Literaturprojekt
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19. Januar 2021

 

Die Stille

 

Von Don DeLillo

Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert

Erschienen 2020 im Verlag Kiepenheuer & Witsch

 

Dann starrt er in den schwarzen Bildschirm, endet die schmale Novelle von Don DeLillo. Im Zentrum steht der  56. Super Bowl 2022.  Das Ereignis ist umrahmt von Shows und findet immer am ersten Sonntag im Februar statt, hat also sakralen Charakter.
In seinem berühmtesten Roman „Unterwelt“ stand Baseball im Zentrum des Geschehens. Damals war es The Shot Heard Round the World
im Jahr 1951 der die postmoderne Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der amerikanischen Gesellschaft einläutete. Die New York Giants gewinnen nach einer dramatischen Aufholjagd mit einem gewaltigen Schlag des Batters Bobby Thomson, der den Ball in die Zuschauerränge donnerte, den NL Titel.
In dieser Novelle fällt einfach der Strom aus und beendet die großartige zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts mit zwei Jahrzehnten Verzögerung.  
Der New Yorker (1936 geboren in der Bronx) Don DeLillo wurde von dem Ranicki der USA Harold Bloom neben Pynchon und Roth auf den großen Sockel der epochalen Autoren gestellt. Mit einem „Schuss der um die ganze Welt zu hören war  begann alles und mit einer schwarzen Fläche auf einem Megabildschirm endet alles. Wir starren nur noch auf Bildschirme, sind selbst zu Nummern geworden und kommentieren uns nur noch selbst. Dieses gigantische und überschätzte Selbstgespräch einer nur noch repräsentativen Gesellschaft beendet die große zweite Natur (die Conditio Humana) indem einfach der Stecker gezogen und der Bildschirm schwarz wird. Die ganze Welt hängt an einer Buchse. Be prepared. Sei bereit, sagen die Pfadfinder und daraus wurden die Prepper. Eine soziopathische Szene aus Rechtsextremen die zusammen mit den urban riots vor Kurzem das Kapitol stürmten. Der Gedanke an das Ende der Welt eröffnet ein Grandiositätsangebot für Büffelmützen tragende toxische Männlichkeit. Sie sind bewaffnet, tragen Schutzkleidung und bauen sich Schutzräume, kommunizieren über Funkgeräte, horten Lebensmittel und Medikamente. Be prepared.

Die Realität sieht anders aus. Alles andere als grandios, eher ein wenig lächerlich, aber im Großen und Ganzen traurig. Jim und Tessa überleben mit Glück die Landung des Flugzeugs und Diane und Max sitzen in ihrer Wohnung fest. Martin versucht einen Ausflug. Aber Chaos herrscht auf den Straßen und niemand hat eine vernünftige Erklärung für das, was gerade geschieht. Die Zeiten sind pandämonisch.  
DeLillo nimmt es mit viel Humor. Max imitiert den Fernseher, Martin ist vom Fußball fasziniert. Zusammenbrechende Mannschaften, der Jubel, die Ekstase. Das alles ist grandios und viele Menschen können sich noch für Augenblicke identifizieren mit etwas. Doch dann gleiten sie wieder zurück in ihr Nummerndasein. Das bürgerliche Angebot (teilen und monopolisieren)  geht mit narzisstischen Gewinnen sparsam um. Identität ist ein sakraler Luxus. Ansonsten sind wir Bücher lesende Viecher. Aktuell dürfen wir nicht auf die Weide, weil draußen eine Seuche herrscht. Aber solange der Bildschirm flackert und die bunten Bilder uns umsorgen, müssen wir nicht auf die Weide.

Ansonsten wissen wir nicht viel von den anonymen Mächten.  Oder wie es Martin beschreibt: „Guckt euch den schwarzen Bildschirm an. Was versteckt der vor uns?“ Die anonymen Mächte sind wir selbst und der Bildschirm versteckt gar nichts. Aber natürlich steckt im Abbild auch der Abgott. Nach dem Bilderverbot könnte die Zukunft als Bilderverlust geschehen. Diese zweite Natur als Conditio Humana war schon bei Hegel pure Ironie. Sich im Spiegel selbst zu erkennen verbirgt immer die Gefahr, sich selbst im Spiegel zu verkennen. So haben wir die Welt im medialen Spiegel verloren und verwechseln sie tagtäglich mit der Wirklichkeit. Oder nein, wir verwechseln sie nicht, wir können sie gar nicht mehr unterscheiden. Die Wirklichkeit war für den Menschen schon immer nur ein Spiegel. Als man den Kündenden Seher befragte, ob je dieser Knabe zu hohem Alter gelange, da gab er zur Antwort: „Ja, wenn er sich fremd bleibt.“

„Die Welt ist alles, das Individuum nichts. Verstehen wir das alle?“ So Jung-Martin. Aber Max hörte nicht zu. Er starrte weiter in den toten Fernseher. Was man am Ende gesprochen: zurück ertönt das Gehörte. Diese erblickte Narcissus – er schweifte durch weglose Fluren -. Heiß überfällt sie die Liebe: sie folgt seinen Spuren verstohlen, und je mehr sie ihm folgt, je heißer erglüht sie in Flammen. Doch die beiden kommen nie zusammen. Narzissus verschmäht die Nymphe Echo, diese magert aus Kummer derart ab, dass nur noch ihre Stimme übrig bleibt. So trifft ihn ein Fluch. Doch wie den Durst er zu stillen begehrt, erwächst ihm ein andrer Durst: beim Trinken erblickt er herrliche Schönheit; ergriffen liebt er ein körperlos Schemen: was Wasser ist, hält er für Körper.

Diese Verschiebung unserer Libido macht die Welt zum pornografischen Objekt. Wird uns erst klar, dass das so ist, dann haben wir uns bereits selbst den Stecker gezogen. Das ist die Ironie daran.
Der argentinische Physiker Juan Martin Maldacena (vielleicht ist die Figur Martin eine Anspielung auf ihn) hat die innovativste Entdeckung der jüngeren Physikgeschichte gemacht, die so genannte AdS/CFT-Korrespondenz, einer Dualität von der gekrümmten Raum/Zeit mit der maxwellschen Feldtheorie. Diese Dualität führt in das holografische Prinzip.  Das "holographische Prinzip" besagt, dass man für die Beschreibung unseres Universums möglicherweise eine Dimension weniger braucht, als es den Anschein hat. Was wir dreidimensional erleben, kann man auch als Abbild von zweidimensionalen Vorgängen auf einem riesigen kosmischen Horizont betrachten. So gesehen sind wir selbst Bilder die (wenn sie auf einen Bildschirm starren) Bilder betrachten. Wenn wir richtig Pech haben, ist das gesamte Universum (das bekannte und das unbekannte) insgesamt nur ein Spiegel in einem Spiegel in einem Spiegel.
Das übrigens sagte schon der Neuplatoniker Isaak Lurias im 16. Jahrhundert. In seiner gnostischen Lehre sprach er vom so genannten Tzimzum, einem mystischen Hohlraum der durch die Kontraktion Gottes entstand. Das so erzeugte Licht ist selbst nichts. So sind wir selbst nur Projektionen – das Individuum ist nichts, die Welt ist eben alles. Doch das wäre eine Katastrophe. Es wäre fatalistisch und destruktiv. Ein riesiger Super-Bowl für nichts und wieder nichts. Lautes, homerisches Lachen wäre die einzige vernünftige Reaktion auf so einen Irrsinn.

 

 

 

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