Literaturprojekt
Literaturprojekt

27. Juli 21

 

Bummel durch Europa

 

Von Mark Twain

 

Aus dem Amerikanischen von Ana Maria Brock

 

Erschienen 1990 im Verlag Diogenes

Originaltitel der Erstausgabe
 „A Tramp Abroad“  
in American Publishing Company, 1880

 

1878, zwei Jahre, nachdem der Roman „Tom Sawyers Abenteuer“ erschienen war und dem Autor endgültig literarischen Ruhm beschert hatte, reiste Mark Twain nach und durch Europa, allerdings, wie sich zeigte, weniger zu Fuß als per Zug, Kutsche und, einige Kilometer, per Floß. Clemens und Twichell unternahmen bereits 1874 eine Wanderung von über 160 Meilen nach Boston. Sie wurde am zweiten Tag abgebrochen, als sie beschlossen, den Zug zu nehmen.
Nun aber wirklich zu Fuß durch Europa! Die Nord-Virginia-Armee hatte grade mal vor 13 Jahren bei Appomattox Court House, Virginia kapituliert und der Sezessionskrieg war vorbei. Die USA war in den Nachkriegsjahren sehr damit beschäftigt die Abschaffung der Sklaverei konstitutionell zu verankern.  Aber die Mason-Dixon-Linie gab es und gibt es ideologisch immer noch und bis heute ist der Süden mit friedlichen Mitteln nur schwer dazu zu bringen, die Hautfarbe nicht als substantiellen Beleg der menschlichen Rasse zu begreifen. Mark Twain reiste wie ein amerikanischer Tourist mit seinem Freund, dem Reverent Joseph Hopkins Twichell durch Deutschland, die Alpen und Italien. Obwohl Mark Twain über die Bewohner der Stadt Hirschhorn schrieb sie seien „missgebildete, glotzende, ungewaschene und ungekämmte Schwachsinnige“, und den Lohengrin für „Katzenmusik“ hält,  ist sein Gesamteindruck geprägt vom „Gipfel der Schönheit“. Nicht nur die Natur erscheint ihm besonders, auch die Freundlichkeit der Deutschen erwähnt er mehrfach und empfiehlt sich auch seinen Landsleuten. Wenn er jedoch dann beschreibt, wie die Frauen den Schubkarren ziehen, anstelle eines Hundes oder einer dürren Kuh, die Zimmermädchen mehrere Tonnen Wasser schleppen müssen in hundert Pfund schweren Metallkannen, dann stellt sich die Frage, ob in Europa (in Deutschland, im Neckar) das Geschlecht als substantieller Beleg für die menschliche Rasse gilt. Twain zeigt die Widersprüche. „Es ist eine geistlose Stadt“, notierte er über Baden-Baden, „voll von Schein und Schwindel und mickerigem Betrug und Aufgeblasenheit – aber die Bäder sind gut“. Die USA hatten sich von der kolonialen Knechtschaft befreit, die Sklaverei abgeschafft und wenige Jahrzehnte später übernahmen sie die kulturelle und intellektuelle Vorherrschaft über die Welt. Mark Twain ist einer der hellsten Vorboten dieser guten Seite der USA. Was hätte er nur über Trump und dessen Gefolgschaft spotten können!

Twains langjähriger Freund und Reisebegleiter Joseph Twichell war wie Twain ein vehementer Gegner der Sklaverei und trat ein paar Wochen nach dem Feuer der Konföderation auf Fort Sumter im April 1861 (Beginn des Bürgerkriegs) in die Unionsarmee ein. Er wurde Kaplan der 71. New York State Volunteers, eines von fünf Regimentern der Excelsior-Brigade unter dem Kommando von General Daniel E. Sickles. Das Regiment bestand größtenteils aus irischen Katholiken der Arbeiterklasse aus Lower Manhattan, und viele von ihnen waren Einwanderer. In einem Brief an seinen Vater bemerkte er:

    „Wenn Sie mich fragen, warum ich an diesem Regiment, das aus groben, bösen Männern zusammengesetzt ist, festhielt, antworte ich, dass genau das der eigentliche Grund war. Ich würde das ungern wiederholen. Aber der freundliche Umgang mit einer Klasse von Männern, die wenig daran gewöhnt sind, sollte doch einen positiven Eindruck hinterlassen haben.“

Alias Harris begleitet Twichell Mark Twain nicht nur durch Europa, sondern durch ‚s Leben. Er war über 50 Jahre lang sein Freund, sein Berater, führte Twains Hochzeit durch, taufte dessen Kinder und versorgte Twain mit seinem Anstand und seinem Humor. Mark Twain selbst erblickte als Samuel Langhorne Clemens 1835 in Florida, Missouri das Licht der Welt. Er besuchte nur ein paar Jahre die Volksschule und begann im Alter von 11 Jahren seine Ausbildung zum Schriftsetzer. Dem Umgang mit Gedrucktem blieb er treu. In seinen Zwanzigern war er Lotse auf einem Missipidampfer und aus dieser Zeit stammt sein Pseudonym. Mark Twain, zwei Faden tief, mark two, durch den Dialekt in mark twain verwandelt, musste der Mississippi schon haben, damit das Dampfschiff nicht auflaufen würde.
Dieses Freundesgespann nahm sich bei dieser Reise selbst auch nicht allzu ernst und in diesem Sinn sind die Reiseberichte von satirischen Übertreibungen durchzogen.
Eingestreut sind immer wieder deutsche Sagen, die Twain herrlich nacherzählt, aber auch wunderbare Fabeln und Tierbeobachtungen. Herausragend war seine Schilderung der Beschäftigung von Ameisen (22. Kapitel). Und immer wieder macht sich Twain über die amerikanischen Touristen lustig (besonders im 27. Kapitel). Die besondere Vorliebe der Deutschen für die nicht enden wollenden Wagner-Opern, sein Entsetzen über Arien, die seiner Ansicht nach eine besondere Vorbildung brauchen um zu gefallen, erweisen Twain als jemanden der mit seiner Bildungsferne ironisch spielt.

Im Anhang gibt es das berühmte Essay mit Twains Vorschlägen zur Verbesserung der deutschen Sprache, wo er sich über die ziemlich verwirrende Vielfalt der Artikel lustig macht und über die Neigung zu Parenthesen in der deutschen Sprache, so dass bei geteilten Verben oft erst am Ende eines langen Satzes die Auflösung der Satzbedeutung kommt.  Und das Partizip ist bis heute die lame dug der deutschen Sprache. Leider wurde gerade dieses Essay aus der Hörfassung gekürzt. Das ist schade und zugleich verständlich. Ein ironisches Essay über die deutsche Sprache in einer deutschen Übersetzung wirkt allerdings auf mehrfache Weise unfreiwillig komisch. Und ich muss die Übersetzerin Ana Maria Brock wirklich bewundern, dass sie sich traute, das zu übersetzen. Denn während Twain ironisch deutsche Passagen vorführt, macht die Übersetzung genau dies selbst. Unvermeidlicher weise natürlich. Es ist, als würde jemand eine Flasche Wein nach der anderen wegputzen und dabei eine flammende Rede gegen den Alkoholismus halten. Insgesamt wirkt diese inzwischen 150 Jahre alte Reiseschilderung eher als ein Sittengemälde aus einer Zeit wo der deutsche Student „nur diejenigen Vorlesungen, die seinem erwählten Fachgebiet entsprechen“ besucht, „und den Rest des Tages hindurch sein Bier trinkt, seinen Hund umher zerrt und es sich allgemein gut gehen lässt“.
Dem Hunde, wenn er gut gezogen, wird selbst ein weiser Mann gewogen. Ja, deine Gunst verdient er ganz und gar er, der Studenten trefflicher Scolar.
So sieht man auf dem Bild unten einen Oberpedell in Tübingen, kontrolliert Studenten in einer Kneipe (mit kläffendem Pudel) – in späteren Karikaturen wurden Student und Pudel, beide mit Pfeife im Maul dargestellt…

Ein vergnügliches, nicht immer ernstes Buch, das durch die fehlende Grundspannung (Reiseliteratur ist nie besonders spannend) manchmal Mühe macht beim Lesen.

 

22. Juni 21

 

Monschau

Von Steffen Kopetzky

Erschienen 2021

im Verlag Rowohlt

 

Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll, dass niemand weiß, wie er ihn meiden soll.“ So das Eingangszitat aus Goethes berühmtem Faust, aus dem fünften Akt des zweiten Teils, der die Überschrift „Mitternacht“ trägt.  Wenn auch ein Tag uns klar vernünftig lacht, in Traumgespinnst verwickelt uns die Nacht; wir kehren froh von junger Flur zurück, ein Vogel krächzt, was krächzt er? Mißgeschick. So deklamiert Faust weiter. Doch die Pforte knarrt und die Sorge tritt herein. Und am Ende der Szene ist Faust vor Sorge erblindet. Allein im Innern leuchtet helles Licht.  Der ehemalige Kulturreferent der Stadt Pfaffenhofen an der Ilm hat in seinem aktuellen Roman die Eifel als Schauplatz gewählt. Nicht zum ersten Mal. Auch sein Roman „Propaganda“ spielt in Monschau, das im zweiten Weltkrieg ein Kriegsgefangenlager für sowjetische Soldaten beherbergte. „Monschau“ ist  keine 20 Jahre später der Schauplatz der letzten Pocken-Epidemie in Deutschland. Im Rahmen unserer aktuellen Seuche ist das natürlich ein Homerun. Aber Kopetzky versteht es geschickt von Stuyvesant-Zigaretten bis Kennedy, Mondlandung, Jazz, Sartre und sogar Johannes Mario Simmel, oder Joachim Fuchsberger (Das Halstuch) in das Romangeschehen einzuweben. Von daher und weil es rasant und süffig geschrieben ist, ein angenehmes Leseerlebnis. Unterhaltungsliteratur? Sicher. Und warum auch nicht. Der Epilog bietet aber dann auch dem anspruchsvollen Leser einen abschließenden Genuss und im Topos von Ithaka kommt der griechische Arzt und Hauptheld Nikos Spyridakis heim zu Muttern und bringt auch noch ein hübsches Industriellentöchterchen in die kretische Heimat mit. Aber im Ernst. Der Roman ist gut recherchiert, die eingebaute Liebesgeschichte gehört zur guten Unterhaltung dazu und wirklich toll geschrieben ist der Ausflug des Liebespaares nach Düren. Das groteske Karneval, und Nikos Geschichte vom Schlachtfest von Kondomari hat Tarantino-Qualität, als sich das 28. oder Māori-Bataillon, bestehend aus 17.000 Maori-Kriegern an den Deutschen rächte, für deren Kriegsverbrechen durch das III. Bataillon (Fallschirmjäger). Diese führten Massenerschießungen durch in Kondomari. Im Kontext der in dieser Zeit noch frischen Kriegserinnerungen sind die Pocken vielleicht ein kleiner Wermutstropfen auf den brodelnden Geschichtsstein. Aber der aufopfernde Kampf von Stüttgen und Nikos, um die Epidemie einzudämmen, berührt. Immer ist es ein auch ein Kampf gegen den Aberglauben oder Unglauben der Menschen (von Aberglauben früh und spat umgarnt…), ein Kampf gegen die Interessen von Wirtschaftsvertretern und ihren alten Naziseilschaften – Kopetzky spielt auf die Otto Junker GmbH an, mit Sitz in Simmerath.

Gelegentlich war der Erzählfluss etwas zu polyhistorisch, es wurde mehr erzählt als gezeigt, aber Kopetzky  bekommt dann doch immer wieder rechtzeitig die Kurve. Sympathische Figuren wie den Fahrer Behrends mit seinen verlorenen Fingern, oder die Altnazi-Figur Lembke, der als bissiger Hund von Seuss (ein Bajuware im Wortsinn) aufgehetzt wird, Seuss‘ Gegenschlagkoffer mit der Nazi-Droge Pervetin oder dem Kupfervitriol aus der alten Alchimistenküche, mit dessen Hilfe sich Seuss von zu vielem fettem Essen befreit, und immer wieder Goethe. Goethe, weil dieser Geheimrat gemeinsam mit Christoph Wilhelm Hufeland (Vitalismus, Makrobiotik) die „sanfte Medizin“ einführte und die ersten Impfungen gegen Variolen organisierte. Goethe war selbst betroffen gewesen, hatte die Pocken überstanden und war daher engagiert genug. Damals impfte man noch lebende Kuhpocken, martialisch. Aber ein großer Fortschritt; waren doch um die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert die meisten Ärzte nur zum Aderlass fähig. Heute gelten die Pocken als besiegt, ausgerottet, nicht zuletzt dank der Massenimpfung. Heute haben wir nun innerhalb eines halben Jahres, seit am 8. Dezember 2020 Margerete Keenan als erste geimpft wurde, bereits zwei Milliarden Impfungen durchgeführt. Eine der größten Friedensaktionen die es je gegeben hat. Manche Wissenschaftler haben diese Leistung tatsächlich schon mit der Mondlandung verglichen.
Mit dem Beginn des Massenflugzeitalters in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts entstand eine neue Situation. Die Monschauer Pocken waren via Karachi mit Air India und Lufhansa angereist, und seitdem versuchte man, sie einzufangen. Und hatte dazu zunächst keine anderen Mittel als zu Vorzeiten, als man in den St.-Lazarus-Häusern, Leprosorien und Pestkolonien eine Infrastruktur von Quarantäne- und Isolationsorten schuf. So beschreibt es Kopetzky (S. 268) und heute las ich in der Zeitung, dass Donald Trump vorhatte, Infizierte nach Guantanamo zu bringen. Aber was hatte der „best of hairstyle-President“ nicht alles vor? Vor hundert Jahren trank Herr Pettenkofer mit Cholera verseuchtes Wasser um zu beweisen, dass das unschädlich ist wenn man sich gesund ernährt. Von Pettenkofer kommt der berühmte Ausspruch: „Ich würde ja gerne auch Kontagionist (Robort Koch glaubte an die Infektion) werden, die Ansicht ist ja so bequem und erspart alles weitere Nachdenken“.
Heute ist der Impfausweis Requisite gesellschaftlicher Teilhabe und Gott allein weiß, ob das zum Standard wird und zwei Impfungen pro Jahr zur normalen Gesundheitsvorsorge.

Aber das sind nur Nebengedanken zum Roman, der ein historisches Ereignis als Metapher nutzt. Hier war es nur ein kleiner Ort in der Eifel. Heute ist es die ganze Welt. Seit 15 Monaten Dauerthema in den Medien (wann gab es das schon mal, dass ein Thema sich so lange halten kann?).

Steffen Kopetzky ist studierter Romanist und Philosoph (in München LMU), ist kommunalpolitisch engagiert und war einige Jahre künstlerischer Leiter der Bonner Biennale. Nicht ganz umsonst hat auch Joseph Boys im Epilog noch seinen Auftritt. Kunst als soziales Engagement. Und das ist nicht ganz ungefährlich. Künstler sind nicht immer die besten Analytiker, weil sie zu viel Phantasie haben. Eine gute Mischung aus Unterhaltung, historische Information, Suchbild (wer ist Grünwald? Ah, Simmel!) war der Roman in jedem Fall.

Nicht immer waren die Dialoge mitreißend, aber auch das habe ich überlesen, lieferte der Stoff selbst doch genügend selbstreferenzielle Ansätze. So habe ich beim Schreiben dieser Besprechung „Also sprach Zarathustra“ angehört, denn das war ein schöner Witz von Kopetzky, dass die Haustür-Klingel von Seuss mit den Anfangstönen der Ouvertüre erschall. Da musste ich natürlich auch an Odyssee 2001 denken und die irritierten Affen, als sie dem Monolith gegenüber standen und was dann geschah….

Eine griechische Tragödie war es natürlich nicht, aber das war auch nicht die Absicht von Kopetzky – denke ich zumindest.

 

01. Juni 21

 

Reise um die Welt

Von Mark Twain

Aus dem Amerikanischen von Margarete Jacobi

Erschienen 2011 im Verlag Anaconda

 

Gott hat den Menschen erschaffen, weil er vom Affen enttäuscht war. Danach hat er auf weitere Experimente verzichtet.
Es ist natürlich leicht, die Besprechung eines Buches von Mark Twain mit einem treffenden Zitat zu beginnen. Nein! Ist es gar nicht. Denn es gibt davon so viele, dass man Probleme bekommt in der Auswahl. Ich hätte auch dieses Zitat als Aufmacher nehmen können: Der Mensch ist ein religiöses Tier. Er ist das einzige Tier, das seinen Nächsten wie sich selber liebt und, wenn dessen Theologie nicht stimmt, ihm die Kehle durchschneidet. Mark Twain erblickte als Samuel Langhorne Clemens 1835 in Florida, Missouri das Licht der Welt. Er besuchte nur ein paar Jahre die Volksschule und begann im Alter von 11 Jahren seine Ausbildung zum Schriftsetzer. Dem Umgang mit Gedrucktem blieb er treu. In seinen Zwanzigern war er Lotse auf einem Missipidampfer und aus dieser Zeit stammt sein Pseudonym. Mark Twain, zwei Faden tief, mark two, durch den Dialekt in mark twain verwandelt, musste der Mississippi schon haben, damit das Dampfschiff nicht auf Grund läuft. Beinahe wäre Mark Twain im Alter von 60 Jahren auf Grund gelaufen durch den Kauf einer fehlerhaften Setzmaschine. Er hatte danach Schulden von 200.000 Dollar und schwor sich, alles auf den Cent zurückzuzahlen. Er war bereits ein berühmter Autor und seine Lesereise wurde daher auch fürstlich entlohnt. Sie führte ihn durch Europa und durch die Länder des Britisch Empire. Letztere liegen uns hier in der Reprint-Ausgabe des Anaconda-Verlags vor. Australien, Tasmanien, Neuseeland, Indien und Südafrika.  Alles koloniale Beuteländer Englands. Mark Twain spart nicht mit ironischen, sarkastischen Seitenhieben auf diese englischen Besatzer. Man wünscht sich heute noch so eindeutige Antirassisten wie ihn. Zumal er sogar ein gutes Gespür für den so genannten „positiven Rassismus“ hat. So zitiert er einmal den Erweckungsprediger Charles Chauncy (S. 188):  Chauncy spricht voll Bewunderung von der Geduld, der Geschicklichkeit und wachsamen Klugheit des Eingeborenen… Das wäre etwas für unsern Fenimore Cooper gewesen!“  Twain erwähnt den Lederstrumpf-Autor (gelobt von Goethe), da er ihm eine längere negative Kritik widmete (The Literary Offenses of James Fenimore Cooper ). Darin karikiert Twain die aberwitzigen und von Zufällen bestimmte Handlung, sowie die grotesken und gekünstelten Dialoge des Lederstrumpf-Autors Cooper. In der Lobeshymne des Erweckungsgeistlichen entsteht so ein glorifizierendes Bild des „edlen Wilden“, das wir noch in der Bildmetaphorik einer Leni Riefenstahl aus ihrer Sudanreise kennen. Mark Twain blickt da etwas nüchterner auf die einheimische Bevölkerung der bereisten Länder. Ausrottung und Zerstörung der Lebensgrundlagen stellt er überall fest. Dabei geht es nicht immer irrational und rassistisch zu. Die Geschichte der Thuggee (ein Lehnwort aus dem Sanskritwort für Betrüger) erzählt er mit kritischem Seitenblick auf deren Zerstörer Henry Sleeman ausgesprochen differenziert.
Dem Menschengeschlecht im Großen und Ganzen ist die Mordgier eigen, es ergötzt sich am Töten lebender Geschöpfe wie an einem Schauspiel. Wir weißen Leute sind nur etwas verfeinerte Thugs, denen ihr dünner Anstrich von Zivilisation wie ein lästiger Zwang erscheint. Diese pessimistisch klingende Erkenntnis von Mark Twain lässt sich heute noch unterstreichen. Das Töten als Schauspiel. Im 21. Jahrhundert in einem Münchner Viertel, schaut sich ein erwachsener, gut ausgebildeter Mann, der Frau und Kinder innig liebt Armee of the Death von Zack Snyder an und genießt zweieinhalb Stunden lang ein fürchterliches, blutiges Gemetzel. Kurz danach, vor dem Zubettgehen, küsst er seine Frau und sieht noch mal nach den Kindern. Der Firniss unserer Zivilisation ist so dünn wie ein Flachbildfernseher.
Die mehr als nur beeindruckenden Schilderungen seiner Indien-Reise gipfeln im religiösen Zentrum in Benares, 800 Kilometer östlich von Delhi gelegen. Die Hindu-Hochburg gilt als Stadt des Gottes Shiva und an den Ghats stehen bis heute die Menschenmengen. Mit dem klugen Blick eines Ethnologen beschreibt Twain die Tradition der Witwenverbrennung. Diese Diskussionen führen wir bis heute. Unter dem Gesichtspunkt relativistischer Ethnologie müssen wir unseren apodiktischen Anspruch überdenken, dass die Aufklärung und die Weiterentwicklung der Naturrechts-Lehren auf der ganzen Welt Gültigkeit hätten. Die Civitas Humana der Römer geht auf die Stoa von Seneca zurück und bezieht sich in erster Linie auf die militärische Ordnung und Disziplin. Der Renaissance-Gedanke einer universellen Gerechtigkeit wäre ohne den christlichen Chiliasmus nicht denkbar gewesen. In der Antike gab es diesen Gedanken einer universellen Gerechtigkeit nicht. Ich erwähne das nur deshalb, weil es sich leicht dahin sagt, dass der Firniss der menschlichen Zivilisation dünn sei. Ist er nicht sogar sehr dick? Die deutsche Gesetzgebung kennt 80.000 Paragrafen! Das ist doch recht ordentlich! Daher warne ich vor den Schlüssen, die Mark Twain zieht. Er würde mir jedoch Recht geben, wenn ich sage, dass der Mensch ein zu kompliziertes Lebewesen ist (jedes Lebewesen ist übrigens kompliziert aus einer gewissen Perspektive), um ihm mit einem gut gesagten Aphorismus gerecht werden zu können. Die Diversität schildert Mark Twain ja ausführlich. Und er hat trotz seiner Schicksalsschläge nie seinen Humor verloren. Allein die Binnenerzählung von dem Mark-Twain-Club und seinem angeblichen Tod ist zu köstlich. Seine beliebte Scharfzüngigkeit steht in der aufklärerischen Tradition eines David Hume, dessen Reisejournal von 1748 höchst bösartige aber sehr feine Beobachtungen über das deutsche Wesen beinhaltet. Mark Twain ist kein Humboldt. Seine Erzählungen sind persönlicher und anekdotischer. Heute stehen Autoren wie Hape Kerkeling noch in dieser Tradition der Reiseschilderung. Während sich Humboldt im Baedeker auflöste, packt man Mark Twain heute in einen Rucksack und trägt Sandalen während der gesamten Reise. Wirklich gute Reiseliteratur erlebt man dann eher in den modernen Medien wie in Reiseblogs. Da bilden dann Fotografien, kleine Smartfilmchen und Familiensmileys den traurigen Rest einer völlig zerreisten Welt.   Zugeben: Ich bin kein Freund der Traveller. Tourismus halte ich für eine postkoloniale Seuche. Aber das ist ein von mir geliebtes, eingebildetes Extrem. Ob das Reisen wirklich bildet, hängt ausschließlich vom Reisenden selbst ab. Mark Twain war ein immerzu Reisender. Er war immer in Bewegung. Das ist die einzige Form des Reisens, die ich voll und ganz akzeptiere, die Form des Nomadentums, einer uns ursprünglich zum Menschen machende Daseinsform. Doch „Urlaub“, was auf das mittelhochdeutsche Substantiv „urloup“ zurück geht und lediglich „Erlaubnis“ bedeutet (die Erlaubnis eines Adeligen, dass man sich entfernen darf), ist für mich die Perversion des Reisens. Ich weiß, ich weiß, damit mache ich mir keine Freunde. Zumal gerade der / die Deutsche seine / ihre Reisekilometer zur Daseinsberechtigung machte. Mark Twain konnte ich folgen, weil er nie stehen blieb. Einem Urlauber, der seinen Schweinebraten mit Kraut auf Malle fotografiert und auf Facebook postet erlaube ich nicht, dass er sich aus seinem Heimatdorf entfernt.

 

 

Mai 2021

 

Erste Person Singular

Von Haruki Murakami

Aus dem Japanischen
von Ursula Gräfe

Erschienen 2021 bei DuMont

 

Geheimnisvolle Tanka-Verse, ein sonderbarer alter Mann in einem Park, eine verschwundene Jazzplatte die nie existierte, das verlorene Gedächtnis des Bruders einer Freundin (die sich umgebracht hat), eine schlechte Baseball-Mannschaft, eine hässliche Frau die Robert Schumann liebt, ein sprechender Affe der Frauennamen stiehlt und eine Verwechslung in einer Bar sind die Themen der Ich-Erzählungen von Haruki Murakami. Frauen und Musik sind die beiden zentralen Motive der Sammlung. Meine Favorit ist in jedem Fall die Geschichte Charlie Parker Plays Bossa Nova.  Es erinnerte mich an mein allererstes veröffentlichtes Werk vor knapp 30 Jahren. Es hieß Flatted Fifth und bedauerte die Tatsache, dass Bird keine Platte mehr gemeinsam mit Dizzy  aufnehmen konnte, obwohl es sein Wunsch gewesen war und Dizzy noch Jahre später zu Tränen rührte, wenn er daran dachte, wie der sterbende Charlie diese Hoffnung zum Ausdruck brachte. Murakami war auch noch ein Teenager, als er in einer Uni-Zeitung eine fiktive Schallplattenkritik veröffentlichte. Charlie – bereits 1955 an den Folgen seiner Heroin-Sucht verstorben – legte dort gemeinsam mit Joachim Jobim eine Schallplatte auf, im Jahr 1963. Charlie Parker plays Bossa Nova. Ausgerechnet dieser fürchterlich unterkühlte Bossa Nova-Sound! Das passt zusammen wie Hund und Katze. Ausgerechnet Jobim, der bei einem verfluchten Deutschen das Klavierspielen lernte. Und dann Charlie! Jobim und Stan Getz, ja das passte. Aber das fiebrige Abspielen und Notenhetzen des Bebops? Witzig ist, dass Stan Getz den poetischen und schmeichelnden Bossa Nova über einen weißen Gitarristen mit dem Namen Charlie Byrd kennen lernte. Bird und Byrd. Schwarz und weiß.
Doch insgesamt haben die Geschichten ihren Reiz. Die surrealen Effekte verpuffen ein wenig, weil sie stets mit einem altbewährten Muster arbeiten: Ein ambitionierter Jungautor auf der einen Seite und ein altbewährter Autor der sich erinnert auf der anderen Seite und dazwischen geheimnisvolle Frauen, sprechende Affen, die Musik und unwahrscheinliche Zusammenhänge. Einmal erzählte ich einem jüngeren Freund eine sonderbare Geschichte, die ich mit achtzehn erlebt hatte. So beginnt zum Beispiel die zweite Story „Créme de la Créme“, in der dem jungen Murakami im Park ein geheimnisvoller, konfuzianische anmutender alter Mann begegnet. Es bricht das Unwirkliche in die Wirklichkeit nach den alten Methoden von Edgar Allan Poe, nur weniger unwirklich. Die Realität hat die zahlenmäßige Überlegenheit auf ihrer Seite. Das Seltsame am Älterwerden ist für mich nicht, dass ich selbst alt geworden bin und mich unvermittelt von einem jungen in einen alten Mann verwandelt habe. Viel eher überrascht mich, dass Menschen aus meiner Generation plötzlich alte Leute sind…Und dann wandern wir ins Jahr 1964 in die Zeit der Beatles. Im Grunde steht die Musik fest im Zentrum der Erzählungen. Jazz, Pop, Klassik werden in jeder Geschichte eingearbeitet und verweisen auf das Dichterleben. In der Beatles-Geschichte (der längsten in der Sammlung) verarbeitet Murakami einen literarischen Klassiker. Die großartige Story „Zahnräder“ von Ryunosuke Akutagawe. Diese Novelle in sechs Kapiteln verarbeitet das Leiden des nach Murakami wohl bekanntesten und bedeutendsten Autor Japans an der anachronistischen Welt. Es ist kein Zufall, dass Murakami diese Geschichte zitiert, denn nicht nur Kiefernwälder spielen in der Geschichte „Zahnräder“ eine Rolle, sondern es ist auch eine moderne Geistergeschichte. Dem unter einer Migräne leidenden Ich-Erzähler begegnet ein Mann in einem Regenmantel, wie ein Geist. Später stellt sich heraus, dass sein Schwager sich vor den Zug geworfen hatte in suizidaler Absicht. Er trug einen gelben Regenmantel, wie der Geist, den der Icherzähler gesehen hatte. Das ist das perfekte Spiegelmotiv zu Murakamis Erzählungen. Wenn unser Geist in eine Verwirrung gerät, öffnet er sich und wir sehen hinter die Kulissen unserer Realität. Das ist der Job des Dichters.

  Haruki Murakami ist ein globalistischer Pseudo-Mystiker, der Exotik auf ein erträgliches Maß herunterdimmt und gefällig zu erzählen weiß, schreibt Maike Albath für den Deutschlandfunk. Sie war nicht sehr überzeugt und beurteilte vor allem die Machart. Klar. Murakami hat seine Methoden. Aber was er eigentlich zu sagen hat als Pseudo-Mystik zu diskreditieren? Ist das fair? Sicher. Murakami erzählt uns keine Gotteserlebnisse, kein Johannes vom Kreuz Erscheinen reinigenden mystischen Feuers. Warum auch? Das wäre heute lächerlich. Was er noch machen kann ist, an der so überzeugenden Realität kleine Zweifel zu streuen. Das ist es auch, was mir immer an ihm gefallen hat. Keine großen Töne spuckender und mit Feuereifer und verdrehten Augen auftretender Mystiker, sondern ein moderner Mensch, der gerne gute Mucke hört und schöne Frauen liebt. Ist er gefällig? Klar. Warum nicht? Aber er ist es nicht mehr, wenn man sich einlässt auf diese Ebene. Dann ist sein aktueller Erzählband eine Sammlung routinierter Ensembles, die neun kleine Stiche verursachen.
Können wir unserer Wahrnehmung trauen? Können wir unserem Urteilsvermögen trauen? Können wir unserer Erinnerung trauen? Können wir unserem Wissen trauen? Können wir der Logik unserer Geschichten trauen? Es mögen nur kleine und fast zärtliche Zweifel sein, die wir dann als nur Pseudo aus unserem Alltag löschen können. Betrachten wir den Zweifel jedoch genauer,
dann tun sich Abgründe auf, die wir nicht wirklich kontrollieren können. Wir beschönigen unsere Erfahrungen, betten sie in logisch nachvollziehbare Erzählungen und vergessen dabei, dass sie existenziell sind. Akutagawe hat sich nach der Erzählung „Zahnräder“ umgebracht.

In dem Augenblick hörte ich jemand eilig die Treppe heraufkommen, aber sogleich wieder hinunter hasten. Ich wusste, dass es meine Frau gewesen war, sprang erschrocken auf und blickte in das halbdunkle Wohnzimmer, das sich unmittelbar neben dem Treppenabsatz befand. Meine Frau lag mit dem Gesicht auf dem Boden. Sie schien nach Atem zum ringen. Ihre Schultern bebten.
„Was hast du?“
„Ach, nichts…“
Endlich hob sie den Kopf, lächelte gezwungen und fuhr fort: „Es ist ja nichts geschehen. Aber mir war auf einmal so, als wärst du tot…“
Das war das Schrecklichste, was mir je in meinem Leben widerfahren ist. – ich habe nicht mehr die Kraft weiterzuschreiben. Es ist eine unsägliche Qual, mit diesem Gefühl zu leben. Findet sich denn niemand, der mich im Schlaf sacht erdrosselt?

Man braucht keine „Dunkle-Nacht-Erlebnis“. Es reichen Kleinigkeiten, um in Erklärungsnot zu kommen. Geschichten können trösten. Aber nicht verhindern, dass wir es nicht verstehen.

 

 

 

April 2021

 

Am Götterbaum

Von Hans Pleschinski
erschienen im Verlag C. H. Beck 2021

 

„Der lactosefreie Macciato ohne Koffein“, rief eine Angestellte ihrer Kollegin vom Service zu.
Dieser Satz ist sicher das High-Light der Heyse-Satire von Hans Pleschinski. Vielleicht hätten etwas mehr Milchzucker und Koffein das Lesevergnügen noch steigern können. Aber im Ernst. Eine biedere Stadträtin, eine exaltierte (aber letztlich spießige) Schriftstellerin und eine ordentliche Bibliothekarin (die mich gleich an Elisabeth Tworek erinnerte) bewegen sich auf die Paul-Heyse-Villa zu durch München. Sie treffen auf einen homosexuellen englischen Heyse-Spezialisten und dessen Partner Herrn Deng, der Rammstein über Kopfhörer lauscht und eine strahlend weiße enge Hose trägt. Eingestreut werden Gedichte von Heyse und biografische Daten. Zwischen 2013 und 2017 tobte der Streit um seine Villa in Maxvorstadt. Vorhaben der Stadträtin ist es, ein Kulturzentrum daraus zu machen. Pleschinski kreist um die Frage warum Paul Heyse, der erste deutsche Literaturnobelpreisträger und ein weltweit berühmter Autor des 19. Jahrhunderts, in Vergessenheit geriet. Heyse begründete zudem das literarische Leben in München, empfing viele Gäste und lockte Berühmtheiten an wie Fontane oder Ibsen. Mit dem Aufkommen der Moderne wurde der Dichterfürst Paul Heyse zunehmend zur Karikatur.

 „Deutschlands Dichter“ sitzen am liebsten im Kaffeehaus: Ernst von Wolzogen mit Zigarettenspitze, Max Halbe mit Zwicker und Paul Heyse im Profil. Karikatur aus dem Simplicissimus 1897 von Bruno Paul. (c) Bayerische Staatsbibliothek / Bildarchiv

 

So wie ihn Pleschinski schildert ist das eigentlich ungerecht. Heyse verfasste das erste Gedicht gegen Tierquälerei und initiierte so Tierschutzvereine. Er war liberal, setzte sich für die Emmanzipation der Frauen ein, unterstützte den sozialistischen Autor  Albert Dulk, als dieser eingesperrt wurde. Der Binnenraum des Romans aber wird von einem lauten und rücksichtslosen Münchner Stadtleben geprägt, von einer bedrohten und ausgelaugten Welt. Gegen Ende des Romans sitzen die Protagonisten schon reichlich erschöpft in einem Studentencafe (Von&Zu), die Schriftstellerin Vandervelt beobachtet die jungen Menschen und stellt sich die Frage, wer diese Generation und die Nachwachsenden noch brauchte, was dieser Jungend verheißen würde? Alles, was jemand benötigte, schien bereits erfunden und vorhanden zu sein. Die Welt war abgeschritten, schien fertig erkundet, gründlich ausgelaugt. Die Vorräte wurden verzehrt. Der Fortschritt, falls man ihn überhaupt wollte, ließe sich bestenfalls glimpflich gestalten. Mehrfach erwähnt Pleschinski Heyses Glück, vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs verstorben zu sein. Heyse, der Weltbürger, erlebt den Zusammenbruch dieser Welt nicht mehr, starb mehr oder weniger glücklich vor dem endgültigen Ende seines 19. Jahrhunderts. Märzrevolution und Gründerepoche prägten den zweiten Goethe Deutschlands. Niemand liest ihn noch. Wehmut klingt an. Deng hört Rammstein. Die Passanten kreisen um ihre eigene kleine Welt. Der Alltag zerstört die schöne Poesie. Gut so weit. Oder eben nicht. Der Spezialist Harald Bradford hat alles von Heyse gelesen, kann teilweise auswendig zitieren, ansonsten hat er alle Texte auf seinem Laptop abrufbereit. Romane, Dramen, Gedichte, und 177 Novellen. Seine Falkentheorie – Konzentration auf das Grundmotiv, und das so genannte Dingsymbol als Leitmotiv - ist Schulstoff.

Leider fehlte dem Roman eine gewisse Grundspannung, da Pleschinski sich ganz auf seine Idee verließ, eine versunkene Epoche im hektischen Strudel der Zeit wieder zu finden. Denn er fand sie nicht. Sie taucht nicht auf. Da half auch das eingestreute „Gewitter-Kapitel“ nicht. Pleschinski erzählt gefällig. Nicht immer ist ganz klar, wer der Erzähler ist, denn immer wieder blickt ein externer Erzähler auf die Protagonisten. Das ist jetzt nicht weiter schlimm und die unklare Diegese störte eigentlich auch kaum, nur immer mal wieder. Vor allem berichtende Zusammenfassungen klangen ein wenig nach Wikipedia-Wissen. Die vielen eingestreuten Gedichte wirkten schon ein wenig aus der Zeit gefallen. Aber vielleicht wollte Pleschinski auch genau diesen Eindruck erzeugen. Paul Heyse ist aus der Zeit gefallen. Sollte man ihn wieder rein holen? Natürlich. Doch das war auch eine Frage die mir bei der Lektüre aufleuchtete. Was macht die Bedeutung eines Dichters aus? Warum gerade jetzt Paul Heyse? Wegen der Villa? Die Sache scheint inzwischen geklärt. Oder quält hier eher eine ewige Frage, die auch Ortrud Vandervelt umtreibt und ihre Stukkaturen aus Emotion? Das große Werk, das überdauert? Paul Heyse bekam als erster Deutscher den Literaturnobelpreis! Er gründete literarisches Leben in München! Er entdeckte den Biergarten als philosophischen Ort! Und trotzdem, trotzdem gibt es nur eine fürchterlich nach Abgasen stinkende, sehr hässliche Unterführung, die seinen Namen trägt. Warum überlebte Thomas Mann? Warum Goethe? Warum Fontane? Das lässt sich nicht leicht begründen. Haben die Erwähnten alle besser geschrieben als Paul Heyse? Oder hatten sie Bedeutenderes zu sagen? Eher nicht. Da liegen sie doch alle mehr oder weniger vom Geschmack getragen, gleichauf. Paul Heyse war von all den Genannten der Berühmteste und am meisten Gelesene. Weltweit! Oder sind das eh nur Flausen und nichts ist mehr von Bedeutung. Alle Literatur ist nur Treibgut und wird von chaotischen Wellen der Geschichte hin und her getrieben, mal an Land gespült und wieder weg ins weite, offene Meer? Wer kennt noch Friedrich Spielhagen, Felix Dahn? Wissenschaftler, die sich für eine Habilitation mit ihnen herumschlagen, so wie Harald Bradford: „Sie Meinen“,  Bradford sammelte sich, „ich hätte mein Leben, mein Forschen, mein Lehren, mein innerstes Interesse, meine Sympathie an einen Unwürdigen verschwendet?“
Von März 2018 bis Januar 2019 hielt ich einmal für die Münchner Volkshochschule eine Vortragsreihe über Goethes Faust. Ich ertrank förmlich in Sekundärliteratur. Es waren 24 Abende und es entstand ein Gesamttext von über 400 Seiten zu den 11.000 Versen des Herrn Geheimrats. Ein großer Tropfen Schweiß für ein paar Hundert Euro. Auch unser Autor Hans Pleschinski hat viel recherchiert und viele Stunden für seinen Roman gearbeitet. Wäre mal interessant die Arbeitszeit die er dafür aufbrachte in Form eines Stundenlohns darzustellen. Meine Lesezeit betrug etwa 14 Stunden insgesamt, dazu eigene Recherchen über Heyse, über Geibel und andere. So fand ich jene hübschen Zeilen von Heinrich Mann, der über den Mentor von Paul Heyse Emanuel Geibel folgendes dichtete:

Ihr habt euch stets nur wenig
Beschäftigt mit Literatur,
Drum habt ihr auch vom Verständnis
Der Dichter keine Spur.
Man setzt, um ihn nicht zu vergessen,
Ein Denkmal manch elendem Wicht,
Doch ist das bei ihm nicht nötig -
Einen Heine vergisst man nicht! -

Tja. Einen Heine vergisst man nicht. Aber einen Geibel, Dahn, Spielhagen, Heyse…? Aber warum denn eigentlich? So richtig beantworten kann diese Frage keiner.

 

 

26. März 2021

Der Mann im roten Rock

Von Julian Barnes

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger

Erschienen 2021 im Verlag Kiepenheuer & Witsch

 

Ein Graf, ein Prinz und ein Bürger reisen gemeinsam nach London um dort zu shoppen. Neben diesem „seltsamen Trio“ begegnen uns auch eine Menge junge Leute, die in auffälliger Bekleidung Kirche oder Jahrmarkt besuchen (so beschreibt Wikipedia den Dandy). Wir erleben in dem neuen Prosawerk von Julian Barnes das 19. Jahrhundert auf seinem personalen Höhepunkt. Von Oskar Wilde bis Beau Brummell. Von Jean Lorrain bis Marcel Proust. Von Huysmans bis Barbey d’Aurevilly. Von Sarah Bernhardt bis zur Comtesse de Noialles. Von Dreyfusianern und Antidreyfusianern ist die Rede, von den Leidenschaften für das Duell bis zum Satanismus. Julian Barnes hat ein eigenwilliges und höchst charmantes Stimmungsbild dieses französischen 19. Jahrhunderts geschaffen in dessen Mittelpunkt drei miteinander befreundete Männer. Ein Buch voller herrlicher, lustvoller Anekdoten, Betrachtungen zur Geschichte und Geschichten zur Betrachtung. Hauptfigur ist der Gynäkologe und Don Juan Samuel Pozzi (1846 – 1918), über den es zur Stunde nur in der englischen Ausgabe von Wikipedia einen Eintrag gibt. Pozzi war ein Bürgertypus der Gründerepoche, bärtig, tatkräftig und erfolgreich. Erfolgreich im Beruf und bei den Frauen. Seinem offenen und immer neugierigen Charakter, fortschrittlich – wie es dieser Zeit entsprach – ist es zu verdanken, dass er mit zahlreichen, auch den eigenwilligsten Menschen verkehrte und befreundet war. Genauer beschreibt Julian Barnes den Grafen Robert de Montesquiou  (mit vollem Namen: Marie Joseph Robert Anatole Comte de Montesquiou-Fezensac) und den Prinzen Edmond de Polignac (mit vollem Namen: Edmond Melchior Jean Marie Prince de Polignac). Der Prinz ist „ein stillgelegter Kerker, der in eine Bibliothek verwandelt wurde“ (Marcel Proust) und bleibt insgesamt die blasseste Erscheinung in Barnes Kabinett. Montesquiou glänzt durch  seine Arroganz mehr als durch Brillanz. Sein Portrait von Giovanni Boldini zeigt einen Mann von etwa vierzig Jahren, der lieber seinen Stock betrachtet und befühlt, als Anteil zu nehmen am Schicksal der Menschen. Wirklich warmherzige Worte fand er wohl nur für seinen Leibarzt. Und Pozzi ist zweifelsfrei die alles tragende Kraft.  Montesquiou ist daher auch mehr eine literarische Figur (Huysmans Gegen den Strich, und Jean Lorrains Monsieur de Phocas). Pozzi, Darwinist und Fürsprecher Dreyfus‘. Pozzi der Frauenheld und Frauenversteher, dessen Ehe dennoch scheitert ebenso die Beziehung zu seiner Tochter Catherine Pozzi. Pozzi ist immer da, ist überall.
Barnes mäandert durch die Zeit. So brauchte ich ein paar Seiten zu verstehen, dass ein Absatz bereits ausreicht, um mich in eine andere Welt zu katapultieren. Die Belle Époque, das Fin de Siècle, die Zeit zwischen dem deutsch-französischen Krieg und dem ersten Weltkrieg erscheint wie eine Verlängerung des Jahrhunderts, das die Historiker gerne als „langes 19. Jahrhundert“ (Eric Hobsbawn) bezeichnen. Es geht von 1789 bis 1914. 125 Jahre in denen Aufklärung, Industrialisierung, Verstädterung und Verbürgerlichung in das 20. Jahrhundert führten, das – wage ich mal zu behaupten – 2020 endete. Barnes erzählt diesen letzten Abschnitt des langen Jahrhunderts nicht wie ein Historiker, sondern wie ein Romancier. Es sind die Typen, die Figuren und ihre Handlungen. Auch daher weiß Barnes um die Fiktionalität des Faktischen und reflektiert immer wieder darüber, dass Geschichte auch nur Geschichten sind. „Die Legende trägt immer den Sieg über die historische Wahrheit davon“ erwähnt Barnes ein Bonmot von Sarah Bernhardt, der nymphomanen Schauspielerin, die am Ende nur noch ein Bein zur Verfügung hat, um den Hamlet zu spielen. Ein Bein, das lange Zeit in der anatomischen Fakultät in Bordeaux lag, neben dem Fötus siamesischer Zwillinge. Doch vermutlich war es gar nicht das Bein von Sarah Bernhardt, hatte es sich doch von einem rechten in ein linkes Bein verwandelt. Auch fehlte dem ausgestellten Exponat ein großer Zeh. Das zeigt eben an, wie leicht Geschichte und Geschichten verschmelzen können. Es ist kein neues Problem, das im Diskurs (Genette) liegt. Geschichte begreift man nicht nur in einer chronologischen Abfolge von Zahlen. Wer die Lebensdaten von Königen aufzählen kann, wer die Daten von Kriegsereignissen aufzählen kann, hat erst mal noch nichts von Geschichte begriffen. Der Diskurs über einen historischen Zeitraum lässt sich in verschiedene semiotische Systeme übersetzen. Das ist kein Sprachproblem, sondern ein Strukturproblem. In einem jüngsten Polizeibericht las ich folgendes Ereignis:
Am Samstag, 20.03.2021, gegen 17:25 Uhr, fuhr eine 80-jährige Münchnerin mit ihrem Ford auf der Ratoldstraße stadtauswärts. An der Kreuzung zur Bernhardstraße wollte sie geradeaus weiterfahren. Zum gleichen Zeitpunkt überquerte dort eine 28-jährige Münchnerin als Fußgängerin den dortigen Fußgängerüberweg. Dieses sehr traurige Ereignis klingt ganz anders, wenn man das semiotische System wechselt:

Es fuhr einst eine alte Frau in ihrem Ford
stadtauswärts aus dem Ort
eine junge ging die Kreuzung hinüber
die alte Frau mit ihrem Ford fuhr einfach drüber
jetzt ist sie tot, die junge Frau unterm Ford

Ähnliches schildert Barnes wiederholt, wenn er den Künstler und sein Portrait in den Blick nimmt. So zitiert er den Maler Basil Hallwand: Jedes Portrait, das mit Gefühl gemalt ist, ist ein Bildnis des Künstlers, nicht des Modells. Die ganze Geschichte ist nur der Anlass für die Geschichte die man darüber erzählt. Zugleich macht sich Barnes über diese Exaltiertheit lustig. Aber Freud wäre nicht so weit gegangen zu sagen, wenn er einen weiblichen Akt mit gespreizten Beinen male, dann ‚offenbare er sich selbst‘. Wenn man sich mit Geschichte beschäftigt und zusätzlich – wie Julian Barnes – über eine reichhaltige Detailkenntnis verfügt, braucht man eine Struktur. Und diese Struktur verändert die Realität. Der Blick in die Vergangenheit ändert die Vergangenheit. Barnes nutzte daher eine rhizomatische Struktur (Deleuze / Guatarri): Zwischen den Dingen bezeichnet keine lokalisierbare Beziehung, die vom einen zum anderen geht und umgekehrt, oder eine Pendelbewegung, eine transversale Bewegung, die in die eine und die andere Richtung geht, ein Strom ohne Anfang oder Ende, der seine beiden Ufer unterspült und in der Mitte immer schneller fließt. (Tausend Plateaus)
Und doch verschafft uns jedes gelungene Kunstwerk eine Illusion von „echter Dauer“; also die Illusion von Ewigkeit. Das ist das Geheimnis künstlerischen Wirkens. Barnes hat mich jedenfalls erneut mitgenommen und dank seines Charmes folgte ich den kenntnisreichen Schichten von Anekdote zu Bonmot, von Histörchen zu Historien, von Klatsch zu tieferen Wahrheiten. Und so habe ich nach der Lektüre dieses Buches selbst ein differenzierteres Bild dieser Epoche bekommen.

 

 

 

24. Februar 21

 

Durcheinandertal

Von Friedrich Dürrenmatt

Erschienen 1989 im Verlag Diogenes

 

Der Gott ohne Bart hatte Humor.  Nun, das kann man wohl von dem Gott mit Bart nicht wirklich behaupten. Friedrich Dürrenmatt war schon zu seinen Lebzeiten ein großer Unzeitgemäßer. Der letzte Expressionist. Seine erzählende Kritik an der Industrialisierung unserer Welt zeigt sich hier als Fremdkörper in einer zurück gebliebenen Dorfkultur. Das Hotel Waldhaus Vulpera in Graubünden mit 270 Betten ist das Vorbild für Dürrenmatts letzten Roman. Nicht ohne Grund nutzte Dürrenmatt diese Bühne. Denn das Hotel gilt als Wahrzeichen der Belle Époque, der dekadenten Fin de Siécle. Und Dürrenmatt kannte es persönlich. Die bürgerliche Elite zeigt sich als durch und durch verdorben, korrumpiert und muss am Ende abgefackelt werden. „Abgebrannt“ ist ein Homonym, mit dem natürlich wunderbare Ironie erzeugt wird für ein Prunk-Hotel mit dem Namen Hotel der Armut.
Die protestantische Moral wird von Dürrenmatt entlarvt, denn Moses Melker ist selbst ein Mörder und zusätzlich ein Dilettant. Der große Alte ist ebenfalls kein Ausbund des Fleißes, sondern nur ein surreal anmutender Strippenzieher. Wirklich professionell sind die Mörder, die im Winter einquartiert wurden. Die Millionäre bleiben weitestgehend ohne Namen. Der große Alte lebt –mit oder ohne Bart – in einer Blase. Das Leben selbst bleibt ein Dschungel. Ob es nun von den Behörden oder vom Syndikat kontrolliert wird.

Die Kritik im literarischen Quartett im Oktober 1989 war vernichtend. Klara Obermüller meinte: „Der Roman heißt nicht nur Durcheinandertal, sondern er ist auch ein heilloses Durcheinander.“ Und Helmut Karasek geht sogar noch weiter indem er Dürrematt zitiert, der einmal sagte, dass ein Roman dann zu Ende sei, wenn die Geschichte seine schlimmst mögliche Wendung genommen habe. Dann sagt Karasek: „Wie kommt es, dass ein Autor von niemandem geschützt wird, bevor er seine schlimmst mögliche Wendung nimmt.“ Dann bringt Karasek sogar noch die neue Ehefrau von Dürrenmatt ins Spiel, Charlotte Kerr, weder verwandt noch verschwägert mit dem berühmten Kritiker. Karasek meinte, dies sei eine Frau nach dem Muster: „Friedrich, aufstehen, dichten!“. Der Roman sei daher durch den äußeren Antrieb neuer Liebe herausgeschüttelt worden.

Das „abscheuliche“ (Ranicki) Buch ist von dem gesamten Quartett nicht verstanden worden. Sie machten sich am Ende kaum noch über das Buch lustig, sondern nur noch über den Autor. Das erwähne ich so ausführlich, weil schlechte Literatursendungen im Fernsehen - die ziemlich niveaufrei über angeblich misslungene Literatur schwätzen - sind selbst das Durcheinandertal dessen Durcheinander sie bemängeln. Der Hund Mani (erinnert auch an Money) heißt wie der berühmte Religionsstifter aus dem persischen Sasanidenreich, an dem die ganze Zwei-Schwerter-Theorie noch eines Luthers klebt. Dass die Jagd auf diesen Hund die Geschichte überhaupt ankurbelt entpuppt sich jedoch als eine falsche Fährte. Am Ende war es der Dobermann des Reichsgrafen, der den Portier Wanzenried in den Hintern biss, um die eigentliche Tat, die Vergewaltigung von Elsi zu vertuschen, bzw. überhaupt die Anwesenheit von Mördern im Kurhaus zu verheimlichen. Alles ist auf den Hund gekommen. Und hier kann man sich mal theosophische Gedanken machen darüber, was die englische Bezeichnung „dog“ umgekehrt gelesen bedeutet. Das tat einst Aleister Crowley, der Meister des Bösen.

Das ganze Dorf lebte ursprünglich von dem Kurhaus als Arbeitsplatz und Kunde der Dorfprodukte. Doch von dem modernen Betrieb hatte das Dorf nichts mehr. Finanzkapitalismus und Globalisierung  lassen auch uns fast nur noch die Wahl, alles niederzubrennen. Der Lebensdschungel wird kaum noch durchschaut. Lediglich der Hund Mani erkennt noch das Böse. Gekauft hat das Kurhaus die Anwaltskanzlei Raphael, Raphael & Raphael im Auftrag für Swiss Society for Morality, die von einem Altbundesrat gegründet wurde (ohne sein Wissen), dies wiederum im Auftrag eines ominösen Großen Alten. Der Sekretär des Großen Alten versucht, all die Briefe an den angeblichen Weltherrscher zu beantworten, ebenso das Zusammentreffen des Großen Alten mit seinem Stellvertreter oder Gegenspieler Jeremiah Belias in der Antarktis. Die beiden drehen dort je an einer Kaffeemaschine und setzen so die Gestirne in Schwung.

Was die Zusammenhänge auch immer bedeuten könnten, auf den Grund gehen will ihnen sowieso niemand. „Ich sage dir, Gemeindepräsident, unser Land ist das undurchsichtigste Land der Erde. Niemand weiß, wem was gehört und wer mit wem spielt und wer die Karten gemischt hat. Wir tun so, als ob wir ein freies Land wären, dabei sind wir nicht einmal sicher, ob wir uns überhaupt noch gehören.“ In einer Rede zur Verleihung des Gottlieb Duttweiler-Preises an Vaclav Havel am 22.11.1990 meinte Dürrenmatt, dass die Schweizer sich nur in einem Gefängnis wirklich frei fühlen. Es gibt mit diesem Gefängnis nur ein Problem, zu beweisen, dass ein Gefangener frei ist. Denn von außen betrachtet ist ein Gefängnis ein Gefängnis und sein Insasse nicht frei. Nur die Gefängniswärter sind frei, sonst wären sie ja selbst Gefangene. Um also zu beweisen, dass der Schweizer in seinem Gefängnis frei ist, führte die Schweiz die allgemeine Wärterpflicht ein. Jeder Schweizer hat damit den dialektischen Vorteil, dass er gleichzeitig, frei, Gefangener und Wärter ist. Das Gefängnis braucht daher keine Mauern, weil seine Gefangenen Wärter sind und sich selbst bewachen. Da aber so ein dialektisches Leben psychologische Schwierigkeiten impliziert, fühlten sich manche Wärter nicht frei. Daher wurden über die Wärter, die sich nicht frei fühlten Akten angelegt. Der Aktenberg wurde unübersichtlich und es kam heraus, dass die Wärter selbst über sich Akten angelegt hätten. Wenn alle verantwortlich sind, ist keiner verantwortlich. Die ganze Rede mündet in der Paradoxie einer irrationalen Rationalität und die Schweiz wurde ein sicherer Hort inmitten der Katastrophe. Eine Illusion. Genau die Illusion baut jeder Täter auf, ebenso Moses Melker. Als er am Ende bemerkt, dass er nur benutzt wurde (was er – wie der Leser – schon viel früher hätte merken müssen), ist es schon zu spät. Am Ende des Buches erfüllt sich, was sein muss. Alles wird abgefackelt. Die Illusion unserer modernen Welt, einfach weiter wachsen zu können, weiter im Luxus leben zu können, weiter all die netten Dinge tun zu können, die nur auf der Illusion ruhen, es ginge so weiter, all das wird zusammenbrechen. Und Dürrenmatt – das haben die Witzfiguren vom literarischen Quartett damals nicht sehen können oder nicht sehen wollen – hat einen visionären Roman dazu geschrieben, kurz vor dem Zusammenbruch des Ostens und dies als Parabel auf die rationale Verrücktheit des Menschen. Schon Sigmund Freud (der alte Freud) war sich sicher, dass der Depressive ein Realist ist. Ein mit mir befreundeter Psychiater meinte dazu: „Ja. Aber das Problem des Depressiven ist, dass er da nicht mehr rauskommt.“ Wenn der eigene Realitätssinn so stark wird, dass man nicht mehr drüber lachen kann, ist man krank. Aber wenn man wieder drüber lachen kann ist man kein Realist mehr.

 

 

19. Januar 2021

 

Die Stille

 

Von Don DeLillo

Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert

Erschienen 2020 im Verlag Kiepenheuer & Witsch

 

Dann starrt er in den schwarzen Bildschirm, endet die schmale Novelle von Don DeLillo. Im Zentrum steht der  56. Super Bowl 2022.  Das Ereignis ist umrahmt von Shows und findet immer am ersten Sonntag im Februar statt, hat also sakralen Charakter.
In seinem berühmtesten Roman „Unterwelt“ stand Baseball im Zentrum des Geschehens. Damals war es The Shot Heard Round the World
im Jahr 1951 der die postmoderne Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der amerikanischen Gesellschaft einläutete. Die New York Giants gewinnen nach einer dramatischen Aufholjagd mit einem gewaltigen Schlag des Batters Bobby Thomson, der den Ball in die Zuschauerränge donnerte, den NL Titel.
In dieser Novelle fällt einfach der Strom aus und beendet die großartige zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts mit zwei Jahrzehnten Verzögerung.  
Der New Yorker (1936 geboren in der Bronx) Don DeLillo wurde von dem Ranicki der USA Harold Bloom neben Pynchon und Roth auf den großen Sockel der epochalen Autoren gestellt. Mit einem „Schuss der um die ganze Welt zu hören war  begann alles und mit einer schwarzen Fläche auf einem Megabildschirm endet alles. Wir starren nur noch auf Bildschirme, sind selbst zu Nummern geworden und kommentieren uns nur noch selbst. Dieses gigantische und überschätzte Selbstgespräch einer nur noch repräsentativen Gesellschaft beendet die große zweite Natur (die Conditio Humana) indem einfach der Stecker gezogen und der Bildschirm schwarz wird. Die ganze Welt hängt an einer Buchse. Be prepared. Sei bereit, sagen die Pfadfinder und daraus wurden die Prepper. Eine soziopathische Szene aus Rechtsextremen die zusammen mit den urban riots vor Kurzem das Kapitol stürmten. Der Gedanke an das Ende der Welt eröffnet ein Grandiositätsangebot für Büffelmützen tragende toxische Männlichkeit. Sie sind bewaffnet, tragen Schutzkleidung und bauen sich Schutzräume, kommunizieren über Funkgeräte, horten Lebensmittel und Medikamente. Be prepared.

Die Realität sieht anders aus. Alles andere als grandios, eher ein wenig lächerlich, aber im Großen und Ganzen traurig. Jim und Tessa überleben mit Glück die Landung des Flugzeugs und Diane und Max sitzen in ihrer Wohnung fest. Martin versucht einen Ausflug. Aber Chaos herrscht auf den Straßen und niemand hat eine vernünftige Erklärung für das, was gerade geschieht. Die Zeiten sind pandämonisch.  
DeLillo nimmt es mit viel Humor. Max imitiert den Fernseher, Martin ist vom Fußball fasziniert. Zusammenbrechende Mannschaften, der Jubel, die Ekstase. Das alles ist grandios und viele Menschen können sich noch für Augenblicke identifizieren mit etwas. Doch dann gleiten sie wieder zurück in ihr Nummerndasein. Das bürgerliche Angebot (teilen und monopolisieren)  geht mit narzisstischen Gewinnen sparsam um. Identität ist ein sakraler Luxus. Ansonsten sind wir Bücher lesende Viecher. Aktuell dürfen wir nicht auf die Weide, weil draußen eine Seuche herrscht. Aber solange der Bildschirm flackert und die bunten Bilder uns umsorgen, müssen wir nicht auf die Weide.

Ansonsten wissen wir nicht viel von den anonymen Mächten.  Oder wie es Martin beschreibt: „Guckt euch den schwarzen Bildschirm an. Was versteckt der vor uns?“ Die anonymen Mächte sind wir selbst und der Bildschirm versteckt gar nichts. Aber natürlich steckt im Abbild auch der Abgott. Nach dem Bilderverbot könnte die Zukunft als Bilderverlust geschehen. Diese zweite Natur als Conditio Humana war schon bei Hegel pure Ironie. Sich im Spiegel selbst zu erkennen verbirgt immer die Gefahr, sich selbst im Spiegel zu verkennen. So haben wir die Welt im medialen Spiegel verloren und verwechseln sie tagtäglich mit der Wirklichkeit. Oder nein, wir verwechseln sie nicht, wir können sie gar nicht mehr unterscheiden. Die Wirklichkeit war für den Menschen schon immer nur ein Spiegel. Als man den Kündenden Seher befragte, ob je dieser Knabe zu hohem Alter gelange, da gab er zur Antwort: „Ja, wenn er sich fremd bleibt.“

„Die Welt ist alles, das Individuum nichts. Verstehen wir das alle?“ So Jung-Martin. Aber Max hörte nicht zu. Er starrte weiter in den toten Fernseher. Was man am Ende gesprochen: zurück ertönt das Gehörte. Diese erblickte Narcissus – er schweifte durch weglose Fluren -. Heiß überfällt sie die Liebe: sie folgt seinen Spuren verstohlen, und je mehr sie ihm folgt, je heißer erglüht sie in Flammen. Doch die beiden kommen nie zusammen. Narzissus verschmäht die Nymphe Echo, diese magert aus Kummer derart ab, dass nur noch ihre Stimme übrig bleibt. So trifft ihn ein Fluch. Doch wie den Durst er zu stillen begehrt, erwächst ihm ein andrer Durst: beim Trinken erblickt er herrliche Schönheit; ergriffen liebt er ein körperlos Schemen: was Wasser ist, hält er für Körper.

Diese Verschiebung unserer Libido macht die Welt zum pornografischen Objekt. Wird uns erst klar, dass das so ist, dann haben wir uns bereits selbst den Stecker gezogen. Das ist die Ironie daran.
Der argentinische Physiker Juan Martin Maldacena (vielleicht ist die Figur Martin eine Anspielung auf ihn) hat die innovativste Entdeckung der jüngeren Physikgeschichte gemacht, die so genannte AdS/CFT-Korrespondenz, einer Dualität von der gekrümmten Raum/Zeit mit der maxwellschen Feldtheorie. Diese Dualität führt in das holografische Prinzip.  Das "holographische Prinzip" besagt, dass man für die Beschreibung unseres Universums möglicherweise eine Dimension weniger braucht, als es den Anschein hat. Was wir dreidimensional erleben, kann man auch als Abbild von zweidimensionalen Vorgängen auf einem riesigen kosmischen Horizont betrachten. So gesehen sind wir selbst Bilder die (wenn sie auf einen Bildschirm starren) Bilder betrachten. Wenn wir richtig Pech haben, ist das gesamte Universum (das bekannte und das unbekannte) insgesamt nur ein Spiegel in einem Spiegel in einem Spiegel.
Das übrigens sagte schon der Neuplatoniker Isaak Lurias im 16. Jahrhundert. In seiner gnostischen Lehre sprach er vom so genannten Tzimzum, einem mystischen Hohlraum der durch die Kontraktion Gottes entstand. Das so erzeugte Licht ist selbst nichts. So sind wir selbst nur Projektionen – das Individuum ist nichts, die Welt ist eben alles. Doch das wäre eine Katastrophe. Es wäre fatalistisch und destruktiv. Ein riesiger Super-Bowl für nichts und wieder nichts. Lautes, homerisches Lachen wäre die einzige vernünftige Reaktion auf so einen Irrsinn.

 

 

 

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