und wie viel er dazugeschrieben hat. Aus den Präfixen zusammen wird dann ein Schuh. Denn es war einfach berührend und mir wird sowohl Ros Malingre, als auch Jules Goncourds tragisches Sterben in Erinnerung bleiben. So habe ich dank Sulzer einen ganz neuen, ganz sinnlichen Zugang zu den so vergangenen Brüdern gewonnen.

 

 

18. Januar 2023

 

Papierschiffchen in der Wüste

Von Ayşegül Çelik

aus dem Türkischen
und mit einem Nachwort von Sabine Adatepe

erschienen 2022 in der Edition Converso

 

Der persische Vogel Simurg ist der König der Vögel. Und er hat übernatürliche Kräfte. Er kam nicht im Geburtsweg zur Welt. Der persische Dichter Ferdusi (940 – 1020) beschrieb in einem Gedicht detailliert einen Kaiserschnitt (Er spalte die Weiche der schlanken Zypress', / Empfinden wird sie nicht schmerzlich es. / Heraus zieht' er die Leuenbrut, / Und setze des Mondes Seit' in Blut. / Dann näh' den Riß er wieder zu;). Salman Rushdies erster Roman „Grimus“ (Anagramm von Simurg) beschreibt einen jungen Indianer, der von einem Magier ein Unsterblichkeitselexier bekommt, das er zunächst als Segen und immer mehr als Last empfindet.
Simurg wanderte in das Industal, dort nannten sie ihn Mayuri vina. Das bedeutet Pfauenkind. Noch heute spielen Sikh-Musiker auf dem gleichnamigen Bogeninstrument (mayuri vina) ihre Lieder.
Die zoroastrische Herkunft der jesidischen Religion wurzelt also tief. Der blaue Pfau Melek tau ist ein alter Gott, der sogar in die Antike verweist und dort als Greif erscheint. Auch in Goethes Faust taucht er auf in den pharsischen Feldern, der klassischen Walpurgisnacht. Für die Ummah des Islam ist er jedoch gleichbedeutend mit dem Teufel und die Jesiden damit in den Augen der Moslems Teufelsanbeter. Daher werden sie verfolgt, gejagt und getötet. Die türkischen Mythologie-Kennerin Ayşegül Çelik hat sich dieser Geschichte(n) angenommen und erzählt in einer Kette Mythologisches und Reales. Dieser magische Realismus in zehn Geschichten verwoben ist allerdings kein Roman. Auch wenn Afsun Anfang und Ende des Buches beschwört, Personal und Atmosphäre in sich geschlossen scheint. Es ist wie in mythologischen Geschichten auch eine lose Verwandtschaft in den Geschichten spürbar. Das macht den Reiz der Texte allerdings nicht aus. Denn die Geschichten können durchaus für sich stehen. So ist das Wörtermärchen (meine Lieblingsgeschichte) als Beispiel ganz selbstständig lebensfähig. Egal. Wenn man Roman vorne drauf schreibt und damit den Verkauf fördert, könnte man ja von einer Notlüge sprechen. Die Texte haben immer etwas Erhabenes an sich, beleben die Wüste, die kein einsamer Ort ist.
Auferstehung, Wiedergeburt und Unsterblichkeit sind zentrale Motive der Erzählungen, wie das in dem wiederkehrenden Leitmotiv der Schmetterlinge zum Ausdruck kommt. Schon in der Antike waren Schmetterlinge Symbol der Psyche und der Metamorphose. So hat natürlich auch Goethe über dieses Tier gedichtet: In des Papillons Gestalt / Flattr' ich, nach den letzten Zügen, / Zu den vielgeliebten Stellen, / Zeugen himmlischer Vergnügen, / Über Wiesen, an die Quellen, / Um den Hügel, durch den Wald.
Weiter hüpft Goethes Schmetterling der Angebeteten auf den Busen, auf den Mund, auf die Hände. Ganz so zart wie das in der vorletzten Geschichte im tollen Wald geschieht und das Wiedersehen mit Samet Abi und Ceylan märchenhaft verklärt. Die Autorin verschweigt dabei nicht die Realität von Endogamie, Verfolgung und Isolation. Die Wüste selbst ist ein Tagtraum, voller Fata Morgana. Dabei ist die Morgana eine Fee aus der Artussage. Soviel zu ‚cultural appropriation‘. Auch die jesidische Agglomeration aus Kulturen und Religionen macht hier keine Ausnahme. Jede Kultur, jede Religion hat Anleihen aus den unterschiedlichsten Kulturen und Religionen je nach der Reiserute ihrer Vorfahren. Sie mögen für sich eigenständig sein und sich behaupten wollen. Das kann man als Recht verbuchen, so wie ein rationales Ich dies für sich in Anspruch nimmt. Aber wirklich jeder weiß, dass er das nicht kontrolliert und schon ein paar falsche Mahlzeiten sein Mikrobiom so in Aufregung versetzen, dass das rationale Ich nur reagieren kann, aber nicht einmal weiß weshalb. Der Fehler liegt von Haus aus in den Schubladen, die immer falsch sind. Unter mir, der ich gerade hier sitze und schreibe ist eine Schublade. Ordnung wäre wirklich ein weit übertriebenes Wort um diesen Ort unter mir zu kennzeichnen. Insofern können wir auch das Etikett Roman stehen lassen. Was ist schon ein Roman? Die meisten Romane sind nur unnötig in die Länge gezogene Erzählungen, die eine wirklich gute Schriftsteller:in auch in fünf bis zehn Seiten bewältigt.  So wie das Ayşegül Çelik zehnmal machte. Und dass die Autoren auch für das Fernsehen schreibt, merkt man am Suspense einiger Geschichten ganz besonders bei der schwarzen Perle.
Insgesamt war die Lektüre ein poetischer Genuss. Wie immer ist die Wüste ein Ort wo man sich auf einen in einer Oase platzierten Diwan legt, den Sand durch die Finger rieseln lässt, in eine Orange beißt, und als konsumverwüsteter Europäer den süßen Saft genießt. Es geht nicht um kulturelle Aneignung. Es geht um Demut. Um die Fähigkeit zu staunen. Karawanen die durch die Wüste ziehen wie vor hunderten von Jahren schon. Es gab Karawanen, die umherzogen wie wir, Autos, deren Motorengeräusch hinter den Dünen in weiter Ferne zu hören war, und sie waren voller Menschen. Es war, als wären wir die Sesshaften. Denn die anderen waren es, die von irgendwoher kamen, irgendwohin gingen und nicht wiederkehrten. Diese Erkenntnis meine ich. Es ist eine perspektivische Frage. Kulturen sind immer perspektivische Erinnerungskonglomerate und mit der Fähigkeit zur Selbstdistanzierung lassen sich Perspektiven simulieren. Aneignung entsteht nur bei eigener Perspektivlosigkeit. Und dazu sind Kulturen eingerichtet worden. Sie geben uns Richtungen, Möglichkeiten. Die Vernichtung einer Kultur ist immer die Vernichtung von weiteren Möglichkeiten. Regeln zählen mehr als Menschen? Die erdhafte Poetik von Ayşegül Çelik richtet unseren Blick auf den Boden, den Wald, auf die Natur. Sie ist immer anwesend in diesen Geschichten. Die moderne Zivilisation erscheint dagegen immer als ein Fremdkörper. Wie anders, als in Märchenform ließe sich das heute noch erzählen? Wer auf der dorischen Halbinsel lebt, nahe bei Knidos, der ist von uralter Geschichte geradezu umgeben und „Tage lang machten wir nur wenig Fahrt und kamen mit Mühe bis auf die Höhe von Knidos. Dann zwang uns der Wind, den Kurs zu ändern.“ (Evangelist Lukas)

Die Tierschützerin und Menschenrechtsaktivistin rückt die Ezidin ins Licht. Und der Engel des Todes verweigerte den Menschen den Kniefall. Der unglaubliche Kampf zwischen der Holzfällerfrau und dem Todesengel bringt unsere gemeinsame Geschichte als Menschen auf den Punkt. Dass darin auch die alte Geschichte von Philemon und Baucis eingewebt ist, verweist auf die gemeinsamen Wurzeln unserer Geschichten.

Auch daher bin ich der Überzeugung, dass wir Menschen einen uns allen gemeinsamen höheren Sinn entdecken können. Geschichten sind ein Weg zu diesem gemeinsamen Sinn, der über die Sinne hinausweist.

 

 

 

 

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