Literaturprojekt
Literaturprojekt

Krimhild Pöse

 Krimhild Pöse wurde 1954 in Solingen geboren. Sie ist Professorin für Kernphysik und Informatik, Mitarbeiterin am Los Alamos Scientific Laboratory. Zuletzt erschien Oppenheimer And Feminism Talk About Nuclear Weapons bei University Press Chicago. Autorin zahlreicher Essays und philosophischer Beiträge in universitären Fachzeitschriften, unter anderem auch in Schreibkraft.

 

zurück zur Seite der Gastautoren

 

 

Das Licht der Heiden

 

Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, daß ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde, - darum bin ich vor dem HERRN wertgeachtet, und mein Gott ist meine Stärke -, er spricht: Es ist zu wenig, daß du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern aich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, daß du seist mein Heil bis an die Enden der Erde. (Jesaja ca. 700 v. Chr. Kap. 49,5/6)

 

Am 16. August 70 nach Chr. zerstören die römischen Truppen der fünften Legion des Titus Flavius, Sohn des römischen Gottkaisers Vespasian, die Stadt Jerusalem, beenden den Aufstand der "Rächer Israels" angeführt von Johann von Gischala und Simon Bar Giora. Viele Tausend Juden wurden nieder gemetzelt, ans Kreuz genagelt, als Leibeigene verkauft. Viele Juden wanderten aus, gingen in die Diaspora.

Aber das Schlimmste war: An diesem heißen Sommertag hatten sich einige Hundert "Rächer Israels" mit dem Maccabi-Zeichen im Tempel zu Jerusalem zurück gezogen, in dem Glauben, ihr Tempel werde von Jahve, dem unsichtbaren Gott, geschützt. Doch trotz vieler Bedenken wurde der Tempel von den römischen Soldaten in Brand gesetzt und zerstört. Die Römer machten das Land dem "Erdboden gleich" - solo adaequare, wie es bei Flavius Josephus (jüdisch-römischer Geschichtsschreiber, 30 - 100 n. Chr.) heißt.

Unter den Juden gab es damals schon einen Streit um den kommenden Messias. Die Minäer (später Christen, Christ - der Gesalbte - ist die altgriechische Übersetzung des hebräischen Wortes Messias) glaubten, der Messias sei bereits gekommen, während die konservativen Juden sein Kommen noch erwarteten. Die Zerstörung des Tempels zu Jerusalem, indem das Allerheiligste, Jahve, verehrt wurde, sahen die Judenchristen als Zeichen dafür, dass Jahve das Gefäß mit Absicht zerbrochen habe, um den Geist Jahve auszuschütten in die Welt. Dies galt den Judenchristen als Symbol dafür, die Lehre des Jahve, des unsichtbaren Gottes, auch den Heiden zu vermitteln. Die konservativen Juden, allen voran Jochanan Ben Sakai jedoch, verengten die Lehre, das Ritual. Nüchtern, geschult am Vernunftbegriff des hellenistischen Geistes (Philo von Alexandrien galt den konservativen Juden als Vorbild), sahen die konservativen Juden in dieser Art Proselytentum eher eine Gefahr für ihren Gott. Die Judenchristen wurden mehr und mehr aus der Gemeinschaft gedrängt. Der Hauptvorwurf der konservativen Juden an die Judenchristen lautete: Leugnung des Prinzips. Jahve war ein "unsichtbarer Gott", körperlos, geistig. Die Anbetung eines Messias, der am Kreuz gestorben ist, verletzte diese Grundregel.

 

Ein Gesetz der Römer, das die Beschneidung von Nichtjuden unter Strafe setzte führte schließlich zur endgültigen Spaltung der Juden und Christen. Die Juden schworen faktisch jedem Proselytentum ab, um der Gerichtsbarkeit der Römer (Judäa stand nun unter römischer Verwaltung) zu entgehen, und die Zerschlagung der Staatreligion zu vermeiden. Die Christen hingegen, allen voran Paulus bzw. Saulus (ein frauen- und körperfeindlicher Hetzer), opferten das Ritual der Beschneidung zugunsten ihres Proselytentums. Beseelt davon, den Geist Jahves in die Welt zu tragen, akzeptierten die Christen Beitritte von Nichtjuden auch ohne Beschneidung. Die Christen wurden zum "Licht der Heiden" (Jesaja). Dies jedoch führte zum definitiven Bann durch die konservativen Juden.

Die Wurzel des Christentums liegt also in zwei römischen Taten:

Die Vernichtung des Tempels zu Jerusalem, dem religiösem Zentrum der Juden, und das Verbot der Beschneidung von Nichtjuden.

Die Vernichtung des Tempels zwang die Judenheit, ihren Gott Jahve im Wort zu verehren, da sie ihres Staates Judäa und ihres heiligen Tempels verlustig gingen. Das Verbot der Beschneidung von Nichtjuden zwang die Judenheit, sich auf sich und ihre Nation im Geiste des Wortes zurück zu ziehen. Die erstaunliche Kraft des Wortes hielt auch die Juden in der Diaspora eng beisammen. Trotz des Verlustes eines Wallfahrtsorts, dem Tempel zu Jerusalem (viele Diasporajuden reisten, ähnlich wie heute Moslems nach Mekka, nach Jerusalem, um dem Allerheiligsten zu huldigen), bildeten die Juden eine auf der ganzen Welt verstreute Einheit. Das Ritual, das Wort, präsentiert von einer kleinen Provinzuniversität und deren Doktoren (Universität Jabne, Vorsitz Jochanan Ben Sakai), galt den Juden auf der ganzen Welt als verbindlich.

Die Christen hingegen übten sich im Proselytentum, hatten viele Wanderprediger, wurden verfolgt und geächtet, setzten sich langfristig jedoch durch. Langfristig assimilierte das Christentum auch die römischen Götter. Gegen den unsichtbaren Jahve, setzte sich der deutlich sichtbare Jesus von Nazareth durch. Das "Licht der Heiden" ist durch den Menschensohn sichtbar geworden, leichter fassbar, als der unsichtbare Gott mit schwer verständlichen Ritualen und Regeln. Die Idee der Christen war Vergebung und Passivität. Eine aggressive Passivität, eine aggressive Art der Vergebung, wie sich bald zeigen sollte. Die Lehre der Transsubstantiation (abgeleitet vom aristotelischen Substanzbegriff der Seiendheit), der Realpräsenz Jesu Christi (der Leib Christi, das Blut Christi), wurde erst spät im Lateralkonzil 1215 als Dogma der katholischen Kirche formuliert (im Konzil von Trient im 16. Jahrhundert bestätigt). Es erscheint aber aus den Wurzeln des Christentums folgerichtig, dass der sichtbare Gott dem unsichtbaren gegenüber gestellt wurde.

Ein ausgemergelter, historisch sehr fragwürdiger Provinzjude, von den Römern wie viele andere Juden ans Kreuz genagelt, wurde zum sichtbaren Gott der stärksten Religion der Welt. Und dies wurde er, weil die Römer einen absurden Aufstand niederschlugen (der nie Aussicht auf Erfolg hatte), einen Tempel nieder brannten und ein durchaus sinnvolles Gesetz gegen körperliche Verstümmelung einführten (entfernen der Vorhaut führt zu Austrocknung der Eichel und Abschwächung sexueller Gefühle). Auf dieser Basis fußt die Macht des jeweiligen Papstes. Unter diesem Kreuz, das die Römer schon damals als etwas Barbarisches erkannten, litten und starben  unzählige Menschen, wurde über Jahrhunderte sinnvoller Fortschritt boykottiert, wurden Kriege angezettelt, und ein wohlfeiler Antisemitismus gepflegt.

Ein unsichtbarer Gott, der sich durch das Wort offenbart, mag vor 2000 Jahren unverständlich gewesen sein. Heute ist dies im Grunde der einzige Gott, den man sich vorstellen und wünschen kann. Aber ein halbnackter Gott, der jämmerlich an einem Holzkreuz hängt, und der angeblich zu Lebzeiten skurrile Wundertaten vollbracht haben soll, ohne normalen Geschlechtsverkehr gezeugt worden sein will, solch einen abergläubischen Gott noch im 21. Jahrhundert zu verehren, scheint mir eine pathologische Verirrung des Geistes zu sein. Da ist ja der Mohammed der Moslems noch verständlicher, der immerhin historisch belegt ist, und der lediglich das Wort Gottes vernahm, wie eben jeder stinknormale Prophet. Der christliche Westen erhebt sich über den Islam? Ausgerechnet diese abergläubischen Christen, die jeden Sonntag in der Kirche einen obskuren Kannibalismus betreiben (der Leib Christi, das Blut Christi), erheben ihre Kultur zur Hegemonialkultur? Abgesehen von den modernen Erkenntnissen der Wissenschaft, also abgesehen von Einstein, Heisenberg, Darwin, Sigmund Freud, Ludwig Feuerbach, Karl Marx, und vielen anderen, abgesehen von all diesen offensichtlichen Erkenntnissen, waren die Urväter der Juden, waren die Abrahams, Moses und Davids schon abgeklärt genug, in Gott ein Prinzip zu sehen. Das Christentum war ein erkenntnistheoretischer und kultureller Rückschritt.

Die Konsekration (Wandlung) von Brot und Wein in Leib und Blut, ist eine Art materialistische Erneuerung der Pneumalehre aus der Antike, wie sie in der Genesis durch die Anhauchung Adams (adama, der aus Lehm gemachte) durch den einen Gott geschildert wird. Diese Erneuerung des Bündnisses des Menschen mit Gott nach dem Sündenfall Adams, durch Jesus Christus, konnte Kraft haben in einer Zeit, als die Zerstörung des Tempels zu Jerusalem das Bündnis von Gott und Mensch bedrohte. Aber heute? Die heutige Kraft des Christentums ist eine sehr weltliche Kraft, sie ist die Kraft des Kapitals, der Hegemonie, die Kraft der Rute. Jetzt, im 21. Jahrhundert ist sie die Kraft der Gewohnheit, der Trägheit der Masse. Die Kraft des Islam zehrt aus einer anderen Quelle. Denn für den Moslem steht Gott, nicht Mohammed im Zentrum des Glaubens. Jeder Moslem weiß, dass Mohammed (der Vielgelobte) ein Prophet war, der das Wort Gottes durch den Erzengel Gabriel zugeflüstert bekam. Sie mögen ihren Propheten, und verteidigen sein Andenken (zugegeben: auf sehr unangenehme Art). Aber sie sind nicht so verblendet wie der Christ, der seinen Propheten zum Gott machte und damit zum "Licht der Heiden".

 

Wir aus dem aufgeklärten Westen mit unserer hegemonialen Kultur sind gut beraten, wenn wir die derzeitige Krise im Umgang mit dem Islam nicht dem abergläubischen Christentum überlassen, sondern dem aufgeklärten Geist. Wir sollten den Moslems nicht mit unserem ausgehungerten Galiläer am Kreuz kommen, sondern mit Einstein, Heisenberg, Darwin, Freud, Marx, Feuerbach, Nietzsche und so weiter. Es mag schwer sein, sich dem Wiederaufflammen religiöser Gefühle entgegen zu stemmen. Aber unser kultureller Hegemonialanspruch sollte nicht durch einen Aberglauben, den Glauben an den Menschensohn, verteidigt werden. Es mag weiter schwer sein, den offenen, oft skeptizistischen Diskurs der Wissenschaft durchzuhalten. Die Wissenschaft bietet kein eigenständiges metaphysisches Konzept wie die Religion. Der Satz "und sie bewegt sich doch" mag heute noch, oder wieder schwer fallen.

 

Der Irrtum der Praxis an der Theorie, Teil I

 

Selbst jene, die ihr ganzes Leben der Gesundheit gewidmet haben, sind am Ende gestorben. Und es gibt jährlich mehrere Tausend Tote allein durch unleserliche Rezepte. Hätten die Ärzte also mehr Geisteskraft auf das Erlernen der Schrift verwandt als auf Anatomie, so könnten viele Menschen heute noch leben. Dies soll aber nicht unser heutiges Thema sein. Denn wie Le Clerque in seinen Extensions and Analyses bezugnehmend auf De Selbys Dialektik klar darlegt, ist Gesundheit mit viel Lärm verbunden. Allein die Percussion erzeugt ein scharfes Geräusch, welches auf atmosphärische Kugeln zurückzuführen ist. Es sollte in diesem Zusammenhang das berühmte De Selby Compendium nicht unerwähnt bleiben. Zweitausend Seiten Kanzleipapier beidseitig eng mit der Hand beschrieben. Auffälligstes Merkmal des Manuskripts ist der Umstand, dass kein einziges Wort der Schrift lesbar ist. Versuche verschiedner Kommentatoren, gewisse Passagen, die weniger furchterregend als andere erschienen, zu entziffern, waren durch phantastische Meinungsverschiedenheiten gekennzeichnet, die sich nicht an der Bedeutung der Passagen entzündeten, sondern an dem blühenden Unsinn, der sich dabei entfaltete. Im Zürcher Tagblatt bezog sich Le Clerque auf diesen Umstand mit einigen sehr scharfsinnigen Bemerkungen. Später distanzierte er sich jedoch von seinem Artikel und beschäftigte sich jahrelang mit der Verdünnung von Wassser, das seiner Meinung nach zu stark sein. Bassett deutet an, dass De Selbys Theorie, die Nacht sei nur eine Akkumulation schwarzer Luft, selbst den leichtgläubigen Kraus nicht überzeugen konnte, und dass die Idee, Schlaf sei nur eine Folge kontinuierlicher Synkopen, wenn überhaupt, dann einer sehr intrinsischen Logik folge. Als überzeugte Feministin fehlt mir hier ebenso der linguistische Aspekt! Heißt es Doch die Nacht und der Schlaf. Mangelnde historische Genauigkeit, das Fehlen jeglicher narkotischer Quote und das beständige Vorurteil, Gesundheit beträfe ausschließlich beide Geschlechter, all dies ist purer Populismus. Hier wird die Theorie der Praxis geopfert. Gesund ist das nicht! Lesbar schon gar nicht! Und politisch korrekt dreimal nicht! In diesem Sinne kann ich Le Fournier nur beipflichten, der den Schlaf generell nicht als Wissenschaft anerkannte. In seinem Kommentar DE Selby – Dieu ou Homme? Gibt es geradezu brillante Passagen, die trotz des Alters der Schrift (sie ist nur noch hinter drei Meter dickem Panzerglas zu lesen) nichts von seinem eindringlichen und berückenden Charme verloren haben.

 

 

Der Irrtum der Praxis an der Theorie, Teil II: Irrelevanz

 

In Laymans Atlas – wie man später herausfand ist der Atlas jedoch eine Fälschung von De Selbys Sekretärin Adele Kraus – schreibt De Selby, dass die sphärische Form der Erde eine Illusion sei. Aus dieser Illusion resultiere die Irrelevanz von Alter, Liebe, Tod und Kassenzettel. Auf Hatchjaws süffisanten Kommentar dazu, ob De Selby tatsächlich glaube, die Erde sei wurstförmig, antwortete der in seiner Freizeit schreibende Inspektor O’Corky wörtlich: „Wenn so ein Quadratschädel wie Hatchjaw an die Quadratur des Kreises glaube, dann könne einem das nur wurst sein.“

Wie man inzwischen weiß, eskalierte der berühmte Streit derart, dass Hatchjaw Jahre später versuchte, den Inspektor mit einem Würfel zu erschlagen. Auch hier zeigt sich wieder einmal die Hellsichtigkeit von De Selby. Vor wenigen Jahren hat das neu eingerichtete Computerlabor in der Yale Universität in New Haven (Connecticut, USA) durch verschiedene Simultansimulationen (basierend auf De Selbys Wasserkastenexperimenten) herausgefunden, dass die Erde tatsächlich keine Form hat. Die sphärische Illusion entstehe demnach durch winzige, pixelartig und kreisförmig sich anordnende Staubpartikel auf der Iris, hervorgerufen durch die Schwerelosigkeit im All. Tatsächlich sei es so, dass sich von der Astronautennahrung Spuren ablösen, und sich als Folge der hohen Lufttrockenheit in Raumkapseln zu Staub verwandeln. Diese Staubspuren wiederum ordnen sich dann unbemerkt von einzelnen Astronauten auf deren Iris kreisförmig an.

Wir sind kleiner als wir selbst, nämlich unfähig, uns von dem von uns selbst Gemachten ein Bild zu machen. So äußerte sich einmal der österreichische Sozialphilosoph Günter Anders. Tatsächlich lieferte nun die Simultansimulation in New Haven den eindeutigen Beweis, dass De Selbys Sekretärin Adele Kraus vollkommen recht hatte: Kassenzettel sind irrelevant. An einem gewöhnlichen Tag werden auf der Welt ca. 2 Tonnen Kassenzettel einfach weggeworfen. So eine Erde kann nicht rund sein!

 

 

Der Irrtum der Praxis an der Theorie Teil III

 

De Selby verglich einmal die Lage des Menschen, der sich auf der Erde befindet, mit der Situation eines Seiltänzers, der auf dem Drahtseil weitergehen müsse, um nicht abzustürzen, ansonsten aber Herr seiner Entscheidungen sei[1]. Du Garbendier nahm diese Aussage zum Anlass, über mehrere Jahre Drahtseile zu untersuchen, ihre Dichte, Länge, Kontinuität und Belastbarkeit unter extremen Bedingungen zu testen. Gleichzeitig experimentierte er dabei mit allen möglichen Entscheidungen. Unter dem etwas sentenziösen Titel  Ein Drahtseilakt, veröffentlichte du Garbendier Mitte der 80er seine Untersuchungsergebnisse. Inzwischen wissen wir, dass Drahtseile keine ausreichende Begründung für eine Entscheidung sind. De Selby, so äußerte sich Hatschjaw zu den Phänomenen, sei lediglich davon ausgegangen, es handele sich um Drahtseile. Eine „fadenscheinige“ Grundbedingung mache aber noch kein Seil, geschweige denn einen Draht daraus. Und ein Seiltänzer befinde sich so wenig auf der Erde, wie ein Marsmensch auf der Venus. Die Definition der menschlichen Existenz als „Sukzession unendlich kurzer statischer Erfahrungen“ widerspricht dem durchaus als „ermüdend“ zu bezeichnenden Seiltanz als ein „ausgeprägt repetitives Element“. De Selby hat sich selbst später revidiert und widersprach der Wirklichkeit oder Wahrheit jeglicher Progression und natürlichen Reihenfolge des Lebens. Der spannende Denkprozess ist in den Golden Hours mehr als ausführlich beschrieben worden. Hatschjaw berief sich in seiner Arbeit De Selby’s Life and Times auch ausdrücklich auf die Golden Hours. Abschließend lässt sich sagen, dass auch nur zwei verschiedene Positionen nicht von einem Körper gleichzeitig eingenommen werden können. Bewegung ist eine Illusion. Jede Photographie ist der schlüssige Beweis für diese Aussage. De Selby wusste das, und so wird es uns wohl für immer unergründlich bleiben, warum er ausgerechnet einen Seiltänzer auf einem Drahtseil sehen wollte. Die psychoanalytische Interpretation von Mitzie Steinacker in ihrem Aufsatz De Selby’s Ursehnsucht nach äußerer Zufuhr als analfixierte Objektwahl frühkindlicher Befriedigung[2], De Selby sei von schweren frühkindlichen Schuldgefühlen geplagt gewesen und habe die Melancholie das faktischen Stillstands durch den dynamischen Seiltänzer überwinden wollen, ist zumindest nachdenkenswert. Als alter Mann sprach De Selby oft von seiner Mutter, wobei er in verzücktes Lächeln verfiel.

 

 

Der Irrtum der Praxis an der Theorie Teil IV

 

Auf dem 2400 Meter hohen Berg La Silla in Chile steht ein sehr großes Teleskop. Es heißt auch so: very large Telescope. Mithilfe dieses Teleskops entdeckte man am Anfang unseres noch jungen Jahrtausends einen Stern im Sternbild des Schützen. Sagittarius A*. Dieser Stern hat 4 Millionen Sonnenmassen. Er ist also verflucht schwer. Er ist so schwer, dass alles was in seine Nähe kommt von ihm verschlungen wird – durch reine Anziehungskraft. Nur einen Weg kennt dieser Stern: von außen nach innen. Und ist man erst mal da durch (die Grenze nennt man Ereignishorizont), dann gibt es nichts Logisches mehr. Man könnte sich in einen Topf Nudeln mit Sauce verwandeln, und in der nächsten Sekunde zum Transistorradio in Walfischgröße und Walfischform mutieren. Wahrscheinlicher ist, dass man schlicht und ergreifend einfach nur Matsch ist, sobald man zu nah an diesen heavy archer herankommt.
Warum gibt es ihn? Er ist ein kollabierter Stern. Um seine hübsche Kugelform ringend, bildete er einst immer schwerer Elemente. Hätte er das nicht getan, wäre er wie loser Staub weggeblasen worden in alle Himmelsrichtungen. Leider wurden seine Elemente dann zu schwer. Ein etwa Nusskern großes Objekt wiegt so viel, wie die ganze Erde.  Das klingt einfach nicht gesund. Ein Glück, dass unsere Erde weit genug weg ist von diesem Vielfraß. Unsere Erde befindet sich nämlich auf einer habitablen Zone. Das heißt, weit genug weg von der Sonne um nicht zu verdampfen, aber nah genug dran, um nicht auf einem Kühlschrank leben zu müssen. Und noch mehr unfassbares Glück: Unsere Sonne wird nie genügend schwere Elemente entwickeln können, um so zu werden wie dieser Sagittarius A*. Unsere Sonne würde sich langsam mit einem Wimmern verabschieden. Bis dahin haben wir genug Zeit. Zeit, die bei Sagittarius A* keine Rolle spielt. Denn Zeit hat ja was mit Ereignissen zu tun, und die brauchen Platz. Aber auf Sagittarius A* gibt es keinen Platz. Er saugt alles in sich rein, ohne Platz zu haben. Was will er mit all dem Gerümpel anfangen, und wohin damit? Der Messie unter den Sternen. Vielleicht weiß dieser fette Klumpen in unserer Galaxis einfach mehr als wir. In drei Milliarden Jahren wird unsere Milchstraße mit dem Andromedanebel kollidieren. Und dann kommt es quasi zu einem intergalaktischen Börsencrash. Unser Messie Sagittarius A* hat dann genügend Hardware gesammelt, um in der reinen Subsistenzwirtschaft des Universums genügend zum Tausch für den Schwarzmarkt zu besitzen. Für uns Menschen in unserer beschaulichen habitablen Zone bedeutet das gar nichts. Denn unsere habitable Zone wird es dann nicht mehr geben.  Die Moral von der Geschichte? Börsenmakler ist der schleimigste, arroganteste und hassenswerteste Beruf des gesamten Makrouniversums. Und es wird ihn bald nicht mehr geben. In nur drei Milliarden Jahren wird er verschwunden sein, der Börsenmakler.

 

 

Der Irrtum der Praxis an der Theorie Teil V

Von Krimhild Pöse

Das geheime Tagebuch von Samuel Pepys erwähnt den gescheiterten Versuch seines Freundes, und Spions im Dienste der Krone Samual Morland, mithilfe einer Art Wasserpumpe, die er an eine Trompete anschloss Schall nach Frankreich zu exportieren. Morland arbeitete für John Tuerlee, dieser wiederum für Richard Cromwell. Und dieser schließlich für Karl II. In dieser Zeit arbeitete jeder für jeden. Doch Schall exportierte man mit Pferdekutschen. Und im konservativen England hielt man sehr lange an dieser Tradition fest. God save the Queen.

Nachdem 1670 Samual Morlands Versuch mit Hilfe einer Trompete den Schall nach Frankreich zu exportieren wiederholt gescheitert war, verzweifelte der Pfarrerssohn und tüchtige Griechisch-Schüler und wurde Doppelspion. Seine legendären Trommelfellinzisionen an Pferden waren – den geheimen Aufzeichnung Pepys zufolge - auch mit eine Ursache der Revolution. Wilhelm von Oranien soll auf diese Weise ein Pferd abhanden gekommen sein, weil es nach der Inzision seines Trommelfells die Befehle des Reiters nicht mehr befolgte. Auch vom Reiter habe jede Spur gefehlt. Überraschenderweise verlor Morland nicht sein Gehör, sondern wurde blind!  Die Ironie, dass er nun zwar die Trompete blasen, aber nicht mehr sehen konnte, hielten seine Zeitgenossen für eine gerechte Strafe. Die englische Monarchie glaubte wieder an Gott und hält sich bis heute daran.
Hundert Jahre später versuchte der Schweizer Heinrich Lambert erneut, mit einer Trompete Schall zu erzeugen. In seiner berühmten Schrift Neues Organon oder Gedanken über die Erforschung und Bezeichnung des Wahren und dessen Unterscheidung vom Irrthum und Schein belegte Lambert, dass sich Schall von Frankreich zwar in die Schweiz, nicht aber nach Engeland ausbreiten könne. Dies läge am Wasser, so der Erfinder der Unplugged-Musik.

Inzwischen sind über zweihundert Jahre vergangen. Vom Kurbelinduktor, über Wählscheibe oder der Telefonzelle – insbesondere der klassischen englischen Telefonzelle – bis zur Rufsäule (die vor allem Ärzte für eine gute Einnahmequelle hielten), gab es viele Entwicklungsstufen für den Export von Schall.  Das 21. Jahrhundert gilt nun als das Jahrhundert, in der die technische Innovation in die Evolution übergegangen ist. Die Repräsentanz des Daumens im senso-motorischen Cortex hat sich seit Erfindung des Smart-Phones beinahe verdoppelt. Dies lässt darauf schließen, dass nicht etwa der Daumen das primäre Ziel der evolutionären Entwicklung ist. Denn die Opponierbarkeit des Daumens war lange vor der Multitouch-Bedienoberfläche möglich. Sogar die Menschenaffen sind dazu in der Lage, einen Touchscreen zu bedienen. Ein normal großer Daumen reicht völlig aus. Wäre Nokia nicht das Ziel der Evolution, sondern der Mensch, dann hätten wir längst Multitouch-Augen, mit denen wir die verschiedenen Realitäten aufrufen könnten. Via neokortikalen Apps könnten wir vom Traum zur Wirklichkeit wechseln, von der Halluzination zur Blickparese. Nein! Ob Apple iOS oder bada von Samsung, ob Blackberry von RIM oder MeeGo von Nokia, oder Brew von Qualcomm! Längst hat uns der Schall überholt. Und als hätte uns der Geist Morlands eingeholt, sind auch viele Menschen nahezu blind geworden – für ihre Umwelt. Man sieht überall versteinerte Menschen, die von einer Art Miniatur-Monolith gesteuert werden. Dem Monolith dient der Daumen als Lenkvorrichtung, um mithilfe von Apps nicht nur Schall, sondern Unmengen von Gegenständen zu ex- und importieren.  Die Menschen, die in die Fänge eines solchen Monolithen geraten, sind für ihre Welt verloren.  Dass diese Tragödie ihren Ausgang nahm von einem englischen Doppelspion des 17. Jahrhunderts wäre eine Annahme, die entschieden zu kurz greift. Denn schon im 8. Jahrhundert soll ein einfacher Bauer aus Lindisfarne in der Grafschaft Northumberland auf der Flucht vor marodierenden Wikingern in eine Holzröhre geblasen haben. Dies war die erste Trompete! Der Apokalypse! Lange vor der letzten Trompete, die ironischer weise als Apfel in Form eines Monoliths zur Versuchung wurde.
Oder um mit dem Schweizer Heinrich Lambert zu reden:

Sei der Winkel gegen die Flächennormale und A die Größe des Flächenelements, dann ist die Strahlungsstärke proportional zu

.

Das Verhältnis von Strahlungsstärke und reduzierter Fläche (in Betrachtungsrichtung projiziert), der Proportionalitätsfaktor, ist hierbei die konstante Leuchtdichte L der Fläche:

.

Die gestrichelte Linie der Strahlungsstärke genügt dabei der Gleichung (x-Achse horizontal, y-Achse vertikal).

Besser kann man Verblendung nicht auf den Punkt bringen!

Es war auch Lambert, der sein Leben lang nach einem Begriff suchte, der sich zur Theorie verhält, wie die Vollkommenheit zur Begebenheit.
Der Weg zur Hölle ist bekanntlich mit guten Vorsätzen gepflastert. Morland, Lambert, sie waren Wegbereiter für Steve Jobs. Und Jobs war nicht der Heiland, sondern der wahre Mephisto!

 

 

[1] Aus dem Kodex des De Selby Kompendium §412 Absatz 13

[2] Aus der Jahrschrift für Psychoanalyse Reihe A / 2003 Removal And Supply In History Of Classic Analysis

Der Witz

21. März 2015

 

Der Witz an sich ist, natürlich aus transzendental-ontologischer Sicht, hermeneutisch figurativ gesetzt.

Für den guten Witz benötigt man ein sogenanntes Kategorialempfinden für die Bedürfnisse des Witzsignifikanten (= x). Wenn der Witz gleich N, als einstelliger Nominativ dem Inhalt A entspricht, so stellt f als Ausgang dem Ziel f2 die Menge f(A)N = x / f2.

 

Es ist natürlich klar, dass die Bedeutungsvielfalt von Witz gleich N, nicht nur semantisch, sondern auch ontogenetisch in einem komplexen figurativen Geflecht steht, womit der Witzsignifikant, als Teil des qualitativen Geschehens, passiver Repräsentant einer hermeneutischen Mehrdeutigkeit ist. Witz, um es auf den einfachen Punkt zu bringen, ist nicht gleich Witz, also f nicht gleich fN2. Diese im weitesten Sinne "Destruktion" des Witzes lässt sich dem Witzsignifikanten oft nur situativ vermitteln. Damit ist die Umwelt als Faktor U gleich f2U nicht N.

Anders gesagt: Man weiß nicht, worüber der Witzsignifikant tatsächlich lacht. Für den Witz an sich bleibt dies gleichbedeutend, da er sein Sosein aus seiner hermeneutischen Kategorialität bezieht. Der Witz ist damit ab ovo signifikant, also kongruent zu sich selbst.

Die durch den Witz vermittelte transzendente Qualität divergiert zum eigentlichen Signifikanten, ohne zwangsläufigen Bedeutungsverlust für den Witzsignifikanten. Dies bleibt aber nicht kongruent. Der Witz ist zwar zu sich selbst kongruent, aber nicht kongruent zum Witzsignifikanten.

Nur in einer gemeinsamen transzendenten Hermeneutik kann der Empfänger des Witzes innerhalb eines jeweiligen strukturellen Kontextes dem Witz adäquat begegnen.

Dass es aber trotz der Fülle semantischer Komplexität zu dem gewünschten Effekt kommt, bedarf es eben des Faktors U womit U (N) f2 gleich f bedeutet – kurz FUN. x ist damit gleich U.

Der ontogenetische Faktor U wird also zum eigentlichen Signifikanten des Witzes.

 

zurück zu "Gastautoren"

Rufen Sie einfach an unter

 

Arwed Vogel

++49 ( )8762 726121

 

oder

 

Bernhard Horwatitsch

++49 ( )89 72016549

 

oder nutzen Sie unser Kontaktformular.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Literaturprojekt