Literaturprojekt
Literaturprojekt

16. März 2020

 

Die Pest

 

aus gegebenem Anlass

 

Ohne Liebe eine tote Welt

 

"Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten."

 

Besprechung von 2010

 

Inzwischen habe ich die Pest  vier mal gelesen. Das erste mal mit 19 Jahren. Jetzt (jetzt war von zehnJahren), ein viertel Jahrhundert später ist dieser Roman für mich immer noch eine Art Leitbild. Solidarität, Freundschaft und Liebe mögen die Sinnlosigkeit und Absurdität der Welt nicht aufheben, aber die Beachtung dieser Werte schafft eine mögliche Welt. Keine Utopie, kein Weltprojekt das in die Paradoxie der Selbstbezüglichkeit gerät durch die Proklamation von Idealen, die selbst nur Teil der vom Ideal aus gesehen verneinten Wirklichkeit sein können.

Das Wort „revolte“ übersetzt sich bei Albert Camus nicht mit unserem Revolution, Aufstand, sondern mit „zum unabwendbaren ja sagen“. Revolte ist von Solidarität nicht zu trennen, weil man Respekt vor dem Anderen hat, auch vor dem Verurteilten.

Solidarität, Freundschaft und Liebe sind keine abstrakten Ideen. Sie sind Teil einer wirklichen Welt und widersprechen der dialektischen Forderung Hegels nicht: „Was wirklich ist, ist vernünftig und was vernünftig ist, ist wirklich“.

Dieses „Ja“, diese grundlegende Affirmation zerstört die Wirklichkeit nicht, sie erhebt sie. Und sie ist eben kein bloßer Opportunismus: Schon von der Müdigkeit geplagt sagt Rieux, der Arzt der die Pest bekämpft in Camus’ Roman: „...bei allem handelt es sich nicht um Heldenmut. Es handelt sich um Anstand. Das ist eine Idee, über die man lachen kann, aber die einzige Art, gegen die Pest anzukämpfen, ist der Anstand.“

Was Rieux über die Pest sagt, das lässt sich auch über das Dasein sagen. Die Pest ist so absurd wie das Dasein. Man ist verurteilt. Die Pest schafft in Camus’ Roman nur eine Offenbarung. Allen Handelnden wird die Absurdität bewusst und sie ringen sich zu einem Anstand durch. Rambert flüchtet nicht, weil er sich seiner Geliebten gegenüber schämen würde und er es nicht zustande bringt, „allein glücklich zu sein“.

In der Szene, als Rieux das neue Serum an Othons Kind ausprobiert, und alle dem langsamen Sterben des Kindes zuschauen, dem vernichtenden Todesschrei des Kindes lauschen, und der anschließenden Auseinandersetzung zwischen Paneloux und Rieux, zeigt sich, dass die Pest sogar die Grenzen zwischen Glaube und Unglaube verwischt. Es spielt keine Rolle mehr, ob man an Gott glaubt oder nicht. Der Schmerz und der gemeinsame Kampf gegen diesen Schmerz wird zur großen Ökumene.

„Sehen Sie“, sagte er und vermied es, ihn anzusehen, „jetzt kann Gott selbst uns nicht trennen.“ (Seite 149 oben)

 

Gott selbst kann sie nicht trennen, weil das „Mitgefühl“ Teil der Wirklichkeit ist, weil die Solidarität mit dem Opfer eine logische Folge des Willens ist, die Welt wie sie ist zu sehen, und aus dieser wirklichen Welt heraus zu handeln.

Damit ist Camus weniger ein Existenzialist, als vielmehr ein Marxist. Der Arzt Rieux interpretiert die Welt nicht, er verändert sie. Denn seinem Beispiel folgen die anderen nach und nach. Vielleicht ist Albert Camus ein Marxist, der Nietzsche impliziert. Nicht die Herrschaft der Vernunft, sondern die Herrschaft des Willens dokumentiert das Handeln der Figuren in dem Roman. Was wirklich ist will ich, und was ich will ist wirklich. Etwas zu wollen, ist immer positiv und eine Freiheit zu etwas. Daher ist die Philosophie des Absurden keine passive Leidensphilosophie. Camus fordert einen hohen ethischen Massstab.

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Nach dem Schweigen richtete sich der Arzt etwas auf und fragte, ob Tarrou eine Vorstellung von dem Weg habe, den man einschlagen müsse, um zum Frieden zu kommen.

„Ja, Mitgefühl.“

 

Obwohl das Schicksal über die ganze Stadt hereinbricht, sind die Figuren in dem Roman freier als man glaubt. Angenommen, alle Menschen in der Stadt wüssten, die Pest ist von Gott geschickt, und es wäre so, wie Paneloux es sagt, dass es sich um eine Bestrafung für ihre Sünden handelt. Welchen Sinn würde es nun machen, als Arzt die Kranken und Elenden zu behandeln? Welchen Sinn würde es machen, die Versorgung der Stadt zu planen, die Toten zu beerdigen? Selbst das Verschließen der Stadtmauern hätte keinen Sinn mehr. Der Strafe Gottes entgeht man nicht. Es bliebe noch die Selbstgeißelung, um Gottes Willen auszudrücken und in der Selbstbestrafung Gott zu besänftigen. Dieses Theodizee Problem ist das Kernproblem der Philosophie von Albert Camus. Nur der Atheismus ermöglicht dem Menschen damit ein Stück Freiheit. Freiheit ist hier also kein Luxusbegriff mehr, sondern ein Akt des Willens. Man müsste „Also sprach Zarathustra“ und „der Mythos von Sisyphos“ möglicherweise nebeneinander lesen.

„Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-Sagen. Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.“

Die Verwandlung vom Kamel zum Löwen und letztendlich zum Kind, dieser Dreischritt Nietzsches bedeuten am Ende: Liebe zum Leben und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Camus fügt dem das „Mitgefühl“ hinzu.

 

„Unter den schwierigen Bedingungen, die die Stadt mitmachte, hatte sogar das Wort ‚Neuheit’ seinen Sinn verloren.

Unschuld ist das Kind und ein Neubeginnen“ (aus Also sprach Zarathustra), heißt es noch bei Nietzsche. Nietzsche spricht noch vom „heiligen Ja-Sagen“, Camus aber: „...und er dachte wie er, dass diese Welt ohne Liebe eine tote Welt war und dass immer eine Stunde kommt, in der man die Gefängnisse, die Arbeit und den Mut leid ist und nach dem Gesichte eines Menschen und dem von Zärtlichkeit verzauberten Herzen verlangt.“ (Seite 297)

 

 

19. Februar 2020

 

Imperium

von Christian Kracht

erschienen 2012 im Verlag Kiepenheuer & Witsch

 

In dem schillernden Roman aus der deutschen Kolonial-Zeit der ersten Jahre des 20. Jahrhunderts collagierte Christian Kracht in Pynchon-Manier zahlreiche Zeitgenossen hinein. So begegnet uns ein Simplicissimus-Redakteur der den Hauptprotagonisten August Engelhardt anzeigt und dahinter verbirgt sich kein geringerer als Ludwig Thoma und dessen von ihm gelangweilter Frau Marion (Tänzerin). Der jüdische Junge den Aueken auf Helgoland unsittlich berührt ist kein geringerer als Franz Kafka, der 1901 mit seinem Onkel Löwy im zarten Alter von 18 Jahren die Nordeney und Helgoland besuchte. Der Kapitän Slütter und seine geheimnisvolle Pandora sind einem Comic von dem Italiener Hugo Pratt (Südseeballade/ Corto Maltese) entliehen, das Lied von den fünf jungen Mädchen kolportiert ein Lied von fünf Schwänen von dem pommerschen Pädagogen Karl Plenzat, der sich später den Nazis anschloss. Die deutschen Pflanzer erinnern an Bilder von Otto Dix. Es ist ein literarischer Spaß in dem zahlreiche durchaus liebevolle Spinner auftauchen, wie zum Beispiel der sächsische Schreibreformer Gustav Nagel, der einen Teil seines Lebens in einer Erdhöhle lebte und am Ende in einem Irrenhaus starb. Zwischendrin hatte Nagel noch eine Partei gegründet (deutsch-kristliche-folkspartei) die 1928 auf 0.00 % Stimmen kam.
Der Spiegel-Journalist Georg Diez warf dem Autor nach Erscheinen des Buches eine faschistische Gesinnung vor. Diez hatte sich in seinem Artikel gar nicht zu dem Corpus Delicti, dem Roman Imperium, geäußert, vielmehr mokierte er sich über einen zweifelhaften Briefwechsel zwischen Christian Kracht und dem Komponisten David Woodard. Die Beschäftigung mit Nueva Germanica (einem Dorf in Paraguay, u.a. von Nietzsches Schwester mitbegründet) und der im Dschungel gescheiterten Eugenik, über totale Kunst waren Inhalte des Briefwechsels. Halbfertige Ideen, fiktives, Spinnereien tauschten die beiden in dem Briefwechsel aus. Doch der Roman von Christian Kracht ist alles andere als faschistisch. Diez war offensichtlich unfähig die feine Ironie des Mann’schen Erzählstils von Kracht zu lesen. Vielmehr war es so, dass Georg Diez mit Christian Kracht einmal in der gleichen Clique abgehangen hatte und noch eine offene Rechnung existierte. Doch als ob solche Vorwürfe nicht schon reichten, meldete sich der Schriftsteller Marc Buhl, der ein Jahr zuvor ebenfalls einen Roman über August Engelhardt geschrieben hatte (Das Paradies des August Engelhardt, Eichborn-Verlag) mit Plagiatsvorwürfen zu Wort. Der Literaturklub Sindelfingen widerlegte diese Vorwürfe eindrucksvoll.
In den 1980ern entdeckte der Briefmarkensammler Dieter Klein die schon ganz vergessene Figur des August Engelhardt und schrieb einen Beitrag für ein historisches Sammelwerk zur deutschen Kolonialgeschichte. 2009 erschien eine Handbiografie zu Deutsch-Neuguinea in der Engelhardt ausführlich erwähnt wurde, 2010 erschien in der Zeitschrift Mare ein ausführlicher Artikel über die Fruchtesser. Und auf Papua-Neuguinea starb zuletzt ein Deutscher 2012 an Unterernährung, weil er sich (Anorexia mirabilis) versuchte ausschließlich von Licht zu ernähren. Das Thema lag in der Luft.
August Engelhardt kam 1875 in Nürnberg zur Welt und starb 1919 auf Kabakon im heutigen Papua Neuguinea. Engelhardt gründete dort den Sonnenorden. Man solle die Erlösung und die Unsterblichkeit erreichen, wenn man sich ausschließlich von Kokosnüssen ernährt. Es gab dort zur deutschen Kolonialzeit Kokosplantagen. „Die Pflanzer … sahen ein zitterndes, kaum fünfundzwanzig Jahre altes Nervenbündel mit den melancholischen Augen eines Salamanders…“
Dünn, schmächtig, langhaarig  („mit langem Bart, dessen Ende unruhig über den kragenlosen Kittel strich“) ist dieser Engelhard, und der Erzähler fragt sich stellvertretend für die Pflanzer, was es wohl mit diesem Manne auf sich hat. Dieser August Engelhardt, zart und wohl eher lebensuntauglich (was immer das bedeutet) flieht die moderne Welt.
Spätestens seit der schlimmen Katastrophe in Fukushima, ist die allgemeine Vorstellung, der Mensch zerstöre die Umwelt durch sein Handeln zum Allgemeingut geworden. Und es macht daher Sinn, einen Roman zu schreiben, ein Portrait über einen frühen Anhänger der Lebensreformbewegungen (wir haben immer noch Reformhäuser), einen Roman zu schreiben über einen Antimodernen und dabei aufzuzeigen, wie diese Technikfeindlichkeit und Modernitätsfeindlichkeit am Ende auch lebensfeindliche Motive transportiert. Kracht hat sich gut in den historischen Stoff eingearbeitet und wenn er von Albert Hahl erzählt, dem Gouverneur von Deutsch-Neuguinea, dann erzählt er auch von dem Mitglied des so genannten Solf-Kreises, einer konservativen Elite die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt war und dem Albert Hahl angehörte. Und die großen Deutschen kommen so oder so nicht gut weg. Sie werden als „bläßliche, borstige, vulgäre, ihrer Erscheinung nach an Erdferkel erinnernde Deutsche“ beschrieben. Oder kommt in der Schilderung von Richard Ungewitter, dem Begründer der deutschen FKK Bewegung,  wirklich Bewunderung für den Mann auf, der die „Loge des aufsteigenden Lebens“ gründete und im Jahr 1923 eine Satzungsänderung für das Bekenntnis zur „Rassenhygiene einführte?
Nein. Die Beschäftigung mit dem Thema macht den Autor nicht automatisch zum Sympathisanten des Themas selbst. Dass Kracht seinen Protagonisten irgendwie mag, verhindert nicht, dass dieser durch die Hölle marschieren muss. Zum Ende läuft alles aus dem Ruder und der Kokovore, Kokosnuss-Esser Engelhardt wird nicht nur zum Mörder, sondern sogar zum Autophagen, zum Selbstesser. Hier könnte man vielleicht mit Roman Bücheli (NZZ) nach dem „ästhetischen und intellektuellen Mehrwert“ dieser „Spielerei“ fragen. Kracht erzählt „die deutsche Geschichte hinter den Aussteigern, die sie gemacht haben, indem sie ihr entkommen sind, als der böse Schicksalszug einen Augenblick angehalten hat", beantwortet Elfriede Jelinek diese Frage.

Aber in der 2013 aufgeregt geführten Debatte über diesen Roman steckt immer noch diese German Angst. Verkrampft und hysterisch begegnen wir der eigenen Geschichte. Dafür haben wir Gründe. Aber Kracht ist Schweizer und Sohn eines Springer-Imperators. Ein Millionärs-Kind will vor allem seinen Spaß. Und ein Roman muss nicht immer einen Mehrwert haben (für den Verleger natürlich schon). Christian Kracht, Schweizer Schriftsteller, der einmal sagte Nick Hornby sehe aus wie ein Penis. Christian Kracht, der einmal von dem BZ-Redakteur Franz Wagner gewürgt wurde, weil Wagner wollte, dass Christian Kracht für die BZ schreiben sollte, und Kracht meinte, er könne nicht auf Klopapier schreiben. Er wurde vor allem durch Faserland bekannt, eine Art Roman, die durch Drogen- und Sexpartys führt und die Kracht den Ruf des Popliteraten einbrachte. Dann kam 1979 eine Art Reisebericht, der den Protagonisten in ein vietnamesisches Gefangenenlager führt, wo er auch nicht mehr rauskommt. Schon war man mit dem Popliteraten wieder durch. Und die Presse rief: Ende der Popliteratur. Der Roman Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten offenbart dann eine Dystopie in der Schweiz und Russland vereinigt sind, und ein afrikanischer Ich-Erzähler führt die Menschen - als eine Art Messias - aus den Städten zurück in die Basthütten.
„Die Ästhetik der Moderne ist ein Irrtum“ hat Christian Kracht einmal in einem Interview mit Denis Scheck gesagt. In dem Interview erzählt er auch, dass er nach Argentinien gezogen sei und dort Politiker werden wolle, um die Falklandinseln zurückzuerobern für die Argentinier.

Wie schon eingangs erwähnt: Ein literarischer Spaß auf hohem Niveau, mit einer heute altertümlich wirkenden Sprache, die dennoch passt, denn das war eben die Zeit der kolonialen Erzähler wie Thomas Mann, Gerhard Hauptmann, Ludwig Feuchtwanger. Sie haben alle so geschrieben.

 

14. Februar 2020

 

Fabian
Die Geschichte eines Moralisten

Von Erich Kästner

Erstmals erschienen 1931
in der Deutschen Verlagsanstalt, Berlin

 

Der 32jährige Doktor der Literaturwissenschaften Jakob Fabian schlägt sich als Werbefachmann (Propaganda) durchs Leben. Er ist alleinstehend und wohnt zur Untermiete in Berlin. Er geht oft in Tanzbars aus, kommt zu spät zur Arbeit und weiß im Grunde nicht wirklich, was er mit sich anfangen will. Erst als er Cornelia kennenlernt, scheint sein Leben einen Sinn zu bekommen. Doch dann verliert er seine Arbeit, seine Freundin Cornelia und seinen besten Freund Stephan Labude. Angewidert vom moralischen Verfall der Stadt, kehrt er in seine Heimatstadt zu seinen Eltern zurück. Doch auch hier findet er keinen Rückhalt und keine Ruhe. Er beobachtet ein Kind, das in einen Fluss fällt, springt dem Kind hinterher um es zu retten. Das Kind schafft es ans Ufer, aber Fabian ertrinkt. Er konnte nicht schwimmen.

Als der Roman erschien, war Erich Kästner (1899-1974) bereits ein berühmter Autor. Gerade mal 30 Jahre alt, war eines seiner bis heute berühmten Kinderromane (Emil und die Detektive) erschienen und zwei Jahre nach Fabian erschien sein wohl berühmtestes Werk: Das fliegende Klassenzimmer. Die – im Roman Fabian geschilderte - von künstlichem Nachtlicht durchtränkte, schillernde Epoche der Weimarer Demokratie hatte ihre Schattenseiten. Millionen Arbeitslose kämpften um ihre Existenz. Auch Kästner stammte aus einfachen Verhältnissen. Der gelernte Volkschullehrer schlug sich in den 1920ern mit Gelegenheitsarbeiten durchs Leben und viele dieser Erfahrungen spiegeln sich in dem Roman. Die Sprache zählt man allgemein zur Neuen Sachlichkeit. Doch der Witz und die Pointen der vielen Geschichten dieses Romans haben bis heute ihre Schlagkraft nicht verloren. Wenn der Journalist Münzer einfach einen Aufstand in Kalkutta erfindet um die Zeitung zu füllen (1928 erschienen 3356 verschiedene Tageszeitungen - davon 147 allein in Berlin), dann fühlt man sich an die Fake News des 21. Jahrhunderts erinnert. Was wir hinzudichten, ist nicht so schlimm wie das, was wir weglassen, kommentiert Münzer seine Lügen. Und auch sein Satz: Die bequemste öffentliche Meinung ist noch immer die öffentliche Meinungslosigkeit, lasst uns noch 90 Jahre nach Erscheinen des Romans aufhorchen. Denn die Mainstream-Presse fürchtet sich am meisten vor den Auswüchsen des Influencer-Journalismus der digitalen sozialen Netzwerke. Wir wollen, dass es sich ändert, aber wir wollen uns nicht ändern. Sollen mal die anderen machen. Auch diese Haltung kennen wir Heutigen gut.

Natürlich ist vieles in dem Roman nicht in die heutige Zeit übertragbar. Leider blüht in Deutschland wieder der Faschismus und dass gerade in Thüringen die neorechte Partei der AFD einen Landesherrn krönt, erzeugt höchst ungute Parallelen. Fabian ist – wie der Untertitel klarmacht – ein Moralist und er beobachtet den moralischen Verfall. Die sexuellen Entgleisungen einer Irene Moll spiegeln dies so wie die zunehmende Verrohung in den politischen Auseinandersetzungen. Folgt man der Mainstream-Presse des 21. Jahrhunderts, dann haben wir auch dazu Parallelen. Der Blick auf die Realität geschieht dabei immer durch die eigene Brille. Daher könnte man es auch ganz anders sehen. Denn immerhin war die Weimarer Republik in vielen Bereichen freier und freizügiger als die Berliner Republik und erst recht als die Bonner Republik. Wenn Fabian über seine sexuell ausgehungerte Vermietern sagt: Früher war diese Sorte Damen fromm geworden, dann eskamotiert Kästner die Unterdrückung der Frau. Die vielen Schilderungen leichtfertiger Frauen sind der Zeit Kästners geschuldet. Durch den ersten Weltkrieg waren die 1920er Jahre durch einen Überschuss an Frauen gekennzeichnet. Als Irene Moll verzweifelt ausruft, dass man Männerbordelle bräuchte, war ich eindeutig auf ihrer Seite. Kästner beschreibt diese Szene jedoch als moralische Kritik an Irene Moll. Ein Männerbordell verursacht bei Fabian Brechreiz (S.141). Ein Frauenbordell scheinbar nicht. Mit seinem alten Schulkameraden Wenzkat besucht er ein Bordell und die Prostituierte verliebt sich sogar in Fabian.
Als seine Freundin Cornelia ihren Körper einem Filmproduzenten anbietet, kommt die ganze Doppelmoral von Jakob Fabian zum Vorschein, zumal er die Nacht zuvor bei einer anderen –noch dazu einer verheirateten Frau – verbrachte. Während sich alles um das liebe Geld dreht, verfällt die Moral der Menschen, sie werden (wie in dem Traum aus dem 14. Kapitel) selbst zur Ware und verheizt bis der große Krieg ihnen den Rest gibt.  

In schneller Folge verliert Fabian zunächst seine Arbeit und danach seine Freundin. Cornelia hätte seinem Leben einen Sinn gegeben. Er war gerade bereit dazu, endlich Verantwortung zu übernehmen.  Da er aber kein Geld mehr hat, muss Cornelia die Chance am Schopf packen und heuert beim Film an. Die Karriere beim Film zwingt sie in die Prostitution. Fabian wendet sich von ihr ab. Als er auch noch seinen treuen Freund Labude verliert, der sich umbringt, bricht Fabian alle Seile ab. Der Tod von Labude ist völlig sinnlos, denn ihm wurde fälschlicherweise vorgemacht, seine Doktorarbeit wäre abgelehnt worden. Labude hatte fünf Jahre an ihr gesessen. In Wirklichkeit war seine Arbeit ein Meisterwerk. Metaphorisch bringt dies die Lebenssituation der damaligen Weimarer Epoche auf den Punkt. Es ist ein grandioser Witz der tödlich endet. Kästner konnte das noch nicht wissen. Aber er ahnte es und darauf zielt der Roman letztlich ab. Dass Fabian beim Versuch ein Kind vor dem Ertrinken zu retten, selbst ertrinkt ist ebenso ein grandioser Witz, da Fabian ins Wasser springt obwohl er gar nicht schwimmen kann. Die Vergeblichkeit aller Bemühungen, wenn zu leben bedeutet, dass man nur etwas weniger tot ist. Fabian wollte dieser Gesellschaft, dieser GmbH nicht beitreten. Er wollte wirklich leben. Er wollte nicht zur Ware werden und nicht auf seine Individualität verzichten. Die Zeit in der Kästner den Roman ersann war auch die Zeit von Alfred Adlers Individualpsychologie. Phasenweise wirkt der Roman von Kästner wie die erzählerische Ausarbeitung der Theorien Adlers. Adler ging von einer körperlichen und psychischen Kompensation und Überkompensation aus, wenn die eigentlichen Bedürfnisse nicht befriedigt werden können. Adlers Werk schuf die Grundlage für die Ideen der humanistischen Psychologie (Maslow, Frankl). In den 1920er Jahren waren Adlers Bücher die am meisten gelesenen psychologischen Texte. Vor allem sein Buch „Vom Sinn des Lebens“ war ein Bestseller und traf die damalige Lebenssituation der Menschen. Parallelen zur heutigen Sinnsuche sind natürlich da. Dass wir vor lauter Geld verdienen müssen nicht mehr leben, dass wir uns nach mehr Tiefe sehnen und spüren, dass es so nicht weitergehen kann, all dies sind Parallelen zum Lebensgefühl Jakob Fabians. Insofern ist es kein Wunder, dass der Rechtsruck (der ja auch in Kästners Roman eine Rolle spielt) auch bei uns und in ganz Europa sich wieder verbreitet. Sich einer Autorität zu unterwerfen jedoch, war Fabians Sache nicht. Doch es brachte ihm am Ende den Tod als Witz.

 

 

 

04. Februar 2020

 

Canto

Von Paul Nizon

Erstmals erschienen 1963 im Verlag Suhrkamp

 

Da schreibt sich einer tief hinein in die eingedickte Wortsuppe, schlägt mit dem Löffel Silberglocken aus dem Porzellan seiner Gedanken, ein eingemauerter und lichtverschluckter Romhocker, mauert sich aus zum Romgeher, gegen Rom Angeher. Der Schweizer Schriftsteller, der seit 1977 in Paris lebt sagt über sein Schreiben selbst: Schreiben ist Leben. Sein Thema ist immer nur Paul Nizon. Aufgrund seines 90. Geburtstages im letzten Jahr legte der Suhrkampverlag in unverändertem Druckbild sein Erstlingswerk „Canto“ von 1963 wieder auf. Es ist ein literarischer Gesang (Canto) eines Romstipendiaten, rondellhaft kreisend zwischen Grottaferra und Rom. Schon der Anfang des Textes legt fest, worum es geht: „Vater, nichts nennenswertes“.

Paul Nizon gibt freimütig zu, dass er „nichts zu sagen“ hat. „Schreiben, Worte formen, reihen, zeilen, diese Art von Schreibfanatismus“ bezeichnet er als seinen „Krückstock“. Was er nicht wiederholen will – wie unzählige Autoren vor und nach ihm – ist das Erzählen. „Ohne Geschichtenstil. Ohne Personenerfund. Ohne Hans. Trat auf die Straße. Zwölf Uhr und ein Lüftchen geht.“ Nizon ist nicht Hans. Was dann folgt ist ein spracherotisches, nein, ein sprachpornografisches Sprachmalen, das Matthias Kußmann vom Deutschlandfunk an das Action Painting von Pollock erinnert. Der Egomane Paul Nizon kam 1929 in Bern auf die Welt und nach eigener Aussage kam er literarisch 1963 in Rom auf die Welt. Der gelernte Kunsthistoriker verweigert sich einer Karriere in den Museen und wird zum aufopfernd hungernden Literaten. Sein – inzwischen Kultbuch gewordener – Erstling wurde aber von den Rezensenten damals abgelehnt. Die Kritiker lobten den Umschlag von Fleckhaus und die Qualität des Papiers, erkannten eine „gewisse Sprachgewalt“ - aber anfangen konnte kaum einer etwas mit "Canto". Die Franzosen lieben ihn. Es gibt eine große Ansammlung Sekundärliteratur zu Nizon. Das Selbstbewusstsein dieses Geschichtenverweigerers ist das Geheimnis einer Literaturmaschine, die solch ein Bewusstsein immer wieder nötig hat. Der Leser von solchen inkohärenten Texten muss sich einfach fallen lassen und ganz auf Sprache aufschlagen. Es ist eine Art Poesie-Positivismus. Die Welt ist ein Haus aus Sprache, sagte einst Heidegger. Und Nizon ist ein Bildhauer dieser Sprachwelt, zertrümmert den Sprachstein und gestaltet diesen neu in seinem Sinn. Dabei kommen natürlich großartig zu lesenden Sprachbilder hervor. „Sind die Dinge den Worten entschlüpft, führen ein Stilleben außerhalb, leben für sich und für sich die abgestanden Worte fort“, heißt es auf Seite 49. Eine „Lampenlichtfalle“ entsteht, eine „sündenentzündende Tankstelle“ wird gebaut. Und Gabriella „verbringt Zeit, die dann immerunbenutzt aus der Stimme klagt.“ Man kann das gut lesen, wenn Maria (wohl ein Jugendliebe) mit „damenhafter Tagfeindlichkeit“ auftritt.
Nizon flaniert sprachmeißelnd durch seine Sprachwelt. Der Filter seiner Wahrnehmung ist nur Sprache. Zwischenzeitlich bilden sich dennoch unvermeidbare Ansätze zu einer schwach kohärenten Geschichte. Der Stipendiat fühlt sich nicht wohl unter den anderen Stipendiaten, die sogar in seiner Gegenwart über ihn hinweg reden (S. 186). Von diesen Stipendiaten erzählt er ein wenig, ein wenig über seinen Vater, der als junger Russe in die Schweiz kam und dort als Chemiker arbeitete. Man erfährt etwas von seiner Jugendliebe Maria, einem missglückten Kinobesuch. Sprachrealitäten mischen sich mit Sprachträumen nahezu ununterscheidbar, da ja alles nur Sprache ist. Und das ist alles nur Nizonsprache, ein Sprachnizon. Der tritt auf, typisch mit Seidenschal locker gebunden und Jackett, alles künstlerisch, graues und längeres Haar, künstlerisch. Ein Klischee. Das ist ein Spiegel in dem sich die sattaufgehobene Kulturelite blinkend betrachtet. Das war in den 1960ern, als noch geeifert wurde und alle nach Geschichten gierten zu avantgardistisch. Daher wurden nicht mal 1000 Bücher verkauft, auch wenn Herr Unseld ihm schon Weltruhm prophezeite. Inzwischen hat Nizon diesen Weltruhm. Denn inzwischen ist es keine Avantgarde mehr. Es gab in den 1950ern die Nouveau Roman, der in Frankreich besser Fuß fassen konnte, als in Deutschland. Eine Sprachkamera aufstellen und die Bilder einfach durchreichen als eine Art Endlosschleife. So ist Nizon eine Art poetistische Fußnote des Nouveau Roman. Entscheidend an einem Roman ist nicht, was er darstellt, sondern wie er es darstellt, lautete das Programm des Nouveau Roman (Nathalie Sarraute).  Doch wenn man das Wie vom Was trennt, wird beides beliebig. Man kann über Rom und einen Romaufenthalt so schreiben. Man kann es aber auch wie Goethe machen. Rom war gerade für die deutschsprachige Autorengemeinschaft stilprägend. Da ja alle Wege dorthin führen, führen auch alle Wege wieder hinaus. Rom hält nicht. Und es hält nicht das Versprechen der Idee von Rom. Mein Vergnügen an dieser von Nizon erbauten Romsprachwelt hatte etwas von einem One-Night-Stand.
Manches verschlingt man ohne darüber nachzudenken, ob es einen Sinn ergibt. Es ist eine Art Sprachrausch, manisch und ideenflüchtig. Nizon hält nichts wirklich fest. Es erinnert an das automatische Schreiben in dem das Sprachzentrum zensurenfrei explodiert. Was macht man eigentlich als Lektor damit? Ist Nizons Prosa überhaupt lektoral? Insofern erinnert die Sprache nicht nur an Pollock, sondern auch an Art brut. Für einen Poetry Slam geeignet. Nah an der Lyrik und die Pinien sind „Schirme die im Sonnenfeuer stehen“. Die Kinder kommen in den Garten hinein, „alles hamstert noch Tag“. Es sind schon treffende Bilder. Natürlich ist das Erzählen einer Geschichte ein alter Hut, ein klassischer Bogart aus schwarzer Wolle. Doch wenn wir am Ende des Buches anlangen, haben wir ein Fazit. Nizon hat kein Fazit. Es folgt kein Schluss. Ein Gesang zeichnet sich durch seine Wiederholbarkeit aus. Immer wieder hörbar, variierbar. Rom ist daher auch keine Zeit, kein Land, kein Ding. „Alles Einbildung. Alles Gekritzel und Kitzel an den äußersten Lenden des grauen sich wälzenden Laufs, aus dem wir Miniaturübersichten herausblenden und Katastrophenhelligkeiten; winzige Räume.“ (Seite 217). Wenn wir also eine Geschichte erzählen, kohärent, in sich geschlossen mit Anfang, Mitte und Ende, dann liefern wir auch nur eine Miniatur, hauen ein Stück Mauer aus der Romstadt heraus und tun so, als sei das die ganze Welt. Die einzige ganze Welt die Nizon daher hinnimmt, ist Paul Nizon. Das mag man egoman nennen. Man kann es aber auch konsequent nennen. Denn alle Versuche nicht man selbst zu sein (indem man eine Geschichte von Hans erzählt) scheitern entweder daran, dass man doch selbst Hans ist, oder einen austauschbaren Klischee-Hans erschafft. Die Literaturindustrie hat einen Klischee-Nizon erschaffen und Nizon nur sich selbst umrundet. Ein größeres Missverständnis als dieses kann ich mir gar nicht mehr vorstellen.

 

01. Januar 2020

 

Eine Experten-Revue in 89 Nummern

Von Hans Magnus Enzensberger

Erschienen 2019 im Verlag Suhrkamp

 

Ich erinnere mich an den Schreibtisch meines Vaters. Ein wuchtiger Tisch dessen Rückenseite mit einer Vitrine ausgestattet war. Darin standen all die Pilsgläser, die mein Vater auf seinen Handlungsreisen gesammelt hatte. Mein Vater war ein Sammler und Pilsglas-Spezialist. Warum auch immer. Diese für einen Lesekreis denkbar ungeeignete artistische Darbietung mit loser Rahmenhandlung (Wikipediadefinition von Revue) in 89 Nummern, ist eher eine Reise in 89 Tagen durch die Arbeitswelt der lebenden und ausgestorbenen Spezialisten. Man kann es in einer Woche schaffen mit zwölf Nummern am Tag. Doch jede einzelne Nummer regt auch zur Nachrecherche an mit der man dann einen Arbeitstag verbringen könnte. Bei der Nummer XXVIII fand ich zusätzlich heraus, dass Henry Mayhew der Gründer der Satire-Zeitschrift Punch war, gemeinsam mit dem Xylografen Ebeneser Landells. Berühmt ist die Zeitschrift vor allem durch satirische Darstellungen von Thomas Huxley (den Großvater von Aldous Huxley nannte man „Die Bulldogge Darwins“) und Bischof Wilberforce, als diese einen bis heute andauernden Streit zwischen Kreationisten und Evolutionisten losbrachen. Kernstück des Streites war ein Nervenbündel, der Hippocampus des Menschenaffen, der dem des Menschen selbst verblüffend gleicht. Ergänzen könnte man die Nummer auch noch durch das Essay „Abroad in England“ aus dem Jahr 1930. Der Autor war Aldous Huxley. Er reiste durch Nordengland und veröffentlichte in The Pall Mall Gazette einen Artikel über die Armut der dortigen Bergarbeiter. Pall Mall ist eine Straße in London wo vor allem Gentlemen wohnten.
Oder die Revue-Nummer XI über Heinz von Foerster und dessen ethischen Imperativ (Handle stets so, dass deine Wahlmöglichkeiten größer werden). Diese Nummer regte mich dazu an, ein Essay über die Singularität zu schreiben. Ich stellte fest, dass eine nicht-triviale Maschine zwar über eine Art Wahrnehmung, über Sprache und Gedächtnis verfügt. Aber sie kann nicht entscheiden, was sie wahrnimmt und entwickelt auch keine Gedanken und Gefühle zum Wahrgenommenen. Wobei es auch sein kann - nach dem Motto von Cato: Hättest du geschwiegen, würde man dich weiterhin für klug halten -, dass eine Turing-Maschine klüger ist als der Mensch und ihre Gedanken und Gefühle verschweigt. Was dann auch die Willensfrage klärt.
Enzensberger evoziert mehr, als dass er schreibt. Es ist ein Museum, vielleicht sogar im altgriechischen Wortsinn mouseîon, einem Heiligtum der Musen. Es sind Zeugnisse. Vor zwei Jahren gab es eine Ausgabe von Lichtwolf (Philosophie-Magazin für den verarmten Geistesadel), dort ging es um „alte Berufe“. Beutelschneider, Exorzisten, Quacksalber, Seiler, Türmer bis zum Zensor. Auch der Xylograf wird erwähnt, der mit Grab- und Rundstichel, Geißfuß und Hohleisen bis zur Motorsäge Holz verschönert. Und ach, all die neuen Berufe vom Roboterberater bis zum Abfall-Designer, dem Aquaponik-Fischfarmer, einem Feel Good Manager, dem Customer-Experience-Designer. Auch hier wäre eine Revue lohnend.
Die Revue-Nummer XXXII wäre noch um den Kaffeeriecher zu erweitern. Immerhin stellte Friedrich der Große 1781 ganze 400 von ihnen bei sich in Lohn und Brot. Sie sollten vor allem in den Hinterhöfen illegal gerösteten oder geschmuggelten Kaffee erschnüffeln. Immerhin gab es in Preußen 150 Prozent Luxussteuer auf Kaffee. Das waren Einnahmen die man sich erhalten wollte.  Die Nummer XXXVIII berichtet über das arme Leben von Karl Marx. Seine Schrift mit 1023 Fußnoten hatte laut Jubiläums-Ausgabe der Zeitschrift Z., für marxistische Erneuerung eine Erstauflage von 1000 Stück und ein Buch kostete 3 Thaler und 10 Neugroschen. Der Wochenlohn eines normalen Fabrikarbeiters betrug in dieser Zeit 2½ Thaler. Ohne Buchpreisbindung wäre die kommunistische Revolution vielleicht schneller gekommen. Aber im Gegensatz zur abstrakten Internet-Recherche reist Enzensberger auch immer wieder persönlich zu seinen Koryphäen und sammelt seine Spezial-Trophäen mit dem Charme eines Serenus M. Brezengang, einem Pseudonym von H.M. Enzensberger (als Anagramm gebildet). Der Sohn eines Oberpostdirektors, begann seine nun schon jahrzehntelange Karriere als Radio-Essayist gemeinsam mit Alfred Andersch und ist längst ein Kultfaktor. Er hat die Nase am Wind, sagte einst Habermas über ihn. Er gründete „Die Andere Bibliothek“, den Landsberger Poesieautomaten, erhielt bereits mit 33 Jahren den Georg-Büchner-Preis, war Suhrkamp-Lektor, Herausgeber des Kursbuchs, dem wichtigsten Organ der APO. Er schuf einen Baukasten zur Theorie der Medien im Sinne Brechts. Seine Kritik an den Medien (Bewusstseinsindustrie) orientierte sich an T.W. Adornos Kritik an der Kulturindustrie. Enzensberger zufolge machten die Konzerne die Bürger zu vorhersagbaren, fröhlichen Konsummaschinen und auf den Servern der Nachrichtendienste seien die Bürger vollständig kontrollierbare Menschen. Das klingt schon fast nach Huxley und seiner schönen neuen Welt. Dort sagt der Weltcontroller Mustapha Mond:  Als glücklicher, fleißig arbeitender, Güter konsumierender Zeitgenosse wäre man ohne Fehl und Tadel. Siebeneinhalb Stunden milder, minimal belastender Arbeit, dann die Soma-Ration, unbegrenztes Kopulieren und Fühlfilme. Was wollen Sie mehr?
Heute gibt es Netflix, Amazon, Cipramil, Benzodiazepam und soziales Glück durch all die vielen Facebook-Freunde. Es ist insofern ein Lichtblick, dass man über 1000 Arten von Weberknechten und fast 700 Arten von Regenwürmern gezählt hat und dass es Menschen gibt, die das weiter tun. Denn Wissenschaft muss so frei sein, dass sie auch ganz unnütz ist. Keine Seuche ist verheerender, als die Nützlichkeitsseuche. Wozu noch weitere Prim-Zahlen entdecken? Warum nicht? Theorie und Praxis sind – das wusste schon Adorno – in einer negativen Dialektik verschränkt. Es wäre für die Theorie eine Verarmung, würde sie von der Praxis bestimmt und es wäre für die Praxis zerstörerisch würde die Theorie nicht bei Zeiten geändert. So ist der Experte nicht nur experimentierend, sondern vor allem explorativ und exponiert sich exemplarisch extrem. So ist dieses Experten-Museum auch ein Baukasten, ein Setzkasten, auch eine Hammer-Rehwü verbirgt sich darin mit viel Slapstick auf den man sich einen Reim machen kann.
Die Rezensenten waren weitestgehend überfordert mit der Spezialisten-Pinakothek. So fragt sich Lea Schneider von der selbst immer ideenloser werdenden SZ,  ob es die Ideenlosigkeit des Verlags war, oder die Hochachtung vor dem betagten Autor mit Narrenfreiheit, die so ein Buch möglich macht? Soo wunderbar erscheint der Rezensentin nämlich gar nicht, was der Autor hier versammelt, nicht so ausgefallen, dass es nicht auf jedem Wiki Walk zu entdecken wäre. Als hätte Lea Schneider jemals nach der Pomologie gesucht, oder die tausend Käsesorten von sich aus ausfindig gemacht. Es ist nicht nur eine Fleißarbeit. Denn die Kritik am Kapitalismus scheint immer durch. So werden die Parfümnamen instrumentalisiert und die Gerüche industrialisiert. Selbst das, was wir täglich riechen ist nicht mehr natürlich, sondern ein Produkt. Statt über tausend Käsesorten oder tausendfünfhundert Apfelsorten liefert der Discounter eine lächerlich bescheidene Wahl. Tausendfünfhundert Apfelsorten würden uns zwar überfordern. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass der Proktologe, der Pomologe, der Osmologe, der Omnibussologe (mein Kunstwort zur Revue-Nr. XXXVI), dass die Bierdeckelsammlerin Frau Berg und all die schönen und nutzlosen Geister aus der Einbahnstraße der Industrie verschwinden, wie die Pilsglas-Sammlung meines Vaters. Es geht um eine Hommage an die Vielfalt und an die Verschwendung. Es ist ein Stück Barock.

 

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