Literaturprojekt
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26. März 2021

Der Mann im roten Rock

Von Julian Barnes

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger

Erschienen 2021 im Verlag Kiepenheuer & Witsch

 

Ein Graf, ein Prinz und ein Bürger reisen gemeinsam nach London um dort zu shoppen. Neben diesem „seltsamen Trio“ begegnen uns auch eine Menge junge Leute, die in auffälliger Bekleidung Kirche oder Jahrmarkt besuchen (so beschreibt Wikipedia den Dandy). Wir erleben in dem neuen Prosawerk von Julian Barnes das 19. Jahrhundert auf seinem personalen Höhepunkt. Von Oskar Wilde bis Beau Brummell. Von Jean Lorrain bis Marcel Proust. Von Huysmans bis Barbey d’Aurevilly. Von Sarah Bernhardt bis zur Comtesse de Noialles. Von Dreyfusianern und Antidreyfusianern ist die Rede, von den Leidenschaften für das Duell bis zum Satanismus. Julian Barnes hat ein eigenwilliges und höchst charmantes Stimmungsbild dieses französischen 19. Jahrhunderts geschaffen in dessen Mittelpunkt drei miteinander befreundete Männer. Ein Buch voller herrlicher, lustvoller Anekdoten, Betrachtungen zur Geschichte und Geschichten zur Betrachtung. Hauptfigur ist der Gynäkologe und Don Juan Samuel Pozzi (1846 – 1918), über den es zur Stunde nur in der englischen Ausgabe von Wikipedia einen Eintrag gibt. Pozzi war ein Bürgertypus der Gründerepoche, bärtig, tatkräftig und erfolgreich. Erfolgreich im Beruf und bei den Frauen. Seinem offenen und immer neugierigen Charakter, fortschrittlich – wie es dieser Zeit entsprach – ist es zu verdanken, dass er mit zahlreichen, auch den eigenwilligsten Menschen verkehrte und befreundet war. Genauer beschreibt Julian Barnes den Grafen Robert de Montesquiou  (mit vollem Namen: Marie Joseph Robert Anatole Comte de Montesquiou-Fezensac) und den Prinzen Edmond de Polignac (mit vollem Namen: Edmond Melchior Jean Marie Prince de Polignac). Der Prinz ist „ein stillgelegter Kerker, der in eine Bibliothek verwandelt wurde“ (Marcel Proust) und bleibt insgesamt die blasseste Erscheinung in Barnes Kabinett. Montesquiou glänzt durch  seine Arroganz mehr als durch Brillanz. Sein Portrait von Giovanni Boldini zeigt einen Mann von etwa vierzig Jahren, der lieber seinen Stock betrachtet und befühlt, als Anteil zu nehmen am Schicksal der Menschen. Wirklich warmherzige Worte fand er wohl nur für seinen Leibarzt. Und Pozzi ist zweifelsfrei die alles tragende Kraft.  Montesquiou ist daher auch mehr eine literarische Figur (Huysmans Gegen den Strich, und Jean Lorrains Monsieur de Phocas). Pozzi, Darwinist und Fürsprecher Dreyfus‘. Pozzi der Frauenheld und Frauenversteher, dessen Ehe dennoch scheitert ebenso die Beziehung zu seiner Tochter Catherine Pozzi. Pozzi ist immer da, ist überall.
Barnes mäandert durch die Zeit. So brauchte ich ein paar Seiten zu verstehen, dass ein Absatz bereits ausreicht, um mich in eine andere Welt zu katapultieren. Die Belle Époque, das Fin de Siècle, die Zeit zwischen dem deutsch-französischen Krieg und dem ersten Weltkrieg erscheint wie eine Verlängerung des Jahrhunderts, das die Historiker gerne als „langes 19. Jahrhundert“ (Eric Hobsbawn) bezeichnen. Es geht von 1789 bis 1914. 125 Jahre in denen Aufklärung, Industrialisierung, Verstädterung und Verbürgerlichung in das 20. Jahrhundert führten, das – wage ich mal zu behaupten – 2020 endete. Barnes erzählt diesen letzten Abschnitt des langen Jahrhunderts nicht wie ein Historiker, sondern wie ein Romancier. Es sind die Typen, die Figuren und ihre Handlungen. Auch daher weiß Barnes um die Fiktionalität des Faktischen und reflektiert immer wieder darüber, dass Geschichte auch nur Geschichten sind. „Die Legende trägt immer den Sieg über die historische Wahrheit davon“ erwähnt Barnes ein Bonmot von Sarah Bernhardt, der nymphomanen Schauspielerin, die am Ende nur noch ein Bein zur Verfügung hat, um den Hamlet zu spielen. Ein Bein, das lange Zeit in der anatomischen Fakultät in Bordeaux lag, neben dem Fötus siamesischer Zwillinge. Doch vermutlich war es gar nicht das Bein von Sarah Bernhardt, hatte es sich doch von einem rechten in ein linkes Bein verwandelt. Auch fehlte dem ausgestellten Exponat ein großer Zeh. Das zeigt eben an, wie leicht Geschichte und Geschichten verschmelzen können. Es ist kein neues Problem, das im Diskurs (Genette) liegt. Geschichte begreift man nicht nur in einer chronologischen Abfolge von Zahlen. Wer die Lebensdaten von Königen aufzählen kann, wer die Daten von Kriegsereignissen aufzählen kann, hat erst mal noch nichts von Geschichte begriffen. Der Diskurs über einen historischen Zeitraum lässt sich in verschiedene semiotische Systeme übersetzen. Das ist kein Sprachproblem, sondern ein Strukturproblem. In einem jüngsten Polizeibericht las ich folgendes Ereignis:
Am Samstag, 20.03.2021, gegen 17:25 Uhr, fuhr eine 80-jährige Münchnerin mit ihrem Ford auf der Ratoldstraße stadtauswärts. An der Kreuzung zur Bernhardstraße wollte sie geradeaus weiterfahren. Zum gleichen Zeitpunkt überquerte dort eine 28-jährige Münchnerin als Fußgängerin den dortigen Fußgängerüberweg. Dieses sehr traurige Ereignis klingt ganz anders, wenn man das semiotische System wechselt:

Es fuhr einst eine alte Frau in ihrem Ford
stadtauswärts aus dem Ort
eine junge ging die Kreuzung hinüber
die alte Frau mit ihrem Ford fuhr einfach drüber
jetzt ist sie tot, die junge Frau unterm Ford

Ähnliches schildert Barnes wiederholt, wenn er den Künstler und sein Portrait in den Blick nimmt. So zitiert er den Maler Basil Hallwand: Jedes Portrait, das mit Gefühl gemalt ist, ist ein Bildnis des Künstlers, nicht des Modells. Die ganze Geschichte ist nur der Anlass für die Geschichte die man darüber erzählt. Zugleich macht sich Barnes über diese Exaltiertheit lustig. Aber Freud wäre nicht so weit gegangen zu sagen, wenn er einen weiblichen Akt mit gespreizten Beinen male, dann ‚offenbare er sich selbst‘. Wenn man sich mit Geschichte beschäftigt und zusätzlich – wie Julian Barnes – über eine reichhaltige Detailkenntnis verfügt, braucht man eine Struktur. Und diese Struktur verändert die Realität. Der Blick in die Vergangenheit ändert die Vergangenheit. Barnes nutzte daher eine rhizomatische Struktur (Deleuze / Guatarri): Zwischen den Dingen bezeichnet keine lokalisierbare Beziehung, die vom einen zum anderen geht und umgekehrt, oder eine Pendelbewegung, eine transversale Bewegung, die in die eine und die andere Richtung geht, ein Strom ohne Anfang oder Ende, der seine beiden Ufer unterspült und in der Mitte immer schneller fließt. (Tausend Plateaus)
Und doch verschafft uns jedes gelungene Kunstwerk eine Illusion von „echter Dauer“; also die Illusion von Ewigkeit. Das ist das Geheimnis künstlerischen Wirkens. Barnes hat mich jedenfalls erneut mitgenommen und dank seines Charmes folgte ich den kenntnisreichen Schichten von Anekdote zu Bonmot, von Histörchen zu Historien, von Klatsch zu tieferen Wahrheiten. Und so habe ich nach der Lektüre dieses Buches selbst ein differenzierteres Bild dieser Epoche bekommen.

 

 

 

24. Februar 21

 

Durcheinandertal

Von Friedrich Dürrenmatt

Erschienen 1989 im Verlag Diogenes

 

Der Gott ohne Bart hatte Humor.  Nun, das kann man wohl von dem Gott mit Bart nicht wirklich behaupten. Friedrich Dürrenmatt war schon zu seinen Lebzeiten ein großer Unzeitgemäßer. Der letzte Expressionist. Seine erzählende Kritik an der Industrialisierung unserer Welt zeigt sich hier als Fremdkörper in einer zurück gebliebenen Dorfkultur. Das Hotel Waldhaus Vulpera in Graubünden mit 270 Betten ist das Vorbild für Dürrenmatts letzten Roman. Nicht ohne Grund nutzte Dürrenmatt diese Bühne. Denn das Hotel gilt als Wahrzeichen der Belle Époque, der dekadenten Fin de Siécle. Und Dürrenmatt kannte es persönlich. Die bürgerliche Elite zeigt sich als durch und durch verdorben, korrumpiert und muss am Ende abgefackelt werden. „Abgebrannt“ ist ein Homonym, mit dem natürlich wunderbare Ironie erzeugt wird für ein Prunk-Hotel mit dem Namen Hotel der Armut.
Die protestantische Moral wird von Dürrenmatt entlarvt, denn Moses Melker ist selbst ein Mörder und zusätzlich ein Dilettant. Der große Alte ist ebenfalls kein Ausbund des Fleißes, sondern nur ein surreal anmutender Strippenzieher. Wirklich professionell sind die Mörder, die im Winter einquartiert wurden. Die Millionäre bleiben weitestgehend ohne Namen. Der große Alte lebt –mit oder ohne Bart – in einer Blase. Das Leben selbst bleibt ein Dschungel. Ob es nun von den Behörden oder vom Syndikat kontrolliert wird.

Die Kritik im literarischen Quartett im Oktober 1989 war vernichtend. Klara Obermüller meinte: „Der Roman heißt nicht nur Durcheinandertal, sondern er ist auch ein heilloses Durcheinander.“ Und Helmut Karasek geht sogar noch weiter indem er Dürrematt zitiert, der einmal sagte, dass ein Roman dann zu Ende sei, wenn die Geschichte seine schlimmst mögliche Wendung genommen habe. Dann sagt Karasek: „Wie kommt es, dass ein Autor von niemandem geschützt wird, bevor er seine schlimmst mögliche Wendung nimmt.“ Dann bringt Karasek sogar noch die neue Ehefrau von Dürrenmatt ins Spiel, Charlotte Kerr, weder verwandt noch verschwägert mit dem berühmten Kritiker. Karasek meinte, dies sei eine Frau nach dem Muster: „Friedrich, aufstehen, dichten!“. Der Roman sei daher durch den äußeren Antrieb neuer Liebe herausgeschüttelt worden.

Das „abscheuliche“ (Ranicki) Buch ist von dem gesamten Quartett nicht verstanden worden. Sie machten sich am Ende kaum noch über das Buch lustig, sondern nur noch über den Autor. Das erwähne ich so ausführlich, weil schlechte Literatursendungen im Fernsehen - die ziemlich niveaufrei über angeblich misslungene Literatur schwätzen - sind selbst das Durcheinandertal dessen Durcheinander sie bemängeln. Der Hund Mani (erinnert auch an Money) heißt wie der berühmte Religionsstifter aus dem persischen Sasanidenreich, an dem die ganze Zwei-Schwerter-Theorie noch eines Luthers klebt. Dass die Jagd auf diesen Hund die Geschichte überhaupt ankurbelt entpuppt sich jedoch als eine falsche Fährte. Am Ende war es der Dobermann des Reichsgrafen, der den Portier Wanzenried in den Hintern biss, um die eigentliche Tat, die Vergewaltigung von Elsi zu vertuschen, bzw. überhaupt die Anwesenheit von Mördern im Kurhaus zu verheimlichen. Alles ist auf den Hund gekommen. Und hier kann man sich mal theosophische Gedanken machen darüber, was die englische Bezeichnung „dog“ umgekehrt gelesen bedeutet. Das tat einst Aleister Crowley, der Meister des Bösen.

Das ganze Dorf lebte ursprünglich von dem Kurhaus als Arbeitsplatz und Kunde der Dorfprodukte. Doch von dem modernen Betrieb hatte das Dorf nichts mehr. Finanzkapitalismus und Globalisierung  lassen auch uns fast nur noch die Wahl, alles niederzubrennen. Der Lebensdschungel wird kaum noch durchschaut. Lediglich der Hund Mani erkennt noch das Böse. Gekauft hat das Kurhaus die Anwaltskanzlei Raphael, Raphael & Raphael im Auftrag für Swiss Society for Morality, die von einem Altbundesrat gegründet wurde (ohne sein Wissen), dies wiederum im Auftrag eines ominösen Großen Alten. Der Sekretär des Großen Alten versucht, all die Briefe an den angeblichen Weltherrscher zu beantworten, ebenso das Zusammentreffen des Großen Alten mit seinem Stellvertreter oder Gegenspieler Jeremiah Belias in der Antarktis. Die beiden drehen dort je an einer Kaffeemaschine und setzen so die Gestirne in Schwung.

Was die Zusammenhänge auch immer bedeuten könnten, auf den Grund gehen will ihnen sowieso niemand. „Ich sage dir, Gemeindepräsident, unser Land ist das undurchsichtigste Land der Erde. Niemand weiß, wem was gehört und wer mit wem spielt und wer die Karten gemischt hat. Wir tun so, als ob wir ein freies Land wären, dabei sind wir nicht einmal sicher, ob wir uns überhaupt noch gehören.“ In einer Rede zur Verleihung des Gottlieb Duttweiler-Preises an Vaclav Havel am 22.11.1990 meinte Dürrenmatt, dass die Schweizer sich nur in einem Gefängnis wirklich frei fühlen. Es gibt mit diesem Gefängnis nur ein Problem, zu beweisen, dass ein Gefangener frei ist. Denn von außen betrachtet ist ein Gefängnis ein Gefängnis und sein Insasse nicht frei. Nur die Gefängniswärter sind frei, sonst wären sie ja selbst Gefangene. Um also zu beweisen, dass der Schweizer in seinem Gefängnis frei ist, führte die Schweiz die allgemeine Wärterpflicht ein. Jeder Schweizer hat damit den dialektischen Vorteil, dass er gleichzeitig, frei, Gefangener und Wärter ist. Das Gefängnis braucht daher keine Mauern, weil seine Gefangenen Wärter sind und sich selbst bewachen. Da aber so ein dialektisches Leben psychologische Schwierigkeiten impliziert, fühlten sich manche Wärter nicht frei. Daher wurden über die Wärter, die sich nicht frei fühlten Akten angelegt. Der Aktenberg wurde unübersichtlich und es kam heraus, dass die Wärter selbst über sich Akten angelegt hätten. Wenn alle verantwortlich sind, ist keiner verantwortlich. Die ganze Rede mündet in der Paradoxie einer irrationalen Rationalität und die Schweiz wurde ein sicherer Hort inmitten der Katastrophe. Eine Illusion. Genau die Illusion baut jeder Täter auf, ebenso Moses Melker. Als er am Ende bemerkt, dass er nur benutzt wurde (was er – wie der Leser – schon viel früher hätte merken müssen), ist es schon zu spät. Am Ende des Buches erfüllt sich, was sein muss. Alles wird abgefackelt. Die Illusion unserer modernen Welt, einfach weiter wachsen zu können, weiter im Luxus leben zu können, weiter all die netten Dinge tun zu können, die nur auf der Illusion ruhen, es ginge so weiter, all das wird zusammenbrechen. Und Dürrenmatt – das haben die Witzfiguren vom literarischen Quartett damals nicht sehen können oder nicht sehen wollen – hat einen visionären Roman dazu geschrieben, kurz vor dem Zusammenbruch des Ostens und dies als Parabel auf die rationale Verrücktheit des Menschen. Schon Sigmund Freud (der alte Freud) war sich sicher, dass der Depressive ein Realist ist. Ein mit mir befreundeter Psychiater meinte dazu: „Ja. Aber das Problem des Depressiven ist, dass er da nicht mehr rauskommt.“ Wenn der eigene Realitätssinn so stark wird, dass man nicht mehr drüber lachen kann, ist man krank. Aber wenn man wieder drüber lachen kann ist man kein Realist mehr.

 

 

19. Januar 2021

 

Die Stille

 

Von Don DeLillo

Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert

Erschienen 2020 im Verlag Kiepenheuer & Witsch

 

Dann starrt er in den schwarzen Bildschirm, endet die schmale Novelle von Don DeLillo. Im Zentrum steht der  56. Super Bowl 2022.  Das Ereignis ist umrahmt von Shows und findet immer am ersten Sonntag im Februar statt, hat also sakralen Charakter.
In seinem berühmtesten Roman „Unterwelt“ stand Baseball im Zentrum des Geschehens. Damals war es The Shot Heard Round the World
im Jahr 1951 der die postmoderne Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der amerikanischen Gesellschaft einläutete. Die New York Giants gewinnen nach einer dramatischen Aufholjagd mit einem gewaltigen Schlag des Batters Bobby Thomson, der den Ball in die Zuschauerränge donnerte, den NL Titel.
In dieser Novelle fällt einfach der Strom aus und beendet die großartige zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts mit zwei Jahrzehnten Verzögerung.  
Der New Yorker (1936 geboren in der Bronx) Don DeLillo wurde von dem Ranicki der USA Harold Bloom neben Pynchon und Roth auf den großen Sockel der epochalen Autoren gestellt. Mit einem „Schuss der um die ganze Welt zu hören war  begann alles und mit einer schwarzen Fläche auf einem Megabildschirm endet alles. Wir starren nur noch auf Bildschirme, sind selbst zu Nummern geworden und kommentieren uns nur noch selbst. Dieses gigantische und überschätzte Selbstgespräch einer nur noch repräsentativen Gesellschaft beendet die große zweite Natur (die Conditio Humana) indem einfach der Stecker gezogen und der Bildschirm schwarz wird. Die ganze Welt hängt an einer Buchse. Be prepared. Sei bereit, sagen die Pfadfinder und daraus wurden die Prepper. Eine soziopathische Szene aus Rechtsextremen die zusammen mit den urban riots vor Kurzem das Kapitol stürmten. Der Gedanke an das Ende der Welt eröffnet ein Grandiositätsangebot für Büffelmützen tragende toxische Männlichkeit. Sie sind bewaffnet, tragen Schutzkleidung und bauen sich Schutzräume, kommunizieren über Funkgeräte, horten Lebensmittel und Medikamente. Be prepared.

Die Realität sieht anders aus. Alles andere als grandios, eher ein wenig lächerlich, aber im Großen und Ganzen traurig. Jim und Tessa überleben mit Glück die Landung des Flugzeugs und Diane und Max sitzen in ihrer Wohnung fest. Martin versucht einen Ausflug. Aber Chaos herrscht auf den Straßen und niemand hat eine vernünftige Erklärung für das, was gerade geschieht. Die Zeiten sind pandämonisch.  
DeLillo nimmt es mit viel Humor. Max imitiert den Fernseher, Martin ist vom Fußball fasziniert. Zusammenbrechende Mannschaften, der Jubel, die Ekstase. Das alles ist grandios und viele Menschen können sich noch für Augenblicke identifizieren mit etwas. Doch dann gleiten sie wieder zurück in ihr Nummerndasein. Das bürgerliche Angebot (teilen und monopolisieren)  geht mit narzisstischen Gewinnen sparsam um. Identität ist ein sakraler Luxus. Ansonsten sind wir Bücher lesende Viecher. Aktuell dürfen wir nicht auf die Weide, weil draußen eine Seuche herrscht. Aber solange der Bildschirm flackert und die bunten Bilder uns umsorgen, müssen wir nicht auf die Weide.

Ansonsten wissen wir nicht viel von den anonymen Mächten.  Oder wie es Martin beschreibt: „Guckt euch den schwarzen Bildschirm an. Was versteckt der vor uns?“ Die anonymen Mächte sind wir selbst und der Bildschirm versteckt gar nichts. Aber natürlich steckt im Abbild auch der Abgott. Nach dem Bilderverbot könnte die Zukunft als Bilderverlust geschehen. Diese zweite Natur als Conditio Humana war schon bei Hegel pure Ironie. Sich im Spiegel selbst zu erkennen verbirgt immer die Gefahr, sich selbst im Spiegel zu verkennen. So haben wir die Welt im medialen Spiegel verloren und verwechseln sie tagtäglich mit der Wirklichkeit. Oder nein, wir verwechseln sie nicht, wir können sie gar nicht mehr unterscheiden. Die Wirklichkeit war für den Menschen schon immer nur ein Spiegel. Als man den Kündenden Seher befragte, ob je dieser Knabe zu hohem Alter gelange, da gab er zur Antwort: „Ja, wenn er sich fremd bleibt.“

„Die Welt ist alles, das Individuum nichts. Verstehen wir das alle?“ So Jung-Martin. Aber Max hörte nicht zu. Er starrte weiter in den toten Fernseher. Was man am Ende gesprochen: zurück ertönt das Gehörte. Diese erblickte Narcissus – er schweifte durch weglose Fluren -. Heiß überfällt sie die Liebe: sie folgt seinen Spuren verstohlen, und je mehr sie ihm folgt, je heißer erglüht sie in Flammen. Doch die beiden kommen nie zusammen. Narzissus verschmäht die Nymphe Echo, diese magert aus Kummer derart ab, dass nur noch ihre Stimme übrig bleibt. So trifft ihn ein Fluch. Doch wie den Durst er zu stillen begehrt, erwächst ihm ein andrer Durst: beim Trinken erblickt er herrliche Schönheit; ergriffen liebt er ein körperlos Schemen: was Wasser ist, hält er für Körper.

Diese Verschiebung unserer Libido macht die Welt zum pornografischen Objekt. Wird uns erst klar, dass das so ist, dann haben wir uns bereits selbst den Stecker gezogen. Das ist die Ironie daran.
Der argentinische Physiker Juan Martin Maldacena (vielleicht ist die Figur Martin eine Anspielung auf ihn) hat die innovativste Entdeckung der jüngeren Physikgeschichte gemacht, die so genannte AdS/CFT-Korrespondenz, einer Dualität von der gekrümmten Raum/Zeit mit der maxwellschen Feldtheorie. Diese Dualität führt in das holografische Prinzip.  Das "holographische Prinzip" besagt, dass man für die Beschreibung unseres Universums möglicherweise eine Dimension weniger braucht, als es den Anschein hat. Was wir dreidimensional erleben, kann man auch als Abbild von zweidimensionalen Vorgängen auf einem riesigen kosmischen Horizont betrachten. So gesehen sind wir selbst Bilder die (wenn sie auf einen Bildschirm starren) Bilder betrachten. Wenn wir richtig Pech haben, ist das gesamte Universum (das bekannte und das unbekannte) insgesamt nur ein Spiegel in einem Spiegel in einem Spiegel.
Das übrigens sagte schon der Neuplatoniker Isaak Lurias im 16. Jahrhundert. In seiner gnostischen Lehre sprach er vom so genannten Tzimzum, einem mystischen Hohlraum der durch die Kontraktion Gottes entstand. Das so erzeugte Licht ist selbst nichts. So sind wir selbst nur Projektionen – das Individuum ist nichts, die Welt ist eben alles. Doch das wäre eine Katastrophe. Es wäre fatalistisch und destruktiv. Ein riesiger Super-Bowl für nichts und wieder nichts. Lautes, homerisches Lachen wäre die einzige vernünftige Reaktion auf so einen Irrsinn.

 

 

 

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