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ein neues Kapitel aus dem Roman

 

 

DIE LICHTGESTALT

 

 

Von Bernhard Horwatitsch

Die Lichtgestalt

Ein Roman über die Geschichte des Bösen

 

Von Bernhard Horwatitsch

 

Das Böse: Inbegriff des moralisch Falschen

 

… ein Mensch, der sich in jeder Hinsicht zum Guten bekennen will, muß zugrunde gehen inmitten von so viel anderen, die nicht gut sind.

 (Machiavelli: Der Fürst. S. 137.)

 

20. Januar 22

 

Kapitel 12
Do not take notice

 

“Was macht das Pergamon-Museum?“
Martin versuchte witzig zu sein. Fred starrte vor sich hin. Gab keine Antwort, oder nur eine, die Martin nicht wahrnahm. Also schwieg Martin auch. Sie saßen schweigend im Speisesaal. Andere Irre ebenso. Es war ruhig, ab und zu hörte man ein Husten, ein Japsen, so als würde einer aus einem Traum aufschrecken. Fred lief ein dünner Faden Speichel am Mundwinkel herab. Martin gab ihm ein Papiertaschentuch. Langsam nahm es Fred entgegen und wischte sich irgendwie umständlich den Speichel aus dem Mundwinkel. Der Speichel war glasig. Sie hatten ihn zugedröhnt.
„Wie bist du nur hierhergekommen?“, sagte Martin.
„Ich dachte ich bin…“, Fred sprach sehr leise, fast flüsternd. Auch sein Kopf war dabei steif, Fred fiel es offenbar schwer, in Martins Richtung zu sehen. Martin saß neben ihm und beugte sich vor, so dass sein Gesicht in Martins Gesichtsfeld rücken konnte. Für einen Touchdown Junge!
„Du dachtest?“
„ich dachte“, setzte Fred erneut an, machte eine weitere Pause, wischte sich mit Martins Papiertaschentuch langsam einen glasigen herab tropfenden Speichelfaden vom Mundwinkel. „Ich bin überfallen worden, aber es war nicht…“, wieder Pause, Speichel wischen, langsam hob sich Freds Kopf und Freds Augen schauten mit deutlich verringertem Lidschlag, also wie starrend aber eben nicht starrend, sondern ‚wie starrend‘ in Martins blinzelnde Augen, blinzelnd, weil ihm Tränen die Augenkammer füllten. Martin unterdrückte das Weinen. Aber er spürte, dass Fred seine Traurigkeit wahrnahm.
„es war nicht, es war ein Wahn. Sagen sie.“
„Ein Wahn? Also hast du das mit dem Überfall geträumt?“
Fred schüttelte unendlich langsam seinen Kopf, wischte sich wieder einen Speichelfaden vom Mundwinkel. Denn sobald er auch nur irgendetwas machte, schien sofort Speichel herauszulaufen. Der Mund ging einfach nicht mehr richtig zu, aber auch nicht mehr richtig auf.
Eine Schwester ging an ihnen vorbei. Sie hatte knallrote Haare, die wie explodiert auf ihrem Kopf saßen.
„Schwester“, stoppte sie Martin. Die Schwester drehte sich um. Sie hatte ein Gesicht wie Pumuckl. Dieser funny german leprechaun. „Finden Sie das cool?“, fragte sie Martin so, dass es im Tonfall deutlich wurde, dass er es nicht cool fand, und deutete mit einem knappen Kopfnicken auf den armen Fred.
„Is nich cool, is aber wie’s is“, sagte sie in breitem Südakzent.
Für Martin hörte sich das an wie sswisiss, breit gezischt, aber seltsamerweise nicht wirklich unsympathisch. Ein Alabama-Mädchen, vom Schicksal mit dem Aussehen eines Kobolds gezeichnet, sswisisste mit dem verzweifelten Einverständnis eines Menschen, der für sein Alter schon zu viel gesehen hatte und  deshalb die Details ausblendete. Sswissis bedeutete einfach: Sorry für die Umstände, ich hab sie nicht gemacht und krieg sie auch nicht weg. Das konnte Martin einsehen, und lächelte ihr entgegen. Ohne das Lächeln zu erwidern, drehte sich der Pumuckl weg und wollte sich weiter auf seinen Weg machen.
„Schwester“, hielt sie Martin noch mal auf, suchte nach ihrem Namensschild an der Brust ihres Schwesternkittels. „Schwester Barb“, sagte Martin, denn so stand es auf dem Schild, einfach Barb. Was irgendwie zu sswissis und Pumuckl passte dazu, fast gequakt Barb. „Meinen Sie, ich könnte den Doktor sprechen?“
„Müssen se halt klopfen“, antwortete Pumuckl Barb - und drehte sich wieder um, ging durch den Speisesaal durch und verschwand hinter einer Tür, dort wo der Speisesaal zu Ende war.  Müsensee denkend blickte Martin ihr hinterher, genauso wie ein paar Irre am Tisch. Gemeinsam starrten sie auf die geschlossene Tür hinter der Pumuckl Barb Müsensee swissis verschwunden war. So, als sei das nicht der Speisesaal, sondern Gleis 93/4 am Bahnhof King’s Cross und sie keine Irren, sondern eine Gruppe Muggles. Faszinierendes Vanishing Cabinet.

Martin klopfte an die Tür, auf der ‚Doktor‘ stand. Mehr stand da nicht drauf. Eine Welt der Reduktion. Barb, Doktor, sswissis. Es geschah nichts. Er klopfte erneut, etwas intensiver, aber die Tür gab das gar nicht wieder. Es hatte sich genauso angehört wie das erste Klopfen. Und es geschah auch nichts. Martin wollte sich schon frustriert abwenden, als die Tür plötzlich und mit Schwung aufgerissen wurde. Wie ertappt drehte sich Martin um und vor ihm stand eine etwa einen halben Kopf größere, einschüchternd wirkende Frau Mitte bis Ende Vierzig und starrte ihn an.
„Äh“, sagte Martin.
Die Frau machte eine zum Weiterreden auffordernde Kopfbewegung.
„Also, hätten Sie mal Zeit?“
„Und?“
„Und was?“
„Ich hab gefragt“, sagte die Frau, die jetzt ein Schmunzeln im Gesicht hatte. Nur angedeutet und schwer einzuschätzen, war es Hohn, Spott oder Freude, Mitgefühl. Oder was dazwischen, irgendwas, das Martin gerade zum ersten Mal in seinem Leben sah.
„Nun, ich bin zu Besuch“, sagte Martin verlegen.
„Nicht irre?“
Martin schüttelte den Kopf.
Die Frau machte den Weg frei und Martin ging in das kleine Zimmer. Die Frau überholte ihn, zwang sich hinter den Schreibtisch und forderte Martin mit einer Handgeste auf, sich zu setzen. Dann stützte sie ihr Kinn in die Handfläche und sah ihn an. Wieder so ein Gesichtsausdruck den Martin nicht kannte.
Das Schweigen dauerte nicht sehr lange, aber so lange, dass es wirklich seltsam war. Genug Zeit, um seine Axone in Verwirrung zu bringen. Die feuerten jetzt um sich, verfehlten aber sämtliche Dendriten, feuerten ins Leere und schienen kurzfristig die Idee zu verfolgen, auf sich selbst zu feuern, Axone im Seppuku-Modus. Aber Martin fing sich.
„Ja also, es geht um Fred Sanders. Ich bin ein Freund, ein guter Freund, wir waren auf der High-School.“
„Schön“, antwortete die Frau. Mehr nicht.
„Ja also. Wie ist das?“
„Wie ist was?“
„Ganz offen gesagt.“
„Ja?“
„Also das ist nicht schön.“
Die Frau schüttelte den Kopf. War das eine Bestätigung, dass es nicht schön war? Oder bedeutete der schüttelnde Kopf, dass Martin Suaheli sprach?
„Können Sie da nicht was machen?“
„Was denn?“
„Das frag aber jetzt ich.“
Dann war das Eis irgendwie gebrochen.
„Beckett“, sagte die Frau, die kein Namensschild trug, denn ihr Kittel hing verdreht an einem Garderobenständer. „Dr. Beckett. Ja“, sagte sie, „das ist wirklich nicht schön. Aber schön ist, dass Sie ihn besuchen. Er bekommt nicht oft Besuch. Seine Mutter, letzte Woche, aber die hat nur geheult. War nicht hilfreich. Reden Sie mit ihm. Das hilft.“
„Ja, klar“, sagte Martin. „Aber weniger Medikamente, das könnte auch helfen.“
„Da darf ich Ihnen leider keine Auskunft geben. Sie sind kein naher Verwandter.“ Dr. Beckett lehnte sich zurück.
„Schon klar. Ich verspreche, dass ich öfter zu Besuch komme und Sie versprechen mir – Sie müssen nichts sagen – Sie versprechen mir, dass es besser wird. Ja?“
Dr. Beckett lächelte nun auf eine Art, die wohl nur bedeutete, dass das Gespräch nun zu Ende sei. Nicht auf die negative Art. Es war wirklich ein Versprechen in dem Lächeln. Martin vertraute der Frau. Er stand auf. Und in dem Augenblick als er aufstand ertönte ein fürchterliches Signal, ähnlich einer Sirene, überlaut. Dr. Beckett rumpelte auf, riss in einer Bewegung ihren Arztkittel von dem Ständer und schlüpfte unglaublich elegant an Martin vorbei, öffnete die Tür einen Spalt, blickte hinaus, winkte Martin heran und schob ihn zur Tür raus, schob ihn schnell weiter zur Ausgangstür und dort hinaus. Tür zu. Martin hörte nur noch die Sirene, dazwischen – vielleicht – dumpfes Schreien, aber nicht sicher zu identifizieren. Sehen konnte er nichts. Die Eingangstüren zur Station waren von außen nicht durchsichtig. Elektrisches Glas. Keine Folie. Martin stand vor der dunklen Tür. Von innen hätte man ihn jetzt verdutzt stehen sehen können. Aber alle waren beschäftigt. Martin hatte sich von Fred nicht einmal verabschieden können.

 

 

 

 

Kapitel 9 Rockabilly.pdf
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Kapitel 10 Interferenzen.pdf
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Kapitel 11 Time out.pdf
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