Literaturprojekt
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01. Januar 2020

 

Eine Experten-Revue in 89 Nummern

Von Hans Magnus Enzensberger

Erschienen 2019 im Verlag Suhrkamp

 

Ich erinnere mich an den Schreibtisch meines Vaters. Ein wuchtiger Tisch dessen Rückenseite mit einer Vitrine ausgestattet war. Darin standen all die Pilsgläser, die mein Vater auf seinen Handlungsreisen gesammelt hatte. Mein Vater war ein Sammler und Pilsglas-Spezialist. Warum auch immer. Diese für einen Lesekreis denkbar ungeeignete artistische Darbietung mit loser Rahmenhandlung (Wikipediadefinition von Revue) in 89 Nummern, ist eher eine Reise in 89 Tagen durch die Arbeitswelt der lebenden und ausgestorbenen Spezialisten. Man kann es in einer Woche schaffen mit zwölf Nummern am Tag. Doch jede einzelne Nummer regt auch zur Nachrecherche an mit der man dann einen Arbeitstag verbringen könnte. Bei der Nummer XXVIII fand ich zusätzlich heraus, dass Henry Mayhew der Gründer der Satire-Zeitschrift Punch war, gemeinsam mit dem Xylografen Ebeneser Landells. Berühmt ist die Zeitschrift vor allem durch satirische Darstellungen von Thomas Huxley (den Großvater von Aldous Huxley nannte man „Die Bulldogge Darwins“) und Bischof Wilberforce, als diese einen bis heute andauernden Streit zwischen Kreationisten und Evolutionisten losbrachen. Kernstück des Streites war ein Nervenbündel, der Hippocampus des Menschenaffen, der dem des Menschen selbst verblüffend gleicht. Ergänzen könnte man die Nummer auch noch durch das Essay „Abroad in England“ aus dem Jahr 1930. Der Autor war Aldous Huxley. Er reiste durch Nordengland und veröffentlichte in The Pall Mall Gazette einen Artikel über die Armut der dortigen Bergarbeiter. Pall Mall ist eine Straße in London wo vor allem Gentlemen wohnten.
Oder die Revue-Nummer XI über Heinz von Foerster und dessen ethischen Imperativ (Handle stets so, dass deine Wahlmöglichkeiten größer werden). Diese Nummer regte mich dazu an, ein Essay über die Singularität zu schreiben. Ich stellte fest, dass eine nicht-triviale Maschine zwar über eine Art Wahrnehmung, über Sprache und Gedächtnis verfügt. Aber sie kann nicht entscheiden, was sie wahrnimmt und entwickelt auch keine Gedanken und Gefühle zum Wahrgenommenen. Wobei es auch sein kann - nach dem Motto von Cato: Hättest du geschwiegen, würde man dich weiterhin für klug halten -, dass eine Turing-Maschine klüger ist als der Mensch und ihre Gedanken und Gefühle verschweigt. Was dann auch die Willensfrage klärt.
Enzensberger evoziert mehr, als dass er schreibt. Es ist ein Museum, vielleicht sogar im altgriechischen Wortsinn mouseîon, einem Heiligtum der Musen. Es sind Zeugnisse. Vor zwei Jahren gab es eine Ausgabe von Lichtwolf (Philosophie-Magazin für den verarmten Geistesadel), dort ging es um „alte Berufe“. Beutelschneider, Exorzisten, Quacksalber, Seiler, Türmer bis zum Zensor. Auch der Xylograf wird erwähnt, der mit Grab- und Rundstichel, Geißfuß und Hohleisen bis zur Motorsäge Holz verschönert. Und ach, all die neuen Berufe vom Roboterberater bis zum Abfall-Designer, dem Aquaponik-Fischfarmer, einem Feel Good Manager, dem Customer-Experience-Designer. Auch hier wäre eine Revue lohnend.
Die Revue-Nummer XXXII wäre noch um den Kaffeeriecher zu erweitern. Immerhin stellte Friedrich der Große 1781 ganze 400 von ihnen bei sich in Lohn und Brot. Sie sollten vor allem in den Hinterhöfen illegal gerösteten oder geschmuggelten Kaffee erschnüffeln. Immerhin gab es in Preußen 150 Prozent Luxussteuer auf Kaffee. Das waren Einnahmen die man sich erhalten wollte.  Die Nummer XXXVIII berichtet über das arme Leben von Karl Marx. Seine Schrift mit 1023 Fußnoten hatte laut Jubiläums-Ausgabe der Zeitschrift Z., für marxistische Erneuerung eine Erstauflage von 1000 Stück und ein Buch kostete 3 Thaler und 10 Neugroschen. Der Wochenlohn eines normalen Fabrikarbeiters betrug in dieser Zeit 2½ Thaler. Ohne Buchpreisbindung wäre die kommunistische Revolution vielleicht schneller gekommen. Aber im Gegensatz zur abstrakten Internet-Recherche reist Enzensberger auch immer wieder persönlich zu seinen Koryphäen und sammelt seine Spezial-Trophäen mit dem Charme eines Serenus M. Brezengang, einem Pseudonym von H.M. Enzensberger (als Anagramm gebildet). Der Sohn eines Oberpostdirektors, begann seine nun schon jahrzehntelange Karriere als Radio-Essayist gemeinsam mit Alfred Andersch und ist längst ein Kultfaktor. Er hat die Nase am Wind, sagte einst Habermas über ihn. Er gründete „Die Andere Bibliothek“, den Landsberger Poesieautomaten, erhielt bereits mit 33 Jahren den Georg-Büchner-Preis, war Suhrkamp-Lektor, Herausgeber des Kursbuchs, dem wichtigsten Organ der APO. Er schuf einen Baukasten zur Theorie der Medien im Sinne Brechts. Seine Kritik an den Medien (Bewusstseinsindustrie) orientierte sich an T.W. Adornos Kritik an der Kulturindustrie. Enzensberger zufolge machten die Konzerne die Bürger zu vorhersagbaren, fröhlichen Konsummaschinen und auf den Servern der Nachrichtendienste seien die Bürger vollständig kontrollierbare Menschen. Das klingt schon fast nach Huxley und seiner schönen neuen Welt. Dort sagt der Weltcontroller Mustapha Mond:  Als glücklicher, fleißig arbeitender, Güter konsumierender Zeitgenosse wäre man ohne Fehl und Tadel. Siebeneinhalb Stunden milder, minimal belastender Arbeit, dann die Soma-Ration, unbegrenztes Kopulieren und Fühlfilme. Was wollen Sie mehr?
Heute gibt es Netflix, Amazon, Cipramil, Benzodiazepam und soziales Glück durch all die vielen Facebook-Freunde. Es ist insofern ein Lichtblick, dass man über 1000 Arten von Weberknechten und fast 700 Arten von Regenwürmern gezählt hat und dass es Menschen gibt, die das weiter tun. Denn Wissenschaft muss so frei sein, dass sie auch ganz unnütz ist. Keine Seuche ist verheerender, als die Nützlichkeitsseuche. Wozu noch weitere Prim-Zahlen entdecken? Warum nicht? Theorie und Praxis sind – das wusste schon Adorno – in einer negativen Dialektik verschränkt. Es wäre für die Theorie eine Verarmung, würde sie von der Praxis bestimmt und es wäre für die Praxis zerstörerisch würde die Theorie nicht bei Zeiten geändert. So ist der Experte nicht nur experimentierend, sondern vor allem explorativ und exponiert sich exemplarisch extrem. So ist dieses Experten-Museum auch ein Baukasten, ein Setzkasten, auch eine Hammer-Rehwü verbirgt sich darin mit viel Slapstick auf den man sich einen Reim machen kann.
Die Rezensenten waren weitestgehend überfordert mit der Spezialisten-Pinakothek. So fragt sich Lea Schneider von der selbst immer ideenloser werdenden SZ,  ob es die Ideenlosigkeit des Verlags war, oder die Hochachtung vor dem betagten Autor mit Narrenfreiheit, die so ein Buch möglich macht? Soo wunderbar erscheint der Rezensentin nämlich gar nicht, was der Autor hier versammelt, nicht so ausgefallen, dass es nicht auf jedem Wiki Walk zu entdecken wäre. Als hätte Lea Schneider jemals nach der Pomologie gesucht, oder die tausend Käsesorten von sich aus ausfindig gemacht. Es ist nicht nur eine Fleißarbeit. Denn die Kritik am Kapitalismus scheint immer durch. So werden die Parfümnamen instrumentalisiert und die Gerüche industrialisiert. Selbst das, was wir täglich riechen ist nicht mehr natürlich, sondern ein Produkt. Statt über tausend Käsesorten oder tausendfünfhundert Apfelsorten liefert der Discounter eine lächerlich bescheidene Wahl. Tausendfünfhundert Apfelsorten würden uns zwar überfordern. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass der Proktologe, der Pomologe, der Osmologe, der Omnibussologe (mein Kunstwort zur Revue-Nr. XXXVI), dass die Bierdeckelsammlerin Frau Berg und all die schönen und nutzlosen Geister aus der Einbahnstraße der Industrie verschwinden, wie die Pilsglas-Sammlung meines Vaters. Es geht um eine Hommage an die Vielfalt und an die Verschwendung. Es ist ein Stück Barock.

 

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