Literaturprojekt
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Marc Auler

Marc Auler geb. 1953 in Senftenberg in der Niederlausitz. Großneffe von Friedrich August III., lebt seit 1974 in Murcia, Levante. Dort als Professor für Philosophie an der Universidad de Murcia (Spezialgebiet: Abn Arabi). Bekennender Müßiggänger und Gelegenheitsautor. Veröffentlichte den Lyrikband "fabula in diabola" Friedrich-Verlag, ISBN 133-3-77555--477-5.  

Wir schießen hier in Deutschland – alles normal.

Von Marc Auler - 01. Februar 2016

 

AFD-Politiker erteilen Schießbefehl an deutschen Grenzen, auch auf Frauen und Kinder. Ach – Stopp. Nicht auf Kinder unter – wie viel Jahren? Natürlich regen sich alle etablierten Politiker jetzt auf. Und damit beweisen sie einmal mehr, dass sie einen großen Teil der Menschen in diesem Land für Vollidioten halten. Denn die markigen Scharfmacher-Sprüche der Volksweiber Petry und Storch sind nur die logische Fortschreibung der Asylpolitik der großen Koalition. Erst strich man den Menschen, die gerade dem Tod entkommen waren, die sich vor Folter und Wahnsinn durch den Wahnsinn gekämpft haben, das Taschengeld. Klar. Schwer traumatisierte Menschen brauchen kein Taschengeld, und amüsieren sollen „die“ sich hier auch nicht. Sie sollen sich an unsere Regeln halten, tönen vor allem die Politiker der großen Koalition. Ah, verstehe. Unsere Regel in Deutschland: Kein Taschengeld und bloß nicht amüsieren. Dann verschärften die Politiker der großen Koalition weiter das Asylrecht, ein Grundrecht das inzwischen zu Grunde gerichtet wurde. Jedes Land auf dem wenigsten eine Banane wächst, wurde zum sicheren Herkunftsland erklärt. Dorthin sollen alle unrechtmäßigen Asylbewerber wieder zurück geschickt werden. Und wenn die nicht wollen, dann natürlich mit was? Mit der Waffe bzw. mit Gewalt. Und? Dämmert es langsam. Weiter geht’s in Hochgeschwindigkeit mit dieser Lehrstunde der Heuchelei. Herr Altmaier von der CDU tönt, dass straffällig gewordene Asylbewerber schnell wieder in ihr Herkunftsland zurück geschickt werden, und wenn das nicht geht (es geht nicht, jeder Jurist weiß das) dann eben in das Land, über das er eingereist  - Transitland genannt. Aha. Das verstehen Herr Altmaier und seine CDU also unter europäischer Solidarität. Die guten ins Töpfchen, die schlechten nach Österreich, Italien, Ungarn, Griechenland und ins subventionierte Teppichparadies Türkei.

Über zehn Millionen Menschen in Deutschland (zweistellige Prozentzahl) würden derzeit eine Partei wählen, die an der Grenze auf Frauen (und wahrscheinlich auch auf Kinder) schießen lassen möchte.  Und warum? Weil die etablierte Politik seit langem faschistische, nationale Politik betreibt. Von den berühmten Spruch „Kinder statt Inder“ bis zu Stoibers Warnung: „Ich warne vor einer durchmischten und durchrassten Gesellschaft auf deutschem Grund und Boden" - da war er grade Kanzlerkandidat. Wenn ein Land dauerhaft solche Sprüche von etablierten Politikern hört, und wenn die Einwohner dieses Landes sich gut regiert fühlen, dann entsteht natürlich ein Wohlfühl-Faschismus. Dieser Wohlfühl-Faschismus war bis zur Syrien-Krise Konsens in Deutschland. Dann kam Frau Merkel und sagte an einem launigen Tag den Spruch „Wir schaffen das“. Und schon krochen all die Wohlfühl-Faschisten, die Kauders, Bosbachs, Spahns aus ihren Löchern und schlugen Alarm. Dann kam die AFD, denen der Alarm nicht weit genug ging. Und schon wird an deutschen Grenzen wieder geschossen. Ob zurück oder präventiv, wird sich noch zeigen. Alles eine logische Fortschreibung deutscher Politik.

Und während Thomas De Maziere meinte, es "könne nicht sein, dass Afghanen in Deutschland einreisen, um eine wirtschaftlich bessere Zukunft zu haben" (warum eigentlich nicht), sprengte sich - quasi als Ausrufezeichen - in Kabul ein Attentäter in die Luft. Afghanistan ist ein sicheres Herkunftsland. Klar: Sicher tödlich.

 

Nichts weiter als ein Dokument

langsamer Selbstzerstörung. Sich Zeit lassen dabei, es zur Kunst werden lassen. Und dann ganz vorsichtig zerfallen, in den eigenen Armen liegend, die zudrücken, erst liebevoll, dann immer kräftiger, bis Schmerzen entstehen, der Brustkorb sich nicht mehr dehnen kann, die Atemluft ausbleibt, die Augen weit werden, und niemand steht dir gegenüber, du bist es selbst, der zudrückt, du selbst, der sich zerquetscht. Jetzt flehst du schon, locker zu lassen, ringst um Luft, verzweifelt, doch deine eigenen Arme sind wie Schraubstöcke um dich geschlungen, krallen sich in den Rücken, Fingernägel, die eigenen, bohren sich brennend in dein dünnes Rückenfleisch, deine Knie werden weich, vor deinen Augen Schwärze, Gnade, winselst du, doch du hörst dich kaum noch, letzte Kraftanstrengung, dich dir selbst zu entwinden, doch dann gibst du auf, lässt es geschehen, da werden deine Arme langsam wieder locker, die Schraubstöcke öffnen sich, lassen dich frei und du sinkst zu Boden, schnappst nach Luft, bist dir noch einmal entkommen, nur, weil du aufgegeben hast.

 

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Selbstverarschungen Buch I

Erstes Buch

 

1.

Von meinem Großvater V. habe ich gelernt, zwanghaft und unduldsam zu sein.

 

2.

Mein Vater hatte ein miserables Gedächtnis und so lernte ich, gleichzeitig maßlos und weibisch in meinem Wesen zu sein.

 

3.

Meine Mutter flößte mir den Sinn für Unglaube, Geiz und Völlerei ein, brachte mir bei, schlecht zu handeln und linkisch zu denken. Außerdem lernte ich von ihr, die Kargheit und Elendigkeit der Armen zu hassen und ein reiches Leben zu lieben.

 

4.

Meinem Urgroßvater habe ich es zu verdanken, daß ich nicht zu Hause erzogen wurde, sondern in eine öffentliche Schule ging. Dadurch wurde ich von schlechten Lehrern unterrichtet und lernte, in solche Dinge nichts zu investieren.

 

5.

Einer meiner Lehrer ermunterte mich, sowohl für die Grünen, die Schwarzen, die Roten, kurz für alle Parteien gleichzeitig zu sein. Echte Demokratie bestünde darin, faul zu sein, ständig unzufrieden und sich immerzu in fremde Angelegenheiten zu mischen. Für üble Nachrede hatte ich ein besonderes Talent.

 

6.

D. bestärkte mich in meinem Trachten nach eitlen Dingen, unterstützte meinen Aberglauben und meinen Sinn für Verschwörungstheorien, warnte mich jedoch vor der Philosophie.

Als Knabe lästerte ich viel, verlangte nach einem weichen Bett, warmen Daunen und, dass man mir Süßigkeiten ans Bett bringe. Kurz ich war ein rechter Tunichtgut und fühlte mich pudelwohl.

 

7.

Von R. habe ich die angenehme Eigenschaft übernommen, nichts an meinem Charakter zu ändern, inhaltsloses Zeug zu plappern und das möglichst mit der Miene eines Sittenpredigers. Raffinierter weise übe ich mich darin, den Menschenfreund und Büßer zu spielen, das ganze in poetische Worte zu kleiden und mich selbst in feinsten Zwirn. Ich treibe es voller Freude: Meinen Widersachern und Beleidigern gegenüber bin ich unnachgiebig und hartherzig, selbst dann, wenn sie mir gegenüber Zugeständnisse machen. Am liebsten gebe ich mich banalen Dingen hin und unterhalte mich mit Schwätzern. Alles andere ist mir zu anstrengend.

Von R. habe ich auch meine Pornosammlung.

 

8.

Von A. habe ich meine komplizierte Art zu denken, ändere ihm zufolge häufig meine Meinung und pfeife auf die Vernunft. Außerdem bin ich furchtbar empfindlich, kreische beim geringsten Zipperlein auf und bin gleich tagelang krank. Dadurch entgehe ich allzu harter Arbeit. A. war auch mein Beispiel dafür, faul zu sein und gleichzeitig andere deswegen zu kritisieren. A. war ein Mann, der im Unterricht immer wieder die Beherrschung verlor, sein Vortrag war extrem ungeschickt und schlecht, dafür war er selbst aber sehr eingebildet. A. brachte mir bei, wie man sich durch hündisches Verhalten bei Freunden Vorteile erschleicht ohne dabei selbst etwas geben zu müssen.

 

9.

Von S. lernte ich, stets übelgesinnt zu sein, an seinem Beispiel, mein Haus verkommen zu lassen. Ihm verdanke ich den Vorsatz, so abnormal wie möglich mein Leben zu verbringen, mich nicht zu benehmen (gerade wenn es darauf ankommt) und gegenüber den Wünschen von Freunden taub zu sein. Gegen Unwissende und gegenüber Menschen, die gedankenlos irgendeinem Wahn frönen verhalte ich mich wie S. unduldsam. Mit Menschen umzugehen, gleich wie, ist nicht meine Art. S. wurde von den meisten Menschen zutiefst verachtet und der Umgang mit ihm war extrem schwierig. S. konnte mir nicht eine Lebensweisheit vermitteln, brachte die größte Unordnung in mein Leben, oft ging er mit einem harten Stock zornig auf mich los. S. war überhaupt meist von Sinnen vor Zorn und Wut. Seine Leidenschaft war lieblos und der Umgang, den ich mit ihm pflegte sorgte auch für meinen schlechten Ruf, zumal ich oft damit prahlte, mit S. befreundet zu sein.

 

10.

Von A. lernte ich, Leute, die eine üble, unflätige Gossensprache benutzen auf das Heftigste zu beschimpfen. Dabei geht es mir nicht um die Sache selbst und ich wüßte auch nicht, wie man es anders ausdrücken könnte – jedenfalls nicht von A..

 

11.

F. verhalf mir zu der Einsicht, meine Geschäfte mit Mißgunst, Streitsucht und Heuchelei zu erledigen, denn Menschenliebe ist für die Geschäfte schlecht, aber auch hinderlich im Umgang mit der besseren Gesellschaft.

 

12.

A gab mir die Anweisung, möglichst oft keine Zeit zu haben und keine Gelegenheit, sowohl mündlich als auch schriftlich zu versäumen, dies zu verkünden. Mit dem Vorwand, dringende Geschäfte erledigen zu müssen, kann man sich sehr erfolgreich von seinen Pflichten gegenüber den Mitmenschen drücken.

 

13.

C ermahnte mich, den Klagen eines Freundes kein Gehör zu schenken. Solche Leute verdienen mein Vertrauen nicht. So wie D und A schimpfe auch ich über meine Lehrer, die wahrhafte Vollidioten waren und ich hasse aufrichtig meine Kinder.

 

14.

Mein Bruder S. war für mich ein Vorbild in seinem Haß auf unsere Verwandten. Er lehrte mich auch zu lügen und zu betrügen. Durch ihn wurde ich mit T. H. C. D und B bekannt, hatte dann eine Vorstellung bekommen von der Willkür mit denen solche Leute unseren Staat zu verwalten glauben, hatte ein Reich kennen gelernt, in dem man die Freiheit des Bürgers durch und durch missachtet. Von meinem Bruder S. wurde ich auch trefflich angeleitet, wie man auf die Philosophie verzichten kann, er lehrte mich, meine Besitztümer zu horten und auf Wohltätigkeitsveranstaltungen bestenfalls nette Reden zu halten aber dabei auch seine Geldbörse festzuhalten. Er war es auch, der mir zeigte, dass man Freunden nicht trauen kann, dass man ihnen möglichst alles verschweigen sollte, und selbst Zuneigung zu Freunden möglichst kleinherzig zu vermeiden. Von Freunden ist nichts zu erwarten, aber sie sollten stets glauben, von einem selbst sei etwas zu erwarten.

 

15.

M. überzeugte mich vom laizes fair der Menschen, sich nicht zu beherrschen, den rechten Weg links liegen zu lassen, und ängstlich auf allerlei Krankheitszeichen zu achten, träumend die Geschäfte zu versäumen, weil auf Charakter gepfiffen ist.

Von M. glaubte jeder, er rede nicht das, was er sich denkt, und habe bei seinem Tun allerlei Hintergedanken. Er ließ sich gerne bewundern und staunte dabei nicht schlecht, oft war M. ratlos und handelte übereilt, dann war er sehr niedergeschlagen und schlechter Laune. Sein Geiz und sein Hang zu lügen, zeigten in M. einen verschrobenen Typen, an dem nichts zu ändern ist. Viele fühlten sich von M. verspottet und klagten oft darüber. Aber M. war manchmal sehr lustig, machte viele Scherze und umarmte läutselig alle um sich.

 

16.

Das Leben meines Vaters war für mich eine Schule der Härte und der Unbeständigkeit, weil mein Vater selten bei seiner Meinung blieb. Er war empfindlich für Eitelkeit und schätzte Ehrenbezeigungen, er war faul, verdrossen, indolent gegenüber Vorschläge andere, ließ sich dennoch gerne von etwas abhalten, wusste nie so recht, wo man die Zügel anziehen und wo nachlassen müsste. Die Knabenliebe konnte er nie aufgeben und er hatte keinen besonderen Sinn für das Gemeinwohl; seiner Freunde wurde er schnell überdrüssig, dennoch war er bis zur Unvernunft für sie eingenommen.

Nie zufrieden, selten heiter, fürchtete mein Vater sich vor der Zukunft, dennoch war er selbst auf geringste Vorfälle nicht gefasst.

Schmeichelei hörte er gerne. Er gab gerne Geld aus, ließ sich aber ungern dafür tadeln. Mein Vater war abergläubisch, gefallsüchtig und hoffte auf die Gunst des Pöbels, selten war er nüchtern, trieb unanständige Dinge, und brauchte immer Anregungen.

Viele behaupteten, mein Vater sei ein Schwätzer und Pedant, unreif und unvollkommen, ungeschickt vor allem darin, die eigenen Angelegenheiten zu besorgen.

Freunde der Weisheit schätzte mein Vater nicht besonders, und ließ dennoch keine Gelegenheit aus, die anderen lächerlich zu machen.

Er war nicht sehr umgänglich, und scherzte, wenn überhaupt, dann im Übermaß. Seinen Leib putzte mein Vater gerne heraus, achtete aber weder auf die Ernährung, noch liebte er den Sport, daher war er sehr oft in ärztlicher Behandlung. Gegenüber Männern, die in etwas eine vorzügliche Stärke besaßen, wie in der Beredsamkeit, der Gesetzeskunde, der Sittenlehre oder in anderen Fächern, begegnete mein Vater mit Neid und Missgunst, und versuchte stets, sie an ihrem Fortkommen zu hindern. Mein Vater war wankelmütig, unbeständig, litt häufig unter Kopfschmerzen, worüber er tagelang, selbst als die Schmerzen vorbei waren, jammern konnte, dabei schlenderte er von Ort zu Ort um allerlei merkwürdige Geschäfte zu machen.

Er hatte viele Geheimnisse. Bei Veranstaltungen öffentlicher Spiele, Aufführung von Gebäuden, Austeilung von Spenden und ähnlichem hatte er den persönlichen Ruhm im Auge, war dabei aber oft pflichtvergessen und unmäßig.

Er badete oft, baute viele Häuser, aß gerne und viel, trug schöne Kleider und liebte es, von schönen Sklaven umgeben zu sein. Man konnte an ihm nichts entdecken, wovon man hätte sagen können: "Es war vom Maß", sondern alles war unüberlegt, ungeordnet, weich und verstört.

Mein Vater war das Gegenteil von Sokrates, konnte nicht verzichten, war genusssüchtig, schwach und unmäßig. Mutlos und oft betrunken, von schwächlichem Geist, und doch stets bemüht, sich nicht in diesem Licht zu zeigen.

 

17.

Den Göttern verdanke ich es, dass ich kriminelle Großväter, kriminelle Eltern, eine kriminelle Schwester, kriminelle Lehrer, kriminelle Hausgenossen, Verwandte, Freunde, ja fast durchaus kriminelle Menschen um mich gehabt habe, aber auch das, dass ich gegen keinen derselben ohne Tadel geblieben bin und mich oft verleiten ließ, selbst kriminell zu sein, obwohl ich hierzu gar nicht die Anlage in mir trug.

Doch die Götter halfen durch das Zusammentreffen von Umständen, wodurch ich überwältigt wurde.

Den Göttern verdanke ich auch, dass ich bei der Geliebten meines Großvaters sehr lange auferzogen ward, und auch bei ihr meine Jugendreinheit verlor, dass ich schon vor der Zeit meine Manneskraft verschwendete, und sie nicht über die Zeit hinaus aufsparte; dass ich einem Herrn und Vater untergeordnet war, der jeden Keim des Übermutes in mir förderte, und mich zu der Überzeugung erheben konnte, dass man nur mit Leibwächter, Feiergewändern, Fackeln, Statuen und ähnlichem Aufwand am Hofe leben könne, und sich nicht etwa wie ein Privatmann einschränken solle, da man sonst seine Würde verlöre und sich gegenüber dem Gemeinwesen etwas vergeben würde.

Den Göttern verdanke ich es auch, dass mir ein Bruder beschieden ward, der durch sein unsittliches Benehmen mich zur Sorglosigkeit gegenüber meinem Inneren aufmunterte und zugleich durch seine Geringschätzung und Abneigung mich quälte; dass mir Kinder geboren wurden, welche verblödet und verkrüppelt waren; dass ich in der Rede- und Dichtkunst solche Fortschritte machte.

Auch dafür sei ihnen Dank, dass ich den A, R, M kennen lernte; dass ich mich über die Art und Weise eines unnatürlichen Lebens oft beschäftigte; dass von seiten der Götter und der von dorther stammenden Gaben, Hilfeleistungen, Eingebungen, mich alles hinderte, nach der Natur zu leben, wenn ich durch eigene Schuld und durch Befolgung der göttlichen Unsinnigkeiten, fast möchte ich sagen: Absurditäten, darin zurückblieb; dass mein Körper bei einer solchen Lebensweise nicht lange überdauerte; dass ich noch heute ständig unter Liebesfiebern leide; dass ich, obgleich oft verliebt in R., mir doch Dinge erlaubte, die ich jetzt bereuen müsste; dass meine Mutter, die so jung sterben sollte, trotzdem nicht bei mir wohnen durfte; dass, so oft ich einen Armen oder sonst einen Hilfebedürftigen sah, ich geistesgegenwärtig war, zu behaupten, meine Geldmittel gestatteten eine Unterstützung nicht, und dass ich selbst schließlich in die drückende Lage geriet, von anderen etwas annehmen zu müssen. Den Göttern verdanke ich den Besitz einer Gemahlin, die roh und kompliziert ist, mein Kinder nicht erziehen kann, und sie in die Hände der Sophisten fielen, weder lesen noch schreiben können, jedem Trugschluss anhängen, und ein recht müßiges Leben führen. Ja, zu diesem allem bedurfte es des Beistandes der Götter und des Glückes nicht.

 

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Selbstverarschungen Buch II

 

Zweites Buch

 

1

In den Abendstunden sage zu dir selbst: Ich bin heute mit einem bescheidenen, aufrichtigen, friedfertigen, vertrauensvollen und sozialen Menschen zusammengetroffen. Dieser aber hat trotz seiner vielen scheinbaren Vorteile den entscheidenden Fehler zu glauben, er kenne gut und böse und könne es auseinanderhalten. Ich aber habe eingesehen, dass das Gute seinem Wesen nach hässlich, und das Böse seinem Wesen nach schön ist, und dass die Natur mich selbst eher schön, wenn auch leider nicht ganz schön gestaltet hat, und so bin ich keineswegs von gleicher Natur wie jener. Auch kann mir dieser nicht helfen, denn niemand kann mich zum Guten verführen. Auch kann ich dem, der mir nicht verwandt ist, nicht wohlgesonnen sein oder ihn gar lieben. Ist doch keiner von gleicher Natur: die Füße sind nie gleichlang, gleich sauber, die Hände werden ganz unterschiedlich gebraucht, was einer mit seinen Augen sieht ist nie das, was ein anderer mit seinen Augen sieht, und wie unterschiedlich sind doch die Gesichter. Einander zu lieben wäre also naturwidrig; alles andere als Unwillen und Abscheu zu empfinden käme der Sodomie gleich. Lust sollte man daher nicht mit Liebe verwechseln. Liebe ist was für Krüppel. Lust ist was für Götter!

 

2

Was ich auch sein mag, es ist immerhin Fleisch, ein Lebenshauch und auch ein wenig Vernunft. Liebe die Bücher! Lass dich zerstreuen durch deftige, erotische und sinnenreiche Literatur! Wie ein Lebender liebe das Fleisch: Blut, Knochen, Nerven, Sehnen und Adern, ein wunderbares, herrliches Geflecht dem auch noch zu allem ein Lebenshauch gegeben ist. Ach, der Lebenshauch! Ein süßer, wonniger Wind ausgehaucht und wieder eingeatmet. Was ist dagegen die Vernunft? Du bist jung, lass dich also nicht länger von dieser Vernunft unterjochen, verzehre dich vielmehr durch deine wilden Triebe und zürne dem gegenwärtigen Geschick und lass dich auch vom zukünftigen erschüttern, wenn es dir gegen deine Triebe geht. Einzig die Lust ist das Wahre!

 

3

Die Werke der Götter sind widernatürlich. Sie gaukeln von Vorsehung und Ursache, sie tun so, als ginge davon alles aus. Aber die Notwendigkeit und das Weltganze, von dem du angeblich (nach dem obskuren Willen der Götter) ein Teil sein sollst, ist so was von unnützlich. Lass dich also nicht von einem Ganzen unterjochen, das gar nicht existiert, da die Fülle dessen nicht ermessbar und folglich nicht erkennbar ist. Giere nach Büchern und sei du selbst, losgelöst vom Weltganzen. Trotze dem Tod und sei aufrichtig wütend. Auf die Götter pfeife.

 

4

Wenn die Götter dir eine Gelegenheit zu irgendetwas bieten, lass dich bloß nicht darauf ein, denke stets daran, dass die Götter dich nur zu einem Weltteil degradieren wollen und du wärst des Todes. Nimmst du der Götter Gelegenheit wahr, so würdest du auf der Stelle dahinschwinden und nie mehr wiederkehren. Sei ganz du selbst und lass dich nicht begrenzen!

 

5

Genieße dein Leben! Sei nicht zwanghaft und überernst an irgendeiner Gerechtigkeit interessiert, die es gar nicht gibt. Denke so frei und so viel du willst und über alles nach, was dir in den Sinn kommt. Überstürze dich, sei leidenschaftlich, liebe dich selbst mehr als alles andere, und lass dich von den Göttern nicht mit irgendeinem dir bestimmten Los locken. Nichts wäre langweiliger und öder, als auf glatten Wegen und devot gegenüber den Göttern durchs Leben zu fahren. Dann könntest du es gleich bleiben lassen (was den Göttern wohl am liebsten wäre). Was die Götter verlangen, kann dir egal sein. Wenn es nötig ist, dann tue einfach so als würdest du sie weiß Gott wie verehren. Es kann nicht schaden. Und die Götter sind nicht besonders klug.

 

6

Achte dich, achte dich, o Seele: die Zeit ist viel zu schade, dich selbst zu ignorieren. Dein Glück liegt ausschließlich in dir selbst und nicht im Strohfeuer der anderen Seelen.

 

7

Lernen, lernen und sich immerzu konzentrieren? Unfug. Viel schöner und erhabener ist der Wind, der dich treibt, ohne Ziel und Gedanken, sei ganz der Wind, schließe deine Augen und fliege, wie herrlich der Zeit entgegen.

 

8

Forsche die anderen aus, denn du bist du und wirst dich schon kennen. Schnell wirst du so die Sorge, was andere von dir denken könnten vergessen, wenn du feststellst, wie wenig diese an dich denken. Bedenke also die anderen, denn diese hindern dich zu sein. Deine Freiheit ist alles andere als die Freiheit der andern.

 

9

Die Natur des Ganzen und die Beziehung zu der du mit ihr angeblich stehst, sollte dich nicht hindern, dich frei und voll zu entfalten. Du bist nicht nur ein Teil von irgendwas, sondern selbst das Ganze.

 

10

„Und ich gebe mich ihr (geistige und physische Beschwingung) hin, ich habe mich zur rechten Zeit über die Chimären der Religion hinweggesetzt, vollkommen davon überzeugt, dass die Existenz eines Schöpfers eine empörende Absurdität ist, an die selbst Kinder nicht mehr glauben." Zügellos, sich übermannen lassen, von seiner Gier hinfort gerissen. Das eben ist Leben. Und dies gilt für alles, ob du mit deiner Mutter schläfst, mit deiner Schwester oder mit deiner Katze. Lust steht über der Gewalt. Das Schlimmste wäre, anderen Schmerz zuzufügen, wenn es nicht der süße Schmerz der Lust ist.

 

11

Sei, als würdest du ewig sein. Rede, denke und agiere frei und unbegrenzt vom Tod. Vermutlich ist der Tod nur eine Illusion und eine andere Ordnung des Seins. Liebst du den Reichtum? Selbstverständlich! Es ist eine gute Sache, reicher als andere zu sein und damit auch Macht zu haben, um unbegrenzter leben zu können. Schaffen wir die Moral der Götter ab, dann durchbrechen wir ja nur die Mauer, die uns von der Unbegrenztheit der Götter trennt. Jedes „du sollst nicht“ ist die Matrix mit der uns die Götter gefesselt haben. Und jedes „du darfst nicht“ ist die Hürde, die sie aufbauten für uns, um nicht so sein zu können wie sie. Diese dreckigen Götter aber liegen hinter diesen Hürden faul und reich im Gras und pfeifen sich was. Also: Schönheit, Reichtum, Lust, alles was das Leben feiert wird von uns erobert. Bescheidenheit macht uns zu Krüppeln über die diese Götter dann lachen.

 

12

Je intensiver du lebst, was scheinbar entschwindet, desto klarer wird dein Bewusstsein und damit der Hass auf den Tod. Feiere nicht nur, sondern lass dich auch feiern. Ruhm, Selbstliebe und all das ewig dein. Wenn der Tod nur Illusion ist, das Zerfallen in Staub nur eine bösartige Metapher der Religionen, dann wird klar, wird dir absolut klar, dass es den Tod zu überwinden gilt. Wie der Mensch einst fliegen lernte, so kann er lernen ewig zu leben. Der Mensch beherrscht das Feuer. Warum nicht alle Materie? Warum nicht das Leben selbst? All die Pharisäer, die von Grenzen reden und die Selbstkastration predigen, treibt doch nur die Angst. Und ihr Gutmenschentum ist nichts mehr wert, wenn sie sich von ein paar geistig deformierten Jugendlichen tot prügeln lassen.

Dann – muss ich sagen – gehört diesen halbdebilen Jugendlichen die Zukunft. Dann fördern wir ihre Kraft und lassen den toten Philister gleichgültig am Straßenrand liegen.

 

13

Bohren wir ein Loch, tief in die Erde! Gestalten wir, reißen wir alles nieder, was faul ist im Staate Dänemark. All diese Regeln! Weg mit ihnen. Sollen oder können wir jetzt mit dieser Erde wirklich zufrieden sein? Natürlich nicht. All die Pfaffen, die beten statt handeln. Wenn Millionen Menschen hungern, dann gilt es, dem Kretin das Füllhorn zu entreißen und dieses Füllhorn über die Hungernden auszuschütten. Mit Nettigkeiten und braver Selbstschau bleibt alles nur beim Alten, und dieses Alte ist verkommen und verrottet. Was kümmert mich da schwarz oder weiß, gut oder böse! Nichts ist elender als diese moralinsauren Ethikkroketten scheißenden Pfaffenhirne, nach Weihrauch stinkenden, bigotten Verlierer, Jammerlappen. Nichts erbärmlicher als diese Dienstleister des Schwachsinns, Klemmbrettträger des Bedenkens. Diese Moralkrüppel drücken aufs Bremspedal, weil der geringste Luftzug ihre Nasenschleimhaut anschwellen lässt. Verschnupfte Windelträger, die vor der Eitelkeit nur deshalb warnen, weil ihre dysfunktionalen Eltern ihnen ins Hirn geschissen haben. Hirngewaschene Sesselfurzer, die uns vor dem Bösen warnen obwohl sie dem Teufel noch nie begegnet sind.

 

14

Selbst wenn du dreitausend Jahre alt wirst, ja sogar dreißigtausend Jahre reichen nicht, denn egal wann du stirbst, wenn du stirbst verlierst du alles. Aber trotzdem: 100 Jahre Lust und das so oft als möglich, ist besser als 100 Jahre beten und sich immer alles verkneifen wegen einer dahergelaufenen Moral. Also lieber das Kind in den Windeln erschlagen, als ihm ein Leben ohne die Erfüllung seiner Sehnsüchte zuzumuten. „Wer begehrt und nicht handelt, brütet Pestilenz aus.“ Oh wie recht du hast William Blake. Es ist eben nicht alles von Ewigkeit her gleich, sondern selbst für den Verklemmtesten unter uns lohnt es sich, sich ein Herz zu fassen und tatsächlich zu umarmen, was er wirklich begehrt. Was wäre das für ein Leben: Knoten im Schwanz, Eier in den Arsch gesteckt? Die Hure in uns glüht vor Verlangen, und diese Glut macht uns schön.

 

15

Was kümmert mich die Wahrheit?

 

16

Die älteste Wahrheit ist die von der Schuld des Menschen. Es ist die Wahrheit, die am meisten stinkt. Der Garten Eden sei für uns verschlossen, Leid und Elend unser Los. Wenn wir das hinnehmen, und auch noch Demut zeigen, dann frage ich mich wirklich, warum dieses lächerliche Wesen namens Mensch nicht einfach weggepustet wird. Nein! Der Garten Eden mag verschlossen sein, aber jedes Schloss lässt sich knacken, wenn es sein muss mit Dynamit. Es ist widerlich, einen Staat erleben zu müssen, der vor den Toren der Herrlichkeit gebaut wurde und uns mit Vernunft tröstet. Es ist die Vernunft psychisch Gestörter, wenn sie hungernd vor einem vollen Teller sitzen und nicht essen, weil neben dem Teller ein Schild steht mit den Worten „nicht essen“. Was für ein Schwachsinn! Wenn ich Hunger habe esse ich und fege das Schild davon. Schilder sollen mich stoppen?

 

17

Was der Natur gemäß geschehe, sei kein Übel? Ein kalter Trost, wenn überhaupt ein Trost. Die Natur ist vermutlich das dumme Schild „nicht essen“, das vor dem vollen Teller steht. Wir sind nicht hier, um zu verhungern, zu verwesen und vergessen zu werden. Wir sind hier um zu ernten! Wir erstürmen den Garten Eden wie einst die Bürger Frankreichs die Bastille! Wir reißen die unverschämten Zäune der Vernunft nieder und stürzen uns in Lust auf all die Herrlichkeit! Wir lassen uns auch nicht von einem Gericht verjagen oder einschüchtern, wir lachen diesem Gericht mit vollem Mund ins Gesicht, spritzen unseren gierigen Speichel in das Antlitz des Richters. Was will er tun? Dieser Richter! Uns verdammen? Wir sind schon verdammt, wenn wir die Zäune zur Herrlichkeit nur dämlich angaffen, statt sie einzureißen!

 

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