Literaturprojekt
Literaturprojekt

Chronikvom 01.März 2011 bis 26.Juli 2011 Freising

Chronik:

 

01. März 2011 Die Erdbeeren von Antons Mutter von Katharina Hacker

29. März 2011 Das Ende des bengalischen Tigers von Yoko Ogawa

10. Mai 2011 Zeit zum Aufstehn von August Kühn

07. Juni 2011 Armance von Stendhal

05. Juli 2011 Die Unvollendeten von Reinhard Jirgl

26. Juli 2011 Das Dorf des Deutschen von Boualem Sansal

 

 

Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.

Kurt Tucholsky

Die Erdbeeren von Antons Mutter

Von Katharina Hacker

S. Fischer 2010

ISBN: 978-3-10-030064-5

„Halte dich ungefähr hier auf“, dieser Satz von Ludwig Wittgenstein begegnet einem zuerst, wenn man Katharina Hackers Internetauftritt aufruft. Dort war 2009 jedenfalls nicht: Der Suhrkamp Verlag. Als „Chronik einer Zerrüttung“ bezeichnete Felicitas von Lovenberg die damalige Trennung der Autorin vom Suhrkamp Verlag. „Ein Lektorat fand nicht statt“ hieß es damals auf der Website der Autorin über den ihrer Ansicht nach widerrechtlich veröffentlichten Roman Alix, Anton und die anderen.
Dagegen ist Die Erdbeeren von Antons Mutter eher ein Symbol der Verrüttung. Ich weiß, ich weiß, das Wort gibt es nicht. „Zerrüttung“ hat aber vier Bedeutungen: Katastrophe, Untergang, Zerfall und zuletzt Verfall. Und um den Verfall geht es in dem schmalen Roman von Katharina Hacker. Etwas zerrüttet jemanden/etwas etwas strengt jemanden/etwas so stark an, dass für immer Schäden bleiben <jemanden körperlich, seelisch zerrütten; eine zerrüttete Gesundheit, zerrüttete Nerven haben>

Oder meist etwas ist zerrüttet etwas ist so strapaziert, dass es sich auflöst <eine zerrüttete Ehe, zerrüttete (Familien)Verhältnisse>
 

In dem Präfix „ver“ liegt nun dieses Negative, die Absenz von etwas. Das, was hier sich zerstört macht seltsam verstört.

 

Erdbeeren, für Ovid waren sie die Frucht des goldenen Zeitalters und in der Kunst waren sie die Metapher der Demut und Bescheidenheit.
Friedfertigkeit, Unschuld und Eintracht, so sieht Empedokles dieses Zeitalter.

Fortysomethings, so nennt Jochen Jung die Protagonisten aus Hackers jüngstem Roman, die wir schon aus Alix, Anton und die anderen, sowie aus Die Habenichtse kennen - sie leiden eher. Ihre Unschuld haben sie verloren, nach der Eintracht sehnen sie sich, und ihre grundsätzliche Friedfertigkeit ist immerzu bedroht.
Rüdiger, Jan, Lydia, Alix, Anton, Hilde und Wilhelm (Antons Eltern), Lydias Tochter Rachel, das Bucklich Männlein, sie alle kommen auf dem Erdbeerfeld zusammen. Zum Ende. Hier zerstören die Schnecken langsam und präzise das Symbol dieses goldenen Zeitalters und vor allem für die kleine Rachel ist dies eine echte Katastrophe. Womit der Kreis sich wieder schließt. Denn die Kindheit ist auch ein kleines goldenes Zeitalter, und nach Kindheit sehnt sich das Hackersche Figurenkabinett ebenfalls.

Alle Figuren im Figurenkosmos des Romans habe ich nicht mehr im Überblick. Auf grade mal 174 Buchseiten – ich muss es gestehen – waren es mir zu viele, mich noch wirklich auszukennen. Katharina Hacker erzählt aus verschiedenen Perspektiven in Form eines poetischen Realismus einige Geschichten. So richtig klar wurden mir die Geschichten nicht. Man hat manchmal den Eindruck, die Erzählerin ist so nah bei ihren Figuren, dass es sich liest, als sei sie eher weit weg. Die Sprache ist dabei recht konventionell. Die Protagonisten liegen beieinander, hören das Atmen des anderen, sie lachen nervös, fühlen sich allesamt verloren.  Wirklich warm wurde ich nicht mit dem Roman. Obwohl mir die Sprache von Katharina Hacker gefällt. Es sind so Sätze wie: Die Wahrheit sagen, eine Ausrede finden, die Wahrheit, wenn nicht danach unverblümt gefragte wurde, verschweigen oder einfach beiseitelassen. (Seite 41)

Schöne Sätze. Aber es sind dann doch zu viele Ebenen. Klar, es geht immer irgendwie um die Vergänglichkeit, sei es durch die an Demenz erkrankten Eltern Antons, sei es durch Rüdiger und Jan, die beiden Kriegsveteranen, sei es durch Antons Arbeit als Arzt. Vergänglichkeit, Vergehen, vor dem man die nötige Demut haben sollte. Leider weiß ich auch am Ende des Romans nicht wirklich, wie sich die Figuren positionieren. Vielleicht wollte Katharina Hacker das? Es bleibt seltsam. Nicht wirklich surreal, eher so als wolle mir die Autorin selbst noch etwas verschweigen. Vielleicht liegt das daran, dass auch dieser Roman Teil, bzw. ein kleiner Teil ihrer geplanten Trilogie sein soll.

Es ist ein Buch, das man wohl ein zweites Mal lesen sollte, um die Feinheiten herauszulesen. Leider wird man es nicht tun, denn beim ersten Lesen zündete einiges nicht. Warum? Ich kann es gar nicht sagen. Wahrscheinlich sind es wirklich zu viele Figuren. Die Darstellung der – auch von den Rezensenten gelobten – Eltern Antons geht irgendwie unter. Manchmal zumindest, einfach weil einige Erscheinungen nicht unbedingt wichtig waren für die Gesamtgeschichte. Es erschien mir auch so, als wären die Szenen irgendwie zusammengepuzzelt. Das mag nicht wirklich so gewesen sein, aber die Autorin verzichtet wegen ihrer kompositorischen Motive auf einen festen Zusammenhang. Ein wirklich roter Faden? War wohl da, nur mir nicht ersichtlich. Es war mehr ein Netz, Figuren aus der Höhe betrachtet, die wie bei Google Earth angeklickt und vergrößert wurden, wodurch dann gelegentlich die Einheit des Textes litt. Das war auch Absicht der Autorin, denn so bekommen die Figuren ihre Verlorenheit. Es ist ja auch ein Sinnbild modernen Lebens, dass wir verloren, atomisiert durch die Welt spazieren und uns der eigene Verfall eher ratlos denn wütend macht.

Fazit: Ungern habe ich den Roman nicht gelesen, auch wenn er mir irgendwie nicht aufging. Und der Verlag hätte wenigstens etwas mehr Phantasie walten lassen können, als gerade „Der Erdbeerkorb“ von Jean-Baptiste Siméon Chardin aufs Cover zu bringen. Das ist von Wikipedia. Und es ist der erste Hop, wenn man mit dem Wort „Erdbeere“ googelt. Nah gut, es passt ja.

„Von Chardin haben wir gelernt, dass eine Birne so lebendig wie eine Frau, dass ein gewöhnlicher Tonkrug so schön ist wie ein Edelstein. Der Maler hat die göttliche Gleichheit aller Dinge proklamiert - vor dem Geist, der sie betrachtet, vor dem Licht, das sie verschönt.“ (Marcel Proust)

 

 

Das Ende des Bengalischen Tigers

Ein Roman in elf Geschichten

Von Yoko Ogawa

Übersetzung: Mangold, Sabine

Februar 2011, Liebeskind Verlag

 

Es sind elf Geschichten. Ein Roman wird daraus nicht. Die entscheidende Definition des Romans ist immer noch seine Länge und der epische Zugriff auf das Leben in seiner Totalität. Die Schwierigkeiten beginnen hier erst. Denn dieser Zugriff auf das Leben in seiner Totalität ist gar nicht mehr möglich. Das scheint nur noch in der Tragödie erreichbar zu sein, in der die Helden per definitionem sterben müssen (im Gegensatz zur Komödie, wo sie überleben). Nun ist der Tod das zentrale Motiv der Erzählungen von Yoko Ogawa. Der Tod eines Tigers, der Tod des Korsetthändlers (Geschichte Nummer 8), und schließlich der surreale Tod der Erzählerin selbst. Wobei die Erzählerin wechselt, auch in den Geschlechtern. Immer aber ist das „Ich“ die zentrale Erzählperspektive. Gerade diese Perspektivwahl macht es der Autorin möglich, einerseits poetisch und andererseits konkret zu schreiben. Ogawa gelingt es, zwischen dem erlebenden und dem erzählenden Ich eine gute Balance zu halten. Es ist zwar nicht immer das gleiche Ich in den Erzählungen, aber die Tonart, das Timbre, bleibt immer gleich. Dadurch nähert sich Ogawa dem Romanhaften etwas an. Wenngleich die Begriffe, die auf andere Erzählungen im Band verweisen manchmal etwas konstruiert wirken, wie hinein geflochten, um dem ganzen Band die Rundung zu geben. Doch ein paar Worte reichen nicht für die Totalität. Der Roman ist in der Summe letztlich mehr als sein Sprachstil.
Sämtliche Dinge, die mein Onkel konstruierte, gingen immer schnell kaputt beginnt die Geschichte des Korsetthändlers. Naturgemäß endet die Geschichte damit, dass sich auch der Pelzmantel des Onkels auflöst. Die Dinge gehen kaputt, die Menschen sterben und sie sind in der Zwischenzeit einsam. Dies hat schon Georg Lukàcs erkannt: „Kants Sternenhimmel glänzt nur mehr in der dunklen Nacht der einen Erkenntnis und erhellt keinem der einsamen Wanderer – und in der Neuen Welt heißt Mensch-sein: einsam sein – mehr die Pfade.“[1]
Der moderne Held ist nicht mehr befähigt, einen Roman zu erzählen. So naiv sind nur die Verlage und manchmal die Leser – halt nein. Nicht Naivität, sondern Sehnsucht steckt hinter dem Bedürfnis des Romans.

In Japan ist die 1962 geborene Schriftstellerin unter anderem mit dem wichtigsten japanischen Literaturpreis ausgezeichnet worden, dem Akutagawa-Preis. Und Akutagawa ist eher ein Meister der kurzen Form, der Novelle (die sozusagen evolutionärer Vorläufer des Romans war). In Deutschland hat sich die inzwischen auch mit Literaturpreisen bedachte  Verlagsbuchhandlung Liebeskind dem Werk der japanischen Schriftstellerin angenommen.  Und diese Verlagsbuchhandlung hat mehrfach gewagt, Autoren zu veröffentlichen, die vor allem der kurzen Form dienen. Lange vor Clemens Setz. Dessen Auszeichnung ist vielleicht auch ein Versuch, kulturpolitisch gegenzusteuern.
Wie auch immer. Die Autorin hat ja schon so genannte Romane geschrieben. Dabei merkt man, dass viele ihrer Figuren und Handlungsmuster auch in den Erzählungen vorkommen. Es ist ein kleiner Kosmos skurriler Typen wie der Frau J., die ihren Ehemann im Garten vergrub. Dass dort Karotten in Form einer Hand wachsen, lässt uns an die Märchen von den Alraunen denken. Diese laut dem Alten Testament mit der Gabe der Prophetie ausgestattete Rübe wächst gerne unter Galgen oder Galgenbäumen (laut Flavius Josephus). Sie schreien wie Menschen, wenn man versucht, sie auszureißen.
Ein weiterer merkwürdiger Icherzähler ist von Beruf Sattler. Er soll eine Tasche für ein Herz nähen, ein besonderes Herz, das nach außen gestülpt ist. Dass er diese besondere Tasche am Ende umsonst näht, dass er dann aber darauf besteht, dass die Tasche wenigsten einmal zum Einsatz kommt, und dass der Leser vermuten muss, dass er die „Herzdame“ getötet hat indem er ihr das Herz raubte – nun, dieser Metapher muss man wohl nichts hinzufügen. Gleich darauf bleiben wir in der Klinik, wo sich die Herzdame das nach außen gestülpte Herz nach innen versetzen lassen wollte. Dort erleben wir eine kleine Liebesgeschichte, wie sie überall vorkommt. Was nicht überall vorkommt, ist das Ende der Geschichte. Ogawa wechselt gerne ins Surreale, wenn der Tod offensichtlich wird. Der Tod behält sein Geheimnis, und lässt es sich selbst mit Folter (Willkommen im Foltermuseum lautet die Geschichte Nummer 7) nicht entlocken.

Insgesamt haben mir die Geschichten gefallen, sie hatten stets etwas Leichtes an sich und dennoch: manchmal – es ist nicht anders von mir ausdrückbar – haben die Geschichten auch etwas sehr kindliches an sich. Naiv? Nein Sehnsucht.

Die Übersetzerin Sabine Mangold kennen wir aus ihrer langjährigen Übersetzerarbeit und sie hat sich bereits in der Wissenschaft ausgezeichnet, durch eine Geschichte der europäischen Orientalistik[2].  Man kann davon ausgehen, dass es sich hier um eine gute Übersetzung handelt. Und da ist natürlich viel europäische Literatur drin, aber eben auch viel japanische Mentalität.
Ein mit mir befreundeter Anwalt war oft in seinem Leben in Tokio, hat viele Geschäftsverbindungen nach Japan. Als jüngst das Erdbeben stattfand, fragte ich ihn, wie er dazu stehe. Er erzählte von der Mentalität der Japaner, ihrer Höflichkeit, dass sie ein sehr diszipliniertes Volk seien, was vor allem der Jahrhunderte währenden Tradition der hierarchischen Gesellschaftsform entsprungen sei. Aber er erzählte auch wie überraschend humorvoll der Japaner sein könne, habe man ihn erst einmal etwas näher kennengelernt. Da könne er schallend auflachen. Dann erzählte er mir noch eine kleine Anekdote. Er war damals, vielleicht Anfang 1980 in Japan mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter. Seine Tochter erkrankte und man verständigte einen befreundeten Arzt. Der konnte leider kaum Englisch. Da sagte dieser Japaner plötzlich, auf den Mund der Tochter deutend in nahezu akzentfreiem Deutsch: „Himbeerzunge“.

 

 

 

Zeit zum Aufstehn: Eine Familienchronik

Verlag: Verlag das Freie Buch (4. Januar 2010)

Helmuth-Hans Münch alias Rainer Zwing alias August Kühn, Angestellter, DKP-Mitglied, Sohn eines Berufssoldaten mit jüdischen Wurzeln. Das klingt nicht, als sei der Schriftsteller August Kühn auf Rosen gebettet aufgewachsen. Und das hat Tradition. Der Urgroßvater von Helmuth-Hans Münch kommt nach dem Siebziger Krieg gegen die Franzosen als Güterhallenarbeiter nach München. Hier beginnt also die 100jährige Familienchronik des Romans Zeit zum Aufstehn. Nicht schwer zu erraten, dass der Titel des Romans doppeldeutig ist. Denn es ist eine Chronik der Unterdrückung und des Widerstands von unten. Es sind Arbeiter und Proletarier von denen erzählt wird. Einfache Menschen, denen die ökonomische Wucht des frühen Kapitalismus den Zugang zur Bildung verwehrte. Heute, im vollendeten westlichen Kapitalismus ist es fast schon unmöglich, der Bildung zu entkommen. Heutzutage – mir geht es immer mehr so – möchte man vieles gar nicht wissen. Doch Am Anfang des vorigen Jahrhunderts standen die beiden Weltkriege und der systematische Massenmord an Millionen noch aus. So beginnt der Roman auch mit einer Gegenüberstellung. Ob es die Figuren an der Ruhmeshalle sind, die Straßennamen in München, immer obsiegt die Obrigkeit, die – wie man in Bayern sagt Großkopferten. Ob es sich um den Ratschronisten und Münchner Bürgermeister Jörg Kazmair (Kazmairstraße) aus dem 14. Jahrhundert handelt oder den Fürstbischof von Freising Johannes IV. Tulbeck (Tulbeckstraße).

Bildung! Das zeigt der Roman von August Kühn von Anfang an, ist keine neutrale Zone. Bildung ist nicht nur Macht, sondern Bildung bedeutet: Welches Bild mache ich mir von der Welt. Ist es eine Welt, wo die da oben immer Recht haben und es immer unklug ist, seine Rechte gegen die da oben einzufordern. Oder ist mein Bild von der Welt davon geprägt, sie zu verändern, die Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, tätig zu sein. August Kühn stellt genau diese Frage. Und so ist letztlich sogar der Untertitel „Eine Familienchronik“ in gewisser Weise ironisch. Die Chronik ist einerseits nur eine Sammlung von Informationen, in der Ereignisse in eine zeitliche Reihenfolge gestellt werden. Schon im Altertum gab es Chroniken. Und es waren immer Chroniken über Könige und Herrscher.

Die Chronik des August Kühn beginnt mit einem jungen Mann, der bei so genannten Häuselleuten groß wurde. Einfachen Unterbauern, die ihren Ertrag zum guten Teil beim Grundherrn abgeben mussten, und daher als Tagelöhner dazu verdienen mussten. Dieser August Kühn reist nun über Treuchtlingen (in der Nähe von Ingolstadt) nach München. Dort wird er sich als Tagelöhner beim Bau der Straßenbahn verdingen. Ganz in der Tradition des epischen Theaters bei Berthold Brecht, wird auch im Roman Zeit zum Aufstehn die Welt von unten geschildert. Eine Desillusionierung dieser Welt findet statt. Man kommt nicht hoch. Kaum hat man eine kleine Verbesserung der Verhältnisse erreicht, wird sie einem wieder genommen. Von Beginn an erzählt die Chronik auch die Erfindung der Sozialdemokratie, die schweren Auseinandersetzungen, die bis heute auch die Sozialdemokratie prägen. Auf der einen Seite die Realpolitik die sich in die Machtverhältnisse fügt und im so genannten legalen Raum langsam Verbesserungen schaffen will, auf der anderen Seite die radikaleren Kräfte, die in einer solchen Sozialdemokratie nur den Verrat sehen. Und so wird es zum historischen Fakt, dass Sozialdemokraten sich immer wieder als Verräter zeigen, sei es die Novemberrevolution 1918, verraten durch die „Noskebande[3]“. Sei es nach dem zweiten Weltkrieg in den 1950er der Sozialdemokrat Högner[4], der im so genannten „Ladenschlusskrieg“[5] in München das Militär einsetzen ließ.

Kalte Winter, schwere Arbeit, existenzielle Unsicherheit, Angst vor politischer Verfolgung kennzeichnen die Chronisten. Sie streben nach Sicherheit, menschlicher Wärme aber auch nach Gerechtigkeit.

Bildung ist keine neutrale Zone! So müssen die Protagonisten des Romans öfter als einmal ihre Lektüre vor der Polizei verstecken, werden Zeitungen mehr als einmal verboten, heimlich gedruckt und verteilt, werden die Hersteller und Verteiler der verbotenen Lektüre von der Polizei gejagt und in fadenscheinigen Gerichtsprozessen wegen Landesverrat oder Majestätsbeleidigung zu Gefängnisstrafen verurteilt. Im Vordergrund des psychologischen Erlebnishorizontes steht für die Protagonisten vor allem die Solidarität. Das lateinische Wort solidus steckt da drin, gediegen, echt, fest. Solidarität heißt, man unterstützt sich in seinen Ideen, Aktivitäten und Zielen. Man tritt für den anderen ein. Man tritt für den anderen ein, damit dieser einmal für einen selbst eintritt, weil er die Solidarität nicht vergessen hat.

Auch diese Solidarität ist ein Leitmotiv des Romans und belegt die Rechtfertigung, ihn im 21. Jahrhundert noch einmal zu verlegen und auch zu lesen. Denn diese Solidarität ist in der westlichen Wertegemeinschaft verschwunden. Sie existiert nur noch in kleinen elitären  Zirkeln. Das Gefühl, solidarisch zu sein wurde institutionalisiert und die Institutionen haben alle versagt (Gewerkschaft, Kirche, Partei: allen droht ständiger Mitgliederschwund).

August Kühns Sprache ist eher einfach. Dies entspricht sozusagen seiner Klientel, die er beschreibt und daher ist die Sprache durchaus passend. Dabei nicht weniger beeindruckend. Wenn eine Gruppe Arbeiter als Sommerfrischler auftritt und dabei Schritt für Schritt von der Polizei überwacht und schließlich sogar absichtlich provoziert wird, zu dem einzigen Zweck, wieder ein paar Störenfriede zu schnappen und die Position der Arbeiter zu schwächen, dann wirkt Kühns Erzählweise. Die Bilder bleiben. Man hat das Gefühl, Augenzeugen würden zur Sprache kommen. Und immer geht es um Bildung. Auf der einen Seite zum Beispiel der Pfarrer Westermayer mit seinem caritativen Ansatz, den Arbeitern zu helfen, auf der anderen Seite August Bebel und die Anleitung der Hilfe zu Selbsthilfe. Bildung kann also auch schädlich sein, die Unterdrückung stabilisieren. Bildung ist somit ein Werkzeug und es geht bei allen Ereignissen in der Geschichte auch immer um die Deutungshoheit.

Von den sechs Kapiteln des Romans hat mich das dritte Kapitel, das sich weitestgehend mit der Schilderung der Ereignisse der Novemberrevolution beschäftigt, am besten gefallen. Die Wirrungen dieser regelrechten Straßenschlachten spielten sich ja an Orten ab, die ich jederzeit abgehen kann. Jederzeit kann ich zur Theresienwiese gehen und zur Bavaria, um mir von dort oben einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Auch die Klinik, in dem man den Eisner-Mörder Graf Arco vor dem Mob versteckte, kenne ich von innen.
Das Westend in München, die Schwanthaler Höhe, Stadtbezirk 8,  ist heute das am  dichtesten besiedelte Viertel Münchens. 35 Prozent der Bewohner dort haben einen so genannten Migrationshintergrund. Und war in Zeiten des Urgroßvaters des Autors der Migrationshintergrund noch Niedertreuschelbach, so ist es heute Anatolien oder Teheran oder Aserbaidschan. Das Westend ist also geblieben, was es immer schon war, ein Sammelbecken der Armut.

Mit zunehmender Breite der Kühnschen Familie zerfasert auch der Roman ein wenig. Es werden zu viele Protagonisten und nicht immer weiß man, wo man gerade ist und um wen es sich gerade handelt. Da der erste Teil (die ersten beiden Kapitel) sehr nahe bei August Kühn und dem Dienstmädchen Karoline Schmid bleibt und deren Leben sehr genau und intim schildert, fällt es doch auf, wie mit zunehmender Größe der Familie auch die Tiefe des Romans abnimmt. Im Bedürfnis, eine vollständige Chronik der Familie zu liefern, übersieht der Autor ein wenig, dass weniger oft mehr ist.

Dennoch: Der Roman hat einige Stellen und Schilderungen, die aufhorchen lassen und zeigt auch die Probleme während des Nationalsozialismus eher realistisch. Es ist der Roman von einem Werktätigen. Der Autor selbst gehörte nicht zum Großbürgertum, sondern war auch einer von denen, über die er schrieb. Ein wichtiger Roman über die Frage der Solidarität, der „Miss-Bildung durch einseitige Meinungshoheit“ und der Frage nach einem tatkräftigen politischen Leben. Politik darf nicht den Institutionen überlassen werden, nicht auf ein paar Fachidioten delegiert werden. Politik findet immer statt.

Armance von Stendhal

Verlag: Insel, Frankfurt

2004 neu übersetzt von Arthur Schurig

Armance ist der erste Roman von Marie-Henri Beyle, der sich selbst Stendhal nannte, nach allgemeiner Auffassung von Stendal im heutigen Sachsen-Anhalt, motiviert durch seine Verehrung für den Kunsthistoriker und Archäologen Johann Joachim Winckelmann, dessen Heimatstadt Stendal war.

Davor schrieb Stendhal eine Mozart-Biografie, eine Napoleon-Biografie und Reisebücher, unter anderem über Florenz. Florenz bringt ihn 1971 sogar in die Medizinbücher. Das so genannte Stendhal-Syndrom beschreibt wahnhafte Wahrnehmungsstörungen durch kulturelle Reizüberflutung. Die italienische Psychologin Graziella Magherini veröffentlichte 1979 eine Studie, in der sie mehr als 100 für das Stendhal-Syndrom typische Krankheitsfälle von Touristen in der Kunstmetropole Florenz beschrieb, und machte das Syndrom so international bekannt. Die Namensgebung bezieht sich auf eine Notiz Stendhals von 1817:
Ich befand mich bei dem Gedanken, in Florenz zu sein, und durch die Nähe der großen Männer, deren Gräber ich eben gesehen hatte, in einer Art Ekstase. […] Als ich Santa Croce verließ, hatte ich starkes Herzklopfen; in Berlin nennt man das einen Nervenanfall; ich war bis zum Äußersten erschöpft und fürchtete umzufallen.
– Stendhal: Reise in Italien

Dieses starke Herzklopfen passt nun gut zu der zarten Liebesgeschichte zwischen Octave de Malivert und seiner Cousine Armance, einer Liebesgeschichte die im postrevolutionären Restaurationsfrankreich spielt.  Die Schreckensherrschaft der Jakobiner ist gerade vorbei, Napoleon vernichtend geschlagen, der Adel immer noch der bedeutendste Stand und maßgebend für die französische Öffentlichkeit. In Deutschland führt die Ermordung von Auguste von Kotzebue  zu den Karlsbader Beschlüssen und der massiven Zensur der noch jungen Presse. Stendhal selbst (M. de Stendhal[6]) ist ein Liberaler, sympathisiert sogar mit den Saint-Simoniens[7].
Dass sich Stendhal also gerade die adlige Gesellschaft im Frankreich der 2. Restauration als Kulisse für seinen ersten Roman aussucht, ist sicher politisch motiviert. Der individuelle, biografische Hintergrund dürfte hier seine eigene große Liebe zu der Bankierstochter Mathilde (Métilde) Dembowski sein, eine Liebe die unerfüllt blieb, die aber Stendhal zum großen Romancier formte.
Der junge Adlige, der Vicomte Octave de Malivert aus dem Roman Armance, beschließt im zarten Alter von 20 Jahren, dass er nie lieben wird. Im Frankreich der Restauration (frühes 19.tes Jahrhundert) wird Octave im Rahmen des Entschädigungsgesetzes ein großes Vermögen vom Staat zurückerstattet. Plötzlich reich, verliert der begabte junge Mann seinen Lebenssinn. Er stürzt sich in die adlige Gesellschaft, deren einziger Lebenszweck darin besteht, die Zeit möglichst liederlich umzubringen. Trotz seines Schwurs nicht zu lieben, verliebt er sich in seine Cousine Armance. Seine letzte Bastion, seine letzte Eigenschaft bricht zusammen. Octave kennt nur einen Ausweg, den Tod. Er duelliert sich. Doch er überlebt das Duell und das Schicksal der beiden Liebenden scheint sich zum Guten zu wenden. Doch dann werden die beiden Liebenden Opfer einer Intrige. Auch hier geht es um Geld. Der Komtur de Soubirane, ein Onkel von Oktave ist leidenschaftlicher Börsenspekulant. Leider besitzt er für seine Leidenschaft nicht genug eigenes Vermögen und so trachtet er nach dem Vermögen von Octave. Doch da steht Armance im Wege. Seine Intrige geht auf. Octave zieht in den Krieg und tötet sich schließlich selbst.
Nicht zu lieben, dazu hat Octave einen weiteren, tragischen Grund. Einmal bezeichnet er sich gegenüber der Geliebten Armance selbst als „Monster“. Armance denkt, er sei ein Schuldiger, habe einen schrecklichen Mord begangen, und beschließt, ihn nur noch mehr zu lieben, denn Liebe bedeutet auch die Bereitschaft zum Opfer. Doch Octave ist kein Mörder. Seine Schuld besteht darin, dass er nicht etwa nicht lieben will, sondern es nicht kann. Eine Eigenschaft, die ihm schlicht fehlt. Er ist impotent[8]
. Diese Impotenz von Octave wird in der nachbetrachteten Rezeption letztlich zur Metapher der Lebensuntauglichkeit des degenerierten Adels. Mit leistungsfreier Gratifikation qua Geburt ausgezeichnet und vom bürgerlichen Leistungsbegriff überrollt disqualifiziert sich der Adel.
„Die Menschen wandeln auf Erden als Weissagungen der Zukunft, und alle ihre Taten sind Versuche und Proben, denn jede Tat kann durch die nächste übertroffen werden.“ Diese mutigen, lebensfrohen Sätze, die Robert Musil dem amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson in den Mund legt, treffen sicher nicht auf Octave zu. Stendhals Held Octave fürchtet die Tat, sie ist ihm zuwider. Und wenn Octave tätig wird (meist in einem Wutanfall) geschieht ihm dies gegen seinen eigenen Willen.

„Der Roman“, so Stendhal einmal über seinem Roman Rot und Schwarz, „ist ein Spiegel, der über eine Landstraße spaziert: Bald füllt er die Augen mit Himmelblau, bald mit dem Schmutz der Pfützen.“

Zwischen Liebe und Politik, zwischen Romantik und Realismus ist dieser teilweise nervenaufreibende Roman angesiedelt. Stendhal ist ein Liberaler, der begeistert war, als sein royalistischer Vater von den Jakobinern verhaftet wurde. Es ist in dem Roman vor allem die Öffentlichkeit, die interessant ist. Einige Szenen aus den Pariser Salons ist der Untertitel des Romans und verweist auf die frühe Erosion des Privaten, auf den Terror der Öffentlichkeit. Octave ist ständig unter Beobachtung. Als begehrter Heiratskandidat hat er keine Chance auf Rückzug. Ein normales Leben ist ihm verwehrt. Eine Karriere in einem bürgerlichen Beruf wird es für ihn nie geben. Gleichzeitig steht seine Impotenz seinem Liebesglück entgegen.
Am Ende schließt sich der gescheiterte Octave dem Freiheitskampf der Griechen gegen die Türken an. Doch zum Kampfeinsatz kommt er nicht mehr, denn vorher nimmt er sich das Leben. Ein sinnloser Tod in einem von Intrigen und verstopften Lebenswegen gekennzeichneten Dasein.
Romantik pur inmitten eines Europa, das gerade beginnt, sich neu aufzuteilen. Erst die Julirevolution von 1830 bringt dann Licht in das stickige Völkergefängnis, Karl X dankt ab und der Herzog von Orleans (Bürgerkönig) lenkt bis 1848 die Geschicke Frankreichs.

Die Unvollendeten

             

 Von Reinhard

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Januar 2007) 

             

So gehören auch Träume, Wahn und Ekstase zur Autobiografie

Reinhard Jirgl aus Hundsnächte

 

Auf den ersten oberflächlichen Blick hin könnte man annehmen, Reinhard Jirgl habe seine Texte – noch in der DeDe Er – auf einer Westimport Schreibmaschine von Arno Schmidt geschrieben; auf DIN A3 Zettel drei-spfaltig s!einen T!Raum Not-iert.

Doch tatsächlich ist nicht Arno Schmidt, sondern Heiner Müller – der ein Viertel Jahrhundert vor Reinhard Jirgl den Georg Büchner Preis bekam - sein Lehrmeister. Die Montagetechnik hat er von dem Theaterautor. Der Inhalt des düsteren »Heimatromans« jedoch erinnert in seinem verzweifelten Menschenbild an Celine und seine Reise ans Ende der Nacht. Also außer ein paar Pünktchen und Strichen kein Arno Schmidt erkennbar. Arno Schmidts Prosa ist lebensfroh, komisch  und mit literarischen Bosheiten gespickt. Damit hat Jirgl nicht viel zu tun. Von Rezensenten der Süddeutschen erwarte ich ja schon gar nichts mehr, aber Burkhard Müller hat ganz sicher nie eine Zeile von Arno Schmidt gelesen, wenn er Reinhard Jirgl als dessen Erben bezeichnet (SZ vom 17.03.2003). Bei Reinhard Jirgl sind viel Täuschung und weniger Spielerei. Das mischt sich. Man kann das Buch simultan zweisprachig lesen: wenn Jirgl eine ?Frage stellt, oder wenn er zw-Ei!deutig wird, od: bezetwe u, statt u auch & schreibt. Wann er welches Zeichen verwendet, erschien mir nicht immer ganz einheitlich. Doch eines schafft Reinhard Jirgl: Man beginnt mehr über die Wörter selbst nachzudenken und so erwachsen aus den unscheinbarsten Wörtern Schreckgespenster. Hö-Herr-Stehende, Ende Pede, Viehnanz -Lobby, Partysahnen aber auch Synästhesien wie Grammophon-Lippen, magermilches Frühgesicht kann man in seiner Prosa lesen. Sprache nicht nur allein. Denn die vielen Interpunktionen und Interjektionen (und rhetorischen Tricks) täuschen eben über den Inhalt weg, und der hat es IN sich. In drei Kapiteln wird einmal die so genannte wilde Vertreibung im großen Treck (aus Komotau, heute Chomutov in Tschechien)beschrieben, dann die Ansiedlung nach dem Krieg und schließlich in der dritten Generation die sehr biografisch anmutende Sicht von Reiner K.. Das letzte Kapitel wechselt einfach in die Ich-Perspektive. Sowas geht. Im Figurenzentrum des »Familienromans« über drei Generationen von Reinhard Jirgl stehen Mutter und Tochter (Hanna und Anna). Maria, die zehn Jahre jüngere Schwester von Hanna ist mehr das Anhängsel – und dass sie zehn Tage nach Hanna stirbt, beweist das.
Die Urgroßmutter von Reiner K.: Johanna, sie ist der weibliche Abraham, der zurückgelassen sein will. Mit der medizinischen Darstellung eines Krebsgeschwürs und den Worten: Es geht weiter, endet der Roman. Und damit macht er uns alle zu Flüchtlingen, zu Vertriebenen, zu Heimatlosen. Jirgls Prosa lebt nicht zuletzt von seinen paradigmatischen Metaphern. Totes wird lebendig. An narbigen Gebäudemauern eine Reihe runder Scheinwerfermäuler, ihre scharfen Lichtzähne zerbissen die Dunkelheit (Seite 142). Hypotaktische Satzgliederungen bringen uns immer wieder aus der Spur: Anna, ohne Schlaf in der vom nachglimmenden Kerzendocht brenzlig riechenden Zimmerluft, wiederholte sich in Gedanken…. So ein Satz macht alles Grüblerische einer Nacht sichtbar.

Und noch einmal abgesehen von einem Autor, der über die Sprache in der er schreibt auch nachdenkt, fehlt es nicht an Inhalt. Das Massaker in Komotau hat stattgefunden, und ist bis heute nicht gesühnt. Dass unter den Gelynchten auch Männer der Waffen-SS waren – na, da mag man heutzutage wohl ein Auge zudrücken. Aber was für ein ?Staat, der nur seinen Siegerwillen zum Recht erklärt. Diese Diskussion könnte man schon führen. Wie jüngst der Arzt, der sich weigerte einen Mann zu operieren, der sich ein Hakenkreuz eintätowieren hatte lassen. Nicht umsonst paraphrasiert Reinhard Jirgl einige Male den kantischen Imperativ, macht ihn zum Gastrosophischen Imperativ: »Ernähre dich so, daß der Zugriff auf dein Mahl jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Tafel=Gesellschaft gelten könnte!«

Und wenn die kleine Anna erzählt, wie sie von ihrem Vater in einen Kartoffelsack gesteckt wird und sich die Eltern über ihre Angst lustig machen, und diese Erzählung dann abrupt endet mit: Später war Krieg, u jede Kindheit zuende.(Seite 71) Oder der kleine Reiner von Hanna zum Stirnkuss auf die tote Urgroßmutter (das große O in TOd) gezwungen wird (Seite 172), oder wenn Reiner K. im dritten Kapitel erzählt, wie seine Großmutter Hanna ihre Nachbarin pflegt, selbstlos, aufopfernd, und diese Nachbarin dann ihrerseits ihr dankt indem sie völlig ungerechte Mietnachzahlungen ihr abpresst, dann wird die Galle schaumig. Wenn die beiden alten Schwestern Hanna und Maria alleine mit einem Sackkarren umziehen, bei stürmischem Wetter, weil man sie einfach vergisst, das macht zur aufgeschäumten Galle traurig und so ohnmächtig.

Und so erstickt alle Kritik an den existierenden Verhältnissen und wird zur aus!gerufenen Klage über die Menschen selbst. Also noch einmal Herr Burkhard Müller von der SZ: Das ist von Arno Schmidt so weit entfernt, wie der Chimborazo vom Mount Everest. Beides mögen ja Berge sein, aber das u zum Epigonen des x zu machen, das ist düster.

Reinhard Jirgls Prosa wurde in der ehemaligen DeDe ER nicht veröffentlicht, da sie nicht systemkonform war. Das ist sie auch in der BeErde nicht. Bei uns wird das Wort vom Literaturpreis geschluckt.

Die Tautologie des faselnden Hauptmanns im Drama »Woyzeck« über das Moralische - »Moral, das ist, wenn man moralisch ist« - findet ihr Echo in der Parole vom Marxismus-Leninismus: »Der Marxismus-Leninismus ist wahr, weil er wissenschaftlich ist, und er ist wissenschaftlich, weil er wahr ist!«

So beschreibt es Reinhard Jirgl in seiner Dankesrede zum Büchner Preis. Aber so könnte man auch den Kapitalismus beschreiben.

Ein russischer Scherz: »Zwei Ökonomen begegnen sich. Fragt der eine den anderen: >Verstehst du, was los ist?< Und der andere antwortet: >Warte, ich erklär es dir.< >Nein, nein<, fährt der erste fort, >erklären ist nicht schwer, ich bin auch Ökonom. Nein, was ich dich frage, ist: Verstehst du es?<«

 

Und selbst wenn Jirgl in seinem Überschwang gelegentlich läppisch erscheint (…viele junge Tschechinnen benuttsten die geteilte Grenzstadt….- Seite 43), am Ende des Romans nehme ich mir sofort vor, etwas wieder von ihm zu lesen, also wiederlesen, oder widerlesen: Hundsnächte zum Beispiel. Dort Sätze wie: Nie sah ich Jugend staatsnäher als Heute; solch Nähe wird sie zerfleischen, denn wer dem Staat zu nahe kommt, wird zu dem was Staaten immer brauchen: Hackfleisch….

 

Also: Das seit langem beste Buch, das ich gelesen habe. Es bleibt nicht ohne Gegenwehr gelesen. Denn stets habe ich mich selbst gegen so ein Menschenbild zur Wehr gesetzt. Sich am Anderen zu reiben, ihn anzustoßen, all das ginge weg, verlöre sich, gäbe man den Menschen auf. Also: Es geht weiter. Und diesen Satz, der ein Zitat von Sartre ist (Huis Clos, Die geschlossene Gesellschaft) mag man bedauern, oder auch zum Anlass nehmen, weiterzumachen. Unmut führt in die Irre! Und diesem Gift in Jirgls Texten sollte man nicht verfallen.

 

 

 

Das Dorf des Deutschen: Das Tagebuch der Brüder Schiller

Übersetzt von Ulrich Ziegler

Von Boualem Sansal

Setif liegt im Norden Algeriens, zwischen der Kabylei und dem Atlasgebirge. Das „Dorf des Deutschen“ gibt es dort wirklich. Als der Autor Boualem Sansal in seiner Funktion als Ministerialbeamter einmal durch ein auffallend sauberes algerisches Dorf gekommen sei, habe man ihm erklärt, dies sei das "Dorf des Deutschen": eines Mannes, der am Unabhängigkeitskrieg teilgenommen und es dann zur Würde eines Dorfscheichs gebracht habe. Diese Erinnerung hat der Autor mit frei erfundenen Elementen verknüpft.

Und Massaker in Algerien, verübt durch Islamisten? Auch die gab es (und wird es noch geben). Die ZEIT berichtet 1997 über den algerischen Bürgerkrieg und schildert unter anderen dieses barbarische Massaker: „In der Nacht zum 29.August wurden im Dorf Rais, 20 Kilometer südlich der Hauptstadt, etwa 300 Menschen ermordet, vom Kleinkind bis zum Greis - der bisherige Höhepunkt der algerischen Tragödie. Die Angreifer verbrannten Männer bei lebendigem Leib, verstümmelten Frauen und Kinder. ‚Das Ganze dauerte von 22.30 Uhr bis 2.30 Uhr. Sie haben sich Zeit gelassen‘, berichtete ein Überlebender der französischen Nachrichtenagentur AFP. Die islamistischen Terroristen hätten sich afghanisch gekleidet, auch Frauen seien beteiligt gewesen. Ein überlebender Dozent erzählte: ‚Sie sind zu unserem Gebäude gekommen, wo die Lehrer untergebracht waren, und haben geschrien: Das sind die Tyrannen, sie müssen alle umgebracht werden.“

Die GIA (bewaffnete islamische Gruppe) und die FIS (islamische Heilsfront) kämpfen noch heute, und der Kampf weitete sich auch nach Frankreich aus.

Nun kann man ja auch nicht gerade behaupten, dass Staatspräsident Bouteflika in Algerien eine Demokratie aufgebaut hat.  Auch die Scharia ist Teil des Rechtssystems in Algerien, und Steinigung eine auch in Algerien angewandte Tötungsmethode. 99 Prozent der Bevölkerung Algeriens gehören dem Islam an. Der Islam ist Staatsreligion. Und Boualem Sansals Bücher sind in Algerien verboten.

Die beiden Brüder Malrich und Rachel (ihre Namen sind Mischwörter auch Malek und Ulrich, sowie Rachid und Helmut) sind auf ihrer Spurensuche nach Algerien gekommen, und erleben beide einen Polizeistaat.
Es ist unglaublich. Das nationalsozialistische Deutschland, Algerien, Frankreich, ein multinationaler Konzern, die Pariser Vorstädte und deren kleinkriminellen Protagonisten, ein winziges Dorf im Norden Algeriens, all das wird zu einer Einheit. Alles scheint mit allem verknüpft und so wird es noch schwieriger, der Schuld zu entkommen.

Aber wir alle „können nichts dafür und haben es nicht gewollt. Es geht wirklich ohne jeden. Alles wird mitgerissen und bleibt in irgendeinem Rechen hängen. Wir sind zu kollektiv schuldig, zu kollektiv gebettet in die Sünden unserer Väter und Vorväter. Wir sind nur noch Kindeskinder. Das ist unser Pech, nicht unsere Schuld…“ schreibt Friedrich Dürrenmatt über dieses Phänomen der Schuld. Denn es ist ja keine Schuld. Rachel  kämpft verzweifelt darum, dieses Paradoxon zu erfassen. Sein jüngerer Bruder begleitet ihn dabei, indem er dessen Tagebuch liest und kommentiert. Längst hat sich Rachel selbst zum Opfer gemacht. Als sei dies die einzige Chance, nicht Täter zu sein. Als gäbe es nur diese Alternativen: Opfer oder Täter. Dazwischen liegt eigentlich nur die Traurigkeit und das Schwanken, loszurennen und zu kämpfen, oder aufzugeben, weil es keinen Rotz wert ist, wie Malrich mit seinen Kumpels feststellt. Es ist genau diese Frage, die uns martert. Und während ich dies schreibe, tötete in Norwegen beinahe zeitgleich ein Mann über 90 Menschen, vor allem junge Menschen, unschuldige Menschen. Ein Fundamentalist, ein christlicher Fundamentalist und Gegner der „multikulturellen Gesellschaft“. Wir stürzen ab. Und während Rachel von der Geschichte eingeholt wird, holt uns die Geschichte ein. Ob uns ein Islamist am Ende umbringt, oder ein christlicher Fundamentalist oder ein Neonazi, oder eine krude Mischung aus all dem Irrsinn, den manche Menschen für ihre Gedanken halten, das spielt – wenn man tot ist – keine Rolle. Es bleibt das Entsetzen, und es bleibt das Paradoxon selbst Teil des Problems zu sein.

Ein erfolgreicher Geschäftsmann mit einer Metro-Job-und-ab-ins-Bett-Mentalität, entwurzelt (Seite 52) durch die Globalisierung, die ihn selbst auf ein Rollköfferchen zwischen Flughäfen reduziert hat, stürzt in die Geschichte ab. Alles hängt mit allem zusammen, und um diesen Zusammenhang wurde ein gläsernes Gefängnis gebaut. Wir nennen es Globalisierung und verkriechen uns in unsere Termitenbauten, halten uns die Hände vor die Augen, um uns vor den Nachrichten zu schützen, Nachrichten die nur noch Informationen sind, die wie Geschosse um uns herumpfeifen. Aus welcher Richtung auch immer. Was soll man anfangen, mit den toten Norwegern? Die Fußballer legen eine Schweigeminute ein und tragen Trauerflor, und die Fans vergessen, zünden Feuerwerkskörper und feiern den Sieg ihrer Mannschaft. Alles geschieht gleichzeitig, sogar Geschichte scheint im Augenblick stattzufinden. Es ist, wie Dürrenmatt schreibt unser Pech, nicht unsere Schuld. Aber kann man es deshalb leichter ertragen? Weitermachen? Selbstverständlich! Wir lassen uns nicht beirren, sagen dem Terror den Kampf an und merken kaum mehr, was schief läuft. Mitten im Business des „anything goes“ blitzt der Lauf einer HK 416 auf und mitten in der Idylle spritzt uns das Blut um die Ohren. Ob es ist, oder war oder sein wird. Das Bewusstsein wurde zur Falle, das Subjekt verlor seine Autonomie und kann doch ohne diese Autonomie kaum atmen.

Alles ist erklärbar und dies erklärt nichts mehr. Rachels Vater, eine Nazi, der an der Tötungsmaschine Hitlers mitwirkte, wird zum Opfer der Islamisten, die ihrerseits eine Tötungsmaschine am Laufen haben, und er war Teil des Bürgerkriegs in Algerien, ein sauberer Deutscher, der dem sauberen Geschäftsmann (Sohn Rachel) einen Stich versetzt. Rachel versteht seine Frau Ophelia, er versteht ihr „Barbie-Heim-Bedürfnis“. Er hätte es doch auch so gerne. Wer wählte nicht die Idylle? Aber wie lässt sich in der Idylle leben, wenn man bis zu den Knien in Blut steht? Wie blind darf man sein?

Auf Seite 162 beschreibt Sansal die Vernichtungslager der Deutschen wie einen gigantischen Konzern, ein Unternehmen mit Struktur und dem Bedarf nach optimalem Management. Inwieweit ist nun die systematische Spekulation auf Nahrungsmittel eine Tötungsmaschine? Darf man einen Hedgefondmanager wirklich des systematischen Völkermordes bezichtigen? Ist das System menschlich? Oder der Mensch das System? Es ist ja das Dilemma von Rachel, dass sein Vater nichts weiter war als ein Teil der Maschine und nach Zerschlagung der Maschine ein Schräubchen auf der Flucht, bis er eine neue Maschine fand, die seiner bedarf.  Wenn wir zustimmen, dass das Subjekt seine Autonomie verloren hat, bzw. noch nie eine solche Autonomie besaß, einfach weil das Subjekt ein Konglomerat seiner gesellschaftlichen Verhältnisse ist, und bestenfalls verstehen kann (was ComDad immer wieder betont), dann ist die Schuldfrage ein Treppenwitz. Ein bisschen Subjekt, ein bisschen Gesellschaft, ein bisschen Zufall und ein bisschen Schicksal, fertig ist das Blutbad.

Zugegeben: ich bin überfordert. Gleichzeitig spüre ich Wut, Angstwut oder auch Wutangst.
Eine Teilnehmerin des Kurses schrieb mir per Email, dass sie an der Besprechung dieses Buches weder teilnehmen kann noch will. Ich verstehe das gut. Leider kann ich auch nichts dafür. Oder doch?

 

 

 

[1] Georg Lukàcs: Die Theorie des Romans Darmstadt 1971, Sammlung Luchterhand

[2] Eine weltbürgerliche Wissenschaft, Die deutsche Orientalistik im 19. Jahrhundert von Sabine Mangold, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2004

 

[3] Ulrich Noske war Sozialdemokratischer Militärminister und Antibolschewist.

[4] Wilhelm Högner, SPD, war nach dem II. WK Ministerpräsident von Bayern

[6] Ironischerweise gibt sich Beyle einen adligen Titel – de.

[7] Französische Frühsozialisten: nach Henri de Saint-Simon

 

[8] Stendhal weiß vermutlich, was Impotenz bedeutet, zumal er sich als blutjunger Offizier Napoleons in einem Mailänder Bordell mit Syphilis infizierte. Dies zwang ihn auch dazu, seinen Miltitärdienst 1802 zu beenden.

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Chronik Sommer 2011 Garching

Schuld: Stories

Gebundene Ausgabe: 208 Seiten

Verlag: Piper; Auflage: 2 (August 2010)

Autor: Ferdinand von Schirach

 

Ein Literaturkritiker sagte über eines meiner Bücher, es sei „fast annehmbar“, aber doch nur „geborgtes Leben“ und damit „das Gegenteil von Literatur“. Das ist ein interessanter Standpunkt. Eigentlich werden mir fast immer drei Fragen gestellt: Kann jeder zum Mörder werden? Gibt es den perfekten Mord? Und: Sind Ihre Geschichten denn wirklich wahr?

Ja, jeder kann zum Mörder werden, ja, es gibt den perfekten Mord und ja, die Geschichten sind ganz und gar wahr. Aber sie sind nicht wahr, weil sie der Realität entsprechen, sie sind wahr, weil sie Literatur sind. Stellen Sie sich eine vier Meter lange Akte vor, tausende Seiten Polizeiberichte, Vernehmungsprotokolle, Gutachten, Tatortfotos. Stellen Sie sich siebzig Stunden Gerichtsverfahren vor. Und dann nehmen Sie eine Kurzgeschichte. Was ist nun die Wahrheit? Was die Wirklichkeit? Eine kaum 15-seitige Geschichte oder eine vier Meter lange Akte?

Ferdinand von Schirach (Rede zum Kleistpreis2010)

Dass die Literatur wirklicher ist, wahrer, als die Wirklichkeit und als die Wahrheit selber, das erscheint komisch, unannehmbar und irritierend. Warum ist das dennoch sehr oft der Fall?

Manche junge Autoren reagieren auf Kritik an ihrem Text mit dem Satz „aber es ist wirklich so gewesen!“. Das mag sein. Aber das ist für die Literatur kein Kriterium. Eine Szene zu schreiben ist im Grunde nicht sehr schwer. Ich nehme Verben, möglichst keine Adjektive und schreibe zeitdeckend (Erzählzeit und erzählte Zeit sind gleichlang). Nun will ich aber tiefer in die Szene dringen, eindringen in eine besondere Wahrheit. Ich kann nun die Szene anhalten und beschreiben, zum Beispiel welche Kleider meine Protagonisten tragen, warum sie so handeln, wie sie handeln, Hintergründe, Vordergründe etc.. Ich kann aber auch die Szene selbst vertiefen, indem ich quasi in die Zeitlupe gehe, dann wird die Zeit gedehnt, die Erzählzeit wird länger als die erzählte Zeit. Ein Protagonist überquert eine Straße, in diesem Moment des Überquerens einer Straße, was vielleicht zwei Sekunden dauert, und in einem knappen Satz gesagt werden kann, fliegt ein Vogel von einem Baum zum anderen, winkt eine Frau aus dem dritten Stock des gegenüberliegenden Hauses, hupt ein Auto, hört man von irgendwo ein Kinderlachen, taucht hinter einem Baum eine Kinderschaukel auf, weil sie gerade Schwung nimmt, küssen sich zwei an einer Litfaßsäule und so weiter, kurz, in der unendlichen Gleichzeitigkeit vieler Ereignisse kann man einen ganzen Roman in zwei Sekunden packen. In einer fiktiven Buchbesprechung - One human minute - hat Stanislav Lem einmal das Problem schön veranschaulicht. Da wollten zwei Autoren alles erzählen, was in einer Minute auf der Welt geschieht. Sie scheitern, Ereignisse werden bedeutungslos, ja völlig falsch, so reißt der Samenstrom zwischen Menschen nie ab, weil immer irgendwo eine Ejakulation stattfindet.

Was ich eigentlich damit sagen will: eine Geschichte kann in wenigen Seiten tiefere und wahrere Wirklichkeit vermitteln, als es das bloße Aneinanderreihen von Ereignissen kann. Das Geheimnis dazu kannte schon Aristoteles, wenn er von der „Geschlossenheit“ eines Textes sprach, wo sich Handlung durch Handlung ergibt. Kein bloßes Nacheinander, sondern ein Ineinander kennzeichnet das Erzählen. Reduktion und Vernetzung sind die Zauberworte, und auch die Wissenschaft macht nichts anderes. Die Wirklichkeit können wir dabei nicht verstehen, die Wahrheit birgt ein Urteil von uns. Eine gute Geschichte lässt es zu, dass der Leser sich selbst ein Urteil über die Geschehnisse bilden kann. Dabei wird der Leser sanft bei der Hand genommen, aber manchmal auch im Kreis geführt.

Die Erzählungen von Ferdinand von Schirach basieren auf Fällen, auf „vier Meter langen Akten“. In einer ARD Anwaltsserie sagt ein Anwalt: „Wirklich interessant hinter den Fällen sind die Menschen – der Rest kann zu den Akten.“
Ferdinand von Schirach holt die Menschen aus den Akten heraus. Sie werden mehr, als die Summe ihrer Handlungen. Nicht selten ist das schmerzhaft, denn die Fälle selbst sind recht grausig, von Vergewaltigung, Kindsmord und Totschlag ist die Rede, von Menschen, die verstrickt sind, deren Handlungen zwischen Schuld und Unschuld flackern. In der Eröffnungsgeschichte „Volksfest“ wissen wir nicht, wer der einzige Unschuldige einer Gruppe vergewaltigender Männer ist, wir wissen es nicht, weil auch die Beweismittel vernichtet werden, und sie werden vernichtet, weil man dem Opfer unmittelbar helfen will. In der Geschichte „Verlangen“ wird uns Kleptomanie ganz unpsychiatrisch nähergebracht. Wir verstehen mehr, als würden wir die DSM Klassifikation in einem Lehrbuch lesen.

Und das ist eben die besondere Qualität des Geschichten Erzählens. Dass Ferdinand von Schirach uns noch ganz nebenbei das beinahe tragische Handwerk des Strafverteidigers nahe bringt, ist kein Zufall, denn das war seine Absicht. Die Schuld verstehen und sie einordnen, um ein angemessenes Urteil fällen zu können. Dazu braucht es die Geschichte hinter dem Fall. Allein die Fakten erzählen dabei ohne Zutun des Betrachters nichts. Irrtum nicht ausgeschlossen.
Wendungen! Bei meiner Lieblingsgeschichte „Der Schlüssel“, scheinen die Figuren einem Quentin Tarantino Film entsprungen zu sein, und in immer wieder neuen Wendungen wird am Ende für die gar nicht mal besonders sympathischen Hauptprotagonisten alles gut. Der Dümmste bekommt das Royal Flash in die Hand, dabei macht er fast alles falsch, man schlägt die Hände über den Kopf zusammen, bei so viel Unvermögen. Am Ende macht er ein bisschen was richtig, und das reicht. Der Rest sind irgendwie witzige und merkwürdige Zufälle. Aber in der Erzählung selber ist nichts dem Zufall überlassen. Eine Handlung ergibt sich ganz notwendig aus der anderen Handlung.

Noch einmal Aristoteles: Hauptmerkmal der Handlung ist für Aristoteles, dass sie Anfang, Mitte und Ende hat. Ein Anfang sei, "was selbst nicht mit Notwendigkeit auf etwas anderes folgt, nach dem jedoch natürlicherweise etwas anderes eintritt oder entsteht" - Mitte sei, "was sowohl selbst auf etwas anderes folgt als auch etwas anderes nach sich zieht" - ein Ende sei, "was selbst natürlicherweise auf etwas anderes folgt, und zwar notwendigerweise oder in der Regel (also höchstwahrscheinlich), während nach ihm nichts andres mehr eintritt." Demzufolge dürften Handlungen, wenn sie gut zusammengefügt sein sollen, "nicht an beliebiger Stelle einsetzen noch an beliebiger Stelle enden", sondern müssten sich an die genannten Grundsätze halten.

In seiner „Ecce Opera“ hat Aristoteles alles festgehalten, was noch heute für das Geschichten Erzählen wichtig ist. Um ein Verwirrspiel wie in der Geschichte „Der Schlüssel“ durchzuhalten, muss man schon einen Plan haben. Aristoteles unterscheidet hier zwischen "einfacher" und "komplizierter" Handlung. Während bei der einfachen Handlung ein vorweggenommenes Ende schließlich eintritt, überrascht einen die komplizierte Handlung mit einem anderen Ende als dem zunächst in Aussicht gestellten. Sie verläuft in einer ersten Zusammenhangskette, die jählings notwendig in eine andere, meist ein entgegengesetztes Ende implizierende, überspringt. Was eigentlich gemeint war, schlägt auf einmal (Peripetie) ins Gegenteil dessen um, wozu es ins Werk gesetzt wurde (erzielt z.B. nicht mehr Rettung, sondern Untergang) und entzieht der ursprünglichen Auffassung der vorgestellten Verhältnisse und ihrer Weiterungen den Boden. Alle gemachten Voraussetzungen müssen entsprechend der neuen Handlungsrichtung umgewertet werden: der Feind wird zum Freund, Abneigung, die man zu verspüren glaubte, zu Liebe, Kleinmut entpuppt sich als Kühnheit usf..

In der besagten Geschichte wird der Looser Atris zum Winner. Alles deutet auf die Niederlage von Atris hin, aber am Ende steht er wie ein Macher da. Er wird sogar zum Helden. Denn sein Freund Frank war zur Untätigkeit verdonnert.

Ferdinand von Schirach, Enkel eines nicht sehr ehrenhaften Mannes, kann erzählen. Knapp, beinahe spröde, unspektakulär, aber doch berührend sind seine Geschichten. Die Geschichten lassen uns zweifeln am Wahrheitsgehalt der Wirklichkeit. Und damit leisten sie einen Dienst, den die längst korrumpierten Medien nicht mehr leisten können. Literatur richtet uns eine Metaebene ein, mit der wir uns von all dem Medientrash emanzipieren können. Vielleicht ahnen wir kaum, wie wichtig Literatur in einer Zeit der Massenproduktion ist, in einer Zeit, die an der Speicherhybris leidet. Hier wird weggestrichen, was wir nicht brauchen. Das „Wesentliche“ – ein Wort das Heidegger geprägt hat – wird erzählt. Das ist aber auch gefährlich. Denn wer sagt denn nun, dass gerade das das Wesentliche ist? Die Literatur braucht daher selbst eine Metaebene. Und niemand braucht die Literatur mehr, als die Literatur selbst, um sich immer wieder neu zu justieren.

 

 

 

Stopfkuchen: Eine See- und Mordgeschichte

von Wilhelm Raabe

Verlag: Manesse Verlag (27. September 2010)

An der Weser, im westlichen Niedersachsen in der Stadt Holzminden, wuchs der Autor und Maler Wilhelm Raabe auf – gewiss kein Arkadien, auch wenn der eine oder andere raue Hirte dort gelebt haben mag. Und dass in seinem Roman von 1890 die Stadt der Ereignisse Maiholzen heißt, verweist in einem Wortspiel auf die autobiografischen Bezüge in dem Roman.
Eine zentrale Rolle in dem Roman von Wilhelm Raabe nimmt der Postbote Störzer ein. Daher mag es schon Sinn machen, sich einmal kurz historisch mit der Post zu beschäftigen. So hat nach Henri Bade eine Kaiserliche Thurn und Taxissche Post (hier sei an die Lektüre Die Versteigerung von No. 49 von Thomas Pynchon erinnert)  schon vor 1700 bestanden. Die braunschweigische Landespost bestand in Holzminden auch schon vor 1743, denn schon vor der Fahrpost von Braunschweig nach Holzminden im Jahre 1743 gab es eine Route des reitenden Postboten von Braunschweig über Gandersheim, Holzminden weiter nach Paderborn.  Und wie es der Zufall will gab es einen Postdirektor der Königlich Westfälischen Post namens Herrn Raabe als Directeur 3. Classe (1810–1813). In den Adressbüchern werden folgende Postmeister des Postamts in Holzminden aufgeführt : August Heinrich Raabe, Postrath (1833–1840), Carl Raabe (1841–1854) „Postsekretär Raabe zu Holzminden ist zum 15. Januar 1846 zum Postmeister ernannt worden. Der Einfluss der Post - als einer geordneten Nachrichtenvermittlung - auf die Entwicklung der modernen Welt ist kaum zu unterschätzen.

Friedrich Störzer, der Jugendfreund des Erzählers Eduard ist fünf Mal um die Erde gereist, ohne viel von ihr gesehen zu haben. Dass sich eine Erzählebene fernab der alten Heimat abspielt, hat eine parabelhafte Wirkung. Für Eduard war Friedrich Störzer ein väterlicher Freund und Mentor. Ihm verdankt er letztlich seine Weltlichkeit und den Drang zu reisen. Der Reisende und Ornithologe Levaillant ist gemeinsame literarische Grundlage der Jugendfreunde. Dass Raabe einen Postboten und einen Viehhändler (Kienbaum, der Ermordete) zu Schlüsselfiguren macht,  mag vielleicht Zufall sein, aber es ist interessant, dass es in der Frühform der Postgeschichte eine „Metzgerpost“ gab, von der noch heute das berühmte Posthorn stammt, in die der Metzger blies, wenn die Post kam. Mit der Metzgerpost wird eine frühe Form der Beförderung und Zustellung von Post- und Paketsendungen durch herumziehende, Vieh kaufende Metzger bezeichnet. Ein Vogt aus Tuttlingen erklärte 1596 bei seinem Amtsantritt: „Die Metzger seien mit ihren Pferden zu Postritten verpflichtet.“

Metzgerpost war vor allem in Baden, Württemberg  und der Pfalz üblich. Dort hatten die Metzger auch das Recht, ein Horn zu benutzen, um an den Stationen eine schnellere Abfertigung zu erlangen. Teilweise mussten sie auch die Pferde Privatleuten zur Verfügung stellen. Die Metzgerpost wurde dann im 18. Jahrhundert von der Kaiserlichen Reichspost unter der Leitung der Thurn und Taxis und den Landespostanstalten übernommen.

Weitere autobiografische Bezüge sind in dem Binnenerzähler Heinrich Schaumann angelegt, der das Abitur wie Wilhelm Raabe nicht schaffte. Und wie Raabe wehrt sich auch Heinrich Schaumann durch Bildung und Erzählkunst gegen die Demütigungen der Jugendzeit.  Arno Geiger schreibt in seinem Nachwort, dass dieser Roman bereits früh das Thema „Mobbing“ vorweggenommen habe. Dies in mehreren Formen: Einmal durch die Jugendfreunde an Heinrich Schaumann, dann durch die Vorverurteilung der philiströsen Dorfgemeinde von Maiholzen und am Ende durch die Verweigerung derselben, an der Beerdigung von Friedrich Störzer teilzunehmen, Friedrich Störzer, der seinerseits vom ermordeten Kienbaum gedemütigt wurde.

Fünf Erzählebenen sind in dem Roman eingebunden:

1. Die Realitätsstufe, jene 30 Tage auf See, in denen Eduard niederschreibt, was ihm Heinrich Schaumann erzählte.

2. 36 Stunden, in denen Eduard sich an seinen Aufenthalt in seiner Heimatstadt erinnert, die Abende in Brummersumm, die Mitteilung vom Tode Störzers, der Gang zur Roten Schanze, der Tag mit Stopfkuchen und Tine, der Besuch im goldenen Arm, das Begräbnis Störzers und die Abfahrt Eduards.

3. Die Kindheit und Jugend Eduards, seine Freundschaft mit Störzer und seine Bekanntschaft mit Stopfkuchen (Spitzname von Heinrich Schaumann)

4. Tines Erinnerungen an ihre schwere Kindheit, den bösartigen und verschlagenen Vater, den Bauer Andreas Quakatz, die Hochzeit, das Begräbnis ihres Vaters.

5. Störzers Kindheit wiedergegeben im Gespräch im Stopfkuchen. Dort erfahren wir, wie Störzer schon früh von dem ermordeten Kienbaum „gemobbt“ wurde.

Als letzte Ebene erscheint noch die zeitgeschichtliche Einbettung des Romans, der vor allem den 7jährigen Krieg erwähnt (Mitte des 18. Jahrhunderts), ein Krieg der auch stark von kolonialen Auseinandersetzungen geprägt war, und damit immer wieder auch Kritik am „Burenherrn“ Eduard miteinschließt. Sogar in die Frühgeschichte der Gegend wird verwiesen, durch die paläontologischen Studien von Heinrich Schaumann, der schließlich die Gebeine eines Riesenfaultiers sein eigen nennt. Die rote Schanze, die Heinrich Schaumann erobert ist ein Stadtteil von Wolfenbüttel. Der Roman bezieht sich aber wahrscheinlich auf die „weiße Schanze – westlicher Stadtteil von Wolfenbüttel -, ein Kriegsschauplatz während des 7jährigen Krieges und der Ort, an dem Wilhelm Raabe das Gymnasium besuchte.

In den 1890er Jahren erschienen Romane wie Das Bildnis des Dorian Gray, Die Zeitmaschine oder auch Dracula. Man hat den Eindruck, dass sich Wilhelm Raabe wenig um diese literarischen Moden kümmerte. Und zu seinen Lebzeiten wurde dieser Roman auch kaum beachtet. Für bedeutender hielt man die die sogenannte „Stuttgarter Trilogie“ (Der Hungerpastor, Abu Telfan, Der Schüddrump).
Doch der besondere Riss zwischen technischer Moderne und Welteroberung einerseits, sowie der trauten Behaglichkeit und philisterhaften Geborgenheit im Alten verleiht Raabe Ausdruck. So zählt er zu den Autoren des poetischen Realismus. Detailgetreu wird die wohnliche und eheliche Behaglichkeit geschildert, die jedoch psychisch schwer traumatisiert ist. Der naive Erzähler Eduard bekommt dies bis zum Schluss nicht mit und wird so zu einem idealen Beobachter. Denn es ist Heinrich Schaumann, der dicke und faule Stopfkuchen, der uns das Drama dieser Zerrissenheit vermittelt.  Es ist ein moderner Roman, der uns zeigt, wie Heimat verloren gehen kann, bis hin zu unseren guten Vorurteilen. Am Ende wurde Eduard alles genommen, sogar seine Motive die Welt zu sehen. Es ist ein düsteres Ende und eine Vorankündigung der Verlorenheit künftiger Helden dieser Welt. 

 

 


Auslöschung: Ein Zerfall

Von Thomas Bernhard

Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 13 (28. August 1988)

 

Wer nicht lachen kann, ist nicht ernst zu nehmen.

In diesem Jahr wäre er 80 Jahre alt geworden, und ob der große Nestbeschmutzer im Alter – ähnlich wie Arthur Schopenhauer – die Kehrtwende zur Alterssanftmut vollzogen hätte, werden wir nicht erfahren. Als „Hund“ soll ihn der ehemalige Unterrichtsminister Piffl-Percevic einmal bezeichnet haben, als „Schwein“ ein ehemaliger Senatspräsident. Thomas Bernhard hat zurückgeschossen: Österreich selbst ist nichts als eine Bühne auf der alles verlottert und vermodert und verkommen ist, eine in sich selbst verhasste Statisterie von sechseinhalb Millionen Alleingelassenen, sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige die ununterbrochen aus vollem Hals nach einem Regisseur schreien. Der Regisseur wird kommen und sie endgültig in den Abgrund hinunterstoßen.  (Aus „Heldenplatz“ 1988)

Der Staat, die Kirche (Verlogenheitsseelsorger) die Ärzte (die Dummen), die halb gebildeteten Emporkömmlinge aus dem Mittelstand, charakterlose Menschen wie der Weinflaschenstöpselfabrikant, die mit ihrer Gemütlichkeit ihre Umwelt unterdrücken und unterjochen, Leute, die stumpfsinnig faul sind, wie das Schwein, perverse und verdorbene Unmenschen wie die Jäger – wenige bleiben verschont von Bernhards aggressivem Humor.
Thomas Bernhard lesen, das bleibt nicht wirkungslos. Er ist der Übertreibungskünstler, der sogar die Untertreibung als Übertreibung der Untertreibung schildern kann, wodurch die Untertreibung letztlich wieder zur Übertreibung wird.

Über vier Jahre lag diese, von mir bereits dreimal gelesene „Auslöschung“ nach seiner Fertigstellung im Mai 1982 im, wie gesagt wird Giftschrank. Aber schon viel früher hat sich Thomas Bernhard mit dem Ort des Romans beschäftigt. Im Jahr 1953 erschien im „Demokratischen Volksblatt“ ein Bericht über Wolfsegg, den Ort, wo „die Wölfe einst gehaust haben“. Dieser Text wiederum diente dann als Vorlage für die zehn Jahre später erscheinende Erzählung „Der Italiener“, das dann weitere zehn Jahre später zum Drehbuch ausgebaut und 1971 auf Schloss Wolfsegg verfilmt wird. Zwischen Niederschrift und Veröffentlichung von „Auslöschung“ liegen drei Romane[1], denn Bernhards Ehrgeiz war es, immer einen Roman pro Jahr zu veröffentlichen. Doch „Auslöschung“, sein dickster Roman, sollte eine Art Altersabsicherung sein. So hat Bernhard diesen Roman selbst als sein Vermächtnis bezeichnet, sein Testament sozusagen. Seit Anfang der 60er Jahre war Bernhard mit dem Grafen St. Julien und dessen Familie befreundet, den Besitzern von Schloss Wolfsegg. Dort erschien er, ähnlich wie im Roman, gerne unangekündigt, um dann in der Küche zu sitzen, und sich von der Köchin sein Lieblingsgericht zubereiten zu lassen. Vom Küchenfenster aus kann man auf Bernhards Ottnanger Haus blicken. Auch mit Ingeborg Bachmann hat er das Schloss öfter besucht. Im Roman wird Ingeborg Bachmann als Maria dargestellt, bildet das positive Frauengegenbild zu den Schwestern Cäcilia und Amalia. Im Brandlhof  im Ort Wolfsegg saß er dann mit Ingeborg Bachmann, gemeinsam mit der Dichterfreundin auf die Mariensäule blickend.
Der Nuntius Cesare Zacchi gibt die Vorlage für die Figuren Zacchi und Spadolini, und Alexander von Üxküll (Flüchtlingskommissär der UNO) ist Vorlage für den „Phantasten Alexander“. Bernhard hat stets die erlebte Wirklichkeit literarisch genutzt[2]
Aus zwei Teilen besteht die Niederschrift jenes Franz Josef Murau, aus dem „Telegramm“ und aus dem „Testament“. Es sind die Gegenwelten, hier Rom da Wolfsegg. Hier das gute, künstlerische Arkadien, dagegen im Norden das düstere, bösartige und geistlose Wolfsegg. Murau bekommt ein Telegramm, quasi aus der Unterwelt zugeschickt, seine Eltern und sein Bruder sind bei einem Autounfall getötet worden. Der unmögliche Fall wird Wirklichkeit, Murau muss ein verhasstes Erbe antreten. Am Ende steht ein „Antiheimatroman“ der Extraklasse. Eine komplette Dekonstruktion sämtlicher niederträchtiger Existenzen, eine Art Digitalis für die geschundene Seele, im Übermaß genossen nichts als tödlich. Denn es ist klar, dass Bernhards Literatur giftig ist, dabei hochinfektiös, und radikal. Thomas Bernhard treibt auf die Spitze, und er geht mit höchster Präzession diesen schmalen Grad der sarkastischen Bosheit, wo man so leicht in die Lächerlichkeit hinabstürzen kann. Bernhards Sprache ist dabei fast oral, wirkt, als hätte man es gehört, nicht gelesen. Atemlos (schon der erste Satz geht über mehr als eine halbe Seite) werden die Sätze konstruiert. In nur einem Satz kann Bernhard dabei mehrere Perspektiven einbauen: „Eine Seele wie die Marias, so Eigenbergs Worte, wird in Wien bald erdrückt, dachte ich, am Fenster stehend, auf die Piazza Minerva hinter- dann zum Pantheon hinüberschauend, auf die Wohnungsfenster von Zacchi, der nicht zuhause ist, wie ich dachte.“ Eine typische sprachliche Figur Bernhards, das regelmäßige Wiederholen von Inquitformeln wie dachte ich, sagte er, das kunstvolle Anwenden des Passivs, und immer wieder die Anwendung des Gesetzes der wachsenden Glieder, über ganze Passagen (z. B. Seiten 28, 29 über die Fotografie, oder 92 bis 95 über die Arbeit). 

Anarchismus im Sinne Kropotikins, Ablehnung zentraler Hierarchien und Ablehnung des Sozialdarwinismus, sowie Nihilismus (Nach und nach müssen wir alles ablehnen, habe ich zu Gambetti auf dem Pincio gesagt, nach und nach gegen alles sein um ganz einfach an der allgemeinen Vernichtung, die wir im Auge haben, mitzuwirken, das Alte auflösen, um es am Ende ganz und gar auslöschen zu können für das Neue, Seite 211), genaugenommen ein revolutionärer, radikaler Nihilismus stehen im Zentrum des Romans „Auslöschung“. Ausgelöscht soll vor allem die Bildwelt werden. Von Beginn an stehen das Foto im Focus (der Eltern, der Schwestern und des Bruders) und die Frage nach dem Wahrheitsgehalt solcher Fotografien. Die Wirklichkeitsverfälschung der Fotografie, der scheinbar realen Abbildung der Welt steht als Metapher für die Verlogenheit dieser Welt. Man will nur sehen, was man sehen will. …denken Sie nur an das Foto, das Einstein zeigt, wie er seine Zunge herausstreckt. Ich kann Einstein nicht mehr sehen, ohne daß er seine Zunge herausstreckt, Gambetti, hatte ich zu diesem gesagt. (Seite 244)
Alles wird immer nur geheuchelt, vorgespielt. Das gesamte Begräbnis ist nichts als ein Theater, die Teilnehmer am Begräbnis nichts als Schauspieler, und Murau ist gezwungen, seine Rolle zu spielen. Er spielt sie, angewidert, doch er muss sie spielen. Die Welt ist nicht mehr authentisch. Sie hat alle naive Kindlichkeit verloren. Die Kindervilla wurde entzaubert, entweiht. Und die Kindheit kann man nicht mehr zurückholen. Was bleibt ist die Zerstörung, die Auslöschung indem wir sie ganz und gar radikal zuerst zerstören, beinahe bis auf nichts vernichten, erst dann könne man sie wieder in unserem Sinne aufbauen. Die Welt kann also nicht mehr reformiert werden. Sie ist durch und durch verdorben: „Schwarz steht dir am besten, habe ich zu ihr gesagt, es war nicht bösartig gemeint, aber sie hatte es natürlich gleich so aufgefaßt, sie hatte mir keine hintergrundlose anständige Bemerkung zugetraut…“

Das Mißtrauen in den anderen und auch in sich selbst ist zu groß geworden, um heilbar, reformierbar zu sein. Der Fisch stinkt vom Kopf weg sozusagen.  Nationalsozialismus und Pseudosozialismus, eine verlogene und heuchlerische katholische Kirche, ein verlogener Staat die Millionen verlogener Menschen erzieht, die sich der Lüge und der Wirklichkeitsverfälschung durch Bilder nicht mehr entziehen können, hier prophezeit uns Bernhard eine vom Stumpfsinn beherrschte Welt, durch und durch verlogen.

Und wenn man sich bestürzt vergegenwärtigt, dass sowohl ARD und ZDF einen ganzen Tag lang eine Hochzeit übertragen, nichts mehr zulassen, außer royale, größenwahnsinnige Hochzeitsbilder, wenn man diesen Irrsinn sich klar macht, wenn man dann auch noch die Leute hört, die froh sind, dass es mal so genannte gute Nachrichten gäbe, dann wird einem wirklich übel. In der Tat: Denkst du an die Deinigen, wird dir übel, denkst du an die übrigen, wird dir genauso übel.
Dass dies alles völlig übertrieben ist, dass es so aber radikal wahr wird, das beweist der Humor dieser Schreibe. Der Humor, das Satirische ist überhaupt das Mittel, nicht abzustürzen ins Lächerliche. Es ist das, was den so genannten Weltverbesserern ja immer fehlt. Die so genannten Weltverbesserer sind humorlos und ständig ernst. Sie bekommen keine Distanz zu ihrer Weltverbesserungsidee und machen ihre Weltverbesserungsidee damit sozusagen zunichte. Die Distanzlosigkeit der Weltverbesserer zu ihrer Weltverbesserungsidee überführt sie der Lächerlichkeit.
Substantivierung und neologistische Komposita. Es ist eigentlich sehr einfach, Bernhards Schreiben zu imitieren. Es allerdings über 650 Seiten durchzuziehen, das ist größenwahnsinnig. Und herrlich zugleich. Bernhard zu lesen macht ein unglaubliches Vergnügen und anschließend muss man sich schütteln wie ein Hund und putzen wie eine Katze. Man braucht eine Weile, um das alles wieder loszuwerden.

 

 

 

Freitisch

Von Uwe Timm

Verlag: Kiepenheuer & Witsch; Auflage: 1., Auflage (24. Februar 2011)

 

Uwe Timm – inzwischen Grand Seigneur  der deutschen Literatur - hat sich sein Lebensthema noch einmal vorgenommen. Das sind die 1968er. Sein Roman „Heißer Sommer“ zählt bis heute zu den wenigen literarischen Zeugnissen der 68er-Studentenrevolte und mit Benno Ohnesorg war Uwe Timm auch befreundet, auch darüber gibt es ein literarisches Zeugnis von Uwe Timm: in dem Roman „Rot“ erschienen 2001, wo er sich noch einmal mit den Träumen und Hoffnungen der 68er auseinandersetzt, kritisch durchaus, da Uwe Timm 1981 aus der DKP ausgetreten ist, wegen deren unkritischen Haltung zur damaligen DDR.

Diesmal wieder in einer Novelle (eine literarische Form, die Timm schon in „Die Entdeckung der Currywurst“ anwendete). Als Begründer der Novellentradition gilt der Italiener Giovanni Boccaccio aufgrund des von ihm verfassten Dekamerone („Zehntagewerk“). Aus der Schule kennen Sie vielleicht noch die Falkentheorie von Paul Heyse, die sich der Falkennovelle des Dekamerone bedient in der ein edler Ritter all sein Hab und Gut aufbietet, um seine Herzdame zu gewinnen. Am Schluss hat er nur noch einen Falken übrig, und den setzt er nun auch ein und gewinnt das Herz der Frau. Nach Paul Heyse soll nun in jeder Novelle so ein „Falkenmotiv“ als überraschende Wende vorkommen, die Geschichte so wenden, dass sich die Handlungen als Knoten verbinden. Uwe Timm schreibt dazu in seiner Novelle: […] kommt aus einem Seminar über die Novelle. Dingsymbolik, Wendepunkt und so, da meldet er sich und sagt, die Falkentheorie von Heyse sei einfach zu schlicht. … Warum? Das Beispiel aus dem Dekamerone, wo der Ritter seinen einzigen ihm verbliebenen Besitz, den Falken, seiner Giovanna als Braten vorsetzt – darin stecke bei Boccaccio nicht nur Großzügigkeit und Tragik, sondern auch Komik. Komik aber war Paul Heyse völlig fremd.(Seite 72)

Die Novelle ist eine Art Kammererzählung, was heißt, eine Novelle (Schachnovelle von Stefan Zweig zum Beispiel) wird in der Regel so angelegt, dass sie eine Rahmenhandlung und eine Binnenhandlung hat. Dadurch entstehen immer zwei Schauplätze. Eine Kurzgeschichte hat meist nur einen Schauplatz, eine Novelle mindestens zwei und ein Roman so viele wie er will. Klassischer Lehrmeinung nach weist die Novelle übrigens immer auf eine Neuheit hin (was ja der Ursprung des Wortes – Gesetzesnovelle – schon sagt): Und hier haben wir das eigentlich Neue, denn es handelt sich wohl um die erste Satire, die Uwe Timm je geschrieben hat. Eine sehr zarte Satire über Literatur und die Möglichkeiten von Literatur, vor allem über Arno Schmidt, über Freundschaft und das Vergängliche solcher Freundschaften. Was bleibt zwischen Bürde der Vergangenheit und Unsicherheit der Zukunft?

Die Icherzählung von Uwe Timm führt dabei einen alten Bekannten ein, und zwar kommt der in seinen Poetikvorlesungen aus den Jahren 1991/92 vor: Timm reüssiert da über die deutsche Rechtschreibung, und wie schwer ihm das wohl gefallen ist. Der Unterschied zwischen Literatur und Deutschunterricht sozusagen.  Im Rechtschreiben liegt ein permanenter Zwang, der nur erträglich wird, weil wir ihn so lange einüben, dass wir ihn schließlich nicht mehr oder kaum noch bemerken. […]Der Schüler aus meiner Grundschulzeit, der die besten, weil fehlerfreiesten Diktate schreiben konnte, leitet heute eine Mülldeponie bei Hamburg und sagt – was ich sofort nachvollziehen kann -, es sei eine wunderbare Beschäftigung, dieses Chaos zu überblicken… […] Jetzt schreibt und liest er nicht mehr. Ich sage das ohne jeden Triumph. Er muß nur noch Häkchen machen. ( aus „Erzählen und kein Ende“ Seite 11)

Dieser Leiter der Mülldeponie, den Timm 1991 in seinen Frankfurter Vorlesungen erwähnt, taucht 20 Jahre später als „Euler“ wieder auf, diesmal als Literatur. Und dieses Nachdenken über Grammatik und Rechtschreibung ist durch den Bezug auf Arno Schmidt in der Novelle auch gegeben.
Das Ganze spielt zum Teil in München in den 68er Jahren, zum anderen Teil in der Jetztzeit in Anklam (freie Hansestadt in Ostvorpommern. Damit sind die beiden Schauplätze der Novelle gegeben. Und der Icherzähler erzählt dem Protagonisten Euler, dem Leiter der Mülldeponie noch einmal ihr gemeinsam Erlebtes aus jener Zeit, an einem Mittagstisch einer Versicherung, wo es für Studenten billige Mahlzeiten gab.
Der Leiter der Mülldeponie, der jetzt nur noch Häkchen macht, war ein begeisterter Arno Schmidt Leser.
Ein gemeinsamer Ausflug zur Wohnstätte von Arno Schmidt nach Bargfeld (Niedersachsen) wo dieser von 1958 bis 1979 lebte, eine Autofahrt (im knallroten VW Cabrio) von München nach Bargfeld, die komische, skurrile Begegnung mit Arno Schmidt (Halle, hallte es ziemlich laut aus des Meisters Mund. Was für ‚ne Halle?Seite 129), dem Rechtschreibphantasten der Literatur, ist für mich so etwas wie der Höhepunkt der Novelle.

Euler hatte vorher schon versucht, den Meister zu sprechen, scheiterte aber. Diesmal hatte er sich was ausgedacht.

In der „Alten Schmiede“ in Bargfeld kann man auch heute das Arno-Schmidt-Museum besuchen.

Freitisch ist ein unglaublich raffiniertes Buch, das zeigt, was für ein starker und vielseitiger Autor Uwe Timm ist.

Und so ist auch das Ende der Novelle meisterlich: Der Freitag jener Woche war der letzte vorlesungstag. Die Semesterferien begannen. Damit hörte auch der Freitisch auf. Wir gingen an dem Tag auseinander. […] Wie man so sagt, wir verloren uns aus den Augen. Bis heute. Ich saß und sah hinüber zum Rathaus. Der Wind hatte gedreht, kam jetzt aus Westen, und die Wolken waren dichter und flacher geworden.  […] Die Bedienung kam, fragte, darf’s noch was sein. Nein danke. Nur noch zahlen.

Das Wetter wird zum Gleichnis, der gedrehte Wind, der Westwind, flacher und auch dichter sind die Wolken. Und am Ende des Prozesses unseres schönen Kapitalismus? „Nein danke. Nur noch zahlen.“ Nur noch zahlen bzw. nur noch Zahlen.
Nur noch zahlen! Einen Freitisch gibt es heute nicht mehr. Selbst die Tafel kostet, und man muss vorher die Hosen runterlassen, seine Bedürftigkeit nachweisen. Sozialer Transfer ist nur noch über menschliche Erniedrigung zu haben. Öffentliche Räume, die jedem zugänglich sind, verschwinden aus der menschlichen Landschaft. Der Mensch ist durchökonomisiert bis in seine private Beziehungswelt. Kommodifizierung selbst der Luft – Besteuerung der CO2-Emmission. Die Wolken wurden flacher und dichter.  Die Literatur träumt noch etwas anderes, und Uwe Timm gehört zu den älteren deutschen Autoren, die noch ganz unbeleckt (Timm ist Jahrgang 1940) so etwas träumen dürfen, im Gegensatz zu Grass, Wellershoff, Jens, die alle ihren Parteiausweis hatten. Tragisch, denn in den 68er Zeiten wären sie gelyncht worden, hätten sie die Wahrheit gesagt. Dann steckten sie in der Lüge fest und dekonstruierten auf ganz unglückliche Weise die Moral der deutschen Literatur.

In einer Gesellschaft, welche sich durch die wirtschaftliche Konkurrenz reproduziert, stellt schon die Forderung nach einem glücklicheren Dasein des Ganzen eine Rebellion dar: den Menschen auf den Genuss irdischen Glücks verweisen, das bedeutet, ihn jedenfalls nicht auf Erwerbsarbeit, nicht auf den Profit, nicht auf die Autorität jener ökonomischen Mächte verweisen, die das Ganze am Leben erhalten. Der Glücksanspruch hat einen gefährlichen Klang in einer Ordnung, die für die meisten Not, Mangel und Mühe bringt.

So – nachzulesen im Roman „Heißer Sommer“ – hat man damals geredet.
Und Autos bei denen immer wieder mal was Überflüssiges durchschmort – die gibt es auch nicht mehr. Vieles gibt es nicht mehr, wo wir doch angeblich in einem Ismus leben, der uns alles zur Verfügung stellt.
Aber – Überraschung – selbst die zahlungsfähigen Bedürfnisse können nicht alle befriedigt werden.

 

 

 

 

 

Mann im Dunkel

Von Paul Auster

 übersetzt von Werner Schulz

Verlag: rororo (1. April 2010)

 

Der Traum im Traum

Ich habe in meinem Leben viel geflunkert, aber wenn es um Bücher geht, lüge ich nie.

August Brill liegt nachts wach im Bett. Er ist der Mann im Dunkel. Er liest im Manuskript seiner Tochter Miriam und denkt sich selbst Geschichten aus. Seine Figur heißt Owen Brick. Wie russische Matrjoschka-Puppen steckt der amerikanische Autor Paul Auster seine Figuren ineinander. Er jongliert mit Geschichten wie mit bunten Bällen. Der "Mann im Dunkel" ist ein wunderliches Buch über eine wunderliche Welt.

Ein Kampf mit der Schlaflosigkeit wird zum Kriegsschauplatz, eine weiße Nacht in der großen amerikanischen Wildnis. Eigentlich sind „weiße Nächte“ solche, in denen die Sonne nur für kurze Zeit untergeht.
Symbolisch steht die „weiße Nacht“ aber natürlich für eine durchwachte Nacht. Manchmal, weil man durchgefeiert hat, manchmal aus anderen Gründen, vor allem für die Schlaflosigkeit. Wer unter einer Insomnie leidet, weiß, was es bedeutet, nachts mit offenen Augen dazuliegen und in einer stillen, dunklen Welt zu erleben, wie sich Traum und Realität derart mischen, dass man Probleme bekommen kann, sie auseinander zu halten. Eine schlaflose Nacht hat oft genug psychische Probleme als Ursache. Man grübelt, denkt nach, dreht sich denkend im Kreis oder plötzlich bekommen die Gedanken eine Geschwindigkeit, eine erzählerische Fahrt, die wir kaum zu stoppen in der Lage sind.

Paul Auster erzählt von so einer Nacht. Der Roman ist mit einem Traum als Binnenerzählung ausgestattet und dieser Traum hat eine weitere Binnenerzählung, denn Owen Brick erlebt ganz plötzlich, dass er sich in einem ganz anderen Amerika befindet, einem Amerika das sich in einen Bürgerkrieg verstrickt hat, den Owen Brick beenden könnte, wenn er den eigentlichen Träumer tötet, was – wie mehrfach erwähnt wird – eigentlich ein Selbstmord wäre, denn der Träumer dieses fatalen Amerika im Bürgerkrieg ist voll Trauer, lebt in einem Trauerhaus. Owen Brick weigert sich, kehrt zurück in seine Welt. Seiner Frau Flora kann er nicht erklären, was er erlebt hat. Sie zweifelt, doch die Binnenerzählung bricht in seine Welt ein und bedroht ihn und seine Frau. Frisk ist der Mann, der Owen Brick zwingt, den Auftragsmord an dem Träumer zu begehen. Owen bringt seine Frau in Sicherheit und beschließt, sich selbst zu töten. Doch er kann es nicht. Er ist ja auch nur ein Traum von einem anderen. Er wird von Virginia, einer Jugendliebe, gerettet. Sie ist wohl eine Doppelagentin. Das ist schlüssig, denn sie ist auch die Jugendliebe des Träumers. Sie ist die Schlüsselfigur, die der Träumer, der schlaflose August Brill nicht erfunden hat.

Doch sie überlebt nicht. Auch Owen Brick wird getötet. Der zweite Teil des Romans findet in einem nächtlichen Gespräch von August mit seiner Enkelin statt. Sie will wissen, warum August sich von ihrer Mutter trennte. August erzählt die Geschichte seiner Liebe und bemüht sich, seiner Enkelin klarzumachen, wie einsam er doch war. Eine weitere tragische Geschichte ist der Tod von Titus, Katyas Freund. Katya, die Enkelin von August ist nicht unschuldig. Sie weiß auch von ihrer Schuld am Tod ihres Freundes. Titus zieht in den Irakkrieg, weil er sich von Katya nicht geliebt wähnt. Sie hat ihn verlassen. Dort im Irak wird Titus gefangen genommen und auf bestialische Weise getötet. Die Tötung wird im Fernsehen gezeigt. So wird die „weiße Nacht in der großen amerikanischen Wildnis“ zu einer Allegorie des in einen absurden Krieg verstrickten Amerika.

Der amerikanische Traum wurde zum Alptraum. Und die Liebe geht dabei seltsame Wege.

Das Individuum ist verstrickt in die große Geschichte. Nur wissen wir nicht so recht, wer unseren (Alp)Traum träumt. Wüssten wir es, würden wir den Träumer töten?

Aber nein. Denn Mann im Dunkel endet ja mit dem Vorhaben, ein ausgiebiges „ländliches Frühstück“ zu nehmen, endet mit dem Vorhaben, die Trauer endlich aufzugeben und noch einmal eine Reise zu machen. Sie endet mit der Hoffnung auf ein schöneres, freieres Leben. Und darin zeigt sich die kleine Geschichte von Rose Hawthorne, die eine Art Erweckungserlebnis hat und in der Folge ihre Pläne als Dichterin aufgibt, um sich der Bekämpfung der Armut zu widmen.

Ein weiteres Motiv ist das supererogative Motiv. Supererogation! Tue mehr als nur deine Pflicht. Wenn wir auch an dem Traum, den wir träumen müssen, nichts ändern können, so können wir doch unsere Haltung zu diesem Traum ändern.

Owen Brick verweigert sich der Schandtat, einen Menschen zu töten, lieber würde er selber sterben. August Brill kann über dieses erträumte Alter Ego in einem Bekenntnis an seine Enkelin sich neu erfinden.  Aber dazu musste Owen Brick sterben. Und darum ging es denn ja auch. Wer gewinnt? Unsere Figur, die wir uns ausgedacht haben und deren erzählerische Fahrt wir kaum noch stoppen können, die nur vom Ende der „weißen Nacht“ zu stoppen ist, oder gewinnen wir selbst wieder die Oberhand? Werden wir selbst wieder zum Geträumten, in dem wir aufwachen?

Schon vor über 2000 Jahren stellte sich der chinesische Philosoph Chuangtse die nahezu gleiche Frage: Ich träumte, ich wäre ein Schmetterling. Jetzt bin ich aufgewacht und weiß nicht, ob ich ein Mensch bin, der gerade geträumt hat, er sei ein Schmetterling, oder bin ich ein Schmetterling, der gerade träumt, dass er ein Mensch ist.
Vielleicht erträumen wir unsere Wirklichkeit? Oder spiegeln die Träume unsere Realität wieder? Ist also ein Traum nur ein Abklatsch unserer Realität oder eine eigenständige Realität? Bzw. werden unsere Träume Wirklichkeit weil wir darauf viel Energie investieren um sie umzusetzen oder zeigen uns unsere Träume in symbolischer Form etwas, dass sowieso passieren wird ob positiv oder negativ? Eine Transformation also von Träumen und Wünschen in die Wirklichkeit? Doch was ist wirklich wirklich?

Und spielt es überhaupt eine Rolle? Ob im Traum oder in der Wirklichkeit: wir handeln, wir müssen irgendwie handeln. Ein Gesetz in der Dramaturgie lautet: Dramatisches Geschehen entspringt nicht Worten, sondern Handlungen. Und selbst wenn ich mir eine Geschichte ausdenke sagt bzw. handelt die Figur nicht, wie der Dichter will, sondern wie es die Überlieferung verlangt. Denn sonst hätte die Figur ja auch Schrifttafeln an sich tragen können.

In all den Welten, den erträumten und den wirklichen, bin ich auf der Suche, auf der Suche nach Bedeutung. „…denn es ist ein immer ewigwährender Anfang. Es anfänget sich immer und von Ewigkeit in Ewigkeit, da keine Zahl ist, denn es ist der Ungrund.“ (Jakob Böhme Mysterium Pansophicum)

Ein Grund, für ein ausgiebiges Frühstück mit allem was dazu gehört.

 

 

[1] Mit „Untergeher“, „Holzfällen“ und „Alte Meister“ hat Bernhard eine Art Künste-Trilogie geschaffen, der Reihenfolge nach Musik, Literatur und bildende Kunst literarisch bearbeitet.

 

[2] Bernhard bezeichnete sich selbst als „literarischen Realitätenvermittler“, in Anspielung auf Karl Ignaz Hennetmair, Grundstücksmakler aus Ohlsdorf, mit dem ihn eine jahrelange Freundschaft verband.

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