Literaturprojekt
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Archiv 2016

Vom 13. Dezember 2016

 

Handbibliothek der Unbehausten

Von Volker Braun

Erschienen  2016 im Verlag Suhrkamp

 

Unbehaust, zwischen den Dämonen und der Wilderness von Miltons verlorenem Paradies, zwischen China und Eisleben, zwischen der Ukraine und Santorin, waren wir nicht gefasst auf die Welt. Und jetzt ist diese Welt von der Schließung bedroht.  Die Menschen werden rausgeschmissen (Nu ma raus mitten menschlichen Wesen.  Schon früher schlugen wir Köpfe ab und stapelten sie.

Kein großer Optimismus, den Volker Braun in seinem aktuellen Gedicht-Band verbreitet. Und doch ist es kein Pessimismus: „Wie reich wir geworden sind / Und andererseits wie sorgenvoll / Es ist die beste Zeit / Wir erhalten viel / und wir verlieren viel“. So nah liegt Major dem Minor, wie schon zu Giurdano Brunos Zeiten (dessen Buch so hieß).
Goethe, Dante, Milton, Brecht, ein paar Chinesen (Lao Mas), Mythen, auch die urbanen Mythen eines Roland Barthes, - so breit aufgestellt ist diese elektrisierende Sammlung. Und zugleich gibt es eine entscheidende Stoßrichtung, in die nahezu alle Gedichte gehen. Es geht hier ums Ganze und dabei ist das Subjekt zum restlos verwalteten Objekt geworden. Unsere Sehnsuchtsorte wurden zum belanglosen FKK-Strand (Hiddensee) und überall ist Ausverkauf. Totale Verwertung (Das ganze Leben warfen wir inn Handel), zwischen Krieg und Frieden gibt es keinen Unterschied mehr und der Mensch fährt bald ins Funkloch. Verfasst im Sonette, Blankvers, im Paarreim sogar, oder reines Prosagedicht, so wunderschön erfasst wie in „Steinbrech“.  Aber Volker Braun, der vom Roman bis zum Schauspiel schon alles geschrieben hat, kopiert nicht nur, sondern verwandelt die Formen auch, wie in „Telephos an Papenfuss“, wo Geschichte auf hegelianische Art ineinander fährt und Lyrik zur dialektischen Kraft wird. Da wird in einem Gedicht von Publius Syrius (römischer Mimen-Autor 1. Jhdt. v. Chr.) über Tolstoi bis zum Berliner Dialekt gewandert, eben unbehaust.

Volker Braun, der politische Autor schlechthin (Hinze und Kunze), war schon immer ein formreicher, stilsicherer Kritiker der Verhältnisse. Er gehörte 1976 zu einem der ersten, die sich gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann aussprach, verließ 1982 den Schriftstellerverband der DDR,  er war jahrelang Mitarbeiter und Mitherausgeber von ARGUMENT (sozialpolitisches Magazin), und immer ein Streiter für eine bessere Welt. In seinem berühmten Gedicht „Das Eigentum“ von 1990 brachte er – noch heute gültig – die Wende auf den Punkt. Und vieles in dem Band spricht wohl auch stark aus dem Mund des gebürtigen Dresdner. Wenn er diesen kuriosen Brückenstreit um das Weltkulturerbe Elbtal aufgreift und – auch hier dialektisch in nuce – die eigene Kindheit ins Jetzt leitet und zugleich das Leitmotiv der Hass-PEGIDA dekonstruiert. 

Volker Braun erfasst hier die Welt, vom Gezi-Park bis Yukatan.

„Die Zukunft“, sagte Volker Braun 2015 in einer Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung einmal, „die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen“. So spricht einer der letzten autonomen und freien Autoren. So spricht also einer, der kein „beklagenswerter Mensch“ ist, „der mit dem edelsten aller Werkzeuge, mit Wissenschaft und Kunst, nichts Höheres will und ausrichtet als der Taglöhner mit dem schlechtesten!“ (Schiller, Antrittsvorlesung in Jena 1789). Denn das spürt man den Gedichten schon an, dass hier mehr verhandelt wird, als nur eine Evaluation der Geschichte. Hier ist ein Lyrikband, der kein „Projekt“ ist, kein „großartiges Unternehmen, das zu breit angelegt ist, als dass aus ihm etwas werden könnte“ (Daniel Defoe: Über Projektmacherei), nein, hier ist etwas geworden, aus dem was gewesen ist, auch wenn es kein Halten mehr ist, und sich abschafft. Denn es ist klar, dass jemand, der unkündbar ist, wie das Elend, der ein Wesen besitzt, das ihn einerseits heiter und andererseits trüber macht, dass so jemand schwer verwertbar ist. Da ist es dann schön, wenn ein Lyrikband es in die Feuilletons schafft, in diese gewitzte Verwertungsrubrik der Geistesarbeiter. Warum? Weil er so schön mit den Vogelstimmen der Zitateschätze jongliert und ein feuchtes Beben erzwitschert in jedem dieser um Humboldt trauernden Bologna-Evaluierten Goethe, Schiller und Brecht zitierenden Tagesschreiber. Hier fügt sich dialektisch das Unzeitgemäße in den Zeitgeist und hat so eine leise Sprengkraft in so Sätzen wie: „Wo will diese Menschheit hin und landen und untergehen?“ Da wird in einem Satz die kritische Vernunft lebendig, ohne Ressentiment, ohne Hass, eben heiter und trüber. Was ist aber nun diese Dialektik? Nicht nur einfach Synthese, sondern in ihr zugleich Antithese und These entfaltend, eben in eine Zukunft, die gestaltet werden sollte, und nicht verwaltet und nur vorhergesehen. Denn so eine Menschheit, die sich derart vergisst, ist Wilderness, ist unbehaust und schafft sich am Ende aus verwaltungstechnischen Gründen selber ab.

Du sagst es

 

Von Connie Palmen

 

Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers

Erschienen 2016 im Verlag Diogenes
 

Ich sah, wie sich mein Leben vor mir verzweigte, ähnlich dem grünen Feigenbaum in der Geschichte.
Gleich dicken, purpurroten Feigen winkte und lockte von jeder Zweigspitze eine herrliche Zukunft. Eine der Feigen war ein Ehemann, ein glückliches Zuhause und Kinder, eine andere Feige war eine berühmte Dichterin, wieder eine andere war eine brillante Professorin, die nächste war Ee Gee, die tolle Redakteurin, die übernächste war Europa und Afrika und Südamerika, eine andere Feige war Constantin und Sokrates und Attila und ein Rudel weiterer Liebhaber mit seltsamen Namen und ausgefallenen Berufen, eine weitere Feige war eine olympische Mannschaftsmeisterin, und hinter und über all diesen Feigen hingen noch viele andere, die ich nicht genau erkennen konnte.
Ich sah mich in der Gabel dieses Feigenbaumes sitzen und verhungern, bloß weil ich mich nicht entscheiden konnte, welche Feige ich nehmen sollte. (The Bell Jar, Sylvia Plath 1963)

 

Eine Frau schreibt aus der Perspektive eines Mannes über eine Frau. „Man muss eine große Liebe auch ertragen können“, hat Connie Palmen 1999 in einem Interview mit der Zeitschrift „Brigitte“ einmal gesagt. Jetzt hat sie ein Buch über eine große Liebe geschrieben. Ted Hughes und Sylvia Plath sind wohl eines der bekanntesten Künstlerpaare der modernen Literaturgeschichte. Berühmt vor allem deshalb, weil die deutschstämmige US-amerikanische Autorin Sylvia Plath am 11. Februar 1963 freiwillig aus dem Leben schied, indem sie ihren Kopf in einen Gasherd steckte. Nur sechs Jahre später erlebte Ted Hughes, wie seine zweite – ebenfalls deutschstämmige - Frau Assia Wevill ebenfalls diesen Schritt tat und auch noch deren gemeinsame  vierjährige Tochter Shuria (Alexandra Elisa)  mit in den Tod nahm. Das besonders Tragische: Sylvia Plaths Freitod ist unter anderem auch durch die Untreue von Ted Hughes eben mit dieser Assia Wevill motiviert gewesen. Natürlich ist bekannt, dass Plath ihr Leben lang an einer schweren Depression litt. Ihr autobiografischer Roman „Die Glasglocke (The Bell Jar)“ schildert - unter anderem - die kruden Behandlungsmethoden der damaligen Psychiatrie, denen Plath sich unterzog.
Immerhin musste Ted Hughes nicht mehr miterleben, dass auch sein Sohn aus der Ehe mit Sylvia – Nicholas Farrar – 2009 den Freitod wählte. Da war Ted Hughes schon elf Jahre tot. Seine Tochter Frieda lebt in Australien, aber sie trägt das Erbe des Vaters insofern weiter, als sie wie Ted Hughes (Der Eisenmann von Ted Hughes ist eines der bekanntesten Kinderbücher überhaupt in England) Kinderbücher schreibt.

Aus der Familie von und um Thomas Mann kennen wir diesen fatalen Hang zum Freitod. Die Psychologen Stirman und Pennebaker haben 2001 die Gedichte von Sylvia Plath und anderen Lyrikern untersucht, die Selbstmord begingen. Die Analyse ergab, dass die Autoren, die später Selbstmord begingen, in ihren Gedichten deutlich häufiger Pronomina der 1. Person Singular, also "ich", "mich", "mein" benutzten als Pronomina der 1. Person Plural wie "wir", "uns", "unser". Letztere Pronomina wurden öfter von den Dichtern verwendet, die später keinen Suizid begingen. Die durch Selbstmord umgekommenen Dichter gebrauchten auch seltener Verben, deren Bedeutungsinhalt "Kommunikation" oder "Dialog" war wie etwa "reden", "teilen" oder "zuhören". Dafür gebrauchten sie umso häufiger Wörter, die um das Bedeutungsfeld "Tod" kreisten. "Suizid-gefährdete Autoren sind weniger an andere gebunden und mehr mit sich selbst beschäftigt", fasste Stirman die Ergebnisse zusammen.
Connie Palmen beschäftigte sich in ihrem Roman vor allem mit dem Du, dem Wir des Lyriker-Paars Hughes-Plath. Auch Connie Palmen verlor zwei Lieben an den Tod. Allerdings starben der Schriftsteller Ischa Meijer und der Politiker Hans van Mierlo eines natürlichen Todes.

Palmens Motivation war es aber auch, Ted Hughes ein Stück zu entlasten. Die US-amerikanische Feministin Robin Morgan veröffentlichte 1970 ein Gedicht (Arraignment) indem sie Ted Hughes als Mörder bezeichnete. Ihr folgten weitere schwere Vorwürfe gegen Ted Hughes, der sich erst 1989 in einem Essay (The Place Where Sylvia Plath Should Rest in Peace)  wehrte.

Der suggestive Roman von Palmen ist in einer sehr persönlichen Sprache geschrieben und empfindet das lyrische Ich von Ted Hughes nach. Die Ehe-Szenen orientieren sich auch an den gesammelten Kurzgeschichten von Sylvia Plath (z.B. Zungen aus Stein, Fischer Verlag), wie die Geschichte mit dem Bären oder dem Stierkampf in Spanien.

Viel wissen wir hier über Sylvia Plath, weniger über Ted Hughes. In einer Gedenkrede über Ted Hughes sagte der Literaturnobelpreisträger (1995) Seamus Heaney:

Ted Hughes (1930—1998) zählt zu den bedeutendsten englischsprachigen Lyrikern des letzten Jahrhunderts — und zu seinen repräsentativsten. Als eine Symbolfigur, ein moderner Merlin, erschien dieser Mythengestalter und Mythenschöpfer seinen Landsleuten, auch in der dezidierten Bindung an die Geschichte der englischen Nation, ihrer Literatur und ihrer Sprache und — nicht zuletzt — in seinem Engagement für die Natur: als einer, der zu heilen wußte durch sprachliche Berührung. Erinnernde »Entfaltung von Liebe« — so hat Seamus Heaney in seiner großen Gedenkrede auf Ted Hughes das Zentrum von dessen Werk bestimmt. Aber Heaney erkannte auch jene andere Seite dieses Dichters: den illusionslosen Blick, der den historischen, ökologischen und persönlichen Krisen nicht auswich: »Ted war ein großer Mensch und ein großer Dichter, weil er ganz war, ungekünstelt und klar, unverbrüchlich treu seinem eignen Verständnis der Welt. Aus diesem Verständnis der Welt, episch und streng, nahm er wahr, daß hinter der Geschäftigkeit des Alltäglichen ein heiliges Drama sich abspielte, ein Drama, in das sich, Hals über Kopf, alles, was leben wollte, hineinstürzte: nur um der schwarzen Flut zu begegnen, die grausam ist und zerstörerisch.«

Connie Palmen hat einen einfühlsamen und auch erschütternden Roman geschrieben, der auf die Liebe dieser beiden Lyriker ein erhellendes Licht warf. Auch wenn ich mir mein Bild von Sylvia Plath nicht nehmen lasse, kann ich die säkulare Position nachvollziehen. Denn schließlich sind wir alle nur Menschen. Und Bücher sind immer noch Bücher. Und Menschen in Büchern sind literarische Figuren, die aus Worten bestehen. Lebendig sind sie in unserem Kopf.  

25. Oktober 2016

 

Das Spinoza-Problem

Von Irvin D. Yalom
aus dem Amerikanischen von Liselotte Prugger
erschienen im Verlag btb 2012

 

Einen Roman über Spinoza schreiben? Yalom beschreibt es in seinem Prolog ja selbst: „Aber wie über einen Mann schreiben, der ein so kontemplatives Leben führte, welches von so wenigen äußeren Ereignissen gekennzeichnet war?“ Also wählte Yalom eine weitere Figur, die sozusagen im manichäischen Sinne den Gegensatz zu Spinoza bildet. So müsste die Rezension eher über Rosenberg gehen. Dieses Dilemma konnte ich nicht überwinden und habe daher ausnahmsweise keine Rezension geschrieben, sondern in einer Art Andacht philosophische Reflexionen zum eigentlichen Spinoza-Problem. Es war Sonntagmorgen um 5.30h, als ich nicht mehr schlafen konnte, weil der nun folgende Satz in meinem Kopf war: Ich stelle fest: Ich habe in meinem Leben immer die richtigen Entscheidungen getroffen. Zwar lässt mein Verhalten zu wünschen übrig, aber meine Entscheidungen waren bestens. Ich quälte mich also aus dem Bett und schrieb diesen Satz meiner lückenhaften Inventur auf und auch die folgenden Sätze: Was meine ich damit? Dadurch kann ich sagen, dass ich trotz meines notwendig schlechten Verhaltens das Beste daraus gemacht habe. Mein Verhalten ist notwendig schlecht, weil ich nicht alle Bedingungen des Seins kenne. Meine Entscheidungen sind aber richtig im Rahmen meines schlechten Verhaltens.

Es waren zwar meine Entscheidungen. Aber dadurch, dass dieses Leben von der Notwendigkeit bestimmt ist, dass das gegenwärtige Leben aus dem vorausgegangen Leben sich entwickelte und so alle Bedingungen meines Hierseins in der Vergangenheit zu suchen sind, sind meine Entscheidungen nicht mehr frei. Sie sind eher das Ergebnis von Bedingungen. Was die Freiheit meiner Entscheidung rettet, das ist mein Bewusstsein. Insofern ich meine Entscheidung als eine freie Entscheidung empfinde, ist sie es. Freiheit ist eine soziale Emotion. Diese Freiheit empfinde ich. Nüchtern betrachtet unterliegt meinem Handeln eine Absicht. Diese Absicht ist von Wissen und vom Willen abhängig. Ein freier Wille ist nicht gleichbedeutend mit Freiheit. Denn meinen freien Willen drücke ich in einer von Naturgesetzen determinierten Welt aus. Ich kann wollen, wünschen und mir etwas vorstellen. Diese drei Optionen sind frei. Das ist mein Bewusstsein. Aber wenn ich handle, treffe ich jedes Mal eine Entscheidung über die Art und Weise des Handelns. Jeder Modus meines Handelns ist notwendig. Für jede Handlung gibt es Gründe, sie zu tun oder zu unterlassen. Dafür habe ich eine Ab-Sicht zur Verfügung. Daher empfinden wir manche Handlungen als frei und andere als unfrei, weil sich die Notwendigkeit graduell unterscheidet. Manche Handlungen sind notwendiger als andere. Manche Handlungen kann ich sogar unterlassen. Aber der Zustand nach Unterlassung tritt notwendig ein. Der Zustand nach der Handlung tritt notwendig ein. Ich mag nicht alle Bedingungen kennen und dadurch der Illusion unterliegen, keine Notwendigkeit zu erkennen. Aber das ist eine Täuschung. Alles ist vollständig notwendig. Und das im Wortsinn. Gehe ich nach links, gehe ich „notwendig“ nach links, und keineswegs nach rechts. Jede Handlung ist gewissermaßen eine Not-Wende. Da meiner Ab-Sicht Gründe vorliegen, ist meine Handlung grundlegend not-wendig. Nach einer gewissen Zeit des Aufenthalts auf dieser merkwürdigen Erde werden meine Handlungen von meinem Verhalten grundiert. Da meiner Ab-Sicht Gründe vorliegen, benötige ich ja eine Haltung, die mehr und mehr ein Verhalten wird. Da mir auch eine Ab-Sicht meiner selbst vorliegt, als eine Intention, halte ich mein Verhalten für notwendig frei. Dieses Oxymoron verweist auf die Paradoxie des Seins als Bewusstsein. Die Freiheit ist notwendig, um eine Handlung ausführen zu können. Gott (oder die Natur) hatte gar keine andere Wahl, als die Freiheit notwendig mit zu denken. Insofern ist jede Freiheit eben notwendig und damit ist Freiheit ein Attribut der Bedingungen. Nur der Anfang war bedingungslos. Aber ab diesem Beginn gibt es nichts mehr, was nicht notwendig geschieht. Mein Modus unterliegt den Bedingungen des Seins. Alles was ich tue und wie ich es tue ist grundlegend und der Grund ist unendlich. Es ist also der unendliche Grund, der die Freiheit notwendig macht. Alles – im Wortsinn – ist begründet. Zu allen Zeiten und an allen Orten. 

Wie gesagt: Gott oder die Natur hatte keine andere Wahl, als die Freiheit zur notwendigen Bedingung des Seins zu machen.
Manche sagen nun: Aber ich habe mich doch frei entschieden, dieses oder jenes zu tun! Diese Aussage halte ich für einen ontologischen Witz. Ist eine Handlung erst einmal vollzogen, dann ist sie notwendig vollzogen. Gehe ich einen Schritt nach links, gehe ich notwendig einen Schritt nach links. Ich kann nicht nach links gehen, wenn ich es nicht notwendig tue. Die Absicht mag frei gewesen sein. Aber das ist nur graduell so und als Absicht ist es eine Empfindung. Eine Absicht zu haben ist noch keine Handlung. Statt Absicht könnte ich auch sagen, dass mir eine gewisse Ansicht gegeben ist. Anhand dessen, was ich ansehe, treffe ich eine Entscheidung. Ich trenne mich von einer anderen möglichen Ansicht, sehe von dieser ab. Und notwendig ändert sich meine Ansicht, wenn ich nach links gehe. Die darauf folgende Handlung ist bedingt durch die Ansicht, die ich nun habe. Wohin ich auch gehe: Da ist schon eine Ansicht. Unterstelle ich dem Handeln Zufall, dann bedeutet es nur, dass ich blind bin und ins Ungewisse gehe. Der Radius dessen, was wir sehen, ist marginal genug, um von einer partiellen Blindheit zu sprechen. Aber Blindheit ist nur Mangel an Ansicht und keine Freiheit. Die moderne Quantenphysik hat nichts anderes festgestellt, als eine partielle Blindheit des Physikers. Für die Philosophie ist das unerheblich. Mein Bewusstsein ermöglicht es mir, mich meiner Ansichten zu er-innern. Die Ansichten sind als Intention in mir. Alle weiteren Handlungen sind also bedingt durch meine er-innerten Ansichten. Er-fahrung ist Weg-Erinnerung. Die innere Ansicht erweitert meinen Blickradius wie eine innere Landkarte des Seins. Das eben ist Intention, also Absicht (ich habe es mir abgeschaut). Nur daher habe ich einen freien Willen, weil ich die Absicht wollen kann. Die Ansammlung meiner abgeschauten Ansichten ist das Ergebnis notwendiger Handlungen. Das kann ich als frei empfinden oder als unfrei. Sich unfrei zu fühlen ist ein unangenehmes Gefühl. Das gleicht man am besten aus, indem man sich frei fühlt. Das ist möglich, denn in meiner notwendig entstandenen inneren Landkarte kann ich mich frei bewegen. Daher waren meine Entscheidungen bestens. Dagegen lässt mein Verhalten zu wünschen übrig, weil meine Ansichten begrenzt sind. Meine innere Landkarte des Seins ist naturgemäß kongruent zur äußeren Landkarte des Seins im Sinne eines Ausschnitts. Diese Begrenzung bedeutet notwendig, dass meine Entscheidung affirmativ ist – auch in der Unterlassung. Es wäre absurd, würde ich meine Entscheidung ablehnen. Das bedeutete, dass ich meine Ansichten nicht sehe. Und das geht nicht. Denn jede Ansicht ist notwendig das Ergebnis meiner Entscheidung. Ebenso meine Absicht. Jede Entscheidung ist also gut. Es kommt vielmehr darauf an, welche Ansicht ich von meiner inneren Ansicht (innere Landkarte) habe. Hier bin ich ja frei. Ich kann verzweifelt sein und unglücklich. Ich kann aber auch hoffnungsvoll und glücklich sein. Wie ich das, was ich mir abgeschaut habe, empfinde, ist als Bewusstsein frei. Das ist es, was Spinoza tatsächlich zu sagen hat. Und das hat Goethes Nerven beruhigt.  Entscheiden Sie selbst, welchem dieser beiden Menschen (dem Glücklichen oder dem Unglücklichen) Sie lieber begegnen möchten. Das heißt aber noch lange nicht, dass Sie ihm wirklich begegnen werden.

2. Oktober 2016

 

Eiland

Von Aldous Huxley

 

Erschien im Original im Jahr 1962
deutsche Übersetzung von Marlys Herlitschka  im Jahr 1973

 

„Gib acht“ (im Original „Attention“) ist kein schlechter Anfang für einen Roman, ist es doch insofern ironisch, weil es etwas vom Leser fordert, was doch vorausgesetzt sein muss, wenn man ein Buch anfängt zu lesen. Doch die meiste Zeit wandert unser Geist hier hin und dort hin (mind-wandering). Es ist geradezu das Kennzeichen des modernen Menschen: er fühlt sich von einer gierigen Aufmerksamkeitskultur gefoltert und schont möglichst sein Gehirn. Denn heute wissen wir aus der Neurowissenschaft, dass das Gehirn einen so genannten Ruhemodus besitzt, ein neuronaler Knotenpunkt den man default mode network nennt, und sich im Scheitellappen und im Hippocampus befindet. Wenn wir unkonzentriert sind, schaltet unser Gehirn auf Autopilot. Wir kennen das, wenn wir mit unserem Auto nach Hause fahren, eine Strecke, die wir schon 1000nde Male abgefahren sind. Plötzlich stehen wir vor der heimischen Garage und wundern uns ein wenig, wie wir hergekommen sind. Dieses geistige Schweifen ist aber auch ein notwendiger Prozess, um neue Ideen zu finden. Gib acht! Huxley verortet sein Utopia auf der isolierten Insel Pala, irgendwo zwischen Indien und Sri Lanka. Bunte Schmetterlinge, Papageien, schwüle Dschungelatmosphäre, und mitten drin ein westöstlicher Diwan aus moderner Wissenschaft und traditionellen buddhistischen Geisteshaltungen. Der frustrierte und zynische Journalist Will Farnaby strandet dort im Auftrag seines Gönners, dem mächtigen Joe Aldehyde. Das liberale Paradies wurde von einem englischen Arzt und einem Radscha gegründet und ruht auf einer genossenschaftlichen, auf Gemeinschaft und Liebe gegründeten sehr liberalen Gesellschaft. Verbrecher werden dort behandelt und nicht bestraft, Liebe bedeutet auf Pala nicht Besitzanspruch sondern spirituelle Freude. Schon junge Menschen lernen Liebestechniken, Maithuna, eine auf dem Ritual des Tantra basierenden und auf gegenseitige Achtung aufgebaute Form des gegenseitigen Berührens und Streichelns. Dieses Maithuna hat zusätzlich den Vorteil, Liebe ohne Fortpflanzung zu ermöglichen und damit eine natürliche Geburtenkontrolle. Hier war mir das dann doch ein bisschen zu viel Malthus, dessen klassische Nationalökonomie ja nicht gerade mit großer Menschenfreundlichkeit glänzt: „Ein Mensch, sagte er, der in einer schon okkupierten Welt geboren wird, wenn seine Familie nicht die Mittel hat, ihn zu ernähren oder wenn die Gesellschaft seine Arbeit nicht nötig hat, dieser Mensch hat nicht das mindeste Recht, irgend einen Teil von Nahrung zu verlangen, und er ist wirklich zu viel auf der Erde.“ (Thomas R. Malthus, „Das Bevölkerungsgesetz“).

Die Palanesen bauen bewusst so viel an, wie sie benötigen, sie experimentieren dabei durchaus auf wissenschaftlicher Höhe mit Düngemitteln (Phosphat). Aber Ökonomie ohne Psychologie und ohne Metaphysik geht nicht. Hier knüpft Huxley an seine Philosophia perennis an, einer Art Studium Generale, in der alle philosophischen Weisheiten von Indien bis Wales zusammenfließen. Grandios die Form der Kindererziehung in so genannten KAG, lockeren Familienverbünden, wo die Kinder bei Bedarf und Lust die Familie auch einmal wechseln können. Ganz ehrlich, da wurde ich auf die Palanesen sehr neidisch, das hätte ich mir wirklich mal gewünscht. Aber wie viele bei uns, wuchs ich in einem isolierten Familienkerker auf und die Anflüge von Weisheit bei meinen Eltern waren durchaus überschaubar.

Der junge zukünftige Radscha Murugan wurde in der Schweiz von Calvinistischen verzogen und verweigert sich diesem liberalen Paradies. Er bleibt keusch, möchte lieber einen Motorroller und freundet sich mit dem Despoten Oberst Dipa an. Unterstützt wird Murugan von seiner Mutter, die den „Kreuzzug des Geistes“ kämpft und auf sexuelle Enthaltsamkeit als höchste geistige Übung setzt. All das widerspricht dem liberalen und offenen Gesellschaftskonzept auf Huxleys Pala.

Die Ruhe und Gelassenheit der auf Achtsamkeit aufgebauten palanesischen Charakteren zeigt sich beispielhaft in dem Arzt und Nachkommen des Gesellschaftsgründers MacPhail und seiner Frau Susila. Die Medizin ist fortschrittlich aber sie baut auf ein ganzheitliches Medizinverständnis. Im Gegensatz zur strengen Trennung von Körper und Geist sehen die Palanesen den Menschen als eine Einheit und setzen dies auch praktisch in vielerlei Hinsicht um.

Es gibt herrliche Passagen, in dem Huxley seinem Arzt gesellschaftskritische Ausführungen in den Mund legt und in der MacPhail ziemlich treffend (immerhin vor über 50 Jahren geschrieben) unseren heutigen Weltzustand beschreibt. Doch einiges haben wir schon von den Palanesen gelernt und so wandelte sich unser Verständnis des menschlichen Geistes durchaus. Als sich aus den Hipstern der 1950er Jahre die Gegenkultur der Flower-Child entwickelte, und das Prinzip der Selbstverwirklichung in wallende Batikgewänder eskalierte, als drogeninduzierte Bewusstseinsstörungen aus dem privaten Liebesakt politische Relevanz zogen, und schließlich der Einfluss so genannten 68er Bewegung unser Konsumverhalten, unser Arbeitsverhalten, unser Sozialverhalten veränderte, reagierte die Ökonomie mit veränderten Arbeitsbedingungen (Abschaffung des Fordismus, Individualisierung der Arbeit, Kreation des Home-Office), mit veränderter Produktion von Konsumartikeln (smarte, der Selbstverwirklichung dienende Konsumartikel). Die 3058 Seiten eines Sears, Roebuck & Co würden heute nicht mehr ausreichen, um unseren Warenreichtum zum Ausdruck zu bringen. Und darin liegt schon die Essenz von Eiland, denn wir ersticken im Konsum mehr und mehr. Unsere Ökonomie funktioniert aber nur, wenn wir uns weiter zu müllen mit Dingen, die wir eigentlich nicht brauchen. Insofern ist Pala eine Utopie im klassischen Sinne, ein Nicht-Ort. Unerreichbar und vergänglich sind sie, diese Nicht-Orte, zart, im Flaum der Zeit nichts als eine Feder, die so schnell verweht ist, wie sie plötzlich da war. Und so hören wir am Ende schon die Gewehrsalven von Oberst Dipas Armee, die in Pala einmarschieren um den Ressourcen-Hunger der restlichen Welt zu stillen.

 

09. September 2016

 

The Secret Agent

Von Joseph Conrad

 

Erschienen 1907 im Verlag  Methuen Publishing Ltd

 

Am 15. Februar 1894 explodierte ganz in der Nähe des königlichen Observatoriums im Greenwich-Park eine große Menge TNT. Martial Bourdin, ein französischer Anarchist hatte die Bombe gezündet. Er selbst starb 30 Minuten später im Seamens Hospital.  Die 1890er Jahre gelten als das „Jahrzehnt der Bomben“.  Anarchisten verübten weltweit unter dem Stichwort „Propaganda der Tat“ Terroranschläge. 
Nur 13 Jahre später erschien im Jahr 1907 der Roman „The Secret Agent“ von Joseph Conrad, der das Ereignis vom 15. Februar 1894 als Vorlage benutzte. Conrad war damals noch relativ unbekannt. Ein alter Seemann, der am Fieber erkrankt von Gönnern abhängig war und zu seiner Erbauung Romane über seine Abenteuer zu See schrieb. The Secret Agent  ist sein einziger Roman, der in England spielt. Er selbst bezeichnete ihn als seinen „besten Roman“.  Zu diesem Zeitpunkt hatte die Anschlagswelle längst aufgehört und der Anarchismus Bakunins und Kropotkins wich dem systematischen Staatsterror des Marxismus. Aber der Anarchismus ging trotzdem vor allem als Terror in die Geschichte ein.  Eine etwas andere Sozialgeschichte des Anarchismus lieferte Thomas Pynchon dagegen mit seinem Roman „Against the Day“ aus dem Jahr 2006. In dessen großen epischen Roman steht die Weltausstellung in Chicago 1893 im Zentrum. Von Nikolas Tesla bis Groucho Marx zelebrierte Pynchon das Zeitalter der ersten Industrialisierungswelle.

Analogien zur aktuellen Terror-Bedrohung durch den Islamismus wurden vor allem im Jahr 2001 gezogen. Nach dem 11. September 2001 gehörte der Roman „The Secret Agent“ zu den am meisten zitierten Romanen.

Ja: Es ist bekannt, dass das terroristische Netzwerk  Al Qaida nicht ohne freundliche Unterstützung der CIA möglich gewesen wäre. Wir wissen auch, dass der religiöse Führer der IS al-Baghdadi sein Handwerk im Camp Bucca erlernte, einem US-amerikanischem Gefangenenlager im Süden des Irak.  Die Auflösung der irakischen Armee mit 200000 Soldaten durch die US-amerikanische Administration lieferte das menschliche Basis-Material für al-Baghdadi. Ohne Politik kein Terror.  Wir wissen, dass die NSU, die RAF und andere Terrororganisationen immer wieder enge Verflechtungen mit den Geheimdiensten der jeweiligen Staaten aufweisen. Und nicht anders schildert es Joseph Conrad über den Anarchismus der 1890er Jahre, dem berühmten „Jahrzehnt der Bomben“, als mit der Erfindung des Dynamits einiges möglich wurde, und die feuchten Träume der Revolutionäre wahr zu machen schien. 1894, als die Bombe im Greenwich-Park explodierte, war die Seefahrer-Karriere von Joseph Conrad gerade zu Ende gegangen. Er hatte sich Anfang der 1890er im Kongo ein schweres Fieber zugezogen, von dem er nie mehr ganz genesen sollte. Und fiebrig geht es auch zur Sache. Vor allem das wahnsinnig genial geschriebene 11. Kapitel des Romans, als Winnie Verloc ihren Ehemann Adolf Verloc mit dem Tranchiermesser tötet. Tatsächlich ist der im Roman geschilderte Terroranschlag, deren Opfer in Conrads Roman der „degenerierte“ Schwager vom Geheimagent Verloc ist, inszeniert. Mr. Vladimir, erster Sekretär eines nicht weiter benannten Landes (man kann nur vermuten, dass er aus Russland kommt) erpresst Mr. Verloc. Die englische Polizei ist zu lasch im Umgang mit der anarchistischen Bedrohung. Sie braucht einen Anreiz. Verloc soll also einen Anschlag inszenieren, den man dann den Anarchisten in die Schuhe schieben kann. Eine perfide Denkart, die fatal an das Herrhausen-Attentat von 1989 erinnert, wo zahlreiche Indizien darauf hinweisen, dass das Kommando Wolfgang Beer mit freundlicher Genehmigung des deutschen Inlandgeheimdienstes durchgeführt wurde.
Doch Conrads Roman geht viel weiter, als diese wohl bekannte Verquickung von Politik und Terror zu erzählen. Conrad erzählt uns in Winnie Verloc und ihrem Bruder Stevie die fast unerträgliche Privatisierung des Terrors. Und hierin eigentlich liegt der prophetische Charakter dieses außergewöhnlichen Romans. Denn wenn heute junge Menschen die noch an der Akne leiden und kaum eine Ahnung haben, was sie da tun, sich auf den Weg machen um in einem Terrorcamp das üble Handwerk des Tötens zu lernen, dann erinnern sie sehr an den leicht erregbaren Stevie, der zuletzt an den Lippen seines Meister Adolf Verloc klebte. Und wir können nur ahnen, was er von Michaelis (dessen Theorien im Roman eine Melange aus Bachunin und Kropotkin sind) erfuhr und vermeintlich lernte. Ein Hospital, in dem sich die Starken um die Schwachen kümmern, wie wir in dem brillanten Gespräch zwischen Ossipon und dem Professor im letzten Kapitel erfahren, ist das Ideal von Michaelis. Und der Professor, ein Nihilist von düsterster Art, macht sich darüber lustig. Die Sätze die dort Conrad dem Professor in den Mund legt, kann man fast eins zu eins in den Bormann-Diktaten nachlesen. Kein Mitleid mit den Schwachen. Verachtung für die Masse, ja Menschenverachtung von der grausamsten Art. Auch das lässt tief blicken.
Dass dieser Verloc in dem Roman fast schon etwas Gemütliches an sich hat ist auch ziemlich verstörend. Immerzu streicht er durch die Gassen des mit Gas beleuchteten London um die Jahrhundertwende. Er wirkt wie ein Menetekel.
Natürlich hat die Sprache von Joseph Conrad Patina. Aber Sätze wie: Mrs. Verloc schloss verzweifelt die Augen, warf über dieses Bild die Nacht ihrer Augenlider, wo nach einem schauerartigen Regen zermalmter Gliedmaßen allein der abgetrennte Kopf von Stevie schwebend zurückblieb, um schließlich langsam zu erlöschen wie der letzte Stern einer pyrotechnischen Veranstaltung, die sind von einer grausamen Schönheit, die der Erzählung angemessen sind. Und klar ist, dass jedem Fan von Steam-Punk die atmosphärische Dichte dieses Romans geradezu Orgasmen beschert. Conrad nimmt sich viel Zeit für seine Figuren und dabei ist der Schatten immer Begleiter. Wie in der Szene, als der Assistent Kommissoner den Home Secretary Sir Ethelred besucht und dieser Sir Ethelred im Schatten steht, wird klar, wie sehr die abstrakten Mächte politischer Ränkespiele ihren Einfluss geltend machen. Wer kümmert sich um das tragische Schicksal von Winnie Verloc? Und ist dieser Sir Ethelred nicht ein genauso grausamer Nihilist wie der Professor in seinem abgerissenen Tweed-Anzug? Politik und Terror sind eine Einheit und wir nur ihre Opfer.

 

04. Oktober 2016

Die Mauer
von Max Annas

 

Erschienen 2016 im Verlag rororo

 

Polizisten erschießen einen jungen Schwarzen, weil er vor einem Laden CDs verkauft. Daraufhin erschießt ein Sniper mehrere Polizisten. Inzwischen twittert der Präsidentschaftskandidat der Republikaner, Donald Trump, von „einer gespaltenen Nation“. So die aktuellen Ereignisse im Mai 2016 in den USA.

Und hier: Quentin Tarantino meets Südafrika. Irgendwo in der Nähe von East London im Südosten von Südafrika, am Nahoon, kommt es zu einem furiosen und kuriosen Showdown der Rassen. Der Wagen von Moses bleibt liegen, gibt seinen Geist auf. Er sucht Hilfe in dem nächstgelegenen Wohnkomplex, einem so genannten Compound. Es ist ein Ort der Reichen. Eine Mauer schützt die Weißen vor dem bösen schwarzen Mann. Das ganze wird zusätzlich von einer privaten Security mit Videos überwacht. Moses wird von einem Security-Mann angesprochen. Er läuft davon. Eine falsche Entscheidung. Auf einmal wird er gejagt. Parallel erzählt Max Annas von einem schwarzen Pärchen, das dort einen Einbruch verübt. Sie haben sich das falsche Haus ausgesucht, finden eine Leiche. Die Mörder kommen zurück und die beiden müssen sich im Schrank verstecken. Aus dieser Konstellation entwickelt Max Annas einen spannungsgeladenen Plot, der in einer Gewaltorgie endet.

Moses, ein junger Schwarzer, will eigentlich nur noch raus aus der Gated Community. Die Mauer wurde auch gebaut, damit niemand rein kommt. Nun aber ist er der Gefangene in einer Welt der Reichen und einer durchgedrehten Gruppe von Security-Leuten. Moses wird aus purer Gegenwehr selbst zum Täter, verletzt auf seiner Flucht mehrere Menschen und entfacht am Ende sogar noch ein Feuer.  Max Annas behandelt  das Problem des Rassismus in einem Genre-Krimi nicht ohne Humor. Die Schießerei zum Ende hat geradezu Slapstick-Charakter.  Brillante Dialoge, meisterhafte Erzähltechnik. Die verschiedenen Schauplätze kulminieren schließlich vor einem Haus. Geschickt kombiniert Max Annas die verschiedenen Episoden. Auf der einen Seite die Flucht von Moses, dann der Einbruch des Pärchens (Thembinkosi und Nozipho), die Security-Leute, ein verrückter Hilfs-Security, die Frau an den Überwachungskameras, die Polizisten, die weißen Mörder, ein Mädchen mit Zöpfen, das noch an das Gute im Menschen glaubt, eine Hexe…. In dem Compound am Nahoon gelegen konzentriert sich der Brennpunkt einer rassistisch aufgeladenen Gesellschaft, und Max Annas entfaltet ein geradezu soziologisches Gemälde mit Hilfe filmischer Erzählmethodik.  In 115 knappen Kapiteln auf nur 220 Seiten. Zum Schluss ist ein armer alter, schwarzer Gärtner der Gewinner. Mit einem Koffer voll Geld spaziert der schwarze Mann aus dem Wohnkomplex, wird von den Polizisten höflich durch gewunken.  „Die Weißen sind seltsam“ beginnt Max Annas den Roman und er beendet ihn mit dem Satz „Was für ein komischer Tag“. Dass das Thema selbst nicht komisch ist, dass ein junger Schwarzer, der nur Hilfe sucht weil sein Wagen liegen geblieben ist, als Tsotsi (Gangster) gejagt wird, dass die privaten Sicherheitskräfte in diesen Gated Communitys kaum noch unter Kontrolle gehalten werden können und sich am Ende einen Krieg mit der Polizei liefern, das ist eben nicht komisch. Seit wenigen Jahren spricht man in Südafrika von einem „neuen Rassismus“. Jetzt fühlen sich die Weißen diskriminiert. Sie bekommen keine guten Jobs mehr, die bekämen jetzt die Schwarzen. Max Annas schildert sie auch, die Absteiger, Weiße die sich die Villen in „The Pines“ anschauen und nicht im Ansatz leisten können. Aber er zeigt auch: Armut trifft jeden, unabhängig von seiner Hautfarbe. Und daher ist die Gewaltorgie auch so komisch, tragikomisch. Schwarze und weiße fallen über sich her, aber schuldig sind sie beide. Die Apartheid ist aus der Gesetzgebung verschwunden, aber noch immer nicht aus den Köpfen. Mehrfach weist Max Annas darauf hin, dass „die Polizei nicht kommt, wenn man sie ruft“. Das zeigt, dass der Staat seiner Aufgabe als Hüter der Ordnung nicht wirklich nachkommt. Wenn man die Sicherheit auslagert in die private Wirtschaft und man auf diese Weise eine Parallel-Exekutive schafft, stiftet man zusätzliche Verwirrung. Schon in seinem Romandebüt „Die Farm“ verhandelt Max Annas das fehlende Gewaltmonopol. Dort wird eine Farm beschossen. Alte Wunden aus der Apartheid spielen dort eine Rolle. Max Annas lebte längere Zeit in Südafrika und forschte dort zu südafrikanischem Jazz. Nach einigen Sachbüchern hat der Journalist nun zwei Kriminalromane verfasst, die eigentlich mehr sind, als einfache Kriminalromane. Sie sind leichtfüßig geschrieben, mit den vielleicht besten Dialogen, die ich seit langem gelesen habe. Kapitel 100 zum Beispiel!

„Was heißt, alle sind tot?“

„Das heißt, dass alle tot sind.“

„Die Weißen sind schuld.“

„Aber wer sind denn die Weißen?“

„Die Weißen…sind die Weißen!“

„Und jetzt sind alle tot.“

„Ja.“

„Wer ist tot?“

Und so weiter. Ein Kapitel das schreiend komisch ist und das gelingt dem Autor, weil er es hervorragend konstruiert hat, so dass es in diesem knappen Kapitel von grade mal einer Seite kulminieren kann. Der knappe Dialogwechsel ist ein kleines Meisterstück dramatischer Ironie. Der Leser versteht weit mehr, als die überforderten Figuren dieses Dialogwechsels.
Auch die Fähigkeit gleichzeitige Ereignisse zu schildern ist grandios und macht dem Autor so schnell keiner nach. Denn das ist ja besonders schwer in der Literatur, wo ein Wort auf das andere kommt. Im Film hat man sogar Split Screens erfunden (bei Twenty four) mit denen man die Gleichzeitig erzählen kann. Den Showdown in Kapitel 90 teilt Max Annas in Sekunden ein: 17, 25, 37, 41, und wieder zurück auf 19. In diesen Sekunden um 14 Uhr, 53 Minuten beginnt alles mit dem Sprung des Hundes Shaka Zulu. Shaka Zulu ist ein Zulu-König aus dem 19. Jahrhundert bei Melmonth. Es gibt sogar eine gleichnamige südafrikanische Fernsehserie aus den 1980er Jahren, die sich dem König widmet. Mit dem Sprung des Hundes auf den Rassisten beginnt die Schießerei. Aber „sterben muss jeder mal.“

 

07. September 2016

 

Am Hang

 

Von Markus Werner

Erschienen 2004 Verlag S. Fischer

 

Ich weiß noch, welches Vergnügen ich hatte, als ich vor einem viertel Jahrhundert über den Verfall, ja den Zerfall des Lehrers Konrad Zündel las –  aus seinem Debütroman 1984  (Zündels Abgang). Eine Beckett-Figur die man ins reale Leben gestoßen hatte. Ahnungslos sind sie, die Helden des Schaffhausener Autors, der nun im Alter von 72 Jahren an einem Lungenemphysem verstorben ist. Und beinahe mütterliches Kopfschütteln ernten diese Helden bei den Frauen. So wie die Atemtherapeutin Eva in seinem letzten Roman „Am Hang“, die dem anfangs so souveränen Helden Thomas Clarin nur noch seine Blindheit entgegen halten kann. Hier bleibt der Held Thomas Clarin sogar bis zum Schluss ahnungslos, kann nur spekulieren und sich so fürchten. Alles beginnt mit einem eher harmlosen Abendgespräch über Gott und die Welt. Die Zeitdiagnose, die uns Felix Bendel alias Thomas Loos hier liefert, ist eine Welt der Selbstoptimierer und von Änderungslust verdorben an der Oberfläche eines Datenmeers treibende Masse, in der die Menschlichkeit nur noch unter dem Aspekt der Nützlichkeit, des Wettbewerbsvorteils gesehen werde (Sie zahle sich aus, die Menschlichkeit…, Seite 31). Antriebslosigkeit sieht dieser Loos als „zivilen Ungehorsam, als Gegenkraft zum großen Treiben“ (Seite 59). Und das passt als Aussage zu einem Autor, der von sich selbst einmal sagte, dass er mehr absichtslos ins Schreiben geraten sei, dass er seinen ersten Roman eher heimlich, verschämt geschrieben habe. Sieben Romane insgesamt. Das ist im Vergleich mit dem Massenprodukt „Roman“ ein bescheidenes Oeuvre.   Wenn du einen Riesen siehst, so frage ich zuerst, ob es sich nicht um den Schatten eines Zwerges handelt sagt Loos einmal (Seite 68). Thomas Loos steht für das Alte und Thomas Clarin für das Neue. Doch ganz so einfach ist es dann eben doch nicht, weil in den Text eingewebt ist, auch das Ewige. Bettina (vielleicht Valerie) wird von einem Hirntumor geheilt, nur um beim Baden auszurutschen und an einem Hirntrauma zu versterben. Vielleicht hat Loos die Geschichte nur erfunden. Auch die Geschichte mit dem Blitz, den eine Frau traf, weil ihr BH einen Metallbügel hatte. Viele kleine Geschichten, die Markus Werner erzählt, die aber alle den Charakter von Schicksal haben. Die damit der Reproduzierbarkeit unseres Massenbetriebs widersprechen. Auch die Sexualität (wie am Beispiel der Penelope-Geschichte) geriet in diesen Massensog. In allen Lebensbereichen, so glaube ich, zeugt rasches Zur-Sache-Kommen und umstandsloser Vollzug von Verrohung. Allein das Zögern ist human. So erklärt es uns Thomas Loos (Seite 92). Doch das was massenhaft gedacht und praktiziert wird, gilt allmählich als normal. Du fickst wie eine Maschine (Seite 93), das erinnert an eine kleine Geschichte aus Markus Werners ersten Roman Zündels Abgang. Dort steht der verzweifelte Konrad Zündel in einer Kneipe und unterhält sich mit einem Arbeiter. Zündel, der Lehrer, behauptet, auch er sei ein Proletarier. Du bist kein Proletarier, sagt der Arbeiter. Warum nicht? Weil deine Kopfmaschine sogar beim Vögeln surrt.
Je doofer die Sendung, desto höher die Quote. Je doofer der Sexpartner, desto geiler der Vollzug. Doch es bleibt am Ende nicht bei der Zeitdiagnose. Markus Werner schafft es rechtzeitig, aus den Andeutungen (Alles dreht sich. Und alles dreht sich um ihn) einen echten Krimi zu machen, der bis zum Ende spannend bleibt. Wer ist dieser Loos, der sich unter falschem Namen vorgestellt hat? Ist er der Mann von Valerie? Ist es in Wirklichkeit Felix Bendel? Und damit hätte Thomas Clarin einen Todfeind, und zu Recht Angst. Markus Werner klärt uns nicht auf. Er lässt uns damit allein zurück. Und so hat Werner eine Angst dargestellt, die schon auch metaphysisch ist. Unser Leben ist nun mal ein Puzzle mit lauter fehlenden Puzzle-Teilchen.

  • Wie weiter? sagte ich, die Geschichte ist aus. – Nein sagte Loos, keine Geschichte ist aus und zu Ende, es gibt nur den willkürlichen Abbruch an einem beliebigen Punkt. (Seite 122)

Die Geschichte von der hier die Rede ist, ist die von Magdalena und Tasso. Dass Magdalena etwas, was gar nicht gewesen war unter Schmerzen verarbeitet hatte, da rät Loos, ihr nichts von seiner Theorie zu erzählen. Das falsche Wissen ein halbes Leben lang für korrekt gehalten zu haben, auch das ist eine Kuriosität mit Schicksalscharakter. So grotesk leben wir aus den falschen Gründen. Und dass es „kein richtiges Leben im falschen“ gebe, das hätte Magdalena hier widerlegt. Man darf es nur nicht aufklären. So wird das Wissen zu einem diabolischen Werkzeug. Und so mag es doch vernünftig sein, dass wir am Ende sterben, ohne dass die Geschichte von uns eigentlich zu Ende ist. Nur der Roman hat ein Ende. Nun ist unser Leben kein Roman. Eher eine Sammlung von Kurzgeschichten. Und hier gibt es einige Ereignisse im Leben, die ein stimmiges Ende haben. Vielleicht hatte ich daher stets ein Problem mit dem Schreiben eines Romans. Die Kurzgeschichte fand ich immer naheliegender. Nach zehn Seiten zu einem Ende zu kommen, erschien mir immer plausibler. Auch wenn die Fakten der Kurzgeschichte nicht so zahlreich waren, wie in einem Roman. Dafür hat die Kurzgeschichte oft eine Pointe, einen letzten Stich, einen Sinn. Sinn braucht also keine Tiefe. Der Stich mag an der Oberfläche liegen. Werner hat hier einen Roman geschrieben, der mehrere kleine Stiche setzt und am Ende eine offene Wunde zurücklässt. Es liegt nun an uns Lesern, darüber zu befinden, wer dieser Thomas Loos wirklich war. Es liegt nahe, in ihm Felix Bendel zu sehen. Aber liegt es nicht zu nahe? Nach dem lex parsimoniae war Loos Bendel. Doch wäre das nicht eine unzulässige Reduktion? Oder anders: Ist das eigentlich von Bedeutung? Schließlich öffnete das Gespräch mit Thomas Loos für den oberflächlichen Schürzenjäger Thomas Clarin einen Raum, der einen kathartischen Schauer nach sich zog. Und dieser Schauer, als Gefühl, bleibt ja. Und das besondere an Gefühlen ist ja, dass wir sie nachträglich rationalisieren wollen, um ihnen die Schärfe zu nehmen. Belassen wir es beim Rätsel? Halten wir das aus?

 

09. August 2016

Mistlers Abschied

 

von Louis Begley

Aus dem Englischen von Christa Krüger

erschienen 2000 im Verlag Suhrkamp

 

Sein Haupt war an der Lehne des Stuhles langsam der Bewegung des draußen Schreitenden gefolgt; nun hob es sich, gleichsam dem Blicke entgegen, und sank auf die Brust, so dass seine Augen von unten sahen, indes sein Antlitz den schlaffen, innig versunkenen Ausdruck tiefen Schlummerst zeigt. Ihm war aber, als ob der bleiche und liebliche Psychagog dort draußen ihm lächle, ihm winke; als ob er, die Hand aus der Hüfte lösend, hinausdeute, voranschwebe ins Verheißungsvoll-Ungeheure. Und wie so oft machte er sich auf, ihm zu folgen. So endet das Leben von Gustav Aschenbach in Venedig. Begleys Venedig-Tourist entrichtet zum Ende immerhin seinen Obolus, als er sich sein schwarzes Totenschiff kauft. Der Werbemogul Thomas Mistler flüchtet sich in die alte Finanzmetropole Venedig, nachdem sein Arzt ihm einen finalen Leberkrebs diagnostizierte. Dort durchlebt noch einmal in Zusammenfassung sein von Eros und Thanatos bestimmtes Leben. Media vita in morte sumus. Dieser, der Vanitas zugeordnete Vergänglichkeitsgedanke aus einem gregorianischen Choral (Notker) fasst den Roman ganz gut zusammen. Mistler ist kein besonders sympathischer Protagonist. Auch Gustav Aschenbach aus der berühmten Vorlage von Thomas Mann ist kein besonders sympathischer Protagonist. Beide sind sie Großmeister und doch furchtbar einsam. Thomas Mistler betrügt noch im Angesicht des Todes seine Frau Clara. Während er das seiner Frau selbst nicht zugesteht. Dabei liebt er seine Frau nicht einmal. Er vergleicht sie mit einem Erlebnis, das er mit einem billig erworbenen Fernglas hatte. Mal sieht er sie scharf und dann verschwimmt sie. Sie ist nur groß, blond und repräsentativ. Als er zum Ende des Romans seiner großen Jugendliebe wieder begegnet, erkennt er, dass dies vergangen ist und nicht mehr wiederkehrt. Unterlassungssünden, Sünden die nicht mehr wieder gutzumachen sind, weil die Zeit nie mehr zurückkehrt. Mistler, gescheiterter Schriftsteller, hat ein Imperium erschaffen und noch im Angesicht des Todes gilt seine Sorge dem optimalen Verkauf. Die spirituelle Leere lässt sich auch mit allem Geld der Welt nicht auffüllen. Dies scheint die einfache Lehre aus dem Roman von Louis Begley zu sein. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn Mistler hinterlässt neben seiner Werbefirma auch Menschen. Als sich in Venedig die junge Fotografin Lina geradezu an den Hals wirft, nimmt er das Geschenk eher mitleidig an. Erbärmlich ist wohl das Adjektiv mit dem man einen Machtmenschen bezeichnen kann, der unfähig ist zu lieben, dem sein Narzissmus selbst beim Abschied-Nehmen im Weg steht. Offenbaren kann er sich zum Ende nur seinen längst vergessenen alten Freunden gegenüber. Sein Abschied schmilzt dabei bei aller Daseinsfülle zusammen auf wenige Augenblicke. Und es sind nicht die schmeichelhaften Augenblicke, sondern eben die Unterlassungssünden. Er hat vergessen, seinen Sohn zu lieben, vergessen seine Frau zu lieben. Er schaffte es nicht, die Frau zu lieben, die er wirklich begehrte, zweimal nicht. Bei Bella / Bunny und bei der Geliebten seines Vaters.   Ein Leben, das sich auf Äußerlichkeiten reduziert. So erinnert er sich im Moment, als sich Bunny ihm hingeben will an das Kleid das sie trägt, und das Peggy trug mit der er eine kleine, schmutzige Affäre hatte. Es sind viele kleine schmutzige Dinge, die dieses Leben ausmachen. Und von dem großen Imperium bleibt am Ende nur noch die Frage, ob der Börsenmarkt sich wieder erholt. Der Autor schildert das Leben eines der reichen Ostküstler der USA, die er wohl auch aus seiner Anwaltskanzlei gut kennt. Denn Begley war sein ganzes Leben als Jurist, als Justiziar und Treuhänder tätig, hat trotz literarischer Erfolge als Jurist weiter gearbeitet und die ganze Welt bereist. Das Venedig, das er durch Mistlers Brille schildert ist ein beiläufiges Venedig. Die Schönheit, die es bei Thomas Mann hatte, ist hier bei Mistler reduziert auf ein paar barocke Bilder (Tizian). Jenes Martyrium von Laurentius passt natürlich, war dieser doch als Vermögensverwalter der Kirche tätig. Nachdem Kaiser Valerius den Papst Sixtus II. hat köpfen lassen wurde Laurentius ausgepeitscht und aufgefordert, den Kirchenschatz innerhalb von drei Tagen herauszugeben. Daraufhin verteilte Laurentius diesen an die Mitglieder der Gemeinde, versammelte eine Schar von Armen und Kranken, Verkrüppelten, Blinden, Leprösen, Witwen und Waisen und präsentierte sie als „den wahren Schatz der Kirche“ dem Kaiser. Der Hauptmann, vor dem Laurentius erschienen war, ließ ihn deswegen mehrfach foltern und dann auf einem glühenden Eisenrost hinrichten. Aus diesem Grund wird der Märtyrer mit dem Rost als Attribut dargestellt. Seine letzten Worte soll er an den Kaiser gerichtet haben: „Du armer Mensch, mir ist dieses Feuer eine Kühle, dir aber bringt es ewige Pein.“ Mistler ist kein Märtyrer. Aber immerhin ein Leidender. Und damit schafft es Begley, auch diesen Empathie freien Werbemogul dem Herz des Lesers zu erschließen. Irgendwann geht man mit ihm durch dieses Venedig der Erinnerungen.  Auch wenn man sich als Leser oft die Frage stellt, warum man überhaupt mitgeht – man geht. Vielleicht erhofft man sich die gerechte Strafe für ihn, oder ergötzt sich an den kleinen Niederlagen eines großen Gewinners, schwer zu sagen. So kann ich nicht sagen, ob mir der Roman überhaupt gefallen hat. Wenngleich ich die Meisterschaft Begleys bewundern muss, mit der er mir einen mir so fremden Menschen näher bringt, weiß ich nicht, was ich nun mit dieser Nähe überhaupt anfangen soll. Was für ein Kotzbrocken! Er wusste nicht, einfach zu sein. (Das ist es ja. Ich wünschte und wünschte und mühte mich, mir meine Wünsche zu erfüllen. Katzen und schöne Frauen haben das nicht nötig. Sie tun nichts, sie sind! Seite 244). Aber da sieht man mal wieder: Kultur und Geld allein reichen nicht aus. Selbst der schmuddelige Barney hat da mehr Spirit. Mehr weiß ich jetzt auch nicht mehr darüber zu sagen.

05. August 2016

Judas

 

Von Amos Oz

Aus dem Hebräischen übersetzt von Mirjam Pressler

Erschienen im Verlag Suhrkamp 2015

 

"Diese [die Juden] haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet, auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen." - 1. Thessalonicher 2,15

In seinem neuen Roman erzählt uns Amos Oz, der israelische Schriftsteller und Mitbegründer der politischen Bewegung Schalom Achschaw (Frieden jetzt), eine Geschichte, die sich mit dem Thema „Verrat“ auseinandersetzt (es ist sein Lebensthema). Die Geschichte spielt in Jerusalem, einige Jahre vor dem Sechs-Tage-Krieg. Ben Gurion leitet noch die Geschicke des jungen Staates. Der Student Schmuel Asch setzt sich gerade damit auseinander, wie die Juden den berühmtesten aller Juden gesehen haben, Judas Ischariot. Immer wieder verweist der junge Student darauf, dass ohne Judas das Christentum gar nicht möglich gewesen wäre. Andererseits fragt er sich auch, wie es möglich sein kann, dass ein reicher Jude wie Judas (er hatte Grundbesitz) für lächerliche 30 Silberlinge einen Verrat üben konnte, der nicht einmal nötig war, weil jeder wusste, wo sich Jesus aufhält, und Jesus nicht einmal vor hatte zu fliehen oder sich zu verstecken.

Leider muss der junge Student seine Arbeit aufgeben, weil sein Vater mit seiner Firma „Möwe“  bankrott machte und ihn nicht mehr unterstützen kann. Zu allem Unglück hat ihn auch noch seine Freundin Jardena verlassen, und heiratet ausgerechnet den langweiligen Hydrologen Nescher Scharschawski. Schmuel Asch versteht die Welt nicht mehr. Auch sein sozialistischer Arbeitskreis hat sich aufgelöst und so steht Schmuel Asch recht verloren da. Der auktoriale Erzähler beschreibt den jungen Studenten mit einer spöttisch-zärtlichen Stimme. Asch hat einen gewaltigen Bart, den er sich immer mit Babypuder einreibt und er neigt dazu, leicht in Tränen auszubrechen. Er ist wie tapsiger Bär, leicht verträumt, verwirrt. …entweder wie ein begeisterter kleiner Hund, der kratzt und tobt, und sogar wenn du auf einem Stuhl sitzt, drehst du dich die ganze Zeit um deinen eigenen Schwanz, oder du bist das Gegenteil – liegst ganze Tage lang auf dem Bett wie eine ungelüftete Wolldecke, zeichnete ihn seine Freundin Jardena, bevor sie ihn verließ. Schmuel entdeckt nun eine Anzeige, wo ein kranker, alter Mann einen Pfleger bzw. Betreuer sucht. Er müsse ihn vor allem abends unterhalten. Eine vermeintlich leichte Aufgabe. Schmuel geht zu der angegebenen Adresse in der Rav-Alba-gasse und verbringt dort dann denWinter (über vier Monate). Der alte Mann heißt Gershom Wald und ist ein kauziger Krüppel, der gerne diskutiert. Mit in dem von der Restwelt isoliertem Haus lebt noch eine Frau, die Schwiegertocher, Atalja Abrabanel. Es bleibt nicht aus, dass sich Schmuel in die deutlich ältere, aber geheimnisvolle Frau verliebt. Ihr Vater (längst tot) stellt sich heraus, galt als Verräter, wie Judas einer war, und – wie es Amos Oz in einem Interview erzählt – auch der Autor selbst. Es geht nun in dem vielschichtigen Roman um die hoffnungslose Liebe des Studenten Schmuel Asch zu der älteren Atalja, es geht um die Frage des ewigen Juden, um Versöhnung, um die Legitimation des israelischen Staates. Der Vater von Atalja war Mitglied der Jewish Agency, Teil des Gründerkreises um Ben Gurion. Er aber war ein so genannter Kulturzionist und gegen eine Staatsgründung. Schüler von Hirsch Ginsberg (Achad Ha’am S. 196), der schon im 19. Jahrhundert zu der Ansicht gekommen war, dass die Errichtung eines jüdischen Staates gerade dort zu vielen, teilweise schwerwiegenden Problemen führen würde und der eine Vorgehensweise favorisierte, die erst einmal wieder die jüdische Kultur in der Gegend zu verankern forderte.

Ich kann mir vorstellen, dass solche Verweise im modernen Israel noch heute für hitzige Debatten sorgen.  Die dramatische Geschichte der Staatgründung, die Geburtsfehler aufgrund der unglücklichen Art der Teilung Palästinas (durch UNO-Beschluss), der nun über 60 Jahre währende Ausnahme-Zustand eines Staates, hinzu die tragische Gesamtgeschichte des Judentums, machen es einem bajuwarischen Bergbewohner wie mich, geradezu unfassbar schwer, eine Meinung dazu zu haben. Daher war für mich – bei doch vorhandenen Schwächen des Romans – unglaublich spannend, diesen Blickwinkel kennenzulernen. Allein die historischen Verweise auf jüdische Gelehrte, von Maimonides bis zu mir so unbekannten Autoren, wie David Kimchi (Philologe aus dem 12. Jahrhundert), oder Jehuda Halevi (sephardischer Dichter des Mittelalters), waren lehrreich. Für das gelehrte Lesepublikum in Israel mögen viele Anspielungen und Autorennamen geläufiger sein und der Diskurs darüber, was diese schrieben und dachten mag lebendiger sein, aber was Oz immerhin auch für mich hinter den sieben Bergen vermitteln konnte: Die jüdischen Gelehrten haben sich um das Thema „Judas“ herumgeschlichen, ihn nicht erwähnt oder kaum. Für das Verständnis des chassidischen und traditionellen Denkens (das ja in Israel eine wichtige politische Kraft ist) ist das schon erhellend.

Hat es mich gestört? Das fragte ich mich beim Lesen. Ein wenig. Die regelmäßigen Wiederholungen. Immer wieder wird Schmuels Asthma erwähnt, immer wieder wird beim Auftritt Ataljas erzählt, was sie für Kleidung trägt. Es gibt einige Wiederholungen in dem Text. Man hat den Eindruck Oz arbeitet geradezu mit diesen Wiederholungen. Zwischendrin beim Lesen hatte ich die Theorie, dass Oz mit diesen Wiederholungen auch eine allegorische Idee verfolgte: Das sich immer wieder wiederholende jüdische Schicksal. Günter Grass beendet seinen Roman Im Krebsgang (wo es auch um die Wiederholung der Vergangenheit geht) mit den Worten: Hört es denn nie auf?  Gut. Vielleicht lege ich das jetzt gutmütig aus. Zumindest ist mir die Wiederholung aufgefallen, sehr aufgefallen. War es Absicht, hat es gut geklappt. Aber es fordert vom Leser, diese Autorenabsicht zu erkennen. Und das ist nur im Kontext möglich, nicht im Roman selbst. Das kennzeichnet Judas als politischen Roman. Nur der politische Roman hat diesen besonderen Kontext, der sich allegorischer Stilmittel bedient. Die Allegorie verweist auf das Gemeinte. Und das zeigt mal wieder, wie schwer die Metapher von der Allegorie zu scheiden ist.

So war ich mir eigentlich nicht wirklich klar, was die eigentliche Aussage des Romans ist, wenn es denn ein politisch motivierter Roman ist.

Zum Ende gelangt Schmuel Asch nach Beer Sheva, einer der größten Städte im Süden Israels. Dort fand man bei einer Ausgrabung eine über 3000 Jahre alte Siedlung. In der Bibel wird Be’er Scheva mehrfach im Zusammenhang mit den Patriarchen Abraham und Isaak erwähnt. Im 1. Buch Mose wird geschildert, wie Abraham einen Bund mit Abimelech schließt und dadurch einen von ihm gegrabenen Brunnen ungestört nutzen kann. Nach der Darstellung der Bibel lag später bei Be’er Scheva die Südgrenze des israelitischen Siedlungsgebiets.

Die hebräische Bibel erwähnt Abimelech als ersten, der den Versuch unternahm, über das Richterprinzip hinaus eine Monarchie in Israel zu errichten. Der Versuch scheiterte nach einigen Jahren, auch umfasste er nur sehr begrenzte Teile Israels.

Ist dieses Reiseziel von Schmuel Asch als Allegorie zu verstehen? Wird man in weiteren 3000 Jahren wieder ein altes Israel ausgraben? Ist es immer eine Wiederholung? Ist die Geschichte der Juden ein ewiger Kreislauf, aus dem wir alle nicht herausfinden. Und jede neue Anekdote nur ein weiterer Verweis auf diese ewige Geschichtswiederholung?  Wer kann das wissen!

15. Juli 2016

Der Schatten des Körpers des Kutschers

 

von Peter Weiß

Erscheint im Jahr 1960 im Verlag Suhrkamp

 

Der 23jährige Beckett schreibt in Dante ... Bruno. Vico ... Joyce, einem Essay aus dem Buch "our  exagmination Round his Factification for Incamination of Work in Progress" folgendes:

Hier (gemeint ist Joyce) haben Sie unmittelbaren Ausdruck, Seiten über Seiten davon. Und wenn Sie das nicht verstehen, meine Damen und Herren, so liegt es daran, daß Sie zu dekadent sind, um es zu fassen. Sie sind ja nicht eher zufrieden, als bis Form und Gehalt so säuberlich voneinander geschieden sind, daß Sie das eine verstehen können, fast ohne sich um das andere zu kümmern. Dieses schnelle Absahnen und Aufschlecken der dünnen Sinnschicht wird nur durch das ermöglicht, was ich als einen fortlaufenden Prozeß wortreichen intellektuellen Gesabbers bezeichnen möchte. Als ein eigenmächtiges und unabhängiges Phänomen kann die Form keine höhere Funktion erfüllen als die, auslösender Reiz für einen Pawlowschen, bedingten Reflex tröpfelnden Verstehens aus dritter oder vierter Hand zu sein.

Beckett warnt uns vor „der  zeilenschinderischen Vulgarität einer Literatur der Beschreibung". Gemeint ist das, was heutzutage Standard der Erzählkultur ausmacht. Auf viele Hundert Seiten aufgeblähtes Geschwätz mit dem voraussehbaren Ziel, sofort verstanden zu werden und „verschlungen“ zu werden. Instand-Literatur, Markt orientiert und luftdicht verpackt.  Die Unzufriedenheit der Autoren in den 1960er Jahren entspringt einer Sehnsucht nach Wahrheit. Im Nachwort zur Anthologie Tausend Gramm schreibt Wolfgang Weyrauch: „In der gegenwärtigen deutschen Prosa sind mehrere Schriftsteller erschienen, die versuchen, unsre blinden Augen sehend, unsre tauben Ohren hörend und unsre schreienden Münder artikuliert zu machen.“ Er nennt diese Literatur „Kahlschlag“. „Die Schönheit“, schreibt Weyrauch in diesem Nachwort „ist ein gutes Ding. Aber Schönheit ohne Wahrheit ist böse. Wahrheit ohne Schönheit ist besser.“

Laut Weihrauch gibt es  vier Kategorien von Schriftstellern.

1.         Die einen schreiben das, was nicht sein sollte.

2.         Die andern schreiben das, was nicht ist.

3.         Die dritten schreiben das, was ist.

4.         Die vierten schreiben das, was sein sollte.

Die Schriftsteller des Kahlschlags gehören zur dritten Kategorie.“

  In der Wiederauflage der Anthologie Tausend Gramm im Einheitsjahr 1989, schreibt Charles Schüddekopf im dortigen Nachwort:

Die wuchernden Müllhalden sind in Verruf geraten. Von ihren Kritikern werden sie als zivilisatorische Krebsgeschwüre diagnostiziert und als ein Symptom des allgemeinen Untergangs verstanden. Selbst die kühle Sprache der chemischen Analyseergebnisse über die verscharrten Gifte bebildert die Müllhalde heimlich mit Endzeitphantasien über eine Gesellschaft, die den Kannibalismus in der Südsee und anderswo glücklich dominiert und nun begriffen hat, dass sie selbst der Wilde wie auch ihr eigenes Opfer ist.“

Peter Weiß hat mit dieser einmaligen Prosa den Versuch des Nouveau Roman gewagt. Er hat dann eigentlich nichts Vergleichbares mehr geschrieben. Seine anderen Texte sind auch anders. Aber so entstand eine Episode in der deutschsprachigen Literatur, ohne die Peter Handke oder Ror Wolf nicht zustande gekommen wären. Alles Schnee von gestern. Die Vorbilder: Robbe Grillet, Nathalie Sarraute, aber auch Kafka, Beckett, Joyce. All das ist Literaturgeschichte. Der „Mikroroman“, wie Peter Weiß den Text selbst nannte, hat so gut wie keinen Plot. Die Dramaturgie wird allein durch einen beobachtenden, schreibenden und sich kaum einmischenden Ich-Erzähler dominiert. Der Ich-Erzähler streut sich Salz in die Augen, um eine andere Sichtweise zu bekommen. Die Genauigkeit des Beschreibens der Ereignisse mündet in einem Geschlechtsakt von zwei Schatten. Diese Passage weckt Assoziationen zu Platons berühmtem Höhlengleichnis. Davor erzählt er in zehn Abschnitten von einem Essen auf einem Landgut mit mehreren Gästen. Durch die Art der Beschreibung wird das Geschehen geradezu surreal - obwohl sich der Erzähler um Genauigkeit der Darstellung bemüht, oder gerade deshalb (wie in der Kohlen-Episode im letzten Abschnitt). Zu einer programmatischen Schlüsselszene kommt es schon zu Anfang des Textes: „…man folgt der Rede des einen und setzt dann mit der Rede eines anderen fort, man liest die Beschreibung des Schauplatzes einer Handlung und gleitet dann zum Schauplatz einer anderen Handlung über…“, erzählt der auf dem „Abtritt“ sich befindende Erzähler, während er altes Zeitungspapier beschreibt, das dort ausliegt. Die Kollage dieser Berichte dient als Toilettenpapier. Es wird immer und immer wieder gelesen, teilweise sind es Jahre alte Berichte.

Radikale Subjektivität soll größtmögliche Objektivität herstellen. Der Erzähler ist kein Konstrukteur von Ereignissen, sondern ausschließlich eine Kamera. In den vielen hypotaktisch gebauten Sätzen versucht Peter Weiß auch die Gleichzeitigkeit des Beobachteten zu fassen. Dadurch entsteht das Phänomen, dass die Erzählzeit länger ist als die erzählte Zeit. Der Erzähler wendet eine Form der Distribution an, Dieses sprachanalytische Verfahren macht die Ereignisse so verstörend. Dazu verwendet Peter Weiß Ellipsen, die er bei den Dialogen anwendet, von denen der Erzähler immer nur Bruchstücke wahrnimmt. Die Bruchstücke deuten auf das Emotionale in den Dialogen, sind also von Weiß bewusst so gewählt worden, um den Dialog trotz der Ellipsen im Kern verstehbar zu machen.

Zusammenfassend:

•           Radikal subjektive Erzählweise

•           Größtmögliche Objektivität der Kamera

•           Gleichzeitigkeit der Ereignisse

•           Hypotaktischer Sprachbau

•           Ellipsen bei den Dialogen

Am Ende lässt sich zu dem sprachlichen Experiment sagen, dass der Text nicht länger hätte sein dürfen. Sonst wäre er ganz und gar unerträglich geworden. Es sind in dem Text aber so viele wunderbare Sprachperlen enthalten, dass dieser Mikroroman zu Recht in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Ganz anders ist ja das große Werk „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiß. Dieser ist ein klassischer Gesprächsroman mit essayistischem, intellektuellem Anspruch.

Die Kollagen in dem Mikroroman sind weniger überzeugend. Aber sie haben in Ror Wolf einen genialen Epigonen gefunden.

13. Juli 2016

Tage der Nemesis

 

Martin von Arndt

Erschienen 2015 im Verlag Ars Vivendi

 

Wenn man mit Hilfe der Suchmaschine Google nach dem Namen Arschawir Schiragian sucht, dann erscheinen im World wide web grade mal zehn Einträge. Und diese  berichten dann hauptsächlich über Said Halam Pascha, der von Schiragian in Konstantinopel ermordet wurde. Dass Schiragian – Mitglied der armenischen revolutionären Föderation (ARF) - eine Autobiografie geschrieben hat, in seinem Exil in Boston, davon steht im gesamten weltweiten Internet nichts. Said Halam Pascha war Großwesir des osmanischen Reiches und Unterzeichner des deutsch-türkischen Bündnisvertrages von 1914. Sein Nachfolger hieß Talat Pascha. Talat Pascha ist der erste Mordfall in dem Doku-Roman von Martin von Arndt. Der kriegstraumatisierte, vom Morphium abhängige Kommissar Eckart gerät in der Folge mitten hinein in den türkisch-armenischen Konflikt. Nach und nach erfährt der deutsche Kommissar, dass es sich hier um eine geheime Operation der ARF handelt, welche die Verantwortlichen an einem Völkermord zur Rechenschaft ziehen wollen. Ein Völkermord, der jüngst für großes Aufsehen sorgte, weil die deutsche Bundesregierung eine Resolution verabschiedete, in der von einem „Völkermord“ an den Armeniern gesprochen wird. Viele andere Länder haben zuvor schon dieses Verbrechen an der Menschlichkeit anerkannt. Deutschland hat lange gezögert, mit sich gehadert. Aus zwei Gründen: Einmal wollte man die Beziehung zur heutigen Türkei nicht gefährden, weil man die Türkei ja zur Lösung der Flüchtlingsfrage benötigt, zum anderen trägt Deutschland eine Mitschuld, denn das deutsche Kaiserreich hat zumindest weggesehen, als Kurden und Jungtürken das armenische Volk abschlachtete. In der Resolution vom Juni 2016 wird die Mitschuld allerdings nur angedeutet und als eine Art „unterlassene Hilfeleistung“ beschrieben. Aber es war wohl eher Beihilfe. Tatkräftige Unterstützung, die auch nach dem 1. Weltkrieg die nötige Aufklärung des Völkermords verhinderte. Martin von Arndt beschreibt in seinem Krimi die dubiose Rolle Deutschlands. Gleich der erste Mord wird vertuscht. Das Auswärtige Amt entsorgt die Leiche und der Attentäter an Talat Pascha wird freigesprochen. Dem Kommissar werden immer wieder Steine in den Weg gelegt. Man möchte ja nun nach dem verlorenen Krieg die Entente nicht verärgern. Man möchte möglichst gar nichts damit zu tun haben. Auf deutschem Boden verübte Attentate an türkischen Würdenträgern – ich denke, das wäre auch heute ziemlich politisch. Martin von Arndt gibt nur wenige politischen Statements, diese sind dafür aber deutlich (siehe Seite 66). Historisch gilt der Völkermord an den Armeniern als belegt und gut dokumentiert. Über eine Million Menschen wurden getötet. Schon im 19.ten Jahrhundert verübten türkischstämmige Kurden Pogrome gegen die christlich-apostolischen Armenier. Heute sind die 300 Kilometer Grenze zwischen der Türkei und Armenien dicht. Aber das Spiel ist noch nicht vorbei. Denn in der Türkei leben noch wenige Armenier. Und in letzter Zeit wurden armenische Priester Opfer fanatischer Mörder. Zum Beispiel in Erzurum, dem Sitz einer apostolischen Mutterkirche, oder in Van, einer kurdischen Hochburg an der iranischen Grenze, oder in Trabszon. Aber auch in Istanbul leben noch 45000 Armenier. Doch die ermordeten armenischen Priester genießen nicht genügend Rechte, dass die Morde auch aufgeklärt würden. Christliche Minderheiten haben es in der Türkei nicht einfach. Zumal es Hinweise genug gibt, dass die Türkei unter Erdogan mit dem IS kollaboriert, um die ungeliebten Kurden loszuwerden. Eine empfindliche politische Mengenlehre, die den Autor des vorliegenden Romans auch zu einem defensiven Vorwort nötigte, wo der Autor ausdrücklich darauf hinweist, dass er die Türkei nicht beleidigen will. Daher konzentriert sich Martin von Arndt auch auf seine Figuren und den Krimi-Plot. Spürbar wird auch die politische Landschaft im Nachkriegsdeutschland. Antisemitismus und Nationalismus wird in der Figur des Kriminalkommissars Wagner verkörpert. Routiniert und spannend geschrieben. Aber am Ende doch ein wenig enttäuschend. Denn um zu erfahren, was es mit all dem auf sich hat, ist man als Leser gezwungen selbst nach zu recherchieren. Die Namen der Opfer und Täter werden in dem Doku-Roman genannt und damit erleichtert sich das nachforschen. Am Ende trifft der Kommissar Eckart auf den Agent T, jener Schiragian, und die beiden diskutieren über die Frage des Tyrannenmordes. Schiragian sieht in den Attentaten eine Form des Widerstands des armenischen Volkes, während Eckart die Sicht des Kommissars vertritt, welcher Morde aufzuklären hat. Zudem befürchtet Eckart eine Gewaltspirale. Im Spiel der Mächte jedoch geraten all diese Fragen nach Gerechtigkeit in den Hintergrund.

Auch der große Mustafa Kemal, genannt Atatürk, trat im Jahr 1907 der Ittihat bei, dem Komitee für Einheit und Fortschritt, das maßgeblich verantwortlich war für den Völkermord an den Armeniern. Aber Mustafa Kemal war gegen das deutsch-türkische Bündnis, das Enver und Talat Pascha dem damaligen Sultan aufzwangen. Daher wurde Mustafa nach Bulgarien abgeschoben. Er hatte mit dem Völkermord nichts zu tun. Aber sein von ihm entworfenes Geschichtsbild, in dem Hethiter, Skythen, griechische Ionier und so weiter zu heroischen Vorläufern der Türken wurden (die Kurden als Bergtürken), hat zu einer dramatischen Geschichtsverklitterung geführt, die bis heute nachwirkt. Ein Aufbrechen dieses türkischen Geschichtsverständnisses bedroht das türkische Narrativ einer glorreichen Nation. Es wäre der letzte Schritt in ein modernes Staatsverständnis. Diesen letzten Schritt will der wieder „kranke Mann am Bosporus“ nicht gehen. Mit der syrischen Grenze als Drehort des heutigen Terrorismus, spielt die Türkei – immerhin NATO-Mitglied, weshalb auch die USA den Völkermord nicht ratifiziert – eine bedeutende Rolle.
Martin von Arndt stellte in seinem Roman eher grundsätzliche Fragen, nicht zuletzt die Frage nach den Folgen eines Krieges. Denn in seiner Hauptfigur spiegelt sich der Krieg als persönliches Trauma. Im Spiel der Mächte sind immer Menschen die Opfer. Und jeder Staat ist die Summe aus Einzelnen. Doch der Einzelne ist wiederum eine Spielfigur der Mächte. Das ist auch absurd. In seinem Roman „Der Tod ist ein Postmann mit Hut“ (Klöpfer & Meyer 2009), schildert von Arndt einen absurden Helden, der gegen eine anonyme Post kämpft, die nur aus leeren Blättern besteht. Dagegen ist der Kampf von Eckart konkret. Und dass es ein deutscher und politisch neutraler Kriminaler war, der Schirigian vor dem Zugriff der deutschen Justiz schützte, appelliert an die zivilen Kräfte einer Nation.

12. Juli 2016

Idylle mit Professor

 

Von Renate Feyl
erschienen im Verlag DIANA 2013
erstmals im Verlag Berlin 1988

 

Der große Meister der deutschen Stilistik Ludwig Reiners erwähnt in seiner „Stilkunst“ den Sprachpapst Gottsched gerade zweimal. Einmal nennt er Gottscheds Stil eine „aufdröselnde Geschwätzigkeit“, die man zwar historisch erklären aber „nicht entschuldigen“ könne, dann erwähnt er den Regelpapst in seinem Kapitel „verblichene Bilder“ und zwar als schlechtes Beispiel (Deines Geistes hohes Feuer / schmelzte Rußlands tiefsten Schnee / und das Eis ward endlich teuer / an dem runden Kaspisee). Doch Renate Feyl geht es nicht darum sich über Gottsched lustig zu machen – auch wenn er in dem Roman durchaus auch komisch wirkt -, sondern ihr geht es um die Engstirnigkeit des Gelehrten und seine herrische Überlegenheitsgestik gegenüber seiner jungen Frau Viktoria (geborene Kulmus). Bis zum traurigen Ende seiner Frau ist der Mann an ihrer Seite der falschen Überzeugung, sie sei sein Produkt. Der Sprachenstreit des 18. Jahrhunderts um die Anomalisten und die Analogisten dient eher als Kulisse. Dass eine gewachsene Sprache keine innere Logik habe, dass Sprache künstlich geschaffen werden müsse, diese Anschauung aber passt zu einem Mann, für den Ordnung und Genauigkeit, Sauberkeit und sittliche Reinheit so sehr zum obersten Gebot alles Menschlichen zählen, dass dabei das eigentlich Menschliche geradezu zum Pejorativ wird. Die Ungerechtigkeiten dieses Mannes gegenüber seiner wissbegierigen und klugen Frau schildert Renate Feyl als  Reaktion darauf, dass sein eigener Stern verblasst. Die intellektuelle Eifersucht zwischen den Geschlechtern ist das ahistorische Thema dieses historischen Romans. Hinzu kommt, dass Gottscheds Lehre anachronistisch wird, was auch gut zum Veröffentlichungszeitpunkt des vorliegenden Romans 1988 passt, als auch der DDR-Staat in seiner Führungsriege anachronistisch wurde. Das mag Zufall sein, oder dem literarischen Instinkt von Renate Feyl geschuldet – sei ‚s drum. Historisch wurde Gottsched allerdings rehabilitiert. Nach dem siebenjährigen Krieg war Österreich so geschwächt, dass der oberdeutsche Weg (Bodmer, Lavater) nicht mehr möglich war. Als Österreich die allgemeine Schulpflicht einführte, galt Gottscheds Sprachenlehre. Dennoch blieb nicht Gottsched, sondern Lessing und Klopstock. Dass einst das meißnerisch-sächsische als deutsche Hochsprache galt, wissen viele nicht mehr. Auch für Goethe, als dieser als junger Mann nach Leipzig kam, war dies bindend.

Feyl liefert in ihrem Roman ein stimmiges Portrait dieser beeindruckenden Frau, die in einer Zeit lebte, die den Frauen generell jegliche akademische Würde absprach. Selbst als „gelehrteste Frau Deutschlands“ (Marie-Theresia) war sie „nur“ ein Produkt ihres Mannes. Und ihre Selbstständigkeit war jederzeit ein Affront und geradezu eine Sünde. Dass ihr Mann sie dann schamlos betrügt, sogar ihre Post unterschlägt und Lügen über sie verbreitet (sie könne kein Latein), ist der Gipfel der Ungerechtigkeit. Johann Christoph Gottsched wird zum schmalbrüstigen, hartleibigen Korinthenkacker, der Hexameter und Daktylen mit dem Finger abzählt und so weit entfernt ist von der Poesie, dass man sich als Leser ziemlich gut vorstellen kann, welche Intension der Sturm und Drang dann hatte. Immer mehr entfernt sich Viktoria von ihrem Mann und so leider auch von der Welt. Ein erschütternder Rückzug in ihre Traumwelt, von der gefeierten Übersetzerin zur Taubenfütterin, die Wut und moralischen Ekel gegenüber ihrem verständnislosen Ehemann auslöst. Als sehr junge Frau gerät Viktoria in diese Ehe. Sie ist unerfahren, schaut zu ihrem erfolgreichen Ehemann auf und wünscht sich dabei nichts anderes, als ihm zu dienen. Dabei entdeckt sie zunehmend die Welt des Geistes, des Wortes für sich, entwickelt eigene Gedanken und erfährt so, dass ihr Mann sich zunehmend lächerlich macht. Sie will ihm auch da noch helfen, ihn warnen. Aber Gottsched ist zu selbstgerecht, zu sehr von sich überzeugt und gleichzeitig so voller Minderwertigkeitsgefühle, dass er nicht erträgt, wenn das Licht seiner Frau heller strahlt als seines. Noch ganz im Schatten des sittlichen Ehebegriffs der Reformation spürt man das vorsichtige Aufkommen der Idee einer Liebesheirat. In der Poesie, in der Sehnsucht nach einer erfüllenden Liebe erfährt Viktoria die harte Realität ihrer Existenz. Der Ehemann verfügt über sie. Er nimmt ihr den Schlüssel zur Haushaltskasse, er untergräbt Viktorias Karriere. So unterstützt er sie scheinbar, als Viktoria sich ziert, Voltaire zu treffen, nur um selbst sich mit diesem großen Geist zu treffen und sich in dessen Glanz zu sonnen. Diese widerliche Verlogenheit Gottscheds verringert ihn zusehends. Zum Ende verachtet Viktoria den einst Erhöhten. Sogar im Angesicht des Todes schickt sie ihn nur aus ihrem Zimmer. Aber sogar nach ihrem bitteren Tod weiß ihr Ehemann lediglich den Nutzen zu ziehen und verkauft seine tote Frau als sein Produkt. Das alles ist so abstoßend, dass man das kaum noch überbieten kann. Schlimmer: Es ist kein Sonderfall, sondern verweist auf das hierarchische Gefüge zwischen Mann und Frau wie es Jahrhunderte galt und zum Teil noch heute wirkt. Gottsched handelt abstoßend. Aber es scheint ihm gar nicht so vorzukommen. Er ist geradezu auf naive Art widerlich. Männer haben sich Jahrhunderte lang ein Frauenbild erzählt, ein Bild das phantastisch ist im Wortsinne. Um existenzielle Krisen zu umgehen, waren viele Frauen gezwungen, diese Erzählungen der Männer zu glauben. Viktoria glaubt sie nicht mehr. Aber sie erfährt eine Welt, die fest daran glaubt. Als sie ihre Geschichte der deutschen Lyrik nicht veröffentlichen kann und den lächerlichen Dichter seinen Hofstaat begrüßen sieht, wird ihr die Welt fade und schal. Sie stirbt daran. Die Macht dieser phantastischen Erzählung der Männer, was eine Frau sei, tötet Viktoria. Die Ärzte lassen sie zur Ader, geben ihr Pillen. Sie verstehen nichts. Die dramatische Ironie: Wir Leser verstehen. Und es schmerzt. Denn Viktoria geborene Kulmus wird heute weiterhin kaum gewürdigt. Renate Feyl hat zumindest wieder an sie erinnert, und an die herausragenden Leistungen dieser Frau, die sie unabhängig von ihrem Mann leistete. Sie war nicht „das Paradies seiner Augen, die Göttin seiner Lust“, sie war selbst lustvoll und schuf sich ein eigenes Paradies. Ihr Mann hatte darin dann keinen Platz mehr, er war dessen letztlich auch nicht würdig. Doch am Ende ist Viktorias selbst erschaffenes Paradies unerträglich einsam.

05. Juli 2016

Die Mittellosen

Von Szilárd Borbély

Aus d. Ungar. v. Flemming, Heike; Kronitzer, Laszlo

 

Der Ekel – schreibt Aurel Kolnai in seiner „Phänomenologie der feindlichen Gefühle“ – bezieht sich niemals auf Anorganisches. Es ist leibgebunden. Das Ekelhafte grinst, starrt, stinkt uns an. Es lockt uns auf makabre Art an. So wie den kindlichen Erzähler, als er beobachtet, wie eine abgemagerte Katze versucht, einen Frosch zu verschlingen. Es ekelt ihn, aber er kann nicht wegsehen, muss hinsehen. Ein wenig so könnte es auch dem Leser dieses herausragenden Romans gehen. Er muss weiterlesen. In bedingungslos einfachen Sätzen erzählt das Kind (Bobonka) uns von einem Dorf im Ungarn der 1970er Jahre, inmitten des so genannten Gulaschkommunismus (wegen der leichten Liberalisierungen des sozialistischen Ostblockstaates so genannt), das von János Kádár bis zur Wende (1988) regiert wurde. Doch der langjährige ungarische Diktator Kádár (im Horthy-Regime noch zwei Jahre im Gefängnis gesessen) war alles andere als liberal. So befürwortete er den Einzug der russischen Truppen 1956 beim ungarischen Volksaufstand. Zudem war Kádár Mitbegründer der gefürchteten politischen Geheimpolizei ÁVH und verantwortlich für 1200 Hinrichtungen. Borbély erzählt uns sehr anschaulich von den Konflikten der Kleinbauern mit den Kommunisten, die sie einerseits hassen und andererseits fürchten. Alle wissen, dass der Wirt ein Spitzel der Geheimpolizei ist. Dennoch schimpfen, spucken und prügeln sich die berauschten Männer in der Kneipe. Kehren sie heim, prügeln sie auch ihre Kinder, die ihrerseits dann ihre Kinder prügeln werden. Die Atmosphäre roher Gewalt und Barbarei durch Hunger und Furcht wird konsequent weiter vererbt. Aber sie hassen auch den Kulak, früher ein russischer Ausdruck für wohlhabende Bauern, der durch die Kulturrevolution zum Pejorativ wurde. Der Vater des Erzählers wird als Kulakenbastard (auch als Schabbesgoi) beschimpft und bekommt von der LPG keine Arbeit mehr. Borbély bedient hier natürlich die Urängste reicher Bürger vor dem Sozialismus. Doch auch die Mutter ist eine Außenseiterin, eine eingewanderte Ostslawin (Ruthenen aus Litauen). Das erzählt auch einiges über den Antisemitismus und Sziganismus, sowie faschistoiden Nationalismus des gegenwärtigen Ungarn unter dem Regime von Viktor Orbán.

Borbélys Erzählstil aus Subjekt-Prädikat-Objekt-Sätzen, diesen präzisen im immer gleichen Rhythmus im Präsens geschriebenen Sätzen zu folgen, wäre vielleicht irgendwann ermüdend geworden, hätte der Autor nicht immer wieder durch montierte Zitate seiner Figuren den gewählten Stil durchbrochen. So gibt es zum Beispiel in der Mitte des Buches eine lange Erzählung von dem Großvater über die Herkunft der Familie von einer Popenfamilie aus Berek (in Kroatien). Hier werden die Sätze länger, im Erzählperfekt geschrieben und als beeindruckender Bericht über die Armut und die Ungerechtigkeit der Figur des Großvaters authentisch unterlegt. Dieses Stilmittel wendet Borbély konsequent an und so gelingt es ihm, die Figuren lebendig zu machen.

Die erschreckende Armut und damit einher gehende Verrohung der bäuerlichen Welt, die hier beschrieben wird, ist oft kaum zu ertragen. In Schlamm, Dreck und Elend lebend, essen die Bewohner des Dorfes verdorbene Nahrung, kratzen den Eiter aus ihren Schweinen und verprügeln ihre Kinder mit einem dreckigen alten Putzlappen, der schon ganz steif ist. Der heute in Ungarn wieder aufblühende Antisemitismus und Antiziganismus wird in diesem Dorf geflüstert, ist nur unterdrückt da und jederzeit bereit, wieder hervorzukommen. Die Ambivalenz der halbjüdischen Familie dessen Leben in diesem Roman geschildert wird, wirkt zunehmend bedrückend. Die verzweifelte, hysterische und ihren Kindern immer wieder mit Selbstmord drohende Mutter verstärkt noch den paradoxen Effekt des Ekels. „Im Hass“, schreib Kolnai, „ist ein durchaus spontanes, gleichsam wählendes Aufsuchen des Gegenstandes enthalten. Der Ekel aber entsteht im allgemeinen mit voller Eindeutigkeit als einzig in Frage kommende, durch den Gegenstand unmittelbar herausgeforderte Reaktion.“ Und Borbély ermöglicht mit seinem hochpoetischen unmittelbaren Präsens des Erzählens dem Leser die Teilnahme an diesem Ekel. Wir können uns nicht entziehen und sind fasziniert und geschockt zugleich. Die Bauern treiben den Kindern das Träumen aus, indem sie nachts neben den schlafenden Kindern eine Katze in einen Sack stecken und langsam tot knüppeln. Der grausame Todeskampf der Katze geht auf die schlafenden Kinder über und zerstört ihre Träume. Der Hyperrealismus dieser Erzählweise erinnert an die Kunstform eines Gottfried Helnwein und macht dieses Dorf so unheimlich. Schauerlich ist dieses Leben im Dreck; eine Hölle.  Nur wenige Lichtgestalten, wie der Messias, ein zahnloser, äußerst friedfertiger Zigeuner, leben in diesem Dorf. Die Sprache ist roh, voller Kraftausdrücke. Kot, Eiter, verdorbene Nahrung, vielfältige derbe Ausscheidungsrituale und eine abstoßende Sexualität sind vorherrschend. Die Männer greifen den Frauen ungeniert unter die Röcke, was die Frauen nur mit Lachen und Kreischen quittieren. Ein Hengst besteigt eine Stute, der Bauer hilft dabei, das Geschlechtsteil einzuführen, Männer und Frauen stehen pfeifend und lachend dabei. Auch die Kinder sind heruntergekommen. Tagealter Rotz klebt an ihnen. Sie können nicht richtig sprechen. Die Lehrerin Frau Keraly empfindet Ekel vor ihnen. Sie schlägt ihnen mit dem Lineal auf die Finger, achtet aber darauf, ihnen dabei nicht zu nahe zu kommen. Schonungslos und ohne Sentimentalität schildert  Borbély die Armut. An ihr ist nichts Romantisches. Die Reichen wollen nichts mit den Armen zu tun haben. Der Ekel vor ihnen schlägt in Verachtung um.

2014 schied der Autor freiwillig (falls es das überhaupt gibt) aus dem Leben. Seine Übersetzerin Heike Flemming zitiert in ihrem Nachwort eine Email von Borbély, in der er das Ungarn unter Viktor Orbán mit dem Ungarn unter Kadár vergleicht und dieses Leben und auch die Literatur als sinnlos beschreibt („die Freiheit des Geistes ist etwas, womit man sich lächerlich macht“). So ist Borbély wohl ein Opfer des Kollektivs, das naturgemäß keine Freiheit verträgt. Das Individuum wird vergast, verschleppt oder wenigstens bespuckt. Das Kollektiv (Wir sind das Volk…) ist dumm, hässlich und eklig. Und es hasst das Individuum. Der Roman endet so auch mit einem Hauch Melodramatik. Denn der Vater des Erzählers wird von seinen Geschwistern verleugnet und später weist der Vater seine Schutz suchende Schwester Mali ab. Hat das Individuum einen moralischen Anspruch auf Revanche? Mali war ein integraler Bestandteil der Erzählung. Sie war ein Individuum, kleinwüchsig, kindlich. Sie wegzuschicken hatte etwas Grausames. Doch sie nicht wegzuschicken hätte fast etwas Unnatürliches und übermenschliches an sich gehabt. Nicht selten sind unsere Emotionen in dieses Paradoxon verstrickt.

10. Juni 2016

Am Anfang war die Nacht Musik

 

Von Allisa Walser

Erschienen im Verlag Piper 2012

 

Die Halbinsel Höri (Geburtsort von Franz Anton Mesmer) liegt gegenüber Alissa Walsers Geburtsort Friedrichshafen. Die Malerin, Übersetzerin und Schriftstellerin, und Tochter des berühmten deutschen Schriftstellers Martin Walser, ist allein schon dadurch geprägt vom Magnetismus des Physiko-Arztes und unfreiwilligen Vorläufers der Psychoanalyse.
Franz Anton Mesmer taucht häufiger in der Literatur auf. Edgar Allen Poe (Der Fall Valdemar), Stefan Zweig (Die Heilung durch den Geist: Mesmer), Per Ole Enquist (Der fünfte Winter des Magnetiseurs) sind Autoren, die sich mit dem Phänomen beschäftigten. Nach einigen Literaturwissenschaftlern (Steinwachs, Zmigoc) beeinflusste der Magnetismus wesentlich den französischen Roman des 19. Jahrhunderts, was nicht wundert, gab es doch in diesem Jahrhundert sogar Lehrstühle für Magnetismus (siehe Sloterdijk „Menschen im Zauberkreis“ Sphären I).

Für Alissa Walser kommt dem Fall der Maria Theresia Paradis besondere Bedeutung zu, denn in ihrer Prosa beschäftigt sie sich häufig mit der Sexualität zwischen Mann und Frau. In diesem Roman konzentriert sie sich auf das Problem von Nähe und Distanz und der Angst vor Kontrollverlust und der gleichzeitigen süßen Lust nach Kontrollverlust.

Sie beginnt ihre Geschichte von dem schillernden Arzt Franz Anton Mesmer am 20. Januar 1777, also nur gut zwei Wochen nach der berühmten Schlacht von Princeton, in der Georg Washingtons Truppen die amerikanische Unabhängigkeit erkämpft hatten. Der Roman endet am 16. April 1784 in Paris, fünf Jahre vor der französischen Revolution. Zum Ende in Paris schildert sie Franz Anton Mesmer als Lehrer einer besonderen Gruppe von Männern: die Brüder Puysegur, General Lafayette, der Advokat Bergasse, der Bankier Kornmann, und Georg Washington. Überhaupt hat Alissa Walser eigentlich alle historisch relevanten Figuren eingebaut, von Mozart, Riedinger (Noten-Blindenschrift), Kozeluch, Salierie, Emanuel Bach – alle kommen sie irgendwann mal vor. So ist der historische Rahmen klar gesteckt. Bei allen Andeutungen an eine sich veränderte Epoche bleibt Alissa Walser dennoch im Privaten. Sie schildert den Kampf um Unabhängigkeit und die Revolution in der Person Maria Theresia Paradis. Ihr Mentor Franz Anton Mesmer begreift dabei gar nicht, was er tut. Für ihn ist seine Patientin nichts als ein „animalischer Magnet, der wie alle anderen Körper in einem fluidalen Konzert von Ein- und Ausflüssen mit bewegt wird“ (Sloterdijk über Mesmers Einstellung zu seinen Patienten).  Besonders deutlich schildert dies Alissa Walser im Umgang Mesmers mit der Jungfer Ossine: Er ließ ihr seine Hand. Angenehm war das nicht. Und doch fesselt ihn alles Lebendige.
Gleichzeitig schafft es Alissa Walser, die etwas andere Beziehung zwischen Resi und Mesmer zu schildern, das Spannungsfeld zwischen Mann und Frau, zwischen Franz Mesmer  und Anna Maria von Posch einerseits, und zwischen Maria Theresia Paradis, ihrem Vater und Franz Mesmer gut herauszuarbeiten. Die erotische Szene zwischen Anna Maria von Posch geb. Eulenschenk und Franz Anton Mesmer nach der Siegesfeier (Sie umfasste seinen Kopf, Goss ihren Blick in ihn), oder das beinahe homoerotische Rascheln der Kleider (als Kaline einmal nackt vor der Blinden steht), und schließlich die Verdächtigungen der Neider gegenüber Mesmer: Sympathie wird zum Skandalon, Nähe zum Autonomie-Opfer. Schon im magnetischen Zuber und dem Kampf um Stammplätze zeigt sich die schwierige Selbstfindung zwischen Gemeinschaft und Individuum.

Bewegend erzählt Alissa Walser das medizinische Martyrium der jungen Pianistin durch obskure Behandlungsmethoden. Auch den Zwiespalt der Eltern, hin und her gerissen vom Faszinosum der magnetischen Methode, dem außergewöhnlichen Heiler Mesmer und der Skepsis die ihnen als Wiener Aristokratie Natur waren.
In kurzen Sätzen und häufig indirekter Rede gelingt der Autorin einerseits eine sprachliche Binnenspannung, andererseits fällt es ihr scheinbar schwer, sich vom Recherche Ton zu entfernen. So urteilen die Rezensenten teilweise unterschiedlich, attestieren dem Roman einerseits eine Sogwirkung andererseits sei er zu „prätentiös“.

Es gibt immer wieder herrliche Passagen, wie das urplötzliche Auftreten Mozarts und sein Verschwinden, dieses kindisch-kindliche des gemeinsamen Musizierens. Paradis vollzieht eine grandiose Wandlung von der nur pathogen hysterischen Blinden Musikerin, die heillos ihren Eltern unterworfen scheint, zur deutlich selbstbewussteren Frau, die sich auf Konzerttournee begibt und selbst darüber entscheidet ob sie sieht oder nicht. Mesmers eigentliche Leistung war also nicht, das Frl. Paradis von ihrer Blindheit zu befreien, sondern sie zu emanzipieren. Das – wie gesagt – hat der Heiler selbst nicht sehen können. Von daher finde ich die These von Alissa Walser durchaus stimmig. Und wenn man sich nun noch fragt, warum gerade jetzt im 21. Jahrhundert ein Roman über einen umstrittenen Heiler, so sollte man über das Wort „Krise“ nachdenken, das in dem Roman und bei Mesmers Heilmethode keine unbedeutende Rolle spielt. Die historische Krise des 18. Jahrhunderts mündete in die Revolution und führte zur Entfaltung des bürgerlichen Ichs. Das Buch „Empire – die neue Weltordnung“ von Antonio Negri und Micheal Hardt zeigt, dass wir uns im 21. Jahrhundert historisch näher an der französischen Revolution befinden, als an irgendeiner anderen Zeitepoche. Die Beziehung von Franz Anton Mesmer und Maria Theresia Paradis ist eine Beziehung an der Nahtstelle von Aristokratie und Bürgertum. Ein jetziger Heiler könnte sich an der Nahtstelle des Bürgertums und des von Antonio Negri so genannten multitude (Multitudo = Menge von einem unsichtbaren Geist geleitet) befinden.

Das vorrevolutionäre Ich der französischen Revolution stand an der Schwelle ihres Zugriff auf ihr Unterbewusstsein, das vorrevolutionäre Ich der kommenden Revolution stünde dann an der Schwelle ihres Zugriffs auf ihr Überbewusstsein. Vielleicht ganz im Sinne des Physiko- Arztes Mesmer als gegenseitiger Einfluss aller Körper überhaupt aufeinander, als sich verwirklichende multitude. Vernetzung ist ja durchaus ein Begriff, den Mesmer auch benutzen hätte können. Vielleicht ist die Verkennung des Magnetismus als Vorläufermethode der Psychoanalyse und das konsequente Vergessen dieser Methoden Hinweis darauf, dass Mesmer seiner Zeit noch weiter voraus war, das Fluidum als eine Art Kommunikationslicht, die magnetische Anziehung unter den Menschen sich in der informationellen Vernetzung verwirklicht. Das alles steht nicht in dem Roman von Alissa Walser, aber Licht gleich Schmerz. Sehen tut weh. Als Maria Theresia Paradis die Nebenwirkungen des Sehens entdeckt, spürt sie auch, dass sie auf sich allein gestellt ist. Denn niemand außer ihr selbst, kann nachempfinden, was ihr geschieht. Marias Welt-Raum. An dem auch Mesmer nichts ändern kann. Kaum sieht sie, spürt sie die Stille des Raumes, die synästhetische Verkettung von Zeit und Raum. Aus den vielen (manchen Rezensenten zu vielen) Metaphern des Romans liest sich die Sprengkraft der Heilung heraus. Mesmers Scheitern als verschobener Sieg.
Die vielen intersensorischen Paradigmen in der Sprache von Alissa Walser (die von manchen Rezensenten kritisiert wurden und grob als Metapher beschrieben wurden) bieten sich bei einer Blinden die sehend wird um wieder zu erblinden, oder sich für die Blindheit zu entscheiden um besser hören und singen zu können, geradezu an. Dass das Weiße dann sticht und das Stechende weiß ist, sind kleine Tautologien, die vielleicht merkwürdig auffallen und bei einem guten Lektorat denn doch gestrichen worden wären, aber insgesamt waren die Metaphern aussagekräftig. Da ist Maria Theresias Stimme mal wie in ein Wolltuch gehüllt, wie überhaupt die Maria Theresia etwas Verpacktes hat. Wenn ihre Augen wie in Regen versunkene Schiffe gesehen werden, oder Sätze wie mit Licht sei nicht zu spaßen, sagte er, als gäbe es nichts Einleuchtenderes. Auch Ironie fehlt nicht: Mesmer als Rabensezierer (Raben haben nichts Symmetrisches) oder als Papageien Heiler.

Also insgesamt vergnüglich und durchaus mit entsprechend gutem Willen auch mit einer transzendenten Aussage ausgestattet, ein guter Roman von Alissa Walser, der die bigotte Wiener Gesellschaft schildert, die Schwierigkeiten eines Arztes, seine neue Methode gegen herrschende Paradigmen durchzusetzen, und nicht zuletzt eine spannende Arzt-Patientin-Beziehung.

07. Juni 2016

Washington Square

 

Von Henry James

Ins Deutsche übertragen von Bettina Blumenberg

Erschienen zuletzt 2015 im Verlag btb

 

Der 1880 erstmals als Serie im Harpers Magazin erschienene Roman von Henry James soll auf einer wahren Geschichte basieren, die ihm die Schauspielerin Fanny Kemble erzählte. Doch die tragikomische Vater-Tochter-Geschichte könnte auch viele Anleihen aus dem privaten Binnenraum von James selbst haben. Henry James hatte neben seinen drei Brüdern auch eine Schwester, Alice. Ihr Vater Henry James Sr. war der festen Überzeugung, dass Bildung der natürlichen Würde und Aufgabe der Frau schaden könnte (ähnlich wie Austin Sloper). Während die Brüder die beste Ausbildung bekamen (William James wurde ein berühmter Psychologe und Philosoph), wurde Alice schlicht nur hysterisch, worunter sie litt, weil sie keine „richtige Krankheit“ hatte. Als Alice mit 43 Jahren an Krebs erkrankte, schrieb sie in ihr Tagebuch: “Dem der wartet wird gegeben! ... Seit ich krank bin, habe ich mich nach irgendeiner handgreiflichen Krankheit gesehnt, egal was für einen fürchterlichen Namen sie haben mochte.” 
Heute weiß man (am Beispiel Virginia Woolf), dass die Hysterie im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch auftaucht. Dafür gibt es im Fall von Alice keine hinreichenden Beweise, aber der hier vorliegende Roman von Henry James erzählt zumindest die Geschichte eines Missbrauchs. Nicht sexueller Natur, aber Machtmissbrauch und Manipulation. Erst zum Ende des Romans, als Catherine das erneute Angebot von Morris Townsend ihn zu heiraten endgültig ablehnt, trifft sie eine eigenständige Entscheidung. Davor ist sie mehr oder weniger das Manipulations-Objekt von Lavinia Penniman (ihrer Tante), dem Liebeswerben von Morris Townsend und dem strengen Regiment ihres Vaters Austin Sloper. Die manipulative Kraft des Arztes Austin Sloper reicht sogar, um die Schwester von Morris Townsend gegen ihre ureigene Geschwisterliebe verstoßen zu lassen. Sie verrät ihren Bruder, indem sie ausruft: „lassen Sie nicht zu, dass sie ihn heiratet.“
Morris Townsend ist tatsächlich ein Mitgiftjäger und äußerst berechnend. Aber auch Catherines allzu selbstgerechter Vater Austin kam nicht anders in seine gesellschaftliche Position, als durch seine Heirat. Allerdings: der auktoriale Erzähler in dem Roman verweist uns mehrfach darauf, dass dies für viele junge Männer die einzige und eine durchaus ehrbare Möglichkeit war, ihre Talente zu entfalten. Wenn Austin Sloper also Townsend als zukünftigen Schwiegersohn ablehnt, dann sicher nicht wegen seiner materiellen Einstellung, obwohl er genau das als Argument vorbringt. Vielmehr verbergen sich dahinter eine Form der Eifersucht und ein patriarchaler Anspruch. Austin Sloper ist das ranghöchste Männchen in seiner kleinen und überschaubaren Gruppe. Morris Townsend ist für ihn eine Bedrohung. Folglich beißt er ihn weg. Parallel ist Catherine auch der Spielball einer Geschwister-Fehde. Denn Lavinia ist ja die Kupplerin und will Catherine auf ihre Seite ziehen, trifft sich heimlich mit Morris, und strickt an ihrem romanhaften Weltbild. Austin Sloper ist daher auch als Beschützer seiner Tochter zu sehen. Und der unbekannte Erzähler wird ja nicht müde darin, Sloper zu loben, als intelligenten und gerechten Mann. Austin Sloper macht es sich nicht einfach (Seite 64/65, da ringt er mit sich). Er will Townsend ja eine Chance geben. Aber zugleich spürt der Leser des Textes, dass das irgendwie geheuchelt ist. Vielleicht, weil der unbekannte Erzähler den Arzt ein oder zwei Mal zu oft lobt.
Als Austin mit seiner Tochter die Europatour macht, sagt er ihr einmal sehr deutlich: „Ich bin kein guter Mensch.“ Damit widerspricht Austin dem Erzähler. Catherine hält dennoch weiter stoisch zu ihrem Vater. Sie könnte eine unabhängige Entscheidung treffen, denn das Erbe von ihrer Mutter reichte aus, um mit Morris ein sorgenfreies Leben zu führen. Aber für Morris und wohl auch Catherine wäre es eine gesellschaftliche Demütigung, wenn der Vater sie des väterlichen Teils enterbt. Es geht also mitnichten ums Geld. Es geht um gesellschaftliche Anerkennung, welche über das Geld kanalisiert wird. Hier ist die Analyse im Nachwort der Übersetzung ein wenig zu verkürzt und auch zu banal. Denn zu allen Zeiten tragen wir unsere gesellschaftlichen Verhältnisse in der Geldbörse mit. Hier ist es komplizierter, denn Name und Ehre sind noch enger mit dem Geld verknüpft. Heutzutage reicht Geld. Name und Ehre wurden längst Archaismen. Der Hinweis der Übersetzerin auf den Rechtsphilosophen  John Austin (als möglicher Vornamensgeber), der in seiner Philosophie positivistischer Rechtsauffassung Recht und Moral trennt, genügt mir auch nicht, um Austin Slopers kompliziertes Innenleben zu beschreiben. Einerseits ist er selbstgerecht bis zum Hochmut, andererseits hat er auch einen hohen Anspruch an sich und andere. Er ist zugleich Patriarch und liebender Vater. Während seine Tochter von geradezu entwaffnender Direktheit ist, kann der Arzt seine Tochter nur hinter einem prätentiösen Schleier wahrnehmen. Er will das Höchste für seine Tochter und hält doch so wenig von ihr. Er spürt auch, dass er sie unterschätzt, und will sie doch als Patriarch an der Stelle haben, wo er sie hingestellt hat.
Entlarvend für das Scheitern an der eigenen Prätention ist ein Gespräch zwischen Austin Sloper mit seiner Schwester Mrs. Almond:
„Wirst du denn nicht einlenken?“
„Lässt sich ein geometrischer Lehrsatz zum Einlenken bewegen? Ich bin nicht so oberflächlich.“
„Handelt die Geometrie nicht von Oberflächen?“, fragte Mrs. Almond, die, wie wir wissen, sehr gescheit war; und sie lächelte dabei.
(Seite 149)
Sloper versucht sich zu retten, indem er das Gleichnis weiterführt (Ja, aber sie befasst sich tiefgründig mit ihnen, Catherine und ihr junger Mann sind meine Oberflächen; ich habe bei ihnen Maß genommen). Der „gerechte Patriarch“ Sloper als Urbild des Gruppenführers, dessen Maß allein gerecht ist. Das könnte auch der Vater der James gewesen sein. Henry James Sr., der mit 13 Jahren beim Versuch ein Feuer mit den Füßen auszutreten ein Bein verlor, der sich trotzdem durchsetzte und Theologie studierte (später zur New Church übertrat), mit den amerikanischen Größen seiner Zeit befreundet war (Thoreau, Ralph Waldo Emerson, Thomas Carlyle), der mit Mary Walsh (die Tochter eines Princeton-Gelehrten) ebenfalls in höhere Kreise einheiratete und mit eben dieser Mary in Washington Square lebte, mit deren Kinder, Henry, William und Alice. Und Alice wurde ähnlich unterdrückt, wie Catherine in dem vorliegenden Roman. Zwei Jahre nach Alice‘ Tod bekam William ihr Tagebuch zugeschickt. William schrieb an seinen Bruder Henry: “Das Tagebuch hinterläßt einen einmaligen und tragischen Eindruck von persönlicher Stärke, die sich an nichts auslassen konnte.” Womit er im Wesentlichen das übliche Schicksal weiblichen geistigen Strebens im 19. Jahrhundert genau erfasst hat.
Im Roman findet Catherine ihren kleinen Machtbereich in der Wohltätigkeit. Dort – im Rahmen eines VG-Tarifs (Vergelts Gott Tarif) – durften sich die Frauen noch austoben (ein sicher hier ironisch zu verstehendes Verb). Catherine erlebt einen kleinen Sieg über ihre Tante, weil ihr die jungen Mädchen die  Liebesgeschichten erzählen, nicht Lavinia. Das liegt daran, dass Catherine einfach ernster ist und emanzipierter, während ihre Tante eher noch wie ein Kind das Leben spielt.

Washington Square gilt als einer der einfacheren Romane von Henry James, relativ klar und chronologisch erzählt, keineswegs so verschachtelt wie zum Beispiel Portrait of a young lady, welcher nur ein Jahr später veröffentlicht wurde. Aber so einfach wie er geschrieben ist, ist der Roman auch wieder nicht. Warum der Autor ihn selbst nicht besonders schätzte, weiß ich nicht. Vielleicht ist wirklich zu viel privater Binnenraum darin. Dann wäre es auch ein Stück Abrechnung mit dem eigenen Vater. Das kann für einen Schriftsteller nie so befriedigend sein, wie für den Leser.

 

18. Mai 2016

Hier spricht Guantánamo

Von Roger Willemsen

Erschienen 2006 im Verlag Fischer

 

Was tun? Anzeige erstatten wegen Körperverletzung, ganz klar. (Briefe von Ulrike Meinhof aus der Isolationshaft)

 

Die Camera silens ist eine kleine Zelle, in der Tag und Nacht die Neonbeleuchtung eingeschaltet ist, erfüllt von einem ständig gleichlauten Summen. Der Delinquent leidet an Bewegungsmangel, Sauerstoffmangel, psychischer und physischer Deprivation. Ulrike Meinhof verbrachte 237 Tage in einer Camera silens. Artikel 5 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 besagt: „Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.“ Niemand!

Besonders neu und originell sind die Beschreibungen von Roger Willemsen daher eher nicht. Denn weder die BRD, noch die USA, noch Russland, China, oder die angeblich sicheren Herkunftsländer der Maghreb-Staaten hielten bzw. halten sich an diese Erklärung der vereinten Nationen (immerhin 193 Staaten). Es mag sein, dass der literarische Wert von fünf Interviews, die kaum oder gar nicht redigiert wurden, zunächst marginal erscheint. Doch die Definition, dass Literatur ein sprachlich fixiertes Zeugnis ist, macht diese Interviews zur Literatur. Wir erfahren von fünf Menschen, dass sie ohne Gerichtsverhandlung, ohne nachweisbare Gründe entführt wurden, gefoltert und – unbrauchbar geworden für was auch immer  – wieder auf freien Fuß gesetzt. Diese Freiheit wurde für diese Menschen total. Denn sie wurden ihrer sozioökonomischen Grundlagen beraubt. Verwirrt und traumatisiert wurden sie einfach zurückgelassen. Der Verdienst dieses Buches ist es also nicht, die Brutalität des Guantánamo Bay Naval Base in Kuba zu belegen. Das war bekannt. Das IKRK gab bereits im März 2004 bekannt, dass dort gefoltert würde. In Deutschland sorgte 2005 der Fall Murat Kurnaz für Aufsehen und seine Biografie (Fünf Jahre meines Lebens) wurde vor wenigen Jahren (2013) verfilmt. Damals fragte sich die ZEIT „Wie viele Folterszenen mutet man dem Zuschauer zu? Zeigt man zu wenig Gewalt, setzt man sich dem Vorwurf der Verharmlosung aus. Zeigt man zu viel, drohen eine hohe Alterseinstufung und wenige Besucher im Kino.“ Was für eine zynische Fragestellung. Was man bei den Interviews von Roger Willemsen mit den ehemaligen so genannten Häftlingen (denn es sind Entführungsopfer) erfährt, ist aber nicht der süße Schauer des Schreckens durch Folter, nicht jene Katharsis, die in jedem billigen Horror-Film zu haben ist, sondern die Ohnmacht von einzelnen Menschen. Eine Ohnmacht, die jeder von uns kennt. Wir leben in einer zunehmend anonymisierten Welt, einer Maschine, die funktioniert. Plötzlich ein Ereignis wie 9/11! Die Maschine stottert kurz, und dann funktioniert sie auf beängstigende Weise weiter: auf höchstem effektiven Niveau. Empathie-frei. Die Charta für die Menschenrechte haben auch US-Amerikanische Politiker unterschrieben. Als Obama Präsident wurde, stand er unter besonderer Beobachtung aufgrund seines Versprechens, das illegale Lager in Kuba binnen einen Jahres zu schließen. Es ist ihm nicht gelungen. Denn die Maschine funktioniert. Erschreckend an den Interviews ist einerseits die Ungerechtigkeit, die beispielsweise einem jordanischen Religionslehrer (Youssef Mustafa) widerfuhr, erschreckend ist die innere Logik der Handlungskette, die bei allen von Willemsen interviewten Menschen gleich ist. Die Willkür der Auswahl, die Methode der Entführung durch bezahlte Söldner, das faktische Fehlen jeder Beweisaufnahme und das Ausspucken der Betroffenen ins Nichts. Das sind Insignien des Terrors. Laut Resolution 1566 des UN-Sicherheitsrates sind „terroristische Handlungen solche, die mit Tötungs- oder schwerer Körperverletzungsabsicht oder zur Geiselnahme und mit dem Zweck begangen werden, einen Zustand des Schreckens hervorzurufen, eine Bevölkerung einzuschüchtern oder etwa eine Regierung zu nötigen und dabei von den relevanten Terrorismusabkommen erfasst werden“ Und wenn der Staat selbst zum Terroristen wird, liegt der Skandal ja nicht mehr nur in der Brutalität. Denn von einem konservativen Standpunkt aus kann der Staat durchaus sein brutales Handeln legitimieren (der Fall Deschner / Gäfgen von 2002  als Beispiel). Der Skandal liegt eben in der Willkür. Willkür bezeichnet ursprünglich wertneutral die Entscheidungsfreiheit im Gegensatz zur Notwendigkeit, in bestimmter Weise zu verfahren. Bezogen auf den Staat besteht allerdings aufgrund der Bindung auf das Gemeinwohl auch dann keine eigentliche Entscheidungsfreiheit, wie sie Privaten zusteht. Auch die Ausübung von Staatsgewalt innerhalb eines Ermessensrahmens oder Beurteilungsspielraums ist nicht frei. Der Staat (im Gegensatz zu Privaten) darf mithin nicht willkürlich entscheiden, sondern nur aus sachlichem Grund, bezogen auf das öffentliche Wohl (salus rei publicae). Im Deutschen Grundgesetz ist dies im Artikel 20 festgehalten. „Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige  Ordnung gebunden.“

Wenn nun Roger Willemsen im Vorwort das Schweigen des journalistischen Mainstream beklagt und insbesondere den Spiegel, dann verweist er letztlich genau darauf. Nicht die Interviews selbst, sondern die Art und Weise der Interview-Führung ist hier gemeint. Was der Spiegel und andere Zeitungen versäumten, war genau diese Diskussion. Vielmehr verlegten sich alle auf den Schauer-Effekt der Brutalität. Denn das macht ja vor allem Quote. Roger Willemsen schreibt mehrfach „Über Guantanamo  ist alles gesagt. Bis auf das, was die Häftlinge zu sagen hätten.“ Damit meint Willemsen nicht etwa Folterschilderungen oder PTPS-Anamnese. Vielmehr geht es darum, aufzuzeigen, dass die Entführten Opfer eines Terroranschlag durch die USA wurden. Von daher war es wohlfeil von Obama, die Auflösung des Lagers zum Wahlkampfthema zu machen. Originär stimmig wäre es gewesen, die nicht vorhandene Rechtsstaatlichkeit der Vorgänge zum Thema zu machen. Nochmal: Auch Ulrike Meinhof wurde gefoltert. Aber ihr wurde ein öffentlicher Prozess gemacht. Die RAF hatte ihr Forum und Deutschland zeigte sich hier als Rechtsstaat. Und das ermöglichte vielen radikalisierten Linken die eigene Rückkehr in die Rechtsstaatlichkeit. Wer Opfer von Terror und Willkür wird, der kehrt nicht mehr zurück, denn er wurde existenziell in den Abgrund gestoßen. In diesem Sinn hat sich die USA bis auf Weiteres als Rechtsstaat diskreditiert. Nicht, weil die USA sich als Heilsbringer der Demokratie aufspielt und diesem Anspruch an sich selbst nicht gerecht wird, sondern vor allem, weil die USA irgendwelche völlig unschuldige Menschen einfach herauspickte, dabei weder Beweisführung noch irgendeine Sorgfalt an den Tag legte. Die unschuldigen Opfer schildern ja in den Interviews immer wieder, dass die Entführer sie gar nicht für schuldig hielten. Sie waren eben Geiseln. Das komplette Versagen jeder Rechtsstaatlichkeit und dies bei im Ausland entführten Geiseln, gilt es zu diskutieren.

Der literarische Wert dieser Interviews als „Zeugnis“!
„Bei den meisten handelte es sich um Zufallsverhaftungen“, berichtet zum Beispiel Timur Ischmuradow, ausgebildeter Ingenieur. Zufall! Stellen Sie sich vor, sie werden nach den Regeln eines alten Kinderspiels ausgewählt, weggesperrt, gefoltert, isoliert, und nach einem Jahr wieder irgendwo in der Wüste ausgespuckt. Würden Sie sagen: Das war die Tat eines Rechtsstaats? Nein, das waren einfach Verbrecher. Verbrechen ist die subjektiv objektive Verletzung des Rechts, in seiner gesetzlichen Geltung in einem Maß, dass die rechtliche Selbstständigkeit der betroffenen Person oder Gemeinschaft grundlegend verändert wird,  lautet in Deutschland der formelle Verbrechensbegriff. Das ist hier geschehen.

17. Mai 2016

Frauen lesen anders

Von Ruth Klüger

Erschienen 1996 im Verlag dtv

 

Auch ein gewisser Dr. Volker Schulz, Inhaber einer Kölner Presseagentur, hat sich der Frage angenommen und das Leseverhalten von Männern und Frauen untersucht. Seine Ergebnisse basieren auf einer Langzeitstudie, an der 1200 Personen teilnahmen. Die Probanden wurden anhand eines Fragebogens persönlich befragt.  Und ja: 62% der Männer informieren sich am liebsten rund um den „Sport“. Während nur 14% der Frauen gerne etwas über dieses Thema in den Printmedien erfahren möchten. Und die Politik ist fest in der Hand der Männer. Doppelt so viele Männer (29%) wie Frauen (14%) setzen sich beim Lesen regelmäßig mit politischen Angelegenheiten auseinander. Auch im Bereich „Mode, Unterhaltung, Boulevard“ werden die Klischees bedient: Hier liegt das männliche Interesse gerade einmal bei 9% – bei den Frauen sind es immerhin 42%.
Eine amerikanische Studie stellte 2007 fest, dass nach dem Lesen einer Kurzgeschichte die Probanden zwischenmenschliche Situationen oft besser einschätzen können.  Laut dieser groß angelegten Studie über unser Leseverhalten spiegelt unsere Gehirnaktivität die Romanhandlung: Wenn der Protagonist etwas Bestimmtes tut, reagieren Teile des Denkorgans so, als täten wir das Gleiche.  In einer Neuauflage der Studie erhoben die Wissenschaftler von gut 250 erwachsenen Probanden erneut Lesegewohnheiten und Sozialkompetenz. Sie stellten dabei fest: Wer besonders offen für neue Erfahrungen war, las generell etwas mehr. Insbesondere stieg mit dieser Fassette der Persönlichkeit auch die Vorliebe für Romane. Zudem wurde in der Studie festgestellt, dass die Leser fiktiver Literatur über ein größeres soziales Netz als Sachbuchleser verfügen würden. Eine Studie von der Washington (USA) legt den Schluss nahe, dass wir die Erfahrungen von Romanfiguren verinnerlichen, indem wir ihre Gefühle und Handlungen als die unseren widerspiegeln. In der Untersuchung von 2009 baten Nicole Speer und ihre Kollegen Probanden, im MRT eine Kurzgeschichte zu lesen, die Wort für Wort auf einem Bildschirm erschien. Wenn der Protagonist eine bestimmte Handlung ausführte, erkannten die Forscher im Gehirn der Lesenden Erregungsmuster, die auch beim eigenen Agieren auftreten. Der Satz „Raymond legte den Stift hin“ aktivierte zum Beispiel das Handareal des prämotorischen und des somatosensorischen Kortex – beide Bereiche feuern normalerweise, wenn wir selbst unsere Hände benutzen (Gehirn & Geist Juli 2012). Soweit die psychologischen Fakten der letzten Jahre. Fazit dieser Studien: Männer und Frauen lesen „anderes“, aber nicht anders. Das Lesen fiktiver Literatur setzt Neugier voraus und erhöht die Sozialkompetenz. Aber Männer lesen lieber Sportberichte. Lesen Männer Romane, interessiert sie in diesen Romanen anderes, als die Frau. Daher lesen Männer und Frauen doch anders.
Die Holocaust-Überlebende Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger untersuchte  in ihren Literatur-Essays hauptsächlich Klassiker. Sie stellt mit feinem Gespür Bezüge her, zwischen Blut-und-Boden-Nationalismus, der Frau als Sklavin und dem Mann als den Besitzenden.  Während der Mann erobert, bleibt die Frau treu und erhält das Erworbene. In ihrem Essay über die Rolle der Frau in den Unterhaltungsromanen, analysiert sie anhand exemplarischer Beispiele (Die Stoltenbergs, Die Barrings) wie die Frau von der Verschwenderin zur Ehebrecherin stilisiert wird. Der gute Kaufmann war eben nie eine gute Kauffrau. Denn Besitz ist einem Sklaven verwehrt. Dass die Frau angeblich nicht mit männlichen Eigenschaften ausgestattet sei, das glauben manche bis heute. Eine SZ-Schlagzeile (08. Mai 2016) lautete: „ Frauen sind im Sport weniger ehrgeizig als Männer.“ Sind sie das? Die Autorin interviewt hier einen „männlichen“ Frauentrainer, der durch ein Buch über Hirnforschung und Geschlecht erleuchtet wurde. Frauen können – seiner Meinung nach – besser kommunizieren. Warum sind sie dann weniger ehrgeizig? Keine Ahnung. Denn der Artikel verrät das nicht. Markus Weise (der interviewte Trainer) spricht von Missverständnissen. Ach! Frauen und Männer leiden unter Missverständnissen? Nach wie vor sind die anatomischen Unregelmäßigkeiten, die uns zu Mann und Frau machen, lediglich Motiv für klischeehafte Unterstellungen. Männer können besser einparken. Frauen können besser kommunizieren. In einer Liste mit 50 Buchempfehlungen für Schüler ab der 10. Klasse waren 45 männliche Autoren, nur 5 weibliche Autoren. Alle übrigens schon tot. Denn nur tote Literaten kann man lebenden Schülern zumuten. Das ist das Gegenteil von neugierig (offen für neue Erfahrungen). Sie erinnern sich: Voraussetzung für das Lesen fiktiver Literatur ist Neugier. Die Kulturpolitik lässt jedoch weiterhin ein vorliebend männliches Geisterheer aus Goethe, Schiller, Musil, Mann, Brecht, Schnitzler, Storm und Konsorten durch die Schulen reiten.

Ruth Klüger – und das ist das Herausragende an den Essays unter dem Titel „Frauen lesen anders“, zeigt einen sozioökonomischen Zusammenhang auf, in der die sexuelle Unterdrückung beider Geschlechter als Herrschaftsinstrument auftaucht. Kindliche Prägungen organisieren die gesellschaftliche Rollenaufteilung.  Pippi Langstrumpf,  ein aufmüpfiges neunjähriges Mädchen mit vielen Sommersprossen schreibt Ruth Klüger nun, ist für Jungen eine eher peinliche Lektüre, auch Heidi gehört nicht in den Bücherschrank zukünftiger Soldaten und Vergewaltiger*. Und in diesem Sinne werden sogar problematische Frauengestalten (Kleists Penthesilea) regelrecht unterschlagen. Was nicht sein darf, ist auch nicht. Da Frauen grundsätzlich „errungen werden“ sollen (wer ein holdes Weib errungen…), dürfen sie natürlich nicht selbst als Eroberin auftreten. Dies wäre ein Tabu-Bruch.  Wenn Euphorion im Faust ein junges Mädchen hereinträgt und ausruft: Schlepp‘ ich her die derbe Kleine zu erzwungenem Genusse; mir zur Wonne, mir zur Lust drück‘ ich widerspenstige Brust, küss‘ ich widerwärtigen Mund, tue Kraft und Willen kund. Ist das eine Vergewaltigung, ja oder nein? Dass Euphorion kurz darauf in die Luft steigt und wie Ikarus stürzt – nun gut. Aber gleich stürzt ihm Helena nach. Faust steht alleine da und wird zum Großunternehmer und Kriegstreiber. Ruth Klüger analysiert mit feinem Gespür und leitet dabei den Leser an, selbst so ein Gespür zu entwickeln. So schreibt sie: „Ähnlich entscheidet eine männliche Zuordnung, dass Männerfreundschaften Bündnisse, Frauenfreundschaften Kaffeekränzchen sind. Das Wort Kaffeeklatsch geht zurück auf den Brauch männlicher Zeitungsredakteure im 18.Jahrhundert, in Kaffeehäusern Neuigkeiten auszutauschen. Unter dem englischen Pendant gossip verstand man bis zirka 1800 einen Mann, der mit Freunden trinkt (Gehirn & Geist, Januar 2012).

Ich glaube nicht, dass Männer und Frauen so grundlegend anders sind. Vielmehr erwachsen uns aus sozioökonomischen Rahmenbedingungen harte Lebensfakten. In dieser Hinsicht aber lesen Männer und Frauen real anders.  Prägungen, Zuschreibungen, Erwartungen. Wir Menschen sind fähig, uns alles Mögliche vorzustellen. Unsere Intentionalität bestimmt auch unsere Freiheit. Insofern sind Geschlechterrollen nicht in Stein gemeißelt. Eine gemeinsame Aufgabe, die Neugier, Offenheit und soziale Kompetenz benötigt. All das, was durch das Lesen fiktiver Literatur gefördert wird. Wenn wir aber anders lesen, dann bedarf es zusätzlich zum Lesen des literarischen Gesprächs. Und dazu bedarf es auch einer Anstrengung jener, die den Lesestoff bereitstellen, den Autoren, Verlagen und des Marktes.

12. April 2016

Das harte Leben

Von Flann O’Brian

Aus dem Irischen übertragen von Annemarie Böll und Heinrich Böll

Erschienen im Original „The Hard Life“ im Jahr 1961

 

 

So hätte Joyce geschrieben, wäre er nicht bescheuert gewesen. (Das irische Volk über Flann O’Brian)

 

In der US-amerikanischen Serie Ray Donovan über einen irisch-stämmigen Fixer (Problemlöser) in L.A. gibt es eine hübsche Szene, die von Flann O’Brian selbst stammen könnte. Zwei Iren sehen sich im Fernsehen eine Dokumentation über die Hungersnot in Irland im 19. Jahrhundert an. Bekanntlich wurde diese durch eine Kartoffelmissernte ausgelöst. Der eine Ire blickt skeptisch und frägt den anderen Iren: „Irland ist doch eine Insel oder?“ Der andere bejaht dies.
„Warum haben die dann nicht einfach Fische gegessen?“
„Du verstehst überhaupt nichts“, sagt der andere Ire und schaltet etwas gekränkt den Fernseher aus.

Der irische Schriftsteller Flann O’Brian hieß eigentlich mit bürgerlichen Namen Brian O’Nolan. Doch unter diesem Namen hat er bestenfalls amtliche Schriftstücke unterzeichnet, im Rahmen seiner Tätigkeit als Verwaltungsbeamter im öffentlichen Dienst. Als Cruiskeen Lawn schrieb er bissige Zeitungskolumnen, als Myles na Gopaleen schrieb er Theaterstücke, als George Knowall verfasste er gelehrte Texte zur irischen Landeskunde. Und als Stephan Blakesley soll er sogar Kriminalromane verfasst haben. Und auch die Namen  Lir O’Connor oder Bruder Barnabas lassen sich mit dem Iren in Verbindung bringen. Nennen wir ihn also der Einfachheit halber schlicht Brian. Der erste literarische Satz von Brian soll ein Graffiti an einer Häuserwand gewesen sein: Kauft keine englischen Blazer. Der gälisch sprechende Ire war naturgemäß kein Freund der Engländer. Englisch lernte er gegen den Widerstand des katholischen Vaters auf der Straße.  Sein erster Roman „At-Swim-Two-Birds“ handelt von dem angehenden Romanschreiber Flann O’Brian, der einen Roman schreibt, in welchem ein Dubliner Germanistik-Student einen Roman schreibt, in dem ein irischer Literat namens Trellis einen Roman schreibt, dessen Figuren mit ihren Rollen und Charakteren unzufrieden sind, woraufhin sie sich ausgiebig über das Schreiben von Romanen unterhalten, bis sie auf die Idee kommen, einen aus ihrer Mitte zu beauftragen, einen Roman zu schreiben, in dem sie alle auftreten, dessen Hauptfigur aber ihr Autor Dermot Trellis ist, dem sie dann in einem ausgedienten Kino den Prozess machen. Auch einen Faust hat Flann O’Brian geschrieben: Faustus Kelly. In der travestierten Paraphrase auf Goethes Faust geht es um einen provinziellen Stadtverordneten-Vorsteher, der sich dem Teufel verschreibt um Mitglied des Dail, des irischen Nationalparlaments zu werden. Kellys Gretchen ist die Witwe Margaret Crockett, deren Bruder Valentin den Namen Bernhard Shaw trägt. Shaw liefert sich nun ein Duell mit Kelly um die Wahl, verliert und betrinkt sich anschließend besinnungslos. Am Ende des Dramas hat sogar der Teufel genug und zerreißt eigenhändig den Pakt. Er zieht seine Hand von Irland ab. Dies ist kein Land für ihn, da ist die Hölle ein angenehmerer Ort. Und geradezu satanisch erscheint ihm die Vorstellung, die Iren – und dann noch auf ewig – in seiner höllischen Gesellschaft ertragen zu müssen. Das Stück wurde sogar im Abbey Theatre am 25. Januar 1943 aufgeführt, lief aber nur zwei Wochen.

Und dem Angloiren James Joyce hat er in „The Dalkey Archive“ (1964) ein herrlich ironisches Denkmal gesetzt. Darin lebt Joyce noch als ältlicher Bierzapfer, der zu den Jesuiten möchte und behauptet, dass er nicht einen dieser „unzüchtigen“ Romane geschrieben habe, die man ihm unterstellt.

1961 erschien sein zweiter Roman „The hard life“ in London. Es ist die fiktive Autobiografie eines irischen Weisenknaben aus dem viktorianischen Dublin der Jahrhundertwende. Es spielt also in einem ausgebluteten Irland. Vor wenigen Jahrzehnten hatte eine große Hungersnot (Kartoffel-Missernte) zu einer großen Auswanderungswelle der Iren geführt. 1916 kam es dann zu dem berühmten Osteraufstand gegen die Briten, in der fast die ganze Stadt Dublin verwüstet wurde. In „The Dalkey Archive“ erinnert Brian der Hungersnot in der Schottin Crawford McPherson, die in Irland Sago-Bäume pflanzen will, deren Stärke intensiver ist als bei der Kartoffel, dies aber würde das Klima dort in eine Art Sumatra verwandeln. In „The hard life“ wachsen zwei Brüder bei Mr. Collopy auf, der sich immer mit dem deutschen Jesuitenpfarrer Kurt Fahrt trifft und mit ihm über sein heimliches Projekt plaudert: öffentliche Damentoiletten in Irland. Tatsächlich gab es im Irland dieser Zeit keine öffentlichen Damentoiletten. Dies ist für Mr. Collopy ein Skandal. Dabei aber wird im Roman das skandalöse Wort „Toilette“ selbstverständlich nie erwähnt. Die beiden Weisen werden von Mr. Collopy bei verschiedenen Priestern erzogen. Der ältere Bruder entschließt sich, nach London auszuwandern und gründet dort eine Akademie. Schon hier sind die wesentlich Hintergründe zu finden, die für eine der sonderbarsten Gestalten der Weltliteratur sorgte: den Wissenschaftler de Selby, der in vielen englischsprachigen Romanen immer wieder auftaucht, unter anderem in den Illuminaten von Anton Robert Wilson, oder auch in Pynchons Enden der Parabel. Als Mr. Collopy an einer Arthritis erkrankt, schickt ihm der nach London ausgewanderte Bruder ein Medikament namens „schweres Wasser“. In „The Dalkey Archive“ wird de Selby an diesem Wasser weiterforschen, das seiner Meinung nach immer noch nicht leicht genug ist. Man versteht dies nur, wenn man „the hard life“ gelesen hat. Es ist diese Art von Wissenschaftssatire (in der Tradition eines Jonathan Swift) die Brian als Autor auszeichnet. Aber auch die Charakterisierungen dieser irischen Typen. Die herrlichen Dialoge. Mr. Collopy, der das schwere Wasser zu sich nimmt, wird nun tatsächlich so schwer, dass man ihn meist tragen muss. Mit Priester Kurt Fahrt und dem ausgewanderten Bruder reisen sie nach Rom um dort eine Audienz beim Papst zu bekommen. Doch als der Papst von dem heimlichen Projekt von Mr. Collopy erfährt ist dieser entsetzt. Die Audienz scheitert und Mr. Collopy ist inzwischen so schwer, dass er durch den Boden bricht und an seinen Verletzungen stirbt. Mit der Eröffnung des Testaments endet der Roman. Und damit, dass sich der Erzähler übergeben muss.
Es wird geredet, getrunken und auf hiberno-englisch geflucht. Vom Aufbau her ist „Das harte Leben“ wohl Brians konservativstes Buch.

März 2016

Die Reise des Elefanten

Von José Saramago

Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis

Erschienen 2010 im Verlag Hoffmann und Campe

 

Das Gehirn eines ausgewachsenen Elefanten wiegt ca. fünf Kilogramm und beinhaltet 250 Milliarden Nervenzellen, dreimal so viele Nervenzellen, als der Mensch. Der Elefant Salomon, dessen unfreiwillige Reise von Lissabon nach Wien in diesem Roman beschrieben wird, ist ein solcher „Dickhäuter“, der seine hohe emotionale Intelligenz immer wieder unter Beweis stellt. Aber auch sein Appetit und sein Durst sind eines Dickhäuters würdig. Sein Mahut Subhro (später vom Erzherzog in Fritz umbenannt), erscheint - wie der Sekretär des Kaisers - dem Elefanten zu dienen. Auf Salomon muss vielfach Rücksicht genommen werden. Am Morgen ist er oft schlechter Laune und braucht unbedingt seine Ruhe. Was sich der Elefant denkt, bleibt ungewiss, aber gewiss ist, dass er sich etwas denkt, was bei 250 Milliarden Nervenzellen nicht überrascht. Heute wissen wir, dass Elefanten nicht nur enorm soziale Tiere sind, sondern tatsächlich von hoher Intelligenz. Inzwischen haben sie auch den berühmten Spiegeltest bestanden. Elefanten können sich selbst in einem Spiegel erkennen.
Das zu Lebzeiten des Nobelpreisträgers (1998) letzte Buch (2010), ist ein kleines Juwel.  José Saramago wurde vor allem mit dem Roman „Die Stadt der Blinden“ berühmt. Er war aber nicht nur Schriftsteller, sondern auch als Mitarbeiter im Bildungsministerium Portugals (dritte Republik) tätig, beteiligt an der berühmten Nelkenrevolution und Zeit seines Lebens ein überzeugter Kommunist.
Tatsächlich gibt es (wie Saramago auch in einem kleinen Nachwort schreibt) historische Belege für diese Reise des Elefanten. Johann der Dritte, war 15. König Portugals, stammte aus dem Hause Avis und war seit 1548 verheiratet mit Katharina von Kastilien, einer Schwester Karl V., aus dem Hause Habsburg. Katharina ist allerdings nicht glücklich, als ihr Gatte ihr mitteilt, dass er beabsichtigt ihrem Vetter aus dem Hause Habsburg, Erzherzog Maximilian, einen Elefanten zu schenken. Für sie selbst ist es schmerzhaft, aber politisch war es ein sehr weiser Akt. Denn Maximilian folgte schon 1563 seinem Vater Ferdinand I. auf den Kaiserthron. Die Verkettung der beiden wichtigsten Familien von Portugal und Österreich spielen dann auch an der Grenze zu Spanien (Castello Rodrigo) eine wichtige Rolle, denn die Soldaten Portugals stehen den Österreichern gegenüber. Einen Krieg gibt es nicht, einfach weil er nicht möglich ist. Die Länder sind miteinander verheiratet. Eine Friedenspolitik, die der Fortschritt inzwischen abgeschafft hat. Stellen Sie sich vor, man hätte Raghad Hussein mit Georg W. Bush verheiratet. Die USA hätte nicht in den Irak einmarschieren können, ohne einen erheblichen Familienstreit auszulösen. Das hätte an Thanksgiving Ärger gegeben.

Aber im Ernst: Saramago erzählt ziemlich detailgetreu eine beschwerliche Reise. Ich konnte mir diese Ochsenkarren richtig vorstellen und die Langsamkeit der Reise war teilweise beklemmend. Der Regen und der Schlamm waren spürbar. Es gibt keine ausgebauten Straßen im 16. Jahrhundert.  Und die Reisegesellschaft mit einem großen militärischen Tross und einem ausgewachsenen Elefanten muss auf jeden portugiesischen Bauern ziemlichen Eindruck gemacht haben. Beeindruckend geschildert ist vor allem auch die Alpenüberquerung in Memoriam Hannibals. Die Menschen wurden von den Schneemassen regelrecht erdrückt. Der Brennerpass ist noch weit weg vom Schengenabkommen und die großen Füße eines nicht behuften Elefanten mussten sehr trittsicher sein.

Die Menschen des 16. Jahrhunderts sind von Aberglauben durchtränkt, Im Gegensatz zu dem geradezu aufgeklärt wirkenden Subhro. Einmal versucht ein Dorfpfarrer dem Elefanten die Dämonen auszutreiben, während Subhro die Geschichte des Gottes Ganesha eher metaphorisch versteht. Im 16. Jahrhundert war die Inquisition, das Inquisitionstribunal (die übrigens Katharina 1536 einführte) allgegenwärtig. Wir befinden uns ja im Zeitalter der Gegenreformation. Gerade in Portugal war sie sehr mächtig. Daher scheuten sich die Soldaten, offen zu sprechen. Die Angst vor dem Unbekannten, Fremden wird an dem Elefanten Salomon offensichtlich, und Saramago verknüpft das überzeugend, dieses Tuscheln und heimliche Staunen.
Saramago hat viele kleine Binnenerzählungen eingebaut, die sich ganz natürlich in den Fluss der Gesamterzählung einfügen. So erzeugte er eine Tiefendimension und eine Binnenspannung. Die Auseinandersetzung mit dem portugiesischen Kommandanten und dem Mahut, die am Ende zu einer tiefen Freundschaft wird, die erniedrigende Namensänderung durch den Erzherzog verweist auf den paternalistischen Charakter der Herrschaftsformen im 16. Jahrhundert.
Immer wieder erzählt Saramago auch die Beziehungen der Menschen zu den Tieren. Sei es die Beziehung des Kommandanten zu seinem Pferd, die des Mahut zum Elefanten, die irrationale Angst vor Wölfen, oder die wunderbare Geschichte von der tapferen Kuh, die sich gegen Wölfe wehrt um ihr Kalb zu schützen.

Der auktoriale Erzähler, der gerne die Pluralis kommunes verwendet, mag etwas ungewohnt sein, da er heutzutage nicht mehr üblich ist, aber in dieser ein wenig märchenhaften Erzählung finde ich ihn doch sehr passend. Auf diese Weise kann sich der Erzähler auch immer wieder allerlei Gedanken machen und im Stile eines Cervantes seine Figuren betrachten. Der Ritterepos ist ja noch ganz lebendig, was auch in dem Verweis auf die Reconquista angedeutet wird. Die Kreuzzugsidee leitete dann auch den Untergang des Hauses Avis ein. König Sebastian, der Nachfolger von Johann III (sein Sohn), starb bei der Schlacht von Alcácer-Quibir. Dies löste den so genannten Sebastianismus aus, weil die Leiche des Königs nie gefunden wurde. Ähnlich wie bei unserem König Barbarossa, dem Kyffhäuser. Entscheidend war, dass Sebastian keine Nachfolger hatte und so fiel der Thron an die spanischen Habsburger. Am Ende hatte sich also mal wieder das Haus Habsburg durchgesetzt. Mehrfach erwähnt Saramago, dass Johann III mit Katharina 16 Kinder hatten. Auf Wikipedia.org zählte ich sogar 18 Kinder. Aber egal. Eine Leistung, die man sich erst mal vorstellen muss. Eine Frau, die praktisch dauerschwanger ist. Insofern hat sich die Spanierin am Ende den Thron verdient.

Saramago erzählt uns aber gar nicht die Geschichte Portugals. Dennoch ist sie als Subtext immer spürbar. Dass Saramago in Salzburg auf einer Vortragsreise auf die Geschichte von der Reise des Elefanten im Salzburger Retaurant bzw. Hotel „Der Elefant“ (wie im Nachwort erwähnt) stößt, verweist noch einmal auf die tiefe historische Beziehung zwischen Portugal und Österreich. Und natürlich auch zu Brasilien. Nur so als kleines Detail. In Rio gibt es eine ganze Anzahl an Horwatitsch. 

Am Ende überlebt der Elefant nur zwei Jahre in Wien. Über das weitere Schicksal des Mahut ist nichts bekannt. Ein Glück, dass Saramago diese Geschichte ausgegraben hat und uns wiedererzählte.

 

 

Februar 2016

Saturn – Schwarze Bilder der Familie Goya

Von Jacek Dehnel

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall

Erschienen im Carl Hanser Verlag 2013

 

Der polnische Schriftsteller Jacek Dehnel ist in Polen bereits ein Jungstar.  2006 wurde er mit dem Roman Lala (Das Püppchen) international bekannt. In diesem Roman erzählt Dehnel die Geschichte seiner Großmutter, die einem alten polnischen Landadel entstammt und deren Leben durch den zweiten Weltkrieg und die deutsche Besatzung erhebliche Umbrüche erfährt. In seinem zweiten Roman erzählt Dehnel über einen Vater-Sohn-Konflikt, besser über zwei solcher Vater-Sohn Konflikte. Im Zentrum des Romans stehen die berühmten Pinturas negras von Francesco de Goya. Dehnel folgt hier einer These des spanischen Kunstprofessors Juan José Junquera, nach dem diese Fresken aus der Quinta del Sordo, nicht von Francesco stammen, sondern von dessen Sohn Javier. Während sich also Feuchtwanger in seinem Goya-Bild mehr auf die romantische Liebe zu der 13. Herzogin von Alba (Cayetana de Toledo) bezieht, und den jüngeren Goya porträtiert, liefert der polnische Jungschriftsteller (*1980) uns ein Bild von dem älteren Francesco Goya. Dehnel bedient sich des inneren Monologs und erzählt uns die Familiengeschichte aus dem Blickwinkel von drei Generationen. Einmal aus der Sicht Francescos selbst, dann aus der Perspektive seines Sohnes Javier und schließlich aus der Perspektive dessen Sohnes Mariano (dem Enkel von Francesco). Eingestreut sind poetische Bildbeschreibungen der Black Paintings selbst. Hier kommt dem Autor Jacek Dehnel sicher zugute, dass er nicht nur Erzähler, sondern auch Lyriker und Maler zugleich ist. Dehnel ist dabei selbst schon eine originelle Erscheinung, stets mit Fliege und zweireihigem Anzug bekleidet wirkt er wie ein zu junger Professor aus einem alten Schwarz-Weiß-Film.
Dehnel liefert uns in seinem Roman keine Sympathie-Träger. Francesco, ein geiler, gefräßiger, immer Schokolade trinkender Bauernsohn, der seine genialen Bilder zwischen zwei Geschlechtsakten malt, wobei er in seiner Geschlechtswahl nicht wählerisch ist (gegen Ende des Romans tauchen entlarvende Briefe auf, in der es um eine sexuelle Beziehung zu seinem langjährigen Freund Zapeter geht). Francesco schimpft auch immerzu über die Unfähigkeit und Faulheit seines Sohnes Javier, während er seinen Enkel Mariano abgöttisch liebt.
Javier beschäftigt meist nichts als seine Hassliebe zum Vater. Er ist mit Gumersunda zwangsverheiratet worden und leidet unter der Vorstellung, sein Vater würde auch Gumersunda vögeln. Während Francesco darüber nachdenkt, dass er es eigentlich tun müsste, weil es sein Sohn ja nicht richtig macht. Daher glaubt Francesco einmal sogar, dass Mariano vielleicht sogar sein Sohn sei.
Javier findet einfach kein Lebensziel. Die Malerei ist vom Vater besetzt. Spürbar jederzeit die unterdrückte Seele von Javier (fast wie in Kafkas ‚Brief an den Vater‘). Nur einmal bricht es aus Javier heraus, als der den Koloss malt.
Javiers Sohn Mariano hat kein hohes Bild von seinem Vater, kennt ihn nur als depressiv, launisch, abwesend und nutzlos, während sein Großvater Francesco ihm lebhafte Geschichten erzählt. Dabei stört es nicht, dass Francesco taub ist. Die Taubheit, die bei Feuchtwangers Goyabild eine Leidensgeschichte ist, wird in Dehnels Roman bestenfalls ein Handicap. Alle Familienmitglieder müssen sich auf Francescos Taubheit einstellen. Die Vermutung, dass Goyas Taubheit auf eine Syphilis zurückzuführen sei und wohl auch der Verlust von Teilen seines Verstandes, konnten wohl bislang nicht erhärtet werden. Dehnel führt die Theorie der Bleivergiftung an (die auch – Bleiweiss – irgendwie einleuchtet).
Erst als Francesco stirbt, explodiert wieder Javiers Lust zu malen und es entstehen die schwarzen Bilder. Seine Frau hält ihn nun für völlig verrückt und als Mariano die Bilder sieht, ist er von dem Wahnsinn der Bilder angeekelt. In Feuchtwangers Goya-Bild geht es um die Los Caprichos (launenhafter Einfall). 80 Blätter in einer Mischung aus Aquatinta und traditioneller Radiertechnik, die Goya beinahe der Inquisition zugeführt hätten. Aber die Themen der Los Caprichos sind nicht weniger düster, als die Themen der schwarzen Bilder. Handeln die Los Caprichos von Prostitution, Aberglaube, Missbrauch klerikaler Macht, so die Pinturas negras von Kannibalismus, Teufelsanbetung, kriegsbedingtem Exodus.
Da ich kein Kunstprofessor bin, muss ich die Frage, wer von den beiden Goyas die schwarzen Bilder wirklich gemalt hat, offen lassen. Aber der Schluss von Dehnels Roman geht ja eigentlich ganz wo anders hin! Hier wird es aktuell. Denn Javier entpuppt sich als geschickter Kunstfälscher, um noch mit dem Tod seines Vaters Geschäfte zu machen. Dass nur der Name einem Bild seine Bedeutung gibt, ist dabei der ironische Unterton. Javier erfreut sich an der Vorstellung, wie ein „Zunge schnalzender Engländer“ vor dem vermeintlichen  Original steht, das er teuer erworben hat (wobei er auch noch glaubt, er hätte ein Schnäppchen gemacht). Und sogar der Enkel Mariano, der seinen Großvater doch so schätzte und liebte, holt aus dem fast schon verfallenen Quinta del Sordo noch alles raus, was möglich ist.

Wer heutzutage vor so manchem Kunstwerk steht, der kann den künstlerischen Wert manchmal nicht mehr vom ökonomischen Wert des Objekts unterscheiden. Ein ästhetisches Drama, unter dem die konservative Literatur weit weniger leidet.

Ein Markenzeichen der ganzen Goya-Sippschaft ist immerhin ihre Geldgier. Goyas Vater war ein angesehener Vergolder aus Fuendetodos, einer Provinz in der Nähe von Saragossa. Aber sowohl in Feuchtwangers Goya-Bild entsteht der Eindruck, Francesco wäre aus armen Verhältnissen gekommen, als auch in Dehnels Goya-Darstellung. Natürlich war Francesco reicher als sein Vater Jose. Wie auch immer – das Geld spielt in jedem Fall eine fast so zentrale Rolle, wie die Bilder. Fast hat man sogar den Eindruck, dass die Bilder nur dem Zweck dienen, sie zu Geld zu machen. Der künstlerische Wert, das ästhetische Vergnügen beim Betrachten der Bilder rückt in den Hintergrund. Und die Pointe des Romans ist dann auch das Ergebnis einer gezielten Kunstkritik.

Die Diskrepanz zwischen der Charakterlosigkeit der Figuren und den tiefen Aussagen der Bilder (verstärkt durch die poetischen Bildbeschreibungen), sticht daher auch markant ins Auge – wenn ich das mal so allegorisch sagen darf. Eine Welt der Grausamkeiten, eine Welt des Elends. Dabei blicken die zweifelhaften Helden in Dehnels Roman auf den idyllischen Manzaneras und betrachten voll der Wonne die Waschweiber, ergötzen sich an ihren reich gedeckten Tischen, flirten mit dem Adel – und spuckten ihren heimlichen Ekel als Farbe wieder aus.

Während in Feuchtwangers Goya-Bild durchaus noch ein leidender Goya gezeigt wird, ist Dehnels Goya ein Produzent, ein Macher, ein selbstverliebter multiperverser Schöpfer.

Wenn man sich 200 Jahre später mit einem Menschen beschäftigt, fällt mir die Geschichte von Aristoteles ein, dem Platon-Schüler und Erzieher von Alexander dem Großen. Stellen Sie sich vor, Sie führen ein glückliches Leben, werden alt und sterben friedlich. Noch auf dem Sterbebett lassen Sie ihr Leben Revue passieren und sagen sich, dass Ihr Leben gut verlaufen ist, ein gelungenes Leben. Doch schon nach ihrem Tod beginnt die Gerüchteküche, üble Nachrede, die ganze Stadt redet jetzt schlecht über sie, verjagt ihre Kinder, die sich dann an den Nachbarn rächen und so weiter. Ganze Kriege wurden auf diese Weise entfacht. Würden Sie nun sagen, dass Ihr Leben immer noch gelungen war? Was bleibt von Goya? Seine Bilder. Spielt es eine Rolle, wer sie gemalt hat? Ist das von Bedeutung, ob unter dem Bild der Name des Schöpfers steht? Beim Betrachten des Bildes? Ich finde: NEIN. Bedeutsam ist es nur, wenn der Name des Schöpfers zum Fetisch wurde. Dann spielt aber das Bild selbst keine Rolle mehr, dann ist es gleichgültig, was da auf der Leinwand klebt, dann ist es nur noch wichtig, dass der Name des Schöpfers drunter steht. Das nennt man dann den Kunstmarkt. Dieser Kunstmarkt entstand gleichzeitig mit dem Kapitalismus im 14., 15. Jahrhundert, als Reichtum akkumuliert wurde und die Handvoll Reichen erstens ihr Geld loswerden wollten und sich schmücken wollten und zugleich nachhaltig investieren wollten. So hat der weltliche und der klerikale Adel seine Häuser und Kirchen mit Kunst geschmückt und so macht er es noch heute. Nicht, dass diesen Investoren in Kunst der ästhetische Gehalt völlig gleichgültig wäre, das nicht, aber er ist unbeugsam mit Wertschöpfung verknüpft. Und dazu braucht es den Namen. Eine Blendung, die Dehnel zum Ende herrlich als Pointe einsetzt. Javiers späte, stille Rache, denn er malt sogar besser als sein Vater, der ihn immer als Maler der nicht malt bezeichnete. Was für eine Ironie. Was für eine schöne, böse Parabel auf den Kunstmarkt heute. Und die abschließende Frage, ob der ästhetische Wert eines Bildes durch die Charakterlosigkeit seines Schöpfers Schaden leidet? Das ist eine moralische Kategorie. Und das sollte man nicht vermengen. Sonst macht man den gleichen Fehler wie in der Vermischung von ästhetischem mit ökonomischem Wert. Und schon ist es wieder Fetisch.

 

Januar 2016

Frans de Waal

Der Mensch, der Bonobo und die zehn Gebote

Aus dem Amerikanischen von Cathrine Hornung

Erschienen im Verlag Klett-Cotta 2015

 

Ein Sein-Sollen-Fehlschluss wird begangen, wenn aus einem Seinsatz (A ist Q) unmittelbar ein Sollenssatz (A ist gut) gefolgert wird. So lautet der allgemein anerkannte „Humes-Satz“, auch naturalistischer Fehlschluss genannt. Aus der Tatsache, dass nach § 211 StGB das Töten strafbar ist, folgt nicht logisch der Schluss, dass Töten schlecht ist. Und umgekehrt, dass nicht zu töten gut ist. Im Falle von Notwehr oder auch beim in Bayern gebräuchlichen finalen Rettungsschuss, oder im militärischen Verteidigungsfall gilt ein anderes Sollen. Ein Soldat, der sich weigert zu töten, kommt vor ein Kriegsgericht. Frans de Waal, der wohl prominenteste Primatenforscher zeigt sich einmal mehr als ein Vertreter des Naturrechts. Moral, schreibt er, kommt von innen, und ist kein Ergebnis einer rationalen, intellektuellen Anstrengung. Seine These stützt er mit zahlreichen Beobachtungen von Primaten aber auch anderen Tieren (Elefanten, Wale, Hunde), deren Verhalten nur erklärt werden kann, wenn man ihnen einen Gerechtigkeitssinn zubilligt, oder Empathie-Fähigkeit. Dabei setzt sich der Verhaltensforscher mit holländischen Wurzeln vor allem mit der Religion auseinander. Da vielfach die Religionen als Urheber unserer Moralität gilt, ist es für einen Biologen, der so viele Ähnlichkeiten zwischen Affe und Mensch erkannte, eine besondere Aufgabe, die nicht nur dazu dient, den Menschen von einem lang gehegten Irrtum zu befreien, sondern auch den Tieren ein Recht zu verschaffen, das sie nicht nur als ein moralisches Subjekt erkennt, sondern durchaus auch als ein Moraladressat. Bis in das 17. Jahrhundert waren Tiere durchaus auch Moraladressaten. Im Sachsenspiegel (Rechtssystem des MA) wurden dem Tier gewisse Grundrechte zugebilligt. Wurde zum Beispiel eine Frau im Beisein von Tieren (einem Schwein, einer Kuh) vergewaltigt, herrschte die Sitte, die Tiere zu schlachten, weil sie nicht helfend eingegriffen hatten. Da diese Sitte überhandnahm, führte man im Sachsenspiegel eine Rechtsordnung ein, die den Tieren einen ordentlichen Prozess ermöglichte. Was uns heute verrückt erscheint, ist es vielleicht gar nicht – zumindest wenn man den Aussagen von Frans de Waal folgen möchte. Herrlich ist schon der Anfang des Buches, wo De Waal sein Treffen mit seiner Herrlichkeit dem Dalai Lama schildert und dieser von ihm wissen will, wie es um die Empathie der Schmetterlinge bestellt sei. Nachdem ihm der Biologe erläutert, dass Schmetterlinge nicht das nötige neuronale Netzwerk dazu haben, ist de Waals Schluss doch wieder ein ganz anderer, denn er begreift, worauf der Dalai Lama hinauswollte: Alles Leben ist fürsorglich. Jedes Lebewesen tut das, was am besten für es ist. Und dies ist kein chauvinistischer Pseudo-Darwinismus im Sinne einer Zweckethik. De Waal erläutert sehr genau, dass zwischen Egoismus und Altruismus gar kein Widerspruch existiert. So wissen wir heute, dass Menschen, die spenden, sich glücklicher fühlen, als solche, die nicht spenden. Geben ist seliger denn nehmen. So steht es in der Apostelgeschichte 20.35. Die Bibel hat also im Grunde nur aufgeschrieben, was uns ohnehin in der Natur liegt. Natürlich ist das auch wiederum kein Ponyhof. Das Leben ist ein harter Kampf um Ressourcen. Aber wie de Waal nicht müde wird zu zeigen, uns gelingt ein besseres Leben, wenn wir zusammenarbeiten. Auch über Gruppenzugehörigkeit hinaus zusammenarbeiten. Was (wie de Waal am Beispiel der Buckelwale, die einer Grauwalkuh zur Hilfe kamen, zeigt) auch bei Tieren vorkommt. Mein Vater sagte es immer so: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Dieser Spruch geht bis zur Antike zurück („Mit Athena und bewege deine Hände!“). In der Bibel wiederum (bei Mt. 4.1) wird dies als Versuchung Jesu durch den Teufel dargestellt (Hilf dir doch selbst indem du aus Steinen Brot machst). Hier setzt eben dann auch meine vorsichtige Kritik an De Waals Naturrecht an. Denn – zum Ende des Buches räumt er es selbst ein – die Herausforderungen einer komplexen, hochtechnisierten Massengesellschaft sind ohne intellektuelle Anstrengungen nicht zu bewältigen. De Waal hat sicher Recht, dass die Religionen vielfach nur aufgeschrieben haben, was uns ohnehin in der Natur liegt, aber in den Religionen wurden auch Werte formuliert, aus denen sich inzwischen die säkularen Werte unserer Menschenrechte speisen. Dass der Anstoß dazu auch in uns liegt, ist aber die wesentliche Erkenntnis, die uns der Primatenforscher mitteilt. Der Mensch ist nicht böse und benötigt ein strenges Korsett moralischer Regeln, sondern der Mensch ist fähig zu Empathie und dieses Mitgefühl erläutert De Waal einmal sehr schön am Beispiel des Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Seite 193). Kants Pflichtenethik geht jedoch weit über die goldene Regel hinaus: Angenommen, ein Mörder steht vor Ihrer Tür und will wissen, wo Ihre Kinder sind, damit er sie töten kann. Kant sagt nun, dass man diesen Mörder nicht belügen darf. Die Antwort Kants: Ich weiß, wo meine Kinder sind, aber ich sage es dir nicht, weil du sie sonst töten würdest. Damit opfert man sein Leben für die Wahrheit. Man hätte den Mörder ja in die Irre schicken können. Dafür hätte jeder Verständnis gehabt. Bei Kants Pflichtenethik geht das nicht. Mich würde interessieren, wie dieses Problem von einem Bonobo gelöst wird. Kant glaubte, dass Kinder von Natur aus nicht lügen, dass das Lügen Ergebnis falscher Anreize sei. Und was ich in dem starken Buch von De Waal gelesen habe –würde ich sagen - ist eine Bestätigung Kants. De Waal liefert zahlreiche Beispiele dafür, dass  Säugetiere einer Art natürlichem, kategorischem Imperativ folgen. Da die meisten Tiere in Gruppen leben und von Gruppen abhängig sind, folgt rein organisatorisch eine Art Verhaltensregulativ. Impulse müssen unterdrückt werden, sonst ist die Gruppe nicht überlebensfähig. Aber es geht weit darüber hinaus. Denn das Überleben ist eine Folge des Mitgefühls, nicht umgekehrt. Da wir Menschen und Tiere Mitgefühl zeigen, auch wenn das Überleben grade nicht bedroht wird, ist dieses Verhalten ein Kernelement unseres Seins. Die sprachliche Formulierung von Regeln als Moral, so verstehe ich De Waals Folgerung, sollte daher von innen nach außen stattfinden, als ein Bottom-Up Prozess und nicht als Topdown Prozess. Aber hier bin ich nicht ganz bei dem Biologen. Denn Natur ist das eine, Kultur wiederum etwas anderes. Und die beiden Systeme sind nicht kongruent. Es gibt Schnittmengen, sicher, aber auch sehr viele Abweichungen. So wäre es fatal, würden wir Menschen uns wie die Schimpansen in hierarchisch strukturierten Clans bewegen. Die Religionen sind daher Wertegemeinschaften, die aus der Sesshaftigkeit und der Arbeitsteilung heraus entstanden sind. Grundrechte, wie zum Beispiel die freie Entfaltung der Persönlichkeit, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, finden in der Natur kein Äquivalent. Der Schutz der Ehe, die Unverletzlichkeit der Wohnung, das Recht auf Bildung, all dies sind Grundrechte die durchgesetzt werden müssen und die daher auch ein Gewaltmonopol benötigen. Es ist das Vorrecht von Naturwissenschaftlern, Reduktion zu betreiben. Aber – um es philosophisch auszudrücken – eine biologische Funktion in einem Organismus ist kein Zweck im Sinne teleologischer Handlungserklärungen. Hier muss es immer noch etwas darüber hinaus geben. Und bei De Waal riecht es ein wenig nach Reifikation. Er gibt es ja selbst zu (Seite 320) „In der Philosophie herrscht die Meinung vor, dass wir nicht von der Art und Weise, wie Menschen oder Tiere sind, auf moralische Ideale schließen können, denn, so heißt es, Ersteres ist deskriptiv, Letzteres präskriptiv. Das ist ein echtes Dilemma…“. Und auch de Waals Buch findet dafür keine Lösung. Es gibt eben nicht diese Überschreibung von Natur auf Kultur. Das ist ein Grundirrtum Moral treibender Biologen. Aber was De Waal in seinem Buch leistet, das ist, dass er die Schnittmengen benennt und daraus auch eine gewisse Hoffnung schöpft. Und so macht es natürlich Sinn, weiter unsere Natur zu erforschen, sowie die Natur unserer tierischen Verwandten. Aber vor Analogie-Schlüssen sei gewarnt.  Dass Frans de Waal eine Lanze bricht für unsere tierischen Verwandten, das ist absolut legitim, bedenkt man, das pro Jahr 56 Milliarden Nutztiere getötet werden, 3000 Tiere pro Sekunde in den Schlachthöfen weltweit. Ein Wesen, das einen derartigen Massenmord begeht als fähig zur Empathie zu bezeichnen, das ist zumindest gewagt. Ein paar düstere Zahlen auf http://www.animalequality.de/essen. Jedes Buch, das unsere tierischen Verwandten als vollständige und komplexe Lebewesen darstellt, gilt es daher zu loben, und eigentlich nur zu loben. Ob aber der Mensch auch so friedfertig ist, so voller Mitgefühl, das muss eher bewiesen werden. De Waal meint, dass es eine Fehleinschätzung war, den Menschen als böses Tier zu sehen, nach der einfachen Psychologie: Wem man lange genug einredet, dass er böse ist, der wird es an Ende auch. Vielleicht hat er damit Recht. Vielleicht wird es einfach Zeit, dass wir uns tatsächlich wieder auf unsere Natur besinnen. Ernst Bloch bezeichnete das Naturrecht einmal als revolutionär. Vielleicht hat auch er Recht. Dennoch halte ich es für verfrüht, die normative Ethik zu begraben und sie vollständig durch die deskriptive Ethik zu ersetzen. Wir müssen immer noch darüber nachdenken, inwieweit unser Handeln eine Legitimation hat. Unser Handeln auf die Natur zu reduzieren, ist zu wenig. Abgesehen davon, dass wir noch längst nicht geklärt haben, was überhaupt „gut“ ist. Zumal die „Macht unseres menschlichen Tuns eine ganz neue Ethik erfordert“ (Hans Jonas, Prinzip der Verantwortung).

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