Literaturprojekt
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C. P. Muknep

C.P. Muknep wurde 1972 in Kakinada (Indien) geboren, studierte Ingenieurswesen und kam 1994 im Rahmen eines Austauschprogramms nach Deutschland. Verliebte sich und blieb. Inzwischen hat der vierfache Vater als Reisejournalist die ganze Welt gesehen. Sein aktuelles Buch COOKing fo a betta woed (KochNischeVerlag Berlin) über indische Spezialitäten aus seiner Heimat gehört schon jetzt zur Standard-Ausrüstung jedes Ethno-Gourmets.

 

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Der große Stadtgründer von Bullhead City

 

Von C. P. Muknep, 08. Februar 2016

 

In Bullhead City, einer Kleinstadt in Arizona im Mohave County, steht eine überlebensgroße Bronzestatue. Wilder Blick in den Kupferaugen, die Haltung aggressiv mit einem leicht angewinkelten Bein nach vorne, die rechte Hand am Halfter der Pistole.

„Wer ist das?“, fragte ich eine Frau, die eben vorbei ging.

„Oh“, sagte sie, „das ist unser Stadtgründer“.  Dann ging sie weiter.  Das wollte ich genauer wissen. In meinem Reiseführer stand nichts von einem Stadtgründer. Der Las Vegas Ableger (100 Mailen entfernt von der Spielhölle) liegt einfach günstig an der Southern Pacific Railroad.

Im Stadtarchiv der County empfing man mich überaus freundlich. Die Mitarbeiterin gab mir ihre warme Hand und lächelte mich breit an. Sie trug auffallend große rote Ohrringe und einen roten Schlips. Ohne dass ich sie darauf ansprach erklärte sie mir, dass Ohrringe und Schlips Tradition seien bei den Mojave People. Sie stamme selbst von ihnen ab, ihr Ururgroßvater habe eine Indianerin geheiratet. Sie begleitete mich nun in den ersten Stock, wo das Archiv war. Ich hatte weder meinen Namen genannt, noch meinen Ausweis vorgelegt. In Stuttgart am Bellingweg 21 hat man mich nie ins Archiv gelassen, obwohl ich seit Jahren in Stuttgart lebe und arbeite. Hier in den USA, im tiefsten Nordwesen von Arizona werde ich, ein dunkelhäutiger mit Akzent sprechender Inder, einfach so durchgelassen. Die nette von Indianern abstammende Archivmitarbeiterin bringt mir noch einen frischen Kaffee und lässt mich ganz allein und in aller Ruhe suchen, nach wo immer ich will. Doch auch nach zwei Stunden intensiver Suche hatte ich noch keinen Anhaltspunkt, wer der Bronzemann in Bullhead City wirklich war. Ich fand allerdings Archivunterlagen zu einem Mann namens William Hardy. Meistens Tabellen in denen Gegenstände und Preise gelistet waren. Hardy reiste Mitte des 19. Jahrhunderts in diese Gegend. Er war ein Händler und verkaufte alles an jeden, egal ob Indianer, Eisenbahnarbeiter, Chinese, sogar an Deutsche – von denen es hier auch ein paar Spuren gibt. Sein Geschäft ging gut und irgendwann nannte er das Fleckchen auf dem er sich niederließ ganz bescheiden Hardyville. Er baute sein Geschäft weiter aus. Eine Frühform der modernen Discounter. Von Nägeln, Schusswaffen bis Tabak, konnte man dort alles kaufen. Und irgendwann an einem staubigen Vormittag stand ein Mann in seinem Laden, ein ziemlich großer bulliger Typ mit schütterem blondem Haar.

„Howdy“, sagte Hardy. Aber der Mann nickte nur und machte eine Handbewegung, er möge mit ihm nach draußen kommen. Hardy zögerte erst einen Augenblick. Leuten, die ihren Namen nicht nennen und dann auch noch so groß und kräftig sind, solchen Leuten durfte man in einer solchen Gegend nicht trauen. Aber der bullige Typ blieb hartnäckig, winkte und drehte seinen massigen Körper Richtung Schwingtür. Also folgte ihm Hardy. Denn er war Geschäftsmann und Geschäftsmänner sind – wenn sie gute Geschäfte machen wollen – von Natur aus neugierig. Draußen im staubigen Nichts vor Hardys Laden, stand ein Planwagen. Der große Blonde, der seinen Namen nicht nannte, der bislang überhaupt noch nichts gesagt hatte, schlug die Plane nach hinten, rollte ein großes Fass hervor.
„Are you thirsty?“, fragte er – es klang undeutlich wie a ja sesti. Aber Hardy war es gewohnt aus dem Babel seiner Umgebung sehr schnell herauszufinden, was sich hinter dem Genuschel verbarg. Und hier war es wirklich nicht besonders schwer. Hardy nickte. Es war staubig, die Sonne schien gnadenlos. Hardy beobachtete, wie eine Schildkröte langsam und behäbig durch den Staub schlich. Währenddessen schlug der große Blonde mit einem überraschend zierlichen Hämmerchen in seiner riesigen Hand, einen Hahn in das Fass. Er holte ein großes Glas hervor und hielt es geschickt unter den Hahn. Kein Tropfen ging verloren. Der wortkarge Riese reichte Hardy das große, schwere Glas und nickte ihm zu. Unten war die Flüssigkeit golden, und die obere Hälfte der Flüssigkeit war weiß, schaumig.

„Bier“, sagte der Riese und nickte. „Mäk ju kret“.

Hardy trank. Es schmeckte bitter aber schon das nächste Glas schmeckte nicht mehr bitter. Auch der große Blonde trank nun mit.

In den Annalen steht, dass an einem staubigen Tag 1879 aus einem Planwagen der erste „Beergarden“ der USA entstanden sei, hier in Arizona. Eine Abbildung, ein Foto von Edward Sheriff Curtis (ein berühmter Ethnologe), zeigt den namenlosen Riesen, wie er eine Maß Bier in die Höhe stemmt, im Hintergrund die Wüste von Arizona.

Der riesige Bronze-Mann in Bullhead City war ein bayrischer Bierbrauer, der in die USA auswanderte, weil er im Bierrausch seinem Bruder den Schädel eingeschlagen hatte. Er ist der Stadtgründer von Bullhead City. Aus Hardyville wurde nämlich irgendwann um diesen ersten Biergarten der USA eine Stadt gebaut. Das Bier floss in Strömen, in die Mägen von Eisenbahnern, in die Mägen von Dammbauern, in die Mägen von Indianern. Nahrhaft und süffig wuchs die Stadt, gezeugt von der Zitze eines bayrischen Bierbrauers. Natürlich besuchte auch ich diesen Biergarten, mitten im Stadtzentrum von Bullhead City. Die Maß – Paulaner-Bier – wurde mir von einer hellhäutigen Frau gebracht, die wie eine Indianerin gekleidet war. Hier gibt es keine Integration! Hier ist Partizipation angesagt. Bullhead City ist ein multikulturelles Städtchen in der Wüste von Arizona, eine Art Cordoba auf Amerikanisch. Bier! Bier ist das Inklusionsgetränk schlechthin. Die Abreise fiel mir schwer. Ich hatte einen Bullhead wie selten… .

 

 

 

Alles beginnt, alles endet

Von C.P. Muknep

05. Februar 2016 (entstanden im Jahr 2012)

 

Ein Wachturm irgendwo am Isarhochufer. Von dort konnte man die schmutzigen Germanen gut beim Waschen ihrer schmutzigen Wäsche beobachten. Irgendwann waren die Römer dann weg, doch der Wachturm blieb - und die Germanen. Und so baute der Graf von Andechs im 12. Jahrhundert die Burg Grünwald. Jene Burg, die Karl Valentin in seinem berühmten Scherzlied besang, das so begann:
Zu Grünwald drunt´ im Isartal
Glaubt es mir, es war einmal
Da ham edle Ritter g´haust
Denne hat's vor garnix graust

Wie das Leben so spielt. Auch die Mächtigsten müssen einmal gehen. Und so ging auch der Graf Andechs und es kamen die Wittelsbacher. Sie übernahmen Ende des 13. Jahrhunderts die Burg und bauten sie dann hübsch. Ludwig der Strenge, Ludwig der Bärtige, Albrecht der Fromme, Albrecht der Weise. Das nur ein paar der illustren bayrischen Herrscher, deren Macht- und Ränkespiele das Kabale zwischen Horst und Angela zu einem provinziellen Geplänkel zwischen Klassensprecher und Klassenbestem machen.
Aber eines, das wollten die Herrscher immer schon! Gold.

Und da war ihnen kein Gedanke zu kühn. Zum Beispiel der Fall Bragadino.
Wir sind im 16. Jahrhundert. Die bayrische Staatskasse ist klamm. Sie sehen: Das ist nichts Neues auf diesem Planeten. Also was tun? Wilhelm der Fromme hatte gerade im kurkölnischen Krieg erfolgreich 700000 Gulden verschossen und saß etwas mürbe auf seiner Burg in Trausnitz. Der berühmte Marco Bragadino saß derweil in Padua und machte fröhlich aus Pferdemist Gold. Er war ein Alchimist vor dem Herrn. Ein klein gewachsener, krummer Ministerialer trat nun zum klammen und melancholischen Wilhelm und berichtete ihm von dem großartigen Bragadino. Also holte ihn Wilhelm auf sein Burg. Der große Bragadino erschien, er erschien wahrlich hoch zu Ross in Gold und Seide gehüllt, mit zwei schwarzen düsteren Doggen zur Seite. Die eher schüchternen Bayern tuschelten und ängstigten sich. Bragadino erwarb das Vertrauen des bayrischen Herrschers und seiner süßen Frau Renata von Lothringen, einer dänischen Schönheit von äußerstem Kunstverstand.

Nun brauchte Bragadino natürlich Gold. Denn ein Anfang muss gemacht werden. Und so gab der leutselige Wilhelm der Fromme dem Alchimisten eine große Anzahl Gulden aus seiner Kriegskasse. Wir kennen auch das noch heute. Spekulanten sind die modernen Alchimisten, Geldvermehrer und Magier.
Nun, was wir auch aus unserer heutigen Zeit gut kennen: Dem Alchimisten gelang es nicht, das Gold zu vermehren. Nur sein Eigenes. Dank der Naivität des bayrischen Herrschers. Und was man heutzutage allerdings mit Spekulanten die das Geld verbrennen nicht mehr macht? Genau! Sie hinrichten. Bragadino wurde am 26. April 1591 auf dem Münchner Weinmarkt mit dem Schwert getötet. Es muss eine mächtige Sauerei gewesen sein, denn der Scharfrichter brauchte für den Alchimistenkopf drei volle Schläge. Den zartbesaiteten Bayern muss das an die Nieren gegangen sein. Vielleicht haben sie daher auch die teuflischen Doggen des Alchimisten mit geschlachtet. Sicher ist sicher.
Lernen wir daraus?
Nein.

Nur hundert Jahre später kam Domenico Manuel Caetano auf die Burg Grünwald, um selbiges mit Max Emanuel zu treiben, wie zuvor Bragadino mit Wilhelm. Caetano arbeitete dabei mit Gold gefüllten Rührlöffeln, die mit Wachs versiegelt waren. Während seiner zauberhaften Vorstellungen schmolz in der Hitze des Feuers erst das Wachs und später trat geschmolzenes Gold aus. Caetano, ein begnadeter Redner, zauberte Goldstücke hervor, versprach Max Emanuel einen gewaltigen Goldschatz zu erschaffen und ließ sich am Ende seiner Vorstellung erst mal einen vernünftigen Vorschuss auszahlen.
Es klappte nicht. Max Emanuel verlor die Geduld und auf der Burg Grünwald war ein Gefängnis geboren.
Ein recht idyllisches Gefängnis, wenn man es mit dem düsteren Dogenpalast vergleicht, in dem sich einst Casanova aufhielt. Caetano konnte auch bald fliehen. Aber – und daher nennt man das die guten alten Zeiten – man konnte ihn doch noch erwischen, im Gegensatz zu den heutigen Goldmachern, die sogar Regierungsämter besetzen. Domenico Manuel Caetano, Graf von Ruggiero, wurde am 16. August 1709 vom preußischen Kammergericht zum Tode verurteilt. Dass die Preußen keinen Humor gehabt hätten, wiederlegt die Hinrichtungsmethode: am 23. August 1709 zwischen 11 und 12 Uhr wurde Caetano öffentlich in Küstrin an einem mit Flittergold beklebten Galgen aufgehängt. Und nicht nur das. Der preußische König ließ bald danach – wohl zur Warnung an Nacheiferer – Flugblätter in allen Ländern des Reiches verteilen, in denen er das Ende des Hochstaplers mit folgenden Worten kundtat:

Arbeit / Armuth und Gestank
Rauch und Kälte und zuletzt den Strick
Zahlet in der Alchemie der Betrüger List und Tück

All das ist im Burgmuseum schön und amüsant zu erfahren.

Wittelsbacher, Preußen und bald auch Horst und Angela. Sie sind Geschichte.
1872 ging die Burg in Privatbesitz über. Die Schwabinger Künstler und Reichen feierten Kostümfeste auf der Burg. Vermutlich zogen sie hin und wieder auch die Kostüme aus. Aber davon berichtet das Burgmuseum nicht.
Und die Nazis? Sie dürfen ja in keiner Geschichte fehlen. Ihnen verdankt die Stadt Grünwald einen berühmten Besucher, denn während der Kriegszeit, als Karl Valentin nicht auftreten konnte, lebte dieser im Jagdschlössl nebenan. Noch immer ziert ein Wandrelief mit Valentins markantem Gesicht das beschauliche Hotel.

1970 erwarb ein Münchner Bauträger das Gelände und nahm sich vor, den ganzen alten Schrott niederzureißen. Kostet nur Geld, verschandelt die Gegend und ist Träger der immer wieder gleichen dummen alten Geschichten. Aber die Gemeinde Grünwald – gehört ja auch nicht zu ärmsten Gemeinden Münchens – verhinderte mit Bürgerinitiativen, dass die geliebte Burg mit Luxuswohnungen ausgetauscht würde. Dank dieser Initiative kaufte der Freistaat Bayern das Gelände und es entstand das Burgmuseum. Und das lohnte sich.
Einige Wochen konnte man eine Sonderausstellung von dem Künstler Andreas Kuhnlein bewundern, der in alte Bäume mit der Motorsäge sein bajuwarisches Gemüt hinein gesägt hat. Die Figuren passten gut in die alten Gemäuer, sie waren morbid, verkörperten Geschichte und zeigten auf das Vergängliche allen Seins. Doch die sehenswerte Sonderausstellung des Baumkünstlers ging zu Ende, wie jede Sonderausstellung. Wie dieser kleine Beitrag nun endet. Wie alles einmal endet. Sogar das Universum.
Doch immerhin. Unser gutes altes Universum ist nicht von Spekulanten und Bauträgern bedroht, sondern nur von Supernovae und der ewigen, eisigen Kälte.

Und irgendwo aus der Ferne hallt die Stimme eines Bajuwaren wider:

Die alten Ritter war´n recht grob
Doch ihre Sprach, die is net tot
Es sei uns Rat in allen Dingen
Ritter Götz von Berlichingen

Es Jurrasic Parkla

 

Es war ein Drama historischen Ausmaßes. Und es ist verdammt lang her. Damals gab es hier eine Lagune, heute ist es eine Fossillagerstätte von Weltrang. Fossilien aus dem Malm, dem weißen Jura. Die Steinbrüche von Solnhofen sind jedem Paläontologen ein Begriff. Vor 150 Millionen Jahren kämpfte ein Archäopteryx, ein Flugsaurier (griechisch = alte Feder)gegen einen Schnabelfisch (Aspidorhynchus acutirostris). Der Flugsaurier war – wie immer – auf der Jagd nach Fischen. Selten verließ er die Küstengegend. Im Gleitflug, wie es heute die Albatrosse machen, schnappte er sich Fische aus dem Meer. Doch diesmal gab es einen Fisch, der sich wehrte. Eben jener Schnabelfisch. Er schnappte nach dem Flugsaurier, beide verhedderten sich ineinander. Die Flughaut, die sich zwischen dem Körper des Tieres und dem Arm mit dem stark verlängerten vierten Finger, der dem kleinen Finger beim Menschen entspricht, spannte, verdeckte dem Schnabelfisch die Sicht. Beide sinken – unheilbar miteinander verbunden und ohne Orientierung – auf den Meeresgrund. Der Kampf endet für beide tödlich im Schlick des Meeres. 150 Millionen Jahre später findet man sie, verewigt auf Solnhofener Kalkstein. Ein Kampf für die Ewigkeit.

Solnhofen, unweit von Eichstätt, ist heute ein ruhiger Ort. Ab acht Uhr abends ist niemand mehr auf der Straße, nicht einmal Paläontologen. Leise plätschern die Brunnen in der Brunnenstraße und in der untergehenden Sonne verschwindet auch die Sola Basilica. Der irisch-schottische Mönch Sola gab dem Ort Huzen seinen vollständigen Namen. Willibald, der erste Bischof von Eichstätt, schickte den Mönch in das Altmühltal, um eine unwirtliche Eremitage zu gründen, von der aus er das Sualafeldgau der Franken missionieren sollte. Erst in den 1960er Jahren hat man im Rahmen archäologischer Grabungen entdeckt, dass schon vor Sola an dem Ort zwei Kirchen gestanden hatten. Der heiliggesprochene Sola war also nicht der erste dort. Der erste dort war sowie Archäopteryx bavarica. Und ganz davor vielleicht auch ein paar merkwürdige Riesenlibellen. Wenn man nun auf dem Teufelsfelsen sitzt, und zu den 12 steinernen Aposteln hinüber blickt (die steinernen Apostel waren einmal Meeresriffe), dann hat man schon das Gefühl, ganz woanders zu sein. Dinosaurier, Flugsaurier, Schildkröten, Haie waren die ersten Bewohner, lange bevor der erste Franke hier „Adele“ sagte.

Ammoniten, Belemniten, Brachiopoden, Seeigeln und Muscheln in so reichhaltiger Menge, dass man im Juralädla gleich beim Bahnhof Hammer und Meißel für 50 Cent ausleihen, um dann als Hobbypaläontologe die Kalkfelsen beklopfen kann. Aber der Tourismus ist nicht die einzige Einnahmequelle Solnhofens. Wenn man den Steinbruch-Panorama-Rundweg Nummer 4 entlang geht, hört man noch im Wald plötzlich ein seltsames, quietschendes Geräusch. Es könnte sich um eine Horde Brachiosaurier handeln, die im Tal friedlich grasen. Doch bald schon sieht man in der Lichtung etwas Weißes und großes auftauchen. Surreal sieht es aus, gewaltig, absurd. Der Wald ist zu ende. In einer Halle, die einem Hangar gleich, steht ein riesiger Caterpillar. Alles ist verdeckt von Mehlstaub. Inzwischen ist man von Pollen- und Mehlstaub selbst nahezu zugedeckt. Die quietschenden Geräusche kommen aus einem Steinbruch. Auch hier steht in einer Grube ein Catarpillar, seine gelben Zähne in den Stein gehauen. SPZ! Solnhofener Portland Zement. Eine Zementfabrik. Im Steinbruch wird das Rohmaterial gewonnen. Das Rohmaterial kommt in den Brecher, wird dann in speziellen Silos gemischt, schließlich in Drehrohröfen gebrannt, dann gemahlen und schließlich verladen. Der hangarähnliche Raum voller Mehlstaub war der Verladeraum.

Zurück kommt man nun nur, wie man hergekommen ist. Vorbei an blinden und dementen Hunden (die trotzdem beeindruckend laut bellen können), oder solchen, die einen angeblich „nicht vom Pferd holen“ (was wohl eine fränkische Metapher ist). Ohne das obligatorische Museum mit lauter sedimentierten Tieren besucht zu haben, sollte man Solnhofen nicht verlassen. Man sollte auch die Ruine der Sola Basilika besuchen und gemeinsam mit einer Reisegruppe südenglischer Hobby-Paläontologen das 21 m lange Seitenschiff und die vier Arkadenbögen der (leeren) Tumba des hl. Solo bestaunen. Und schließlich bleibt nur noch eines zu tun: sich in dem einzigen Biergarten Solnhofens (Hochholzer Brauhaus) das heimische Wurmbier zu gönnen.

Einsam und verlassen liegt um neun Uhr abends der Bahnhof. Aber es ist noch ein Bahnvorsteher da, der uns über eine Kamera beobachtet. Denn eines hat man in Solnhofen gelernt: Traue niemals einem Hobby-Paläontologen.

 

 

Panakratos

20. März 2015

 

Auf einer meiner Reisen verschlug es mich einmal auf die Insel Poros. Ich schlenderte durch die Altstadt, als mich ein alter Mann ansprach und mir auf Deutsch Zitronenwasser zur Erfrischung anbot. Da ich jetzt nicht sehr deutsch aussehe, war ich doch sehr überrascht, auf Deutsch angesprochen zu werden. Ich blieb stehen und fing mit dem alten Mann eine Unterhaltung an. Es stellte sich heraus, dass der alte Mann einige Jahre in Deutschland gelebt und sich als Gastarbeiter auf dem Bau verdingt hatte. Daher seine guten Deutschkenntnisse. „Sonst“, sagte der Mann, spreche er nur griechisch. „Griechisch oder Deutsch“, sagte er, „sonst nix“. Ich lächelte. Denn das erklärte einiges. Panakratos – so hieß der alte Mann – sprach Touristen immer auf Deutsch an. „Ich weiß“, sagte er, „besser wäre angliz“, aber das könne er eben nicht sprechen. Wir unterhielten uns weiter zwanglos, über das Inselleben, den Anbau von Zitronen, die Armut in Griechenland, als mir Panakratos anbot, wir sollten uns doch ein ruhigeres Plätzchen suchen.
Auf meinen Reisen gehe ich nach einem Prinzip vor: Ich arbeite nicht die Reiseführer durch, hetze nicht von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, sondern versuche in bester Manier ein Flaneur zu sein, und die Zeit, die ich mir auf meinen Reisen gönne, ist absolut frei. Also verzichtete ich auf den Tempel des Poseidon und auf das kleine Museum mit mykenischen Heiligtümern, sondern ging gemäß meinem Reiseprinzip auf den Vorschlag von Panakratos ein. Der alte Grieche packte daraufhin seinen kleinen Verkaufsstand ein, einen Klapptisch, eine Kiste mit in alten Weinflaschen abgefüllten, selbstgemachten Zitronenwasser, eine rote Tischdecke, ein paar staubige Gläser. Er verstaute seinen Laden auf einem Handwagen und wir gingen ohne allzu große Eile durch die Altstadt, aus ihr heraus, und entfernten uns damit auch vom Hafen, passierten ein karges Wäldchen, durch eine irgendwie surreale Landschaft. Die Bäume waren kahlköpfige, nackte Zwerge, die man mit roher Gewalt in die sandartige Erde gepfählt hatte. Und doch war diese Landschaft auch wieder hyperrealistisch, als hätte sie Richard Estes von einem Foto einfach abgemalt.
Wir kamen zu einem Bretterverschlag der sich halb harmonisch an einen Felsvorsprung schmiegte.
„Mein zu Hause“, sagte der alte Mann. Zum ersten Mal sah ich ihn mir etwas genauer an. Panakratos hatte Luchsaugen. Und diese Augen taten das, was Dichter so manchen Augen gerne andichten, was die meisten Augen, die ich kenne zumindest, aber nicht tun: Sie blitzten. Sein Gesicht war klassisch gegerbt vom Wetter. Also so gezeichnet, als hätten die Wettergötter selbst, der Gott des Regens, der Gott des Windes, der Sonne, der Kälte, der Hitze, als hätten diese Götter wie moderne Graffiti-Künstler ihre Tags in dieses Gesicht gescratcht. Er war schmal, einfach gekleidet, Sandalen, keine Socken, trug eine locker sitzende Leinenhose, weiß aber schon etwas schmutzig, und ein grob gewebtes knopfloses Hemd, ebenfalls weiß und etwas schmutzig. Panakratos schob ein vernageltes Stück Bretterwand knarzend zur Seite und verschwand in der dunklen Hütte. Mit zwei Klappstühlen und einem Klapptisch kam er wieder heraus. „Setzt du dich“, sagte er und baute die Sitze und den Tisch vor mir auf. Dann ging er wieder in seine Hütte zurück. Ich setzte mich nicht, sondern spähte neugierig in die Hütte, da dort jetzt ein Lämpchen brannte, und die schattigen Umrisse von Panakratos Körper zeigten. Er winkte mich in seine Hütte. Es war kühl, einfach, eine Matratze auf dem Boden, ein Regal aus Metall in dem ein paar Töpfe und auch Bücher standen. Die Decke zum Teil aus Holz, das irgendwie in den Fels überging, und die Lücken mit Stroh ausgestopft. Panakratos hantierte an einem Steinofen, den er mit Holz befeuerte. Er füllte aus einem Plastikkanister Wasser in einen modern aussehenden Topf, stellte ihn auf den Steinofen und wartete. Er nickte mir zu und wies mich an, wieder raus zu gehen. „Tee kommt gleich“, sagte er.
Dieser Tee schmeckte nach verbranntem Holz und nach unbekannten Kräutern. Vielleicht ein Hauch Lavendel. Der Beigeschmack von Holz war aber gar nicht unangenehm, eher löste er diffuse Erinnerungen an meine Kindheit aus. Ich wuchs ja in Indien auf. Und Glaskeramik lernte ich erst in Deutschland kennen. Wir waren nicht arm, aber Freunde von mir waren es. Die lebten wirklich in den berühmten Wellblechhütten, von Abfall und ohne Hoffnung. Ich hatte sogar eine heimliche Freundschaft mit einem Dalit, Harijan, wie sie Gandhi nannte, Kinder Gottes. Und der roch immer nach verbranntem Holz. Daran erinnerte mich der Tee von Panakratos nun.
„Wie lange lebten Sie in Deutschland“, fragte ich den alten Griechen nun?
„Lange, ja lange“, antwortete er lakonisch.
„Du sprichst gut“, wechselte ich plötzlich ins Du.
„Du auch“, sagte er. Was sicher gelogen war. Selbst nach Jahren in Deutschland hört man meinen indischen Akzent, der ja oft im satirischen Kabarett verspottet wird.
Panakratos‘ Augen blitzten mich an. „Lange hier, lange dort, wieder lange hier“, sagte Panakratos.
Sein Gesicht war so lebhaft und kunstvoll gezeichnet, dass ich nicht genau entscheiden konnte, ob er nun lächelte oder nachdenklich blickte. Mir fiel das Wort „überzeichnet“ dazu ein.
„Warum bist du wieder zurück?“
„Bau schwer“, sagte er.
Ich nickte.
„Aber Heimat auch schwer.“ Panakratos atmete melancholisch aus.
Auch da nickte ich, schließlich bildete ich mir ein, zu wissen, wovon er sprach.
„Immer ein Haken“, sagte er.
„Aber in Deutschland hat man ein schönes Leben. Es gibt alles dort.“
„Gibt alles ja. Mit Haken.“
Ich nickte zwar nachdenklich, sagte aber dazu, dass es doch in Deutschland möglich sei, viele Bedürfnisse zu decken. Und wer fleißig sei, der habe immer noch die Chance, es weit bringen zu können. Dann erzählte ich ihm über die Armut in Indien, über Kancha Thass, meinen unberührbaren Freund, stellte dem die Freundlichkeit, die Gemütlichkeit und den angenehmen Luxus in Stuttgart, wo ich lebe, gegenüber. Zu allem, was ich erzählte, nickte Panakratos weise. Er hatte sich inzwischen eine Pfeife angezündet. Der aromatische Geruch vermischte sich mit dem Geruch des Tees und dem spröden Eigengeruch der Natur.
„Armut ist eigentlich gut“, sagte Panakratos plötzlich. Das wollte ich wiederum genauer wissen. Was sollte an Armut gut sein?
„Willst du Liebe, musst du verzichten auf viel von dir selbst“, sagte er, „denn du kannst nicht lieben, wenn du nur an dich denkst. Willst du aber mehr von dir selbst, dann musst du auf Liebe verzichten. Niemand liebt eigensüchtige Menschen. Willst du mehr wissen, musst du auf Freunde verzichten. Freunde mögen keine Besserwisser. Willst du Freunde, musst du etwas dümmer sein und auf deine Klugheit verzichten, weil es den Freunden schmeichelt, wenn sie sich klüger wähnen als du. Willst du essen, musst du auf deine Leichtigkeit verzichten. Willst du aber leicht sein, hast du immer Hunger.“

So ging das eine ganze Zeit, willst du Macht, willst du Ruhe, willst du Zukunft. Jedes Mehr führte zu einer Verkürzung. Jedes Bedürfnis, jedes menschliche Streben löste ein Gegenbedürfnis, ein Gegenstreben aus. Panakratos hatte sich warm geredet. Ich wurde durch den Tee, durch die Nachmittagssonne müde, schläfrig. Diese Schläfrigkeit, die Reisende zuweilen befällt, mit schwerem Kopf von all den neuen Bildern und Eindrücken, die er verarbeiten muss.
„Willst du schlafen, musst du darauf verzichten zuzuhören“, war das letzte, was ich noch von Panakratos langer Armutsrede hörte. Dann war ich tatsächlich eingeschlafen. Als ich erwachte dämmerte es bereits. Zwielicht, Grillen zirpten, Schatten, etwas kühlere Luft. Ich lag auf einer Isomatte, auf die mich Panakratos wohl gelegt haben musste. Panakratos saß noch immer auf dem Klappstuhl. Er las in einem Buch. Ich fühlte mich irgendwie ein wenig schuldig, aus der Spur geraten, und entschuldigte mich bei Panakratos. Seine Augen blitzten.
„Verzichtest du gerade auf Stolz“, fragte er mich?
Ich zuckte mit den Achseln.  Walle! walle! Manche Strecke, dass zum Zwecke, Wasser fließe, und, mit reichem vollem Schwalle, zu dem Bade sich ergieße, dachte ich. Eines der wenigen deutschen Gedichte, die ich nahezu auswendig kann. Dann verabschiedete ich mich. Der alte Grieche zeigte mir noch, wie ich zurück in die Altstadt fände. Dort war ja auch meine Pension. Auf dem Weg zurück durch diese nun von Schatten belegte Baumzwerge-Landschaft, oder Baum-Zwergenlandschaft, fühlte ich mich wie der Zauberlehrling. Ich wusste nicht, wo die Grenzen verlaufen, zum Beispiel zwischen arm und reich. Wie konnte ich erkennen, wann etwas genug ist? Der Körper machte das von alleine. Aber der Geist? Unersättlich? Hatte Panakratos recht? Armut ist etwas Gutes? Der abschließende Zauberspruch, ach! das Wort, worauf am Ende er das wird was er gewesen, der fiel mir nicht ein. Den kannte ich gar nicht.

Mir wurde aber klar, dass es mir auf Reisen öfter so ging. Immer, wenn ich zurückkehre, verzichte ich auf das Wegbleiben und wenn ich aufbreche zu meiner Reise, verzichte ich auf das Hierbleiben. Würde ich nicht verzichten, käme ich nicht vom Fleck. Wie auch immer: Ein indischer Schwabe begegnet einem griechischen Armutsphilosophen, ausgerechnet auf der Insel Poros, der Insel des Reichtums! Ein Philemon ohne Baucis inmitten der Raufebold, Habebald und Haltefest. Nein, nein. Armut ist nichts Gutes. Aber Schwefel und Quecksilber bleiben giftig, auch wenn sie sich verwandelt haben.

Du bereitest schon Neptunen
Dem Wasserteufel, großen Schmaus.
In jeder Art seid ihr verloren
Die Elemente sind mit uns verschworen,
Und auf Vernichtung läufts hinaus
.“

 

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