Literaturprojekt
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11. Januar 2022

 

Die Straße der Ölsardinen

Von John Steinbeck

Erschienen erstmals 1945

 

Der Roman aus Steinbecks mittlerer Schaffensperiode ist vor allem durch die gleichnamige Verfilmung von 1982 mit Nick Nolte bekannt. Der Film ist eine Komposition aus dem Roman und dem Folgeroman „Wonniger Donnerstag“. Spätestens als ich diesen Film damals im Kino sah, war meine Liebe zu John Steinbeck unverwüstlich geworden. Daraufhin las ich jedes Buch von ihm.  Der Roman beginnt mit einem ökonomischen Lehrstück. Der Chinese Lee Chong führte in Monterey einen allseits beliebten Krämerladen. Nun bekam dieser Chinese Lee Besuch von einem bei ihm hoch verschuldeten Familienvater. Der Familienvater Mr. Abbeville schlug Lee einen Deal vor. Da Abbeville nicht wollte, dass sogar noch seine Kinder bei Lee verschuldet seien, übermachte Abbeville dem Chinesen sein Haus, um so seine Schulden zu tilgen. Lee schlug ein. Abbeville ging danach nach Hause und schoss sich eine große Ladung Schrot in den Mund. Lee besah sich nun das Haus von Abbeville, aber er wusste nicht, was er mit dem Haus anstellen sollte. Es roch auch unerträglich nach Fischmehl. Am folgenden Tag besuchte ihn Mack in seinem Laden. Mack hatte von dem leer stehenden Haus von Abbeville gehört und schlug Lee vor, Mack und seine Jungs (eine Bande Landstreicher) könnten doch in das Haus einziehen und es vor Vandalismus und Brandstiftung schützen. Lee überlegte eine Zeitlang, besah sich die Vor- und Nachteile, sagte dann: „Gerne, aber zahlt ihr auch Miete?“
„Aber klar“, sagte Mack und grinste.
Lee wusste natürlich, dass Mack nie Miete zahlen würde, aber dennoch sah Lee jetzt viele Vorteile. Er verlangte fünf Dollar Miete und Mack schlug ein.
Der Vorteil lag auf der Hand. Obwohl Lee nie einen Cent Miete zu sehen bekam, hörten Mack und seine Jungs auf, in Lees Laden Vorräte zu stehlen. Sie machten das jetzt weiter drüben in Salinas. Und so sparte sich Lee weit mehr, als die Miete je einbringen würde. Er war sehr zufrieden mit seinem Deal. Später lässt sich Lee noch einmal auf einen Handel mit Mack und seiner Bande ein. Diesmal werden Frösche zur Währung mit der Hilfe die Landstreicher bei Lee einkaufen, um ihrem geliebten Doc (im Film großartig von Nick Nolte gespielt) eine Party zu geben, zu der Lee natürlich auch eingeladen ist. Die Party geht schief, Doc’s Labor wird verwüstet, die Frösche verschwinden über Nacht wieder und Mack bekommt als Belohnung einen Kinnhaken vom Doc. Aber danach ist alles wieder gut. Auch wenn Mack und seine Jungs lange Zeit noch ein schlechtes Gewissen haben, was ihnen der Doc auch prophezeit. Der liebevolle Roman spielt in den 1930ern in Kalifornien, in Steinbeck-Country, wie man den Geburtsort von John Steinbeck heute nennt. Wir hatten ihn kurz auch in seiner Reise durch Amerika (Die Reise mit Charley) kennen gelernt. Es ist noch das alte Amerika, voller Not und Armut. Nach einer längeren Wirtschaftsdepression und dem schwarzen Donnerstag 1929 wurde ein paar Jahre später 1933 auch die Prohibition aufgelöst. Die Menschen waren zu arm, um auch noch auf Alkohol verzichten zu können. Aber es erscheint noch immer als ehrliches Land, indem Profit und Gier nicht die Rolle spielen wie heute. Man kann die fehlgeschlagene Party die Mack und seine Freunde für den Doc veranstalteten auch als eine Parabel auf die Wirtschaftskrise betrachten. Die Frösche haben als Währung nicht gehalten was sie versprachen. Am Ende ist es ein auf Pump aufgebautes Fest geworden, das nur Zerstörung hinterließ. In den Worten von Doc: „Alles, was wir am Menschen bewundern, Edelmut, Güte, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Anstand, Mitgefühl, Herz, führt in unserem Gesellschaftssystem nur zu Fehlschlägen. Während alle Eigenschaften, die wir angeblich verachten, Härte, Raffsucht, Selbstsucht und Charakterlosigkeit, zum Erfolg beitragen.“

In der Tat. So chaotisch Mack, Hazel, Eddie, Gay und Hughie auch sind, so unberechenbar, vor allem wenn sie ihren Old Tennisschuh trinken, so liebenswert sind sie auch in ihrem Bemühen, Gutes zu tun. „Huren, Hurensöhne, Kuppler, Stromer und Spieler, mit einem Wort: Menschen; man könnte mit gleichem Recht sagen: Heilige, Engel, Gläubige, Märtyrer- es kommt nur auf den Standpunkt an.“  Sie sind im Großen und Ganzen harmlos. Doc ist ein gutmütiger, aber etwas schwermütiger Idealist und wurde nach dem Vorbild Ed Ricketts gestaltet, ein mit Steinbeck befreundeter Biologe. Nachdem sein Roman "Die Straße der Ölsardinen" zum Bestseller avanciert war, erhielt die Straße offiziell den Namen aus dem Buch. "Cannery Row ist mehr als nur eine Straße", heißt es darin, "es ist die Gegend der Ölsardinen und Konservenbüchsen, es ist ein Gestank, ein Knirschen und Knarren, ein Leuchten und Tönen, es ist eine schlechte Angewohnheit, ein Traum." Heute ist die Cannery Row die bekannteste Straße in den USA, nachweislich wird sie von mehr Touristen besucht als der New Yorker Broadway. Die meisten lassen sich vor der Steinbeck-Büste ablichten, um sich dann ins Vergnügen der Shoppingcenter, Souvenirläden und Lokale zu stürzen, die sich in den früheren Fischfabriken breit gemacht haben.

Dass sich Amerika verändert, das hat Steinbeck schon in seiner „Reise mit Charley“ höchst prophetisch geschildert. Aber wenn man „Die Straße der Ölsardinen“ liest, versteht man dieses Traumland noch ein wenig mehr. Als Steinbeck Vietnam bereiste und den Krieg bejahte, wurde er einige Zeit angefeindet. Dennoch: Er blieb „der“ Schriftsteller Amerikas. Kaum ein anderer konnte das Lebensgefühl dieser Einwanderer-Gesellschaft, diese Unruhe und die Hoffnungen so erzählerisch auf den Punkt bringen. Steinbecks Großvater stammt noch aus Düsseldorf und kämpfte im Bürgerkrieg auf der Seite der Konföderierten mit. Wenn man an den Maler Henri denkt, der weder Henri heißt, noch malt, weil er ein Boot baut, das nie fertig wird und das nie das Meer befahren wird, dann ist das die Kernerzählung dieses Landes. Henri liebt die Frauen, doch er ist auch froh, wenn sie ihn wieder verlassen, weil ihnen seine Koje einfach zu eng ist. Doch Steinbeck entlässt uns nicht ohne den Schrecken, den Horror: So wie die junge, weibliche Wasserleiche die Doc entdeckt und für deren Entdeckung er eine Belohnung bekäme – die der ehrliche Doc aber ablehnt. Und es wimmelt von Tieren  und von Natur. Aber auch hier spielt (wie der Pick-Up Rosinante), ein Auto eine eigene Rolle, diesmal ein T-Ford, ein Klassiker, ein Modell, das quasi die Identität Amerikas darstellt. Und  dieser Wagen lässt sich tatsächlich noch reparieren. Weit, weit weg von unserer Wegwerfgesellschaft ist das Leben zwar rau, aber auch unglaublich beschaulich. Wenn demnächst jemand über das Kabel stolpert und versehentlich den Stecker zieht, dann werden wir über einen T-Ford wieder sehr, sehr glücklich sein und Steinbeck zu Ehren einen Truthahn überfahren.

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